Geschichte der grotesken Satire  

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Caricature of human nose Illustration: Napoleon III nose caricatures from Schneegans's History of Grotesque Satire
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Caricature of human nose
Illustration: Napoleon III nose caricatures from Schneegans's History of Grotesque Satire

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grotesque, satire, German satire

Geschichte der grotesken Satire (1894, English The history of grotesque satire) is a book by Heinrich Schneegans, centering around Rabelais. Schneegans "insists upon the strict differentiation of three types or categories of the comic: the clownish, the burlesque, and the grotesque." (Rabelais and His World). The book features several caricatures of Napoleon III's nose[1].


Contents

Full text[2]

Full text of "Geschichte der grotesken Satire"


GESCHICHTE


DER


GROTESKEN SATIRE.


GESCHICHTE


DER


GROTESKEN SATIRE


VON


DR. HEINRICH SCHNEEGANS,

PRIVATDOZENT DER ROMANISCHEN PHILOLOGIE AN DER UNIVERSITÄT STRASSBURG.


MIT 28 ABBILDUNGEN.


STRASSBURG. VERLAG VON KARL J. TRÜBNER.

1894.


MEINEM VEREHRTEN LEHRER HERRN PROFESSOR

DR. GUSTAV GRÖBER

IN DANKBARKEIT

ZUGEEIGNET.



/?9J_^


VORWORT.

Vorliegende Arbeit hat ihren Anlass in der für das Jahr 1889 (Ende Dezember) gestellten, aber damals nicht gelösten Aufgabe der Lamey-Preisstiftung gefunden. Dieselbe verlangte eine Charakteristik und Geschichte des grotesken Stils, der in Rabelais und Fischart seine Haupt Vertreter hat. Gewünscht wurde auch der Nachweis, in wieweit die Eigenheiten dieses Stils mit den allgemeinen Kultur- verhältnissen des 16. Jahrhunderts in Verbindung stehen. Meine Arbeit ist im Grunde genommen nicht die ge- wünschte Lösung der Aufgabe. Zwar giebt sie wohl eine Charakteristik des grotesken Stils und sucht auch die Eigentümlichkeiten desselben aus den Kulturverhältnissen der Renaissance zu erklären. Aber auch in diesen Teilen ist der Stil für sie nicht die Hauptsache. Noch viel we- niger ist dies der Fall, insofern es auf Geschichte ankommt. Wie der Titel schon zeigt, ist Zweck der Arbeit nicht die Geschichte des grotesken Stils, sondern der grotes- ken Satire. Was wir unter grotesker Satire verstehen, wird die Einleitung eingehend darlegen. Es mag nur hier vorausgeschickt werden, weshalb wir vom gestellten Thema abgewichen sind.

Die grotesken Litteraturwerke sind verhältnismässig selten. Die Kenntnis des Stoffes war deshalb beim Leser nicht vorauszusetzen. Das Verständnis des Lesers erforderte


Vlir Vorwort.

aber ein Eingehen auf diesen Stoff. So schien es denn angebracht — vielleicht war es auch wirksamer — ausser auf die grotesken Darstellungsmittel, ausser ;iuf das Linea- ment des Grotesken, auch auf die litterarische Seite des- selben im weitesten Sinne, auf seine Pfleger in den ein- zelnen Ländern, auf seine jeweiligen Veranlassungen und Ursachen einzugehen. So konnte sich die Anschauung mit der Abstraction verbinden. So wurde es dem Unbe- lehrten ebenso leicht möglich den Ausführungen zu folgen, wie dem Kundigen. In so weitem Sinne gefasst, jnusste aber die Arbeit einen andern Titel annehmen; sie musste Geschichte der grotesken Satire genannt werden. Ihr eigentUcher Zweck ist also die Geschichte einer in besonderem Stil sich ausprägenden lit- ter arischen Gattung.

Das Groteske kann ausser in der Litteratur auch in

der bildenden Kunst zum künstlerischen Ausdruck ge- langen. Es wird dann zur grotesken Karikatur. Auf dieses Gebiet weist meine Arbeit nur hie und da zur Verdeutlichung oder Parallele hin.

Es versteht sich, dass die groteske Satire nicht so- fort die Höhe der Vollendung erreicht hat. In ihren An- fängen treten die sie später so scharf charakterisierenden stilistischen Merkmale nur vereinzelt auf. Oft bleiben sie sogar aus. Die Satire tritt uns noch nicht in entspre- chendem Gewände entgegen. In den Händen geistloser Nachahmer und in den Zeiten ihres Verfalls drängt sich dagegen das Formale häufig in den Vordergrund. Die Eigentümlichkeiten des Stils finden sich ohne den trei- benden Gedanken. Natürlich! Wer den Gedanken nicht erfassen kann, bleibt am Äusseren haften. Auch kom- men hie und da einzelne der Eigentümlichkeiten des


Vorwort, IX

grotesken Stils bei andern als bei grotesken Satirikern vor, aber dann stets vereinzelt, und aus in jedem Fall leicht ersichtlichen Gründen.

Eine Geschichte der grotesken Satire war nur nach Klarlegung des Begriffs des Grotesken möglich. Flögel hat in seiner Geschichte des Groteske-komischen es unterlassen eine solche zu geben, und Ebeling, der sein Werk wesentlich vermehrte und verarbeitete, hat es unbegreiflicherweise auch für überflüssig gehalten. vSo hat denn die Flögersche Arbeit nur den Wert einer incoherenten Materialiensammlung. Auch sonst war der Begriff nirgends genügend erklärt worden ; so musste denn zuerst hier die Axt angelegt werden, und durch das Dickicht des ver- wrorrenen und verwirrenden Sprachgebrauchs ein Pfad ge- bahnt werden. Erst so wurde es möglich zu bestimmen, was zur grotesken Satire gehört, und was den verwandten Gebieten des Burlesken und Possenhaften zuzuweisen ist. Manches, was ein unklarer Sprachgebrauch unserm Ge- biet wohl zuzuweisen geneigt sein mochte, musste vor der unerbittlichen Konsequenz der geschaffenen Norm zu- rückweichen und seinen Platz anderswo suchen.

Auf solcher Grundlage erhebt sich die historische Darstellung. Bei der reich verzweigten Litteratur ist es mehr als wahrscheinlich, dass mir dieses oder jenes ent- gangen ist, was noch der Behandlung wert gewesen wäre; Ich werde Jedem dankbar sein, der mich darauf aufmerk- sam macht.

Die Darstellung geht vom Mittelalter aus und ge- leitet die groteske Satire durch das Zeitalter der Renais- sance und Reformation bis zu ihrem Aussterben im 17. Jahrhundert. Auf das Altertum ist nicht Rücksicht ge- nommen worden, da eine Beziehung der Ansätze zur




X Vorwort.

grotesken Satire des Mittelalters zum Altertum nieht nach- weisbar war. Und wenn aueh die groteske Satire, die im Renaissancezeitalter blühte, eine Beeinflussung durch das Altertum erfahren haben sollte, so ist doch die all- mähliche Entwickelung der Litteraturgattung aus dem Mittelalter ein geschlossenes Ganzes. Das Altertum könnte nur etwa für Einzelheiten hie und da Parallelen bieten, die von Interesse wären, aber die Geschichte der grotes- ken Gattung nicht w^esentlich anders gestalten. Möge ein. Berufenerer als ich diesen Spuren nachgehen. — Dagegen war es eine unerlässliche und zugleich lohnende Aufgabe, das Verhältnis der grotesken Satire zu den Kulturverhält- nissen zu untersuchen. Möge es mir gelungen sein, dar- zulegen, dass wie der Stil der Ausfluss des Gedankens, so auch die ganze Gattung ihre Quelle in den Zeitverhält- nissen findet.

Das Eindringen in eine mit der Gedankenbewegung einer grossen Zeit so eng verbundene litterarische Gat- tung, wie es die groteske Satire ist, bietet für den Bear- beiter eines solchen Stoffes eine Fülle anregenden Ge- nusses. Schon aus diesem Grunde ist es mir Bedürfnis an dieser Stelle meinem verehrten Lehrer, Herrn Profes- sor Gröber, welcher mich auf diese Aufgabe hinwies und während der Bearbeitung derselben mit nie ermüdender Bereitwilligkeit mit seinem Rate mir zur Seite stand, meinen ehrfurchtsvollen Dank auszusprechen. Ich glaube

ihn nicht besser ausdrücken zu können, als dadurch, dass ich ihm diese Arbeit widme. Eine angenehme

Pflicht ist es mir ferner^ auch allen Andern, die sich

für meine Arbeit interessiert und sie durch ihren Rat

oder ihre Mitteilungen gefördert haben, zu danken. Vor

Allen gebührt dieser Dank Herrn Professor Ziegler, der


Vorwort. XI

die Freundlichkeit hatte, die Einleitung mit mir zu be- sprechen, und meinem Freunde, Herrn Dr. Hensel, welcher mit selbstloser Aufopferung die undankbare Aufgabe der Durchsicht der Korrekturbogen übernahm.

Wenn ich auch im Laufe meiner Untersuchung rrianch- mal bedauern musste, nicht immer alle nötigen Hilfsmittel zur Hand zu haben, um ein vollständiges Bild der grotes- ken Satire zu entwerfen, so freut es mich anderseits in der Strassburger Universitäts- und Landesbibliothek doch eine so grosse Menge seltener Schriften, die ich zu Rate ziehen musste^ vorgefunden zu haben. Dem Herrn Ober- bibliothekar sowie den übrigen Beamten, die keine Mühe scheuten, mir die erforderlichen Hilfsmittel an die Hand zu geben, manchmal auch von auswärts herbeizuschaffen, zolle ich gerne meinen wärmsten Dank. Wenn endlich das Buch in ansprechendem Gewände in die Öffentlichkeit heraustritt, so ist dies das Verdienst des Herrn Verlegers. Auch ihm meinen besten Dank.

Strassburg, den 11. Mai 1894.

INHALTS -VERZEICHNIS.

Einleitun^^. Die Satire Rabelais' vom ästhelischen Standpunkte. —


'fe


p. 1 — 58. Welche Bezeichnung kommt ihr zu? — Ist sie humoristisch? — Ist sie nicht eher grotesk? — Was ist grotesk? — Unzu- länglichkeit der bisherigen Definitionen. — Psychologisch- inductive Untersuchung des Regriffs. — Etymologie des Wortes. — Die verwandten Begriffe des Burlesken und Possenhaften. — Das Groteske in der bildenden Kunst. — Das Groteske in der Witz- und Anekdotenlitteratur. — Die groteske Satire. — Zweck der Arbeit.

Erster Teil p. 59—170: Die Zeit vor Rabelais. Kapitell: Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter.

P« '^^ "^' Die auf geistlichem Gebiete sich bewegenden Satiren: Die Gebete, das Leben der Äbte, die Schwelgerei und Habsucht des Papstes. — Rutebuef. — Die gegen Charlatane und Spiel- leute gerichteten Satiren. — Die politischen Satiren Frank- reichs: Äussere Feinde, innere Missstände. — Die Keime der litterarischen, die Ritterromane verhöhnenden Satire.

Kapitel II: Die italienische Ritterdichtung.

P* "" 11"' Italiens Ansicht vom Ritter. — Pulci's Morgante Maggiore. — Boiardo's Orlando innamorato. — Der Mambriano des Blinden von Ferrara. — Ariosi's Orlando Furioso. — Teofilo Folengo's Orlandino.

Kapitel III: Die macaronische Poesie der Italiener.

P* ü" 141. Die übertriebene Bewunderung der Antike. — Die burleske Tendenz der macaronischen Sprache. — Die grotesken Ele- mente in den macaronischen Gedichten: Tifi degli Odassi; Fossa's Virgiliana; Das Nobile Vigonze opus; Bassano von !Mantua und Alione; Merlin Cocca'i's Baldus von Cipada.

Kapitel IV : Die vom Humanismus und der Reformation p. 141—170. ausgehenden Satiren Deutschlands.

Der Tod und der Narr. — Erasmus' Lob der Narrheit. — Die Dunkelmännerbriefe. — Luther. — Hütten und Pirckhei- mer. — Murner und die Katholiken. — Die protestantischen Flugschriften: Das Äusserliche im Cultus; Die Anbetung des Papstes; Roms vertraute Beziehungen zum Teufel.


XIV Inhalts-Verzeichnis.


Zweiter Teil p. iTi— 270: Rabelais. Kapitell: Die Satiren der Ritterromane.

P- l*i L0(. Der l'rosaroman und die Renaissance. — Die grossen und unschätzbaren Chroniken des grossen und ungeheuren Riesen Gargantua. — Rabelais' Pantagruel. — Die bewunderungs- ^vürdigen Chroniken des mächtigen Königs Gargantua. — Ra- belais' Gargantua.

Kapitel II: Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen.

p. 20 i l47. Rabelais als Humanist. — Die Scholastik: ihre Spitzfindig- keit, ihre Unwissenheit, ihre materielle Gesinnung. — Das Rechtswesen: die Länge der Prozesse; die Willkür der Ent- scheidung; die Sprache vor Gericht; die Gerichtsdiener. — Die Geistlichkeit: ihre Sinnlichkeit; ihre Frömmelei; ihr Fanatis- mus. — Die Fürsten und ihre kriegerischen Unternehmungen. — Die allegorischen Satiren.

Kapitel III: Der Stil Rabelais'.

P- -4o _<0. Die Übertreibungen ohne satirische Absicht: in Schilderun- gen, in Charakteristiken, in der Ausbeutung einzelner Begriffe.

— Die Fülle des Satzes: die Häufung der Synonyme; die Aufzählungen; die Listen. — Die Wortbildungen. — Die ono- matopoetischen Wörter. — Der Gleichklang. — Das Wort- spiel. — Rückblick.

Dritter Teil p. 271—484: Die Zeit nach Rabelais. Kapitell: Die äusseren Nachahmer Rabelais' und die von p. 271—309. ihm beeinflusste Kunst.

Die Nachahmung des Abenteuerlichen: der Schüler Panta- gruel's, der auferstandene Rabelais, der Gargantua des 18. Jahrhunderts. — Die Nachahmung der Stileigentümlichkeiten: bei Noel du Fail, Etienne Tabourot, Beroalde de Verville, in den Receptionsakten der Narrenmutter zu Dijon. — Das Gro- teske in der von Rabelais beeinflussten Kunst: Die Songes drolatiques de Pantagruel. — Das Phantastische bei Breughel.

— Das Possenhafte bei Callot.

Kapitel II: Die französische Satire im Geiste Rabelais'.

p. olü oOo. Ansätze zur grotesken Satire in Antonius de Arena's Meygra entrepriza und in Bonaventure Desperiers' Cymbalum mundi. — Die calvinistische Satire: Calvin; Henricus Stephanus: Apo- logie des Herodot; Theodor Beza: Der Passavant; Pierre Viret; Das Buch der Kaufieute; Die Satiren der päpstlichen Küche;


InhaUs -Verzeichnis. XV


Marnix von S^c Alde<^onde: Tableau des Differens de la Re- ligion. — Die katholische vSatire; Remy Bellcau's Dictamen metrificum; Die Cagasan^'a ReyslrosuyssolanqneUorum. — Die poliiische .Satire: Die Liga und die Satire Menippec.

Kapitel III: Das Groteske bei Fischart.

p. oOb 42o. Ansätze zum grotesken Stil in Fischarts ersten Werken: Die Gedichte, die Prosaschriften. — Die Satire in der Ge- schichtsklilterung: Die grobianischen Elemente; Die Unwissen- heit und Dummheit; Die kriegerischen Unternehmungen. — Das Podagrammisch Trostbüchlein. — Die Satiren der katho- lischen Kirche. — Die Übertreibungen ohne satirische Ten- denz. — Die Fülle des Stils. — Der Gleichklang. — Die Kreuzfiguren. — Die "Wortspiele. — Der Eintluss Fischarts: Nigrinus, Oslander, die Schildbürger, Praetorius.

Kapitel IV: Die Ausläufer der grotesken Satire und des p. 428—484. grotesken Stils.

Die Italiener: Die Satiren des Pedanten und die pedan- teskische Poesie; Die späteren Makaroniker: Bartholomaeus Bolla, Cesare Orsini, Zanclaio; Die Gigantea und Nanea; Doni und Spelta. — Die Deutschen: Die Floia, die Lusti- tudo Studentica, die Professorenpurschen, die Hochzeitscarmina und Rhapsodien zur Brautsuppe. — Die Franzosen: Die Übersetzung des Baldus von Cipada; Scarron : der Typhon, die travestierte Aeneis, der Capitän Matamoros und sein Ge- genbild, Andreas Gryphius' Horribilicribrifax. — Die Spanier: Cervantes' Don Quixote; Quevedo ; Die Metrificatio scolastica. — Die Engländer: Dunbar, Skelton und das 16. Jahrhun- dert; Shakspere. — Butler's Hudibras, Swift's Gulliver und Sterne's Tristram Shandy. — Verfall der grotesken Satire im 17. und 18. Jahrhundert.

SchlUSS : Die groteske Satire, ein Kind des Renaissance- p. 485 — 511. Zeitalters. — Der Zug ins Kolossale. — Die schroffen Kontraste. — Die joviale Lebensauffassung. — Die Allseitig- keit, Lebensfülle und Beweglichkeit. — Die Rücksichtslosig- keit und der freie Wille des Individuums.


Namen- und Sachregister p. 512 — 523.


EINLEITUNG.

Von allen französischen Schriftstellern des 16. Jahr- hunderts hat wohl Keiner die Aufmerksamkeit so sehr auf sich gezogen wie Rabelais. Und mit Recht. Denn er ist die eigenartigste Gestalt in der französischen Lit- teratur des Renaissance- und Reformationszeitalters. So fruchtbar aber auch das Gebiet des Rabelaisstudiums im AUgemeinea gewesen ist, nach einer Richtung hin zeigt es doch eine befremdende Dürre. Während es an Ausgaben und Biographien, an Abhandlungen über Rabelais' Stellung- nahme zu den brennendsten Zeitfragen und an Erörterungen über seinen Sprachgebrauch keinen Mangel giebt i, so ist


1 Ausgaben: Der ausführlichste, wenn auch zum grössten Teile unbrauchbare Commentar befindet sich in der 9bändigen Edition variorum von Esmangard und Johanne au. Die historischen Deutungen desselben sind von Stapf er geistreich im unten angeführten Buch kritisiert worden. Unter den neueren Ausgaben sind die besten: mit kurzem Commentar, die von Burgaud des Marets und Rathery, Paris 1870, 2 Bde., und die von Marty Laveaux, 1868, 4 Bde.; ohne Commentar, aber mit Glossar, die Ausgabe von Mol and, 1 Bd. Einen vortrefflichen Commentar enthält die deutsche Übersetzung von Regis, 3 Bde., Leipzig 1832. Eine eingehende Erklärung und ausführliche Inhaltsangabe von R.'s Werk giebt das fleissige Buch von Fleury: Rabelais et ses oeuvres, Paris 1877, 2 Bde. Biogra- phien: Das Verdienst, die erste historische Biographie geliefert zu haben, gebührt Rathery (in s. Ausgabe). Auf ihn stützen sich alle folgenden. Einen besonders interessanten Abschnitt in R.'s Leben behandelt: Heulhard: Rabelais, ses voyages en Italic, son exil ä Metz. 1891. — Abhandlungen litter a rischer Art: Ginguene: De l'autorite de Rabelais dans la revo- lution presente 1791. Ligier: La politique de Rabelais 1880. Arnstadt: Fr. Rabelais und sein Traite d'education. Bremond: Rab. medecin: Gar- gantua 1879. Pantagruel 1888. Gebhardt: Rabelais, la renaissance et la Schnee g" ans, Gesch. d. grot. Satire. -^


2 Kinleitung.

die l^^ra<;e nach dem Wesen seiner Satire in Tisthetischer Hinsicht kaum berührt worden. Der einzige, welcher der Frage näher zu treten versuchte, ist Stapfer. In seinem vortrefflichen Buche über Rabelais, widmet er im zweiten und vierten Kapital {les satircs, Vinvention comi- qtie) einige Seiten dem ,,hmnotir satiriqiie" und ,,hnmoiir comiqjte des Schriftstellers. Dass es ihm gelungen sei, unter der Bezeichnung des satirischen Humors das eigent- liche Wesen der Rabelais'schen Satire zu erfassen, wäre freilich eine gewagte Behauptung. Man kann zwar von der humoristischen Weltanschauung Rabelais' reden. Das Ideal des jovialen Pfarrers von Meudon, der Panta- gruelismus, welchen er eine gewisse Heiterkeit der Seele nennt, die sich von zufälligen Dingen nicht stören lässt [Buch IV, Neuer Prolog: c'est certaine gayete d'esprit con- fictc en niespris des choses fortuites), ist ein rechtes Product des Humors, der in heiterer Ruhe über die Verkehrtheiten der Welt lächelt und im Bewusstsein über dieselben hoch erhaben zu sein, anstatt sich vor ihnen zurückzuziehen, sie sogar mit Behagen aufsucht. Aus dieser Denkungs- art entspricht die bei Rabelais häufig zu bemerkende Ge- wohnheit, sich selbst lächerlich zu machen, die milde, wohl- wollende und nachsichtige Beurteilung der Menschen ^


reforme. Stapfer: Rabelais, sa personne, son genie, son oeuvre. — Ab- handlungen grammatikalischer Art: Platen: Syntaktische Unter- suchungen zu Rabelais; unter demselben Titel Sänger, Hörnig; Ernst: Syntaktische Studien 1890. Klett: Lexicogr. Beiträge zu Rab.'s Gargantua 1890. Eckert: Sur le style de Rabelais et sur les particularites de sa syntaxe. Programm zu Marienburg 1861.

1 Stapfer weist nach, dass diese Milde sogar im Ausdruck zu Tage tritt: cf. 1. c. p. 412 „L'humour inspire ces epithetes flatteuses, ces ex- pressions plaisamment obligeantes, pour les personnes, les betes et les choses, qui tantot renversent par une simple Ironie les termes de la realite, tantot les exagerent affectueusement par une aimable et douce habitude de bien- veillance et d'optimisme ä l'egard de toute la nature: „Les bons peres tous- soint melodieusement III 15. J'ai, dit Bridoye, d'autres gros des bien beaux et harmonieux III 39. Panurge offrit ä Raminagrobis un beau coq blanc, lequel incontinent pose sur son lict, la teste eslevee en grande alaigresse, secoua son pennaige, puis chanta en bien haut Ion III 21 u. s. w.


Einleitung. .'J

und das Vergnügen vom Heitern zum Ernsten, vom Er- habenen zum Gemeinen nach Willkür und Laune umzu- springen. Der Humor, welcher das ganze Werk Rabelais' durchzieht, berührt natürlich auch seine Satire. Eine andere Frage ist, ob er das Charakteristikum derselben ist. Stapfer ist dieser Ansicht. Die Satire Rabelais', sagt er 1, ist von einer geradezu unglaublichen Lustigkeit er- füllt, die Alles überwuchere und Alles anstecke. Sie ent- behre so sehr jeglicher Bitterkeit, ja beinahe sogar jeg- licher Leidenschaft, dass sie unmöglich verletzen könne. Rabelais mache sie auch noch dadurch unschädlich, dass er bei jedem Anlass über sich selbst spotte und seine Helden absichtlich fortwährend in die widersprechendsten Situationen versetze. Allenthalben Tollheit und nichts als Tollheit, das sei ihre Devise. Und als schlagendes Bei- spiel dieser tollen ,,humo ristischen" Satire führt Stapfer die Episode des Janotus de Bragmardo an, des biedern Scholastikers, der von der Pariser theologischen Facultät beauftragt worden ist, den Gargantua zu bitten, der Kirche Notre Dame die Glocken wiederzugeben, die er seiner Stute um den Hals gehängt hat. Sobald Janotus seine Rede nach vielem Husten und Räuspern zu Ende gebracht hat — und sie ist obendrein noch ganz unnütz, da Gargantua die Glocken schon vorher, ohne Wissen des Janotus, der Stadt zurückgegeben hat und nur zum Spass sich die Rede vortragen lässt — da brechen die Zuhörer in ein so un- bändiges Gelächter aus, dass sie glauben ihren Geist auf- geben zu müssen, und — was von besonders tollem Hu- mor zeuge — Janotus selbst in ihr Lachen mit einstimmt ^. Toll ist diese Scene allerdings. Aber ist sie ein Beispiel des Humors? — Wenn Sokrates der Aufführung der Wolken des Aristophanes beiwohnt und, als sein Gegen-


1 passim Capitel II.

2 Rabelais: I 20 . . . Ponocrates et Eudemon s'esclafferent de rire tant profundement qu'ils en cuidarent rendre Tarne ä Dien .... Ensemble eux commen^a rire niaistre Janotus^ ä qui mieulx mieulx, tant que les larmes leur venoyent ez ytulz ....


