On Coca  

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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.
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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.

"Über Coca" (1884) is a paper by Sigmund Freud on the uses of cocaine to, amongst other things, treat morphine addiction.

Freud wrote that cocaine causes:

"...exhilaration and lasting euphoria, which in no way differs from the normal euphoria of the healthy person...You perceive an increase of self-control and possess more vitality and capacity for work....In other words, you are simply normal, and it is soon hard to believe you are under the influence of any drug....Long intensive physical work is performed without any fatigue...This result is enjoyed without any of the unpleasant after-effects that follow exhilaration brought about by alcohol....Absolutely no craving for the further use of cocaine appears after the first, or even after repeated taking of the drug..."

From 1884 onwards, Merck played a vigorous role too in the production and marketing of cocaine. Sigmund Freud was an enthusiastic collaborator in Merck's coca research, though the methodological sophistication of his self-experimentation studies has been challenged.

See also

Full text

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ÜBER COCA.




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Von

DR SIGM. FREUD

Seeundararzt im k. k. Allgemeinen Krankenhause


in Wien.


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Neu durchgesehener und vermehrter Separat- Ahclru<^ aus dem „Centralhlaü für du gesammU Therapie^'.



WIEN, 1885. VERLAG VON MORITZ PERLES


3tadt, Eflunrnmarkt Nr, ll\


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I. Die Cocapflanze.

Die Cocapflanze, Erythroxyloa Coca, ist ein 4 — 6 Fass hoher, unserem Schwarzdorn ähnlicher Straach, der Id Südamerika, ins- besondere in Peru und Bolivia, in grossem Umfange angebaut wird. Kr gedeiht am besten in den warmen Thälem am Ostabhange der Andes, 50ÜÜ— 6000 engl. Fuss über dem Meeresspiegel, in einem regenreichen , von Temperaturextremen freien Klima. ' Die Blätter, welche etwa 10 Millionen Menschen als unentbehrliches Grenussmittel dienen, ^ sind „eirund, 5—6 Ctm. lang, gestielt, ganzrandig, bereift, durch zwei besonders an der unteren Fläche hervortretende, linien- förmige Falten ausgezeichnet, welche, Seitennerven gleichend, vom Blattgrunde bis in die Blattspitze im flachen Bogen den Median- nerveu begleiten". ^ Der Strauch trägt kleine weisse Blüthen zu 2 und 3 in seitlichen Büscheln und eiförmige rothe Früchte, Er wird entweder durch Samen oder durch Stecklinge gepäanzt; die jungen Pflanzen werden nach einem Jahr versetzt und geben nach 18 Monaten die erste Blätterernte. Die Blätter werden als reif angesehen, wenn sie so steif geworden sind, dass Dire Stengel bei Berührung abbrechen.

Sie werden dann rasch an der Sonne oder mit Hilfe des Feuers getrocknet und für den Transport in Säcke (cestos) genäht., Ein Cocastrauch gibt unter günstigen Verhältnissen 4 — 5 Blätter- ernten jährlich und bleibt 30—40 Jahre ertragsfähig. Bei der grossen Production (angeblich 30 Millionen Pfund jährlich) sind die Coca- blätter für jene Länder ein wichtiges Handels- und Steuerobject. *

II. Geschichte und Verwendung im Lande.

Als die spanischen Eroberer nach Peru drangen, fanden sie die Cocapflanze im Lande cultivirt und in hohem Ansehen, ja selbst in innige Beziehungen zu den religiösen Gebräuchen des Volkes gebracht. Die Sage erzählte, dass Manco Capac, der göttliche Sohn der Sonne, in der Urzeit von den Felsen des Titicacasees herab-

> 0, R. Markham, Penivian Barks. London 1880.

ä Nach Bibra's Schätzung: Die narkotischen GenussmitteU 1855.

' Dieae Beaehreibung verdanke ioli Herrn Prof. Vogl in Wien, welcher mir in liebenswürdigster Weise seine Kotizen und Bücher über Coca zur Ver- fügung gestellt hat.

  • Weddel, Toyage dans le Nord de la Bolivie, 1853.

1*


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gestiegen sei und das Licht seines Vaters den armseligen Ein- wohnern gebracht habe, ilass er sie die Kenntniss der Götter, die Ausübung der nützlichen Künste lehrte und ihnen die Coca schenkte, diese göttliche Pflanze, welche den Hungrigen sättigt, den Schwachen stärkt , und sie ihr Missgeschick vergessen macht. ^ Cocablätter wurden den Göttern zum Opfer gebracht, Cocablätter während der gottesdienstUchen Handlungen gekaut , selbst den Todten Coca in den Mund gesteckt, um sie einer günstigen Auf- nahme im Jenseits zu versichern. Wie der Geschichtsschreiber der spanischen Eroberung, '^ selbst ein Abkömmling der Incas, berichtet, war die Coca zuerst spärlich im Lande und ihr Genuss ein Vor recht der Herrscher; zur Zeit der Eroberung war sie aber seit Langem Jedermann zugänglich geworden. Garcilasso bemühte sich, die Coca gegen den Bann zu vertheidigen , den die Eroberer auf sie gelegt hatten. Die Spanier glaubten nicht an die wunderbaren Wirkungen der Pflanze, welche ihnen durch ihre Rolle im religiösen Ceremoniell der Besiegten auch als Teufelswerk verdächtig war. Ein Concil zu Lima verbot sogar ihren Genuss als heidnisch und sündhaft. Aber sie änderten ihr Verhalten, als sie merkten, dass die Indianer die schwere, ihnen auferlegte Arbeit in den Bergwerken nicht leisten könnten, wenn man ihnen den Cocagenuss entziehe. Sie bequemten sich dazu, den Arbeitern 3 oder 4mal im Tage Coca- blätter auszutheilen und ihnen kurze Ruhepausen zu gönnen, um die geliebten Blätter zu kauen, und so hat die Coca ihre Stellung bei den Eingeborenen bis auf den heutigen Tag behauptet ; es finden sich selbst noch Spuren der religiösen Verehrung, deren Gegenstand sie war.*

Der Indianer trägt auf seinen Wanderungen stets einen Beutel mit Cocablättern (chuspa genannt) mit sich und ausserdem eine Flasche mit Pflanzenasche (Ilicta). * Aus den Blättern formt er im Munde einen Bissen (acuUico), durchbohrt denselben mehrmals mit einem in die Asche getauchten Stachel,^ und kaut ihn unter reich- licher Speichelabsonderung langsam durch. In anderen Gegenden soll eine Art Erde, Tonra, anstatt der Pflanzenasche den Blättern zu- gesetzt werden.« Drei bis vier Unzen Blätter täglich zu kauen, gilt nicht als Unmässigkeit Derlndianer beginnt nach Mantegazza in früher Jugend mit dem Gebrauche dieses Genussmittels, den er bis an sein Lebensende fortsetzt. Wenn er einen beschwerlichen Weg zu gehen hat, wenn er eine Frau nimmt, überhaupt wenn eine grössere Anforderung an seine Kräfte gestellt ist, vermehrt er die gewohnte Dosis.

' Scrivener, On the coca leaf and itsuses in diet and medicine. Medical Times and Gazette, 1871.

ä Garcilasso de la Vega. Comentarios reales de los Incas, 1609 — 17.

  • Christison, Observations on the effect of cuca, or coca, de leaves of

Erytbroxylon coca. British Medical Journal, 187ti. — Bibia 1. c.

  • Mantegazza, SuUe virtü igieniche e medicinali della coca. Milane 1859.
  • Scrivener 1. c.
  • Nach Ulloa, dem Btbra folgt.



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(Welche Absicht durch den Zusatz der Alkalien in der Asehe erreicht werden soll, ist unklar. Mantegazza gibt an, dass er Cocablätter mit und ohne Llieta gekaut und keinen Unterschied verspürt habe. Nach M a r ti u s^ und D em ar 1 e^ wird durch die Alkalien der Pflanzenasche das Cocain, welches wahrscheinlich in Verbindung mit Gerbsäure enthalten ist, frei gemacht. Eine von Bibra analysirte Llieta bestand aus kohlensaurem Kalk und Magnesia 29°/o, Kali- salzen 34*'/j, Thonerde und Eisen a^/oi uulöslichen Verbindungen von Thonerde, Kieselerde und Eisen 17«/o, Kohle 5Vo und Wasser lOo/o.)

Eine Fülle von Zeugnissen liegt dafür vor, dass die Indianer unter dem Einflüsse der Coca ungewöhnliche Strapazen ertragen und schwere Arbeit leisten, ohne während derselben einer eigentlichen Nahrung zu bedürfen.^ Valdez y Palacois* gibt an, dass die In- dianer mittelst Coca hunderte von Stunden Wegs zu Fuss zurück- legen und dabei schneller laufen als die Pferde, ohne Zeichen von Ermüdung zu zeigen. Castelnau"^, Martins *, Scrivener' bestä- tigen dies, und Humboldt spricht davon in seiner Reise in die Aequinoctialgegenden als von einer allbekannten Thatsache. Viel citirt wird, was Tschudi^ von den Leistungen eines Cholo's (Misch- lings) berichtet, den er genau beobachten konnte. Derselbe stellte fünf Tage und fünf Nächte lang mühsame Ausgrabungen für ihn an, ohne mehr als 2 Stunden jede Nacht zu schlafen und ohne Anderes als Coca zu sich zu nehmen. Nach vollendeter Arbeit begleitete er ihn während eines zweitägigen Rittes, neben seinem Maulthier her- laufend. Er versicherte, dass er gerne die nämliche Arbeit nochmals ohne zu essen verrichten würde, wenn man ihm genug Coca gäbe. Der Mann war 62 Jahre alt und niemals krank gewesen.

In der „Eeise der Fregatte Novara" sind ähnliche Beispiele gesteigerter Leistungsfähigkeit durch Coca erzählt. W e d d e 1 1 », V. Meyen'*, Markham", selbst Poeppig, ^^ von dem viel üble Nachrede über die Coca herrührt, können diese Wirkung der Coca nur bestätigen, welche seit ihrem Bekanntwerden nicht aufgehört hat, das Erstaunen der Welt zu wecken.

