The History of the Psychoanalytic Movement  

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"I would like to say in conclusion that Jung, by his "modifications" has furnished psychoanalysis with a counterpart to the famous knife of Lichtenberg. He has changed the hilt, has inserted into it a new blade, and because the same trademark is engraved on it he requires of us that we regard the instrument as the former one."--The History of the Psychoanalytic Movement (1914) by Sigmund Freud, A. A. Brill translation

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Kunstformen der Natur (1904) by Ernst Haeckel

The History of the Psychoanalytic Movement (Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung) is a 1914 work by Sigmund Freud, the founder of psychoanalysis.

Content

Freud's work is intended primarily as a polemic against the competing theories in psychotherapy which opposed his psychoanalysis, for example Alfred Adler's individual psychology and Carl Jung's analytical psychology. Adler and Jung had previously been followers of Freud but objected to his emphasis on sexual matters. His main criticism of them is their insistence on still calling themselves psychoanalysts.

Full text[1]

PROF. SIGM. FREUD

Zur Gcscmckte. der payctioaiialytlstticn JSrwcaune


L


Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


Von


Prof. Dr. Sigm. Freud


Fluctuat nee mergitur

Im Wappen der Stadt Paris


1924

Internationaler Psychoanalytischer Verlag

Leipzig / Wien / Zürich


I

Alle Rechte, insbesonders die der Übersetzung, vorbehalten.

Copyright 1924 by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H. a , "Wien.


„Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung", im Februar 19 14 geschrieben, erschien zuerst im „Jahrbuch der Psycho- analyse", Band VI, ioi/f- dann in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Von Prof. Dr. Sigm. Freud". Vierte Folge, 1918, zweite Auflage, I$22. Die vorliegende Veröffent- lichung ist die erste in selbständiger Buchform.



INTERNATIONAL

PSYCHÖANALYTIC

UNIVERSITY

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN


Gesellschaft für Graphische Industrie, Wien, III., Rüdengasse 11.


Wenn ich im Nachstehenden Beiträge zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung bringe, so wird sich über deren subjektiven Charakter und über die Rolle, die meiner Person darin zufällt, niemand verwundern dürfen. Denn die Psychoanalyse ist meine Schöpfung, ich war durch zehn Jahre der einzige, der sich mit ihr beschäftigte, und alles Mißvergnügen, welches die neue Erscheinung bei den Zeitgenossen hervorrief, hat sich als Kritik auf mein Haupt entladen. Ich finde mich berechtigt, den Standpunkt zu vertreten, daß auch heute noch, wo ich längst nicht mehr der einzige Psychoanalytiker bin, keiner besser als ich wissen kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich von anderen Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet, und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser anders zu benennen ist. Indem ich so zurückweise, was mir als eine kühne Usurpation erscheint, gebe ich unseren Lesern indirekten Aufschluß über die Vorgänge, die zum Wechsel in der Redaktion und Erscheinungsform dieses Jahrbuches geführt haben.

Als ich im Jahre 190g auf dem Katheder einer amerikanischen Universität zuerst öffentlich von der Psychoanalyse reden durfLe, habe ich, von der Bedeutung des Moments für meine Bestrebungen ergriffen, erklärt, ich sei es nicht gewesen, der die Psychoanalyse ins Leben gerufen. Dies Verdienst habe ein anderer, Josef Breuer, erworben zu einer Zeit, da ich Student und mit der Ablegung meiner Prüfungen beschäftigt gewesen sei (1880 bis



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


]882).' Aber wohlmeinende Freunde haben mir seither die Erwägung nahegelegt, ob ich meiner Dankbarkeit damals nicht einen unangemessenen Ausdruck gegeben. Ich hätte, wie bei früheren Veranlassungen, das „kathartische Verfahren" von Breuer als ein Vorstadium der Psychoanalyse würdigen und diese selbst erst mit meiner Verwerfung der hypnotischen Technik und Einführung der freien Assoziationen beginnen lassen sollen. Nun ist es ziemlich gleichgültig, ob man die Geschichte der Psychoanalyse vom kathartischen Verfahren an oder erst von meiner Modifikation desselben rechnen will. Ich gehe auf dieses uninteressante Problem nur ein, weil manche Gegner der Psychoanalyse sich gelegentlich darauf zu besinnen pflegen, daß ja diese Kunst gar nicht von mir, sondern von Breuer herrührt. Dies ereignet sich natürlich nur in dem Falle, daß ihnen ihre Stellung gestattet, einiges an der Psychoanalyse beachtenswert zu finden; wenn sie sich in der Ablehnung keine solche Schranke auferlegen, dann ist die Psychoanalyse immer unbestritten mein Werk. Ich habe noch nie erfahren, daß Breuers großer Anteil an der Psychoanalyse ihm das ent- sprechende Maß von Schimpf und Tadel eingetragen hätte. Da ich nun längst erkannt habe, daß es das unvermeidliche Schicksal der Psychoanalyse ist, die Menschen zum Widerspruch zu reizen und zu erbittern, so habe ich für mich den Schluß gezogen, ich müßte doch von allem, was sie auszeichnet, der richtige Urheber sein. Mit Befriedigung füge ich hinzu, daß keine der Bemühungen, meinen Anteil an der vielgeschmähten Analyse zu schmälern, je von Breuer selbst ausgegangen ist oder sich seiner Unterstützung rühmen konnte.

Der Inhalt der Breu ersehen Entdeckung ist so häufig dar- gestellt worden, daß deren ausführliche Diskussion hier entfallen

\) Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20jährigen Gründungs- feier der Clark University in Worcester, Mass., gewidmet Stanley Hall. 5. Auflage, 1916. Gleichzeitig englisch erschienen im Amer. Journ. of Psychology, March 191»; übersetzt ins Holländische, Ungarische, Polnische, Russische, Spanische und Italienische.


Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


darf. Die Grundtatsache, daß die Symptome der Hysterischen von eindrucksvollen, aber vergessenen Szenen ihres Lebens (Traumen) abhängen, die darauf gegründete Therapie, sie diese Erlebnisse in der Hypnose erinnern und reproduzieren zu lassen (Katharsis), und das daraus folgende Stückchen Theorie, daß diese Symptome einer abnormen Verwendung von nicht erledigten Erregungs- größen entsprechen (Konversion). Breuer hat jedesmal, wo er in seinem theoretischen Beitrag zu den „Studien über Hysterie" der Konversion gedenken muß, meinen Namen in Klammern hinzugesetzt, als ob dieser erste Versuch einer theoretischen Rechenschaft mein geistiges Eigentum wäre. Ich glaube, daß sich diese Zuteilung nur auf die Namengebung bezieht, während sich die Auffassung uns gleichzeitig und gemeinsam

ergeben hat.

Es ist auch bekannt, daß Breuer die kathartische Behandlung nach seiner ersten Erfahrung durch eine Reihe von Jahren ruhen ließ und sie erst wieder aufnahm, nachdem ich, von Charcot zurückgekehrt, ihn dazu veranlaßt hatte. Er war Internist und durch eine ausgedehnte ärztliche Praxis in Anspruch genommen; ich war nur ungern Arzt geworden, hatte aber damals ein starkes Motiv bekommen, den nervösen Kranken helfen oder wenigstens etwas von ihren Zuständen verstehen zu wollen. Ich hatte mich der physikalischen Therapie anvertraut und fand mich ratlos ange- sichts der Enttäuschungen, welche mich die an Ratschlägen und Indikationen so reiche „Elektrotherapie" von W. Erb erlaben ließ. Wenn ich mich damals nicht selbständig zu dem später von Moebius durchgesetzten Urteil durcharbeitete, daß die Erfolge der elektrischen Behandlung bei nervösen Störungen Suggestions- erfolge seien, so trug gewiß nichts anderes als das Ausbleiben dieser versprochenen Erfolge die Schuld daran. Einen ausreichenden Ersatz für die verlorene elektrische Therapie schien damals die Behandlung mit Suggestionen in tiefer Hypnose zu bieten, die ich durch die äußerst eindrucksvollen Demonstrationen von


Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


Liebault und Bernheim kennen lernte. Aber die Erforschung in der Hypnose, von der ich durch Breuer Kenntnis hatte, mußte durch ihre automatische Wirkungsweise und die gleichzeitige Befriedigung der Wißbegierde ungleich anziehender wirken, als das monotone, gewalttätige, von jeder Forschung ablenkende suggestive Verbot.

Wir haben kürzlich als eine der jüngsten Erwerbungen der Psychoanalyse die Mahnung vernommen, den aktuellen Konflikt und die Krankheitsveranlassung in den Vordergrund der Analyse zu rücken. Nun das ist genau das, was Breuer und ich zu Beginn unserer Arbeiten mit der kathartischen Methode getan haben. Wir lenkten die Aufmerksamkeit des Kranken direkt auf die traumatische Szene, in welcher das Symptom entstanden war, suchten in dieser den psychischen Konflikt zu erraten und den unterdrückten Affekt frei zu machen. Dabei entdeckten wir den für die psychischen Prozesse bei den Neurosen charakteristischen Vorgang, den ich später Regression genannt habe. Die Asso- ziation des Kranken ging von der Szene, die man aufklären wollte, auf frühere Erlebnisse zurück und nötigte die Analyse, welche die Gegenwart korrigieren sollte, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Diese Regression führte immer weiter nach rückwärts, zuerst schien es, regelmäßig bis in die Zeit der Pubertät, dann lockten Mißerfolge wie Lücken des Verständnisses die analytische Arbeit in die dahinterliegenden Jahre der Kindheit, die bisher für jede Art von Erforschung unzugänglich gewesen waren. Diese regrediente Richtung wurde zu einem wichtigen Charakter der Analyse. Eis zeigte sich, daß die Psychoanalyse nichts Aktuelles aufklären könne außer durch Zurückführung auf etwas Vergangenes, ja daß jedes pathogene Erlebnis ein früheres vor- aussetzt, welches, selbst nicht pathogen, doch dem späteren Ereignis seine pathogene Eigenschaft verleiht. Die Versuchung, bei dem bekannten aktuellen Anlaß zu verbleiben, war aber so groß, daß ich ihr noch bei späten Analysen nachgegeben habe.


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In der 1899 durchgeführten Behandlung der „Dora" genannten Patientin war mir die Szene bekannt, welche den Ausbruch der aktuellen Erkrankung veranlaßt hatte. Ich bemühte mich unge- zählte Male, dieses Erlebnis zur Analyse zu bringen, ohne auf meine direkte Aufforderung jemals etwas anderes zu erhalten, als die nämliche kärgliche und lückenhafte Beschreibung. Erst nach einem langen Umweg, der über die früheste Kindheit der Patientin führte, stellte sich ein Traum ein, zu dessen Analyse die bis dahin vergessenen Einzelheiten der Szene erinnert wurden, womit das Verständnis und die Lösung des aktuellen Konfliktes ermöglicht waren.

Man kann aus diesem einen Beispiel ersehen, wie irre- führend die vorhiii erwähnte Mahnung ist, und welcher Betrag wissenschaftlicher Regression in der so angeratenen Vernach- lässigung der Regression in der analytischen Technik zum Aus- druck kommt.

Die erste Differenz zwischen Breuer und mir trat in einer Frage des intimeren psychischen Mechanismus der Hysterie zutage. Er bevorzugte eine sozusagen noch physiologische Theorie, wollte die seelische Spaltung der Hysterischen durch das Nicht- kommunizieren verschiedener seelischer Zustände (oder wie wir damals sagten: Bewußtseinszustände) erklären und schuf so die Theorie der „hypnoiden Zustände", deren Ergebnisse wie unassimilierte Fremdkörper in das „Wachbewußtsein" hineinragen sollten. Ich hatte mir die Sache weniger wissenschaftlich zurecht- gelegt, witterte überall Tendenzen und Neigungen analog denen des täglichen Lebens und faßte die psychische Spaltung selbst als Ergebnis eines Abstoßungsvorganges, den ich damals „Abwehr 1 , später „Verdrängung" benannte. Ich machte einen kurzlebigen Versuch, die beiden Mechanismen nebeneinander bestehen zu lassen, aber da mir die Erfahrung stets das nämliche und nur eines zeigte, stand bald seiner Hypnoidtheorie meine Abwehrlehre gegenüber.


8 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung

Ich bin indes ganz sicher, daß dieser Gegensatz nichts mit unserer bald darauf eintretenden Trennung zu tun hatte. Dieselbe war tiefer motiviert, aber sie kam so, daß ich sie anfangs nicht verstand und erst später nach allerlei guten Indizien deuten lernte. Man erinnert sich, daß Breuer von seiner berühmten ersten Patientin ausgesagt hatte, das sexuale Element sei bei ihr erstaunlich unentwickelt gewesen und habe niemals einen Beitrag zu ihrem reichen Krankheitsbilde geliefert. Ich habe mich immer verwundert, daß die Kritiker diese Versicherung Breuers meiner Behauptung von der sexuellen Ätiologie der Neurosen nicht öfter entgegengestellt haben, und weiß noch heute nicht, ob ich in dieser Unterlassung einen Beweis für ihre Diskretion oder für ihre Unachtsamkeit sehen soll. Wer die Breuer sehe Kranken- geschichte im Lichte der in den letzten zwanzig Jahren gewonnenen Erfahrung von neuem durchliest, wird die Symbolik der Schlangen, des Starrwerdens, der Armlähmung nicht mißverstehen und durch Einrechnung der Situation am Krankenbette des Vaters die wirk- liche Deutung jener Symptombildung leicht erraten. Sein Urteil über die Rolle der Sexualität im Seelenleben jenes Mädchens wird sich dann von dem ihres Arztes weit entfernen. Breuer stand zur Herstellung der Kranken der intensivste suggestive Rapport zu Gebote, der uns gerade als Vorbild dessen, was wir „Übertragung" heißen, dienen kann. Ich habe nun starke Gründe zu vermuten, daß Breuer nach der Beseitigung aller Symptome die sexuelle Motivierung dieser Übertragung an neuen Anzeichen entdecken mußte, daß ihm aber die allgemeine Natur dieses unerwarteten Phänomens entging, so daß er hier, wie von einem „untoward event" betroffen, die Forschung abbrach. Er hat mir hievon keine direkte Mitteilung gemacht, aber zu verschiedenen Zeiten Anhaltspunkte genug gegeben, um diese Kombination zu rechtfertigen. Als ich dann immer entschiedener für die Bedeutung der Sexualität in der Verursachung der Neurose eintrat, war er der erste, der mir jene Reaktionen der unwilligen Ablehnung



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zeigte, die mir später so vertraut werden sollten, die ich damals aber noch nicht als mein unabwendbares Schicksal erkannt hatte.

Die Tatsache der grob sexuell betonten, zärtlichen oder feind- seligen Übertragung, die sich bei jeder Neurosenbehandlung ein- stellt, obwohl sie von keinem Teil gewünscht oder herbeigeführt wird ist mir immer als der unerschütterlichste Beweis für die Her- kunft der Triebkräfte der Neurose aus dem Sexualleben erschienen. Dies Argument ist noch lange nicht ernsthaft genug gewürdigt worden, denn geschähe dies, so bliebe der Forschung eigentlich keine Wahl. Für meine Überzeugung ist es entscheidend geblieben, neben und über den speziellen Ergebnissen der Analysenarbeit.

Ein Trost für die schlechte Aufnahme, welche meine Auf- stellung der sexuellen Ätiologie der Neurosen auch im engeren Freundeskreis fand — es bildete sich bald ein negativer Raum um meine Person — lag doch in der Überlegung, daß ich für eine neue und originelle Idee den Kampf aufgenommen hatte. Allein eines Tages setzten sich bei mir einige Erinnerungen zusammen, welche diese Befriedigung störten und mir dafür einen schönen Einblick in den Hergang unseres Schaffens und die Natur unseres Wissens gestatteten. Die Idee, für die ich verant- wortlich gemacht wurde, war keineswegs in mir entstanden. Sie war mir von drei Personen zugetragen worden, deren Meinung auf meinen tiefsten Respekt rechnen durfte, von Breuer selbst, von Charcot und von dem Gynäkologen unserer Universität Chrobak, dem vielleicht hervorragendsten unserer Wiener Ärzte. Alle drei Männer hatten mir eine Einsicht überliefert, die sie, streng genommen, selbst nicht besaßen. Zwei von ihnen verleugneten ihre Mitteilung, als ich sie später daran mahnte, der dritte (Meister Charcot) hätte es wahrscheinlich ebenso getan, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, ihn wiederzusehen. In mir aber hatten diese ohne Verständnis aufgenommenen identischen Mitteilungen durch Jahre geschlummert, bis sie eines Tages als eine scheinbar originelle Erkenntnis erwachten.



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Als ich eines Tages als junger Spitalsarzt Breuer auf einem Spaziergange durch die Stadt begleitete, trat ein Mann an ihn heran, der ihn dringend sprechen wollte. Ich blieb zurück, und als B r e u-e r frei geworden war, teilte er mir in seiner freundlich belehrenden Weise mit, es sei der Mann einer Patientin gewesen, der eine Nachricht über sie gebracht hätte. Die Frau, fügte er hinzu, benehme sich in Gesellschaften in so auffälliger Art, daß man sie ihm als Nervöse zur Behandlung übergeben habe. Das sind immer Geheimnisse des Alkovens, schloß er dann. Ich fragte erstaunt, was er meine, und er erklärte mir das Wort („des Ehebettes")» weil er nicht verstand, daß mir die Sache so unerhört erschienen war.

Einige Jahre später befand ich mich an einem der Empfangs- abende Charcots in der Nähe des verehrten Lehrers, der gerade Brouardel eine, wie es schien, sehr interessante Geschichte aus der Praxis des Tages erzählte. Ich hörte den Anfang ungenau, allmählich fesselte die Erzählung meine Aufmerksamkeit. Ein junges Ehepaar von weit her aus dem Orient, die Frau schwer leidend, der Mann impotent oder recht ungeschickt. Tächez donc, hörte ich Charcot wiederholen, je vous assure, vous y arriverez. Brouardel, der weniger laut sprach, muß dann seiner Verwunderung Ausdruck gegeben haben, daß unter solchen Umständen Symptome wie die der Frau zustande kämen. Denn Charcot brach plötzlich mit großer Lebhaftigkeit in die Worte aus: Mais, dans des cas pareils c'est toujours la chose genitale, toujours . . . toujours . . . toujours. Und dabei kreuzte er die Hände vor dem Schoß und hüpfte mit der ihm eigenen Leb- haftigkeit mehrmals auf und nieder. Ich weiß, daß ich für einen Augenblick in ein fast lähmendes Erstaunen verfiel und mir sagte: Ja, wenn er das weiß, warum sagt er das nie? Aber der Eindruck war bald vergessen; die Gehirnanatomie und die experimentelle Erzeugung hysterischer Lähmungen hatten alles Interesse absorbiert.


Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 1 1


Ein Jahr später hatte ich als Privatdozent für Nervenkrankheiten meine ärztliche Tätigkeit in Wien begonnen und war in allem, was Ätiologie der Neurosen betraf, so unschuldig und so unwissend geblieben, wie man es nur von einem hoffnungsvollen Akademiker fordern darf. Da traf mich eines Tages ein freundlicher Ruf Chrobaks, eine Patientin von ihm zu übernehmen, welcher er in seiner neuen Stellung als Universitätslehrer nicht genug Zeit widmen könne. Ich kam früher als er zur Kranken und erfuhr, daß sie an sinnlosen Angstanfällen leide, die nur durch die sorgfältigste Information, wo sich zu jeder Zeit des Tages ihr Arzt befinde, beschwichtigt werden könnten. Als Chrobak erschien, nahm er mich beiseite und eröffnete mir, die Angst der Patientin rühre daher, daß sie trotz achtzehnjähriger Ehe Virgo intacta sei. Der Mann sei absolut impotent. Dem Arzt bleibe in solchen Fällen nichts übrig, als das häusliche Mißgeschick mit seiner Reputation zu decken und es sich gefallen zu lassen, wenn man achsel- zuckend über ihn sage: Der kann auch nichts, wenn er sie in soviel Jahren nicht hergestellt hat. Das einzige Rezept für solche Leiden, fügte er hinzu, ist uns wohl bekannt, aber wir können es nicht verordnen. Es lautet:

Rp. Penis normalis

dosim Repetatur!

Ich hatte von solchem Rezept nichts gehört und hätte gern den Kopf geschüttelt über den Zynismus meines Gönners.

Ich habe die erlauchte Abkunft der verruchten Idee gewiß nicht darum aufgedeckt, weil ich die Verantwortung für sie auf andere abwälzen möchte. Ich weiß schon, daß es etwas anderes ist, eine Idee ein oder mehrere Male in Form eines flüchtigen Apercus auszusprechen — als : ernst mit ihr zu machen, sie wörtlich zu nehmen, durch alle widerstrebenden Details hindurchzuführen und ihr ihre Stellung unter den anerkannten Wahrheiten zu erobern. Es ist der Unterschied zwischen einem leichten Flirt und


lö Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung


einer rechtschaffenen Ehe mit all ihren Pflichten und Schwierig- keiten. Epouser les idees de... ist eine wenigstens im Französischen gebräuchliche Redewendung.

Von den anderen Momenten, die durch meine Arbeit zum kathartischen Verfahren hinzukamen und es zur Psychoanalyse umgestalteten, hebe ich hervor: Die Lehre von der Verdrängung und vom Widerstand, die Einsetzung der infantilen Sexualität und die Deutung und Verwertung der Träume zur Erkenntnis des Unbewußten.

In der Lehre von der Verdrängung war ich sicherlich selbständig, ich weiß von keiner Beeinflussung, die mich in ihre Nähe gebracht hätte, und ich hielt diese Idee auch lange Zeit für eine originelle, bis uns 0. Rank die Stelle in Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung" zeigte, in welcher sich der Philosoph um eine Erklärung des Wahnsinnes bemüht. 1 Was dort über das Sträuben gegen die Annahme eines peinlichen Stückes der Wirklichkeit gesagt ist, deckt sich so vollkommen mit dem Inhalt meines Verdrängungsbegriffes, daß ich wieder einmal meiner Unbelesenheit für die Ermöglichung einer Entdeckung verpflichtet sein durfte. Indes haben andere diese Stelle gelesen und über sie hinweggelesen, ohne diese Entdeckung zu machen, und vielleicht wäre es mir ähnlich ergangen, wenn ich in früheren Jahren mehr Geschmack an der Lektüre philosophischer Autoren gefunden hätte. Den hohen Genuß der Werke Nietzsches habe ich mir dann in späterer Zeit mit der bewußten Motivierung versagt, daß ich in der Verarbeitung der psychoanalytischen Eindrücke durch keinerlei Erwartungsvorstellung behindert sein wolle. Dafür mußte ich bereit sein — und ich bin es gerne — , auf alle Prioritätsansprüche in jenen häufigen Fällen zu verzichten, in denen die mühselige psychoanalytische Forschung die intuitiv gewonnenen Einsichten des Philosophen nur bestätigen kann.

1) Zentralblatt für Psychoanalyse, 1911, Bd. I, S. 69.


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Die Verdrängungslehre ist nun der Grundpfeiler, auf dem das Gebäude der Psychoanalyse ruht, so recht das wesentlichste Stück derselben und selbst nichts anderes als der theoretische Ausdruck einer Erfahrung, die sich beliebig oft wiederholen läßt, wenn man ohne Zuhilfenahme der Hypnose an die Analyse eines Neurotikers geht. Man bekommt dann einen Widerstand zu spüren, welcher sich der analytischen Arbeit widersetzt und einen Erinnerungsausfall vorschiebt, um sie zu vereiteln. Diesen Wider- stand muß die Anwendung der Hypnose verdecken; darum setzt die Geschichte der eigentlichen Psychoanalyse erst mit der technischen Neuerung des Verzichts auf die Hypnose ein. Die theoretische Würdigung des Umstandes, daß dieser Widerstand mit einer Amnesie zusammentrifft, führt dann unvermeidlich zu jener Auffassung der unbewußten Seelentätigkeit, welche der Psycho- analyse eigentümlich ist und sich von den philosophischen Spekulationen über das Unbewußte immerhin merklich unter- scheidet. Man darf daher sagen, die psychoanalytische Theorie ist ein Versuch, zwei Erfahrungen verständlich zu machen, die sich in auffälliger und unerwarteter Weise bei dem Versuche ergeben, die Leidenssymptome eines Neurotikers auf ihre Quellen in seiner Lebensgeschichte zurückzuführen: die Tatsache der Übertragung und die des Widerstandes. Jede Forschungsrichtung, welche diese beiden Tatsachen anerkennt und sie zum Ausgangs- punkt ihrer Arbeit nimmt, darf sich Psychoanalyse heißen, auch wenn sie zu anderen Ergebnissen als den meinigen gelangt. Wer aber andere Seiten des Problems in Angriff nimmt und von diesen beiden Voraussetzungen abweicht, der wird -dem Vorwurf der Besitzstörung durch versuchte Mimikry kaum entgehen, wenn er darauf beharrt, sich einen Psychoanalytiker zu nennen.

Ich würde mich sehr energisch dagegen sträuben, wenn jemand die Lehre von der Verdrängung und vom Widerstand zu den Vor- aussetzungen anstatt zu den Ergebnissen der Psychoanalyse rechnen wollte. Es gibt solche Voraussetzungen allgemein psychologischer und



biologischer Natur und es wäre zweckmäßig, an anderer Stelle von ihnen zu handeln, aber die Lehre von der Verdrängung ist ein Erwerb der psychoanalytischen Arbeit, auf legitime Weise als theoretischer Extrakt aus unbestimmt vielen Erfahrungen gewonnen. Ein ebensolcher Erwerb, nur aus viel späterer Zeit, ist die Auf- stellung der infantilen Sexualität, von welcher in den ersten Jahren tastender Forschung durch die Analyse noch nicht die Rede war. Man merkte zuerst nur, daß man die Wirkung aktueller Eindrücke auf Vergangenes zurückführen müßte. Allein, „der Sucher fand oft mehr, als er zu finden wünschte". Man wurde immer weiter zurück in diese Vergangenheit gelockt und endlich hoffte man in der Pubertätszeit verweilen zu dürfen, in der Epoche des traditionellen Erwachens der Sexualregungen. Vergeblich, die Spuren wiesen noch weiter nach rückwärts, in die Kindheit und in frühe Jahre derselben. Auf dem Wege dahin galt es, einen Irrtum zu überwinden, der für die junge Forschung fast verhängnisvoll geworden wäre. Unter dem Einfluß der an Charcot anknüpfenden traumatischen Theorie der Hysterie war man leicht geneigt, Berichte der Kranken für real und ätiologisch bedeutsam zu halten, welche ihre Symptome auf passive sexuelle Erlebnisse in den ersten Kinderjahren, also grob ausgedrückt: auf Verführung zurückleiteten. Als diese Ätiologie an ihrer eigenen Un Wahrscheinlichkeit und an dem Widerspruche gegen sicher festzustellende Verhältnisse zusammenbrach, war ein Stadium völliger Ratlosigkeit das nächste Ergebnis. Die Analyse hatte auf korrektem Wege bis zu solchen infantilen Sexualtraumen geführt und doch waren diese unwahr. Man hatte also den Boden der Realität verloren. Damals hätte ich gerne die ganze Arbeit im Stiche gelassen, ähnlich wie mein verehrter Vorgänger Breuer bei seiner unerwünschten Entdeckung. Vielleicht harrte ich nur aus weil ich keine Wahl mehr hatte, etwas anderes zu beginnen. Endlich kam die Besinnung, daß man ja kein Recht zum Verzagen habe, wenn man nur in seinen Erwartungen getäuscht




Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 15

•worden sei, sondern diese Erwartungen revidieren müsse. Wenn die Hysteriker ihre Symptome auf erfundene Traumen zurück- führen, so ist eben die neue Tatsache die, daß sie solche Szenen phantasieren, und die psychische Realität verlangt neben der praktischen Realität gewürdigt zu werden. Es folgte bald die Einsicht, daß diese Phantasien dazu bestimmt seien, die auto- erotische Betätigung der ersten 'Kinderjahre zu verdecken, zu beschönigen und auf eine höhere Stufe zu heben, und nun kam hinter diesen Phantasien das Sexualleben des Kindes in seinem ganzen Umfange zum Vorschein.

In dieser Sexualtätigkeit der ersten Kinderjahre konnte endlich auch die mitgebrachte Konstitution zu ihrem Rechte kommen. Anlage und Erleben verknüpften sich hier zu einer unlösbaren ätiologischen Einheit, indem die Anlage Eindrücke zu anregenden und fixierenden Traumen erhob, welche sonst, durchaus banal, wirkungslos geblieben wären, und indem die Erlebnisse Faktoren aus der Disposition wachriefen, welche ohne sie lange geschlummert hätten und vielleicht unentwickelt geblieben wären. Das letzte Wort in der Frage der traumatischen Ätiologie sprach dann später Abraham (1907) aus, als er darauf hinwies, wie gerade die Eigenart der sexuellen Konstitution des Kindes sexuelle Erlebnisse von besonderer Art, also Traumen, zu provozieren

versteht. 1

Meine Aufstellungen über die Sexualität des Kindes waren anfangs fast ausschließlich auf die Ergebnisse der in die Ver- gangenheit rückschreitenden Analyse von Erwachsenen begründet. Zu direkten Beobachtungen am Kinde fehlte mir die Gelegenheit. Es war also ein außerordentlicher Triumph, als es Jahre später gelang, den größten Teil des Erschlossenen durch direkte Beobachtung und Analyse von Kindern in sehr frühen Jahren zu bestätigen, ein Triumph, der allmählich durch die Über-

1) Klinische Beiträge zur Psychoanalyse aus den Jakren 1907 — 1920. Intern. Psycho analyt. Bibliothek, Band X, 1921.



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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


legung verringert wurde, die Entdeckung sei von solcher Art, daß man sich eigentlich schämen müsse, sie gemacht zu haben. Je weiter man sich in die Beobachtung des Kindes einließ, desto selbstverständlicher wurde die Tatsache, desto sonderbarer aber auch der Umstand, daß man sich solche Mühe gegeben hatte sie zu übersehen.

Eine so sichere Überzeugung von der Existenz und Bedeutung der Kindersexualität kann man allerdings nur gewinnen, wenn man den Weg der Analyse geht, von den Symptomen und Eigentümlichkeiten der Neurotiker rückschreitet bis zu den letzten Quellen, deren Aufdeckung erklärt, was an ihnen erklärbar ist, und zu modifizieren gestattet, was sich etwa abändern läßt. Ich verstehe es, daß man zu anderen Resultaten kommt, wenn man, wie kürzlich C. G. Jung, sich zunächst eine theoretische Vor- stellung von der Natur des Sexualtriebes bildet und von dieser aus das Leben des Kindes begreifen will. Eine solche Vorstellung kann nicht anders als willkürlich oder mit Rücksicht auf abseits liegende Erwägungen gewählt sein und läuft Gefahr, dem Gebiet inadäquat, zu werden, auf welches man sie anwenden will. Gewiß führt auch der analytische Weg zu gewissen letzten Schwierig- keiten und Dunkelheiten in betreff der Sexualität und ihres Verhältnisses zum Gesamtleben des Individuums, aber diese können nicht durch Spekulationen beseitigt werden, sondern müssen bleiben, bis sie Lösung durch andere Beobachtungen oder Beob- achtungen auf anderen Gebieten finden.

Über die Traumdeutung kann ich mich kurz fassen. Sie fiel mir zu als Erstlingsfrucht der technischen Neuerung, nachdem jch mich, einer dunklen Ahnung folgend, entschlossen hatte, die Hypnose mit der freien Assoziation zu vertauschen. Meine Wiß- begierde war nicht von vornherein auf das Verständnis der Träume gerichtet gewesen. Einflüsse, die mein Interesse gelenkt oder mir eine hilfreiche Erwartung geschenkt hätten, sind mir nicht bekannt. Ich hatte vor dem Aufhören meines Verkehrs mit



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 17

Breuer kaum noch Zeit, ihm einmal in einem Satze mitzuteilen, daß ich jetzt Träume zu übersetzen verstünde. Infolge dieser Entdeckungsgeschichte war die Symbolik der Traumsprache so ziemlich das letzte, was mir am Traum zugänglich wurde, denn für die Kenntnis der Symbole leisten die Assoziationen des Träumers nur wenig. Da ich die Gewohnheit festgehalten habe, immer zuerst an den Dingen zu studieren, ehe ich in den Büchern nachsah, konnte ich mir die Symbolik des Traumes sicherstellen, ehe ich durch die Schrift von Scherner auf sie hingewiesen wurde. Im vollen Umfange habe ich dieses Ausdrucksmittel des Traumes erst später gewürdigt, zum Teil unter dem Einflüsse der Arbeiten des zu Anfang so sehr verdienst- vollen, später völlig verwahrlosten W. St ekel. Der enge Anschluß der psychoanalytischen Traumdeutung an die einst so hochgehaltene Traumdeutekunst der Antike wurde mir erst viele Jahre nachher klar. Das eigenartigste und bedeutsamste Stück meiner Traumtheorie, die Zurückführung der Traumentstellung auf einen inneren Konflikt, eine Art von innerer Unaufrichtigkeit, fand ich dann bei einem Autor wieder, dem zwar die Medizin, aber nicht die Philosophie fremd geblieben war, dem berühmten Ingenieur J. Popper, der unter dem Namen Lynkeus 1899 die „Phantasien eines Realisten" veröffentlicht hatte.

Die Traumdeutung wurde mir zum Trost und Anhalt in jenen schweren ersten Jahren der Analyse, als ich gleichzeitig Technik, Klinik und Therapie der Neurosen zu bewältigen hatte, gänzlich vereinsamt war und in dem Gewirre von Problemen und bei der Häufung der Schwierigkeiten oft Orientierung und Zuversicht einzubüßen fürchtete. Die Probe auf meine Voraus- setzung, daß eine Neurose durch Analyse verständlich werden müssej ließ oft bei dem Kranken verwirrend lange auf sich warten; an den Träumen, die man als Analoga der Symptome aufTassen konnte, fand diese Voraussetzung eine fast regelmäßige Bestätigung.

Freud, Zur Geschichte. 2


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18 Zw Geschichte der psychoanalytischen Bewegung

Nur durch diese Erfolge wurde ich in den Stand gesetzt, auszuharren. Ich habe mich darum gewöhnt, das Verständnis eines psychologischen Arbeiters an seiner Stellung zu den Problemen der Traumdeutung zu messen und mit Genugtuung beobachtet, daß die meisten Gegner der Psychoanalyse es überhaupt vermieden, diesen Boden zu betreten oder sich höchst ungeschickt benahmen, wenn sie es doch versuchten. Meine Selbstanalyse, deren Not- wendigkeit mir bald einleuchtete, habe ich mit Hilfe einer Serie von eigenen Träumen durchgeführt, die mich durch alle Begebenheiten meiner Kinderjahre führten, und ich bin noch heute der Meinung, daß bei einem guten Träumer und nicht allzu abnormen Menschen diese Art der Analyse genügen kann.

Durch die Aufrollung dieser Entstehungsgeschichte glaube ich besser als durch eine systematische Darstellung gezeigt zu haben, was die Psychoanalyse ist. Die besondere Natur meiner Funde erkannte ich zunächst nicht. Ich opferte unbedenklich meine beginnende Beliebtheit als Arzt und den Zulauf der Nervösen in meine Sprechstunde, indem ich konsequent nach der sexuellen Verursachung ihrer Neurosen forschte, wobei ich eine Anzahl von Erfahrungen machte, die meine Überzeugung von der praktischen Bedeutung des sexuellen Moments endgültig fest- legten. Ich trat ahnungslos in der Wiener Fachvereinigung, damals unter dem Vorsitze von v. K ra f ft-Ebing, als Redner auf, der erwartete, durch Interesse und Anerkennung seiner Kollegen für seine freiwillige materielle Schädigung entschädigt zu werden. Ich behandelte meine Entdeckungen wie indifferente Beiträge zur Wissenschaft und hoffte dasselbe von den anderen. Erst die Stille, die sich nach meinen Vorträgen erhob, die Leere, die sich um meine Person bildete, die Andeutungen, die mir zugetragen wurden, ließen mich allmählich begreifen, daß Behauptungen über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen nicht darauf rechnen könnten, so behandelt zu werden wie andere Mit- teilungen. Ich verstand, daß ich von jetzt ab zu denen gehörte,


Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


19


die „am Schlaf der Welt gerührt haben", nach Hebbels Aus- druck, und daß ich auf Objektivität und Nachsicht nicht zählen durfte. Da aber meine Überzeugung von der durchschnittlichen Richtigkeit meiner Beobachtungen und Schlußfolgerungen immer mehr wuchs und mein Zutrauen zu meinem eigenen Urteile sowie mein moralischer Mut nicht eben gering waren, konnte der Ausgang dieser Situation nicht zweifelhaft sein. Ich entschloß mich zu glauben, daß mir das Glück zugefallen war, besonders bedeutungsvolle Zu- sammenhänge aufzudecken, und fand mich bereit, das Schicksal auf mich zu nehmen, das mitunter an solches Finden geknüpft ist.