4 Einleitung.

bild aul der JUihnc verhiebt wird, mitlaeht, ja s()jLi;ar sieh von seinem Sitze erhebt und sich dem Pubbkum, das über ihn hiebt, zeigt, so können wir von seinem Humor reden. Aber der gute Janotus? Lacht er denn wie Sokrates ,,in der bewussten Erhabenheit, die die Selbsterniedrigung nicht zu scheuen braucht ?"i Keineswegs, er hicht aus Dummheit, aus grossartiger Dummheit! Er ist so dumm, dass er gar nicht versteht, weshalb die Andern lachen, er denkt nicht einmal darüber nach, sondern, wie die Kin- der, welche lachen^ weil ihre Eltern lachen, so lacht auch der würdige Vertreter der Pariser theologischen Facultät^ weil Ponocrates und Eudemon lachen. Das ist aber nicht humoristisch -. Auch die andern von Rabelais' Satire ver-


1 Lipps: Philosophische Monatshefte. 1889. Psychologie des Komi- schen p. 50.

2 Es scheint überhaupt, als ob Stapfer keine klare und bestimmte Vorstellung vom Humor bei Rabelais habe. Denn einmal fasst er ihn als ein Bewusstes, ein andermal als ein Unbewusstes auf. Und zwar bei denselben Anlässen, p. 404 meinte er: R. a cree le genre humoristique Sans le savoir, et en laissant a ses successeurs un modele d'humour abso- lument inimitable, „puisque le comprendre, l'admirer et l'imiter c'est detruire son essence meme qui est l'inconscience. Indem er ferner die Gewohn- heit R.'s bespricht, längere gelehrte Auseinandersetzungen in den Mund seiner Helden zu setzen, wenn sie sich in einer Situation befinden, wo sie an Alles eher wie an eine Schaustellung ihrer Gelehrsamkeit denken müssten (so Panurge, während des Sturmes, als er in der furchtbaren Angst schwebt, mit dem Schiffe unterzugehen, oder Fiere Jean, der mit seinem Helm an einem Baum hängen geblieben ist und in der verzweifeltsten Lage in der Luft zappelt), hat er offenbar auch die Ansicht, dass solche Unvollkommenheiten eine unbewusste Folge von R.'s Humor seien, denn er sagt: p. 405 r „L'humour de R. beneficie et tire un avantage incalculable des reelles imperfections de son art." Also ist er derselben nicht bewusst.. „Mieux poli en l'officine de Minerve" l'ecrivain aurait evite certaines mala- dresses qui fönt nos delices aujourd'hui sous l'infiuence du charme de l'archaisme et que nous mettons ä l'actif de son genie d'humoriste, tandis qu'il est probable que les contemporains les goütaient un peu moins que nous et que l'auteur etait bien loin d'en soupconner toute la gräce". — Nichtsdestoweniger sagt er p. 410 in Bezug auf dasselbe Beispiel des Pa- nurge während jdes Sturmes: „Peut-on croire R. assez naif pour n'avoir pas aper^u l'absurdite dramatique d'une pareille contradiction? II l'a tres bien


Einleitung. 5

spotteten Personen sind nicht humoristisch. Bei einigen sieht es Stapfer selbst ein. So muss er zugeben, dass der übermütige und eitle König Picrochole, der im Nu die ganze Welt erobern will, und der brave naive Richter Bridoie, der in seiner Einfalt die Processe durch das Loos entscheidet, zwar komisch, aber nicht humoristisch sind. Die anderen von Rabelais satirisierten Personen und Stände hat er vom ästhetischen Standpunkt aus nicht näher ins Auge gefasst. Wenn er es aber gethan hätte, so müsste er zu dem Resultate gekommen sein, dass sie nicht humoristisch sind. Sind aber die Hauptträger der Rabelais'schen Satire nicht humoristisch, so darf man sich wohl fragen, ob man denn berechtigt ist, seine Satire humoristisch zu nennen, oder ob es nicht besser wäre, sich nach einer andern Bezeichnung umzusehen. Ausser Stapfer hat noch Keiner versucht, eine das Wesen der Rabelais'schen Satire vom -ästhetischen Gesichtspunkte aus zusammenfassende Bezeich- nungaufzustellen. Dafür stossen wir aber bei denen, die über Rabelais geschrieben, häutig auf Schlagwörter, die das ganze Werk vom ästhetischen Standpunkt beleuchten sollen. Dieselben verdienen wohl näher ins Auge gefasst zu werden. Denn was man von Rabelais überhaupt sagt, wird man wohl auch von seiner Satire meinen, da seine Hauptbe- deutung und Hauptwirksamkeit eben in der Satire liegt. Wie man aus unserer Anmerkung ^ ersehen kann, sind es


sentie, il l'a voulue et s'en est royalement amuse. C'est notre na'ivete qui le fait rire quand nous lui reprochons naivement ou rinvraisemblance de ce dialogue ou celle encore du meme Panurge ..."

1 Der Ausdruck possenhaft kommt vor bei: St. Marc Girardin: Tableau de la litt. fr. au 16. siecle, Paris 1(S62, p. 96: R. ce reveur b o u f - fon. Stapfer 1. c. p. 99 nennt ihn l'Homere de la bouffonn eri e. Voltaire nennt ihn einen bouffon de genie. Arnstadt: Fr. R. und sein Traite ■d'education p. 3 spricht vom Possenhaften und Obscönen bei R., ebenso d. Encyclop. "Wörterbuch v. Pier er s. v. R. : „bei allem Uebertriebe- nen, Po s s e n h a ft en und Abgeschmackten . . ." Neben possenhaft linden -wir auch burlesk: Nisard: Hist. de la litt. fr. I. II 1846 p. 252 spricht von der bouffonnerie und verve burlesque R.'s. Roche: Histoire des principaux ecrivains fran(^^ais Bd. I 6^- ed. Paris 1878 p. 44: „l'ouvrage


Einleitung.


die Ausdrücke possenhaft, burlesk und grotesk, die man immer wieder antrifft. Welcher von ihnen wird wohl am ehesten dem Wesen der Rabelais'schen Satire entpsrechen?


b u r 1 e s q u e ; p. 46 : c'est une satire burlesque du 16. siecle . . , s'aban- donnant souvent aux plus grossieres b ouffonner ies. Darmestetter et Hatzfeld: le seizieme siecle en France. Paris 1878 p.58: la bizarrerie de ses inventions burlesques . . . sa gaiete degenere souvent en bouffon- nerie; p. 60: l'entassement burlesque d'epithetes, de synonymes, de ter- mes savans. B u rl e sk kommt auch allein vor: Ginguene, De l'autoriie de Rab. p. 14 spricht von dem style burlesque R.'s. Feugere: Portraits litt, du XVI s. p. 508 von den „personnages burl esques R.'s." Eugene Salverte: Revue encyclopedique 1823: Rab. qui a seme au hasard le bur- lesque et le plaisant. Flügel in s. Geschichte des Burlesken ed. Fr^ Schmidt 1794 p. 161 nennt R. einen der grössten Meister im Burlesken und spricht von seinem burlesken Stil. Endlich kommt, und zwar am allermeisten, der Ausdruck grotesk vor. Michel: Essai sur Rabelais Paris 1877 spricht ausser von R.'s Humor, p. 40, ausser von dem Possen^ haften, p. 28, p. 91, und Burlesken p. 27, das sich bei ihm findet, auch von dem Grotesken, p. 39, das bei ihm vorkommt. Auch Gerusez:; Essais de litterature fran^aise, gebraucht die verschiedenartigsten Ausdrücke. So p. 306: Die Reden der Feldherren Picrocholes sind „un tableau charge,. par l'humeur satirique . . . ici Rab. a parodie la Cour". In der hist. de la litt. fran9. I. Bd. p. 324 spricht er von der „forfanterie grotesque des conseillers de Picrochole". Der Streit zwischen Humevesne und Baisecul ist p. 301 un modele de raillerie bouffonne und p. 302 eine parodie; die Rede des Janotus de Bragmardo nennt er p. 301 „grotesque" und „eine parodie." Nachdem Nodier: Des materiaux dont R. s'est servi pour la composition de son ouvrage Paris 1835, zuerst p. 4 den R. genannt hat „l'Homere bouffon de notre litt, nat." spricht er p. 12 von seinen grotesken Parodien der Ritterromane. Reaume: Les prosateurs fr. du 16. s. Paris 1869, der R. p. 212 einen „bouffon" genannt und p. 219 von seinen „exagerations bouffonnes" und p. 231 von der burlesken Parodie der Ritterromane geredet, spricht p. 219 von seinen „grotesques histoires relevees de gros sei et de crudites gauloises. Heulhard: Rabelais, ses voyages en Italic, son exil ä Metz, nennt p. 26 die Bibliothek von St. Victor einen „gibet grotesque". Ligier: La politique de Rabelais, spricht p. 61 vom grotesque geant Bringuenarilles. Desjardins: Les moralistes fran^ais au. 16. siecle spricht p. 65 von dem „grotesque deguisement" der Wirklich- keit bei R. Gebhardt: Rab., la renaissance et la reforme spricht p. 142 von den „adjectifs grotesques," die bei R. vorkommen und p. 147 von sei- nen „figures grotesques". Brockhaus Conversationslexicon s. v. Rab. spricht von der grotesken Form des Rab. 'sehen Romans, Arnd: Gesch,


Einleitung.


Als wir vorher das Beispiel des Janotus anführten, wäre uns beinahe das Wort entschlüpft: dafür passt der Ausdruck grotesk. Uebrigens gebraucht auch Stapfer die- sen Ausdruck in Bezug auf Janotus^ freilich ohne grossen


der franz. Nationallitt. I p. 69 von denn ,,hiiul'ij^ grotesken Charakter, den er so manchen Personen und Situationen gab". Engel: (iesch. der frz. Litt, sagt p. 145: „Alles, was die Helden R.'s tun, ist grottesk, halb aber- witzig, incommensurabel." Laharpe: Cours de la litt, fr., Introduction Bd. 4 p. 43 meint „R. n'exercea son esprit cjue dans le genre le plus facile, celui de la Satire allegorique, habillce en grotesque. Larousse: Dict. du XIX s. bezeichnet Rab. als den litter. Vorfahren der grotesken .Schriftsteller. Eckerdt: Sur le style de Rab. et sur les particularitcs de sa syntaxe; Programm des Gymnasiums zu Marienburg 1861 nennt p. 9 die Helden Rab. 's „des phantömes grotesques" und den Roman einen „roman grotesque". Gelbke in seiner Übersetzung des Garg. u. Pant. spricht I. Bd. p. 18 von den grotesken Spässen R.'s und H p. 363 nennt er geradezu R.'s Werk das grotesk-satirische Gemälde s. Zeit. Vischer: Über das Erhabene und Komische spricht p. 193 von der höheren Anwendung des Grotesken bei Rab. Marcks: Coligny, spricht p. 30 von den grotesken Formen der gewaltigen Bücher Rabelais'. Becker: Jean Lemaire nennt p. 334 R.'s Werk eine „grotteske Epopöe. — Hie und da kommt auch der Ausdruck Kari- katur und Verzerrung vor. Ligier: La politique de Rab. sagt, p. 6, Rab, hätte nicht bloss die Karikatur seines Zeitalters machen wollen. Kreyssig: Gesch. der frz. Nationallitteratur. 5. Aufl. p. 134. hebt die cynischen Kari- katuren R.'s hervor. God efr oy : Hist. de la litt. fr. au 16. siecle erwähnt p. 68 die „caricatures monstrueuses," die seine Phantasie schaffte. Bouterwek: Gesch. der Künste und Wissenschaften Bd. V p. 288, nennt sie die ungeheuer- sten Karikaturen, die je einem Satiriker in den Sinn gekommen sind. Auch Arnstadt ähnlich p. 105. Das allg. Conversationslexicon Leipzig 1840 s. v. Rabelais nennt s. Werk ein sehr rohes Karikaturgemälde und fügt hinzu: „R.'s Phantasie arbeitete stets in das Ungeheuere, aber eben diese Unerschöpflichkeit im Ungeheueren, eben diese burleske Ori- ginalität, reissen zur Bewunderung hin". — Die Bezeichnung humoristisch, die wir bei Stapfer hatten, finden wir bei Birch-Hirschfeld: Geschichte der französischen Litteratur 1. p. 233, 252, 254, 255, 257, 259, 261, aber nir- gends auf die vSatire angewandt. Ebenso bei Büchner: Franz. Litteratur- bilder p. 49. Vischer: Über das Erh. und Kom. p. 193 nennt Rab. einen humoristischen Dichter. Auch Jean Paul rechnet Rabelais zu den Humoristen, cf. Vorschule der Ästhetik, Bd. I, p. 208 ff. 1804. An- dere gebrauchen neben dem Ausdrucke humoristisch auch den Ausdruck possenhaft (bouffon): Lintilhac: Litt, franc. Paris 1891 „R. railleur, bouffon, humoriste, cynique et ordurier."


ö Hinleitun^,

Nachdruck diiraiit" /u legen. Er sagt p. 93: „Mais remar- qiioiis, eil pdssnii/, quelle joyeiisc idec c'etait de faire res- tituer les eloches ä l'insu de V ambassadeiir et de terniiner tonte l'affaire avant qti'il eüt parle, de teile sorte qiie les efforts i(rotesqiies de sa ridictde eloqiience se trouverortt de- penses en pure perte et dcploycs poiir rienJ^ Auch jetzt wären wir a priori am ehesten geneigt uns der Zahl derjenigen anzuschliessen, die den Ausdruck grotesk ge- brauchen, wenn sie von Rabelais' Werk reden. Es sind auch bei weitem die zahlreichsten. Bevor wir uns aber für diesen Ausdruck zur Bezeichnung der Rabelais'schen Satire entscheiden, müssen wir genau untersuchen, was unter ,, grotesk" eigentlich zu verstehen ist. Dass dieser Begriff' mit den verwandten des Burlesken und Possen- haften häufig verwechselt wird, können wir aus dem kunterbunten Durcheinanderwerfen der drei Ausdrücke in vielen in Anmerkung mitgeteilten Schriften ersehen i.

Der erste, der sich eingehend mit dem Grotesken beschäftigte, war Fl ö gel. Während er aber in seiner 1784 erschienenen Geschichte der komischen Litte-


1 Auch scharfsinnige Forscher, die sich mit der in diesen Sphären des Komischen sich bewegendenPoesie beschäftigt haben, machen keinen scharfen Unterschied zwischen grotesk und burlesk. So z. B. Th. Wright in seiner Geschichte der Karikatur und des Grotesken, (ich zitiere nach der frz. Übersetzung von Sachot) p. 51 : „des esprits analogues aux anciens satyres . . . apparaissaient quelquefois sous les formes les plus burlesques" ... einige Zeilen weiter von denselben „les grotesques creations imaginaires'" p, 68 : Les artistes du moyen äge ont frequemment choisi les demons pour exercer leur aptitude au burlesque et ä la caricature; ils en ont souvent introduit les tetes et les corps grotesques. p. 87 noch deutlicher, ebenso p. 130. 131. — Zannoni in seinem Buche: I precursori di Merlin Coccai nennt p, 44 das Werk des Tifi degli Odassi: „Forse anche una parodia; „einige Zeilen weiter: il grottesco lavoro esordisce con grottesca pompa," und nachdem er zitirt hat: Esposto cosi, con mossa burlescamente oraziana, l'argomento del suo poema ..." — Das Dictionnaire encyclopedique sagt: „La poesie est burlesque lorsque la pensee du poete est grotesque en eile meme" — Th. Gautier: Les grotesques, meint p. 353 „le burlesque ou si vous aimez mieux, le grotesque, a toujours existe dans l'art et dans la nature, ä l'etat de repoussoir et de contraste".


Einleitung. 9

ratur das Groteske als Karikatur bezeichnet, also als ein bewusst Komisches, welches durch absichtliche Übertrei- bung" Lachen erregt \ giebt er in seiner 1788 erschienenen Geschichte des Groteske-komischen, wo wir eine Definition oder Erörterung des Begriffs vermissen, nur Naivkomisches als Beispiel des Grotesken. So ist denn aus diesem Werke, das man nur eine willkürliche Samm- lung der heterogensten Dinge nennen kann, die dem Verlasser einen besonders stark komischen Eindruck ge- macht haben, eine Definition des Grotesken schlechter- dings nicht zu entnehmen 2. Ebensowenig aus Theo- phile Gautiers Buch Les grotesques. Denn das ein-


1 Im ersten Abschnitt, wo er vom Komischen oder Lächerlichen überhaupt redet, bezeichnet er das Groteske-komische als Unterart des Bur- lesken und setzt es gleich der Karikatur. Das Burleske besteht aber nach ihm darin, dass „man grosse und wichtige Dinge als klein und unwichtig vorstellt, sie durch gemeine Wörter und Redensarten erniedrigt und durch Anspielungen auf die Sitten und Geschäfte niedriger Stände herabsetzt". Das Groteske-komische erklärt er an anderer Stelle als die „Übertreibung des Possierlichen, wo natürliche ins Seltsame fallende Fehler etwas weiter getrieben werden, um sie in ein helleres Licht zu versetzen, sowie man durch ein Vergrösserungsglas Kleinigkeiten viel deutlicher sieht". Das Pos- sierliche aber, welches Flügel von der Posse durchaus unterschieden wissen will, erblickt er in den „niedrigen Menschen natürlichen lächerlichen Dingen, welche dieselben, sei es nun aus Laune oder Unwissenheit, thun oder spre- chen". Nichtsdestoweniger räumt er in der Geschichte des Groteske- komi- schen den Possen zwei „Hauptstücke" ein: Von den Possenspielen an christlichen Festen p. 159 — 197. Komische Feste bei weltlichen Gelegen- heiten p. 198 — 270. — Dies als Beispiele der Flögeischen Logik.

2 Dasselbe muss man von Ebelings Bearbeitung des Fl'. sehen Buches sagen, nunmehr in fünfter Auflage erschienen, Leipzig, Barsdorf 1888. Im Vorwort der 2. Aufl. spricht Eb. die Ansicht aus, es sei ganz unmöglich, die Grenzen der verschiedenen Momente des Komischen stets streng zu scheiden und zu wahren, der Ästhetik und jedem gebildeten Gefühle sei es bekannt, dass oft alle Momente in einander laufen. Eine bequeme Aus- rede, die den Bearbeiter der Mühe enthebt, uns eine Definition des Grotesken zu geben. Leider, denn auch er gerät in die krassesten Widersprüche. Während er in der ersten Zeile seines Buches Grotesk komisch als Synonym von „Komischer Karikatur" gebraucht, führt er eine Menge von Beispielen an, die mit Karikatur nicht das Mindeste zu thun haben. Wie Fl. meint er, dass unter allen Arten der frz. Schauspiele nirgends das Groteske mehr zu Hause sei


10 Einleitung.

zip^e Moment, welches die typischen Figuren zusammenhält, die Galltier uns vorführt, ist der Umstand, dass sie ihm persönlich mehr oder minder amüsant und merkwürdig vor- gekommen sind 1. Auch trägt Wright in seiner Ge- schichte der Karikatur und des Grotesken, wie wir aus der Anmerkung (p. 8) schon sahen, zur Klärung des Be- griffes durchaus nicht bei. Er sagt freilich ausdrücklich, dass es nicht seine Absicht sei, sich philosophisch mit der Frage zu beschäftigen; er will sie nur historisch behandeln -.


als in den alten ^Mysterien, „diesen rohen unfönnlichen Dichtungen ohne Plan^ ohne Erfindung, ohne regelmässige Behandlung," wo der Heiland halb latei- nische halb französische Predigten hielt, wie die damaligen Pfaffen, wo er den Aposteln das Abendmahl in Hostien reichte und bei der Verklärung auf dem Berge Thabor zwischen Moses und Elias in der Kleidung eines Karmeliters erschien. Noch unbegreiflicher ist es, dass er z. B. auch die grossen Prunkspiele, welche bei Vermählungen von Pursten gefeiert wurden, dazu zählt, so p. 268: ein prächtiges Fest zu Compiegne, wo man einen ^Mann zu Pferde auf einem gespannten Seile reiten sah, und der Saal voll Menschen war, welche auf Ochsen sassen, die mit Scharlach bedeckt waren u. s. w. ; oder die Sommer- und Erntefeste, die Fastnachtsfeste überhaupt, alle Maskeradenbelustigungen, die Hahnenkämpfe, das Gansköpfen, das Schwein- spiel u. s. w,

1 Theophile Gautier: Les grotesques. Paris 1853. p. V. „Nous avons modele une dizaine de medaillons litteraires plus ou moins grotes- ques* la niine est loin d'etre epuisee . . . Nous avons choisi ^ä et lä. ä differentes reprises, et un peu au hazard de la lecture, quelques types qui nous ont paru amusants et singuliers". Neben Scarron, der den Virgil so köstlich travestiert, neben den durch ihren abenteuerlichen Stil sich auszeichnenden Scudery imd Cyrano de Bergerac, neben dem ge- schmacklosen CoUetet und platten Chapelain nimmt er den realistischen A^illon, den pittoresken Saint Aman, den die Mythologie im Parnasse saty- rique angreifenden Theophile de Via\id und die erbärmlich unbedeutenden Scalion de A^irbunean und Pere Pierre de St. Louis in seine Grotesken- gallerie auf. Rabelais bleibt aber ausgeschlossen. Bei einigen derselben, wie de Viaud, Saint Aman blickt übrigens Gautier's Wunsch durch, in diesen Schriftstellern Vorläufer der Romantiker zu finden. Die Romantiker spielten sich gerne auf als Maler „du grotesque et du laid". Etwas unbe- stimmt war ihnen aber doch wohl der Begriff des Grotesken ? Sie sahen es häufig einfach = hässlich an. Victor Hugo setzte es kühn dem Schönen entgegen.

2 p. 1 1. c. nach der Übers.: Mon Intention n'est pas dans les pages qui


Einlcitunfj. 1 1

Sehen wir uns deshalb bei den Ästhetikern von Fach um. Wie haben sie das Groteske definiert? Alle diejenigen, welche der Frage näher getreten sind \ stimmen insofern überein, als sie das Groteske von dem Burlesken trennen; freilich verstehen sie unter diesem nicht immer dasselbe und werfen es sehr oft mit dem Possenhaften zusammen. Ihre Einmütigkeit hört ebenfalls auf, sobald sie das Groteske näher definieren. Wenn sie auch fast Alle der Ansicht sind, dass das Groteske vornehmlich in der Gestalt auftrete 2, so trennen sie sich doch in der

vont suivre, de discuter la question de savoir ce qui constitue le comique ou le risible, ou, en d'autrcs termcs, d'enlrer dans la philosophie du sujet; je ne veux qu'ctudier Thistoire de sa manifestation exterieure, les formes diverses qu'il a prises et son inflaence sociale,

1 Es sind dies: Arischer in der Ästhetik I p. 409, im Erhabenen und Komischen p. 191 ff. p. 216. Ed. v. Hartmann: Philosophie des Schönen p. o54. Köstlin: Aesthetik p. 165. Bohtz: Über das Komische und die Komödie, Göttingen 1844, p. 118 ff. Eberhard: Ästhetik II p. 286. Krause: Vorlesungen über Ästhetik, Leipzig 1882. — Die Frage ist da- gegen nicht berührt worden von Zimmermann in seiner Ästhetik, "Wien 1865 ; er behandelt überhaupt das Komische nur ganz kurz. Befremdend ist, dass Jean Paul in der Vorschule der Ästhetik nicht darauf eingeht. Carriere's Ästhetik erwähnt p. 222 Bd. I nur die harmlose Xatur des Pos- senhaften, das sich nur durch den Spass um des Spasses willen ergötze und den Übermuth des Burlesken, der auch das Grosse in seinen Bereich ziehe und an parodierenden Karikaturen Gefallen habe. Auch Schütz, Theorie des Komischen, Leipzig 1817, spricht p. 221 nur von der Naivität der Posse. Bouterwek (Ästhetik) hat nur einige Worte über d. Burleske, K r u g in s. Ästhetik setzt p. 282 burlesk gleich niedrig komisch oder possenhaft. Lemcke's populäre Ästhetik macht p. 97 nur aufmerksam auf die ., verschie- denen z. T, in ihren Grenzen sehr strittigen Arten des Komischen im Gro- tesken, Burlesken, Possenhaften u, s. w,". Rosenkranz' .Vsthctik des Hässlichen bietet muiches Schätzenswerte über das Burleske, recht wenig über das Groteske. Die Ästhetiken von Dursch, von Kirchmann, Jung- mann, Solger, Schasler, auch Lipps' Psychologie der Komik in den Philos. Monatsheften 24, 25 gehn nicht auf eine Begriffsbestimmung ein,

2 Eberhard p. 288 bezeichnet geradezu das Groteske als das Lä- cherliche in der Gestalt, Vis eher giebt p. 193 und p. 216 als Beispiele des Grotesken sowohl in der niedernals auch in der höheren Anwendung nur Beispiele, die das Körperliche in Betracht ziehen: der Grotesketänzer, sagt er, stellt es am menschlichen Organismus dar, Marionetten - Meta- morphosen in dem willkürlichen Umspringen der verschiedenen Natur- und


12 Kinleitunj^.

Angabc der wesentlichen Merkmale des Grotesken in zwei Lager. Die einen halten das karikierende Element für das Wesentliche im Grotesken. Am schärfsten spricht es Ed. V. Hart mann aus p. 354 ff.: ,,Die grotesken Natur- formen", sagt er, ,,im Tierreich, Pflanzenreich, Steinreich oder in Wolkengebilden sind an und für sich nicht komisch, werden es aber dadurch, dass sie unwillkürlich an ver- Avandte Formgebilde in höheren Naturgebieten erinnern und nun als Karikaturen derselben gedeutet werden. So erinnert z. B. die ungewöhnlich grosse Nase eines Menschen an die Maskerade, in welcher die Nase bloss als Kari- katur angesetzt ist ; so erinnert der Anblick des Affen an den Menschen und erscheint als dessen Karikatur; über- haupt erinnern viele Tierphysiognomien an bestimmte menschliche Karikaturen. In ähnlicher Weise können ge- wisse Pflanzen oder Pflanzenteile durch unwillkürliche Phantasiethätigkeit als Karikaturen von Menschen oder menschlichen Körperteilen oder auch von Tieren gedeutet werden, und bei manchen grotesken Felsprofilen oder Wol- kengebilden drängt sich diese Vorstellungsverknüpfung so- gar jedem Beschauer mit einem gewissen psychologischem Zwange auf. Die komische Wirkung bleibt aus, wenn das niedere Naturgebilde zwar die Form eines höheren ver- tauscht oder an dasselbe erinnert, aber ohne eine Kari- katur desselben zu liefern.'^ An anderer Stelle (p. 354) ge- braucht V. Hartmann das Wort im Sinne von derb komisch.


Kunstgeslalten in einander, die Malerei in der Durcbeinanderschlingung der verschiedenen Naturreiche als Arabeske und in der satirischen Verzerrung des menschlichen Körpers als Karikatur. Auch Köstlin's Ästhetik führt p. 165 nur Beispiele körperlicher Art an. von Hartmann's Philosophie des Schönen rechnet p, 354 das Groteske geradezu zum Komischen der äusseren Erscheinung. Krause: Vorlesungen über Ästhetik, Leipzig 1882, bringt €s, p. 271, hauptsächlich mit der Karikatur zusammen, also auch mit etwas Körperlichem. Bohtz: Über das Komische und die Komödie, Göttingen 1844, betont p. 118, zwar weniger das körperliche Moment, aber in seiner Bemerkung, es sei nicht einerlei mit der Caricatur liegt inplicite die Ansicht, dass es ihr nicht fremd sei. Ausserdem spricht er auch p. 188 von grotesken Gestalten.