Andere Berichte heben die Fähigkeit der Coqueros (Coca-Kauer) hervor, ohne Beschwerden einer längeren Nahrungsentziehung zu

'■ Systema mat. med. braail. 1843.

  • Essai svx la coca du Pi'rou. These de Paris, 1862.

' Vgl. FronmUller, Coca und Cat. Prager VierteljahTsscIurift für praktische Heükunde, B. 79, 186.S.

  • Viagem da eidade de Cuzo a de Belem. 1840.
  • Expedition dans les parties centrales de rAmeriqne du Sud. 1851.
  • Reise in Brasilien von Spix und Martins. 1831.

' 1. c.

" Eeiseskizzen aus Peru in den Jaiiren 1838 und 1842.

8 1. c.

" Keise nm die Welt, 1835.

" Travels in Peru and India, 1862.

" Eeise in Chili, Peru und auf dem Amazonenstrom. 1827 — 3ii.


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UNIVER5ITTOFCALIF0RNIA


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widerstehen. Nach ü nanu 6^ konnten während der Hungersnoth in der 1781 belagerten Stadt La Paz nur die Einwohner sich am Leben erhalten, welche Coca genossen. Nach Stewenson^ enthalten sich die Einwohner mehrerer Bezirke Peru's oft Tage lang mittelst Coca aller Nahrung, ohne die Arbeit zu unterbrechen.

Nach all diesen Zeugnissen und mit Rücksicht auf die Kolle^ welche die Coca seit Jahrhunderten in Südamerika spielt, wird man die mitunter geäusserte Ansicht abweisen dürfen, dass die Wirkung der Coca eine imaginäre sei, und dass die Eingebornen auch ohne dieselbe durch die in ihren Verhältnissen gegebene Nöthigung und durch Uebung in den Stand gesetzt sind, die erwähnten Leistungen zu vollbringen. Man wird aber zu hören erwarten, dass die Coqueros sich durch vermehrte Nahrungszufuhr in den Ruhepausen entschä- digen, oder dass sie durch ihre Lebensweise einem rapiden Verfall entgegengeführt werden. Der Erstere geht aus den Berichten der Reisenden nicht mit Sicherheit hervor; dem anderen Verhalten wird von vertrauenswürdigen Zeugen auf das Bestimmteste widersprochen. Poeppig hat zwar ein abschreckendes Bild von der physischen und iutellectuellen Decadence entworfen, welche die unausbleibliche Folge des gewohnheitsmässigen Cocagenusses sein soll, aber alle anderen Beobachter äussern sich dahin, dass massiger Cocagenuss eher der Gesundheit förderlich als schädlich ist, und dass die Coqueros ein hohes Alter erreichen.^ Der unmässige Cocagebrauch erzeugt aller- dings auch nach Weddell mid Mantegazza eine Kachexie, die sich körperlich in Verdauungsbeschwerden, Abmagerung u. dgl.. geistig in ethischer Depravation und vollkommener Apathie gegen Alles, was sich nicht auf den Genuss des Reizmittels bezieht, ausprägt. Diesem Zustande, welcher viel Aehnlichkeit mit dem Bilde des chronischen Alkoholismus und Morphinismus zeigt, erliegen mitunter auch Weisse. Es ist bemerkenswerth, dass die Cocakachexie immer nur von der toxischen Wirkung der Coca bei masslosem Genuss, und niemals von dem etwaigen Missverhältniss zwischen Nahrungsaufnahme und Arbeits- leistung bei den Coqueros hergeleitet wird.

IIL Die Cocablätter in Europa — Das Cocain.

Die älteste Empfehlung der Coca ist nach Dowdeswell* in einer Schrift des Dr. Monardes (Sevilla 1569) enthalten, welche 1596 in einer englischen TJebertragung erschien. Wie die späteren Mittheilungen des Jesuiten Padre Antonio Julian^ und des Arztes Pedro Crespo*, beide in Lima, rühmt sie die wunderbare Wirkung der Pflanze gegen Hunger und Ermüdung. Die beiden letzten Autoren

' Diaertacion sobre el aspecto, cultivo, comercio y virtudes de la famosa planta del Peru nombrada Coca. Lima 1 794,

' Historieal and deseriptive narrative of twentj' years residence in soiith Amerika, 1825.

  • Fronmüller 1. c.
  • The coca leaf. Lancet, 1876.

^ Disertacion sobre Hayo ö Coca, Lima 1787.

  • Memoria sobre la coca, Lima 1793.


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setzen grosse Hoffnungen auf die Einführung der Coca in Europa. 1749 wurde die Pflanze nach Europa gebracht, von A. L. de Jussieu beschrieben und zum Genus Ery throxylon gestellt, dann von L a m a r c k als Erythroxylon coca in dessen Encyelopedie Methodique Botanique 1 786 aufgenommen. Berichte von Reisenden, wie Tschudi, Markham u. Ä., erbrachten den Beweis, dass die Wirkung der Cocablätter nicht auf die indianische Race beschränkt sei.

1859 veröffentlichte Paolo Mantegazza, der eine Reihe von Jahren in den Cocaländem Südameri£i's gelebt hatte, seine Erfahrungen über die physiologische und therapeutische Wirkung der Cocablätter' in beiden Hemisphaeren. Mantegazza ist ein be- geisterter Lobredner der Coca, für deren vielseitige therapeutische Verwendung er Belege in beigefügten Krankengeschichten erbrachte. Seine Mittheilung hat viel Aufmerksamkeit erregt, aber wenig Ver- trauen gefunden. Ich habe so viel richtige Bemerkungen bei Mante- gazza angetroffen, dass ich geneigt bin, auch denjenigen Angaben, welche zu bestätigen ich nicht Gelegenheit hatte, Werth beizulegen.

Im Jahre 1859 brachte Dr. Scherzer von der Expedition der österreichischen Fregatte Novara Cocablätter nach Wien, von denen er einen Theil Prof. W ö h 1 e r zur Untersuchung übersandte. Wohl er's Schüler Nie mann- stellte aus denselben ein Alkaloid Cocain dar; ein anderer Schüler Wo hl er's, Lossen,» setzte nach Niemann's Tode die Untersuchung über die in den Cocablättern enthaltenen Körper fort, Das Cocain (Niemann's) krystallisirt in grossen farblosen, 4 — 6seitigen Prismen des klinorrhombischen Systems. Es schmeckt bitterlich, ruft an Schleimhäuten Anaesthesie hervor. Es schmilzt bei 98*, ist schwer löslich in Wasser,* leicht löslich in Alkohol und Aether und verdünnten Säuren, Es gibt Doppelsalze mit Platin- chlorid und Goldchlorid. Beim Erhitzen mit Salzsäure zerfällt es in Benzoesäure, Methylalkohol und eine wenig studirte Base, das Ecgonin. Lossen stellte für das Cocain die Formel auf : Cj, Ha* N^. Das salzsaure und das essigsaure Salz eignen sich wegen ihrer leichten Löslichkeit in Wasser besonders gut zur physiologischen und therapeutischen Anwendung,*

Ausser dem Cocain sind in den Cocablättern gefunden worden r die Cocagerbsäure, ein eigen thümliches Wachs, und eine flüchtige Base, das Hygrin, deren Genich an Trimethylamin erinnert, und die L s s e n als ein dickflüssiges, hellgelbes Oel erhielt. Nach einigen

  • Sülle virtü igieniche e medicinali della coea. Memoria onorata del

Premio dell'Äcqua nel concorso di 1868, estratta dagli Aunali Universali dt Medicina 1859. — Ein kurzes Referat in der Oeaterreichischen Zeitschrift für ])rakti8che Heilkunde desselben Jahres.

  • Annal. d. Chemie u. Pharmac. 114, und Vierteljahrsschrift für praktische

Pharmacie, 9.

  • Aunaleu der Chemie und Pharmacie 138.
  • Ueber die Löslichkeit des Cocains im Wasser lauten die Angaben der

Autoren sehr weaig übereinstinunend. Es sind offenbar verschiedene Präparate als „Cocam" in den Handel gekommen und zur Anwendung gebracht worden.

  • Husemann und Hilger, Die Pflanzenstoffe etc. 1884. — Girtlerj

Ueber Coca, Extractum der Coca und Cocain. Wiener med. Wochenschrift 1862.


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Andeutungen in den Mittheilungen der Chemilter scheint die Reihe der in den Cocablättern enthaltenen neuen Stoffe noch nicht erschöpft zu sein.

Seit der Entdeckung des Cocains haben zahlreiche Beobachter die Wirkung der Coea auf Thiere, gesunde und kranke Menschen untersucht und sich dabei theils eines als Cocain bezeichneten Präparates, theils der Cocablätter in Infusion oder nach der Art der Indianer bedient. In Oesterreich hat Schroff senior die ersten Thierversuche angestellt 1862, andere Mittheilungen über die Coca rühren von Frankl(1860), Fronraüller (1863) und Neudörfer (18,70) her. In Deutschland sind zu verzeichnen die therapeutische Empfehlung von Clemens (1867), die Thierversuche von v, Anrep (1880) und die Versuche von Aschenbrandt an erschöpften Soldaten (1883),

In England stellte die ersten Thierversuche A. Bennett 1874 an; Aufsehen erregten 1876 die Mittheilungen des greisen Präsi- denten der British Medical Association SirßobertChristison; und als ein Correspondent des „British Medical Journal" die Behauptung aufstellte, Mr. Weston, der durch seine Leistungen als Fussgänger die wissenschaftliche Welt Londons in Erstaunen setzte, kaue Coca- blätter, war die Coca eine Zeitlang ein Gegenstand des allgemeinsten Interesses geworden. In demselben Jahre (1876) veröffentlichte üowdeswell eine im physiologischen Laboratorium University College ausgeführte, durchaus ergebnisslose Experimental-Untersuchung, seit welcher die Coca in England keinen Untersucher gefunden zu haben scheint.