Dies Schicksal stellte ich mir in folgender Weise vor: Es würde mir wahrscheinlich gelingen, mich durch die therapeutischen Erfolge des neuen Verfahrens zu erhalten, die Wissenschaft aber würde zu meinen Lebzeiten keine Notiz von mir nehmen. Einige Dezennien später würde ein anderer unfehlbar auf dieselben, jetzt nicht zeitgemäßen Dinge stoßen, ihre Anerkennung durch- setzen und mich so als notwendigerweise verunglückten Vorläufer zu Ehren bringen. Unterdes richtete ich's mir als Robinson auf meiner einsamen Insel möglichst behaglich ein. Wenn ich aus den Verwirrungen und Bedrängnissen der Gegenwart auf jene einsamen Jahre zurückblicke, will es mir scheinen, es war eine schöne heroische Zeit; die splendid Isolation entbehrte nicht ihrer Vorzüge und Reize. Ich hatte keine Literatur zu lesen, keinen schlecht unterrichteten Gegner anzuhören, ich war keinem Einfluß unterworfen, durch nichts gedrängt. Ich erlernte es, spekulative Neigungen zu bändigen und nach dem unvergessenen' Rat meines Meisters Charcot, dieselben Dinge so oft von neuem anzuschauen, bis sie von selbst begannen, etwas auszu- sagen. Meine Veröffentlichungen, für die ich mit einiger Mühe auch Unterkunft fand, konnten immer weit hinter meinem Wissen zurückbleiben, durften beliebig aufgeschoben werden, da keine zweifelhafte „Priorität" zu verteidigen war. Die „Traumdeutung" zum Beispiel war in allem Wesentlichen anfangs 1896 fertig, sie

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Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung


wurde aber erst im Sommer 1899 niedergeschrieben. Die Behand- lung der „Dora" schloß zu Ende 1899 ab, ihre Krankengeschichte war in den nächsten zwei Wochen fixiert, wurde aber erst 1905 veröffentlicht. Unterdes wurden meine Schriften in der Fach- literatur nicht referiert oder, wenn dies ausnahmsweise geschah, mit höhnischer oder mitleidiger Überlegenheit zurückgewiesen. Gelegentlich wandte mir auch ein Fachgenosse in einer seiner Publikationen eine Bemerkung zu, die sehr kurz und nicht sehr schmeichelhaft war, etwa : verbohrt, extrem, sehr sonderbar. Einmal traf es sich, daß ein Assistent der Klinik in Wien, an der ich meine Semestralvorlesung abhielt, sich von mir die Erlaubnis nahm, diesen Vorlesungen anzuwohnen. Er hörte sehr andächtig zu, sagte nichts, bot sich aber nach der letzten Vor- lesung zu einer Begleitung an. Während dieses Spazierganges eröffnete er mir, er habe mit Wissen seines Chefs ein Buch gegen meine Lehre geschrieben, bedauere aber sehr, dieselbe erst durch meine Vorlesungen besser kennen gelernt zu haben. Er hätte sonst vieles anders geschrieben. Allerdings habe er sich auf der Klinik erkundigt, ob er nicht vorher die „Traumdeutung" lesen solle, aber man habe ihm abgeraten, es sei nicht der 'Mühe wert. Er verglich dann selbst mein Lehrgebäude, wie er es jetzt verstanden habe, nach der Festigkeit seines inneren Gefüges mit der katholischen Kirche. Im Interesse seines Seelen- heils will ich annehmen, daß in dieser Äußerung ein Stück Anerkennung enthalten war. Er schloß dann aber, es sei zu spät, an seinem Buche etwas abzuändern, es sei bereits gedruckt. Der betreffende Kollege hatte es auch nicht für nötig erachtet, der Mitwelt späterhin etwas von der Änderung seiner Meinungen über meine Psychoanalyse bekanntzugeben, sondern es vorgezogen, die Entwicklung derselben als ständiger Referent einer medi- zinischen Zeitschrift mit spaßhaften Glossen zu begleiten.

Was ich an persönlicher Empfindlichkeit besaß, wurde in jenen Jahren zu meinem Vorteile abgestumpft. Vor der Verbitterung


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wurde ich aber durch einen Umstand bewahrt, der nicht allen vereinsamten Entdeckern zu Hilfe kommt. Ein solcher quält sich ja sonst ab zu ergründen, woher die Teilnahmslosigkeit oder Ablehnung seiner Zeitgenossen rührt, und empfindet sie als einen peinigenden Widerspruch gegen die Sicherheit seiner eigenen Überzeugung. Das brauchte ich nicht, denn die psycho- analytische Lehre gestattete mir, dies Verhalten der Umwelt als notwendige Folge aus den analytischen Grundannahmen zu ver- stehen. Wenn es richtig war, daß die von mir aufgedeckten Zusammenhänge dem Bewußtsein der Kranken durch innere affektive Widerstände ferngehalten werden, so mußten sich diese Widerstände auch bei den Gesunden einstellen, sobald man ihnen das Verdrängte durch Mitteilung von außen zuführte. Daß diese letzteren die affektiv gebotene Ablehnung durch intellektuelle Be- gründung zu motivieren verstanden, war nicht verwunderlich. Es ereignete sich bei den Kranken ebenso häufig, und die ins Feld ge- führten Argumente — Argumente sind so gemein wie Brombeeren, mit Falstaff zu reden — waren die nämlichen und nicht gerade scharfsinnig. Der Unterschied war nur, daß man bei den Kranken über Pressionsmittel verfügte, um sie ihre Widerstände einsehen und überwinden zu lassen, bei den angeblich Gesunden solcher Hilfen aber entbehrte. Auf welche Weise man diese Gesunden zu einer kühlen, wissenschaftlich objektiven Überprüfung drängen könne, war ein ungelöstes Problem, dessen Erledigung am besten der Zeit vorbehalten blieb. Man hatte in der Geschichte der Wissenschaften oft feststellen können, daß dieselbe Behauptung, die anfangs nur Widerspruch hervorgerufen hatte, eine Weile später zur Anerken- nung kam, ohne daß neue Beweise für sie erbracht worden wären. Paß sich aber in diesen Jahren, als ich allein die Psychoanalyse vertrat, ein besonderer Respekt vor dem Urteil der Welt oder ein Hang zur intellektuellen Nachgiebigkeit bei mir entwickelt habe, wird wohl niemand erwarten dürfen.


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Vom Jahre 1902 an scharte sich eine Anzahl jüngerer Ärzte um mich in der ausgesprochenen Absicht, die Psychoanalyse zu erlernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein Kollege, welcher die gute Wirkung der analytischen Therapie an sich selbst erfahren hatte, gab die Anregung dazu. Man kam an bestimmten Abenden in meiner Wohnung zusammen, diskutierte nach gewissen Regeln, suchte sich in dem befremdlich neuen Forschungsgebiete zu orientieren und das Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines Tages führte sich ein absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manu- skript bei uns ein, welches außerordentliches Verständnis verriet. Wir bewogen ihn die Gymnasialstudien nachzuholen, die Uni- versität zu besuchen und sich den nichtärztlichen Anwendungen der Psychoanalyse zu widmen. Der kleine Verein erwarb so einen eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich gewann an Otto Rank 1 den treuesten Helfer und Mitarbeiter.

Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im Laufe der nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung. Im ganzen durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der Begabungen, die er umschloß, stand er kaum hinter dem Stab eines beliebigen klinischen Lehrers zurück. Von Anfangen waren jene Männer darunter, die in der Geschichte der psycho- analytischen Bewegung später so bedeutungsvolle, wenn auch nicht

1) Gegenwärtig Leiter des Intern. Psychoanalyt. Verlages und Redakteur der „Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse" und der „Imago" von beider Beginnen an.


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immer erfreuliche Rollen spielen sollten. Aber diese Entwicklung konnte man damals noch nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein, und ich meine, ich tat alles, um den anderen zugänglich zu machen, was ich wußte und erfahren hatte. Von übler Vor- bedeutung waren nur zwei Dinge, die mich endlich dem Kreise innerlich entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter den Mit- gliedern jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen, das unter Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken, zu denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit reichlicher Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Unterweisung in der Ausübung der Psychoanalyse, die ganz besonders groß sind und an vielen der heutigen Zerwürfnisse die Schuld tragen, machten sich bereits in der privaten Wiener psychoanalytischen Vereinigung geltend. Ich selbst wagte es nicht, eine noch unfertige Technik und eine im steten Fluß begriffene Theorie mit jener Autorität vorzutragen, die den anderen wahrscheinlich manche Irrwege und endliche Entgleisungen erspart hätte. Die Selbständigkeit der geistigen Arbeiter, ihre frühe Unabhängigkeit vom Lehrer, ist psychologisch immer befriedigend 5 ein Gewinn in wissenschaftlicher Hinsicht ergibt sich aus ihr nur, wenn bei diesen Arbeitern gewisse, nicht allzu häufig vorkommende persönliche Bedingungen erfüllt sind. Gerade die Psychoanalyse hätte eine lange und strenge Zucht und Erziehung zur Selbstzucht gefordert. Der Tapferkeit wegen, die sich in der Hingabe an eine so verpönte und aus- sichtslose Sache erwies, war ich geneigt, den Mitgliedern der Vereinigung mancherlei angehen zu lassen, woran ich sonst Anstoß genommen hätte. Der Kreis umfaßte übrigens nicht nur Ärzte, sondern auch andere Gebildete, welche in der Psychoanalyse etwas Bedeutsames erkannt hatten, Schriftsteller, Künstler usw. Die „Traumdeutung", das Buch über den „Witz" u. a. hatten von vornherein gezeigt, daß die Lehren der Psychoanalyse nicht auf das ärztliche Gebiet beschränkt bleiben können, sondern der




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Anwendung auf verschiedenartige andere Geisteswissenschaften fähig sind.

Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Erwartungen und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß die Psychoanalyse in aller Stille Interesse erweckt und Freunde gefunden habe, ja, daß es wissenschaftliche Arbeiter gebe, welche bereit seien, sich zu ihr zu bekennen. Eine Zuschrift von Bleuler hatte mich schon früher wissen lassen, daß meine Arbeiten im Burghölzli studiert und verwertet würden. Im Jänner 1907 kam der erste Angehörige der Züricher Klinik, Dr. Eitingon, 1 nach Wien, es folgten bald andere Besuche, die einen lebhaften Gedanken- austausch anbahnten 5 endlich kam es über Einladung von C. G. Jung, damals noch Adjunkt am Burghölzli, zu einer ersten Zusammenkunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die Freunde der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Orten her vereinigte. Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kon- gresses war die Gründung einer Zeitschrift, welche als „Jahr- buch für psychoanalytische und psychopatho- logische Forschungen", herausgegeben von Bleuler und Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909 zu erscheinen begann. Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen Wien und Zürich fand in dieser Publikation ihren Ausdruck.

Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatrischen Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des besonderen die von Bleuler und Jung, wiederholt dankend anerkannt und stehe nicht an, dies heute, unter so veränderten Verhältnissen, von neuem zu tun. Gewiß war es nicht erst die Parteinahme der Züricher Schule, welche damals die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf die Psychoanalyse richtete. Die Latenzzeit war eben abgelaufen und an allen Orten wurde die Psychoanalyse Gegenstand eines sich steigernden Interesses. Aber an allen anderen Orten ergab diese Zuwendung von Interesse

1) Der spätere Gründer der „Psychoanalytischen Poliklinik" in Berlin.



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zunächst nichts anderes, als eine meist leidenschaftlich akzentuierte Ablehnung, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Überein- stimmung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen Stelle fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von Anhängern beisammen, konnte eine öffentliche Klinik in den Dienst der psychoanalytischen Forschung gestellt werden, oder war ein klinischer Lehrer zu sehen, der die psychoanalytische Lehre als integrierenden Bestandteil in den psychiatrischen Unterricht auf- nahm. Die Züricher wurden so die Kerntruppe der kleinen, für die Würdigung der Analyse kämpfenden Schar. Bei ihnen allein war Gelegenheit, die neue Kunst zu erlernen und Arbeiten in ihr auszuführen. Die meisten meiner heutigen Anhänger und Mitarbeiter sind über Zürich zu mir gekommen, selbst solche, die es geographisch weit näher nach Wien hatten als nach der Schweiz. Wien liegt exzentrisch für den Westen Europas, der die großen Zentren unserer Kultur beherbergt ; sein Ansehen wird seit vielen Jahren durch schwerwiegende Vorurteile beeinträchtigt. In der geistig so rührigen Schweiz strömen Vertreter der bedeut samsten Nationen zusammen , ein Infektionsherd an dieser Stelle mußte für die Ausbreitung der psychischen Epidemie, wie H o c h e in Freiburg sie genannt hatte, besonders wichtig werden.

Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung im Burghölzli mitgemacht, kann man feststellen, daß die Psycho- analyse dort schon sehr frühzeitig Interesse erweckte. In Jungs 1902 veröffentlichter Schrift über okkulte Phänomene findet sich bereits ein erster Hinweis auf die Traumdeutung. Von 1903 oder 1904 an, berichtet mein Gewährsmann, stand die Psychoanalyse im Vordergrunde. Nach der Anknüpfung persönlicher Beziehungen zwischen Wien und Zürich bildete sich, Mitte des Jahres 1907, auch im Burghölzli ein zwangloser Verein, der in regelmäßigen Zusammenkünften die Probleme der Psychoanalyse diskutierte. Bei der Union, die sich zwischen der Wiener und der Züricher Schule vollzog, waren die Schweizer keineswegs der bloß empfangende


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Teil. Sie hatten selbst bereits respektable wissenschaftliche Arbeit geleistet, deren Ergebnisse der Psychoanalyse zugute kamen. Das von der Wun dt sehen Schule angegebene Assoziationsexperiment war von ihnen im Sinne der Psychoanalyse gedeutet worden und hatte ihnen unerwartete Verwertungen gestattet. Es war so möglich geworden, rasche experimentelle Bestätigungen von psycho- analytischen Tatbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse dem Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker nur hätte erzählen können. Es war die erste Brücke geschlagen worden, die von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse führte.

Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psychoanalytischen Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse des Falles, leistet aber keinen wesentlichen Beitrag zur Technik und ist bei der Ausführung von Analysen eigentlich entbehrlich. Bedeutsamer noch war eine andere Leistung der Züricher Schule oder ihrer beiden Führer Bleuler und Jung. Der erstere wies nach, daß bei einer ganzen Anzahl von rein psychiatrischen Fällen die Erklärung durch solche Vorgänge in Betracht käme, wie sie mit Hilfe der Psychoanalyse für den Traum und die Neurosen erkannt worden waren („Freudsche Mechanismen")- Jung wendete das analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die sonderbarsten und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an, deren Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebensinteressen der Kranken dann klar zutage trat. Von da an war es den Psychiatern unmöglich gemacht, die Psychoanalyse noch länger zu ignorieren. Das große Werk von Bleuler über die Schizophrenie (191 1), in welchem die psychoanalytische Betrachtungsweise gleichberechtigt neben die klinisch-systematische hingestellt wurde, brachte diesen Erfolg zur Vollendung.

Ich will es nicht unterlassen, auf einen Unterschied hinzu- weisen, der schon damals in der Arbeitsrichtung der beiden Schulen deutlich war. Ich hatte bereits im Jahre 1897 die Analyse




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eines Falles von Schizophrenie veröffentlicht, der aber paranoides Gepräge trug, so daß seine Auflösung den Eindruck der Jung sehen Analysen nicht vorwegnehmen konnte. Mir war aber nicht die Deutbarkeit der Symptome, sondern der psychische Mechanismus der Erkrankung das "Wichtige gewesen, vor allem die Überein- stimmung dieses Mechanismus mit dem bereits erkannten der Hysterie. Auf die Differenzen zwischen den beiden fiel damals noch kein Licht. Ich zielte nämlich bereits zu jener Zeit auf eine Libidotherapie der Neurosen hin, welche alle neurotischen wie psychotischen Erscheinungen aus abnormen Schicksalen der Libido, also aus Ablenkungen derselben von ihrer normalen Ver- wendung, erklären sollte. Dieser Gesichtspunkt ging den Schweizer Forschern ab. Bleuler hält meines Wissens auch heute an einer organischen Verursachung der Formen von Dementia praecox fest, und Jung, dessen Buch über diese Erkrankung 1907 erschienen war, vertrat 1908 auf dem Salzburger Kongresse die toxische Theorie derselben, die sich, allerdings ohne sie auszuschließen, über die Libidotheorie hinaussetzt. An dem nämlichen Punkte ist er dann später (1912) gescheitert, indem er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen er sich vorher nicht bedienen wollte.

Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, der vielleicht ganz auf die Rechnung Jungs zu setzen ist, kann ich nicht so hoch einschätzen, wie es von Fernerstehenden geschieht. Ich meine die Lehre von den Komplexen, die aus den „Diagnostischen Assoziationsstudien" (1906 bis 1910) erwuchs. Sie hat weder selbst eine psychologische Theorie ergeben noch eine zwanglose Einfügung in den Zusammenhang der psychoanalytischen Lehren gestattet. Hingegen hat sich das Wort „Komplex" als bequemer, oft unentbehrlicher Terminus zur deskriptiven Zusammenfassung psychologischer Tatbestände Bürgerrecht in der Psychoanalyse erworben. Kein anderer der von dem psychoanalytischen Bedürfnis neugeschaffenen Namen und Bezeichnungen hat eine ähnlich


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weitgehende Popularität erreicht und so viel mißbräuchliche Verwendung zum Schaden schärferer Begriffsbildungen gefunden. Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker von „Komplexrückkehr" zu reden, wo man die „Rückkehr des Ver- drängten" meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen: Ich habe einen Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lauten konnte: einen Widerstand.

In den Jahren von 1907 an, die auf den Zusammenschluß der Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psychoanalyse jenen außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zeichen sie sich heute noch befindet, und der ebenso sicher bezeugt ist durch die Verbreitung der ihr dienenden Schriften und die Zunahme der Ärzte, welche sie ausüben oder erlernen wollen, wie durch die Häufung der Angriffe gegen sie auf Kongressen und in gelehrten Gesellschaften. Sie wanderte in die fernsten Länder, schreckte überall nicht nur die Psychiater auf, sondern machte auch die gebildeten Laien und die Arbeiter auf anderen Wissensgebieten aufhorchend. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit Sympathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu nennen, schrieb 1911 in einem Bericht an den Australasiatischen medizinischen Kongreß: „Freuds psychoanalysis is now cham- pioned and carried out not only in Austria and in Switzerland, but in the United States, in England, in India, in Canada, and, I doubt not, in Australasia." 1 Ein (wahrscheinlich deutscher) Arzt aus Chile trat auf dem internationalen Kongreß in Buenos Aires 1910 für die Existenz der infantilen Sexualität ein und lobte die Erfolge der psychoanalytischen Therapie bei Zwangssymptomen; 2 ein englischer Nervenarzt in Zentralindien (Berkeley-Hill) ließ mir durch einen distinguierten Kollegen, der nach Europa reiste, mitteilen, daß die mohammedanischen Hindus, an denen er


1) Havelock Ellis, The doctrines of the Freud School.

2) G. G r e v e. Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos Estados angustiosos. S. Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 594.


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die Analyse ausübe, keine andere Ätiologie ihre Neurosen erkennen ließen als unsere europäischen Patienten.