Einleitung. 13

Eberhard, welcher das Groteske p^eradczu als das Lächerliche in der Gestalt deliniert, meint, es bestehe in Verzerrun<2^, Unc^elenkiokeit und Übertreibung'. Was in dem Äussern Karikatur der Ungestalt sei, das sei im Innern Karikatur der Charaktere und der Handlungen. Krause p. 276 sieht ebenfalls in dem Grotesken dasjenige, was durch das Übermass, durch die Überschreitung des gesetzmässigen Masses komisch sei und führt als ein Bei- spiel des Grotesken die Karikaturen des Hogarth an. Freilich bleiben sich beide nicht konsequent. Krause rechnet den Hanswurst, Eberhard die italienische Volks- komödie zum Grotesken, obwohl dieselben nichts Kari- kierendes an sich haben. — Die zweite Gruppe bilden diejenigen, welche das Wesentliche des Grotesken nicht in der Karikatur, sondern in dem Phantastischen und Humoristischen suchen. Vischer sagt nur beiläufig, es käme das Groteske auch in der satirischen Verzerrung des menschlichen Körpers als Karikatur vor. Die Haupt- sache ist es aber nicht für ihn. Ganz im Gegenteil. Er betont geradezu das absolut Zwecklose des Grotesken und führt als charakteristisches Beispiel desselben eine Scene aus einer Venezianer Posse an, die von Karikatur nichts an sich hat. Das Phantastische ist nach ihm das Hervorragende im Grotesken. Er definiert es p. 193 im Erhabenen und Komischen als das Phantastisch-Komische der naiven Gattung. Häufig trete es in Verbindung mit dem Humor auf. ,,Die Gestalt/' sagt er, ,,wird dann in eine Art von Wahnsinn hineingezogen und ihre festen Um- risse zu einem wilden Taumel aufgelöst. Die Tiergestalt wird mit der Menschengestalt vermischt, das Leben mit dem Unorganischen, technische Gegenstände erscheinen als Glieder des menschlichen Körpers, Tische und Stühle sprechen, der Teufel setzt sich rittlings auf das Dach eines Klosters und reitet davon, eine Nase wird zur zie- lend hinausragenden Flinte, lässt sich wie ein Perspektiv auseinanderschieben. Auch Köstlin bringt (p. 165) das Groteske in Verbindung mit dem Phantastischen. Es ist


14 Einleitung.

nach ihm dasjenige Phantastische, das zugleich auf das be- haglich CetTillige und Heitere ausgeht. Bei Bohtz tritt dagegen die Verbindung des Grotesken mit dem Humor in den Vordergrund. „Das Groteske," sagt er, ,,wird selten da fehlen, wo der Komiker dem Strome der Begeisterung sich hingebend, die Welt in allen ihren Thorheiten und Narrheiten A'orführt. Indem das wirkliche Leben einmal der Idee an- gehört, zugleich aber auch als von dieser abgefallen, wie im Hohlspiegel erscheint, so muss der Anblick eines solchen Kontrastes ein lächerlich-erhabenes Bild gewähren. Dies ist das aus der humoristischen Begeisterung hervorge- gangene Groteske. In diesem tritt der dem Individuum anhaftende Widerspruch in ungemein starken imposanten Zügen uns entgegen, sodass das Lächerliche ungleich völliger, kolossaler als in den gewöhnlichen Formen des Lebens hervortritt.'*

Allen diesen Definitionen, sofern sie überhaupt diesen Namen verdienen, kann man den Vorwurf mangelnder Schärfe nicht ersparen. Die erste Gruppe, die keinen Unterschied zwischen Grotesk und Karikatur kennt, setzt trotzdem das Groteske dem Possenhaften, d. h. dem Derb- oder Naivkomischen gleich, das in seiner Harmlosigkeit von Karikatur nichts an sich hat. Auch die zweite Gruppe lässt es an Inconsequenz nicht fehlen. Ist das Groteske absolut zwecklos, wie Vischer will, so kann es auch nicht beiläufig in der satirischen Verzerrung auftreten. Ausser- dem ist der Begriff des Phantastisch -Komischen, dem er und Köstlin das Groteske gleich stellen, viel zu un- bestimmt, um befriedigen zu können. Das Beispiel aus der Venezianer Posse, das Vischer anführt, ist nur derb- komisch, hat aber gar nichts Phantastisches. Die andern Beispiele sind meistens nur phantastisch, aber nicht komisch. Oder hätte denn die Verbindung der Tier- und Menschen- gestalt notwendig etwas Komisches an sich? Weder der Minotaurus, noch ein Centaur, noch eine Nixe werden uns komisch anmuten. Auch die Verbindung des Lebens mit dem Unorganischen ist weit davon entfernt, stets


Einleitung. 15

Lachen zu eiTci>cn. Oder ist in Dantes Hölle der Wald der Selbstmörder, wo die einzelnen Bäume, die verzwei- felnd ihre dürren Aste in die finstere Luft ausstrecken, und w^einend und seufzend reden, nicht eher phantastisch- schrecklich denn phantastisch-komisch? — Bohtz endlich bewe^J^t sich nur in Allgemeinheiten, die uns kein klares Bild geben können von dem, was er unter Grotesk ver- standen wissen will. ^^YM^n wir uns aber im Folgenden mit der grotesken Satire beschäftigen wollen, müssen wir mit klaren und bestimmten Begriffen operieren. Deshalb wird es, da uns keine der gegebenen Begriffserklärungen genügen kann, zunächst unsere Aufgabe sein, den Be- griff selbst zu erklären. Vor allen Dingen werden wir ihn scharf zu trennen haben von den verwandten, mit ihm so häufig verwechselten Begriffen des Burlesken und Possenhaften.

Doch werden wir zu diesem. Zwecke nicht den bisher befolgten Weg einschlagen, der, wie wir sahen, noch nicht zum Ziele geführt hat. Wir halten es für zweckmässiger inductiv zu verfahren, und den Begriff nicht vom metaphy- sischen oder ästhetischen, sondern vom psychologischen Standpunkte aus zu entwickeln.

Wir sahen vorher, dass unter ,, Grotesk die ver- schiedenartigsten Dinge \^on diesen oder jenen verstanden wurden. Greifen wir aufs Geratewohl aus den vorher als grotesk bezeichneten Beispielen drei heraus, stellen wir sie neben einander und untersuchen wir sie auf ihre psychologische Wirkung hin. Ist die Wirkung dieselbe, so ist kein Grund vorhanden, die Bezeichnung zu ändern. Ist sie dagegen jedesmal verschieden, so muss der ver- schiedene Sinn auch in der Bezeichnung offenbar werden.

Wir erinnern uns, dass Vischer eine Scene aus einer Venezianer Posse für grotesk erklärte, dass Gautier den Scarron in seine Groteskengallerie aufnahm und dass Ra- belais' Werk von den meisten das Epitheton ,, Grotesk erhielt. Stellen wir demnach die Harlekinscene Vischers neben ein charakteristisches Beispiel aus Scarron und ein


Iß Einleitung.

solches aus Rabelais und untersurhcn wir ihre psycholo- gische Wirkung auf uns.

In der von Vischer erwähnten Scene ^ spielt das Gebrechen eines Stotterers die Hauptrolle. Der Stotterer ist eben zu dem wichtigsten Punkte einer langen Erzählung gekommen, in welcher er dem ungeduldigen Harlekin beichten will, wo seine Liebste verborgen sei. Da stolpert er unglücklicherweise über ein Wort von sechs bis sieben Silben. Er versucht nochmals und abermals und immer wie- der vergebens, über das Wort hinüberzukommen. Um kei- nen Preis würde er das schwere Wort, in dem er stecken bleibt, um ein leichteres aufgeben; er erstickte lieber mit dem Worte im Hals. Harlekin nennt dem Unglücklichen wohl ein Dutzend Synonyma, aber er weist sie mit Ver- achtung ab. Seine Versuche werden immer peinlicher,. es scheint bis zu Krämpfen und Geburtswehen zu kommen, er sperrt das Maul auf, zittert, würgt sich, das Gesicht schwillt an, es ist als wenn ihm die Augen zum Kopf hinausspringen wollten. Harlekin knöpft ihm die Weste, den Halskragen des Hemdes auf, fächelt ihm mit seiner Mütze Luft zu und hält ihm etwas zu riechen vor die Nase. Alles vergeblich! Der arme Kerl scheint wirklich darüber den Geist aufgeben zu müssen. Da bekommt Harlekin einen genialen Einfall. Urplötzlich rennt er ihm mit kolossalem Anlauf mit dem Kopf wider den Bauch, und im selben Augenblick fliegt das Wort laut und deut- lich aus seinem Munde. Das ganze Haus wälzt sich ob dieser wunderbaren Heilung, und selbst zwei steiflederne Engländer, welche bis dahin ohne eine Miene zu verziehen, dem Spiele beigewohnt, das sie verachteten, brechen in ein lautes, unbändiges Gelächter aus.

Nehmen wir nun ein Beispiel aus Scarrons Virgile travesti, in welchem die Aeneis so wunderbar zugestutzt


1 I p. 239. Auch Flögel erwähnt diese Scene. Er entnimmt die xVnekdote Dr. Moore's Abriss des Lebens und der Sitten in Italien. 16. T. p. 13C. — Das Stück nennt er eine Posse, bringt es aber nichtsdestoweniger als Beispiel des Grotesk-komischen (cf. Gesch. d. kom. Litt. Bd. I p. 240.)


Ivinleitun«^. 17

ist! Die Musen, sagt der Dichter, sind gelehrte Bhiu- strümpfe, sie sitzen nebeneinander auf Bänken und prüfen mit peinlicher Sorgfalt allerlei Gedichte auf ihren metrischen Wert. Der kleine Ascanius ist ein verwöhntes Mutter- söhnchen, welches sich stets mit Butterfladen und Zucker den Mund vollstopft. — Hekuba wäscht seine Windeln mit ihren königlichen Händen, — Dido ist eine wohlge- nährte, fette, gesunde, sinnliche, rotbackige Trutschel; sie hat ein Stumpfnäschen, wie die Afrikanerinnen gewöhn- lich, aber ist trotzdem recht appetitthch. Am tapfern Aeneas bewundert sie hauptsächlich das frische und ge- sunde Aussehen!

„Oh qii'il est frais, oh qti'il est gras!

Oh qii'il est heaii, qiiaiid il est ras!

Qti'il est fort, qii'il est beati gendanne,

Qtce sa riche taille nie charme!" Als er weggeht, ist ihre Trauer gross. Sie zernagt sich die Nägel, zerkratzt sich die Haut, schlägt sich mit der Faust auf ihr nettes Schnäuzchen, giebt sich Nasenstüber in Menge, zerbeisst sich die Finger und rauft sich das Haar aus. Sie möchte sich gern erhängen, doch erinnert sie sich zur rechten Zeit, dass sie ja erst dreissig ist, und es doch schade wäre, so jung zu sterben. Und sie thut auch recht daran, denn es lohnt wirklich nicht der Mühe. Ihr Geliebter ist ein Egoist, der nur Verach- tung verdient. Während sie sich abhärmt: „Dans son vaisseati faisait dodo Sans songer ä Dame DidoJ' — Und nun zu Rabelais! Vergegenwärtigen wir uns einige charakteristische Stellen. Was wird uns da nicht Alles von den Mönchen erzählt, von ihrer Sinnlichkeit? Der blosse Schatten eines Klosterturnis ist fruchtbar ! (I 45) — Wenn man einem Hunde eine Mönchskutte umlegt, — ,,war er auch lendenlahm zuvor, de frigidis et maleficiatis , — man kann dessen sicher sein, alle Hündinnen ringsum im ganzen Lande wird er belegen" I 47. Und ebenso un- sittlich wie die Mönche, sind die Frauen, und zumal die

Schnecgans, Gesch. d. grot. Satirc. 2


18 Einleitung;.

Pariserinnen, i^anurjü^e weiss ein Liedlein davon zu singen. Ist ihm doch iblgendes passiert! Eines schönen Morgens begegnet er einem Kerl, der zwei kleine Mädchen von höchstens zwei bis drei Jahren in einem Quersack über die Schultern gehängt trägt, die eine vorne, die andre hinten. Panurge, der vor dem weiblichen Geschlecht nicht allzu grosse Achtung hat, fragt ihn sofort: Sagt doch, guter Freund, sind die beiden Mädchen da noch Jungfern? — Ja, Kamerad, erwidert ihm der Mann, ich trage sie nun seit zwei Jahren mit mir herum, und was die da vorn betrifft, die ich immer unter Augen habe, so glaube ich allerdings, dass sie noch Jungfer ist, doch dafür stehen kann ich nicht; was aber die da hinten an- geht, von der weiss ich buchstäblich gar nichts (II 15).

Was rufen diese drei Beispiele in uns hervor? Ganz gewiss Lachen. Aber ist dieses Lachen in allen drei Fällen derselben Art? Nein! Beim ersten Beispiel ist es ein rückhaltloses, harmloses, naives Lachen. Und Jeder- mann, der die wunderbare Heilung des Stotterers mit an- sieht, kann, wie die zwei Engländer, so ernst er auch sonst sein mag, in lautes Lachen ausbrechen. — Ist es dasselbe beim zweiten? Natürlich nehme ich an, dass wir es mit Leuten zu thun haben, welche den Virgil und die Helden, die er besingt, kennen. Lachen wir auch hier rückhaltlos und naiv? Ich glaube nicht. Mancher wird sich sogar über das Beispiel ärgern. Ich kann mir einen trockenen Schulpedanten sehr wohl denken, der es für eine Beleidigung des Dichters hielte, über eine solche Travestie zu lachen. Dagegen könnte derselbe Mensch im Theater über die oben erzählte Scene sehr wohl lachen. — Aber wir, die wir an Scarron Gefallen finden, lachen wir auf dieselbe Art wie vorher? Mischt sich nicht in unser Lachen eine Art boshafter Freude, ideale Gestalten nun plötzlich in so trivialem Gewände zu sehen? — Und wie ist es mit dem dritten Beispiel? Lachen wir über diese Stelle bei Rabelais ebenso, wie die Zuschauer über die Posse oder der Leser Scarrons über dessen Virgil?


Einleitung;. 19

Nein, unser Lachen ist weder harmlos, noch entspringt es aus der boshaften Freude, ideale Gestalten verspottet zu sehen. Mönche und Pariserinnen sind ja weit davon entfernt Ideale zu sein. Und auch hier lacht nicht Jeder. Wer nicht weiss, auf welche Verhältnisse diese Beispiele gemünzt sind, wird sich über dieselben nur wundern. Auch ist wohl kaum anzunehmen, dass ein noch so sittenloser Mönch oder eine noch so unsittliche Frau über diese ihre Schlechtigkeit so schonungslos enthüllende und so krass verhöhnende Beispiele hätten lachen können. Man kann noch so gern Unrecht thun ; es ist aber doch unangenehm, wx^nn es Jedermann, hauptsächlich in solcher Färbung, erfährt. Dagegen wird ein Stotterer, der beim Harlekinspiel zugesehn, wenn er sich vielleicht auch vorher geärgert haben mag, gewiss bei der plötzlichen Heilung des Stotterers laut auflachen. Er hat eben nicht das Gefühl, dass man ihn hat verspotten wollen. Beim Beispiele aus Scarron end- lich wird sich der Schulpedant über das frivole Spiel ärgern, das man sich mit einem hohen Genius erlaubt, der zu einer solchen Verspottung durchaus keinen Anlass giebt. Wenn aber die Wirkung dieser drei Beispiele ver- schieden ist, sind wir berechtigt, uns zu fragen, ob nicht auch die Ursache jedesmal verschieden ist, mit andern Worten, was in dem einem und andern Falle lächerlich ist. Ueber das Wesen des Lächerlichen sind seit Aristo- teles eine Unmasse von Definitionen aufgestellt worden, welche mehr oder minder von einander abweichen. Darin sind aber fast alle einig, dass das Lächerliche auf einem Kontrast, zwischen einem Lust- und Unlustgefühl beruhe. Nur versteht ein Jeder unter diesen beiden Gefühlen etwas Verschiedenes ^. Die Meisten haben beide Faktoren nicht als gleichwertige aufgefasst. Das unangenehme Gefühl wurde gewöhnlich erklärt aus der Einwirkung, die der im Lächerlichen vorhandene Inhalt auf unsere Seele aus-


1 cf. Heck er: Die Physiologie und Psychologie des Lachens und •des Komischen. Berlin 1873. p. 24.


20 Einleitung.

Übt. Das angenehme Gefühl suehte man da<j:egen aus- einem von jenem Inhalt zum grössten Teil unabhän gieren psyehisehen Prozess herzuleiten, so Sehopenhauer ' aus dem Siege des Ansehauens über das Denken, Lazarus ^ aus dem Siege des in uns vorhandenen Positiven über das Gegebene Negative, Vischer endlich aus der Aufhebung des unangenehmen Gefühls. Nur H o b b e s leitete die Lust aus gleicher Quelle wie die Unlust. Während die Dummheit oder Verkehrtheit eines Andern einerseits unser Gefühl beleidigt, so ruft sie andererseits, indem sie uns un- sere Überlegenheit zum Bewusstsein bringt, ein angenehmes Gefühl hervor. So richtig der Weg auch ist, den Hobbes hier einschlägt, so glaube ich doch mit Hecker (p. 24 ff.) nicht, dass dies die einzige Quelle der Lust beim Lächer- lichen sei. So wenig ich sonst mit Hecker übereinstimme, dessen Einteilung des Komischen ich nicht billigen kann und dessen Ansicht über das Burleske ich durchaus nicht teile (p. 56), so richtig halte ich seine Annahme, dass es mannigfaltige Quellen giebt, aus denen das Gefühl der Lust und Unlust beim Lächerlichen entspringt. — Welche sind nun die in Kontrast zu einander tretenden Gefühle der Lust und Unlust, die in uns das Lachen beim Anblick des Harlekins in obiger Scene entstehen lassen? ,,Ein^ angenehmes GefühV, sagt Hecker p. 27 ff., ,, entsteht da- durch, dass eine neue Vorstellung schnell und ungestört mit einer andern eben im Bewusstsein vorhandenen oder einer aus dem gesammten Vorstellungscomplex durch jene geweckten Vorstellung in Verbindung tritt, und auf diese Weise leicht assimiliert wird. Die Aufnahme neuer Vorstellungen unterliegt aber einer Beurteilung, von deren Ausfall vornehmlich die schnellere oder verzögerte Assimilation abhängig ist. ,,Und zwar stützt sich dieses Urteil auf gewisse gleichsam abgeschlossene IdeenkreisCy


1 Schopenhauer: Die Welt als AVille und Vorstellung, Leipzig; 1859. 3. Aufl.

2 Lazarus: Das Leben der Seele. Berlin 185ß. I. p. 179 ff.


Einleitunjj. 21

•die in uns bei wachsender Geistesreife und Charakter- entwickelung immer umfassender sich herausbilden, immer bestimmter als ideale Urteilsmaximen zur Geltung' kommen imd massgebender werden.*' Hecker trennt sie in die logi- schen, praktischen und ideellen Normen. Die ersten linden ihren Ausdruck in den logischen Begriffen, Urteilen und Schlüssen^ die zweiten in den Ideen von Zweckmässigkeit, Nützlichkeit u. s. w., die dritten endlich, welche sich einteilen lassen in die ethischen, ästhetischen und religiösen Grund- ideen, in den Ideen von Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Frei- heit, Sittlichkeit, Schönheit u. s.w. Steht nun eine Vorstellung oder ein Vorstellungscomplex mit diesen Normen im Wider- spruch, so ist die Assimilation dadurch erschwert, und es entsteht ein unangenehmes Gefühl, während umgekehrt in Folge leichter Assimilation bei der Übereinstimmung ein an- genehmes Gefühl entsteht. Natürlich zeigen nun je nach der Individualität und Bildung des Einzelnen soAvie der Kultur des Volkes und des Zeitalters, dem er angehört, diese Normen sowohl in ihrer Zahl als namentlich in ihrem qualitativen Inhalt und ihrer Entwicklungshöhe sehr bedeutende Verschiedenheiten. Von der grösseren oder geringeren Ausbildung derselben hängt es ab, ob ein Vorstellungskomplex, der mit denselben in Konflikt tritt, uns mehr oder minder angenehm resp. unangenehm be- rührt. Bei den Ungebildeten wiegen natürlich die prak- tischen Normen bei weitem vor. Da sie in ihrer niedrigen Entwickelungsstufe nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden, conzentrieren sie sich im Egois- mus, der deshalb bei Ungebildeten fast ausschliesslich den Massstab für die Quantität der Gefühle abgiebt. So ist auch das Gefühl der Überlegenheit über den Schwächeren, welches Hobbes überhaupt zum Princip des Lustgefühls beim Komischen erhob, nichts anders als eine Form des Egoismus. Das Lachen, welches durch den Kontrast dieses Lustgefühls mit einem Unlustgefühl entsteht, be- ündet sich auf der sittlich untersten Stufe des Komischen. Es findet sich bei rohen, ungebildeten Leuten, oder bei


22 Einleitung.

Kindern, in denen die höheren sittliehen Ideen noeh nieht entwiekelt sind. Ein roher Mensch ebenso wie ein Kind wird über einen Buckhgen, einen Lahmen, einen Zwerg lachen können. Denn das Unlustgefühl, welches bei jedem Menschen durch die Beleidigung des Schönheitssinnes entsteht, gerät bei ihm in Konflict mit dem Gedanken^ dass er doch besser sei als jener andere. Und zwar ist die Freude darüber so gross, dass sie das unangenehme Gefühl übertrifft i. Dagegen kann bei uns dieses Lust- gefühl nicht aufkommen. Die Erziehung hat uns gelehrt,, unser eigenes Ich nicht stets in den Vordergrund zu drän- gen. So kommt es denn bei uns zu keinem Kontrast,, und wir lachen nicht. Sobald Masken nur eine Nach- ahmung wirklicher Hässlichkcit sind und keinen karikie- renden Sinn haben, erregen sie jenes rohe Lachen.

Und nun zu unserm ersten Beispiel ! Welche sind die Gefühle der Lust und Unlust, durch deren Zusammen- prallen unser Lachen in diesem Fall entsteht ? Im ersten Moment befremdet uns im höchsten Masse die sonderbare Heilung des Stotterers. Wie kann man uns zumuten zu glauben, dass einem Stotterer auf diese Weise geholfen werden kann ? Das Vorgehen Harlekins, der dem armen Mann gegen den Bauch rennt, ist geradezu zweckwidrig,, dumm, albern; es widerspricht den elementarsten Kennt-


1 Ich bin mit Hecker nicht einverstanden, welcher meint, dass zur Erzeugung des Komischen Lust- und Unlustgefühl gleich stark sein, müssen. Ich teile in diesem Punkte die Ansicht von Lipps, welcher (Psy- chologie der Komik. Philosophische Monatshefte 24. p. 388) sagt, Hecker habe nicht Recht anzunehmen, dass das Hin- und Herwechseln zwischen annähernd gleich starken Gefühlen der Lust und Unlust das Gefühl der Komik erzeugen. „Das Gefühl der Komik gehört der Linie zwischen reiner Lust und Unlust an, aber es erfüllt in seinen möglichen Abstufungen die ganze Linie, sodass es stetig einerseits in reine Lust, anderseits in reine Unlust übergeht." Treffend sagt Lipps weiter: „Das Gefühl der Komik ist nicht durch ein bestimmtes quantitatives Verhältnis von Lust und Unlust gekennzeichnet. Darüber hätte Hecker schon der einfache Sprachgebrauch belehren können, der ein Lachen bald als lustig, fröhlich, herzlich, bald ais- ärgerlich, schmerzlich, bitter bezeichnet."


Einleitung. 23

nisscn, zu i^laubcn, dass man durch einen Stoss auf den Bauch einem Stotterer helfen könne. Da also diese neue Art von Heilung zu den in unserm Bewusstsein vorhan- denen Vorstellungen von Heilungen sich durchaus nicht assimiheren kann, entsteht in uns zuerst ein Unlustgefühl. Dasselbe tritt aber sofort mit einem Lustgefühl in Kon- flikt. Bei aller Sonderbarkeit der Heilung ist der Stotterer doch von seinem Übel befreit. Es hat also etwas genützt, ihm gegen den Bauch zu rennen. Es ist, im Grunde ge- nommen, ein kluger Einfall von Harlekin gewesen. Es ist ihm gelungen etwas fertig zu bringen, was wir für unmöglich hielten. Jeder gelungene Streich erweckt aber in uns ein Lustgefühl, denn jede neue Erfahrung einer Überwindung von Schwierigkeiten bereichert unser Wis- sen, in andern Worten assimiliert sich zu den zahlreichen in unserm Bewusstsein schon vorhandenen Vorstellungen ähnlicher Erfahrungen. Wenn aber ein gelungener Streich im allgemeinen — auch wenn er einen unmoralischen Zweck hat — ein Lustgefühl erregt, so ist es ganz be- sonders der Fall, wenn er, wie hier zu Gunsten eines armen Bedrängten ausgeführt wird. Endlich geht der Streich hier von einer Person aus, von der wir derartige glücklich durchgeführte Streiche gewohnt sind. Ist uns doch der Harlekin als Schlauberger und Tausendsassa be- kannt, der nie in Verlegenheit gerät und sich überall zu helfen weiss ! So assimiliert sich denn die Vorstellung dieses neuen Harlekinstreiches sofort zu den in unserm Bewusstsein schon vorhandenen Vorstellungen anderer ähnlicher. Diese verschiedenen Assimilationen veranlas- sen in uns ein viel stärkeres Lustgefühl, als das vorhin angegebene, aus einer einzigen Quelle hervorgehende Un- lustgefühl; deshalb ist das durch Zusammenprallen beider Gefühle entstehende Lachen ungemein stark. Zugleich ist es ganz harmloser Natur, da in der Quelle desselben die von hässlichem Egoismus ganz freie Freude über den ge- lungenen Streich eines Andern massgebend ist.

Ganz anderer Art ist unser Lachen bei der Lektüre


24 Einleilun},'.

A'on Scarron's Werken, Das Unlustgeluhl ist hier nielil der sehnell vert^ehende Unmut über eine Dummheit; es besteht im Ärger, dass ein in unserer Vorstellung leben- des Ideal plötzlich vernichtet wird. Die Musen stellen wir uns gemeiniglich als edle, schöne Jungfrauen vor, wie sie die Statuen der Griechen uns vorzaubern. Wir den- ken sie uns gerne, wie sie unter den Lorbeerbäumen des Parnass zitherspielend ein idyllisch paradiesisches Leben führen. Hier sehen wir sie dagegen plötzlich als alte Jungfern, wie sie auf Bänken sitzend mit pedantischem Eifer metrischen Fehlern in allerlei Gedichten nachspüren. Dies Bild befremdet im höchsten Mass, da es ein schönes Ideal in uns vernichtet. Nichts desto weniger kann man aber eine Freude daran haben. Doch wird ein Lustgefühl sich nicht bei Jedem entwickeln. Es hängt davon ab, ob eine neue uns entgegentretende Vorstellung auf verwandte Vorstellungen bei uns stösst oder nicht. Nun haben aber die Menschen oft eine geheime boshafte Freude an der Erniedrigung des Hohen. Diese Freude ist um so grösser, je länger das Hohe oder Erhabene ihnen entgegengetreten ist. Das Erhabene ermüdet auf die Dauer. Es ist lästig, immer zu etwas hinaufschauen zu müssen; und so über- kommt uns denn allmählich die Lust, dieses Höhere her- unterzureissen. Je länger unsere Bewunderung vor dem Erhabenen gedauert, in desto stärkerem Masse entwickelt sich diese Lust. Ist ein Stück z. B. sehr lange Zeit hin- durch beklatscht, bew^undert, angebetet worden, so erfin- det irgend ein witziger Kopf, den diese Bewunderung schliesslich ungeduldig macht, schnell eine Parodie, in w^elcher alles Hohe und Edle, das uns entzückte, trivial und gemein dargestellt wird. Das Stück macht Furore. Denn der Witzkopf hat es verstanden, im rechten Augen- blick an das in uns schlummernde nivellierende Gefühl zu appellieren. Zur Zeit Scarron's war man der Despotie Malherbe's und des Classicismus herzlich müde geworden, deshalb entwickelte sich sehr leicht eine Poesie, welche absichtlich trivial auftrat, die Mythologie verlachte und


Einleitunjj. 25

ins Gemeine zo^'. Dasselbe war schon früher geschehen, in Italien, als das macaronische Latein zur Parodie der puristisch ciceronianischen Bestrebungen der Humanisten erfunden wurde. Als in Deutschland lange Zeit die vSchick- salstragödien geblüht hatten, dichtete Platen seine ver- hängnissvolle Gabel und versetzte dadurch dieser übrigens schon verfallenden dramatischen Gattung den Todesstoss. Das Lustgefühl, welches hier überall durch die Assimila- tion dieser neuen uns entgegentretenden Vorstellungen mit den in unserm Bewusstsein schon vorhandenen entsteht, tritt mit dem uns anfänglich befremdenden Unlustgefühl in Konflikt und erregt unser Lachen! Dieses Lachen ist aber, da es wesentlich aus unlauterer Quelle, der Freude am Falle des Erhabenen entspringt, nicht harmlos und naiv, wie das obige, sondern hämisch und gemein. Es steht sittlich sehr niedrig und kommt dem ersten von uns erwähnten Überlegenheitslachen nahe. Denn wenn jenes beim Anblick des Hässlichen sich voller Hochmut zuruft: „Ich bin doch besser als der da", so ruft das andere dem gefallenen Erhabenen höhnisch lachend zu: „Du bist nicht besser als ich".