Aus der französischen Literatur sind zu erwähnen : R o s s i e r (1861), Demarle (1862), Gosse's Monographie über Erythroxylon Coca (1862), R e i s s (1866), L i p p m a n n, Etüde sur la coea du Perou, (1868), Moreno y Mal'z^ (1868), der eine neue Darstel- lung des Cocains angab, G a z e a u (1870), C o 1 1 i n (1877) und Marvaud in dem Buche „Les aliments d'epargne" (1874), welches mir allein von den erwähnten Schriften zur Verfügung stand.

In Russland haben Nikolsky, Danini (1873), T a r- chanoff (1872) insbesondere die Wirkung des Cocains auf Thiere studirt; aus Nordamerika kamen in den letzten Jahren zahlreiche Berichte über glückliche therapeutische Verwendung der Coca- Präparate, welche alle in der Detroit Therapeutic Gazette referirt worden sind.

Der Effect der älteren unter den hier angeführten Arbeiten war im Ganzen der, eine grosse Enttäuschung und die Ueberzeugung wachzurufen, dass man Wirkungen, wie sie der Coca in Südamerika

' Für die Zusaimiienätellung der Literatur diente mir der Artitel „Ery- throxylon coca" in dem Index catalogiie of the Library of the Surgeon-General's office, vol. ly. 1883, den man fast als vollständigen Literaturnachweis betrachten darf. Zufolge der Unzulänglichkeit unserer öffentlichen Bibliotheken musate ich micli damit begnügen, einen Theil der angeführten Schriften Über Coca nur durch Citate und Referate kennen zu lernen, hoffe aber, dass ich genug gelesen habe, um dem Zwecke dieses Aufsatzes : das Wissenswerthe über Coca zusammenzustellen, zxl genügen.


nachgerühmt werden, in Europa nicht erwarten dürfe. Untersuchungen wie die von Schroff, Fronmiiller, Dowdeswell, brachten negative oder doch nicht bemerkenswerthe Ergebnisse! Für diese Misserfolge bietet sich mehr als eine Erklärung dar. Vor Allem ist wohl die Qualität der verwendeten Präparate zu beschuldigen. ^ Mehrere Autoren sprechen selbst ihre Zweifel an der GrUte ihrer Präparate aus, und insoferne sie den Berichten der Reisenden über die Wirkung der Coca noch Glauben schenken, nehmen sie an. dass dieselbe auf einen flüchtigen Bestandtheil des Blattes zurückzuführen sei. Sie berufen sieh dabei auf die Angabe von Poeppig u, A,, dass in Südamerika selbst Blätter, die längere Zeit aufbewahrt waren, als werthlos gelten. Allein die Versuche, welche in letzter Zeit mit dem von Merck in Darm stadt bereiteten Cocain angestellt wurden, berechtigen zur Behauptung, dass das Cocain der eigentliche Träger der Coca- Wirkung ist, welche in Europa eben so gut wie in Südamerika her- vorgerufen und diätetisch und therapeutisch verwerthet werden kann.

IV. Die Cocawirkung bei Thieren.

Da wir wissen, dass Thiere verschiedener Grattung — und selbst Individuen derselben Gattung — in nichts so sehr von einander ab- weichen, als in jenen chemischen Eigenthümlichkeiten, welche ihre Empfänglichkeit für dem Organismus fremde Stoffe bedingen, werden wir von vorneherein nicht erwarten, in der Cocawirkung bei Thieren etwas den geschilderten Wirkungen der Cocablätter auf den Menschen Aehnliches wiederzufinden. Es wird als ein befriedigendes Resultat zu betrachten sein, wenn wir beiderlei Wirkungsweisen aus einheitlichen Gesichtspunkten begreifen können.

Die eingehendsten Versuche über die Wirkung der Coca auf Thiere verdanken wir v, Anrep.^ Vor ihm haben solche Versuche angestellt Schroff sen.^, Moreno y Maiz-*, Tarchanoff^ Ni- kolsky*, Danini^Äl. Bennett* undOtt^ Die Mehrzahl dieser Autoren haben das Alkaloid innerlich oder in subcutaner Einverlei- bung angewendet.

Das allgemeinste Resultat dieser Untersuchungen ist, dass dem Cocaifn eine in kleineren Dosen reizende, in grösseren Dosen lähmende

'Der Gehalt der Cocablätter an Goeain schwankt nach Lossea zwischen 0'2"/o und 0'02'/o. 0-05 Gr. Cocain, mur. seheint die fttr den Menschen wirksame Dosis KU sein. Ein getrocknetea Cocablatt wiegt nach Lippmann (Etüde sur la coca du Perou. These de Strassbourg ]8ö3) ein Decigramni.

^ Ueber die physiologische Wirkung des Cocains. Pflügers Archiv, XXJ. 1880.

ä Vorläufige Mittheilung über Cocain. Wochenblatt der Gesellschaft der Aerzte in Wien. 18ö2.

  • Recherches chimiques et phvsiologiques sur 1' Erytbroxylon coca du

Pörou, 1868.

' Cocain und Diabetes 1872 (Russisch).

  • Beitrag zur Cocainwirkung auf den Thierorganismus (Russisch).

' Ueber physiol. Wirkung und therap. Anwendung des Cocains, ] 872 (Kussisch).

  • An experimental in<iiiiry into the phj'siological action of Theine etc. etc.

Edinburgh Medical and Surgical Journal, 1874.

  • Coca and its alcaloid Cocain. New York Medical Record, 1876.


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Einwirkung auf das Nervensystem zukommt. Die lähmende Einwir- kung macht sich bei Vergiftung kaltblütiger Thiere besonders bemerkbar, während bei warmblütigen die Erscheinungen der Reizung in den Vordergrund treten.

Nach Schroff erzeugt Cocain bei Fröschen einen soporösen Zustand mit Lähmung der willkürlichen Muskeln. Moreno y Mai'z, Danini, Nikolsky und Ott haben im Wesentlichen dasselbe ge- funden; Moreno y MaYz gibt an, dass bei nicht zu grossen Gaben der allgemeinen Lähmung Tetanus vorhergeht, Nikolsky beschreibt unter derselben Bedingung ein Stadium von Erregung der Muskulatur, Danini dagegen hat niemals Krämpfe beobachtet.

Auch nach v. A n r e p wirkt Cocain nach kurzer Erregung lähmend auf Frösche, und zwar werden zuerst die sensibeln Nerven- endigungen, dann die sensibeln Nerven selbst beeinträchtigt, die Ath- mung zuerst beschleunigt, dann zum Stillstand gebracht, die Herz- thätigkeit verlangsamt bis zum diastolischen Stillstand. Gaben von 2 mgr. rufen bereits Vergiftungserschftinungen hervor.

Nach Schroffs im Einzelnen mit Widersprüchen behafteten Versuchen an Kaninchen erzeugt das Cocain bei denselben mannig- faltige Krämpfe, Zunahme der Athem- und Pulsfrequenz, Pupillenerwei- terung und Tod unter Krämpfen. Der Erfolg der Vergiftung war in hohem Grade von der Art der Application abhängig. Nach Danini setzt die Cocainvergiftung bei Warmblütern zuerst Erregung, die sich in anhaltendem Springen und Laufen äussert, dann Lähmung der Muskelthätigkeit und endlich klonische Krämpfe. Tarchanoff fand bei Hunden nach Coca-Eingabe Vermehrung der Schleimsecretion und Zucker im Harn.

In den Versuchen v. Anrep's äusserte sich die Wirkung des Cocains auf Warmblüter bis zu hohen Dosen in lebhafter Erregung zunächst der Psyche und der Hirncentren für willkürliche Bewegung. Hunde zeigen bei Aufnahme von 001 gr. Cocain per Kilo evidente Zeichen der freudigsten Aufregung und einen maniafealischen Bewegungsdrang. V. Anrep sieht in dem Charakter der Bewegungen Anzeichen dafür, dass alle Nervencentren von der Erregung ergriffen sind, auch deutet er gewisse Pendelbewegungen des Kopfes als Reizerseheinungen von Seiten der Bogengänge. Zum Bilde des Cocal'nrausches gehören ferner : Athemfrequenzzunahme, grosse Pulsbeschleunigung durch frühzeitige Lähmung der N, vagi, Pupillenerweiterung, Beschleunigung der Darm- bewegungen, hohes Ansteigen des Blutdrucks und Verminderung der Secretionen. Die quergestreifte Muskelsubstanz bleibt auch bei solchen grossen Dosen intact, die endlich zu Krämpfen, Lähmungserschei- nungen und zum Tode durch Lähmung des Athemcentrums führen. Für Hunde stellte v. Anrep die letale Dosis nicht fest, für Kaninchen beträgt sie 0*10 Gramm und für Katzen 0-02 Gramm perKilo.^

Nach Abtrennung des Rückenmarkes von der Oblongata erzeugt Cocain weder Krämpfe noch Blutdrucksteigerung (Danini); nach

' Bd subcutaner Injection.


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Durchschneidung des Brustmarks treten wohl Cocainkräinpfe in den vorderen, aber nicht in den hinteren Extremitäten auf (v. Anrep). Danini und v. Anrep nehmen desshalb an, dass die Cocainwirkung vor Allem auf das lebenswichtige Gebiet des verlängerten Marks ge- richtet ist.

Es wäre noch zu erwähnen, dass nur der ältere Schroff Cocain ein Narcotium nennt und es neben Opium und Cannabis stellt^ während fast alle Anderen es dem Coffein etc, anreihen.

V. Die Cocawirkung beim gesunden Menschen.

Die Wirkung, welche die Einnahme des Cocains auf den ge- sunden menschlichen Organismus ausübt, habe ich in wiederholten Versuchen an mir und Anderen studirt und dieselbe in wesentlicher Uebereinstimraung mit der Wirkung der Cocablätter nach M a n t e- gazza's Schilderung gefunden.^

Ich nahm das erstemal 005 Gramm Cocain, muriat. in l"/oiger wässeriger Lösung während einer leichten, durch Ermüdung hervor- gerufenen "Verstimmung. Diese Lösung ist ziemlich dickflüssig, etwas opalisirend, von einem fremdartig aromatischen Geruch. Sie erregt eine zuerst bittere Geschmacksempfindung, welche in eine Keihe von sehr angenehmen, aromatischen Empfindungen übergeht. Das trockene Cocainsalz zeigt denselben Geruch und Geschmack in verstärktem Masse.