Die Einführung der Psychoanalyse in Nordamerika ging unter besonders ehrenvollen Anzeichen vor sich. Im Herbst 1909 wurden Jung und ich von Stanley Hall, dem Präsidenten der Clark University in Worcester (bei Boston), eingeladen, uns an der zwanzigjährigen Gründungsfeier des Institutes durch Abhaltung von Vorträgen in deutscher Sprache zu beteiligen. Wir fanden zu unserer großen Überraschung, daß die vorurteilslosen Männer jener kleinen, aber angesehenen pädagogisch-philosophischen Universität alle psychoanalytischen Arbeiten kannten und in den Vorträgen für ihre Schüler gewürdigt hatten. In dem so prüden Amerika konnte man wenigstens in akademischen Kreisen alles, was im Leben als anstößig galt, frei be- sprechen und wissenschaftlich behandeln. Die fünf Vorträge, die ich in Worcester improvisiert habe, erschienen dann im American Journ. of Psychology in englischer Übersetzung, bald darauf deutsch unter dem Titel „Über Psychoanalyse"; Jung las über diagnostische Assoziationsstudien und über „Konflikte der kindlichen Seele". Wir wurden dafür mit dem Ehrentitel von LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die Psychoanalyse war während jener Festwoche in Worcester durch fünf Personen ver- treten, außer Jung und mir waren es Ferenczi, der sich mir als Reisebegleiter angeschlossen hatte, Ernest Jones, damals an der Universität in Toronto (Kanada), jetzt in London, und A. Brill, der bereits in New York analytische Praxis ausübte.

Die bedeutsamste persönliche Beziehung, die sich in Worcester noch ergab, war die zu James J. P u t n a m, dem Lehrer der Neuropathologie an der Harvard University, der vor Jahren ein abfälliges Urteil über die Psychoanalyse ausgesprochen hatte, sich jetzt aber rasch mit ihr befreundete und sie in zahlreichen inhalt- reichen wie formschönen Vorträgen seinen Landsleuten und Fachgenossen empfahl. Der Respekt, den sein Charakter ob seiner


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hohen Sittlichkeit und kühnen Wahrheitsliebe in Amerika genoß kam der Psychoanalyse zugute und deckte sie gegen die Denun- ziationen, denen sie sonst wahrscheinlich zeitig erlegen wäre. Putnam hat dann später dem großen ethischen und philosophischen Bedürfnis seiner Natur allzusehr nachgegeben und an die Psychoanalyse die, wie ich meine, unerfüllbare Forderung gestellt, daß sie sich in den Dienst einer bestimmten sittlich-philosophischen Weltanschauung finden solle ; er ist aber die Hauptstütze der psychoanalytischen Bewegung in seinem Heimatlande geblieben. 1

Um die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann Brill und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren Arbeiten in selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu beob- achtenden Grundtatsachen des Alltagslebens, des Traumes und der Neurose immer wieder von neuem ihren Landsleuten vor Augen führten. Brill hat diese Einwirkung durch seine ärztliche Tätigkeit und durch die Übersetzung meiner Schriften, Jones durch lehrreiche Vorträge und schlagfertige Diskussionen auf den amerikanischen Kongressen verstärkt. 3

Der Mangel einer eingewurzelten wissenschaftlichen Tradition und die geringere Strammheit der offiziellen Autorität sind der von Stanley Hall für Amerika gegebenen Anregung entschieden vorteilhaft gewesen. Es war dort auch von allem Anfang an charakteristisch, daß sich Professoren und Leiter von Irrenanstalten in gleichem Maße wie selbständige Praktiker an der Analyse beteiligt zeigten. Aber gerade darum ist es klar, daß der Kampf um die Analyse dort seine Entscheidung finden muß, wo sich die größere Resistenz ergeben hat, auf dem Boden der alten Kulturzentren.


1) S. J. J. Putnam, Addresses on Psycho-Analysis, Internat. Psycho-Analytical Library Nr. i, 1921. — Putnam starb 1918.

2) Die Publikationen beider Autoren sind gesammelt erschienen: Brill, Psych- analysis, Its theories and practical applications, 1912, und E. Jones, Papers on Psychoanalysis, 1913. Vom ersten Buch ist 1914, vom anderen 1918 eine sehr ver- stärkte Second Edition (1923 eine dritte) erschienen.



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Von den europäischen Ländern hat bisher Frankreich sich am unempfänglichsten für die Psychoanalyse erwiesen, obwohl verdienst- volle Arbeiten des Züricher A. M a e d e r dem französischen Leser einen bequemen Zugang zu deren Lehren, eröffnet hatten. Die ersten Regungen von Teilnahme kamen aus der französischen Provinz. Morichau-Beauchant (Poitiers) war der erste Franzose, der sich öffentlich zur Psychoanalyse bekannte. Regis und Hesnard (Bordeaux) haben erst kürzlich (1915) in einer ausführlichen, nicht immer verständnisvollen Darstellung, die an der Symbolik besonderen Anstoß nimmt, die Vorurteile ihrer Landsleute gegen die neue Lehre zu zerstreuen gesucht. In Paris selbst scheint noch die Überzeugung zu herrschen, der auf dem Londoner Kongreß 1915 Janet so beredten Ausdruck gab, daß alles, was gut an der Psychoanalyse sei, mit geringen Abänderungen die Janetschen Ansichten wiederhole, alles darüber hinaus aber sei von Übel. Janet mußte sich noch auf diesem Kongreß selbst eine Reihe von Zurechtweisungen von E. Jones gefallen lassen, der ihm seine geringe Sachkenntnis vorhalten konnte. Seine Verdienste um die Psychologie der Neurosen können wir trotzdem nicht vergessen, auch wenn wir seine Ansprüche zurückweisen.

In Italien blieb nach einigen vielversprechenden Anfangen die weitere Beteiligung aus. In Holland fand die Analyse durch persönliche Beziehungen frühzeitig Eingang; van Emden, van Ophuijsen, van Renterghem („Freud en zijn School") und die beiden Stärcke sind dort theoretisch und praktisch mit Erfolg tätig. 1 Das Interesse der wissenschaftlichen Kreise Englands für die Analyse hat sich sehr langsam entwickelt, aber alle Anzeichen sprechen dafür, daß ihr gerade dort, begünstigt von dem Sinn der Engländer für Tatsächliches und ihrer leidenschaft- lichen Parteinahme für Gerechtigkeit, eine hohe Blüte bevorsteht.

i) Die erste offizielle Anerkennung, welcher Traumdeutung und Psychoanalyse in Europa teilhaftig wurden, spendete ihnen der Psychiater Jelgersma als Rektor der Universität Leiden in seiner Rektorsrede vom 9. Februar 1914. („Unbewußtes Geistesleben". Beihefte der Intern. Zeitschrift für Psychoanalyse, Nr. 1.)


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In Schweden hat P. B j e r r e, der Nachfolger in der ärztlichen Tätigkeit Wetterstrands, die hypnotische Suggestion für die analytische Behandlung, wenigstens zeitweilig, aufgegeben. R. Vogt (Kristiania) hat bereits 1907 die Psychoanalyse in seinem „Psykiatriens grundtraek" gewürdigt, so daß das erste Lehrbuch der Psychiatrie, welches von der Psychoanalyse Kenntnis nahm ein in norwegischer Sprache geschriebenes war. In Rußland ist die Psychoanalyse sehr allgemein bekannt und verbreitet worden - fast alle meine Schriften sowie die anderer Anhänger der Analyse sind ins Russische übersetzt. Ein tieferes Verständnis der analytischen Lehren hat sich aber in Rußland noch nicht ergeben. Die Beiträge russischer Ärzte sind derzeit unbeträchtlich zu nennen. Nur Odessa besitzt in der Person von M. Wulff einen geschulten Analytiker. Die Einführung der Psychoanalyse in die polnische Wissenschaft und Literatur ist hauptsächlich das Verdienst von L. Jekels. Das Österreich geographisch so nahe verbundene, ihm wissenschaftlich so entfremdete Ungarn hat der Psychoanalyse bisher nur einen Mitarbeiter geschenkt, S. Ferenczi aber einen solchen, der wohl einen Verein aufwiegt. 1

1) [Zusatz Tpaj'i ■] Es kann nicht meine Absicht sein, diese 1914 entworfene Schil- derung up to date zu führen. Nur einzelne Bemerkungen sollen andeuten, wie sich in der Zwischenzeit, die den Weltkrieg einschließt, das Bild geändert hat. In Deutschland setzt sich eine langsame, nicht immer zugestandene Infiltration der analytischen Lehren in die klinische Psychiatrie durch; die in den letzten Jahren erschienenen französischen Übersetzungen meiner Schriften haben endlich auch in Frankreich ein starkes Interesse an der Psychoanalyse erweckt, das derzeit in literarischen Kreisen wirksamer ist als in wissenschaftlichen. In Italien sind M. Levi B i a n c h i n i (Nocera sup.) und Edoardo Weiss (Trieste) als Übersetzer und Vorkämpfer der Psychoanalyse aufgetreten („Biblioteca Psicoanalitica Italiana"). Der lebhaften Anteilnahme in den spanisch redenden Ländern (Prof. H. Delgado in Lima) trägt eine in Madrid erscheinende Gesamtausgabe meiner Werke Rechnung (übersetzt von Lopez-Ballesteros). Für England scheint sich die oben ausgesprochene Vorhersage stetig zu erfüllen, in Britisch-Indien (Kalkutta) hat sich eine besondere Pflegestätte der Analyse gebildet. Die Vertiefung der Analyse in Nordamerika hält noch immer nicht Schritt mit ihrer Popularität. In Rußland hat die psychoanalytische Arbeit nach dem Umsturz an mehreren Zentren neu begonnen. In polnischer Sprache erscheint jetzt die^Polska Bibljoteka Psycho- analityczna". In Ungarn ist unter der Leitung von Ferenczi eine glänzende ana- lytische Schule aufgeblüht. (Vgl. „Festschrift zum 50. Geburtstag von Dr. S. Ferenczi".) Am abweisendsten verhalten sich derzeit noch die skandinavischen Länder.


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rDen Stand der Psychoanalyse in Deutschland kann man nicht anders beschreiben, als indem man konstatiert, sie stehe im Mittelpunkte der wissenschaftlichen Diskussion und rufe bei Ärzten wie bei Laien Äußerungen entschiedenster Ablehnung hervor, welche aber bisher kein Ende gefunden haben, sondern sich immer wieder von neuem erheben und zeitweise verstärken. Keine offizielle Lehranstalt hat bisher die Psychoanalyse zugelassen, erfolgreiche Praktiker, die sie ausüben, sind nur in geringer Anzahl vorhanden; nur wenige Anstalten, wie die von Bins- wan.ger in Kreuzungen (auf Schweizer Boden), Marcinowski in Holstein, haben sich ihr eröffnet. Auf dem kritischen Boden von Berlin behauptet sich einer der hervorragendsten Vertreter der Analyse, K. Abraham, ein früherer Assistent von Bleuler. Man könnte sich verwundern, daß dieser Stand der Dinge sich nun schon seit einer Reihe von Jahren unverändert erhalten hat, wenn man nicht wüßte, daß die obige Schilderung nur den äußeren Anschein wiedergibt. Man darf die Ablehnung der offiziellen Vertreter der Wissenschaft und der Anstaltsleiter sowie des von ihnen abhängigen Nachwuchses in seiner Bedeutung nicht überschätzen. Es ist begreiflich, daß die Gegner laut die Stimme erheben, während die Anhänger eingeschüchtert Ruhe halten. Manche der letzteren, deren erste Beiträge zur Analyse gute Erwartungen erwecken mußten, haben sich denn auch unter dem Drucke der Verhältnisse von der Bewegung zurückgezogen. Aber diese selbst schreitet im stillen unaufhaltsam fort, wirbt immer neue Anhänger unter den Psychiatern wie den Laien, führt der psychoanalytischen Literatur eine stetig sich steigernde Anzahl von Lesern zu und nötigt eben darum die Gegner zu immer heftigeren Abwehrversuchen. Ich habe etwa ein Dutzend Male im Laufe, dieser Jahre, in Berichten über die Verhandlungen bestimmter Kongresse, und wissenschaftlicher Vereinssitzungen oder in Referaten nach gewissen Publikationen zu lesen bekommen: Nun sei die Psychoanalyse tot, endgültig überwunden und

Freud, Zur Geschichte.


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erledigt! Die Antwort hätte ähnlich lauten müssen wie das Telegramm Mark Twains an die Zeitung, welche fälschlich seinen Tod gemeldet hatte: Nachricht von meinem Ableben stark übertrieben. Nach jeder dieser Totsagungen hat die Psychoanalyse neue Anhänger und Mitarbeiter gewonnen oder sich neue Organe geschaffen. Totgesagt war doch ein Fortschritt gegen Totgeschwiegen!

Gleichzeitig mit der geschilderten räumlichen Expansion der Psychoanalyse vollzog sich deren inhaltliche Ausdehnung durch Übergreifen auf andere Wissensgebiete von der Neurosenlehre und Psychiatrie her. Ich werde dieses Stück der Entwicklungs- geschichte unserer Disziplin nicht eingehend behandeln, weil eine vortreffliche Arbeit von Rank und Sachs (in den Löwen- feld sehen „Grenzfragen") vorliegt, welche gerade diese Leistungen der Analysenarbeit ausführlich darstellt. Es ist hier übrigens alles im ersten Beginn, wenig ausgearbeitet, meist nur Ansätze und mitunter auch nichts anderes als Vorsätze. Wer billig denkt, wird darin keinen Grund zum Vorwurf finden. Den ungeheuren Mengen der Aufgaben steht eine kleine Zahl von Arbeitern gegenüber, von denen die meisten ihre Haupt- beschäftigung anderswo haben und die Fachprobleme der fremden Wissenschaft mit dilettantischer Vorbereitung angreifen müssen. Diese von der Psychoanalyse herkommenden Arbeiter machen aus ihrem Dilettantentum kein Hehl, sie wollen nur Wegweiser und Platzhalter für die Fachmänner sein, und ihnen die ana- lytischen Techniken und Voraussetzungen empfohlen haben, wenn sie selbst an die Arbeit gehen werden. Wenn die erzielten Auf- schlüsse doch schon jetzt nicht unbeträchtlich sind, so ist dies Resultat einerseits der Fruchtbarkeit der analytischen Methodik, andererseits dem Umstände zu danken, daß es auch jetzt schon einige Forscher gibt, die, ohne Ärzte zu sein, die Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften zu ihrer Lebens- aufgabe gemacht haben.


TjW Geschichte der psychoanalytischen Bewegung xr

Die meisten, dieser Anwendungen gehen, wie begreiflich auf eine Anregung aus meinen ersten analytischen Arbeiten zurück. Die analytische Untersuchung der Nervösen und der neurotischen Symptome Normaler nötigte zur Annahme psychologischer Verhält- nisse, welche unmöglich nur für das Gebiet gelten konnten, auf dem sie kenntlich geworden waren. So schenkte uns die Analyse nicht nur die Aufklärung pathologischer Vorkommnisse, sondern zeigte auch deren Zusammenhang mit dem normalen Seelenleben auf und enthüllte ungeahnte Beziehungen zwischen der Psychiatrie und den verschiedensten anderen Wissenschaften, deren Inhalt eine Seelentätigkeit war. Von gewissen typischen Träumen aus ergab sich z. B. das Verständnis mancher Mythen und Märchen. R i k 1 i n und Abraham folgten diesem Winke und leiteten jene Forschungen über die Mythen ein, die dann in den allen fachmännischen Ansprüchen gerechten Arbeiten Ranks zur Mythologie ihre Vollendung fanden. Die Verfolgung der Traum- symbolik führte mitten in die Probleme der Mythologie, des Folklore (Jones, Storfer) und der religiösen Abstraktionen. / Auf einem der psychoanalytischen Kongresse machte es allen Zuhörern einen tiefen Eindruck, als ein Schüler Jungs die Übereinstimmung der schizophrenen Phantasiebildungen mit den Kosmogonien primitiver Zeiten und Völker nachwies. Eine nicht mehr einwandfreie, doch sehr interessante Verarbeitung fand später das Material der Mythologien in den Arbeiten Jungs, welche zwischen der Neurotik, den religiösen und den mytho- logischen Phantasien vermitteln wollten.

Ein anderer Weg leitete von der Traumforschung zur Analyse der dichterischen Schöpfungen und endlich der Dichter und Künstler selbst. Auf seiner ersten Station ergab sich, daß von Dichtern erfundene Träume sich oft der Analyse gegenüber wie genuine verhalten („Gradiva"). Die Auffassung der unbewußten seelischen Tätigkeit gestattete eine erste Vorstellung vom Wesen der dichterischen Schöpfungsarbeit; die Würdigung der Triebregungen, zu der man in


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der Neurotik genötigt war, ließ die Quellen des künstlerischen Schaffens erkennen und stellte die Probleme auf, wie der Künstler auf diese Anregungen reagiere und mit welchen Mitteln er seine Reaktionen verkleide (Rank: „Der Künstler"; Dichteranalysen vonSadger, Reik u. a.', meine kleine Schrift über eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, Abrahams Analyse von Segantini). Die meisten Analytiker mit allgemeinen Interessen haben in ihren Arbeiten Beiträge zur Behandlung dieser Probleme geliefert, der reizvollsten, die sich unter den Anwendungen der Psycho- analyse ergeben. Natürlich blieb auch hier der Widerspruch von Seite der nicht mit der Analyse Vertrauten nicht aus und äußerte sich in den nämlichen Mißverständnissen und leidenschaftlichen Ablehnungen, wie auf dem Mutterboden der Psychoanalyse. Es stand ja von vornherein zu erwarten, daß überall, wohin die Psychoanalyse dringe, sie den nämlichen Kampf mit den Ansässigen zu bestehen haben werde. Nur, daß die Invasionsversuche noch nicht auf allen Gebieten die Aufmerksamkeit geweckt haben, die ihnen in der Zukunft bevorsteht. Unter den strenge literarwissen- schaftlichen Anwendungen der Analyse steht das gründliche Werk von Rank über das Inzestmotiv obenan, dessen Inhalt der größten Unliebsamkeit sicher ist. Sprachwissenschaftliche und historische Arbeiten auf Basis der Psychoanalyse sind erst wenige vorhanden. Die erste Antastung der religions-psychologischen Probleme habe ich 1910 selbst gewagt, indem ich das religiöse Zeremoniell in Vergleich mit dem neurotischen zog. Der Pfarrer Dr. P fister in Zürich hat in seiner Arbeit über die Frömmigkeit des Grafen von Zinzendorf (sowie in anderen Beiträgen) die Zurückführung religiöser Schwärmerei auf perverse Erotik durchgeführt; in den letzten Arbeiten der Züricher Schule kommt eher eine Durch- dringung der Analyse mit religiösen Vorstellungen als das beab- sichtigte Gegenteil zustande.

In den vier Aufsätzen über „Totem und Tabu" habe ich den Versuch gemacht, Probleme der Völkerpsychologie mittels der


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Analyse zu behandeln, welche unmittelbar zu den Ursprüngen unserer wichtigsten Kulturinstitutionen führen, der staatlichen Ordnungen, der Sittlichkeit, der Religion, aber auch des Inzest- verbotes und des Gewissens. Inwieweit die Zusammenhänge, die sich dabei ergeben haben, der Kritik standhalten werden, läßt sich heute wohl nicht angeben.

Von der Anwendung analytischen Denkens auf ästhetische Themata hat mein Buch über den „Witz" ein erstes Beispiel gegeben. Alles Weitere harrt noch der Bearbeiter, die gerade auf diesem Gebiete reiche Ernte erwarten dürfen. Es fehlt hier überall an den Arbeitskräften aus den entsprechenden Fachwissen- schaften, zu deren Anlockung Hanns Sachs 1912 die von ihm und Rank redigierte Zeitschrift „Imago" gegründet hat. Mit der psychoanalytischen Beleuchtung von philosophischen Systemen und Persönlichkeiten haben Hitschmann und v. Winter- stein daselbst einen Anfang gemacht, dem Fortführung und Vertiefung zu wünschen bleibt.