Gehen wir nun zu den Beispielen aus Rabelais über, den Bemerkungen über die Sittenlosigkeit der Mönche und der Anecdote, die ein so seltsames Licht auf die Parise- rinnen wirft. Das erste Gefühl, das uns bei der Leetüre solcher Beispiele überkommt, spricht sich in den Worten aus : Das sind Unmöglichkeiten, ungeheuerliche Unmög- lichkeiten! Man male sich die Beispiele nur aus. Der Schatten eines Klosterturms soll fruchtbar sein? Ein len- denlahmer Hund soll plötzlich geil werden, weil man ihm eine Mönchskutte umlegt? Mädchen von zwei bis drei Jahren, die beständig in einem Sack herumgetragen wer- den, sollen in den Verdacht kommen können, ihre Jungfer- schaft verloren zu haben? Das sind alles Unmöglichkeiten der greulichsten Art, die man uns da auftischt! Die Vor- stellung dieser Unmöglichkeiten erzeugt, da sie sich zu keiner in unserm Bewusstsein schlummernden Vorstellun-


26 Kinleitung.

gen assimilieren kann, ein Unlustgefühl, und dieses Unlust- gefühl wird bei denen, welche nicht wissen, was Rabelais mit diesen Beispielen bezweckt, vorherrschend bleiben. Höchstens wird bei dem einen oder anderen ein durch die Freude am sexuell gemeinen erregtes Lustgefühl da- mit constrastieren und das widerliche Lachen der Zote ver- anlassen. Die bei weitem grösste Anzahl wird dagegen über die Beispiele nicht lachen, sondern sich mit Achsel- zucken von ihnen abwenden. Ganz anders bei uns, die wir wissen, unter welchen Verhältnissen Rabelais schreibt oder in welchem Zusammenhange diese Beispiele erzählt werden. Zwar wird auch bei uns das durch die Unmög- lichkeit erzeugte Unlustgefühl auftreten. Aber es wird auch sofort mit einem mächtigen Lustgefühl zusammen- stossen.

Wir Averden uns erinnern an die unglaubliche Sitten- losigkeit, die nach Rabelais' Angabe in den Klöstern und in der Stadt Paris herrschte. Die grellen Bilder, die uns hier entgegentreten, werden sich zu den Vorstellungen, die wir von derselben haben, mit Leichtigkeit assimilieren und infolge dessen ein Lustgefühl erregen. Dieses Lust- gefühl wird um so stärker auftreten, als unsere Vorstel- lungen dieser Verhältnisse in geradezu ungeheuerer Weise bestätigt werden. Die Schilderungen Rabelais' überbie- ten bei weitem unsere kühnsten Vorstellungen. Dabei sind sie so geistreich und so pikant ausgeführt, dass wir den Witz des Mannes bewundern, der es verstand, in so reichem Masse unsern Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Aber bei dieser harmlosen Freude über die so gelungene Darstellung dessen was wir fühlten, bleiben wir nicht stehen.

Unser Lustgefühl schöpft aus anderer Quelle noch kräftigere Nahrung. Wie es in den Klöstern oder in Paris aussah, wollen diese Beispiele uns nicht bloss mitteilen, sie wollen, — wir sehen es gleich, — die Sittenlosigkeit noch verspotten, und sie thun es glänzend, indem sie die- selbe in das Gewand der ungeheuerlichsten Karikatur


Einleitunjj. 27

kleiden ! Diese Verspottuni^ thut uns, die wir uns über den schändlichen Missbrauch, der in den Klöstern herrscht und in Paris sein Wesen treibt, ärgern, sehr wohl. Denn diese Karikatur assimiliert sich sofort zu den in unserm Bewusstsein vorhandenen Ideen der Sittlichkeit, welche die Bestrafung der Unsittlichkeit verlangen. Zu der oben beschriebenen harmlosen Freude tritt also noch die Freude über die glänzende Abfuhr hinzu, die dem nach unserm Empfmden Nichtseinsollenden erteilt wird. Dieses doppelte Lustgefühl ist natürlich viel stärker als das nur aus dem Unmöglichen entstandene Unlustgefühl. Aus dem plötzlichen Zusammenprallen beider entsteht ein kolossales^ zugleich joviales und höhnendes Lachen.

Dieses Lachen hat mit dem in den beiden ersten Fällen entstehenden Manches gemein. Mit dem ersten teilt es das erste Element des Lustgefühls die harmlose Freude^ einerseits über einen genialen Einfall oder famosen Witz, anderseits über die vortreffliche Bestätigung unserer Vor- stellungen. Aber mit dem Unterschiede, dass in diesem Falle die Bestätigung eine völligere, ja sogar eine übermäs- sige ist. Das Bild der Sittenlosigkeit der Klöster, das uns hier vor Augen geführt wird, ist viel kräftiger als dieje- nigen, die sich in unserm Vorstellungkomplex schon be- finden, während der Streich des Harlekin, der uns er- götzt, eines jener zahlreichen drolligen Stückchen ist, die der Hanswurst, der Clown oder Bajazzo im Kasperle- theater oder im Circus ausführen. Ferner scheint das Unlustgefühl auf den ersten Blick im ersten und dritten Fall dasselbe zu sein. Man könnte auch sagen : Es ist unmöglich, dass ein Stotterer dadurch geheilt w^erde, dass man ihm mit dem Kopf vor den Bauch rennt, aber man wird doch zugeben: es ist nicht in demselben Grade un- möglich, wie die Fruchtbarkeit des Schattens eines Kloster- turms oder die durch eine umgelegte Kutte erzeugte Geil- heit des Hundes. Man kann sich immerhin vorstellen, dass ein kräftiger Stoss eine befreiende AVirkung auf einen Stotterer ausüben könnte. Aber das Unmögliche ist auch


58 Einleitunj;.

nicht das Ünlusterregcnde in diesem i^'alle; es ist vielmehr das Dumme oder Zweckwidrige, das uns aufstösst. Von unserem Standpunkte, nach unseren bisherigen Erfahrun- gen ist es eine Dummheit, einem Stotterer, der ein Wort nicht herausbringt, dadurch helfen zu w^oUen, dass man ihm gegen den Bauch rennt und es ist noch dümmer, uns glauben machen zu wollen, dass ein solches Mittel gelingt. Also ist auch das Unlustgefühl nicht ganz dasselbe beim ersten wie beim dritten Falle. Freilich kommt es demselben nahe. Das Ausschlaggebende, das beide Arten des Lachens ganz und gar Trennende, ist aber das karikierende Element in diesem letzten Falle. Davon haben wir im ersten keine Spur. Eine Verspottung des Stotterers oder des Harlekin ist durchaus nicht vorhanden. Deshalb ist das erste Lachen ganz harmlos, Avährend im dritten die Verhöhnung eine grosse Rolle spielt.

In diesem Punkte kommt es mit dem beim zweiten Falle erregten nahe. Die Götter des Olymps und die Helden des Altertums werden im Werke Scarrons ver- höhnt. Aber diese Verhöhnung ist nicht derselben Art, wie diejenige der sittenlosen Mönche und Frauen bei Ra- belais. Scarron macht die Helden Virgils nicht lächerlich, weil sie nach seinem Empfinden nicht so handeln wie sie handeln sollten, sondern nur deshalb, weil er den hehren Gestalten des Altertums, die wegen ihrer Erhabenheit ihn und seine Zeitgenossen aut die Dauer ermüden einen Schabernack spielen will. Rabelais dagegen macht sich über die Sittenlosigkeit der Mönche und der Frauen lustig, weil nach seinem Empfinden die Sittenlosigkeit ihrer Bestimmung zuwider ist. Mönche und Frauen ge- ben zur Verspottung Anlass, dagegen die Helden Virgils nicht. Dort haben wir es nur mit frivolem ,,Ulk zu thun, hier mit der Karikatur des Nichtseinsollenden.

So trennt sich denn auch in diesem Punkte dieses Lachen von dem zweiten; noch viel mehr trennt es sich natürlich von demselben darin, dass das Unlustge- fühl ein ganz anderes ist, und das harmlose joviale Ele-


Einleitung. 29

ment im Lustgefühl des dritten beim zweiten ganz aus- bleibt.

Wenn nun aber in allen drei Fällen das Lachen ein verschiedenes ist, so ist es nicht richtig, wie es vorher ge- schah, alle drei Fälle unter derselben Bezeichnung des Grotesken zusammenzufassen. Vielmehr kommt einem Jeden eine verschiedene Benennung zu. Die Bezeichnung „grotesk", werden wir natürlich für denjenigen F'all wäh- len, in welchem die von den Ästhetikern vorher erkann- ten Merkmale des Grotesken am deutlichsten hervortreten. Dies ist im letzten Beispiele der Fall. Sowohl das Phanta- stische und Behaglich-Heitere, das Vischer und Köstlin als wesentliche Merkmale ansahen, wie auch das Karikie- rende, das hauptsächlich v. Hartmann betonte, finden sich in diesem Beispiele vereinigt. Das Phantastische erregt durch seine ungeheuerliche Unmöglichkeit das Unlustge- fühl, während die beiden anderen Merkmale zusammen jenes kolossale Lustgefühl erregen, welches das Unlustge- fühl weit übertrifft.

Auch aus etymologischen Gründen fühlen wii" uns veranlasst, demjenigen den Namen grotesk zu geben, in welchem etwas Ungeheuerliches und Phantastisches zum Ausdruck kommt. Bekanntlich rührt der Ausdruck ,, gro- tesk von jenen antiken Wandmalereien i her, welche in den ,,grottc genannten, unterirdischen Trümmern der Titus- thermen gefunden wurden, von Rafael bei seiner Aus- schmückung der Loggien des Vaticans als Vorbild ge- braucht, und hauptsächlich von seinen Schülern Giovanni da Udine und Perino del Vaga zur Verzierung der Decken


1 Abbildungen derselben in den „Vestigia delle Tenne di Tito e loro interne pitture" von Smugliewicz e Carloni und „le antiche camere delle terme di Tito e le loro j)itture descritte da G. Carlotti" — Benvenuto Cellino V. 1. 31. Ausgabe von Bianclii Firenze 1852. ,,Questi studiosi trovandole in questi luoghi cavernosi, per essere in basso, e perche il voca- bolo cliiama quei luoghi bassi in Roma ,,g r o t t e" da questo si acqui- starono il nome di grottesche." Auch Vasari (Vita di Giovanni da Udine, „che grotesche furono dette delF essere State entro alle grotte ritrovate" ; auch in der Vita di ^Nlorto da Feltro,


t^O Einlcitutifj.

und Wunde der Paläste nachgeahmt wurden. Die Alten hatten derartige aus allerlei seltsamen und abenteuer- lichen Figuren sich zusammensetzende Darstellungen ,, Ungeheuer genannt \ eine Bezeichnung, die Benvenuto Cellini, welcher Grotesken auf Dolchklingen eingravierte, für dem Wesen der Sache weit entsprechender hält, als die äusserliche Bezeichnung „grotesk" ^. Das Ungeheuer- lich-Komische, oft auch Ausschweifend Phantastische sol- cher Malereien betont Vasari ganz besonders in seiner Beschreibung der Grotesken 3. Mit der Zeit tritt dieses Element in den Malereien immer mehr hervor. So z. B. in den Verzierungen des Palazzo Doria in Genua, w^elche von Perino del Vaga ausgeführt wurden ; unter ande- rem im Tonnengewölbe über der Treppe kleine drollige fliegende Ungeheuer, mit Krallen, Schnäbeln und Hör- nern, mit langem vorgestrecktem Halse und herabhängen-


1 A'^ i t r u V : de architectura libri X. Argentorati 1807: VII 5. „Pin- guntur tectoriis monstra potius quam ex rebus finitis imagines certae, pro columnis enim statuuntur calami, pro fastigiis liaspaginetuli, striati cum crispis foliis et volutis, item candelabria aedicularum sustinentia figuras, super fastigia earum surgentes ex radicibus cum volutis coliculi, teneri plures, habentes in se sine ratione sedentia sigilla; non minus etiam ex coliculis flores dimidiata habentes in se, exeuntia sigilla, alia humanis, alia bestiarum capitibus similia".

^ Benv. Cell. 1, c, : ,jil quäle non e il suo nome; perche si bene come gli antichi si dilettavano di comporre de'mostri usando con capre, con vacche e con cavalle, nascendo questi miscugli gli domandavano mostri; cosi quelli artetici facevano con i loro fogliami questa sorte di mostri 5 e mostri e il 'vero lor nome e non grottesche".

^ Vasari: Introduzione alle tre arti di disegno. Della Pittura cap. XIII: „Le grottesche sono una spezie di pitture licenziose eridicole niolto, fatte dagli antichi per ornamenti di vani, dove in alcuni luoghi non stava bene altro che cosc in aria; per il che facevano in quelle tutte sconcia- ture di mostri, per stratezza della natura e per gricciolo e ghiribizzo degli artefici; i quali fanno in quelle cose senza alcuna regola, appicando a un sottilissimo iüo un peso che non si puö reggere, a un cavallo le gambe di foglie, e a un uomo le gambe di grii, ed infiniti sciarpelloni e passerotti* e chi piii stranamente immagginava, quegli era tenuto piu A^alente,


iMnleitinifj. 31

den Brüsten, welche die Ausgeburt einer ausschweifenden Phantasie zu sein scheinend

Auch ausserhalb Italiens hielt im 16. Jahrh. der Aus- druck ,,orottesk A^or Allem den Sinn des Ungeheuerlichen, und Tollen fest-. So gebraucht ihn Montaigne am Anfang des Kapitels XXVII über die Freundschaft, wo er sich mit einem Maler vergleicht, der rings um sein Gemälde zur Ausfüllung der leeren Fläche Grotesken anbringt; diesen Ausdruck auf seine Essais beziehend, fährt er im selben Athemzuge, mit den Worten fort : ,,Qiie soiit-ce icy aussi, ä la verite, qiie crotesqites et corps monstriietix , rappieccs de divers membres, sans certaine ßgiirc, n'ayants ordre, siiitte ny Proportion qtie fortuite?^' Dieselbe Be- deutung hat der Ausdruck auch in dem Vorworte der im Verlage von Richard Breton als letztes Werk Rabelais' im Jahre 1565 erschienenen Songes de Pantagruel. V^on seinen abenteuerlichen Figuren, den Ausgeburten der


1 vSie erinnern lebhaft an die phallischen Amuletts aus Pompeji und Herculanum. — Abbildungen von solchen befinden sich in Ebeling's Aus- gabe von Flögeis Geschichte des Groteske-komischen.

^ Der Ausdruck „grotesk" bezieht sich im 16. Jhdt. fast ausschliess- lich auf Gegenstände der bildenden Kunst. So bei Rabelais im 5. Buche, wo er von den „groteskenartig erhabenen" V^erzierungen im Tempel der gött- lichen Flasche redet: V 41 „des petits enfants nuds ... ne semblaient en- gravez dedans la matiere, mais en bosse, ou pour le moins en crotesque — apparoissoyent enlevez totalement, moyennant la diverse et plaisante lumiere, laquelle dedans contenue ressoitissoyt par la sculpture". In ähn- lichem Sinne Alarnix de Ste. Aldegonde, wo er von den Ausschmückungen eines Gartens spricht: Traite des dififerends ... II p. 78: „jardins et paradis tres delicieux, comme le Paradis de Mahomet, tous assortis de leurs fon- taines, ruisseaux, grottesques, et tout ce qu'il y faut". Bei Rabelais wird ,, grotesk'" auch zum ersten Mal als Eigenschaftswort gebraucht. In der unendlichen Liste von verständigen und widersinnigen Schmeichelnamen, welche Panurge seinem Freunde Frere Jean an den Kopf wirft, kommt auch das Wort ,,cuoillon crotesque" vor. Auf den ersteu Blick scheint es, als ob es hier in der uns geläufigen Bedeutung gebraucht würde. Aber nach der Umgebung, in welcher das Wort sich befindet, zwischen ,,couil- lon de stuc" und ,,couillon arabesque" sehen wir, dass der Begriff noch nicht den Boden der bildenden Kunst verlassen hat.


32 Einleitung.

tollsten und ausgelassensten Phantasie (cf. III 1), sagt der Herausgeber ausdrück lieh, er hätte sie nicht bloss herausgegeben, um die Jugend zu amüsieren, son- dern zugleich, damit einige witzige Köpfe daraus Stoff zur Erfindung von Grotesken oder Einrichtung von Maska- raden entnähmen: ains setdenient poiir servir de passe tenips ä la jeimesse, Joint aitssi qtic pliisieiirs bons esprits y potirrot tirer des inventions poiir faire c r o t e s t e s qiie poiir estahlir mascaradesJ' In dieser Verwendung der Grotesken zu Maskaraden darf ausserdem wohl auch schon ein Aufdämmern der karikierenden Bedeutung" des Begriffes erkannt Averden. Deutlich tritt dies letztere Merkmal neben dem anderen hervor in Fischarts ,, Grille Krottestisch Mül zu römischer Frucht,^' die im Jahre 1577 erschien, und in welcher die Entlarvung der Heuchelei der katholischen Kirche in Bild und Wort dargestellt wird. Die Wesen, in welche die Geistlichen nach dem Tode in der Mühle verwandelt werden, sind nicht bloss phan- tastische Gestalten, sondern zugleich auch Karikaturen. So das seltsame Wesen, das einen Eulenkopf auf einem Menschenhinteren mit Fuchsschwanz trägt, oder jener Schweinskopf auf menschlichem Leib, oder die dicke Sack- pfeife, welche auf Pantoffeln einherschreitet, die Eidechse mit Jesuitenmütze, und endlich das Eselshaupt mit Schul- sack, welches hinten in ein Reptil ausgeht i. So be- deutete denn schon von vorn herein der Ausdruck ,, gro- tesk ein durch seine Ungeheuerlichkeit Lachen erregendes, dem sich bald auch ein karikierendes Element zugesellte. Allmählich verwischte sich freilich der Begriff. Schon im 17. Jahrhundert wurde das Wort, wie so häufig heut- zutage^ mit dem Burlesken oder derbkomischen resp. Pos-


1 cf. Wendeler: Archiv für Litteraturgescliichte VII p. 309. — Bei Fischart kommt noch sonst der Ausdruck „grotesk" vor: so in der Daemono- mania von 1586 p. 178, wo von „seltsamen Grillenkrottestischen Basilisken" die Rede ist. Im Gargantua (ed. 1590) wird die pantagrueline prognosti- cation p. 65 genannt „krottestische Kluftgrille", cf. übrigens auch darüber Wendeler 1. c. p. 319.


Einleitunjj. 33

senhaften zusammengeworfen^). Eine solche X'ermengung der drei Begrifle darf aber nicht zugelassen werden. Wenn für unser drittes Beispiel der Ausdruck ,,gTotesk am Platze ist, so ist er es nicht für die zwei andern, da das Lachen in denselben verschiedener Art ist. Es .dürfte sich aber fragen, ob die Ausdrücke „possenhaft und ,, burlesk, die so häufig mit ,, grotesk" verwechselt werden, nicht viel- leicht für diese zwei Fälle am Platze wären. Der Aus- druck ,, burlesk" vom ital. biirla (Scherz) ist häufig sowohl in der italienischen als in der französischen Litteraturge- schichte gebraucht worden; die Poesie Berni's sowie die- jenige Scarron's erhielten gewöhnlich die Benennung „bur- lesk". In derselben spielt aber der „Ulk" mit dem Erha- benen, den wir auch in unserm zweiten Beispiele hatten, die Hauptrolle. So wird es sich denn am besten empfehlen, die das Lachen bei unserm zweiten Beispiele erregende Komik burlesk zu nennen. Für jene frivole, ohne ir- gend welchen Grund das Erhabene in den Staub ziehende Geistesrichtung, ist der Ausdruck „burlesk" auch aus einem andern Grunde besser am Platze als der Ausdruck „pos- senhaft". Der aus dem Italienischen stammende, in der französischen Litteraturgeschichte eingebürgerte Ausdruck, passt besonders gut für eine Geistesrichtung, die dem Wesen des Romanen viel adäquater ist als dem des Ger- manen. Der Romane ist von Haus aus spöttischer an- gelegt als der Germane, er kann den Druck des Er- habenen nicht lange aushalten. Der Germane fordert eher die sittliche Berechtigung zum Spott über ein Er-


^ Dies bezeu<];t Pelisson in der Histoire de l'Academie 1653 ed. III. ,,Mr de Saint Aman" sagt er „ferait comme il s'y etait offert lui meme la partie comique du dictionnaire, en recueillant les termes grotesques, c'est a dire, comme nous parlerions aujourd'hui burlesques". — Dass das Wort ,,burlesk die Bezeichnung „grotesk geradezu verdrängte, deutet eine Stelle in der „histoire et regles de la poesie fran^aise (Amsterdam 1717)" an, wo es p. 139 heisst: „Leurs ouvrages furent appeles tantot grotesques, tantot comiques, jusques ä ce que Sarrazin leur donna le nom de burlesques, dont les Italiens se servaient alors".

Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 3


34 Einleitung.

habenes K So hat es denn in Deutschland das Burleske nie zu einer solchen Blüte gebracht wie in Frankreich. Freilich gab es auch in Frankreich Zeiten, wo das Bur- leske weniger gefiel. Das Zeitalter Ludwigs XIV. hatte vor der Kunst eine zu grosse Ehrfurcht, als dass es das Burleske hätte vertragen können. Schon 1658 erhob sich der Jesuit Vavassor in seinem Buch ,,de ludicra dictione gegen das Burleske. Auch Boileau bekämpft es öfters in seiner ,,Art poetique". Aber das war nur vorüber- gehend. Boileau hat übrigens selbst in seinem ,,lutrin'* das Burleske, freilich in feinerer Art, verwandt. Das Burleske kann litterarisch in zwei verschiedenen Gattun- gen verwandt werden, in der Parodie und Travestie. Allen zwei Gattungen kommt es darauf an, das Erhabene ohne satirische Absicht, aus blossem „Ulk", lächerlich zu machen, aber jede dieser zwei Gattungen fängt es verschieden an. Die Parodie behält im Allgemeinen den Ton und die Form des Kunst- oder Dichtwerks bei, welches sie verspottet, schiebt ihnen aber einen trivialen Gegenstand unter. In Platens verhängnisvoller Gabel wird der Ton und die Form der Schicksalstragödie meistens beibehalten, aber es dreht sich die ganze Tragödie um einen trivialen Gegenstand. Davids grosses Bild ,,Mars von Amor und den Grazien entwaffnet wurde genau in derselben Form in's Triviale, Spiessbürgerliche übertragen. Der griechische Gott, im Ori- ginal eine schöne antike Erscheinung wird in der Parodie zu


1 Recht charakteristisch ist die köstliche Entrüstung, mit welcher Morhof in seinem „Unterricht von der teutschen Sprache und Poesie, Kiel 1682, vom Burlesken sagt: ,,jMan hat gar eine Schreibart erdacht, die man burlesque nennt, die von den Italiänern und Franzosen aufgebracht. Es ist zu verwundern, dass in so klugen Nationen dergleichen närrisch Ding einen Beifall hat finden können. Die Italianer haben uns diese Zierlichkeit, die die Hässlichkeit zur Mutter hat, zu ihrer ewigen Schande erstlich auf die Bahn gebracht, und haben hernach einige in Frankreich an dieser Mis- geburt ein Gefallen gehabt. Ein gelehrter Mann nennt dergleichen carmina nicht unbillig ,.excrementa Pegasi". Wir wollen uns hier mit dergleichen unflätigen Wesen nicht aufhalten. Erfreue mich darüber, dass kein Teutscher solches bisher nachgemacht'^.


P^inleitung. 35

einem biedern National<^ardisten. Während dort Venus des Geliebten flaupt mit einem Kranz von Blumen zu schmücken sich anschickt, ist hier die besorgte Ehehälfte im Be- griff' dem treuen Gatten die Schlafmütze auf den Kopf zu setzen. Dort überreicht der Gott der holden Grazie, die bereits Schild und Bogen in Händen hält, sein Schwert; hier streckt der Vaterlandsverteidiger der alten Köchin, die schon Patronentasche und Tornister in Empfang ge- nommen hat, auch das Seitengewehr entgegen. Dort schwebt eine junge Grazie mit dem rosshaarumwallten Helm dahin, hier trägt das Dienstmädchen den Dreimaster in den Schrank. Im Original füllt die Grazie dem dürstenden Kämpfer eine Schale mit göttlichem Nektar, in der Parodie bietet die Zofe dem müden Familienvater eine Tasse Kaffee an ; und während Amor dem Gott des Kriegs die Sandalen löst, knöpft der Stammhalter dem lieben Papa die Ga- maschen auf. Die griechische Scene spielt im Olymp, über den Wolken, vor einer reichgeschmückten Säulen- halle; die andere im Schlafzimmer, auf dem Sopha; im Hintergrunde erblickt man das Himmelbett, und rechts und links davon hängen Familienbilder.

Eine specielle Unterart der Parodie ist das Heroisch- komische, die burleske Verspottung des klassischen Epos. Das Äussere der Gattung, das edle Pathos, die hochtra- benden Vergleiche^ der breite behagliche epische Ton w4rd beibehalten, aber auf einen Gegenstand angewandt, der ihrer nicht würdig ist. Statt um Helden handelt es sich um Frösche, Mäuse, Flöhe \ statt um Entführung einer Helena um den Raub eines Eimers ^ oder einer Locke ^


1 In der dem Homer zugeschriebenen Batrachomyomachie und der Floia des Folengo. Wir haben auch Galeomyomachien, Geranomachien, Sparomachien, Arachnomachien u. s. w,

2 Ftitelt: Conge definitif. Das ganze Bild stellt Napoleon dar, wie er, den Regen- schirm in der Hand, den Adler an der Leine führend, Frankreich verlässt; unten ,,Donne ä Paris le 3. Sept. 1870, au nom de la republique fran9aise.