Wenige Minuten nach der Einnahme stellt sich eine plötzliche Aufheiterung und ein Gefühl von Leichtigkeit her. Man fühlt dabei ein Pelzigsein an den Lippen und am Gaumen, dann ein Wärme- gefühl an denselben Stellen, und wenn man jetzt kaltes Wasser trinkt, empfindet man es an den Lippen als warm, im Schlünde als kalt. Andere Male herrscht eine angenehme Kühle im Munde und Rachen vor. *

Bei diesem ersten Versuch trat ein kurzes Stadium toxischer Wirkungen auf, die ich später vermisste. Die Atherazüge wurden verlangsamt und vertieft, ich fühlte mich matt und schläferig, musste häufig gähnen und fand mich etwas eingenommen. Nach wenigen Minuten begann die eigentliche Cocain-Euphorie , eingeleitet durch wiederholtes, kühlendes Aufstossen. An meinem Puls beobachtete ich unmittelbar nach der Cocain-Einnahme eine geringe Verlangsamung, später eine massige Zunahme der Völle.

Dieselben physischen Anzeichen des Cocalnzustandes habe ich auch an anderen, meist gleichalterigen Personen beobachtet. Als das constanteste erwies sich das wiederholte kühlende Aufstossen. Dabei hört man oft ein Gurren, welches hoch oben im Darme zu Stande kommen muss, und zwei der von mir beobachteten Personen, welche sich für fähig erklärten, ihre Magenbewegungen zu erkennen, sagten mit aller Bestmmtheit aus, dass sie solche wiederholt verspürt hätten. Oefters wurde mir zu Anfang der Cocainwirkung intensives Hitzegefühl im Kopfe angegeben, das ich auch selbst bei einigen

'Ich benützte wie Aschenbrandt (Deutsch medicin. Wochensclirift Dec. 1883) das von Merck in Darmstadt dargestellte salzsaure Cocain.


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späteren Versuchen verspürte, anderemale vermisste. In nur zwei, Fällen rief das Cocain Schwindelgefühl hervor. Im Ganzen sind die toxischen Erscheinungen der CocaYn-Einnahme von kurzer Dauer weniger intensiv als die durch wirksame Dosen von Chinin oder salicylsaurem Natron bedingten, und scheinen sich bei widerholtem Cocaingebrauch noch mehr abzuschwächen.

Mantegazza führt als gelegentliche Cocawirkung an; flüch- tige Erytheme, Vermehrung der Harnmenge, Trockenheit der Con- junctiva und der Nasenschleimhant. Die Trockenheit der Mundschleim- haut und des Rachens ist ein constantes und Stunden lange an- haltendes Symptom. Leicht abführende Wirkung wurde von einigen Beobachtern (Marvaud, Collan)* angegeben. Harn und Faeces sollen den Geruch der Coca annehmen. Die Wirkung auf die Puls- frequenz wird von verschiedenen Beobachtern sehr verschieden darge- stellt. Nach Mantegazza ruft Coca sehr bald bedeutende, bei hö- herer Dosis sich noch steigernde Vermehrung der Pulsfrequenz hervor, auch Collin - sah Pulsbeschleunigung nach Coca, während Rossier,' Demarle* und Marvaud der anfänglichen Beschleunigung eine länger anhaltende Verlangsamung folgen sahen. Christison be- merkte an sich, dass bei Cocagebrauch körperliche Arbeit eine ge- ringere PulsbeschleuniguDg machte als sonst; Reiss^ stellt jede Ein- wirkung auf die Pulsfrequenz in Abrede. Ich finde keine Schwierigkeit darin, diesen Mangel an Uebereinstimmung theils durch die Ver- schiedenheit der angewendeten Präparate (warmer Aufguss der Blätter, kalte CocaYnlösung etc.) und der Application ", theils durch verschie- dene individuelle Reaction zu erklären. Die letztere kommt, wie be- reits Mantegazza mittheiit, überhaupt bei der Coca in hohem Grade in Betracht. Es soll Personen geben, die Coca überhaupt nicht vertragen, und ich habe andererseits nicht wenige gefunden, auf welche die für mich und andere wirksame Dosis von 5 Centi- gramm ohne Einfluss blieb.

Die psychische Wirkung des Coeainum mur. in Dosen von 0'05 O'IO gr. besteht in einer Aufheiterung und anhaltenden Euphorie, die sich von der normalen Euphorie des gesunden Menschen in gar nichts unterscheidet. Es fehlt gänzlich das Alterations- gefühl, das die Aufheiterung durch Alkohol begleitet, es fehlt auch der für die Alkoholwirkung charakteristische Drang zur sofortigen Bethätigung. Man fühlt eine Zunahme der Selbstbeherrschung, fühlt sich lebenskräftiger und arbeitsfähiger; aber w^enn man arbeitet, vermisst man auch die durch Alkohol, Thee oder Kaffee hervor- gerufene edle Excitation und Steigerung der geistigen Kräfte. Man

' Fifnska läkaresällsk. handl XX, 1878.

  • De la coca et de ses vei'itables proprietös therapeatlques. L'Cnion

mödicale, 1877.

' Sur l'action physiologique des feuilles de coca. Echo medical suiase 1861.

  • Easai sur la coca du Perou. These de Paris, 1862.
  • Note sur I'emploi de la coca. Bulletin de therapeutique, 1866.

8 Die Ergebnisse bei subcutaner Iiyection siehe unten nachMorselli und Buccola.


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ist eben einfach normal und hat bald Mühe, sich zu glauben, dass man unter irgend welcher Einwirkung steht. ^

Es macht den Eindruck, als ob die CocaYastimmung bei solchen Dosen hervorgebracht würde nicht so sehr durch dii'ecte Erregung, als durch den Wegfall deprimirender Elemente des Gemeingefühls. Es wird vielleicht gestattet sein, anzunehmen, dass auch die Euphorie der Gesundheit nichts Anderes ist als die normale Stimmung der gut ernährten Hirnrinde, die von den Organen ihres Körpers „nichts weiss".

Während dieses an sich nicht weiter gekennzeichneten Cocain- zustandes tritt das hervor, was man als die wunderbare stimu- lirende Wirkung der Coca bezeichnet hat. Langanhaltende, inten- sive geistige oder Muskelarbeit wird ohne Ermüdung verrichtet, Nahrungs- und Schlafbedürfniss, die sonst zu bestimmten Tageszeiten gebieterisch aufgetreten, sind wie weggewischt. Man kann im Cocal'n- zustande, wenn man aufgefordert wird, reichlich und ohne Wider- willen essen, aber man hat die deutliche Empfindung, dass man die Mahlzeit nicht bedurft hat. Ebenso kann man, wenn die Cocafn- wirkung im Abnehmen ist, einschlafen, wenn man zu Bette geht, aber auch ohne Beschwerde den Schlaf umgehen. In den ersten Stunden der Cocain Wirkung kann man nicht einschlafen, aber diese Schlaflosigkeit hat nichts Peinliches.

Ich habe diese gegen Hunger, Schlaf und Ermüdung schützende und zur geistigen Arbeit stählende Wirkung der Coca etwa ein dutzendmal an mir selbst erprobt; zur physischen Arbeitsleistung hatte ich keine Gelegenheit.

Ein eclatantes Beispiel von Aufhebung hochgradiger Müdigkeit und wohl berechtigten Hungergefühls konnte ich an einem viel be- schäftigten Collegen beobachten, der, seit frühem Morgen nüchtern, nach angestrengter Thätigkeit um 6 Uhr Abends 0*05 Cocain mur. nahm. Er erklärte einige Minuten später, dass er sich fühle, als ob er von einer reichen Tafel aufgestanden sei, wollte nicht zu Nacht essen und hielt sich für kräftig, einen weiten Weg zu gehen.

Diese stimulirende Wirkung der Coca ist durch eine Reihe vertrauenswürdiger Mittheilungen, auch aus den letzten Jahren, unzweifelhaft bezeugt.

Der 78jährige Sir Robert Christi son' ermüdete sich zum Zwecke des Versuches bis zur Erschöpfung durch einen Weg von 15 engl. Meilen, ohne Nahrung zu sich zu nehmen. Er wieder- holte dies nach einigen Tagen mit dem gleichen Ergebniss ; während des dritten Versuches kaute er 2 Drachmen Cocablätter, legte nun denselben Weg ohne alle Beschwerden zurück, fühlte, nach Hause zurückgekehrt, trotz 9stündiger Abstinenz weder Hunger noch Durst und wachte am nächsten Morgen ohne Gefühl von Ermüdung auf.

' Mit meiner Selbstbeobachtung stimmt am besten, was Wilder (Detroit Therapentic. Gazette, Nov. ]882) von sich berichtet,

' Observations on the effect of Cuca, or coca etc. British Medical Journal, 1876.


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Er bestieg ein andermal einen 3000 Fuss hohen Berg, auf dessen Gipfel er völlig erschöpft anlangte; den Abstieg machte er unter der Einwirkung der Coca mit jugendlicher Frische ohne alle Ermüdung. Aehnliche Wirkungen haben Clemens* und J. Collan^ an sich erfahren, letzterer während mehrstündiger Wanderungen über Schnee; Mason^ nennt Coca „aii excellent thing lor a long walk" und Aschenbrandt* hat unlängst berichtet , wie baierische Soldaten, die unter dem Einfluss von Strapazen und entkräftenden Krankheiten marode geworden waren, nach Cocaverabreichung im Stande waren, die Uebungen und Märsche mitzumachen. Merino y Maiz^ konnte bei Cocagebrauch ganze Nächte durchwachen, Mante- gazza blieb unter dem Einfluss der Coca 40 Stunden ohne N"ahrung. Wir sind also berechtigt anzunehmen, dass die Wirkung des Cocains auf Europäer die gleiche ist, wie die der Cocablätter auf die Indianer Südamerikas.