Die revolutionär wirkenden Ermittlungen der Psychoanalyse über das Seelenleben des Kindes, die Rolle der sexuellen Regungen in demselben (v. Hu g- Hellmuth) und die Schicksale solcher Anteile der Sexualität, welche für das Fortpflanzungsgeschäft unbrauchbar werden, mußten frühzeitig die Aufmerksamkeit auf die Pädagogik lenken und den Versuch anregen, auf diesem Gebiete analytische Gesichtspunkte in den Vordergrund zu rücken. Es ist das Verdienst des Pfarrers Pf ist er, diese Anwendung der Analyse mit ehrlichem Enthusiasmus angegriffen und sie Seel- sorgern und Erziehern nahegelegt zu haben. (Die psychoanalytische Methode, 1913. Erster Band des Pädagogiums von Meumann und Messmer.) Es ist ihm gelungen, eine ganze Reihe von Pädagogen in der Schweiz zu Teilnehmern an seinem Interesse zu gewinnen. Andere seiner Berufsgenossen sollen angeblich seine Überzeugungen teilen, haben es aber vorgezogen, sich vorsichtiger- weise im Hintergrunde zu verhalten. Ein Bruchteil der Wiener



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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


Analytiker scheint auf dem Rückweg von der Psychoanalyse bei einer Art von ärztlichen Pädagogik gelandet zu sein (Adler und Furtmüller, Heilen und Bilden, 1915).

In diesen unvollständigen Andeutungen habe ich versucht, auf die noch nicht übersehbare Fülle von Beziehungen hinzuweisen, welche sich zwischen der ärztlichen Psychoanalyse und anderen Gebieten der Wissenschaft ergeben haben. Es ist da Stoff für die Arbeit einer Generation von Forschern gegeben, und ich zweifle nicht, daß diese Arbeit geleistet werden wird, wenn erst die Widerstände gegen die Analyse auf ihrem Mutterboden über- wunden sind. 1

Die Geschichte dieser Widerstände zu schreiben, halte ich gegenwärtig für unfruchtbar und unzeitgemäß. Sie ist nicht sehr ruhmvoll für die Männer der Wissenschaft unserer Tage. Ich will aber gleich hinzusetzen, es ist mir nie eingefallen, die Gegner der Psychoanalyse bloß darum, weil sie Gegner waren, in Bausch und Bogen verächtlich zu schimpfen. Von wenigen unwürdigen Individuen abgesehen, Glücksrittern und Beutehaschern, wie sie sich in Zeiten des Kampfes auf beiden Seiten einzufinden pflegen. Ich wußte mir ja das Benehmen dieser Gegner zu erklären und hatte überdies erfahren, daß die Psychoanalyse das Schlechteste eines jeden Menschen zum Vorschein bringt. Aber ich beschloß, nicht zu antworten und, soweit mein Einfluß reichte, auch andere von der Polemik zurückzuhalten. Der Nutzen öffentlicher oder literarischer Diskussion erschien mir unter den besonderen Bedingungen des Streites um die Psychoanalyse sehr zweifelhaft, die Majorisierung auf Kongressen und in Vereinssitzungen sicher, und mein Zutrauen auf die Billigkeit oder Vornehmheit der Herren Gegner war immer gering. Die Beobachtung zeigt, daß es den wenigsten Menschen möglich ist, im wissenschaftlichen Streit manierlich, geschweige denn sachlich zu bleiben, und der

1) Vgl. noch meine beiden Aufsätze in der „Scientia" (vol. XIV, 1913): Das Interesse an der Psychoanalyse.


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Eindruck eines wissenschaftlichen Gezänkes war mir von jeher eine Abschreckung. Vielleicht hat man dieses mein Benehmen mißverstanden, mich für so gutmütig oder so eingeschüchtert gehalten, daß man auf mich weiter keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Mit Unrecht; ich kann so gut schimpfen und wüten wie ein anderer, aber ich verstehe es nicht, die Äußerungen der zugrunde liegenden Affekte literaturfähig zu machen, und darum ziehe ich die völlige Enthaltung vor.

Vielleicht wäre es nach manchen Richtungen besser gewesen, wenn ich den Leidenschaften bei mir und denen um mich freien Lauf gelassen hätte. Wir haben alle den interessanten Erklärungsversuch der Entstehung der Psychoanalyse aus dem Wiener Milieu vernommen 5 Jan et hat es noch 1915 nicht verschmäht, sich seiner zu bedienen, obwohl er gewiß stolz darauf ist, Pariser zu sein . und Paris kaum den Anspruch erheben kann, eine sittenstrengere Stadt zu sein als Wien. Das Apercu lautet, die Psychoanalyse, respektive die Behauptung, die Neurosen führen sich auf Störungen des Sexuallebens zurück, könne nur in einer Stadt wie Wien entstanden sein, in einer Atmosphäre von Sinnlichkeit und Unsittlichkeit, wie sie anderen Städten fremd sei, und stelle einfach das Abbild, sozusagen die theoretische Projektion dieser besonderen Wiener Verhältnisse dar. Nun, ich bin wahrhaftig kein Lokalpatriot, aber diese Theorie ist mir immer ganz besonders unsinnig erschienen, so unsinnig, daß ich manchmal geneigt war, anzunehmen, der Vorwurf des Wienertums sei nur eine euphemistische Vertretung für einen anderen, den man nicht gern öffentlich vorbringen wolle. Wenn die Voraus- setzungen die gegensätzlichen wären, dann ließe sich die Sache hören. Angenommen, es gäbe eine Stadt, deren Bewohner sich besondere Einschränkungen in der sexuellen Befriedigung auf- erlegten und gleichzeitig eine besondere Neigung zu schweren neurotischen Erkrankungen zeigten, dann wäre diese Stadt aller- dings der Boden, auf dem ein Beobachter den Einfall bekommen


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könnte, diese beiden Tatsachen miteinander zu verknüpfen und die eine aus der anderen abzuleiten. Nun trifft keine der beiden Voraussetzungen für Wien zu. Die Wiener sind weder abstinenter noch nervöser als andere Großstädter. Die Geschlechtsbeziehungen sind etwas unbefangener, die Prüderie ist geringer als in den auf ihre Keuschheit stolzen Städten des Westens und Nordens. Diese wienerischen Eigentümlichkeiten müßten den angenommenen Beobachter eher in die Irre führen als ihn über die Verursachung der Neurosen aufklären.

Die Stadt Wien hat aber auch alles dazugetan, um ihren Anteil an der Entstehung der Psychoanalyse zu verleugnen. An keinem anderen Orte ist die feindselige Indifferenz der gelehrten und gebildeten Kreise dem Analytiker so deutlich verspürbar wie gerade in Wien.

Vielleicht bin ich mitschuldig daran durch meine, die breite Öffentlichkeit vermeidende Politik. Wenn ich veranlaßt oder zugegeben hätte, daß die Psychoanalyse die ärztlichen Gesell- schaften Wiens in lärmenden Sitzungen beschäftigte, wobei sich alle Leidenschaften entladen hätten, alle Vorwürfe und Invektiven laut geworden wären, die man gegeneinander auf der Zunge oder im Sinne trägt, vielleicht wäre heute der Bann gegen die Psychoanalyse überwunden und diese keine Fremde mehr in ihrer Heimatstadt. So aber — mag der Dichter recht behalten, der seinen Wallenstein sagen läßt:


Doch das vergeben mir die Wiener nicht, daß ich um ein Spektakel sie betrog.

Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen war, den Gegnern der Psychoanalyse suaviter in modo ihr Unrecht und ihre Willkür- lichkeiten vorzuhalten, hat dann Bleuler 1911 in seiner Schrift „Die Psychoanalyse Freuds, Verteidigung und kritische Bemerkungen" aufgenommen und in ehrenvollster Weise gelöst. Eine Anpreisung dieser nach zwei Seiten hin kritischen Arbeit



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durch meine Person wäre so selbstverständlich, daß ich mich beeilen will, zu sagen, was ich an ihr auszusetzen habe. Sie scheint mir noch immer parteiisch zu sein, allzu nachsichtig gegen die Fehler der Gegner, allzu scharf gegen die Verfehlungen der Anhänger. Dieser *Charakterzug mag dann auch erklären, warum, das Urteil eines Psychiaters von so hohem Ansehen, von so unzweifelhafter Kompetenz und Unabhängkeit nicht mehr Einfluß auf seine Fachgenossen geübt hat. Der Autor der „Affek- tivität" (1906) darf sich nicht darüber verwundern, wenn die Wirkung einer Arbeit sich nicht von ihrem Argumentwert, sondern von ihrem Affektton bestimmt zeigt. Einen anderen Teil dieser Wirkung — die auf die Anhänger der Psychoanalyse — hat Bleuler später selbst zerstört, indem er in seiner „Kritik der Freudschen Theorie" (1915) die Kehrseite seiner Einstellung zur Psychoanalyse zum Vorschein brachte. Er trägt darin so viel von dem Gebäude der psychoanalytischen Lehre ab, daß die Gegner mit der Hilfeleistung dieses Verteidigers wohl zufrieden sein könnten. Als Richtschnur dieser Verurteilungen Bleulers dienen aber nicht neue Argumente oder bessere Beobachtungen, sondern einzig die Berufung auf den Stand der eigenen Erkenntnis, deren Unzulänglichkeit der Autor nicht mehr wie in früheren Arbeiten selbst bekennt. Hier schien der Psychoanalyse also ein schwer zu verschmerzender Verlust zu drohen. Allein in seiner letzten Äußerung (Die Kritiken der Schizophrenie 1914) rafft sich Bleuler, angesichts der Angriffe, welche ihm die Einführung der Psychoanalyse in sein Buch über die Schizophrenie eingetragen haben, zu dem auf, was er selbst eine „Überhebung" heißt. „Jetzt aber will ich die Überhebung begehen: Ich meine, daß die ver- schiedenen bisherigen Psychologien zur Erklärung der Zusammen- hänge psychogenetischer Symptome und Krankheiten arg wenig geleistet haben, daß aber die Tiefenpsychologie ein Stück der- jenigen erst noch zu schaffenden Psychologie gibt, welcher der Arzt bedarf, um seine Kranken zu verstehen und rationell zu




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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


heilen, und ich meine sogar, daß ich in meiner Schizophrenie einen ganz kleinen Schritt zu diesem Verständnis getan habe. Die ersten beiden Behauptungen sind sicher richtig, die letztere mag ein Irrtum sein."

Da mit der „Tiefenpsychologie" nichts anderes gemeint ist als die Psychoanalyse, können wir mit solchem Bekenntnis vorder- hand zufrieden sein.


III

Mach es kurz!

Am Jüngsten Tag ist's nur ein Furz.

Goethe.

Zwei Jahre nach dem ersten fand der zweite Privatkongreß der Psychoanalytiker, diesmal in Nürnberg, statt (März 1910). In der Zwischenzeit hatte sich bei mir, unter dem Eindruck der Aufnahme in Amerika, der steigenden Anfeindung in den deutschen Ländern und der ungeahnten Verstärkung durch den Zuzug der Züricher, eine Absicht gebildet, die ich mit Beihilfe meines Freundes S. Ferenczi auf jenem zweiten Kongreß zur Aus- führung brachte. Ich gedachte, die psychoanalytische Bewegung zu organisieren, ihren Mittelpunkt nach Zürich zu verlegen und ihr ein Oberhaupt zu geben, welches ihre Zukunft in acht nehmen sollte. Da diese meine Gründung viel Widerspruch unter den Anhängern der Analyse gefunden hat, will ich meine Motive/ ausführlicher darlegen. Ich hoffe dann gerechtfertigt zu sein, auch wenn sich herausstellen sollte, daß ich wirklich nichts Kluges getan habe.

Ich urteilte, daß der Zusammenhang mit Wien keine Empfehlung, sondern ein Hemmnis für die junge Bewegung wäre. Ein Ort wie Zürich, im Herzen von Europa, an welchem der akademische Lehrer sein Institut der Psychoanalyse geöffnet hatte, erschien mir weit aussichtsvoller. Ich nahm ferner an, ein zweites Hindernis sei meine Person, deren Schätzung allzusehr durch der Parteien Gunst und Haß verwirrt wurde; man verglich mich



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entweder mit Columbus, Darwin und Kepler oder schimpfte mich einen Paralytiker. Ich wollte also mich ebenso in den Hintergrund rücken wie die Stadt, von der die Psychoanalyse ausgegangen war. Auch war ich nicht mehr jugendlich, sah einen langen Weg vor mir und empfand es als drückend, daß mir in so späten Jahren die Verpflichtung, Führer zu sein, zugefallen war. Ein Oberhaupt, meinte ich aber, müsse es geben. Ich wußte zu genau, welche Irrtümer auf jeden lauerten, der die Beschäfti- gung mit der Analyse unternahm, und hoffte, man könnte viele derselben ersparen, wenn man eine Autorität aufrichtete, die zur Unterweisung und Abmahnung bereit sei. Eine solche Autorität war 'zunächst mir zugefallen infolge des uneinbringlichen Vor- sprunges einer etwa 15 jährigen Erfahrung. Es lag mir also daran, diese Autorität auf einen jüngeren Mann zu übertragen, der nach meinem Ausscheiden wie selbstverständlich mein Ersatz werden sollte. Dies konnte nur C. G. Jung sein, denn Bleuler war mein Altersgenosse, für Jung sprachen aber seine hervorragende Begabung, die Beiträge zur Analyse, die er bereits geleistet hatte, seine unabhängige Stellung und der Eindruck von sicherer Energie den sein Wesen machte. Er schien überdies bereit, in freundschaft- liche Beziehungen zu mir zu treten und mir zuliebe Rassen- vorurteile aufzugeben, die er sich bis dahin gestattet hatte. Ich ahm damals nicht, daß diese Wahl trotz aller aufgezählten Vorzüge ein«  sehr unglückliche war, daß sie eine Person getroffen hatte, welch«  unfähig, die Autorität eines anderen zu ertragen, noch wenigei geeignet war, selbst eine Autorität zu bilden, und deren Energie in der rücksichtslosen Verfolgung der eigenen Interessen aufging.

Die Form einer offiziellen Vereinigung hielt ich für notwendig weil ich den Mißbrauch fürchtete, welcher sich der Psychoanalyse bemächtigen würde, sobald sie einmal in die Popularität geriete. Es sollte dann eine Stelle geben, welcher die Erklärung zustände .- Mit all dem Unsinn hat die Analyse nichts zu tun, das ist nicht die Psychoanalyse. In den Sitzungen der Ortsgruppen, aus denei


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sich die internationale Vereinigung zusammensetzte, sollte gelehrt werden, wie die Psychoanalyse zu betreiben sei, und sollten Ärzte ihre Ausbildung finden, für deren Tätigkeit eine Art von Garantie geleistet werden konnte. Auch schien es mir wünschenswert, daß sich die Anhänger der Psychoanalyse zum freundschaftlichen Verkehr und zur gegenseitigen Unterstützung zusammenfänden, nachdem die offizielle Wissenschaft den großen Bann über sie ausgesprochen und den Boykott über die Ärzte und Anstalten verhängt hatte, die sie übten.

Dies alles und nichts anderes wollte ich durch die Gründung der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" erreichen. Bis war wahrscheinlich mehr, als zu erreichen möglich war. Wie meine Gegner die Erfahrung machen mußten, daß es nicht möglich sei, die neue Bewegung aufzuhalten, so stand mir die Erfahrung bevor, daß sie sich auch nicht auf die Wege leiten lasse, die ich ihr anweisen wollte. Der von Ferenczi in Nürn- berg vorgelegte Antrag wurde zwar angenommen, Jung zum Präsidenten gewählt, der Ri kl in zu seinem Sekretär machte, es wurde auch die Herausgabe eines Korrespondenzblattes beschlossen, durch welches die Zentrale mit den Ortsgruppen verkehrte. Als Zweck der Vereinigung wurde erklärt: „Pflege und Förderung der von Freud begründeten psychoanalytischen Wissenschaft sowohl als reiner Psychologie als auch in ihrer Anwendung in der Medizin und den Geisteswissenschaften; gegenseitige Unter- stützung der Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben und Verbreiten von psychoanalytischen Kenntnissen." Allein von seiten der Wiener war dem Projekt lebhaft opponiert worden. Adler sprach in leidenschaftlicher Erregung die Befürchtung aus, daß eine „Zensur und Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit" beabsichtigt sei. Die Wiener fügten sich dann, nachdem sie durchgesetzt hatten, daß nicht Zürich zum Sitz der Vereinigung erhoben wurde, sondern der Wohnort des jeweiligen, auf zwei Jahre gewählten Präsidenten.


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Auf dem Kongreß selbst konstituierten sich drei Ortsgruppen die in Berlin unter dem Vorsitz von Abraham, die in Zürich, die ihren Obmann an die Zentralleitung der Vereinigung abgegeben hatte, und die Wiener Gruppe, deren Leitung ich Adler überließ. Eine vierte Gruppe, die in Budapest, konnte sich erst später herstellen. Bleuler war, durch Krankheit ver- hindert, vom Kongreß ferngeblieben, er zeigte dann später prinzipielle Bedenken gegen den Eintritt in den Verein, ließ sich zwar durch mich nach einer persönlichen Aussprache dazu be- stimmen, war aber kurze Zeit nachher infolge von Mißhelligkeiten in Zürich wieder außerhalb. Die Verbindung zwischen der Züricher Ortsgruppe und der Anstalt Burghölzli war damit aufgehoben.

Eine Folge des Nürnberger Kongresses war auch die Gründung des „Zentralblattes für Psychoanalyse", zu welcher sich Adler und Stekel vereinigten. Es hatte offenbar ursprünglich eine oppositionelle Tendenz und sollte Wien die durch die Wahl Jungs bedrohte Hegemonie zurückgewinnen. Als aber die beiden Unternehmer des Blattes unter dem Drucke der Schwierigkeit, einen Verleger zu finden, mich ihrer friedlichen Absichten ver- sicherten und mir als Unterpfand ihrer Gesinnung ein Vetorecht einräumten, nahm ich die Herausgeberschaft an und beteiligte mich eifrig an dem neuen Organ, dessen erste Nummer i m September 1910 erschien.

Ich setze die Geschichte der psychoanalytischen Kongresse fort. Der dritte Kongreß fand im September 1911 zu Weimar statt und übertraf noch seine Vorgänger an Stimmung und wissen- schaftlichem Interesse. J. Putnam, der dieser Versammlung bei- gewohnt hatte, äußerte dann in Amerika sein Wohlgefallen und sdinen Respekt vor the mental attitude der Teilnehmer und zitierte ein Wort von mir, das ich in Bezug auf diese letzteren gebraucht haben soll: „Sie haben gelernt, ein Stück Wahrheit zu ertragen." 1

1) On Freuds Psycho-Analytic Method and its evolution. Boston medical and surgical Journal, 25. Jan. 1912.