44


Einleitung.


hervor als in Wirklichkeit. Im fünften, das den Napoleon vor der Schlacht darstellt, sind dieselben Zü^e viel stär- ker accentuirt '. Die Nase vor allem erreicht schon sehr



anständige Proportionen. Noch viel toller wird es aber bei echt grotesken Karikaturen. Da scheint es wirklich, als ob die Nase des armen Kaisers das Odium des un- glücklichen Krieges ganz allein auf sich nehmen sollte. Schlaff, aufgedunsen, kartoffelähnlich hängt sie in den den Kaiser nach der verlorenen Schlacht darstellenden Bil- dern 6 und 7 ihm bis über den Mund hinunter -. Von die- sen Karikaturen bis zu der achten, welche das Gesicht des Kaisers bis zum Schweinsgesicht verzerrt, ist nur ein Schritt. Die ungeheure Nase braucht nur noch ein wenig vergrössert zu werden, und sie wird zum Rüssel. Die kleinen Augen werden nur noch ein bischen kleiner und sie werden zu wirklichen Schweinsäuglein ^. In der


1 Bd. I, aus einer Sammlung „les aventures de Sabre de bois. Nr. 5 und 6 gehören zusammen - Nr. 9; unten die Aufschrift „avant la bataille, apres la bataille: Depot chez Madre editeur, rue du Croissant".

2 Das ganze Bild 7 stellt Napoleon auf einem Esel reitend dar. Ein preussischer General führt den Esel am Zügel: Bd. II Actualites Nr. 6.

^ Nr. 8 findet sich a's Nr. 5 der Actualites Bd. II. Das ganze Bild


Einleitung.


45-


Verzerruno- der Nase Napoleons feiert die Volksphantasie geradezu Orgien. Einem Papageien- oder Rabenschnabel ähnlich erscheint sie auf Bild 9, das den Kai- ser trauernd, am Beicht- stuhle des Papstes kniend und Abbitte thuend, dar- steUt K

Die kühnsten Er- wartungen übertrifft aber die kaiserliche Nase in Bild 10. Sie ist grösser als der Kaiser selbst, so gross, dass der Kai- ser das Gleichgewicht verlieren würde, wenn er nicht angekettet wäre, so gross, dass meh- rere Pariser Gamins, wie der, welcher, die phry- gische Mütze auf dem Kopf und die rote P'ahne in der Hand, mit einer frechen Geberde den Kaiser beschimpft, sehr wohl in ihr Platz finden könnten. Und dabei ist sie widerlich und ekelhaft, mit Pilzen, Spinngeweben, Köpfen, Auswüchsen aller Art besäet und mit Bildern geziert, das tollste Er-



7.


stellt den Kaiser als Schwein dar, wie er vor einem preussischen General (Bismarck?) seinen kaiserlichen Adler selbst auffrisst.

1 Nr. 9 findet sich Bd. II unter dem Titel : La confession de Badinguet par Alfred Le Petit. Links steht der Papst Pius IX. Badinguet: Mort pere, je m'acciise d'avoir assassine la republique au 2 decembre 1851, d'avoir trahi le serment que j'avais prete ä, mon peuple, d'avoir fait massacrer des millions d'hommes, d'avoir lächement rendu nion epee, d'avoir vendu la France au roi de Prusse, d'avoir etc. etc. etc. etc. Le Pape: Horrible, mon fils ! ! Pour Penitence vous continuerez ä bien boire, bien manger, bien dor- mir, avec l'aide du seigneur — (se vend chez Duclaux 21 place du Chateau d'Eau et chez Madre 20 rue du Croissant).


4G


l'-inleilun^.


zcu<j;nis abenteuerlicher Phantasie ^ Wir begreifen leicht, dass dem Kaiser, der auch nach sonstigen Indizien zu schliessen nicht der Gesundeste zu sein scheint, das Tragen eines solchen Monstrums zur Qual wird, sodass ihm die Augen beinahe aus dem Kopfe springen, Hals, Backen und Nacken anschwellen und die Barthaare sich sträuben.



8.

Diese Beispiele werden schon zur Genüge klar ge- stellt haben, was wir unter grotesker Karikatur verstehen. Das Motiv bleibt überall dasselbe: das Groteske beginnt, wo die Unmöglichkeit anfängt. In dieser Unmöglichkeit


1 Bd. II Nr. 6; oben: La Charge, Supplement Nr. 6 Deuxieme annee. En vente cliez Madre 20 rue du Croissant et chez Duclaux 21 place du Chäteau d'Eau. Le pif imperial par Alfred Le Petit. Unten: T'as beau faire ton nez, mon bonhomme, si tu crois r'venir ä Paris, tu peux t' fouiller.


Einleitung.


47


kann es aber, wie wir aus den Bildern sehr wohl merken können, verschiedene Grade geben. Die Beispiele Hessen sich noch häufen. In der Heidelberger Sammlung, die eine wahre Fundgrube des Grotesken ist, giebt es noch zahlreiche Beispiele grotesker Nasen. In den bekannten Karikatursammlunoen kenne ich in dieser Beziehung nur



die vortrefflich gelungene groteske Karikatur der Nase Bouginier's, von Dantan dem Älteren, die so gewaltig ist, dass das ganze Gesicht zur Nase anschwillt (cf. Grand-Carte- ret Fig. 364). Häufiger sind die Bilder, welche die Corpulenz verspotten. So das Bild des Ministers Cambacer^s^ der mit seinem Freunde, dem feisten d'Aigrefeuille, in einen Omni- bus steigen will, welcher schon für ihn allein zu klein ist (Grand-Carteret p. 97). Oder der brave General Gallas,


48


Einleitung.


der seinen kollosalen Wanst auf einem Schiebkarren vor sich herrollen muss (cf. Wright 1. c. Fig. 176). xVuch Ma- gerkeit lind Kleinheit werden A^erspottet. Wegen der



ersten dieser Eigenschaften sind Jules Favre, wegen der zweiten Thiers während des Krieges häufig die Zielscheibe des Witzes. So auch in unserm Bilde 1 1 , wo Jules Favre zum dürren Holzscheite vertrocknet, während der kleine feiste Thiers, zu einer beinahe verschwindenden Kugel zusammenschrumpft ^

Sehr interessant für den Übergang der einfachen Ka- rikatur zur grotesken sind die Bilder, welche die allmäh-


1 Bd, IV Actualites Nr. 2, die beiden Staatsmänner schauen mit Ent- setzen auf eine Art Nordlicht, das über Paris erscheint, und die Aufschrift 18. Mars trägt und sprechen: Quelle tuile! Unten: chez Deforet et Cesar, Rue Neuve des petits Champs 64. Impr. Talent Paris.


Kinleitunjj.


49


liehe Umwandlun<i; eines Gesiebtes zu einem leblosen Ge- genstand vor Augen lubren, so die unter dem Namen „poires de Pbilipon" bekannten Karikaturen Ludwig Phi-



n.

lipps, in denen das Gesieht des Bürgerkönigs ganz all- mählich in eine Birne übergeht (Grand-Carteret Fig. 111) i, oder die Karikaturen des roten Marquis Rochefort, in unserer Sammlung, wo sein Gesicht zur Traube wird. Ein weites Arbeitsfeld bietet endlich dem Grotesken die Mode; Bilder dieser Art sind auch in unsern deutschen Witzblättern so häufig, dass wir auf sie nur hinzuweisen brauchen ^.


1 Auch Thiers' Kopf wird häutig als Birne dargestellt.

2 cf. auch die überaus häufigen Verspottungen der Krinoline, die bald Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 1-


50


Einleitung.


Sonst ist das Gebiet des Grotesken sowie der ein- fachen Karikatur sehr beschränkt. Geistige Eigenschaften wird die Karikatur nur dann in ihren Bereich ziehen kön- nen, wenn dieselben auch äusserlich, etwa im Ge- sichtsausdruck , wahr- nehmbar sind. Ohne die- ses körperliche Moment ist die Karikatur geisti- ger Eigenschaften un- denkbar. Denn als gro- teske Karikaturen dürfen z. B. nicht etwa die sa- tirischen Darstellungen des Menschen als Tier bezeichnet werden, so- bald das geistige Moment in ihnen massgebend ist. So z. B. unser Bild 12, welches Napoleon als Schweinchen darstellt ^ Hier werden nicht wie in Bild 8 besonders cha- .^^^ rakteristische Gesichts- züge bis zu denjenigen des Schweines verzerrt, sondern Napoleon tritt 12. uns mit seinem wirk-

lichen Gesicht, aber mit Schweinskörper entgegen. Damit will der Zeichner symbo- lisch ausdrücken, dass nach seiner Meinung die Eigenschaf- teij des Schweines den Kaiser zieren. Mit einer Verzerrung körperlicher Züge hat dies Bild aber ebensowenig zu thun,



zum aufgespannten Regenschirm oder zur wandelnden Glocke wird (cf. Grand- Carteret. Fig. 213).

1 Bd. I en vente chez Grognet, imp. 6diteur. rue des ecoles 16.


Einleitunj:,


51


als etwa Bild 13, welches, um den Kaiser in seiner ganzen Glorie vor dem Kriege uns erscheinen zu lassen, den- selben mit prachtvollem Pfauenschweif darstellt. Dass



das Schweinsschwänzchen des Vogels und die „cocottes^' aus Papier, welche den Kaiser bewundernd anschauen, auch eine symbolische Bedeutung haben, wird Jeder verstehen ^. Zu derselben Kategorie symbolisch-satirischer Bilder ge- hören auch die zahlreichen Bilder in den mittelalterlichen


1 Bd. I Nr. 1, oben: avant la guerre, sur l'air de Fleur de the — unten: Je bois tout, je mange tout, je fourre ma queue partout . . . par, par- tout. Louis Langey del. et imp. ä Foust lez Brux.


62 EinleitunfT.

Kirchen, welche die Mönche als Füchse oder als Wölfe darstellen, oder die Bilder auf den Flugblättern des 16. Jahrhunderts, welche auf protestantischer Seite den Papst als Esel, auf katholischer Luther mit Katzenkopf darstellten. In denselben wird nämlich nicht etwa die Schlauheit resp. Dummheit bis zu derjenigen des Fuchses oder Esels ver- zerrt, sondern diese geistigen Eigenschaften werden durch das Bild desjenigen Tieres, welches sie in hervorragendem Masse besitzt, angedeutet, mit andern Worten, wir haben es mit einer symbolischen Satire zu thun.

Manchmal wird eine Sonderung dadurch sehr er- schwert, dass symbolische Satire und groteske Karika- tur im selben Object vereinigt sind. So z. B. in einem zur Zeit Karls X. entstandenen Bild, wo drei Priester als w^andernde Kanonenrohre dargestellt werden. Einerseits haben wir es mit einer grotesken Karikatur zu thun. Die lange, hagere, im schwarzen Talar eingehüllte Gestalt der Priester wird bis zum Kanonenrohr verzerrt. Anderseits hat das Bild einen symbolisch satirischen Sinn. Es will die kriegerische Haltung des Klerus zu dieser Zeit an- deuten. Kniet doch im Vordergrunde desselben Bildes ein Bischof in vollem Ornat an einem Pulvertass. Ganz derselben Art ist unser Bild 14, welches den Kaiser Na- poleon im Affentheater als Pagliazzo darstellt. Grotesk ist das Bild in sofern, als einige der am meisten auffallen- den körperlichen Eigentümlichkeiten des Kaisers bis zur Unmöglichkeit übertrieben werden; so die Nase, welche


1 Bd. I. Das Bild ist von Faustin: oben Mr. Polichinel. Unten zu lesen: En vente chez Du Claus, 21 Place du Ch. d'Eau. Depot chez Madre 20 rue du Croissant, ausserdem folgende Reklame:

Koui! Koui! . . . Koui! . . . Kouiiquiquil . . . qui qui, Koui! . . .

Voici monsi Policliinelle, le nieme qui de son Sabre

de bois gouverne un grrrrrrrrrrrand pays, ousqu'il perdit

Ses dents, sa cervelle de Hareng, et son faux col. . . .

Dont l'oncle etant ä Toulon dit ces paroles ä jamais memorables:

Le poulet qui doit me tuer n'est pas encore pondu.

Admirez encore mes dames et messieurs ce pif colossal !


Einlcitunfj.


53


ihm bis über das Kinn hinunterhängt, der dicke Bauch, der beinahe bis zu den Knieen herunter watschelt, der krumme Rücken, der zum Höcker Avird. Zugleich ist aber



der Kaiser als ,,polichinel" im Affentheater dargestellt, um zu zeigen, dass er, ebensowenig wie seine Minister, die Affen, ernst zu nehmende Persönlichkeiten sind, sondern wie ein Hampelmann, wenn man die Schnur zieht, auf Befehl mit seinem hölzernen Säbel in der Luft herum- fuchtelt, seine piepsende oder quäkende Stimme ertönen lässt oder mit Armen und Beinen zappelt.


54 Einleitung;,

Viel grösseren Spielraum als in der bildenden Kunst hat das Groteske in der Kunst der Rede, welche nicht bei der Karikierung körperlicher Dinge oder Vorgänge stehen zu bleiben hat. Von Alters her hat der Mensch in Witzen das Groteske angewandt, um ein satirisches Bild seines Näch- sten zu entwerfen. Flögel teilt uns einige Witze aus dem Altertum mit, welche das groteske Gepräge auf der Stirne tragen!) So die Geschichte des armen Proklus, dem es unmöglich ist, sich zu schnauzen, da seine Hand viel kleiner ist als seine Nase, und der beim Niesen nicht etwa wie andre Menschen sagen kann ,,Gott segne mich'S denn seine Nase ist soweit von seinen Ohren ent- fernt, dass diese das Geräusch von jener nicht hören könnten. Grotesk ist auch der Geizhalz bei Plautus, von welchem Strobilus sagt, er bewahre sogar die Nägel, die er sich abschneide und halte sich allemal für ver- loren, wenn er den Rauch aus dem Schornstein aufsteigen sähe. — Aus der neueren und neuesten Zeit sind ähnliche Witze in Menge vorhanden: So erzählte man sich von einem gewissen Bäcker Robert Guerin, welcher später im Theater des HOtel de Bourgogne possenhafte Rollen spielte, der arme Mensch hätte einen so kolossalen Wanst, dass er mehrere Schritte machen müsse, um seinen Nabel zu erreichen. — In der Geschichte des Burlesken macht Flögel p. 19 auf den in SmoUet's Peregrine Pickle vor- kommenden Admiral aufmerksam, welcher in seinem Berut so sehr aufgeht, dass er nicht bloss in seiner Sprache lauter Seemannsausdrücke gebraucht, so z. B. auf seinem Pferde ,,nach dem Winde segelt, oder im Wirtshaus fragte ob kein Anwalt „an Bord sei, sondern sogar alle See- mannsgebräuche — und auch die unbequemsten — auf dem Lande einführt, so z. B. seine junge Frau zwingt, die


1 Geschichte der komischen Litteratur 1774 I. Bd. p. 90. Er bezeich- net sie aber als komische Hyperbeln, d. h. „eine Art der Karikatur, wo- durch das Burleske verstärkt und das Lächerliche sehr hoch getrieben wird" (!).


Einleitung. 55

Brautnacht mit ihm in einer Hängematte zuzubringen. — Vischer teilt uns Haugs Epigramm auf Herrn Wahls Nase mit, welche so gross sei, dass sie eine Stunde brauche, um durch das Königsthor von Stuttgart zu gehen, und dass ihr Besitzer aussehe, wie ein kleiner an sie ange- wachsener Mann. — Als nach dem Kronstädter Verbrüde- rungsfeste jüngst in Frankreich der tolle Russentaumel herrschte, entwart der Figaro, unter der Form von De- peschen aus kleineren französischen Städten, vorzügliche groteske Skizzen der russenfreundlichen Kundgebungen. Aus Montauban wurde unter dem 11. August gemeldet: Gestern spielten im Caf6 du Commerce zwei Stammgäste Ecarte. Plötzlich rief einer von ihnen, der kein geringerer war als der ehrenwerte Herr Lucas, Adjunct des Maire's, indem er auf den Kreuzkönig wies: Alexandre. Sogleich erhob sich Jedermann von den Sitzen und stimmte die russische Nationalhymne an. Die Ecartepartie wurde in- mitten einer unsäglichen Rührung fortgesetzt. — Aus Cahors wurde berichtet: Ein harmloser Spaziergänger lustwandelte in der Rue des Moulins. Plötzlich zog er seine Cigarrentasche heraus. Zehn, zwanzig, dreissig Personen stürzten auf ihn los^ entrissen ihm den Gegen- stand und umarmten ihn rufend: „Es lebe der Czar!" Es w^ar nämlich eine Tasche aus echtem Juchtenleder (cuir de Russie). Abends war die ganze Stadt beleuchtet — Vor kurzer Zeit veröffentlichte das Mülhauser Tageblatt unter der Form eines Briefes einer Oberelsässerin eine groteske Verhöhnung des germanischen Elsässer - fran- zösisch, in welcher unter anderm das Wildpret geradezu durch „sativage-plariche" , die Stockfische durch ,,poissons de canne, die Blechmusik durch „musique defer blatte'^ wieder- gegeben wurde i.


1 Auch die Aussprache wurde grotesk karikiert. Der Brief lautet: „Ma gere dante ! Enfin j"ai donc resu un homme! je me suis mariee avant 14 jours. Le hautemps-manger (Hochzeitsessen) etait bien quoique simble; nous avions un morseau de sauvage-planche, des bommes de terre evaporee, la salade de bouche et des poissons de canne; pour le dessert nous avions


56 Einleitung.

Wenn nun einerseits solche Beispiele, deren Zahl sich beliebig vermehren Hesse, den Beweis erbringen, dass in der Witz- und Anekdotenlitteratur des täglichen Lebens das Groteske zu allen Zeiten eine gewisse, wenn auch oft nur bescheidene Rolle gespielt hat, so wäre es anderseits eine interessante Aufgabe zu untersuchen, ob das Groteske, welches eine so gewaltige karikierende Kraft in sich trägt, einmal zu einer litterarischen Gattung, zu einer besonderen Art von Satire erhoben worden sei, in welcher die Eigenheiten seines Charakters sich so scharf ausgeprägt hätten, dass sie sogar einen speziell grotesken Stil ins Leben zu rufen im Stande gewesen wären.

Wir haben vorher einige die Sittenlosigkeit in den Klöstern und in Paris charakterisierende Beispiele aus Ra- belais angeführt, die einen durchaus grotesken Charakter tragen. Es dürfte sich fragen, ob dieser Schriftsteller nicht überhaupt das Groteske als Motiv seiner Satire ver- wandt habe. Die Gestalt des Janotus de Bragmardo, die wir am Anfang erw^ähnten, und welche Stapfer humori- stisch nannte, die aber viel eher als grotesk bezeichnet zu w^erden verdient, scheint darauf hinzudeuten. Der Scholastiker ist von einer so grossartigen, Alles überstei- genden Dummheit, dass er nicht einmal versteht, weshalb die Leute, die seine Rede anhören, lachen, und selbst in ihr Gelächter einstimmt. Für einen Scholastiker, der wie kein Anderer von der Unfehlbarkeit seiner eigenen Person hoch und heilig überzeugt ist, eigentlich das Nee plus ultra. Das Motiv welches Rabelais anwendet, um den Schola-


des serises de coeur et nous nous sommes fait tr^j joyeux. J'ai danse avec mon liomme trois seul. Nous avions une musique de fer blanc et un trois- hame^on (Drei-Angel = Triangel), Avec le malheur mon homme est mechant, je crois que j'ai tire im bouc en le prenant. Oschourdui nous sommes venu Tun derriere l'autre, parceque je nez pas voulu qu'il vienne fourrer son sen- teur dans mon pot d'art. Je lui ai moi rien toi rien, tape sur la tele avec ma cuilleree h ecume et lui, sans se rappeler longtemps, m'a eclaire une que j'ai vu le feu dans la Foret - Noire" u. s. w. (cf. übrigens damit die Rede des Limusiner Schülers bei Rab.)


Kinleitunp;. T)?

stikcr zu satirisicren, ist die bis zur tollsten Unmöglichkeit getriebene Verzerrung — denn nach Aller Erfahrung ist es unmöglich, dass in Wirklichkeit der Älteste und Würdigste der Pariser theologischen Facultät sich so albern benähme. — Es ist also das groteske Motiv, welches Ra- belais hier anwendet. Schon derjenige, der Rabelais nur durchblättert, würde bald zu der Ansicht kommen, dass noch andere dasselbe Motiv verwendende Beispiele mit Leichtigkeit zu finden wären. Und wer Rabelais nur etwas aufmerksam durchläse, würde bald sehen, dass diese gro- teske Satire, welche in ihren tollen, abenteuerlichen und ungeheuerlichen Phantasiegebilden die Schranken der Mög- lichkeit weit hinter sich lässt, bei Rabelais eine phantasie- reiche, übersprudelnde und überschäumende Sprache nach sich zieht, die sich von den Gesetzen und Regeln der Alltagssprache nicht einengen und eindämmen lässt. Sein Satz ist nicht kurz, gedrungen, präcis und prägnant. Ein einziges Wort genügt ihm nicht, um einen Gedanken aus- zudrücken; gleich stehen ihm zehn Synonyma zur Ver- fügung. Wort auf Wort häuft er, Aufzählung hinter Auf- zählung reiht er an einander. Wo die eigene Sprache ihm nichts Hinreichendes bietet, da bedenkt er sich nicht lang, und schöpft aus dem Reichtum der anderen Sprachen, ja kurz entschlossen erfindet er kühn selbst die W^orte, die seine Gedanken wiedergeben. Auch begnügen sich seine Worte nicht damit, durch ihren Sinn zu wirken, sie suchen durch ihren Klang den Sinn zu unterstützen. Die Worte reimen sich mitten in der Prosa; so prägt sich leichter ihr Sinn ein; und wenn der Klang eines Wortes an ein anderes gleichklingendes erinnert, so gesellt er sich dem Sinne zum Trotz dem andern zu. So sieht man Wortbildungen aus den verschiedensten Sprachen, onomato- poetische W^örter, Reime und Gleichklänge, Wortspiele der mannigfciltigsten Art, in diesem wunderbaren, wie ein stürmischer W^aldstrom, Alles mit sich reissenden, Alles überschwemmenden Stile sich kreuzen und stossen, drän- gen und treiben.


58 Einleitung'.

Aber kommt eine so ausgeprägte Satire nur bei Rabelais vor? Oder spielt sie auch sonst in der Littera- tur eine Rolle? Schon von vorn herein wäre anzunehmen, dass Rabelais Vorläufer gehabt hat, nach denen er sich gebildet, und Nachfolger, die ihm nachgeeifert haben. Und es drängt sich uns die Frage auf, sollte es nicht möglich sein, die Entwickelung einer solchen Satire zu verfolgen, die Geschichte einer so charakteristischen litterarischen Gattung zu schreiben ? Wir wollen es im Folgenden ver- suchen. Vom Mittelalter ausgehend, wo wir den etwai- gen Keimen der grotesken Satire nachspüren werden, wollen wir untersuchen, in welchen Ländern und unter welchen Kultureinflüssen sie sich w^eiter entwickelt hat^ Avir wollen alsdann bei Rabelais selbst Halt machen und im Einzelnen darlegen, gegen wen seine groteske Satire sich wendet und welche Stilmittel sie gebraucht, wir wol- len uns endlich den Einfluss vergegenw^ärtigen, welchen die bei ihm zur Blüte gelangte Gattung auf die Satire Frankreichs und der anderen Länder ausgeübt hat und zum Schlüsse die Gründe auseinandersetzen, welche die Blüte sowie den Verfall dieser litterarischen Gattung her- beiführten. Unsere Arbeit wird sich demnächst ganz na- turgemäss in drei grössere Abschnitte einteilen lassen. Der erste wird sich mit der Zeit vor Rabelais, der zweite mit dem Schriftsteller selbst, der dritte mit der Zeit nach Rabelais zu beschäftigen haben.

ERSTER TEIL: DIE ZEIT VOR RABELAIS.[3]

Kapitel I.

Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter.

Neben der im Mittelalter so bedeutenden symbolischen und allegorischen Satire, welche teils die Maske Renart's ^ annimmt, um über Ysengrims brutale Kraft zu triumphieren, teils die Gestalt des Faux Semblant^ erfindet, der in allen möglichen Verkleidungen die Welt betrügt und hintergeht, spielt die groteske Satire nur eine bescheidene Rolle.

Flögeis Behauptung, dass in den Mysterien sehr viel Groteskes zu finden sei, findet schon in dem Satze, durch den er sie begründet, ihre Widerlegung: ,,Die erstaunlichste Frivolität'*, sagt er, „machte sich in diesen Stücken breit, und selbst der personificierten Dreieinigkeit waren die frechsten Anspielungen zum Ergötzen des Volkes in den Mund gesetzt." Das ist burlesk und nicht grotesk, und burlesk sind in der That die in den Mysterien hie und da vorkommenden Scenen, in welchen das Heilige bewusst zur Erregung des Lachens erniedrigt wird 3. Eine Satire der


1 Roman de Renart.

2 Rosenroman. — Über die mittelalterliche Satire in Frankreich cf, Lenient: La satire en France au moyen age . Paris 1877. In der mittelalterlichen Kunst spielt das Symbol eine grosse Rolle, cf, in den Kirchen die Tierbilder, welche die Laster der Geistlichen verdeutlichen; cf. Champfleury: Histoire de la caricature au Moyen Âge, und Wright: 1. c.

3 Lenient macht 1. c. p. 334 auf die Scene eines ]\Iystere aufmerksam, wo der Engel Gabriel Gott, dem Vater, den Tod seines Sohnes in den Worten mitteilte: Pere eternel, vous avez tort | et devriez avoir vergogne [Votre lils bien aime est mort | et vous rontlez.


<)0 Erster Teil : Die Zeit vor Rabelais.

Kirche ist in ihnen ebensowenig beabsichtigt wie etwa in den in Frankreich so beliebten Narren- oder Eselsfesten in der scherzhaften Anbetung eines Sainct Oysin, Sainct Gourdin, Sainct Tortu^ oder in den Parodien und Verwandlungen frommer Gebete in Zechermessen und Trinklieder zu Ehren des guten Weines 3. Man wollte sich in ihnen nur das Vergnügen leisten, der allmächtigen Kirche von Zeit zu Zeit einen Schabernack zu spielen.