Die Wirkung einer massigen Dosis Cocain klingt so allmälig ab, dass es schwer hält, unter gewöhnlichen Verhältnissen ihre Dauer zu bestimmen. Wenn man im Cocain zustand intensiv arbeitet, tritt nach 3 — 5 Stunden ein Nachlass des Wohlbefindens ein, und man bedarf einer weiteren Gabe Coca, um sich von Ermüdung fern- zuhalten. Wenn man nicht schwere Muskelarbeit leistet, scheint die Cocawirkung länger anzuhalten. Ganz übereinstimmend wird be- richtet, dass der Coca-Euphorie kein Zustand von Ermattung oder anderweitiger Depression folgt. Ich möchte im Gegentheile glauben, dass ein Theil der Cocawirkung bei massigen Dosen (0-05 — 010 gr.) über 24 Stunden anhält. Wenigstens habe ich an mir noch am Tage nach der Coca-Einnahme einen Zustand beobachtet, welcher sich günstig von dem gewohnten unterschied, und ich möchte mir aus der Summirung solcher Nachwirkungen die Möglichkeit einer dauernden Kräftigung, die oftmals behauptet wurde, erklären.

Dass Cocain bei längerem massigen Gebrauch keine Störung im Organismus setzt, ist nach später mitzuth eilen den Beobachtungen wahrscheinlich, v, Anrep hat Thiere 30 Tage lang mit massigen Cocaingaben behandelt, ohne dergleichen nachtheilige Beeinflussungen der Körperfunctionen wahrzunehmen. Bemerkenswerth erscheint mir, was ich an mir selbst und anderen urtheilsfähigen Beobachtern er- fahren habe, dass nach der ersten oder wiederholten Coca-Einnahme durchaus kein Verlangen nach weiterem Cocagebrauch eintritt, viel-

' Erfahrungen über die therap. Verwendung der Cocablätter. Deutsche Klinik, 1867.

' J. CoUan, finska läkaresällsk. handl. XX., 1878 nach Schmidts Jahr- büchern, 87, 1880.

' Erythroxylon Coca its physiological effeets etc. Boston Medical and Sur- gical Journal 1882,

  • Die physiologische Wirkung und Bedeutung des Cocain, muriat. auf den

menschlichen Organismus. Beobachtungen während der Herbstübungen des Jahres 1883 beim III. baierischen Annee-Coriis. Deutsche niediciniache Wochenschrift, 12. Dec. 1883.

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mehr eher eine gewisse, nicht motivirte, Abneigung gegen das Mittel. "Vielleicht hat dieser Umstand dazu beigetragen, dass die Coca trotz einiger warmer Empfehlungen in Europa sich keinen Platz als Genuösmittel erworben hat.

Die Wirkung grosser Dosen Coca ist von Mantegazza an der eigenen Person geprüft worden. Er gerieth dabei in einen Zu- stand von enorm erhöhtem, glücklichem Lebensgefühl mit Neigung zur völligen Unbeweglichkeit , welche aber zeitweise durch den heftigsten Bewegungsdrang unterbrochen wurde. Die Analogie mit den Ergebnissen der Thierversuche von Anrep ist dabei unver- kennbar. Bei weiterer Steigerung der Dosis verblieb er unter excessiver Pulsfrequenz und massiger Erhöhung der Körpertemperatur in einem „sopore beato", fand seine Sprache gestört, seine Schrift un- sicher und bekam endlich die glänzendsten und reichhaltigsten Hallu- cinationen, die für kurze Zeit schreckhaften, dann beständig heiteren Inhalt hatten. Auch dieser Cocalnrausch hinterliess keine Depression und keine Anzeichen einer Überstandenen Intoxication. Moreno y Ma'i'z hat ebenfalls nach grösseren Dosen Coca heftigen Antrieb zu Bewegungen beobachtet. Eine Bewusstseinsstörung stellte sich bei Mantegazza selbst nach Verbrauch von 18 Drachmen Cocablätter nicht ein; ein Apotheker, der um sich zu vergiften 1*5 Gramm Cocain genommen hatte, ^ erkrankte unter den Erscheinungen einer Gastroenteritis ohne Trübung des Bewusstseins.

VI. Die therapeutische Anwendung der Coca. Es konnte nicht fehlen, dass eine Pflanze, deren Genuss solche als wunderbar angestaunte Wirkungen äusserte, dort, wo sie ein- heimisch ist, auch gegen die verschiedenartigsten Störungen und Krankheiten des Organismus zur Anwendung gezogen wurde. In ähnlicher Weise uneingeschränkt war die Empfehlung der Coca von Seiten der ersten Europäer, welche auf diesen Schatz der einge- borenen BeA'ölkerung aufmerksam wurden. Mantegazza hat später auf Grund einer breiten ärztlichen Erfahrung eine Reihe von thera- peutischen Indicationen für die Coca aufgestellt, von denen bald die eine, bald die andere Zustimmung bei anderen Aerzten gefunden hat. Ich habe mich im Folgenden bemüht, die in der Literatur vor- handenen Empfehlungen der Coca zusammenzustellen und dabei die auf Erfolge an Kranken gegründeten von jenen zu trennen, die aus der Erwägung der physiologischen Coeawirkung hergeleitet sind. Im Allgemeinen überwiegen die letzteren. In Nordamerika scheinen die Cocapräparate gegenwärtig einer grossen Verwendung und Anerken- nung entgegen zu sehen, während sie in Europa der Mehrzahl der Aerzte kaum dem Namen nach bekannt geworden sind. Die ungün- stigen Erfolge, von denen bald nach Einführung der Coca in Europa berichtet wurde, die zweifelhafte Güte, die Seltenheit und der hohe Preis der Präparate erklären diese Zurücksetzung der Coca in Europa, welche nach meiner Ueberzeugung eine unverdiente ist. Von den In-

' Ploss, Zeitschrift für Chirurgie, 1863.


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dicationen, die sich für den Cocagebrauch aufstellen lassen, sind einige ganz unzweifelhaft sichergestellt, andere verdienen mindestens eine vorurtheflslose Prtlfung. Das Merck'sche Cocain und dessen Salze sind, wie nachgewiesen wurde, Präparate, denen die volle oder doch die wesentliche Wirkung der Cocablätter zukommt.

a) Coca als Stimulans. Die hauptsächlichste Anwendung der Coca wird wohl die bleiben, welche die Indianer seit Jahrhunderten von ihr gemacht haben: überall dort, wo es darauf ankommt, die physische Leistungsfähigkeit des Körpers für eine gegebene kurze Zeit zu erhöhen und für neue Anforderungen zu erhalten, be- sonders wenn äussere Verhältnisse eine der grösseren Arbeit ent- sprechende Euhe und Nahrungsaufnahme verhindern, So im Kriege, auf Reisen, Bergbesteigungen, Expeditionen u. dgl. , wo ja auch die Alkoholica einen allgemein anerkannten Werth haben. Die Coca ist ein weit kräftigeres und unschädlicheres Stimulans als der Alkohol und ihrer Anwendung in grossem Massstabe steht derzeit nur ihr hoher Preis im Wege. Von der Wirkung der Coca auf die Ein- gebomen Südamerikas ausgehend, hat schon der alte ärztliche Autor Pedro Crespo (Lima 1793) die Einführung der Coca in die europäische Marine, ebenso Neudörfer (1870), Clemens (1867) und Surgeon-Major E, Charles' in die europäischen Heere empfohlen, und Aschenbrandt's Erfahrungen dürften nicht verfehlen, die Auf- merksamkeit der Heeresleitungen auf die Coca zu lenken. Wenn man Cocain als Stimulans gibt, wird man am besten kleine wirksame Dosen (0*05 — 010 gr.) so oft wiederholen, dass die Wirkung der einen an die der anderen anknüpft. Eine Anhäufung des Cocains im Körper scheißt nicht stattzufinden; das völlige Ausbleiben von Depres- sionszuständen nach der Cocawirkung ist bereits betont worden.

Wie viel man von der Coca zur Erhöhung der geistigen Leistungs- fähigkeit erwarten darf, lässt sich jetzt nicht mit einiger Sicherheit beurtheilen. Ich habe den Eindruck empfangen, dass längerer Citca- gebrauch eine anhaltende Besserung herbeiführen kann, wo die Hem- mung nur durch körperliche Ursachen und Ermüdung gegeben ist. Die momentane Wirkung einer Gabe Coca darf man freilich nicht mit der einer Morphin-Injection vergleichen, aber dafür wird man die durch den chronischen Morphingebrauch verursachte allgemeine Schädigung des Organismus nicht befürchten müssen.

Vielen Aerzten schien das Cocain bernfen, eine Lücke im Arznei- schatz der Psychiatrie auszufüllen, welcher bekanntlich über genug Mittel verfügt, die erhöhte Erregung der Nervencentren herabzusetzen, aber kein Mittel kennt, die herabgesetzte Thätigkeit derselben zu erhöhen. Demnach ist die Coca gegen die verschiedenartigsten psychi- schen Schwächezustände empfohlen worden; gegen Hysterie, Hypochon- drie, melancholische Hemmung, Stupor u. dgl. Es werden auch einige Erfolge berichtet; so erzählt der Jesuit Antonio Julian (Lima 1787), dass ein gelehrter Missionär durch Coca von seiner hochgra-

' Philadelphia Medical and Surgical Reporter 1883.


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digen Hypochondrie befreit wurde; Mantegäzza rühmt die Coca als fast immer wirksam in jenen Fällen von functionellen Störungen, die wir jetzt mit dem Namen der Neurasthenie decken ;Fliessburg^ hat die Coca ausgezeichnete Dienste in Fällen von „nervous prostration" geleistet, nach C a 1 d w e 11 ^ ist sie das beste Tonicum bei Hysterie.