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In der Tat mußte jedem, der wissenschaftliche Kongresse besucht hatte, ein Eindruck zugunsten der Psychoanalytischen Vereinigung verbleiben. Ich hatte die beiden früheren Kongresse selbst geleitet, jedem Vortragenden Zeit für seine Mitteilung gelassen und die Diskussion darüber auf den privaten Gedankenaustausch gewiesen Jung, der in Weimar als Präsident die Leitung übernahm, setzte die Diskussion nach jedem Vortrage wieder ein, was sich aber damals noch nicht störend erwies.

Ein ganz anderes Bild bot der vierte Kongreß zu München zwei Jahre später, im September 1915, der allen Teilnehmern noch in frischer Erinnerung ist. Er wurde von Jung in unliebens- würdiger und inkorrekter Weise geleitet, die Vortragenden waren in der Zeit beschränkt, die Diskussionen überwucherten die Vor- träge. Der böse Geist H o c h e hatte infolge einer boshaften Laune des Zufalls seinen Wohnsitz in demselben Hause aufgeschlagen, in welchem die Analytiker ihre Sitzungen abhielten. Ho che hätte sich ohne Mühe überzeugen können, wie sie seine Charakteristik einer fanatischen Sekte, welche ihrem Oberhaupte blind ergeben folgt, ad absurdum führten. Die ermüdenden und unerquicklichen Verhandlungen brachten auch die Wiederwahl Jungs zum Prä- sidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, welche Jung annahm, wiewohl zwei Fünftel der Anwesenden ihm ihr Vertrauen verweigerten. Man schied voneinander ohne das Bedürfnis, sich wiederzusehen.

Der Besitzstand der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung war um die Zeit dieses Kongresses der folgende: Die Ortsgruppen Wien, Berlin, Zürich hatten sich schon auf dem Kongreß in Nürnberg 1910 konstituiert. Im Mai 1911 kam eine Gruppe in München unter dem Vorsitz von Dr. L. Seif hinzu. In demselben Jahre bildete sich die erste amerikanische Ortsgruppe unter dem Namen „The New York Psychoanalytic Society" unter dem Vor- sitze von A. Brill. Auf dem Weimarer Kongreß wurde die Gründung einer zweiten amerikanischen Gruppe genehmigt die


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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung



im Laufe des nächsten Jahres als „American Psychoanalytic Association" ins Leben trat, Mitglieder aus Kanada und ganz Amerika umfaßte und P u t n a m zu ihrem Präsidenten, E.Jones zum Sekretär wählte. Kurz vor dem Kongreß in München 1913 wurde die Budapester Ortsgruppe unter dem Vorsitze von S. Ferenczi aktiviert. Bald nach demselben gründete der nach London übersiedelte E. Jones dort die erste englische Gruppe. Die Mitgliederzahl der nun vorhandenen acht Orts- gruppen gibt natürlich keinen Maßstab für die Beurteilung der Anzahl der nicht organisierten Schüler und Anhänger der Psycho- analyse.

Auch die Entwicklung der periodischen Literatur der Psycho- analyse verdient eine kurze Erwähnung. Die erste periodische Publikation, welche der Analyse diente, waren die „Schriften zur angewandten Seelenkunde", die in zwangloser Folge seit 1907 erscheinen und gegenwärtig beim fünfzehnten Heft angelangt sind. (Verleger zuerst H. Heller in Wien, dann F. Deuticke.) Sie haben Arbeiten gebracht von Freud (1 und 7) Riklin, Jung, Abraham (4 und 11), Rank (5 und 13), Sadger, Pfister, M. Graf, Jones (10 und 14), Storfer und v. Hug-Hellmuth.' Die später zu erwähnende Gründung der „Imago" hat den Wert dieser Publikationsform einiger- maßen herabgesetzt. Nach der Zusammenkunft in Salzburg 1908 wurde das „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen" ins Leben gerufen, welches unter der Redaktion von Jung fünf Jahrgänge erlebt hat und nun unter neuer Leitung und etwas verändertem Titel als „Jahrbuch der Psychoanalyse" von neuem an die Öffentlichkeit herantritt. Es will auch nicht mehr wie in den letzten Jahren ein Archiv sein, welches einschlägige Arbeiten sammelt, sondern seiner Aufgabe durch redaktionelle Tätigkeit gerecht werden, welche alle Vorgänge und alle Erwerbungen auf

l) Später sind noch erschienen: Sadger (16 und i8\ Kielholz (17).


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dem Gebiete der Psychoanalyse zu würdigen versucht. 1 Das „Zentralblatt für Psychoanalyse", wie erwähnt, von Adler und S t e k e 1 nach der Gründung des Internationalen Vereines (Nürnberg 1910) entworfen, hat in kurzer Zeit bewegte Schicksale durchgemacht. Schon die zehnte Nummer des ersten Bandes bringt an ihrer Spitze die Nachricht, daß sich Dr. Alfred Adler wegen wissenschaftlicher Differenzen mit dem Herausgeber entschlossen hat, freiwillig aus der Redaktion auszuscheiden. Dr. S t e k e 1 blieb von da an alleiniger Redakteur. (Sommer 1911.) Auf dem Kongreß zu Weimar wurde das Zentralblatt zum offi- ziellen Organ des Internationalen Vereines erhoben und allen Mitgliedern gegen Erhöhung ihrer Jahresbeiträge zugänglich gemacht. Von der dritten Nummer des zweiten Jahrganges an (Winter 1912) ist St ekel für den Inhalt des Blattes allein ver- antwortlich geworden. Sein in der Öffentlichkeit schwer darstell- bares Verhalten hatte mich genötigt, die Herausgeberschaft nieder- zulegen und der Psychoanalyse in aller Eile ein neues Organ in der „Internationalen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse" zu schaffen. Unter Mithilfe fast aller Mit- arbeiter und des neuen Verlegers H. Heller konnte das erste Heft dieser Zeitschrift im Jänner 1915 erscheinen und sich als offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung an die Stelle des Zentral blattes setzen.

Inzwischen war mit Anfang 1912 von Dr. Hanns Sachs und Dr. Otto Rank eine neue Zeitschrift „Imago" (Verlag von Heller) geschaffen worden, welche ausschließlich für die Anwen- dungen der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften bestimmt wurde. „Imago" befindet sich gegenwärtig in der Mitte ihres dritten Jahrganges und erfreut sich des steigenden Interesses auch solcher Leser, welche der ärztlichen Analyse fernstehen. 3

1) Mit Kriegsbeginn eingestellt.

2) Diese beiden Zeitschriften sind 1919 in den Internationalen Psycho- analytischen Verlag übergegangen und befinden sich derzeit (1923) im IX. Jahrgang. (Eigentlich befindet sich die „Internationale Zeitschrift" in ihrem 11.

Freud, Zur Geschichte.



50 "Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung

Von diesen vier periodischen Publikationen („Schriften zur angewandten Seelenkunde", „Jahrbuch", „Internationale Zeitschrift" und „Imago") abgesehen, bringen auch andere deutsche und fremd- sprachige Journale Arbeiten, welche in der Literatur der Psycho- analyse eine Stelle beanspruchen können. Das von Morton Prince herausgegebene „Journal of abnormal psychology" enthält in der Regel so viele gute analytische Beiträge, daß es als Haupt- vertretung der analytischen Literatur in Amerika eingeschätzt werden muß. Im Winter 1915 haben White und Jelliffe in New York eine neue, ausschließlich der Psychoanalyse gewidmete Zeitschrift („The Psychoanalytic Review") ins Leben gerufen welche wohl mit der Tatsache rechnet, daß den meisten der an der Analyse interessierten Ärzte Amerikas die deutsche Sprache eine Erschwerung ist. 1

Ich habe nun zweier Abfallsbewegungen zu gedenken, welche sich innerhalb der Anhängerschaft der Psychoanalyse vollzogen haben, die erste von ihnen zwischen der Vereinsgründung 1910 und dem Weimarer Kongreß 1911, die zweite nach diesem, so daß sie in München 1913 zutage trat. Die Enttäuschung, welche sie mir bereiteten, wäre zu vermeiden gewesen, wenn man besser auf die Vorgänge bei den in analytischer Behandlung Stehenden geachtet hätte. Ich verstand es nämlich sehr wohl, daß jemand bei der ersten Annäherung an die unliebsamen analytischen Wahrheiten die Flucht ergreifen kann, hatte auch selbst immer behauptet, daß eines jeden Verständnis durch seine eigenen Ver- drängungen aufgehalten wird (respektive durch die sie erhaltenden Widerstände), so daß er in seinem Verhältnis zur Analyse nicht über einen bestimmten Punkt hinauskommt. Aber ich hatte es

die „Imago" im 12. Lebensjahr; zufolge der Kriegsverhältnisse umfaßte jedoch der IV. Bd. der „Zeitschrift" mehr als ein Jahr, d. h. die Jahre 1916 — 1918, der V. Bd. der „Imago" die Jahre 1917 — 1918.) Im Titel der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" entfiel mit Beginn des VI. Bandes die Bezeichnung „ärztlich e". 1) 1920 hat E. Jones die Gründung des für .England und Amerika bestimmten „International Journal of Psycho-Analysis" unternommen.


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nicht erwartet, daß jemand, der die Analyse bis zu einer gewissen Tiefe verstanden hat, auf sein Verständnis wieder verzichten, es verlieren könne. Und doch hatte die tägliche Erfahrung an den Kranken gezeigt, daß die totale Reflexion der analytischen Erkennt- nisse von jeder tieferen Schicht her erfolgen kann, an welcher sich ein besonders starker Widerstand vorfindet; hat man bei einem solchen Kranken durch mühevolle Arbeit erreicht, daß er Stücke des analytischen Wissens begriffen hat und wie seinen eigenen Besitz handhabt, so kann man an ihm doch erfahren, daß er unter der Herrschaft des nächsten Widerstandes alles Erlernte in den Wind schlägt und sich wehrt wie in seinen schönsten Neulingstagen. Ich hatte zu lernen, daß es bei Psycho- analytikern ebenso gehen kann wie bei den Kranken in der Analyse. Es ist keine leichte oder beneidenswerte Aufgabe, die Geschichte dieser beiden Abfallsbewegungen zu schreiben, denn einerseits fehlen mir dazu die starken persönlichen Antriebe — ich habe weder Dankbarkeit erwartet, noch bin ich in einem wirksamen Ausmaße rachsüchtig — andererseits weiß ich, daß ich mich hiebei den Invektiven von wenig rücksichtsvollen Gegnern aus- setze und den Feinden der Analyse das heißerwünschte Schauspiel bereite, wie „die Psychoanalytiker sich untereinander zerfleischen. Ich habe so viel Überwindung daran gesetzt, mich nicht mit den Gegnern außerhalb der Analyse herumzuschlagen, und nun sehe ich mich genötigt, den Kampf mit früheren Anhängern, oder solchen, die es' jetzt noch heißen wollen, aufzunehmen. Aber ich habe da keine Wahl; Schweigen wäre Bequemlichkeit oder Feigheit

ind würde der Sache mehr schaden als die offene Aufdeckung der vorhandenen Schäden. Wer andere wissenschaftliche Bewe- gungen verfolgt hat, wird wissen, daß ganz analoge Störungen und Mißhelligkeiten auch dort vorzufallen pflegen. Vielleicht daß man sie anderswo sorgfältiger verheimlicht; die Psychoanalyse, die viele konventionelle Ideale verleugnet, ist auch in diesen Dingen

mfrichtiger.


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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung




Ein anderer, schwer fühlbarer Übelstand liegt darin, daß ich eine analytische Beleuchtung der beiden Gegnerschaften nicht gänzlich vermeiden kann. Die Analyse eignet sich aber nicht zum polemischen Gebrauche ; sie setzt durchaus die Einwilligung des Analysierten und die Situation eines Überlegenen und eines Unter- geordneten voraus. Wer also eine Analyse in polemischer Absicht unternimmt, muß sich darauf gefaßt machen, daß der Analysierte seinerseits die Analyse gegen ihn wendet, und daß die Diskussion in einen Zustand gerät, in welchem die Erweckung von Über- zeugung bei einem unparteiischen Dritten ausgeschlossen ist. Ich werde also die Verwendung der Analyse, damit die Indiskretion und die Aggression gegen meine Gegner, auf ein Mindestmaß beschränken und überdies anführen, daß ich keine wissenschaft- liche Kritik auf dieses Mittel gründe. Ich habe es nicht mit dem etwaigen Wahrheitsgehalt der zurückzuweisenden Lehren zu tun versuche keine Widerlegung derselben. Das bleibe anderen berufenen Arbeitern auf dem Gebiete der Psychoanalyse vorbe- halten, ist auch zum Teil bereits geschehen. Ich will bloß zeigen, daß — und in welchen Punkten — diese Lehren die Grundsätze der Analyse verleugnen und darum nicht unter diesem Namen behandelt werden sollen. Ich brauche also die Analyse nur dazu, um verständlich zu machen, wie diese Abweichungen von der Analyse bei Analytikern entstehen konnten. An den Ablösungs- stellen muß ich allerdings auch mit rein kritischen Bemerkungen das gute Recht der Psychoanalyse verteidigen.

Die Psychoanalyse hat die Erklärung der Neurosen als nächste Aufgabe vorgefunden, hat die beiden Tatsachen des Widerstandes und der Übertragung zu Ausgangspunkten genommen und für sie mit Rücksicht auf die dritte Tatsache der Amnesie in den Theorien von der Verdrängung, den sexuellen Triebkräften der Neurose und dem Unbewußten Rechenschaft gegeben. Sie hat niemals beansprucht, eine vollständige Theorie des menschlichen Seelenlebens überhaupt zu geben, sondern verlangte nur, daß ihre


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Ermittlungen zur Ergänzung und Korrektur unserer anderswie erworbenen Erkenntnis verwendet werden sollten. Die Theorie von Alfred Adler geht nun weit über dieses Ziel hinaus, sie will Benehmen und Charakter der Menschen mit demselben Griff

rerständlich machen, wie diß neurotischen und psychotischen rkrankungen derselben 5 sie ist in Wirklichkeit jedem anderen Gebiete adäquater als dem der Neurose, welches sie aus den Motiven ihrer Entstehungsgeschichte noch immer voranstellt. Ich hatte viele Jahre hindurch Gelegenheit, Dr. Adler zu studieren, und habe ihm das Zeugnis eines bedeutenden, insbesondere speku- lativ veranlagten Kopfes nie versagt. Als Probe der „Verfolgungen", die er von mir erfahren zu haben behauptet, kann ich ja gelten lassen, daß ich ihm nach der Vereinsgründung die Leitung der Wiener Gruppe übertrug. Erst durch dringende Aufforderung von sehen aller Vereinsmitglieder ließ ich mich bewegen, den Vorsitz in den wissenschaftlichen Verhandlungen wieder anzu- nehmen. Als ich seine geringe Begabung gerade für die Würdigung des unbewußten Materials erkannt hatte, verlegte ich meine Erwartung dahin, er werde die Verbindungen von der Psycho- analyse zur Psychologie und zu den biologischen Grundlagen der Triebvorgänge aufzudecken wissen, wozu seine wertvollen ^Studien über die Organminderwertigkeit auch in gewissem Sinne berech- tigten. Er schuf denn auch wirklich etwas Ähnliches, aber sein Werk fiel so aus, als ob es — in seinem eigenen Jargon zu reden — für den Nachweis bestimmt wäre, daß die Psycho- analyse in allem unrecht habe, und die Bedeutung der sexuellen Triebkräfte nur infolge ihrer Leichtgläubigkeit gegen die Darstellung der Neurotiker vertreten hätte. Über das persönliche Motiv seiner Arbeit darf man auch vor der Öffentlichkeit sprechen, da er es selbst in Gegenwart eines kleinen Kreises von Mitgliedern der Wiener Gruppe geoffenbart hat. „Glauben Sie denn, daß es ein so großes Vergnügen für mich ist, mein ganzes Leben lang in Ihrem Schatten zu stehen?" Ich finde nun nichts Verwerfliches



54 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung

darin, wenn ein jüngerer Mann sich frei zu dem Ehrgeiz bekennt, den man als eine der Triebfedern seiner Arbeit ohnedies ver- muten würde. Aber selbst unter der Herrschaft eines solchen Motives müßte man "es zu vermeiden wissen, daß man nicht werde, was die Engländer mit ihrem feinen sozialen Takt unfair heißen, wofür den Deutschen nur ein weit gröberes Wort zur Verfügung steht. Wie wenig dies Adler gelungen ist, zeigt die Fülle von kleinlichen Bosheiten, die seine Arbeiten entstellen, und die Züge von unbändiger Prioritätssucht, die sich in ihnen ver- raten. In der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung bekamen wir einmal direkt zu hören, daß er die Priorität für die Gesichts- punkte der „Einheit der Neurosen" und der „dynamischen Auf- fassung" derselben für sich beanspruche. Es war eine große Überraschung für mich, da ich immer geglaubt hatte, diese beiden Prinzipien seien von mir vertreten worden, ehe ich noch Adler kennen gelernt hatte.