Wenn in den komischen Scenen der Mysterien das Burleske — und manchmal auch das Possenhafte *


1 Festum stultorum, fatuorum, innocentium und hypodiaconorum. An diesen Festen führten verkleidete und maskierte Possenreisser einen Narren- biscliof unter Johlen und Tanzen in die Kirche, wo die vermummten Geist- lichen springend und Zotenlieder singend den Chor betraten, wo die Dia- konen und Subdiakonen auf dem Altar vor der Nase des messelesenden Priesters Würste asscn, vor seinen Augen Karten und Würfel spielten, ins Rauchfass statt des Weihrauchs Stücke von alten Schuhsohlen und Excre- mente hineinthaten, damit ihm der hässliche Gestank in die Nase führe. An dem hauptsächlich in Ronen, Sens und Douai gefeierten Eselsfest wurde ein prächtig geschmückter Esel in die herrlich ausstaffierte Kirche geführt, der ganze Klerus zog grüssend und sich verbeugend an ihm vorbei und sang das lateinische Eselslied, dessen französischer Refrain stürmische Hei- terkeit hervorrief: „Plez, sire asnes, car chantez, | bele bouche rechignez, | vous avrez de foiii assez | et de l'avoine ä plantez." Die Phantasie des Mittelalters schuf noch schlimmere, geradezu gottlose Parodien. Bei Renault, Traite de demonomanie 1844, wird erzählt von einer Parodie des Gottes- dienstes durch den Teufel: derselbe pisst in den Weihkessel, und mit dieser Flüssigkeit wird dann die Gemeinde besprengt. Dann geht man zur Taufe von Kröten über. Dieselben sind rot und schwarz angezogen, mit einer Schelle am Hals und einer andern an den Füssen. Ein Pathe hält sie am Kopf, eine Pathin an den Füssen. — Auch in der mittelalterlichen Kunst begegnen wir sehr vielen burlesken die Kirche verhöhnenden Bildern, cf. Champfleury 1. c.

2 Histoire litteraire XXHI p. 495.

3 AVright: Reliquiae antiquae, II p. 208: The mass of the dunkards, Introibo ad altare Bacchi, ad eum qui letificat cor hominis. — Parodien des Credo, Pater u. Confiteor cf. Hist. litt. XXIII p. 493 ff.

^ Possenhaft ist meistens die Rolle des Teufels in den Mysteres. Possenhaft sind auch die Teufel bei Dante: Hölle XXI ff., sonst ist bei ihm die Satire entweder direkt oder allegorisch, niemals grotesk. Auch in den an Kirchen angebrachten Skulpturen und auf zahlreichen Bildern spielt


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. Gt

— bei weitem überwiesen, so <»;iebt es doch hie und da in denselben auch stark karikierende Scenen, welche man als Ansätze zur grotesken Satire ansehen kann. So z. B. im Woodkirker Spiel von der Sintflut, wo die Verstocktheit von Noahs Ehehälfte beinahe <^ro- tesk zu nennen ist. ,, Weder gute Worte, noch Drohungen, selbst nicht der Anblick der herannahenden Flut ver- mögen sie zu bewegen in die Arche hineinzukommen. Sie setzt sich auf einen Hügel zum Spinnen und will nicht von der Stelle weichen, bis sie ihr Pensum gemächlich abgesponnen hat. Erst das Wasser, das ihr die Füsse netzt, treibt sie an Bord" i. Und im Spiel von den Backen- streichen ist Caiphas geradezu das Ideal der giftigsten Raserei und Wut. ,,Die Flut von Schmähungen und Ver- wünschungen, die er gegen den Heiland ausstösst, über- steigt alles Mass, und nur mit Mühe vermag Annas ihn davon zurückzuhalten, dass er den ihn beherrschenden Kitzel befriedigt und den wehrlosen Dulder mit eigenen Händen anfällt" i.

Auch unter den scherzhaften Behandlungen von Ge- beten, die wir vorhin anführten, giebt es einige, welche- nicht in das Gebiet des Burlesken gehören, sondern schon an das Groteske streifende Karikaturen von Cha- raktereigenschaften sind. So werden z.B. in des Wuche- rers Pater noster, in des W^ucherers Credo und des Ver- liebten Pater noster ^ die Gebete nicht parodiert. Es soll durch solche Gedichte nur bedeutet werden, dass Wuche- rer sowie Verliebte selbst während des Gebetes an nichts anders denken,- wie an ihre speziellen Geschäfte oder an.

der Teufel eine possenhafte Rolle: Sein fratzenhaftes, grinsendes Gesicht, seine Glotzaugen, seine Krallen und langen Ohren, sein zottiger Pelz, sein dummes, sehr oft unanständiges Gebahren erregten nur ein possenhaftes Lachen. — Unanständige u. zotige Bilder sind sehr zahlreich in den Kirchen (Champfleury p. 241, p. 232) und an andern Gebäuden (p. 207, 205, 200 p. 250).

1 cf. ten Brink: Englische Litteraturgeschichte p. 273 ff.

2 Barbazan^ Fabliaux et Contes, IV, Le Patenostre ä TUserier p. 99^ le Credo ä l'Userier p. 106, le Patenostre d'amours p. 441.


•62 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais,

ihre Herzensangelegenheiten. Der Wucherer betet : „Unser Vater, mach', dass ich soviele Schlitze sammeln kann, dass ich alle reichen Wucherer der Stadt an Reichtum übertreffe". Und als er auf dem Totenbette liegt und den Priester rufen lässt, um ihm zu beichten, da schweifen seine Gedanken immer ab vom Gebete, um sich mit seinen irdischen Vermögenssorgen zu beschäftigen:

,,Credo'^ fet il, „de mes deniers,

In Deiim^ qii' cn porrai-je faire?

Ma fame est de st ptUe afere,

Patrem, que se je li lessoie,

Et je de cest mal garissoie,

Tost m'en einhleroit la nioitie,

Omnipotent ein" u. s. w. Geradeso beschäftigt sich der Verliebte auch im Ge- bete nur mit seiner Liebe. Durch dieses schroffe, in der Wirklichkeit unmögliche Gegenüberstellen von je einem Worte aus dem Gebet und einem frivolen Ausspruch, wird der Vorgang, der sich eigentlich in der Seele jenes Menschen abspielt, so krass dargestellt, dass es den Anschein hat, als ob er sinnlich wahrnehmbar sei. Die darin liegende Übertreibung ist so toll, dass man diese Satire schon als grotesk bezeichnen dürfte.

Im Credo des Wüstlings ^ ist die Karikatur noch schärfer. Auf dem Totenbette betrachtet der Wüstling nicht bloss, wie der Wucherer, das Gebet als Nebensache. Seine Gottlosigkeit geht noch weiter. Er unterbricht nicht bloss sein Gebet durch profane Äusserungen, sondern er vereinigt Beides zu einem höchst sonderbaren, höhnenden Gebet, welches eher eine Gotteslästerung zu nennen wäre : Credo bien en hon vin por voir, Au hon tonet nous acoston Plus que in spiritum sanctum; La taverne si est m'amie, Sanctam ecclesiam n'aime mie u. s. w.


1 Barbazan : 1. c. Le Credo au Ribaut p. 445.


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 63

Oberflächlich betrachtet könnte dies Gebet für eine burleske Erniedriouno- des Credo gehalten werden. Nach dem ganzen Zusammenhang ist aber eine solche Annahme ausgeschlossen. Der Wüstling hat den Priester kommen lassen, weil er fühlt, dass er dem Tode nahe ist, und Angst hat vor der Hölle. Der Priester fordert ihn auf, seine Sünden aufrichtig zu bereuen und er ist gern dazu bereit. Aber trotz seines guten Willens bringt er es zu keinem andern Gebet. Eine erniedrigende Tendenz liegt also nicht darin. Der Wüstling ist sogar überzeugt, recht fromm gebetet zu haben; er glaubt, dass sein Gebet ihm nützen wxrde. Es ist also dies Gebet eine groteske Satire des Wüstlings, dessen ganze Anschauungsweise so ver- derbt ist, dass er es selbst im feierlichsten Augenblick und beim besten Willen nur zu einem Gebete bringen kann, das nichts anders als eine Lästerung ist.

Solche Satiren rühren vielleicht von Geistlichen her, die mit dem Betragen und der Lebensführung ihrer Pfarr- kinder nicht zufrieden waren. Die Kirche ^ war aber sel- ber schon im Mittelalter nicht frei von schweren Fehlern. So fehlt es denn keineswegs an Satiren, die das Leben des Geistlichen schonungslos angreifen. Oft gehen diese Satiren vom Clerus selbst aus. So wird ein von Th. W^right und Halliwell: Reliquiae antiquae I p. 140 ff. herausgegebenes und in das Ende des 13. Jahrh. gehörige Gedicht, ,,The Abbot of Gloucester's Feast^' von einem geringen Mönche herrühren, den das üppige Leben der Äbte und ihr Egoismus ärgerte. Mit Witz wird das Schlem- merleben des Abtes und Priors auf Klostergelagen kari- kiert. Die biedern Herren trinken einander zu und leeren


1 Ich ordne die Satiren des Mittelalters nicht nach chronologischen Gesichtspunkten, sondern nach sachlichen. Eine chronologische Anordnung Avürde nur ein unklares Bild geben können, da die groteske Satire im Mittelalter nicht etwa mit der Zeit sich weiter entwickelt hat. Dagegen wird eine sachliche Anordnung zeigen, in welchen Schichten der Bevöl- kerung das Groteske Boden findet und gegen welche Stände sie zu Felde zieht.


^4 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


einen Becher nach dem andern, bis sie schliessHch f^anz betrunken sind und ihren Mönchen ein recht bekhi(>:ens- wertes Beispiel geben:

Potavenint tisqtic ßcrc

Pvopter potHS phirima


Abbas vouiit et prioris.

Vomis cadit super ßoris. Und der Abt wendet sich zum Prior:

Date rnichi de liqiioris ;

Status erü melioris

Si habebit gratia. Wenn Abt und Prior für sich selbst nur zu gut sorgen, so bekümmern sie sich dagegen viel zu wenig um das, was die Mönche zu trinken bekommen. Der Ver- fasser beklagt sich gleich beim Anfang darüber:

Vinum venu sanguinntis

Ad prioris et abbatis ;

Nicliil nobis paupertatis

Si se habet gratia. Und an anderer Stelle sagt der Prior geradezu dem Abte, mit Bezug auf die Mönche:

Ipsi habeiit vinum satis;

Vultis dare paupertatis noster potus omnia?

Quid nos spectat paupertatis? ^ So hochmütige Vorgesetzte dulden nicht, dass ein armer Mönch ihnen ein freies Wort über ihren Geiz ins Gesicht sage, und bestrafen ihn sofort furchtbar grausam. Wie treffend die Karikatur der Fehler von Abt und Prior auch ist, grotesk können wir sie noch nicht nennen; da- gegen ist die Karikatur des Klosterlateins, wie aus den


1 Ein anderes viel kürzeres Gedicht aus dem 15. Jlidt. hat viele Analogie zu diesem. Auch hier klagt der Verfasser darüber, dass Abt und Prior guten Wein trinken, während die Mönche nur schlechtes Zeug er- halten, cf. Th. Wright: Songs and Cärols 1847 p. 2, Publ, der Percy Society.


Kapitel T, Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 65

mitgeteilten Proben schon ersichtlich, wirklich grotesk. Bis zur tollsten Unmöglichkeit werden hier Casus, Genus, Numerus durcheinander geworfen. Wir erhalten ein ent- setzliches Kauderwelsch, das aller grammatischer Regeln mit Wonne spottet K

Gegen die Üppigkeit eines Abtes zieht eine andere von Wright ebenfalls herausgegebene Schrift ,, Magister Golias^ de quodam abbate: ,,The latin poems attributed


1 Gerade wie hier das schlechte Latein karikiert wird, so wird später von Villen die scholastische Redeweise karikiert: In drei Strophen giebt er ein karikiertes Bild ihres Stils:

Lors je senty dame Memoire

Rescondre et mettre en son aulmoire

Ses especes collaterales

Oppinative, faulce et voire

Et autres intellectuales u. s. w. Sonst ist das Gedicht ganz imbefangen und harmlos. Es ist dies übrigens die einzige Stelle bei Villen, die an das Groteske streift. Satirische Stellen sind überhaupt nicht zahlreich bei ihm. Dagegen nimmt die Selbstironie und eine gewisse Art von Humor eine grosse Stelle bei ihm ein.

2 Über diesen Dichternamen cf. Notices et cxtraits des Manuscrits de la bibliotheque nationale XXIX 2: Haureau. Mit der Zeit ist der Xame Golias geworden zu einem „nom commun employe pour signifier le mauvais sujet par excellence . . .; un libertin quelconque ayant public sous le nom de Golias des satires, des gaudrioles tres recherchees, tres applaudies, la grande vogue de ces pieces elTrontees lui suscita des imitateurs qui se dis- simulerent sous le meme nom (p. 271). Häufig wird dieser Name Golias auch dem Chef einer lustigen Bande erteilt. Bekannt ist die „familia Gulae", confrerie, bände des Ribauds. Neben Golias findet sich Gorgias. Und dieser Gorgias giebt Erlasse, die in ihren Übertreibungen und Wortspielen Gro- teskes aufweisen, cf. Hist. litt. XXII p. 156: „Nos Gorgias, ingurgigantium abbas, bachantium antistes, totius plage australis montis P e r n a s i (von perna, Schinken) et Caucasi (caucus, Trinkgefäss) summus pontifex, Omni- bus ac singulis religiosis conventualibus, necnon conversis nostris, salutem et sinistri cubiti amplissimam benedictionem." Die Hist. litt, nennt es eine groteske Charte, im Universitätsquartier entstanden. Den Genossen wird befohlen zu essen, trinken, lachen und sich nach der Arbeit auszuruhen, in Begleitung ihrer Schwestern nach Befolgung der Regel: „Alter alterius onera portate", oder jener andern: „Si non diligitis sorores, quas semper vobiscum habetis, quomodo diligetis me, quem non videtis." Dazu das Datum: „Datum in civitate nostre Burgigan, anno decimo popinatus nostri."

Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 5


G6 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

to Walter Mapes p. XL London 1841". Und hier hat die Karikatur die groteske Höhe vollständig erreicht, ja sie zieht sogar dieselben Eigentümlichkeiten des grotesken Stils nach sich, die wir später bei Rabelais finden werden, die Fülle des Satzes, die langen Aufzählungen, die Sucht nach Gleichklang und Liebe zum Wortspiel.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel, wenn der Abt mit schwerem Kopfe sich von seinem Lager erhebt. Wie es sich für Jemanden gehört, dem die Gesundheit seines Leibes hauptsächlich am Herzen liegt, hält er eine hygienische Massregel jeden Morgen zunächst für erfor- derlich. Auf die verschiedensten Arten entledigt er sich des Zuviels, das er am vorigen Abend genossen, damit für die Arbeit, die ihm für den Tag bevorsteht, in seinem Magen wieder Platz geschaffen werde. Denn der Bauch ist des Abtes erster Gedanke an jedem Tage: Phis inedi- tattir de eo qiimn de deo, pUis de salmentis quam de sacramentis , plus de salmone quam de Salamone; ja man kann behaupten, dass der Bauch des Abtes wahrer Gott ist. Gemäss dem Bibelworte trachtet er nach seinem Reiche. Prius ritittit mentem ad epularia quam ad epu- laria sUidia, et pluris sibi facit coenatorium quam coeuobium, et pluris coenam quam cell am. — Der Abt sorgt aber nicht bloss für die Wohlfahrt seines Bauches, sondern auch für seinen Leib überhaupt. Er hat eine zarte Haut, und so darf denn das von der Klosterregel vorgeschriebene härene Busskleid sein Fleisch nicht ver- letzen, er zieht darum stets ein feines Hemd an, und das härene Busskleid erst darüber, und zwar richtet er sich dabei so ein, dass es ja an keiner Stelle die blosse Haut berühre. — Im Winter hüllt er sich stets in einen oder mehrere Pelze ein, und wenn es recht kalt ist, zieht er noch ein Wams an, und schützt seinen Kopf durch eine oder mehrere Kappen. An Strümpfen, Unterhosen, Fuss- bekleidungen aller Art fehlt es ihm natürlich nicht. — Ist der Abt angezogen, so macht er seinen Rundgang durch das Kloster, er bemüht sich dabei streng und as-


Kapitel I. Die Keime der <;role>ken Satire im Mittelalter. GT

cetisch auszusehen, — aueh in die Kirche muss er gehen, — aber er macht die Sache kurz ab: Noii ad (iltariit, inimo luparia scse dcclinat ad latcra, denn er lebt der siche- ren Hoffnung", recht bald eine zu linden, zu der er sagen kann : Tu mihi sola placcs, tu mccum nocte jacebis. Der Verehrung von Frau Venus folgt sofort auf dem Fusse die Anbetung des Gottes Bauch. Auf weichen Kissen und Pfühlen, in denen er beinahe zu verschwinden droht, mollig hingegossen, giebt sich der Abt nun seiner Hauptbeschäftigung mit Wollust hin. Wenn die Ordens- regel auch verbietet, das Fleisch vierfüssiger Tiere zu essen, so ist doch trotzdem die Tafel reich besetzt; denn Fische und Geflügel sind ja nicht verboten. So verzehrt denn der Abt: pisces lixos, pisces frixos, pisces assa- tos, qiiosdam farsitos y qiiosdarn ovis deanratos. Nach Herzenslust ergiebt er sich auch dem Genüsse von Pfauen, Schwänen, Kranichen, Gänsen, Hühnern, Truthähnen, Tau- ben, Fasanen, Rebhühnern, dagegen verschmäht er das Fleisch der Hähne und der Raben, da es für einen Fein- schmecker doch zu hart ist. Übrigens versteht er es famos, sich mit der Klosterregel abzufinden, wenn er et- was gerne essen möchte, oder wenn die Regel ihm zu streng erscheint. So umgeht er die Klosterregel, welche verbietet, mehr als fünf Eier auf einmal zu essen, ein- fach dadurch, dass er sich stets zu einer Mahlzeit je fünf Eier auf verschiedene Weise zubereiten lässt: ,,qninqtic dura, quinque mollia, quinqite frixa, quinquc lixa, quiu- que cuniino dealbata , quinque pipere denigrata, quin- que in artocreis, quinque in artocaseis, quinque pulmen- tata, quinque sorbilia, quinque in brachiolis conflata, quae licet per coniputationem sunt LV, divisint tarnen sumpta non sunt nisi V." Nach den Eiern lässt sich der Abt die Würste und die Gewürze schmecken, piperata nigerrima, spississima, calidissinia, pinguissinia, acutissinia, . . . cu- minata nivea allca lactea, gansellia, moretum Virgilii" . Schliesslich darf in einer Klostermahlzeit der Wein natür- lich nicht fehlen, und als Zecher zeigt sich der Abt von einer


68 Erster Teil : Die Zeit vor Rabelais.


<^eradezu phrmomenalen Lcistungsfähiokeit. Weisswein und Rotwein von jeder Sorte wird aufgetragen^ und von jeder Sorte trinkt der Abt zunächst neunmal, um zu probieren, wie der Wein schmeckt. ,, Nachher trinkt er dann ,,cx intentione'^ und zwar wird uns genau gesagt, wie oft er trinkt. An Vorwänden, immer wieder einen guten Schluck zu thun, fehlt es ihm niemals. Nur einmal, aber tüchtig trinkt er auf den Frieden und das Heil der Kirche, zwei- mal auf die Prälaten, dreimal auf seine Untergebenen, viermal auf die Gefangenen, fünfmal auf die Kranken, sechsmal auf das gute Wetter, siebenmal auf die stille See, neunmal auf die Wanderer, zehnmal auf diejenigen, die zu Hause bleiben, elfmal, auf dass die Mönche wenig essen,, zwölfmal, auf dass er selber stets viel esse, dreizehnmal auf die Christenheit, vierzehnmal auf die Angelegenheiten der Menschen im Allgemeinen, fünfzehnmal, auf dass Gott Tau hernieder sende auf den Berg Gilboe, damit die Ernte gut werde und die Reben blühen. Und aus reli- giösem Grunde macht er bei dieser ungeraden Zahl halt. Denn Gott hat seine Freude an ungeraden Zahlen. So geht der Tag dahin, und man kann wohl sagen, dass der Abt als wahrer Märtyrer lebt, dass er nach solchen Leiden, die er für Christus duldet, der Märtyrerkrone würdig ist. Nach dem Essen ist er so voll und schwer, dass er nur mit Mühe, nur auf zwei Arme sich stützend, aufstehen kann, und sofort, um nicht zu platzen, einen Teil seiner reichlichen Mahlzeit auf alle mögliche Art von sich geben muss. Ttmc revera st assisteres, videres fHmtim tamquam si respirasset Encheladus, et ventos tam- qiiam si rtmiperetur carcer Aeoli. Eructantis strepitus sie perJiorreseeres, ut si jecur ipsiiis defieeret et fauces sitae dissipareitttir ab invicent. Hae igitur eructationes tot et tantae ctini tanto impetii frontis invadtmt lamiginent, tit non sit pilus qui rimaneat i.


1 Wie hier, finden sich noch in einer andern dem Golias zugeschrie-


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 69


Noch krasser als hier — wenn auch nicht mit so vielen Wortspielereien — treten die Eigentümlichkeiten des Grotesken in dem Tractatus Garsiae Tholetani cano- nici de Albino et Rufino ^ hervor, welcher das Schlemmer- leben des Papstes und der Kardinäle zu Urban's II. Zeiten wie auch die grenzenlose Verehrung des Goldes und des Silbers am päpstlichen Hofe mit witziger Schärfe grotesk satirisiert. Der heisseste Wunsch des Erzbischofs von


benen Schrift „Apocalypsis Goliae episcopi", welche im 13. und 14. Jhdt. ungeheuer populär war (ed. Th. Wright: The latin poems attributed to Walter Mapes, London 1891, p. 1 — 20), zahlreiche Wortspiele, zur Satire des Papstes und der Geistlichkeit. So v. 101 — 104:

Est Leo (leo) pontifex summus qui devorat

qui libras sitiens librös impignorat

Marcam respiciens, Marcz^m dedecorat

in sumfnis navigans, in nummis anchorat. Auch gegen einen Abt, wie die oben behandelte Satire, wendet sich, wenig- stens in einigen Bemerkungen, das von Bouquet in Scr. rerum Gall. X ed. : „Adalberonis episcopi Landunensis Carmen ad Rotbertum regem Francorum". Doch ist hier nicht die Schlemmerei oder die Üppigkeit eines Abtes Gegen- stand der Satire; das Gedicht wendet sich vielmehr gegen den gestrengen Odilo von Clugny und die AVallfahrten seiner Mönche nach Rom. Über- trieben ist die Beschreibung der Bewaffnung der nach Rom ziehenden Mönche; die armen Brüder müssen eine Unmasse von Waffen tragen; doch will diese Schilderung weniger durch das Übermass wirken, wie durch drol- lige Bemerkungen. Die Mönche, sagt der Dichter, mögen sich mit dem Schwerte das mit Schuhriemen umwundene Haupt bekränzen, das Schwert mögen sie mit den Zähnen halten; die jungen Mönche mögen auf langsamen Wagen einherfahren, die Greise auf feurigen Rossen. Je zwei mögen einen Esel, je zehn ein Kameel, je drei eine Gazelle besteigen u. s. w. Dies ist keine wirkliche groteske Satire. Grotesk sind eher einige Bemerkungen im Anfange des Gedichtes. Der Bischof von Laon beklagt sich beim Könige von Frankreich, dass man nicht mehr gelehrte und vornehme Herren zu Bischöfen ernenne und richtet voller Ironie die Bitte an den König, man möge doch vom Lande Schafhirten kommen lassen und zu Bischöfen er- heben, die nie einen Tag studiert und nur die Buchstaben mit dem Finger zählen können, dagegen möge man die Bischöfe an den Pflug spannen,

1 Sackur, der die Satire unter dem Titel: „Tractatus Garsiae Tho- letani canonici de Albino et Rufino Garsuinis" herausgegeben hat (Libelli de lite II. Bd. p. 424), setzt sie in d. Jahr 1099. Über den vermutlichen Verfasser cf. Sackur p. 424 (30).


70 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

Toledo Grimoardus — so wird der Name Bernardus i ver- dreht — wäre, Legat von Aquitanien zu werden. Um diese Gunst beim Papste für sich zu erwirken, geht der schlaue Bischof ganz praktisch zu Werk. Er weiss, dass am römischen Hofe Niemand mehr verehrt wird, als die Heiligen Albinus und Rufinus ^, d. h. das weissschimmernde Silber und das rotglänzende Gold. Ja, er weiss, dass alle andern auch noch so bemerkenswerten geistlichen Tugenden in den Augen des Papstes wertlos sind, wenn man ihm nicht die Reliquien der beiden Heiligen bringt. Dass er das Zechen so vortrefflich versteht, dass er Tag und Nacht schnarcht, statt zu wachen, dass er so dick und fett aussieht wie ein Papst, dass er die Unschuldigen verfolgt, die Armen überlistet, die Waisen beraubt, das Lügen so gut versteht, dass er sich sogar schämt, wenn er einmal die Wahrheit sagt, alle diese A^ortrefflichen Bischofstugenden nützen nichts, wenn man dem Papste nicht


1 Gemeint ist nach Sackur p. 423 „Bernardus, monachus Cluniacensis, abbas S. Facundi, qui a. 1088 Oct. 15, . . . iuramento episcoporum more summo pontifici praestito pallium privilegiumque accepit". Ähnliche Namens- verdrehungen, aber in noch weit grösserem Umfange, finden wir im Lob- gedicht über Heinrich IV vom Bischof von Alba Benzo : „Benzonis epis- copi albensis ad Heinricum imperatorem libri VII", cf. XI. Bd. der Scrip- tores p. 591 ff. der Monum. Germ. Da wird Gregor VII. (Hildebrand) genannt Prandellus, FoUeprand, Merdiprandus; Godefridus wird zum Cornefredus, Grugnefredus ; Rudolfus zum Merdulfus; die Normanni werden Nullimanni; Anseimus de Badagio wird zum Asinelmus, Asinandrus, Asinandrellus. — Die gegen Gregor VII. gerichteten Stellen, hauptsächlich im 7. Buch, sind aber nicht grotesk.

2 Die Habsucht Roms im 11. und 12. Jhdt. wird häufig verspottet durch Verse auf d. heiligen Albinus und Rufinus. Im Munde Aller waren, wie Sackur 1. c. bemerkt, die bekannten Verse, welche AVattenbach im „Anzeiger des Germ. Museums XX col. 101" herausgegeben hat:

Martiris Albini seu martiris ossa Rufini Rome si quis habet, vertere cuncta valet. Nicht sehr viel anders finden wir sie bei Berthold Zwifalt c. 44. SS, X p. 119, cf. Landulfi Hist. Mediol. 1. III, c. 31. 33, SS. VIII, p. 98 n. 38 p. 100; Zin- gerle in „Sitzungsber. d. Wiener Academie", Philos. -hist. Klasse LI V p. 314;, Carmina Burana ed. Schmeller p. 15. Wattenbach 1. 1. col. 100.