"Versuche mit systematischer, über Monate fortgesetzter Verab- reichung des Cocains haben E. Morselli und G. Buccola' an Melancholikern angestellt. Sie gaben ein von Trommsdorf darge- stelltes Cocain in subcutaner Injection, 0'0025— 0*10 pro dosi. Nach 1 — 2 Monaten constatirten sie an ihren Kranken leichte Besserung, indem dieselben heiterer wurden, Nahrung zu sich nahmen und sich einer geregelten Verdauung erfreuten.*

Im Ganzen ist die Indication der Coca bei d^n nervösen und psychischen Schwächezuständen weiterer Untersuchung bedürftig, die wahrscheinlich zu einem theilweise günstigen Ergebniss führen wird. Bei organischen Veränderungen und Entzündungszuständen im Nervensystem ist Coca nach Mantegäzza nutzlos, mitunter gefährlich.

b) Coca in Störungen der Magenverdauung. Diese Anwendung der Coca ist die älteste und am besten gerechtfertigte, zugleich unserem Verständniss am meisten nahegerückt. Nach den übereinstimmenden Angaben der ältesten wie der letzten Autoren (Julian, Martius, ünanue, Mantegäzza, Bingel,* Scri- vener, ^ Fr an kl u. A.) beseitigt Coca in den verschiedensten Präparaten dyspeptische Beschwerden, die von ihnen abhängige Ver- stimmung und Schwäche, und bringt bei längerem Gebrauch dauernde Heilung zu Stande. Ich habe selbst eine Keihe von solchen Beob- achtungen gemacht.

Ebenso wie Mantegäzza^ undFrankP es an sich erfahren, habe ich die peinlichen Beschwerden nach den grossen Mahlzeiten: Gefühl von Druck und Völle im, Magen, Unbehagen und Arbeitß- nnlust nach geringen Dosen Cocain (0-025 — 0*05 Gr.) unter Auf- stossen schwinden gesehen. Ich habe einigen Collegen zu wieder- holten Malen die gleiche Erleichterung verschafft und zweimal beob- achtet, wie die Nausea nach gastrischen Excessen in kurzer Zeit dem Cocain wich und normaler Esslust und subjeetivem Wohl- befinden Platz machte. Ich habe auch gelernt, mir die Magrai-

^ Detroit Therapeütic Gazette, February 1883.

ä Review of some of ouf later remodies, Detroit Th. Gr. December 1880. , ^ Ricerche sperimentali sull' azione fisiologica e terapeutica della Cocaina. Rendiconti del R. Ist. Lombardo XIV., 1882.

  • Ihre Angaben über die physiologische Wirkung des Cocains stehen im

Einklang mit denen MantegazKa'sä. Sie beobachteten als unmittelbaren Erfolg der Cocai'n-Injectionen : Pupillenerweiterung, Temperaturerhöhung bis um 1'2<', Be- schleunigung des Pulses und der Respiration. Ueble Zufälle treten niemals aof.

° Pharmakologiacli-therapeutisches Handbuch. Erlangen 1862.

  • 1. c. „an excellent tonic in weakness of the stomach".

' Mantegazza's ausführliche Krankengeschichten machen mir dorchaös den Eindruck der Glaubwürdigkeit

' Mittheilung über Coca von Dr. Josef Prankl, Badearzt in Marienbad. Zeitschrift der K. Gesellschaft der Aerzte 1860.


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beschwerten nach Einführung von salicylsaurcm Natron durch Zu- satz einer kleinen Menge Cocain zu ersparen.

Mein geehrter College, Herr Dr. Josef Pollak, hat mir folgende Beobachtung einer eclatanten Cocawirkung zur Verfügung gestellt, welche zeigt, dass nicht nur die unangenehmen subjectiven Empfindungen von Seiten des Magens durch Cocain aufgehoben werden, sondern auch schwere reflectorische Erscheinungen, so dass man dem Cocain eine eingreifende Wirksamkeit auf die Schleim- haut und Musculatur des Organs zuschreiben muss.

„Ein 42jähriger robuster, dem Arzte genau bekannter Mann ist zur strengsten Einhaltung einer gewissen Diät und bestimmter Essensstunden gezwungen, da er sonst den zu beschreibenden Zufällen niemals entgeht. Auf Reisen und unter dem Einflüsse von Gemttths- bewegungen erweist er sich als besonders empfindlich Die Anfälle verlaufen sehr regelmässig, beginnen des Abends mit einem Gefühle von Unbehagen im Epigastrium; dann tritt unter Röthung des Ge- sichts, Thränen der Augen, Klopfen der Carotiden heftiger Stirn- kopfschmerz ein mit grösster Depression und Apathie; die Nacht wird schlaflos verbracht, gegen Morgen Stunden lange anhaltendes schmerzhaftes Erbrechen, gegen Mittag Beruhigung, bei Genuss einiger Löffel Suppe ein Gefühl, „als ob der Magen eine schwere Kugel, die lange in ihm gelegen, endlich fortwälzen würde", dann ranziges Aufstossen, bis gegen Abend der normale Zustand wieder- kehrt. Den ganzen Tag über ist der Kranke arbeitsunfähig und muss zu Bette bleiben."

„Am 10, Juni um 8 Uhr Abends hatten sich die gewöhnlichen Vorboten eines Anfalls eingestellt ; um 10 Uhr, als der heftige Kopf- schmerz entwickelt war, bekam der Patient 0075 Cocain mur. Bald darauf ein Gefühl von warmem Aufstossen, das dem Patienten als „noch zu wenig" erschien. Um Va^l nochmals 0"075 Cocain; das Aufstossen verstärkt sich; Patient fühlt sich leichter, ist im Stande, einen längeren Brief zu schreiben. Er behauptet intensive Magenbewegungen zu verspüren, ist um 12 Uhr bis auf leichten Kopfschmerz normal, selbst heiter, legt einen Weg von einer Stunde zurück, kann bis 3 Uhr Morgens nicht einschlafen, was ihm aber nicht peinlich erscheint, wacht dann am nächsten Morgen gesund, arbeitskräftig und mit gutem Appetit auf."

Die Wirkung des Cocains auf den Magen ist, wie auch M a n t e- gazza annimmt, eine zweifache; Anregung der Bewegungen und Herabsetzung der Magenempfindlickeit. Die letztere wird nicht nur durch die subjectiven Empfindungen nach Coca-Einnahme, sondern auch durch die analoge Wirkung des Cocains auf andere Schleimhäute wahrscheinlich gemacht. Mantegazza behauptet, die glänzendsten Erfolge bei Gastralgien und Enteralgien, bei allen schmerz- und krampfhaften Afiectionen des Magens und der Därme erzielt zu haben, welche er durch die anästhesirende Eigenschaft der Coca er- klärt. Nach dieser Richtung kann ich Mantegazza's Erfahrungen nicht bestätigen; ich sah nur einmal im Verlaufe eines Magendarm-


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katarrhs die Druckempfindlichkeit des Magens nach Coca schwinden; andere Male sah ich selbst und hörte auch von anderen Aerzttn, dass Kranke, bei denen ein Verdacht auf Geschwür oder Narben Im Magen vorlag, über Verstärkung der Schmerzen nach Coca- gebrauch klagten, welche Thatsache durch die Verstärkung der Magenbewegungen erklärlich wird.

Als gesicherte Indication für den Cocagebrauch möchte ich demnach atonische Verdauungsschwäehe und die sogenannten ner- vösen Magenstörungen aufführen. In diesen Zuständen dürfte nicht nur symptomatische Erleichterung, sondern dauernde Besserung zu erreichen sein.

c) Coca in Kachexien, Längerer Cocagebrauch ist ferner dringend empfohlen und angeblich auch mit Erfolg versucht worden in allen krankhaften Zuständen, die mit Consumption der Gewebe einhergehen wie: schwere Anaemien, Phthise, langdauernde fieber- hafte Erkrankungen u. dgl , endlich in der Reconvalescenz von solchen Zuständen. So hat Mc Bean' bei typhösem Fieber unter dem Gebrauch der Coca eine stetig zunehmende Besserung gesehen, bei Phthise soll dieselbe das Fieber einschränkenden und die Schweisse mildernden Einfluss zeigen. Peckham* berichtet über einen Fall von sicher erkannter Phthise, der nach 7 monatlichem Gebrauch von Fluid extract of Coca sich auffällig besserte, H o 1 e ^ Über einen an- deren, ziemlich dunkeln Fall, in welchem eine chronische Appetit- losigkeit zu grosser Abzehrung und Erschöpfung geführt hatte, die Anwendung von Coca aber die Gesundheit wieder herstellte, R. Bar- thol ow* hat im Allgemeinen bei Phthise und anderen „zehrenden Processen" günstige Cocawirkung beobachtet; Mantegazza sowie mehrere andere Autoren sprechen der Coca dieselbe für die Therapie unschätzbare Leistung zu, in Kachexien den Körperverfall einzu- schränken und die Kräfte zu heben.

Man kann versuchen, diese Erfolge zum Theil auf die unzwei- felhaft günstige Einwirkung der Coca auf die Magenverdauung zu- rückzuführen, mus8 sich aber gegenwärtig halten, dass ein guter Theil der Autoren über Coca diese als ein „Sparmittel" ansehen, d. h. der Meinung sind, dass ein Organismus, der eine äusserst geringe Menge Cocain in sich aufgenommen hat, im Stande sei, aus denselben Zer- setzungen eine grössere Menge lebendiger Kraft, die in Arbeit umge- setzt werden kann, zu gewinnen als ohne Coca. ^ Bei sich gleich bleibender Arbeitsleistung müsste der cocai'nisirte Organismus bei geringerem StofFumsatz, also auch bei geringerer Nahrungsauf- nahme sich erhalten können.


  • Erythroxylon C!oea in the treatment of typus and typhoid fevers, and

also of other febrile diseases. British Medical Journal, vol. I for 1877.

' Detroit Therapeutic Gazette, July 1880.

  • C!oca Erythroxylon in exhanstion. Detroit Th. G,, Oct. 1880.
  • Detroit TL, G., Sept. 1880 nach Louiäville Medical News.