Dies Streben Adlers nach einem Platz an der Sonne hat indes auch eine Folge gehabt, welche die Psychoanalyse als wohltätig empfinden muß. Als ich nach dem Hervortreten der unvereinbaren wissenschaftlichen Gegensätze Adler zum Aus- scheiden aus der Redaktion des Zentralblattes veranlaßte, verließ er auch die Vereinigung und gründete einen neuen Verein, der sich zuerst den geschmackvollen Namen „Verein für freie Psychoanalyse" beilegte. Allein die Menschen draußen, die der Analyse ferne stehen, sind offenbar so wenig geschickt, die Differenzen in den Anschauungen zweier Psychoanalytiker zu würdigen, wie wir Europäer, die Nuancen zu erkennen, welche zwei Chinesengesichter voneinander unterscheiden. Die „freie" Psychoanalyse blieb im Schatten der „offiziellen", „orthodoxen" und wurde nur als Anhang an dieselbe abgehandelt. Da tat Adler den dankenswerten Schritt, die Verbindung mit der Psychoanalyse völlig zu lösen und seine Lehre als „Individual- psychologie" von ihr abzusondern. Es ist soviel Platz auf Gottes



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Erde und es ist gewiß berechtigt, daß sich jeder, der es vermag, ungehemmt auf ihr herumtummle, aber es ist nicht wünschens- wert, daß man unter einem Dach zusammenwohnen bleibe, wenn man sich nicht mehr versteht und nicht mehr verträgt. Die „Individualpsychologie" Adlers ist jetzt eine der vielen psycho- logischen Richtungen, welche der Psychoanalyse gegnerisch sind, und deren weitere Entwicklung außerhalb ihres Interesses fällt. Die A dl ersehe Theorie war von allem Anfang ein „System", was die Psychoanalyse sorgfältig zu sein vermied. Sie ist auch ein ausgezeichnetes Beispiel einer „sekundären Bearbeitung", wie sie z. B. vom Wachdenken am Traummaterial vorgenommen wird. Das Traummaterial wird in diesem Falle durch das neu- gewonnene Material der psychoanalytischen Studien ersetzt, dies wird nun durchwegs vom Standpunkte des Ichs erfaßt, unter die dem Ich geläufigen Kategorien gebracht, übersetzt, gewendet und genau so, wie es bei der Traumbildung geschieht, mißver- standen. Die A dl ersehe Lehre ist denn auch weniger durch das charakterisiert, was sie behauptet, als durch das, was sie verleugnet j sie besteht demnach aus drei recht ungleichwertigen Elementen, den guten Beiträgen zur Ichpsychologie, den — überflüssigen, aber zulässigen — Übersetzungen der analytischen Tatsachen in den neuen Jargon, und in den Entstellungen und Verdrehungen der letzteren, soweit sie nicht zu den Ichvoraussetzungen passen. Die Elemente der ersteren Art sind von der Psychoanalyse niemals verkannt worden, wenngleich sie ihnen keine besondere Auf- merksamkeit schuldig war. Sie hatte ein größeres Interesse daran zu zeigen, daß sich allen Ichbestrebungen libidinöse Komponenten beimengen. Die Ad ler sehe Lehre hebt das Gegenstück hiezu hervor, den egoistischen Zusatz zu den libidinösen Triebregungen. Dies wäre nun ein greifbarer Gewinn, wenn Adler diese Fest- stellung nicht dazu benützen würde, um jedesmal zugunsten der Ichtriebkomponente die libidinöse Regung zu verleugnen. Seine Theorie tut damit dasselbe, was alle Kranken und was unser


5 6 Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung


Bewußtdenken überhaupt tut, nämlich die Rationalisierung, wie Jones es genannt hat, zur Verdeckung des unbewußten Motives gebrauchen. Adler ist hierin so konsequent, daß er die Absicht, dem Weib den Herrn zu zeigen, oben zu sein, sogar als die stärkste Triebfeder des Sexualaktes preist. Ich weiß nicht, ob er diese Ungeheuerlichkeiten auch in seinen Schriften vertreten hat. Die Psychoanalyse hatte frühzeitig erkannt, daß jedes neurotische Symptom seine Existenzmöglichkeit einem Kompromiß verdankt. Es muß darum auch den Anforderungen des die Verdrängung handhabenden Ichs irgendwie gerecht werden, einen Vorteil bieten eine nützliche Verwendung zulassen, sonst würde es eben dem- selben Schicksal unterliegen wie die ursprüngliche abgewehrte Triebregung selbst. Der Terminus des „Krankheitsgewinnes" hat diesem Sachverhalt Rechnung getragen; man wäre noch berechtigt den primären Gewinn für das Ich, der schon bei der Entstehung wirksam sein muß, von einem „sekundären" Anteil zu unter- scheiden, welcher in Anlehnung an andere Absichten des Ichs hinzutritt, wenn sich das Symptom behaupten soll. Auch daß die Entziehung dieses Krankheitsgewinnes oder das Aufhören des- selben infolge einer realen Veränderung einen der Mechanismen der Heilung vom Symptom ergibt, ist der Analyse längst bekannt gewesen. Auf diese unschwer festzustellenden und mühelos ein- zusehenden Beziehungen fällt in der Adlerschen Lehre der Hauptakzent, wobei gänzlich übersehen wird, daß das Ich unge- zählte Male bloß aus der Not eine Tugend macht, indem es sich das unerwünschteste, ihm aufgezwungene Symptom wegen des daran gehängten Nutzens gefallen läßt, z. B. wenn es die Angst als Sicherungsmittel akzeptiert. Das Ich spielt dabei die lächerliche Rolle des dummen August im Zirkus, der den Zuschauern durch seine Gesten die Überzeugung beibringen will daß sich alle Veränderungen in der Manege nur infolge seines Kommandos vollziehen. Aber nur die Jüngsten unter den

Zuschauern schenken ihm Glauben.

r'



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 57

Für den zweiten Bestandteil der Ad ler sehen Lehre muß die Psychoanalyse einstehen wie für eigenes Gut. Er ist auch nichts anderes als psychoanalytische Erkenntnis, die der Autor aus den allen zugänglichen Quellen während der zehn Jahre gemeinsamer Arbeit geschöpft und dann durch Veränderung der Nomenklatur zu seinem Eigentum gestempelt hat. Ich halte z. B. selbst „Sicherung" für ein besseres Wort als das von mir gebrauchte „Schutzmaßregel", aber ich kann einen neuen Sinn darin nicht finden. Ebenso würden in den Adler sehen Behauptungen eine Menge altbekannter Züge hervortreten, wenn man anstatt „fingiert, fiktiv und Fiktion" das ursprünglichere „phantasiert und „Phantasie" wieder einsetzen würde. Von seiten der Psycho- analyse würde diese Identität betont werden, auch wenn der Autor nicht durch lange Jahre an den gemeinsamen Arbeiten teilgenommen hätte.

Der dritte Anteil der A dl ersehen Lehre, die Umdeutungen und Entstellungen der unbequemen analytischen Tatsachen, ent- hält das, was die nunmehrige „Individualpsychologie" endgültig von der Analyse trennt. Der Systemgedanke Adlers lautet bekanntlich, es sei die Absicht der Selbstbehauptung des Indivi- duums, sein „Wille zur Macht", der sich in der Form des „männlichen Protests" in Lebensführung, Charakterbildung und Neurose dominierend kundgibt. Dieser männliche Protest, der A dl ersehe Motor, ist aber nichts anderes als die von ihrem psychologischen Mechanismus losgelöste Verdrängung, die über- dies sexualisiert ist, was mit der gerühmten Vertreibung der Sexualität aus ihrer Rolle im Seelenleben schlecht zusammen- stimmt. Der männliche Protest existiert nun sicherlich, aber bei seiner Konstituierung zum Motor des seelischen Geschehens hat die Beobachtung nur die Rolle des Sprungbrettes gespielt, welches man verläßt, um sich zu erheben. Nehmen wir eine der Grund- situationen des infantilen Begehrens vor, die Beobachtung des Geschlechtsaktes zwischen Erwachsenen durch das Kind. Dann




•1


58 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung

weist die Analyse bei jenen Personen, deren Lebensgeschichte später den Arzt beschäftigen wird, nach, daß sich in jenem Moment zwei Regungen des unmündigen Zuschauers bemächtigt haben, die eine, wenn es ein Knabe ist, sich an die Stelle des aktiven Mannes zu setzen, und die andere, die Gegenstrebung, sich mit dem leidenden Weibe zu identifizieren. Beide Strebungen erschöpfen miteinander die Lustmöglichkeiten, die sich aus der Situation ergeben. Nur die erstere läßt sich dem männlichen Protest unterordnen, wenn dieser Begriff überhaupt einen Sinn behalten soll. Die zweite, um deren Schicksal sich Adler nicht kümmert oder die er nicht kennt, ist aber die, welche es zu einer größeren Bedeutung für die spätere Neurose bringen wird. Adler hat sich so ganz in die eifersüchtige Beschränktheit des Ichs versetzt, daß er nur jenen Triebregungen Rechnung trägt, welche dem Ich genehm sind und von ihm gefördert werden- gerade der Fall der Neurose, daß sich diese Regungen dem Ich widersetzen, liegt außerhalb seines Horizonts.

Bei dem durch die Psychoanalyse unabweisbar gewordenen Versuch, das Grundprinzip der Lehre an das Seelenleben des Kindes anzuknüpfen, haben sich für Adler die schwersten Abweichungen von der Realität der Beobachtung und die tief- gehendsten Begriffsverwirrungen ergeben. Der biologische, soziale und psychologische Sinn von „männlich" und „weiblich" sind dabei zu hoffnungsloser Mischbildung vermengt. Es ist unmöglich und durch die Beobachtung zurückzuweisen, daß das — männ- liche oder weibliche — Kind seinen Lebensplan auf eine ursprüngliche Geringschätzung des weiblichen Geschlechts begründen und sich zur Leitlinie den Wunsch machen könne: ich will ein rechter Mann werden. Das Kind ahnt die Bedeu- tung des Geschlechtsunterschiedes anfänglich nicht, geht viel- mehr von der Voraussetzung aus, daß beiden Geschlechtern das nämliche (männliche) Genitale zukomme, beginnt seine Sexual- forschung nicht mit dem Problem der GeschlechtsdifTerenz und



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 5 g

steht der sozialen Minderschätzung des Weibes völlig ferne. Es gibt Frauen, in deren Neurose der Wunsch, ein Mann zu sein, keine Rolle gespielt hat. Was vom männlichen Protest zu konstatieren ist, führt sich leicht auf die Störung des uranfäng- lichen Narzißmus durch die Kastrationsdrohung, respektive auf die ersten Behinderungen der Sexualbetätigung zurück. Aller Streit um die Psychogenese der Neurosen muß schließlich auf dem Gebiete der Kinderneurosen zum Austrage kommen. Die sorgfältige Zergliederung einer Neurose im frühkindlichen Alter macht allen Irrtümern in betreff der Ätiologie der Neurosen und Zweifeln an der Rolle der Sexualtriebe ein Ende. Darum mußte auch Adler in seiner Kritik der Jungschen Arbeit „Konflikte der kindlichen Seele" zu der Unterstellung greifen, das Material des Falles sei „wohl vom Vater" einheitlich

gerichtet worden. 1

Ich werde nicht weiter bei der biologischen Seite der Ad ler sehen Theorie verweilen und nicht untersuchen, ob die greifbare Organ- minderwertigkeit oder das subjektive Gefühl derselben — man weiß nicht, welches von beiden — wirklich imstande ist, als Grundlage das Adler sehe System zu tragen. Nur der Bemerkung sei Raum gegönnt, daß die Neurose dann ein Nebenerfolg der allgemeinen Verkümmerung würde, während die Beobachtung lehrt, daß eine erdrückend große Mehrheit von Häßlichen, Mißgestalteten, Verkrüppelten, Verelendeten es unterläßt, auf ihre Mängel mit der Entwicklung von Neurose zu reagieren. Auch die interessante Auskunft, die Minderwertigkeit ins Kindheitsgefühl zu verlegen, lasse ich beiseite. Sie zeigt uns, in welcher Verkleidung das in der Analyse so sehr betonte Moment des Infantilismus in der Individualpsychologie wiederkehrt. Dagegen obliegt es mir, hervor- lheben, wie alle psychologischen Erwerbungen der Psychoanalyse bei Adler in den Wind geschlagen worden sind. Das Unbewußte tritt noch im „nervösen Charakter" als eine psychologische Be-

1) Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. I, S. 122.


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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


Sonderheit auf, aber ohne alle Beziehung zum System. Später hat er folgerichtig erklärt, es sei ihm gleichgültig, ob eine Vorstellung bewußt oder unbewußt sei. Für die Verdrängung fand sich bei Adler von vornherein kein Verständnis. In dem Referat über einen Vortrag im Wiener Verein (Februar 1911) heißt es: „An der Hand eines Falles wird darauf hingewiesen, daß der Patient weder seine Libido verdrängt hatte, vor der er sich ja fortwährend zu sichern suchte ..." * In einer Wiener Diskussion äußerte er bald darauf: „Wenn Sie fragen, woher kommt die Verdrängung, so bekommen Sie die Antwort: Von der Kultur. Wenn Sie aber dann fragen: Woher kommt die Kultur?, so antwortet man Ihnen: Von der Verdrängung. Sie sehen also, es handelt sich nur um ein Spiel mit Worten." Ein kleiner Bruchteil des Scharfsinnes, mit dem Adler die Verteidigungskünste seines „nervösen Charakters" entlarvt hat, hätte hingereicht, ihm den Ausweg aus diesem rabulistischen Argument zu zeigen. Es ist nichts anderes dahinter als daß die Kultur auf den Verdrängungsleistungen früherer Generationen ruht, und daß jede neue Generation aufgefordert wird, diese Kultur durch Vollziehung derselben Verdrängungen zu erhalten. Ich habe von einem Kinde gehört, welches sich für gefoppt hielt und zu schreien begann, weil es auf die Frage: Woher kommen die Eier? zur Antwort erhalten hatte: Von den Hühnern, auf die weitere Frage: Woher kommen die Hühner? aber die Auskunft bekam: Aus den Eiern. Und doch hatte man da nicht mit Worten gespielt, sondern dem Kinde etwas Wahres gesagt.

Ebenso kläglich und inhaltsleer ist alles, was Adler über den Traum, dieses Schiboleth der Psychoanalyse, geäußert hat. Der Traum war ihm zuerst eine Wendung von der weiblichen auf die männliche Linie, was nichts anderes besagt, als die Über- setzung der Lehre von der Wunscherfüllung im Traume in die Sprache des „männlichen Protestes". Später findet er das Wesen

1) Korrespondenzblatt Nr. 5, Zürich, April 1911.




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des Traumes darin, daß der Mensch sich durch ihn unbewußt ermögliche, was bewußt versagt sei. Auch die Priorität für die Verwechslung des Traumes mit den latenten Traumgedanken, auf der die Erkenntnis seiner „prospektiven Tendenz" ruht, ist Adler zuzusprechen. Maeder ist ihm hierin später nachge- kommen. Dabei übersieht man bereitwillig, daß jede Deutung eines Traumes, der in seiner manifesten Erscheinung überhaupt nichts Verständliches sagt, auf der Anwendung der nämlichen Traumdeutung beruht, deren Voraussetzungen und Folgerungen man bestreitet. Vom Widerstand weiß Adler anzugeben, daß er der Durchsetzung des Kranken gegen den Arzt dient. Dies ist gewiß richtig; es heißt soviel als : er dient dem Widerstände. Woher er aber kommt, und wie es zugeht, daß seine Phänomene der Absicht des Kranken zu Gebote stehen, das wird, als für das Ich uninteressant, nicht weiter erörtert. Die Detailmechanismen der Symptome und Phänomene, die Begründung der Mannig- faltigkeit von Krankheiten und Krankheitsäußerungen finden überhaupt keine Berücksichtigung, da doch alles in gleicher Weise dem männlichen Protest, der Selbstbehauptung, der Erhöhung der Persönlichkeit dienstbar ist. Das System ist fertig, es hat eine außerordentliche Umdeutungsarbeit gekostet, dafür auch nicht eine einzige neue Beobachtung geliefert. Ich glaube, gezeigt zu haben, daß es mit Psychoanalyse nichts zu schaffen hat.

Das Lebensbild, welches aus dem Adler sehen System hervor- geht, ist ganz auf den Aggressionstrieb gegründet; es läßt keinen Raum für die Liebe. Man könnte sich ja verwundern, daß eine so trostlose Weltanschauung überhaupt Beachtung gefunden hat; aber man darf nicht daran vergessen, daß die vom Joch ihrer Sexualbedürfnisse bedrückte Menschheit bereit ist, alles anzu- nehmen, wenn man ihr nur die „Überwindung der Sexualität" als Köder hinhält.

Die Adlersche Abfallsbewegung vollzog sich vor dem Kongreß in Weimar 191 1; nach diesem Datum setzte die der Schweizer


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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


ein. Ihre ersten Anzeichen waren sonderbarerweise einige Äuße- rungen Riklins in populären Aufsätzen der schweizerischen Literatur, aus denen die Umwelt also früher als die nächsten Fachgenossen erfuhr, daß die Psychoanalyse einige bedauerliche, sie diskreditierende Irrtümer überwunden habe. 1912 rühmte sich Jung in einem Briefe aus Amerika, daß seine Modifikationen der Psychoanalyse die Widerstände bei vielen Personen über- wunden hätten, die bis dahin nichts von ihr hatten wissen wollen. Ich antwortete, das sei kein Ruhmestitel, und je mehr er von den mühselig erworbenen Wahrheiten der Psychoanalyse opfere desto mehr werde er den Widerstand schwinden sehen. Die Modifikation, auf deren Einführung die Schweizer sich so stolz zeigten, war wiederum keine andere als die theoretische Zurück- drängung des sexuellen Moments. Ich gestehe, daß ich von allem Anfang an diesen „Fortschritt" als eine zuweitgehende Anpassung an die Anforderungen der Aktualität auffaßte.

Die beiden rückläufigen, von der Psychoanalyse wegstrebenden Bewegungen, die ich nun zu vergleichen habe, zeigen auch die Ähnlichkeit, daß sie durch gewisse" hochragende Gesichtspunkte wie sub specie aeternitatis um ein günstiges Vorurteil werben. Bei Adler spielt die Relativität aller Erkenntnis und das Recht der Persönlichkeit, den Wissensstoff individuell künstlerisch zu gestalten, diese Rolle; bei Jung wird auf das kulturhistorische Recht der Jugend gepocht, Fesseln abzuwerfen, in welche sie das tyrannische, in. seinen Anschauungen erstarrte Alter schlagen möchte. Diese Argumente machen einige abweisende Worte not- wendig. Die Relativität unserer Erkenntnis ist ein Bedenken welches jeder anderen Wissenschaft ebensowohl entgegengesetzt werden kann wie der Psychoanalyse. Es entstammt bekannten reaktionären, der Wissenschaft feindlichen Strömungen der Gegenwart und will den Schein einer Überlegenheit in Anspruch nehmen, die uns nicht gebührt. Keiner von uns kann ahnen, welches das endgültige Urteil der Menschheit über unsere


Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 6*

theoretischen Bemühungen sein wird. Man hat Beispiele dafür daß die Abweisung der nächsten drei Generationen noch von der nächstfolgenden korrigiert und in Anerkennung verwandelt wurde. Es bleibt dem einzelnen nichts übrig, als seine auf Erfahrung gestützte Überzeugung mit all seinen Kräften zu vertreten, nachdem er die eigene kritische Stimme sorgfaltig und die der Gegner mit einiger Aufmerksamkeit angehört hat. Man begnüge sich damit, seine Sache ehrlich zu führen, und maße sich nicht ein Richteramt an, das einer fernen Zukunft vorbehalten ist. Die Betonung der persönlichen Willkür in wissenschaftlichen Dingen ist arg; sie will der Psychoanalyse offenbar den Wert einer Wissenschaft bestreiten, der allerdings durch die vorher- gehende Bemerkung bereits herabgesetzt ist. Wer das wissen- schaftliche Denken hochstellt, wird eher nach Mitteln und Methoden suchen, um den Faktor der persönlichen künstlerischen Willkür dort möglichst einzuschränken, wo er noch eine über- große Rolle spielt. Übrigens darf man sich rechtzeitig erinnern, daß aller Eifer der Verteidigung unangebracht ist. Diese Argumente Adlers sind nicht ernst gemeinte 5 sie sollen nur gegen den Gegner verwertet werden, respektieren aber die eigenen Theorien. Sie haben auch Adlers Anhänger nich^ abgehalten, ihn als den Messias zu feiern, auf dessen Erscheinen die harrende Menschheit durch so und so viel Vorläufer vorbereitet worden ist. Der Messias ist gewiß nichts Relatives mehr.