Kapitel I. Die Keime der ijrotesken Satire im Mittelalter. 71

die genannten Reliquien bringt. So versieht er sich denn reichlich mit ihnen, und schon an der Pforte merkt er, dass er Recht gethan, denn der Pförtner bricht sofort in den Ruf aus: ,, Getrost darf der den h. Vater besuchen, der den h. Albinus mit sich bringt! Sofort beim Eintritt bietet sich ihm ein herrlicher Anblick dar. Vier feiste Kardinäle geben dem Papste, der in Purpur eingehüllt, auf einem marmornen Sessel thront, aus einem schweren goldenen Pokal, der vom besten Weine übersprudelt, zu trinken. Seine Pleiligkeit ist ungeheuer durstig ,^ittpote ctims viscera diver sortmi salsamentis generum rediuidantia graviter iirehanttir, salsamentis eniin lotiis rediindahaV . An Vorwänden einen guten Schluck zu thun, kann es einem Papste niemals fehlen. Es giebt ja so viele Dinge, auf deren Wohl man trinken kann. So trinkt er denn auf die Loskaufung der Seelen, auf die Kranken, auf eine gute Ernte, auf den Frieden, auf die Wanderer, auf die See- fahrer, auf das Heil der römischen Kirche, und wenn auch sein Magen kaum noch etwas zu fassen vermag, so ermahnen ihn die Kardinäle, es doch immer wieder zu versuchen, und erst als es ihm ganz unmöglich ist, da leeren die Kardinäle selber den Pokal. Nach Sackur sind solche Scenen, wie sie auch sonst noch manchmal vorkommen, Satiren auf die in Rom damals üblichen Trinkgelage und Schmausereien 1. Dass sie hier die groteske Höhe im vollsten Masse erreichen, braucht nicht noch besonders hervorgehoben zu werden. Noch schärfer wendet sich


1 cf. Sackur p. 424: ,,Consuetudinum curiae Romanae haud imperitus auctor fuisse videtur, cum papam inter cardinales bib entern depingeret. Diebus enim quibusdam festis talia convivia celebrabantur, ut in die resur- rectionis Domini, qua Papa cum undecim cardinalibus — et hie cum duo- bus Hispanis archiepiscopo scilicet Toletano eiusque comite Garsia, undecim numerantur — coenam Domini imitabatur (cf. Ordo Romanus XI, c. 48. 49, Mabillon, Museum Italicum II, p. 142. Fortasse etiam quosdam usus in missa pontiticiali adbitos (cf. Ordo Romanus IV, 1. 1. p. 61. 62) aut ritus in communione episcoporum consecrandorum celebratos in animo habuit" (cf. Ordo Romanus XIV, c. 57, 1. 1. p. 313).


72 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

aber die Satire gegen die Habsucht des Papstes. Gregor von Pavia sitzt zu den P'üssen des Papstes und hält in der Hand ein Buch, aus dem er eine begeisterte Lobrede aui die Heiligen Albinus und Rutinus vorliest; und dieser Panegyricus, welcher die Heiligen über alle Himmel er- hebt, erinnert schon lebhaft an die vom Bischof Homenaz aui der Papimaneninsel bei Rabelais den allmächtigen Dekretalien gewidmeten begeisterten Worte. Die herr- lichen Märtyrer Rufinus und Albinus vermögen Alles und Jedes. Wer ihre Reliquien besitzt, dem werden alle Sünden vergeben; ist er auch noch so gottlos, er wird doch unschuldig. Selbst ein Ehebrecher, ein Mörder, ein Lüstling, ein Eifersüchtiger, ein Meineidiger, ein Kirchen- schänder, ein Verleumder, ein Trunkenbold, ein Dieb, ein Geizhals, ein Trotzkopf, ein Einbrecher, ein Verräter, ein Zänker, ein Angeber, ein Gottloser, ein Lügner, ja wer nur etwas auf dem Gewissen hat, wird sofort frei- gesprochen, wenn er dem Papste die Reliquien bringt ^ Denn diese Märtyrer sind die mächtigsten Herren der Welt. Keiner kann Widerstand leisten, wo Albinus ein- greift. Keiner kann widersprechen, wo Albinus bittet. Keiner kann etwas verweigern, wo Rufinus befiehlt. Sie sind die Herren der Könige, der Kaiser, der Herzöge, der Fürsten, der Regenten, der Bischöfe^ der Kardinäle, Erzbischöfe, Äbte, Decane, Prioren, Leviten, Priester, Unterdiakonen^ ja sogar des Papstes; sie haben die gröss- ten Heldenthaten vollbracht, sie sind die Herren der gan- zen Welt; ihnen verschliesst sich nichts, vielmehr öffnet sich Alles vor ihnen, sie haben die Macht zu binden und


1 Die Aufzählung ist noch viel ausführlicher; Quisquis . . . adulterii infectus labe, quisquis homicidii reus, quisquis pollutus fornicationis crimine, quisquis invidiae pallescit tabo, quisquis periurii notatur infamia, denique omnes sacrilegi detractores, ebriosi, fures, avari, contumaces, efferi, prodi- tores, contenciosi, delatores, inpii, mendaces, malivoli, quid plura? omnes detestabiles, proscripti, infames, rei, exules dampnati, postremo omnes qui manu, ore, lingua Deum ofFenderunt, praeciosissimorum martirum reliquias portantes ad domnum papam venire ne cunctentur, de omnibus absolvendi.


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 73

ZU lösen. Und nun wird die Satire persönlich und fällt über den Papst Urban her, ihn, den frömmsten Papst, den wärmsten und begeistertsten Anhänger dieser Heiligen, ihn, der in Gold und Purpur lebt, in Reichtum und Ruhmsucht, der nur Sinn hat für gute Weine und gutes Essen. Und auch hier ergeht sich vom grotesken Taumel hingerissen der Satiriker im breiten Strome der Auf- zählung: ,,Circmnivit enirn in pur pur a regia, in pcllibus preciosis, in vino forti et optinio, in Falcrno, in Massico, in meraco, in Treitia amistide, in piperntis acribus, in salsamentis ardentibus, in passionibus pocioniun, in pnri- ficationibiLS solntionuni, in balneis freqnentibns, in piilvi- naribns sericis, in palefridis anibiilantibiis, in ciirrii aiireo, in odoribtis, in diviciis, in ponipa, in fastii, in snblimitate^ hl triunipJüs, in cervicibns , in satnritate ventris, in decore, in gloria. Und in beredter Sprache wird der nie versie- gende Durst des Papstes nach Erlangung dieser Märtyrer geschildert. Bringen ihm auch die Bischöfe und die Äbte Reliquien dieser Märtyrer in grosser Masse, so hat er doch nie genug. Alles Gold, was der Pactolus oder der Tajo in seinen Fluten rollt, würde ihm nicht genügen. Darum ermahnt er denn seine Unterthanen, nie zu erlahmen und nie zu ermüden in dem Aufsuchen alles dessen, was von diesen Märt5^rern übrig bleibt : ,, Bringt mir her, was ihr findet, de renibns Albini, de visceribtis Rnfini, de venire, de slomacho, de Itmibis, de nngiie, de htmieris, de peclore, de coslis, de cervice, de criiribns, de brachiis, de collo, quid plnra? de omnibus menibris diioriun niarlirnni! Erst dann werde ich erkennen, ob ihr meine Söhne seid, wenn ihr mir kostbare Reliquien gebt. Bringt aber Alles was ihr habt, und behaltet nichts für Euch. Denn diesen Reliquien verdankt Urbanus alle seine politischen Erfolge. Besser ist es ihnen zu vertrauen, als den Menschen; denn sie vermögen die grossartigsten und wunderbarsten Dinge zu vollführen, sie, denen das Reich und die Herrlichkeit gehört in aller Ewigkeit."

Ein solches Lob der Heiligen Rufinus und Albinus


Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


kann natürlich lur den Erzbischof von Toledo, der ihre ReHquien bringt, nur ermunternd sein, und so bricht er denn sofort in den Ruf aus: „Heihger Albinus! bet' für uns; heihger Rufinus bet' für uns! Und sogleich ist die ganze Versammlung Feuer und Flamme für den Ankömmling : ,,Das war ein guter Anfang, das ist ein wahrer Sohn der römischen Kirche, Christus spricht aus seinem Munde!" Und die Kardinäle erheben sich und gehen auf ihn zu, und der Papst steht auf und küsst ihn; und als er die Reli- quien, die der Erzbischof ihm bringt, in Empfang genom- men hat, und unter grossen Ceremonien im römischen Schatze niedergelegt ^ hat, da kennt sich der gute Urbanus nicht mehr vor Freude: ,,Es wachse dieser Berg so hoch wie der Garganus! Diese Heiligen sind unsere beste Waffe, unsere vorzüglichste Schutzwehr gegen alle unsere Feinde. Freut Euch, meine Kardinäle, freut Euch alle, die ihr Eure Hoffnungen auf Rufinus setzt. Da kommt Albinus her, da bringt uns die Kirche von Toledo den Rufinus her. Und er malt sich sofort aus, wie die ganze Welt ihn im gleichen Masse beschenkt: ,, Gallien» England, Flandern, Apulien, sie alle bringen uns Reli- quien von Albinus und Rufmus, und nun ist unsere Herr- schaft befestigt. In ecclesüs, in conciliis, in sinagogis, in theatris', in regnis, in nrbibus, in regionihns, in palaciis^ in tnrribns, in terra, in muri, in ontnibns hiis tritmiplianius , regnanins, imperamiis, incscaniiis, spoliamns, rapimus^ trahiinns, abradimiis, dccipimns, fallitnus et enmngiinns. So gratuliert mir denn, meine Kardinäle und Legaten der römischen Kirche, gratuliert mir, und klatscht mir Beifall zu!" Und Urbanus berauscht sich immer mehr in seinen eigenen Worten. Seine Macht ersteigt in seiner Einbil- dungskraft schon ganz gewaltige Höhen. Er erhebt sich


1 Die Art, wie das geschieht, ist allegorisch: Romanus pontifex de- tulit in gazophilacium sanctae Cupiditatis iuxta propiciatorium beatae Avidissimae sororis eins, haut longe a basilica Avariciae matris eorum, ubi eas sepelivit magnifice propriis manibus, cum aromatibus bonae voluntatis et balsarais devocionis.


Ka])itel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 75

Über Alles, was kanonisch, was himmlisch, was katholisch, was gesetzlich ist. Schon sieht er, wie er die Finsternis in Licht verwandelt, wie er das Schlechte zum Guten kehrt, wie er die Raben zu weissen und die Schwäne zu schwarzen Vögeln macht, wie er Absynth in Honig verwandelt und sogar die Toten zum Leben erweckt ! Vorbei, vorbei ist der Tag des Zornes, der Bitterkeit, des Sturmes und des Schmerzes, als uns zu trauern oblag, als der römische Stuhl Urban verweigert wurde, als der Senat nicht unser war, als wir vor Heinrich flohen, als der Ketzer Guibert glücklich auf dem Petersstuhle sass. Nun gelangten wir dank der Gunst der h. Mi'ir- tyrer Albinus und Rufinus vom Schiffbruch in den Hafen, von der Verbannung ins Vaterland. Und darum meine Kardinäle, lasst uns diese Tage in Freude und Lust ver- bringen! Denn nun sind wir gesichert, nun sind wir im Hafen ! Die ganze Welt lächelt uns zu ! Drum wollen wir trinken, den sinnlichen Lüsten nachgehen, für unser Fleisch und Blut sorgen, und — in solchen Vorstellungen pflegen die Herren Pfaffen gerne zu schwelgen — nintc in delictis^ in odorihiis, in conviviis, in ßoribns, in vestc preciosa, in salsmnentis, in haineis, in potacione nimia, in curanda cnte, in pnrgandis nnguibus, postremo in oinnihns, qnae ad corporis bona aetatcni agere übet; — vor allem kommt es. auf das Essen an: Indnlgeannis ventri, satis facianuis gulae! Denn es ist geschrieben.- Si voliieritis et audi- eritis Urbaman, bona terrae conieditis. Igitiir, cardina- les, devorate salniones, comedite barros, ahsorbete percas^ traicite delpliines, haurite rnmbos, frangite inngiles, exos- sate congros, incorporate vobis lampredas. Und damit genügt es ihrem kolossalen Appetite nicht einmal: Quid plura? aera, rnare, terrani, ßnniina, fontes, stagna, lacns, rivos, omnia traicite, constmtite, perfiindite, devorate, bi- bite, bibite, beati cardinales mei, vere beati, intelligitis enim super Albinnm et Rnfimun."

Der Erzbischof von Toledo, w^elcher dem römischen Stuhle sowiel Gutes gethan, verdient belohnt zu werden.


Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


Der Papst lässt ihn deshalb zu seiner Rechten sitzen ,,denn diejenigen, die seinen Willen thun, das sind seine Freunde, die sieht er als Bruder, Schwester und Mutter an. Aber bei solchen platonischen Liebesbezeugungen bleibt man am päpstlichen Hofe nicht stehen. Schon das äussere Aus- sehn des Erzbischofs verlangt kräftigere Liebesbezeugun- gen. Genügen doch kaum die Epitheta um sein feistes Aus- sehn zu beschreiben: Als Johannes von Cadix ihn sieht, ,,pingiiem, nitidiini, laiittwi, rotimdtim, molarem^ pondero- stim, gravein, rigidttm, cyclopcm, corpore giganteo^ pectore extento, venire proftindo, amplis renibus, largo mteroctilari fronte obditcta, vidtii ierribili, gravi respectti, hirta ce- sarie, cervicali pingiiissUno , da erhebt er sich sofort vor Papst und Kardinälen und bricht in den Ruf aus: ,,Der da verdient wohl drei Pokale. Und der Bischof zeigt sich den Kardinälen gewachsen. Im Nu hat er die drei Po- kale bis auf den Grund ausgeleert, und zur grössten Ver- wunderung der Kardinäle, die doch auch ihren Mann zu stehen wissen, — sagen sie doch von sich selbst: nos omnes cardinales et legati Romanae ecclesiae habemus haue consuetndinem qtiia libenter potanius — trinkt er her- nach sogar noch einen vierten Pokal aus. Nach einer solchen Leistung ist Alles für ihn gewonnen. Er wird von Allen hoch geachtet, und nun darf er auch Legat von Aquitanien werden, denn „per niultas potationes intran- duni est in legationem Aqtiitaniae ,

Eine so witzige Satire konnte natürlich nicht ver- fehlen, grossen Eindruck zu machen und Nachahmungen hervorzurufen. Eine solche, wenn auch sehr abgeblasste und an Groteskem lange nicht so reiche Satire, ist das so- genannte Silbermarkenevangelium, welches ebenfalls gegen die Habsucht Roms zu Felde zieht. Th. Wright hält sie allerdings für eine Parodie des Marcusevangeliums ^


1 Eine wirkliche Parodie ist dagegen das Evangelium secundum Lupum = Lucam, das nichts anderes als eine Verherrlichung des Bacchus ist. cf. Wright and Halliwell: Reliquiae antiquae II p. 58.


Kapitel I. Die Keime der grotesken .Satire im Mittelalter. 77

Der Leser wird sich aber überzeugen, dass es sich darin nicht um burleske Erniedrigung des Heiligen handelt, son- dern um eine Satire auf Rom. Die Einkleidung in die Form des Evangeliums soll nur den Unterschied zwischen Christus und Papst krasser vor Augen führen, nicht aber das Evangelium lächerlich machen. Es heisst in diesem ,, Silbermarkenevangelium folgendermassen : ,,Zu dieser Zeit sagte der Papst zu den Römern: ,,Wenn des Men- schen Sohn kommt zum Sitze unserer Macht, so fragt ihn zuerst: Freund, warum bist du gekommen? Wenn er aber fortfährt zu klopfen und euch nichts gibt, so werft ihn in die allertiefste Finsterniss. Und es ge- schah, dass ein armer Geistlicher an den Hof unseres Herrn des Papstes kam und rief: ,,Habt Erbarmen mit mir, ihr Pförtner des Papstes, denn die Hand der Armut hat mich berührt. Ich bin notleidend und arm, deshalb bitte ich um euern Beistand in meinem Unglück und meinem Elend. Aber als dieselbigen diese Worte hörten, wurden sie sehr unwillig und sagten ihm: ,, Freund, geh zum Teufel mit sammt deiner Armut! Hebe dich weg, Satan, denn du duftest nicht nach dem Wohlgeruch des Geldes. Wahr- lich, wahrlich, ich sage dir, du wirst nicht eher eintreten in das Reich des Herrn, als bis du deinen letzten Heller hergegeben hast." — Da ging der arme Mann von dannen und verkaufte Mantel und Kleid, und Alles was er hatte, und er gab es den Kardinälen und den Pförtnern und den Kammerherren. Aber sie sagten: ,,Was soll das für so viele Leute?" — Und sie stiessen ihn von sich, und er ging weg und weinte bitterlich und war untröstlich. — Nach ihm kam aber an den Hof ein dicker, fetter und reicher Geistlicher, der in einem Aufruhr einen Mord be- gangen hatte. Er gab zuerst dem Pförtner, dann dem Kammerherren, dann den Kardinälen. Aber sie hatten sich auf mehr gefasst gemacht. Aldann erfuhr unser Herr der Papst, dass die Kardinäle und hohen Herren vom Klerus vom Geistlichen viele Geschenke erhalten hatten, und er wurde darob tötlich krank. Aber der


78 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

reiche Mann schickte ihm ein silbernes Elektron, und so- fort ward er wieder gesund. Alsdann rief unser Herr der Papst die Kardinäle und die hohen Herren des Klerus zu sich und sprach zu ihnen : ,, Brüder, nehmet Euch in Acht, dass Euch Niemand durch leere Versprechungen hintergehe; denn ich gebe Euch das Beispiel, damit Ihr nehmet, sowie ich auch nehme" i.

Im Vergleich zu diesen witzigen und geistreichen, in lateinischer Sprache abgefassten gegen die Geistlichkeit gerichteten grotesken Satiren, nehmen sich die gegen denselben Stand sich w^endenden französischen Satiren recht mager aus.

Nur bei Rutebuef- finden wir einige Ansätze zu einer grotesken Verhöhnung des Priesterstandes. In der •Complainte d'Outremer behauptet er rundweg, die guten Weine, das zarte Fleisch, der starke Pfeffer, das wären der Gott der Geistlichen. Nur um dieser Dinge willen führten sie Krieg, nur um dieser Dinge willen unter- nähmen sie Kreuzzüge :

grant der, graut provendies, qui taut estes grant viandier qtn fetes Dieti de vostre pance!

Ihr Sinn ist einzig und allein auf die Genüsse der Tafel gerichtet; sie halten sich für Apostel, wenn sie zu


1 Carmina burana n. XXI; in Prosa, Bibl. des litter. Vereins in Stutt- gart XVI 1847 p. 22. 23. — Noch zahlreiche andere Satiren greifen die Habsucht Roms an, aber nicht auf groteske Art. XXI a p. 23. Aber hie und da finden sich besonders glückliche Wortspiele, wie sie sonst in grotesken .Satiren häufig vorkommen: cf. XIX, p. 20, str. 12: Romam avaritiae | vitet manus parca |; "parcit' danti munera | parco non est parca, | numus est pro

•'numine | et pro Marco marca, ] et est minus celebris | ara quam sit arca |; .auch Str. 14: Papa, si rem tangimus | nomen habet a re, quicquid 'habent' aIü, I solus vult papare, j vel si nomen gallicum | vis apocopare, j paga, paga de le marc, | si vis impetrare.

2 Über Rutebuef cf. die Ausgabe Jubinal's: Oeuvres de Ruteboeuf, 2 Bde. 1839. Auch Biographisches cf. Jubinal: Der Dichter lebte nach Ju- ,binal c. 1235 — c. 1286.


Kapitel T. Die Keime der jjroteslcen Satire im Miitnlalter. 79

Tische sitzen. — Und sie sind ebenso unwissend und faul als gefrässig". Sie können keinen andern Psalm her- sagen ausser dem deo gr alias, der nur zwei Worte habe Und dabei haben sie soviel an Almosen und soviel an frommen Vermächtnissen bekommen, dass sie statt kleiner Hütten nun so grosse Paläste bauen, dass ein Ritter mit der Lanze in der Hand noch springen könnte, bevor er die Decke erreichte. Für Geld thun sie Alles, was man will. Für Geld machen sie sogar einen Esel zum Christen. So bezeugt es wenigstens die im Eselstestament erzählte Geschichte. Ein Priester hatte seinen Esel, der ihm zwan- zig Jahre lang treu gedient hatte, zum Dank dafür in der geweihten Erde des Kirchhofs begraben lassen. Von seinem Bischof deshalb zur Rechenschaft gezogen, nimmt er Geld mit und schenkt es dem Prälaten als Vermächtniss des Esels. Damit ist die Sache natürlich abgethan. Ein Esel muss eben auch wie alle Sterblichen bei ihrem Tode, dem Klerus eine Schenkung machen. Dafür hat er dann auch die hohe Ehre, in geweihter Erde schlafen zu dürfen.

Bei weitem die grösste Zahl der gegen die Geist- lichkeit sich richtenden Satiren Rutebuefs sind nicht gro- tesk, sondern direct^ Dafür finden wir aber in seinem Stile nicht wenige groteske Spuren. Am kräftigsten ist bei ihm die Sucht ausgebildet, überall Wortspiele anzu- bringen. Wie Fischart später, verdreht er gerne seinen eigenen Namen und erklärt Rutebuef als den ,,qtii rtide- ment oetivre oder ,,(pn est dis de rüde et de hiief". In dem die Franziskaner verspottenden Gedichte, dem ,,diz des Cordeliers" ist er in dieser Beziehung ein würdiger Vorgänger Rabelais'. Das Wort ,,corde^*' giebt ihm so-


1 So z. B. die Chanson des Ordres mit dem Refrain „Papelart et beguin | ont le siecle honi". Manchmal gebraucht R. auch die Ironie, indem er gerade das Gegenteil aussagt, von dem, was er meint, so im diz des Beguines: „Sa parole est prophecie | s'ele rit, c'est compaignie | s'el pleure devocion | s'ele dort, eile est ravie, | s'el songe c'est vision | s'ele ment, non creez mie*'.


80 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

fort Anlass zu unziihli<j^en, schliesslich ermüdenden Spiele- reien :

,Jc nc recordc Imi ne descort ne descorde, Mos je viieil re cor der ce qne chasctiins recordc^

und weiter: S'orroiz du Cordeliers cominent chasctms a mis son cors a grand inartire. Das tollste Beispiel der Art ist aber:

En la cor de s'encordent cordee ä III cordons, A la corde s' accordent dont iiotis descordons La descordance acorde des niaiix que recordons En lor lit se descordent porce que nos tortons^^' .

Wenn der groteske Ton in den Satiren gegen die Geistlichkeit nur selten getroffen ist, so ist er es häufiger in andern Satiren. Die Bauern greift Rutebuef an in dem „Pet au vilain", einer groben, schmutzigen Satire^ die aber wohl berechtigt gewesen sein mag. Die Bauern behaup- tet er, seien so schmierig, dass selbst ihre Seele einen solchen Geruch verbreite, dass man sie weder im Para- dies noch in der Hölle dulden könne. — Sowie hier der Teufel vom Bauern an Schmutz, so wird er von der Frau an Schlauheit übertroffen. Es ist leichter den Teufel selbst zu betrügen! die Frau:


1 Ähnliche Wortspiele am Ende des Fragments „de la Ruihote au Monde" Hist. litt. XXIII p. 508: Chius qui le mieus se char encharne | mire soi comme mors char desc harne | si com darrien sont descharne | tout chil qui furent de char ne | que mors si a fait descharna ] qui su les os cuir ne char n'a [. Das Gedicht gehört zu der Gattung der fatrasies und resveries ; sie sind das Nee plus ultra der tollsten Laune, welche sich weder durch das Unsinnigste noch durch das Unmöglichste zurückschrecken lässt und im buntesten Gemisch die tollsten Dinge neben einander stellt. Zum Grotesken können dieselben bei aller Übereinstimmung von Merkmalen nur dann gerechnet werden, wenn sie eine bewusste Verzerrung des Unzu- sammenhangslosen sein wollen. Dies vielleicht der Fall in dem Prosastück Reliquiae antiquae I p. 82, in dem nach Wright's Meinung (Hist. de la car. et du grot.) das Unzusammenhangslose der Predigten verhöhnt werden soll.


Kapitel T, Die Keime der grotesken Satire im -Mittelalter. Hl


,,h' (Ust taut de hcllties,

De truffes et de f an] eines

Qii'ele li fet ä force entendve

One Ic viel sera dem a in eendre K

Zum Mönch, zum Bauern und zur Fniu gesellt sich als Vierter im Bunde der Arzt, dessen Prahlen mit seinen Kenntnissen und seinen allmächtigen Heilmitteln auf wirk- lich groteske Art karikiert wird. Im Diz de Terberie^ lässt Rutebuef einen Arzt in Person auftreten und seine Salben preisen. Er ist kein gewöhnlicher Krauthändler, vielmehr ein gewandter Arzt, welcher im Dienst der Dame Crote von Salerno steht, der weisesten Dame der vier Weltteile, einer wunderbaren Dame ^.qtii fait ciievre- eliief de res oreüles et li sorciz li pendent a chaainnes d'argent par desns les espaiilesy Auch hat er die merk- würdigsten Salben und Steine gefunden und kann der Menschen Liebesglück erhöhen:

,,J'ai l'erbe qni les v . , redrece et cele qni les c . . . estrece A pon de painne/'

Seine grosse Weisheit thut er uns kund, wenn er die Heilmittel einzeln anführt. So rät er z. B. als Mittel gegen das Zahnweh ein Gemisch aus Murmeltierblut und Hänflingskot, welches man am Dienstag Morgen einnehmen müsse. Aber dies ist nichts gegen das, was seine wun- derbaren Steine verrichten können. Dieselben wecken ja


1 ,,De la dämme qui fist les trois tours entour le ISIoustier. — Die mittelalterliche Kunst greift häufig die Hoflahrt und Putzsucht der Frauen an. Die langen Ärmel der Fraueiikleider werden manchmal grotesk kari- kiert, cf. z. B. Wright p. 97. Symbolisch-allegorisch ist dagegen das Bild p. 189, wo sich in dcü lang herabhängenden Ärmeln einer sich anzie- henden Dame zwei Teufelchen verstecken. Ein drittes Teufelchen kämmt sie und ein viertes hält ihr den Spiegel vor; endlich machen sich noch zwei mit ihrer Schleppe zu schaffen. — Karikaturen der Mode kommen im Mittelalter auch sonst vor cf. Wright p. 92, eine Karikatur der spitzen Hüte.