' Marvaud, Lea aliraents d' ^pargne. Paris 1874.

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Diese Annahme wurde offenbar zur Erklärung der nach v. V o it's ' Bemerkung unbegriffenen Gocawirkung auf die Indianer gemacht. Sie involvirt auch nicht nothwendig einen Widerspruch gegen das Gesetz der Erhaltung der Energie. Denn bei der Arbeitsleistung auf Kosten von Nahrungsmitteln oder Gewebsbestandtheilen tritt ein gewisser Verlust ein — entweder bei der Ausnützung der zersetzten Stoffe oder bei der Umwandlung der gewonnenen Energie in Arbeit — der vielleicht durch geeignete Anordnungen verringert werden könnte. Ein solcher Vorgang ist aber nicht erwiesen worden. Die Versuche über den Betrag der Harnstoffausscheidung bei und ohne Cocagebrauch haben nicht übereinstimmende Ergebnisse geliefert, sind wohl auch nicht immer unter den Bedingungen angestellt worden, in denen sie allein beweiskräftig sein könnten. Diese Versuche scheinen überdies unter der Voraussetzung gemacht worden zu sein, dass man in der — durch Arbeit bekanntlich nicht veränderlichen — Harn- stoffausscheidung das Mass für den allgemeinen Stoffumsatz finden könne. So hat Chris tison an sich eine leichte Abnahme der festen Harnbestandtheile während der mit Coca unternommenen Spazier- gänge beobachtet. Lippmann, Demarle, Marvaud und neuer- dings Mason^ ziehen aus ihren Versuchen ebenfalls den Schluss, dass Coca-Einnahme die ausgeschiedene Harnstoffraenge verringere, Gazeau* hat dagegen unter der Gocawirkung eine Zunahme der Hamstoffausscheidung um 1 1 — 24^/0 constatirtund erklärt die Nahrungs- entbehrung und Arbeitsfähigkeit bei Cocagebrauch durch eine bessere Verfügbarkeit der im Körper angehäuften Stoffe. Die Kohlensäureaus- scheidung ist nicht zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht worden.

Vom Kaffee, der ebenfalls als ein Sparmittel galt, hat Voit nachgewiesen, dass er keinen Einfluss auf die Eiweisszersetzung im Organismus hat. Die Auffassung der Coca als Sparmitte] muss durch Versuche als erschüttert betrachtet werden, in denen man Thiere mit und ohne Cocain hungern liess und die Abnahme des Körper- gewichts sowie die Zeit, durch die sie der Inanition widerstanden, bestimmte. Solche Versuche sind angestellt worden von Gl. Ber- nard*, Moreno y Maiz, Demarle, Gazeau und v. Anrep und haben das Resultat ergeben, dass cocainisirte Thiere ebenso rasch, vielleicht etwas rascher, der Inanition als nicht cocainisirte erliegen. Als ein Widerspruch erscheint dagegen jenes von der Ge- schichte angestellte von Unanue berichtete Experiment bei der Aushimgerung der Stadt La Paz, in welchem diejenigen Einwohner, die Coca genossen, dem Hungertode entgingen. Man kann sich hier darauf berufen, dass beim Menschen das Nervensystem einen unzwei- felhaften, wiewohl dunkeln Einfluss auf die Ernährung der Gewebe


' Physiologie des allgem. Stoffwechsels, 1881. Hermann's Handbuch VI. 1

  • Erythrosylon coca, its physiological effect and especially its effect on the

excretion of urea by the kidneys. Boston Med. and Surg. Journal, 1882.

^ Comptes rendus de l'AcadMie des seiences, IL 1870.

  • Bei Marvaud.


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DiguiZM by V^OOglt UNIVERSITYQFaLIFORNIA ' __ *i^/^


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ausübt; kann ein gesunder Mensch doch in Folge psychischer Ein- flüsse abmagern.

Die therapeutische Indieation, von der wir ausgegangen sind, erscheint daher nicht von vorne herein verwerflieh; die Erregung der Nervencentren durch Cocain kann einen günstigen Einfluss auf die Körperernährung bei Consumptionen ausüben, wenngleich derselbe nicht in einer Verlangsamung des Stoifwechsels bestehen dürfte.

Hier wäre anzuschliessen, dass Coea auch warme Lobredner bei Syphilis gefunden hat. R. W. Taylor* behauptet, dass mehr Quecksilber vertragen und die Mercurkachexie hintangehalten wird bei gleichzeitigem Cocagebrauch, und J. Collan^ empfiehlt es als das beste Mittel gegen Stomatitis mercurialis und theilt mit, dass Pagvalin es stets neben Quecksilberpräparaten verordne.

d) Coca in der Morphin- und Alkohol-Entwöhnung, In den letzten Jahren ist in Aroerika die wichtige Wahrnehmung gemacht worden, dass die Cocapräparate die Kraft besitzen, den Morphinhunger bei gewohnheitsmässigen Morphinisten zu unter- drücken und die bei der Morphinentwöhnung auftretenden schweren Gollapserscheinungen auf ein geringes Mass zurückzuführen. Nach meinen zumeist aus der „Detroit Therapeutic Gazette" geschöpften Informationen war es W. H. Bentley,^ der im Mai 1878 bekannt machte, dass er einer Morphinistin das gewohnte Alkaloid durch Coca ersetzt habe. Palmer scheint zwei Jahre später durch einen Aufsatz in den „Louisville Medical News" das allgemeinste Interesse für diese Behandlung des Morphinismus erregt zu haben, denn „Erythroxylon coca in the opium habit" bildet für die nächsten zwei Jahre eine stehende Rubrik in den Berichten der „Therapeutic Ga- zette". Von da ab werden die Nachrichten von gelungenen Ent- ziehungscuren seltener ; ob in Folge der Einbürgerung oder des Ver- lassens dieser Behandlung, weiss ich nicht zu sagen. Aus Ankündigun- gen von Händlern in den letzten Nummern amerikanischer Zeitungen möchte ich das Erstere seh li essen.

Es sind etwa 16 Mittheilungen, die von gelungenen Ent- ziehungen berichten, und nur einmal tritt die Nachricht auf, dass Coca bei einem Morphinisten in Stich gelassen habe, woran sich die Anfrage des Arztes knüpft, was es für Bewandtniss mit den vielen warmen Empfehlungen der Coca bei Morphinismus habe,* Die glück- lichen Fälle sind von verschieden grosser Beweiskraft, in einigen handelt es sich um sehr grosse Dosen Opium oder Morphin und lang- jährige Gewöhnung. Von Recidiven wird wenig berichtet, da die Fälle zumeist sehr bald nach der Heilung mitgetheilt wurden. Die Erscheinungen während der Abstinenz werden nicht immer ausführ- lich mitgetheilt; besonderen Werth haben jene Mittheilungen, denen die Bemerkung beigefügt ist, dass die Patienten nach einigen Wochen

' Pathology and Treatment in venereal diseases inDetroit Th.G.,February 1884. » 1. c.

  • Erythroxylon coca in the opium and Alcohol habits, D. T. G-, Sept. 1880.
  • D. T. G., Nov. 1880.


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Original from UNIVEÜ^r-VOF CALIFORNIA


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das Cocapräparat wegliessen, ohne die Wiederkehr des Morphin- hungers zu verspüren.^ Dass die Morphinkachexie der blühendsten Gesundheit wich, so dass die Kranken kaum zu erkennen waren, wird mehrmals hervorgehoben. ^ Die Art und Weise der Entziehung betreffend, ist anzugeben, dass in der Mehrzahl der Fälle die all- mälige Verringerung der habituellen Dosis bei steigender Coca-Dosis gewählt wurde, doch sind auch plötzliche Entziehungen vorgenommen worden.' Für die letzteren gibt Palmer die Vorschrift, eine ge- wisse Dosis Coca so oft im Tage zu wiederholen, als das Moi-phin- gelüste wiederkehrt.* Der tägliche CocagebrKUch verringert sich dabei allmälig, bis man das Antidot gänzlich entbehren kann. Die Zufälle während der Abstinenz waren von Anfang an gering oder milderten sich nach wenigen Tagen. Fast alle Entwöhnungen wurden von den Kranken selbst durchgeführt, während die Morphinent- ziehung ohne Hilfe der Coca, wie sie in Europa durchgeführt wird, die Ueberwachung des Kranken in einer Heilanstalt zur nothwen- digen Voraussetzung hat.

Ich hatte Gelegenheit, eine plötzliche Morphinentziehung unter Cocagebrauch bei einem Manne zu beobachten, der bei einer frü- heren Entziehungscar unter den schwersten Abstinenzerscheinungen gelitten hatte. Das Befinden war diesmal ein erträgliches, insbe- sondere fehlten Depression und Nausea, so lange die Cocawirkung anhielt; Frieren und Diarrhöe waren die einzigen permanenten Symptome, welche an die Abstinenz erinnerten. Der Kranke blieb ausser Bette und leistungsfähig, und verbrauchte in den ersten Tagen je 3 Decigramm Cocai'num muriaticum; nach 10 Tagen konnte er das Mittel bei Seite lassen.

. Es handelt sich bei der Morphinentziehung durch Coca also nicht um einen Tausch, bei welchem aus dem Morphinisten ein Coquero wird, sondern nur um einen temporären Cocagebrauch. Ich glaube auch nicht, dass es die allgemein stählende Wirkung der Coca ist, welche den durch Morphin geschwächten Organismus in den Stand setzt, die Morphinentziehung unter geringfügigen Sym- ptomen zu überstehen. Ich möchte eher annehmen, dass der Coca eine direct antagonistische Wirkung gegen das Morphin zukommt, und kann zur Unterstützung dieser Meinung einen Fall mittheilen, den ich den Beobachtungen des Herrn Dr. Josef Pollak entlehne:

„Eine 33jährige Dame leidet seit Jahren an schwerer men- stiTialer Migraine, welche nur durch eine Morphiuminjection gelin- dert wird. Obwohl die Dame in den migrainefreien Zeiten niemals Morphium nimmt oder Gelüste danach empfindet, verhält sie sich doch während ihrer Anfälle wie eine Morphinistin. Wenige Stunden


' J. Brenton, T. Gr., März 1881. ~ G. H. Gray aus The medieal brief T. G,, Juni 1881. — H. Leforger, Dec. 1872. —

' E. C. Huae, T. G. Sept. 1880. — Henderson, T, G. Februar 1881.