Das Jung sehe Argument ad captandam benevolentiam ruht auf der allzu optimistischen Voraussetzung, als hätte sich der Fortschritt der Menschheit, der Kultur, des Wissens, stets in ungebrochener Linie vollzogen. Als hätte es niemals Epigonen gegeben, Reaktionen und Restaurationen nach jeder Revolution, Geschlechter, die durch einen Rückschritt auf den Erwerb einer früheren Generation verzichtet hätten. Die Annäherung an den Standpunkt der Menge, das Aufgeben einer als unliebsam empfundenen Neuerung, machen es von vornherein unwahr-


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Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


scheinlich, daß die Jungsche Korrektur der Psychoanalyse den Anspruch auf eine befreiende Jugendtat sollte erheben können. Endlich sind es nicht die Jahre des Täters, welche hierüber ent- scheiden, sondern der Charakter der Tat.

Von den beiden hier behandelten Bewegungen ist die Adlersche unzweifelhaft die bedeutsamere $ radikal falsch, ist sie doch durch Konsequenz und Kohärenz ausgezeichnet. Sie ist auch noch immer auf eine Trieblehre gegründet. Die Jung sehe Modifikation dagegen hat den Zusammenhang der Phänomene mit dem Triebleben gelockert 5 sie ist übrigens, wie ihre Kritiker (Abraham, Ferenczi, Jones) hervorgehoben, so unklar, undurch- sichtig und verworren, daß es nicht leicht ist, Stellung zu ihr zu nehmen. Wo man sie antastet, muß man darauf vorbereitet sein, zu hören, daß man sie mißverstanden hat, und man weiß nicht, wie man zu ihrem richtigen Verständnis kommen soll. Sie stellt sich selbst in eigentümlich schwankender Weise vor, bald als „ganz zahme Abweichung, die das Geschrei nicht wert sei das sich darum erhoben habe" (Jung), bald als neue Heilsbotschaft, mit der eine neue Epoche für die Psychoanalyse beginne, ja, eine neue Weltanschauung für alle übrigen.

Unter dem Eindruck der Unstimmigkeiten zwischen den einzelnen privaten und öffentlichen Äußerungen der Jungschen Richtung wird man sich fragen müssen, wie groß daran der Anteil der eigenen Unklarheit und der der Unaufrichtigkeit sei. Man wird aber zugestehen, daß sich die Vertreter der neuen Lehre in einer schwierigen Situation befinden. Sie bekämpfen nun Dinge, welche sie früher selbst verteidigt haben, und zwar nicht auf Grund neuer Beobachtungen, von denen sie sich belehren lassen konnten, sondern infolge von Umdeutungen, welche ihnen jetzt die Dinge anders erscheinen lassen, als sie sie vorher sahen. Darum wollen sie den Zusammenhang mit der Psychoanalyse, als deren Vertreter sie der Welt bekannt wurden, nicht aufgeben und ziehen es vor zu verkünden, daß die Psychoanalyse sich geändert hat. Auf dem



Zw Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 6*

Münchner Kongreß sah ich mich genötigt, dieses Halbdunkel aufzuhellen, und tat es durch die Erklärung, daß ich die Neue- rungen der Schweizer nicht als legitime Fortsetzung und Weiter- entwicklung der von mir ausgehenden Psychoanalyse anerkenne. Außenstehende Kritiker (wie Furtmüller) hatten diesen Sach- verhalt schon vorher erkannt, und Abraham spricht mit Recht davon, daß sich Jung auf dem vollen Rückzuge von der Psycho- analyse befinde. Ich bin natürlich gern bereit zuzugestehen, daß ein jeder das Recht hat, zu denken und zu schreiben, was er will, aber er hat nicht das Recht, es für etwas anderes auszugeben, als es wirklich ist. /

Wie die Adler sehe Forschung der Psychoanalyse etwas Neues brachte, ein Stück der Ichpsychologie, und sich dieses Geschenk allzu teuer bezahlen lassen wollte durch die Verwerfung aller grundlegenden analytischen Lehren, so haben auch Jung und seine Anhänger ihren Kampf gegen die Psychoanalyse an eine Neuerwerbung für dieselbe angeknüpft. Sie haben im einzelnen verfolgt (worin ihnen Pf ist er vorangegangen war), wie das Material der sexuellen Vorstellungen aus dem Familienkomplex und der inzestuösen Objektwahl zur Darstellung der höchsten ethischen und religiösen Interessen der Menschen verwendet wird, also einen bedeutsamen Fall von Sublimierung der erotischen Triebkräfte und Umsetzung derselben in nicht mehr erotisch zu nennende Strebungen aufgeklärt. Dies stand im besten Einklang mit den in der Psychoanalyse enthaltenen Erwartungen und hätte sich vortrefflich mit der Auffassung vertragen, daß in Traum und Neurose die regressive Auflösung dieser wie aller anderen Sublimierungen sichtbar wird. Allein die Welt hätte empört gerufen, man habe Ethik und Religion sexualisiert ! Ich kann es nun nicht vermeiden, einmal „final" zu denken und anzunehmen, daß sich die Entdecker diesem Entrüstungssturm nicht gewachsen fühlten. Vielleicht begann er auch in der eigenen Brust zu toben. Die theologische Vorgeschichte so vieler Schweizer

Freud, Zur Geschichte.


66 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung


ist für ihre Stellung zur Psychoanalyse so wenig gleichgültig wie die sozialistische Adlers für die Entwicklung seiner Psychologie. Man wird an die berühmte Geschichte Mark Twains von den Schicksalen seiner Uhr erinnert und an die Verwunderung, mit der sie schließt: And he used to wonder what became of all the unsuccessful tinkers, and gunsmiths, and shoemakers, and blacksmiths; but nobody could euer teil him.

Ich will den Weg des Gleichnisses betreten und annehmen, in einer Gesellschaft lebe ein Emporkömmling, der sich der Ab- stammung von uradeliger, aber ortsfremder Familie rühme. Nun werde ihm nachgewiesen, daß seine Eltern irgendwo in der Nähe leben und sehr bescheidene Leute seien. Jetzt steht ihm noch ein Auskunftsmittel zu Gebote und zu diesem greift er auch. Er kann die Eltern nicht mehr verleugnen, aber er behauptet, die seien selbst hochadelig, nur herabgekommen, und verschafft ihnen bei einem gefälligen Amt ein Abkunftsdokument. Ich meine, so ähnlich haben sich die Schweizer benehmen müssen. Wenn Ethik und Religion, nicht sexualisiert werden durften, sondern von Anfang an etwas „Höheres" waren, die Herleitung ihrer Vorstellungen aus dem Familien- und Ödipuskomplex aber unab- weisbar erschien, so ergab sich nur eine Auskunft: diese Komplexe selbst durften von Anfang an nicht bedeuten, was sie auszusagen schienen, sondern jenen höheren, „anagogischen" Sinn (nach Silberers Namengebung) haben, mit dem sie sich in ihre Ver- wendung in den abstrakten Gedankengängen der Ethik und der religiösen Mystik einfügten.

Ich bin nun gefaßt darauf, wiederum zu hören, daß ich Inhalt und Absicht der Neu-Züricher Lehre mißverstanden habe, aber ich verwahre mich von vornherein dagegen, daß die Widersprüche gegen meine Auffassung, die sich aus den Veröffentlichungen dieser Schule ergeben, mir, anstatt ihnen selbst zur Last gelegt sein sollen. Auf keine andere Art kann ich mir das Ensemble der J u n g sehen Neuerungen verständlich machen und im Zusammen-


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hange begreifen. Von der Absicht, das Anstößige der Familien-



komplexe zu beseitigen, um dies Anstößige nicht in Religion und Ethik wiederzufinden, strahlen alle die Abänderungen aus, welche' Jung an der Psychoanalyse vorgenommen hat. Die sexuelle Libido wurde durch einen abstrakten Begriff ersetzt, von dem man behaupten darf, daß er für Weise wie für Toren gleich geheimnisvoll und unfaßbar geblieben ist. Der Ödipuskomplex war nur „symbolisch" gemeint, die Mutter darin bedeutete das Unerreichbare, auf welches man im Interesse der Kultur- entwicklung verzichten muß; der Vater, der im Ödipusmythus getötet wird, ist der „innerliche" Vater, von dem man sich freizumachen hat, um selbständig zu werden. Andere Stücke des sexuellen Vorstellungsmaterials werden im Laufe der Zeit sicherlich ähnliche Umdeutungen erfahren. An Stelle des Konfliktes zwischen ich widrigen erotischen Strebungen und der Ichbehauptung trat der Konflikt zwischen der „Lebensaufgabe" und der „psychischen Trägheit"; das neurotische Schuldbewußtsein entsprach dem Vorwurf, seiner Lebensaufgabe nicht gerecht zu werden. Ein neues religiös-ethisches System wurde so geschaffen, welches ganz wie das Ad ler sehe die tatsächlichen Ergebnisse der Analyse umdeuten, verzerren oder beseitigen mußte. In Wirklichkeit hatte man aus der Symphonie des Weltgeschehens ein paar kulturelle Obertöne herausgehört und die urgewaltige Triebmelodie wieder einmal überhört.

Um dieses System zu halten, war eine volle Abwendung von der Beobachtung und von der Technik der Psychoanalyse not- wendig. Gelegentlich gestattete die Begeisterung für die hehre Sache auch eine Geringschätzung der wissenschaftlichen Logik, wie wenn Jung den Ödipuskomplex nicht „spezifisch" genug für die Ätiologie der Neurosen findet und diese Spezifität der Trägheit, also der allgemeinsten Eigenschaft belebter wie unbelebter Körper zuerkennt! Dabei ist zu bemerken, daß der „Ödipus- komplex" nur einen Inhalt darstellt, an dem sich die Seelenkräfte

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des Individuums messen, und nicht selbst eine Kraft ist, wie die „psychische Trägheit". Die Erforschung des einzelnen Menschen hatte ergeben und wird immer von neuem ergeben, daß die sexuellen Komplexe in ihrem ursprünglichen Sinne in ihm lebendig sind. Darum wurde die Individualforschung zurückgedrängt und durch die Beurteilung nach Anhaltspunkten aus der Völker- forschung ersetzt. In der frühen Kindheit eines jeden Menschen war man am ehesten der Gefahr ausgesetzt, auf den ursprüng- lichen und unverhüllten Sinn der umgedeuteten Komplexe zu stoßen, daher ergab sich für die Therapie die Vorschrift, bei dieser Vergangenheit so kurz als möglich zu verweilen und den Hauptakzent auf die Rückkehr zum aktuellen Konflikt zu legen, an dem aber beileibe nicht das Zufällige und Persönliche, sondern das Generelle, eben das Nichterfüllen der Lebensaufgabe, das Wesentliche ist. Wir haben aber gehört, daß der aktuelle Konflikt des Neurotikers erst verständlich und lösbar wird, wenn man ihn auf die Vorgeschichte des Kranken zurückfuhrt, den Weg geht, den seine Libido bei der Erkrankung gegangen ist.

Wie sich die Neu-Züricher Therapie unter solchen Tendenzen gestaltet hat, kann ich nach den Angaben eines Patienten mit- teilen, der sie an sich selbst erfahren mußte. „Diesmal keine Spur von Rücksicht auf Vergangenheit und Übertragung. Wo ich letztere zu greifen glaubte, wurde sie für reines Libidosymbol ausgegeben. Die moralischen Belehrungen waren sehr schön und ich lebte ihnen getreulich nach, aber ich kam keinen Schritt vorwärts. Es war mir noch unangenehmer als ihm, aber was konnte ich dafür? . . . Statt analytisch zu befreien, brachte jede Stunde neue ungeheure Forderungen, an deren Erfüllung die Überwindung der Neurose geknüpft wurde, z. B. innerliche Konzentration durch Introversion, religiöse Vertiefung, neues Gemeinschaftsleben mit meiner Frau in liebevoller Hingabe usw. Es ging fast über die Kraft, lief es doch auf eine radikale Umgestaltung des ganzen inneren Menschen hinaus. Man verließ


Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 69

die Analyse als armer Sünder mit den stärksten Zerknirschungs- V gefühlen und den besten Vorsätzen, aber gleichzeitig in tiefster Entmutigung. Was er mir empfahl, hätte jeder Pfarrer mir auch geraten, aber woher die Kraft?" Der Patient teilt zwar mit, er habe gehört, daß die Vergangenheits- und Übertragungsanalyse vorangehen müsse. Ihm wurde gesagt, daß er davon genug gehabt habe. Da sie nicht mehr geholfen hat, scheint mir der Schluß gerechtfertigt, daß der Patient von der ersteren Art der Analyse nicht genug bekommen hat. Keinesfalls hat das daraufgesetzte Stück Behandlung mehr geholfen, welches auf den Namen einer Psychoanalyse keinen Anspruch mehr hat. Es ist zu verwundern, daß die Züricher den langen Umweg über Wien gebraucht haben, um endlich nach dem so nahen Bern zu kommen, in dem Dubois Neurosen durch ethische Aufmunterung in schonungs- vollerer Weise heilt. 1

Der völlige Zerfall dieser neuen Richtung mit der Psycho- analyse erweist sich natürlich auch in der Behandlung der Verdrängung, welche in den Schriften Jungs kaum mehr erwähnt wird, in der Verkennung des Traumes, den sie wie Adler unter Verzicht auf die Traumpsychologie mit den latenten Traumgedanken verwechselt, in dem Verlust des Verständnisses für das Unbewußte, kurz in all den Punkten, in welche ich die Wesenheit der Psychoanalyse verlegen konnte. Wenn man von Jung hört, der Inzestkomplex sei nur symbolisch, er habe doch keine reale Existenz, der Wilde verspüre doch kein Gelüste nach der alten Vettel, sondern ziehe ein junges und schönes Weib vor, so ist man versucht anzunehmen, daß symbolisch' und ,keine reale Existenz' eben das bedeuten, was


1) Ich kenne die Bedenken, welche der Verwertung einer Patientenaussage im Wege stehen, und will darum ausdrücklich versichern, daß mein Gewährsmann eine ebenso vertrauenswürdige wie urteilsfähige Persönlichkeit ist. Er hat mich informiert, ohne daß ich ihn dazu aufgefordert, und ich bediene mich seiner Mitteilung, ohne seine Zustimmung einzuholen, weil ich nicht zugeben kann, daß eine psychoanalytische Technik den Schutz der Diskretion beanspruchen sollte.


70 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung

man in der Psychoanalyse mit Rücksicht auf seine Äußerungen und pathogenen Wirkungen als „unbewußt existent" bezeichnet, um auf solche Weise den scheinbaren Widerspruch zu erledigen.

Wenn man sich vorhält, daß der Traum noch etwas anderes ist als die latenten Traumgedanken, die er verarbeitet, so wird man sich nicht wundern, daß die Kranken von den Dingen träumen, mit denen man ihren Sinn während der Behandlung erfüllt hat, sei es die „Lebensaufgabe" oder das „Oben- und Untensein". Gewiß sind die Träume der Analysierten lenkbar, in ähnlicher Art, wie man Träume durch experimentell angebrachte Reize beeinflussen kann. Man kann einen Teil des Materials be- stimmen, welches in den Träumen vorkommt; am Wesen und am Mechanismus des Traumes wird hiedurch nichts geändert. Ich glaube auch nicht daran, daß die sogenannten „biographischen" Träume sich außerhalb der Analyse ereignen. Analysiert man hingegen Träume, die vor der Behandlung vorgefallen sind, oder achtet man darauf, was der Träumer zu den ihm in der Kur gegebenen Anregungen hinzufügt, oder kann man es vermeiden, ihm solche Aufgaben zu stellen, so überzeugt man sich, wie ferne es dem Traume liegt, gerade nur Lösungs versuche der Lebensaufgabe zu liefern. Der Traum ist ja nur eine Form des Denkens; das Verständnis dieser Form kann man nie aus dem Inhalt seiner Gedanken gewinnen, dazu führt nur die Würdigung der Traum arbeit.

Die faktische Widerlegung der Jungschen Mißverständnisse und Abweichungen von der Psychoanalyse ist nicht schwierig. Jede regelrecht ausgeführte Analyse, ganz besonders aber jede Analyse am Kinde, bestärkt die Überzeugungen, auf denen die Theorie der Psychoanalyse ruht, und weist die Umdeutungen des Adler sehen wie des Jung sehen Systems zurück. Jung selbst hat in der Zeit vor seiner Erleuchtung eine solche Kinderanalyse durchgeführt und publiziert; es ist abzuwarten, ob er eine neue Deutung derselben mit Hilfe einer anderen „einheitlichen Richtung





Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung n\

der Tatsachen" (nach dem hierauf bezüglichen Ausdruck Adlers) vornehmen wird.

Die Ansicht, daß die sexuelle Darstellung „höherer" Gedanken in Traum und Neurose nichts anderes als eine archaische Aus- drucksweise bedeute, ist natürlich mit der Tatsache unvereinbar, daß sich diese sexuellen Komplexe in der Neurose als die Träger jener Libidoquantitäten erweisen, welche dem realen Leben entzogen worden sind. Handelte es sich nur um einen sexuellen Jargon, so könnte dadurch an der Ökonomie der Libido nichts geändert worden sein. Jung selbst gesteht dies noch in seiner „Darstellung der psychoanalytischen Theorie" zu und formuliert als therapeutische Aufgabe, daß diesen Komplexen die Libido- besetzung entzogen werden solle. Dies gelingt aber niemals durch Wegweisen von ihnen und Drängen zur Sublimierung, sondern nur durch eingehendste Beschäftigung mit ihnen und durch Bewußtmachen im vollen Umfange. Das erste Stück der Realität, dem der Kranke Rechnung zu tragen hat, ist eben seine Krankheit. Bemühungen, ihn dieser Aufgabe zu entziehen, deuten auf eine Unfähigkeit des Arztes, ihm zur Überwindung der Widerstände zu verhelfen, oder auf eine Scheu des Arztes vor den Ergebnissen dieser Arbeit.

Ich möchte abschließend sagen, Jung hat mit seiner „Modifikation" der Psychoanalyse ein Gegenstück zum berühmten Lichtenbergschen Messer geliefert. Er hat das Heft verändert und eine neue Klinge eingesetzt; weil dieselbe Marke darauf eingeritzt ist, sollen wir nun dies Instrument für das frühere halten.

Ich glaube im Gegenteile gezeigt zu haben, daß die neue Lehre, welche die Psychoanalyse substituieren möchte, ein Aufgeben der Analyse und einen Abfall von ihr bedeutet. Man wird vielleicht der Befürchtung zuneigen, daß dieser Abfall für ihr Schicksal verhängnisvoller werden müsse als ein anderer, weil er von Personen ausgeht, welche eine so große Rolle in der Bewegung gespielt



7 2 Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung

und sie um ein so großes Stück gefördert haben. Ich teile diese Befürchtung nicht.

Menschen sind stark, solange sie eine starke Idee vertreten 9 sie werden ohnmächtig, wenn sie sich ihr widersetzen. Die Psychoanalyse wird diesen Verlust ertragen und für diese Anhänger andere gewinnen. Ich kann nur mit dem Wunsche schließen, daß das Schicksal allen eine bequeme Auffahrt bescheren möge, denen der Aufenthalt in der Unterwelt der Psychoanalyse unbehaglich geworden ist. Den anderen möge es gestattet sein, ihre Arbeiten in der Tiefe unbelästigt zu Ende zu führen.




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