ä R. Taggart, T. G. Mai 1881. — A. F. Stimmel, TG, Juli 1881.

  • T, G-, Juli 18S0. Das angewendete Präparat war zumeist das Fluid


extract von Parke, Davis & Cie.


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nach der Ii^ectiön treten hochgradige Depression, Uebligkeiten, Er- brechen ein, denen eine nochmalige Morphineinspritznng ein Ende macht, worauf die Erscheinungen der Intoleranz sich wiederholen, so dass ein Migraineanfall mit seinen Consequenzen die Kranke durch drei Tage in einem elenden Zustande ans Bett fesselt. Es wurde nun Cocal'n gegen die Migraine gegeben, erwies sich aber als nutz- los. Min musste zur Morphiuminjeetion zurückgreifen, aber als die Erscheinungen der Morphiumintoleranz auftraten, wurden sie rasch durch 1 Det.igramm Cocain beseitigt, so dass die Kranke ihren Anfall in weit kürzerer Zeit überstanden und dabei viel weniger Morphin verbraucht hatte."

Gleichzeitig mit der Anwendung gegen den Morphinismus wurde Coca in Amerika gegen chronischen Alkoholismus gegeben und zumeist unter Einem darüber berichtet.^ Auch hier wurden un- zweifelhafte Erfolge erzielt, die unwiderstehliche Trinklust aufgehoben oder gelindert, die dyspeptischen Beschwerden der Trinker gebessert. Die Unterdrückung des Alkoholgeltistes durch Coca erwies sich im Allgemeinen schwieriger als die der Morphiumsucht ; in einem Falle, theiltBentl ey mit, wurde aus dem Potator ein Coqucro. Zu welcher ungeheuren nationalökonomischen Bedeutung als „Sparmittel" in anderem Sinne die Coca gelangen würde, wenn deren Wirksamkeit zur Entwöhnung der Trinker sich bestätigte, braucht nur angedeutet zu werden.

e) Coca gegen Asthma. Tschudi und Markham^ erzählen, dass sie bei dem Kauen der Cocablätter von der sogenann- ten Bergkrankheit, dem aus Dyspnoe, Herzklopfen, Schwindel u. s. w. zusammengesetzten Symptomencomplex bei Besteigung der An des verschont blieben. — Poizat* berichtet, dass die asthmatischen An- fölle eines Kranken jedesmal durch Coca coupirt wurden. Ich führe diese Indication der Coca an, weil sie eine physiologische Begrün- dung zuzulassen scheint. Frühzeitige Lähmung einiger Vagusäste ergab sich aus den Thierversuchen v. Anrep's, und das Höhen- asthma wie die Anfalle bei chronischer Bronchitis dürfen als reflec- torisehe Erregungen von den Lungenästen des Vagus her gedeutet werden. Es wäre die Anwendung der Coca bei anderen Vagusneu- rosen in Betracht zu ziehen.

f) Coca als Aphrodisiacum. Die Eingeborenen Südame- rijsa's, die ihre Liebesgöttin mit Cocablättern in der Hand darstellten, zweifelten nicht an der erregenden Wirkung der Coca auf die Geni- talsphäre. Mantegazza bestätigt, dass die Coqueros hohe Potenz bis ins Greisenalter bewahren, theilt auch selbst Fälle von der Wieder- herstellung der Potenz und Schwinden von Erscheinungen functio- neller Schwäche nach Cocagebrauch mit, möchte aber doch glauben,


' W. H. Bentley, T. G. Sept. 80. — Volum. Jan. 1881. — H. Warner, März 8". — Stimmel, April und Juli 81. —

> Travels in Peru and India 1862.

  • The Erythroxylon coca in Asthma. Philadelphia Medical ajid Surgical

Beporter, 1881.


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daßs diese Wirkung der Coea nicht bei allen Individuen hervortritt. Marvaud tritt mit Entschiedenheit für die stimulirende Wirkung der Coca ein, andere Autoren empfehlen Coca angelegentlich bei funetio- neller Schwäche und temporärer Erschöpfung, undBentley berichtet von der Heilung eines hieher gehörigen Falles.'

Unter den Personen, denen ich Coca gab, haben mir drei von heftiger sexueller Erregung, die sie unbedenklich auf die Coca be- zogen, berichtet. Ein junger Schriftsteller, der nach längerer Verstim- mung durch Coca in den Stand gesetzt wurde, seine Arbeit aufzu- nehmen, verzichtete auf den Cocagebraueh wegen dieser ihm uner- wünschten Nebenwirkung.

g) Oertliche Anwendung der Coca. Die Eigenschaft des Cocains und seiner Salze, Haut und Schleimhaut, mit welchen sie in concentrirter Lösung in Berührung kommen, zu anästhesiren, ladet zu gelegentlicher Verwendung insbesondere bei Schleimhaut- atfectionen ein. Nach CoUin^ rühmt Ch. Fauvel das Cocain in der Behandlung der Pharynxkrankheiten und bezeichnet es als „le tenseur par excellence de chordes vocales". Anwendungen, die auf der anästhesirenden Eigenschaft des Cocains beruhen, dürften sich wohl noch mehrere ergeben,

" ' T. G., Dec. 1880.

' De la coca et de ses v^ritables proprietes thörapeutiques. L'Union m6- dicale, 1877.


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Nachträge.

1. Zur Coca\?irkung beim gesunden Menschen. Seit Publication der im Vorstehenden wiederabgedruckten Abhandlung hatte ich Gelegenheit, die Einwirkung des Cocains auf eine grössere Anzahl von Personen zu verfolgen, und niuss nach den dabei ge- machten Erfahrungen die Verschiedenheit der individuellen Reaction auf Cocain noch schärfer hervorheben. Ich habe sowohl Individuen gefunden, welche eine mit der meinigen vollkommen überein- stimmende Coca-Euphorie zeigten, als auch solche, die sich durch Dosen von 005 — O'lOgr gar nicht beeinflusst fühlten, und andere, welche mit einem leichten, durch Schwatzhaftigkeit und taumeliges Wesen ausgezeichneten Rauschzustande darauf reagirten. Dagegen schien mir die Steigerung der Leistungsfähigkeit ein constantes Symptom der Cocawirkung zu sein, und ich habe, durch solche Erfahrungen angeregt, den Versuch gemacht, die Cocawirkung durch die Veränderung von am Lebenden messbaren Grössen darzu- stellen und messend zu verfolgen. Die Erfolge dieses Versuchs sind in der „Wiener medicinischen Wochenschrift" vom 31. Jänner 1885 mitgetheilt und beziehen sich auf die Prüfung der Muskelkraft der Arme mittelst des Dynamometers und auf die Prüfung der psychischen Reactionszeit mit Hilfe eines von Prof. Exner an- gegebenen Instrumentes, des Neuraraoebimeters. Ich konnte an mir feststellen, dass die Druckkraft einer Hand durch die Einnahme von 0-10 gr Cocain mur. um 2 — 4 Kilo, die Druckkraft beider Hände um 4 — 6 Kilo erhöht wird. Dabei ist interessant, dass die Cocawir- kung von dem jeweiligen Zustande der Versuchsperson abhängig ist, bei geringen Anfangszahlen für die motorische Kraft auffälliger zur Geltung kommt als bei hohen. Die Steigerung der motorischen Kraft durch Coca tritt plötzlich nach etwa 15 Minuten ein und hält allmälig abnehmend durch 4 — 5 Stunden an. Dieselbe läuft also der Coca-Euphorie parallel und scheint auch eher von der cen- tralen Arbeitsbereitschaft, von der Hebung des Allgemeinbefindens, als von einem directen Einflüsse auf motorische Apparate herzu- rühren. Auch eine Veränderung der psychischen Reactionszeit wurde beobachtet. Letztere gestaltete sich nach Coca-Einnahme bei mir so, wie im besten Wohlbefinden, wenn sie vor Cocain einem schlechteren Befinden entsprechend, ungleichförmig und verlängert gewesen war, — Die dynamometrisch nachweisbare Steigerung der Muskelkraft durch Cocain darf als endgiltige Beglaubigung der Nachrichten über die Cocawirkung bei den Indianern angesehen werden.


Original from

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2. Zur Cocawirkung bei Morphinismus. Die Ver- wendbarkeit des CocaTns bei*. Sfcrphincollaps ist neuerdings von Richter (Pankow) bestätigt worden, welcher Autor auch für die im Texte aufgestellte antagonistische Beziehung zwischen der Cocaln- und der Morphinwirkung eintritt.

3. Zur internen Anwendung des Cocains. Da gegen- wärtig mehrere Autoren in unberechtigter Aengstlichkeit von der internen Anwendung des Cocains Arges zu befürchten scheinen, ist es nicht überflüssig hervorzuheben, dass selbst subcutane Injectionen, wie Ich sie- mit Erfolg bei alter Ischias gemacht habe, ganz unbe- denklich sind. Die toxische Dosis liegt für den Menschen sehr hoch, eine, letale scheint es nicht zu geben.

4. Zur localen Wirkung des Cocains. Diese Indication für den' Cocagebrauch ist durch die Anwendung von Koller zur Anästhesirung der Hornhaut, durch die Arbeiten von König stein, Jellnek und ungezählten arideren zur allgemeinsten Anerkennung gelangt und sichert dem Cocain einen bleibenden Werth im Arznei- schatze. Es ist zu erwarten, dass die interne Verwendung des Cocains zu ebenso erfreulichen Ergebnissen führen wird, doch stellt sich der gegenwärtig noch gesteigerte Preis des Mittels allen weiteren Versuchen als Hinderniss entgegen.






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