2 Mit Unrecht nennt Lenicnt dieses Stück ,,une })late et insipide bouffonerie".

Schnecgans, Gesch. d. g'rot. Satirc. 6


82 Erster Teil: Die Zeit vor Kabelais.


die Toten aus dem ewigen Schlafe auf. Darum ^^de mort nc dontcra menaces eil qui Ics porte.^^

Viel deutlicher tritt das Groteske noch hervor in einem andern, ebenfalls von Jubinal (I p. 468) im Anschluss an Rutebuef's Werk abgedruckten, diesmal aber in Prosa verlas sten D i z de 1 ' e r b e r i e. In demselben treten die Eigentümlichkeiten des grotesken Stils, die langen Auf- zählungen und die zahlreichen Wortspiele besonders hervor. Die Salben des Arztes sind für alle Krankheiten nützlich, ,,/)or roittttre, por ar stire, por anghire, por ßevre, por fri^on, por raim de passion, por fi, por clapoire, por rn d'oreille, por encombrement de pis, por avertin de chiep] por doletir de bras.'^ Ja, er rühmt sich sogar, ein Mittel zu besitzen, mit welchem er die ältesten Leute wieder gesund machen könne. Das Mittel ist sehr einfach, wenn auch etwas derb, aber der groteske Satiriker lässt nach dieser Richtung mit besonderer Vorliebe seiner Phantasie die Zügel schiessen: y,Ge dt qti'il n'a si vi eile ferne en cest pa'iSy ne en ceste contree qiie sc ele avoit pissie dcdans (nämlich in seine wunderbare Jugendbüchse) saus espan- dre, que ele ne venist en l'aage de XX an/o, et si seroit ansi pucele conime le jor qn'ele fiit nee.^^ — Und seine Mittel sind so zahlreich, dass wenn er einen eisernen Mund, eine stählerne Zunge, einen Marmorkopf hätte, und so weise wäre wie Hippocrates oder Galen, oder Salomo, er nicht die Vortrefflichkeit und den Wert aller seiner Salben rühmen und aufzählen könnte.

Die kolossale Übertreibung der Menge seiner Avun- derbaren Salben spiegelt sich in dem an Aufzählungen überreichen Stile wieder. Zeitwort folgt auf Zeitwort, Sub- stantiv auf Substantiv : ,,// s'en porroit chißer et gaber, et rire et joer, et rechignier des dens, et bouter de l'cotite^ et marchier du pie, et clignier des eis . . .*' einige Zeilen weiter: je li donrai si beau don, qu'il porra dormir en pres^ en rivieres, en fores, en larris, et en montaignes, en valees, en boschaiges d'une part et d'antre.^^ — Sein Meister hat ihm aufgetragen, er solle im Lande, in dem


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 83

er praktiziere, nie mehr als einen Heller der Landesmünze verlangen. Nun zählt er auf: ä Lomir es cn Angleterre MH esterliii, ä Paris iin pcirisi u. s. w. Es folgen vierzehn Namen von Städten und von Münzen. — An Wortspielen fehlt es auch nicht: ^^Oh fitstes vo.'s nc2? — Je ne fui onc- ques ne nef ne bateax; — Comment apele l'en Vaive? — L'en ne V apele pas, qti'elc vient bien sans apeler.'^ u. s. w.

Die unsinnigen Heilmittel marktschreierischer Ärzte karikiert schliesslich noch ein drittes von Jubinal heraus- gegebenes Stück ,,De la goute en Taine" (1. c. I p. 475). Um von diesem Übel zu befreien, nehme man das Seil zweier Gehängten, den Schwanz eines Hasen, die Wolle einer Ziege, ferner:

,,Anier de niiel, douceur de siiie, De Vavesniere d'une trtiie, Del blanc du cnl d'iin noir chaudron, Le cinquieme pie d'un moutonJ' Alle diese etwas unwahrscheinlichen Dinge werfe man in einen Mörser, schüttle sie ordentlich durcheinander und trinke dies saubere Gemisch aus. Da könne die Genesung nicht ausbleiben.

Wie hier der Stand der Ärzte, so wird in andern Satiren der Stand der niederen Spielleute angegriffen. Aber wenn wir in dem Dit des taboureurs^ wo der geigenspielende Menestrel den Trommler, seinen sehr ge- fährlichen Konkurrenten verhöhnt, nur wenige leise kari- kierenden Züge 2 finden, und der Ärger über die Schweine- hüter und Schäfer, die sich Menestrels nennen, obgleich sie nur trommeln können, fortwährend durchbricht, so


1 ed. Jubinal: Jongleurs et trouveres jx 1G4. — Roquefort hielt dies Gedicht in seinem Essai sur la pocsie au Xlle et Xllle s. für Rutebuefs Werk. Jubinal weist diese Annahme zurück,

2 Hat ein Bauer auch zwei oder drei Söhne, so kann man sicher sein, dass sie alle die Trommel schlagen : Cil truevent chies lor pere ne halichon ne pel | et il puevent trover le cercle d'un boussel | entr'aus fönt I tabour ä sarpe et a coutel'*.


84 Erster l'cil: Die Zeit vor Kabelais.


verhält es sich mit dem eine ähnliche Tendenz verfolgen- den von Roquefort herausgegebenen Stück ,,Les deux bordeors ribauxi*' anders.

Zwei Jongleurs versuchen einander durch kolossale Prahlereien zu übertrumpfen : Ich kann, sagt der eine, sowohl romanisch als lateinisch singen. Ich singe des Morgens, ich singe des Abends; ich singe vor Herzögen und vor Grafen. Und er nennt uns in einer fünfzehn Verse langen Aufzählung alle chansons de geste, die er weiss; er kennt auch alle Abenteuerromane und die der Tafelrunde :

,,Il n'est chan^oii en tot le niont Qiie je ne saiche par nattirey Ja, er kann noch weit mehr! ,Jch bin der Mann, der die Häuser mit Pfannkuchen und mit Torten bedeckt! Ich kann vorzüglich die Katzen zur Ader lassen und die Ochsen schröpfen ! Ich verstehe es besser wie sonst einer auf der Welt, um Eier einen Reif zu legen; für Kühe mache ich Zügel, für Hunde Handschuhe, für Zie- gen Hauben; für Hasen verfertige ich so starke Rüstun- gen, dass sie vor Hunden keine Angst mehr zu haben brauchen. Und Keiner versteht es so wie ich, mit Butter den Bratspiess zu schmieren.

,Jl n'a el inonde, el siede riens Qite je ne saiche faire ä pointJ' Und der andere Jongleur antwortet mit ebenso grossen Prahlereien. Er ist ein vorzüglicher Musiker : kein Instrument ist ihm fremd. Er kennt auch alte Geschichten, und Lieder und Gesänge aus alter Zeit ; in allen erdenklichen Spielen weiss er Bescheid; auch kennt er eine Menge Leute, die er bei Namen anführt. Das sind Alles drollige Käuze:

All g er Potipee

Qui a un seid cop de s'espee Coupe hien ä un cJiat Voreille"

1 Roquefort: Etat de la poesie fran^aise dans le XIIc et Xllle siecle. Auch abgedruckt von Jubinal in den Oeuvres completes de Rutebuef tome I p. 331—341.


Kapitel T. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 85

und Hebert, den Ochsentöter, der mit einem Schlag- €in Ei zerschmettert, und Herzreissaus und Nageleber und Eisenzahn und Wändeinrenner und ein und zwanzig andere noch, deren Namen er uns nicht verschweigt, und nach deren Aufzählung er dreist behauptet, er könne leicht noch tausend Menestrels beim Namen nennen!

Was sollen wir von diesem Gedichte halten? Ist es einfach wie Lenient möchte, eine w^ahrheitsgetreue Be- schreibung der Art und WX'ise, wie die Jongleurs auftra- ten? Sagten sie wirklich solchen Unsinn, um ihre Zuhörer zum Lachen zu bringen? Oder haben wir nicht auch hier, wie im,,Dit de l'erberie" eine karikierende Satire, welche in ihrem Stile schon die dem Grotesken beliebten Aufzählungen aufweist? Hier macht sich wohl ein gebil- deterer Dichter i den Scherz, den ungebildeten, renommie- renden Jongleur durch geradezu unsinnige Prahlereien in den Augen der Leute lächerlich zu machen. Oder spricht nicht der Umstand klar für eine Satire, dass hier der Jongleur in den Aufzählungen der chansons de gcste die Titel derselben falsch sagt, also z. B. Ogier de Montau- ban; und Renaud le Danois, Renart au cort nez und Guil- laume au tinel. Darin verhöhnt ein wirklicher Dichter die ihm vielleicht oft peinlich aufgefallene Ignoranz dieser Sänger; es ist mir dies viel wahrscheinlicher als die An- nahme, die wirklichen Jongleurs hätten die Titel absicht-


^ In dein vorhin erwähnten Gedichte ,,des tabourreurs" sehen ^vir ganz deutlich den Hass der liöheren Spielleute gegen die niederen: Male- ment sont tabcur j)or pa'is asamble j Et bon menesterel sont par aus refuse | ce fönt aucunes genz qui sont si aveiigle | que il ne voient goute el plus biau jor d'esle | — oder ganz deutlich: mes il avient sovent par les sainz de JMeun I Oue eil qui mains en set a l'argent du commun. Auch die Kunst greift manchmal die Jongleurs an, cf. 173 bei VVright ein gcigespielendes Schwein, auf einem Kapital im Magdeburger Dom ein Geige spielender Affe, in der Kirche zu Vizelais ebenfalls, dazu ein Esel, der die Noten hält; in der Kirche zu Poitiers ein Hund, der die Harfe spielt, und ein Bär, der Viole spielt. Auf den Chorstühlen der Kapelle H.s' VII in der Westminster Abtei finden wir einen Dämon, welcher Trommel spielt und einen Bären, welcher Dudelsack pfeift.


86 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


lieh falsch gesagt, um das zuhörende Volk zum Lachen zu bringen. Die alten Epen waren ihnen doch zu heilig, als dass sie sich solche Scherze hätten erlauben und dabei auf Lacherfolg bei ihrem Publikum hätten rechnen können.

Viel mehr als die kleinlichen Rivalitäten zwischen den Spielleuten mussten zur Satire die wichtigen poli- tischen Ereignisse reizen. Auch auf diesem Gebiete finden wir Ansätze zur grotesken Satire. Wie in dem vorher behandelten Gedichte die Renommiersucht der Jongleurs gegeisselt wird, so scheint in einem andern auch von Jubinal herausgegebenen Gedicht das Prahlen des Königs von Enghind und seiner Getreuen den Fran- zosen gegenüber verhöhnt zu sein. La Pais aus Eng- lois^ (1264) ist eine beissende Satire englischer Erobe- rungspläne. In einem absichtlich verunstalteten Franzö- sisch und in trivialem, oft gemeinem Stil stossen hier der König Heinrich III und seine Grossen mit kolossaler Em- phase die furchtbarsten Drohungen gegen Frankreich aus. Der Graf von Wincester schwört bei den fünf Wunden Gottes, für den Krieg habe er nur eine Furcht, die näm- lich, dass die Franzosen alle sofort nach allen vier Him- melsrichtungen fliehen würden. Und der König, bei dessen Drohungen uns Rabelais' jähzorniger Picrochole sofort einfällt, der König geht noch weiter als seine Höflinge :

„Je ne dout mi Fran^oys tont qui sont iine melc. Er wird Paris einnehmen und ,, jenes Wasser, welches einst die Seine war^'«, einfach ins Feuer werfen. Die Mühlen wird er in Brand stecken, sodass die Franzosen eine Woche lang auf Brot werden verzichten müssen. Eine Kapelle, die ihm in Paris gefällt, wird er auf rollen-


1 ed. von Jubinal: Jongleurs et trouveres p. 170 — 176; auch Th. Wriglit: Political Songs p. 63 — 68; cf. darüber auch Hist. litt. XXIII.

2 ,,Je bouterai le fu en cele eve qui fu Saine". Auch Picrochole versetzt sich so lebhaft in seine eigentlich nur in der Phantasie lebenden Pläne, dass er das Perfekt gebraucht und sagt: ,,Voire, mais, dist il, nous ne beusmes poinct frais" gleich als ob er den Wein schon wirklich ge- kostet hätte, cf. Gargantua I 33.


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter, 87


dem Karren naeh Saint- Amont in London bringen lassen, und wenn alle seine Schifle in Paris angekommen sein werden, dann wird er die feierliehe Krönung seines Soh- nes Eduard vornehmen. Wir haben es hier ganz gewiss mit einer grotesken Satire zu thun. Für den damaligen Franzosen wird aber die Satire insofern noeh wirkungs- voller gewesen sein, als er wusste, dass Heinrich IIL fortwährend von seinen Baronen bedrängt wurde und den Schutz Frankreichs anflehen musste. Jubinal glaubt sogar, dass die Satire gerade aus dem Jahre 1263 (resp. Januar 1204) stammt, wo Ludwig IX. das Schiedsgericht zwischen dem König und seinen Baronen angenommen hatte K

Wie in diesem Gedichte der prahlerische Engländer, so werden in dem ,,Privilege aux Bretons (1234)-" die ruhm- redigen Bretagner von den Franzosen lächerlich gemacht. Dieselben rühmten sich aller, auch der kleinsten Vorteile, die sie in ihren Verträgen mit Frankreich erlangten. Das Gedicht übertreibt bis zur Unmöglichkeit die Unbedeu- tendheit derartiger Privilegien, so dass die Bretagner in ganz lächerlichem Lichte erscheinen. Sie schicken nach Rom einen Gesandten, der sich höchst feierlich vom Papst das Privileg, Ginster im Walde abpflücken und den Abtritt leeren zu dürfen, verbriefen lassen soll. Der Papst thut es und fügt noch ein anderes höchst gnädiges Privi-


1 Der vergebliche Schutz, den der gute König Ludwig der Heilige dem Engländer stets wieder gewährte, scheint übrigens die Franzosen stark verstimmt zu haben. In einem kurzen Prosastück ,,la chartre de la pais aus Anglois" macht sich ein Jongleur sehr lustig über ,,le gros pes entre ce rai Haii d'Ingleter, et ce riche homme Loys ä Parris". Es ist dies eine bur- leske Verhöhnung, welche die Bestrebungen Ludwigs IX, ins Triviale herabzieht. Der König giebt dem Engländer ,,II poronssores a mester soz son house por ester plus minet", und um das Thörichte und Vergebliche dieses gutmütigen Schutzes noch greller zu beleuchten, ist diese Friedens- charte datiert vom Tage, wo der Krieg zwischen Heinrich III, und seinen Baronen wieder ausbrach (Jubinal: Jongleurs et trouveres p, 175).

2 Jubinal : Jongleurs et trouveres p, 52 ff. cf. auch Hist, litt, XXIII p. 423.


i*^8 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


leg hinzu, nach welchem es den Bretagnern erlaubt sein solle, in der Fastenzeit Käse zu essen und Milch zu trinken. Wie hier die westlichen Nachbaren Frankreichs sati- risiert werden, so werden in einem halb französischen, halb Hämischen Gedichte die reichen flämischen Bürger, welche häulig die Franzosen — so in Bouvines und Courtrai — be- kämpft hatten, lächerlich gemacht (cf. Hist. litt. XXIII. p. 501). Lenient hat dieses Gedicht freilich für eine Parodie der Ritterromane angesehn (p. 125), weil das Gedicht im Tone der Ritterromane erzählt und triviale Personen statt wirklicher Ritter auftreten lässt. Aber er hat Unrecht. Der Zweck dieses Gedichtes ist nicht die Verspottung des Ritterromanes, sondern viel eher eine Verhöhnung der thörichten Bestrebungen der flämischen Bürger, als Ritter sich zu geberden und aufzutreten. Das Gedicht wird wohl von einem im Solde eines edlen Hauses ste- henden Dichter herrühren, der den Auftrag erhielt, die Bürger zu verhöhnen. Er that es, indem er sie in ihren albernen Bemühungen sich wie Ritter zu geberden vor- führte, und indem er die dem Spiessbürger gewöhnlich anhaftenden Eigenschaften, die Liebe zum ruhigen und gemütlichen Familienleben und den geringen Mut karikierte. Die Karikatur ist noch nicht stark aufgetragen. Deshalb haben wir hierin noch keine groteske Satire zu erblicken, wohl aber einen Ansatz dazu. Im Tone des Heldenepos erzählend beginnt das Gedicht mit einem Aufruf: ^.Siggetir, escoiites que Dex vos soit amis^ Van stii de sinte glore, qtii eii de croc foti inis'^ Wir wohnen alsdann einer Beratung der Helden bei, die sich zum Kampfe rüsten. Sie wollen sich nur des- halb im Kampfe auszeichnen, weil sie hoffen, dass ihre Heldenthaten ihnen leichter zu der Ehre eines Schöffen werden verhelfen können. Simon Banin kommt es haupt- sächlich darauf an, die Ehre der Spinner zu retten. Er wiederholt es zweimal, jedesmal in einer Tirade mit an- derm Reim, und befiehlt seinen Mitbürgern beim ersten Schlag der Sturmglocke aufzubrechen. Nachdem noch


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 89

andere Helden als Redner aufgetreten sind, schnallen sie ihre Rüstungen an. Da erscheinen die Frauen und werfen sich weinend ihren Gatten um den Hals, die ebenso traurig sind als sie beim Gedanken an diesen furchtbaren Feld- zug. Zunächst entreisst sich der kriegerische Makesai den Armen seiner zärtlichen Ehehälfte; dann folgt der rührende Abschied des jungen Farlet Ortin und seiner, blonden Freundin Wisebell. Darauf tritt der weise, fette und dicke Liepin auf, der Schöffe werden möchte, und sich zuvor, so billig als möglich, etwas Kriegsruhm ver- schafl'en will. Nachdem er mit grosser Mühe sein, unter der Last seufzendes Pferd bestiegen, reitet er traurigen Herzens von dannen, vor Angst und Fett unter seiner Rüstung beinahe erstickend. An Gott richtet er aber ein inbrünstiges Gebet, er möchte ihn doch ungefährdet nach Hause zurückkehren lassen. Das Heer ist endlich marsch- bereit und der Feldzug soll beginnen. Wir wissen aber nicht, wie derselbe weiter ging, denn im selben Moment:

,,Dame Dcx i a fet I miroracles gransj' Ein Donnerschlag! und da bricht das Gedicht ab.

Die politische Satire Frankreichs richtete aber ihre Pfeile nicht nur gegen ihre auswärtigen Feinde. Auch die inneren Missstände werden, wo es not thut, gegeisselt. So hatte Karl VII ein Freischützencorps im Jahre 1448 errichtet. Diese ^Jrancs nrchiers^^ scheinen aber keine besonderen Helden gewesen zu sein, denn im Laufe der Zeit war ihre Furchtsamkeit so sprichwörtlich geworden, dass man sich genötigt sah, ihr Corps 1480 aufzulösen. Gegen die Feigheit derselben ist nun folgende groteske Satire gerichtet: ,,le Monologue du Franc Archier de Baignolef' i. Der Freischütze tritt selber auf und in sei- nen Prahlereien zeigt er^ welch Geistes Kind er ist. Hat er doch einmal allein beinahe einen ganzen Hühnerhof erobert! Nichts desto w^eniger fährt er beim Krähen des


1 Dieser jSIonolog ist in den Ausgaben Villon's unter den pieces at- tribuccs ä Villon abgedruckt, auch im Ancien thcätre fran^ais p. 326 ff.


00 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


Hahnes zusammen. Aber seine Feigheit tritt noch in ein viel <^relleres Licht. Irgend ein Witzbold hat im Zimmer, in dem sich die Scene abspielt, einen Strohmann autgestellt, den er in die Rüstung eines Kriegers gesteckt hat, und zwar so, dass er von der einen Seite mit seinem weissen Kreuz auf der Brust als Franzose erscheint und von der andern Seite mit seinem schwarzen Kreuz als Bretagner. Den erbhckt nun plötzlich der Freischütze; er hält ihn für einen wirklichen Krieger, und bebt und zittert: ,,Was ist das? Schiess in die Luft, mein Freund I Nur dass ich mit dem Leben davon komme! Allmählich fasst er aber wieder Mut, dann er hat am weissen Kreuze einen Landsmann, einen französischen Gendarmen erkannt. Aber, wie er ihm nahe kommt, siehe, da erblickt er das schwarze Bretagnerkreuz ! Um Gotteswillen, es ist ein Bretagner, der sich für einen Franzosen ausgegeben hat! — Sein Blut erstarrt, er wird kreideweiss, und damit ihm ja nichts geschehe, verleugnet er rasch sein Vaterland:

,,Dea! je suys Breton^ se votis festes,

Vive sainct Denis ort sainct Yve!

Ne in' eil chaidt qui, mais que je vive! Gleich ist er bereit, ihm seine Waffen auszuliefern. Sturm- haube, Schwert, Panzerhemd, Gürtel, ja sein Hemd würde er ihm geben, wenn er es verlangte. Und er lässt sich auf die Knie nieder, betet für seine Seele, beichtet zu Gott, zu der heiligen Jungfrau und zu den Heiligen, und wie wenn er schon dem Tode nahe wäre, bestimmt er seine Grabschrift; dann aber umfasst er die Kniee seines Feindes, erinnert ihn an die zehn Gebote, und hauptsäch- lich an das fünfte: ,,Du sollst nicht töten! Aber in dem Moment fällt der Strohmann auf den Boden, und unser Feigling sieht, vor wem er gezittert. Rasch hat er sich wieder gefasst, und seine Entrüstung kennt nun keine Grenzen mehr:

„Qu'esse-cy, morbieu! on se raille,

Ce ciiidai-je, des gens de gtterre?", Nun zückt er das Schwert und bedroht den Strohmann


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 91


Aber schliesslich bedenkt er sich, das Beste wäre doch, er nühme ihn mit nach Hause als Beute aus dem Kriege. Wenn in diesem Gedichte das niedere Kriegsvolk, so wird in einigen andern der Ritterstand oder eher noch die diesen Stand verherrlichende Ritterdich- tung verhöhnt. Aber wxder Audigier ^ noch Chaucer's Sir Thopas, welche uns teils derb teils fein das Bild lächerlicher Helden vorführen, sind groteske Satiren zu nennen. Zwar fehlt es im Audigier keineswegs an kolossalen Übertreibungen. Als würdiger Sohn seines Vaters, der sich versteckt, wenn A-on Waffen die Rede ist und es zu seinen Ruhmesthaten rechnet, einmal ein Spinngewebe durchgerissen und einem Schmetterling die Flügel durchstochen zu haben, ist er der erbärmlichste Feigling, den man sich denken kann. Er hält es für eine Heldenthat mit widrigen alten Weibern auf Düngerhaufen sich herumzubalgen, und ist so schwach, dass er sich durch jeden Windstoss von seinem elenden, über jeden Stein stolpernden Klepper herunterwerfen lässt. Aber das sind nebensächliche Züge. Auf eine Satire des Feiglings wie im Archier de Baignolet hat es dies Gedicht nicht abge- sehn. Die Haupttendenz desselben ist vielmehr die bur- leske Verhöhnung des Ritterepos^ die sich in einer derben^ ja unflätigen Travestie desselben kund giebt -. Ebenso


1 Audigier ed Barbazan: Fabliaux et Contes IV p. 217 ff.

2 Äusserlich hat das Gedicht den Zuschnitt der Ritterepen; es be- ginnt mit der Gescliichte der Eltern des Helden, erzählt ihre Hochzeit, giebt dann eiren ausführlichen Bericht von der Geburt des Ritters und ge- braucht dabei sogar die dem Ritterepos gewöhnlichen Verse: ,, Quant Au- digier naqui, grant joie i ot", nachher geht es dann zu den Abenteuern des jungen Recken über und endigt mit dessen Heirat. — Aber aus dem im Stile des Ritterepos zugeschnittenen Rahmen tritt ein Bild ganz anderer Natur hervor. Alles, was beim Ritter edel und erhaben ist, wird hier ge- mein und sogar eklig. Wenn der Held des Rittergedichtes gewöhnlich ebenso edlen als tapfern und in ihrer äusseren Erscheinung stattlichen El- tern entstammt, so ist Audigier der Sohn eines widerlichen schmutzigen Kerls, mit langem Straussenhals und bleichem aufgedunsenem Gesicht, und einer abscheulichen, einäugigen T^Iutter mit triefendem Munde. Beim Hoch-


92 Erster Teil : Die Zeit vor Rabelais.


sind die karikierenden Züge, die wir im Sir Thopas finden, nur seeundi'irer Art. Die Vorliebe der Ritterdiehtung lür detaillirte Schilderung", die Zusammenhangslosigkeit der Erzählung, die Hohlheit des Reimes werden zwar durch Übertreibung ins Lächerliche gezogen und bieten insofern Ansätze zur grotesken Satire, aber diese Züge verschwinden hinter der burlesken Tendenz des Gedichtes, welche unbekümmert um die innere Berechtigung ihres Spottes die Ritterdichtung ins Triviale herabzieht K


zeitsgelage dieses allerliebsten Paares werden nicht etwa kräftige und saf- tige Speisen aufgetragen, sondern verreckte Ratten, alte Raben und Kuh- mist. Es sind nicht Nachtigallen, Avie sonst häufig im Epos, welche den zukünftigen Ruhm des Helden bei seiner Geburt verkündigen, sondern eine Eselin, eine altersschwache Hündin und eine einäugige Katze. Es sind nicht Drachen und Riesen, die er im iinstern Wald auf mutigem Ross be- kämpft, sondern Fuhrleute, Köhler und entsetzlich zerlumpte alte Schar- teken, die ihn von seiner hageren Mähre auf Mist und Düngerhaufen herunterwerfcn. Es ist nicht der Kuss auf die blühenden Lippen einer holden Jungfrau, der ihn aus der Gefahr errettet, sondern der Kuss auf

aber genug! Es ist eben das Gedicht das von Schmutz geradezu

triefende Gegenstück des Ritterepos. Es ist die Travestie des Ritterepos, wie das Turnier von Tottenliam, wo Vagabunden und Kneiphelden mit Stöcken und Knütteln um des Vogts Tochter kämpfen, v/elche nebst ihrer Person dem würdigen Sieger eine Bruthenne und eine gescheckte Sau zu- bringt:n soll, die Travestie der Ritterturnicre ist. — Auch die Kunst des Mittelalters getiel sich häufig in der burlesken Darstellung von Turnieren, so z. B. sah man auf einem Kamin des hotel von Jacques Coeur in Bourges ein Ritterkarussel, wo die Reiter auf friedlichen Eseln sassen, wo sie statt Schilde Körbe gebrauchten und statt Steigbügel einfache Seile. Ihre Knap- pen und Herolde waren Knechte und Sauhirten. Oft werden die Ritter als Tiere dargestellt; im Missale Suessionense sehn wir einen Hasen und einen Hahn, beide reitend, mit eingelegter Lanze; der Hahn sitzt auf einem Fuchs, der Hase auf einem Hund. Im Psalter der Königin Maria (Anfang 14. Jhdt.) haben M'ir ein Affenturnier ; die Affen sind mit Schwert und Schild bewaff- net; der Heroldaffe bläst das Hörn, der andere spielt Tamburin. In der- selben Hs. finden wir die Abbildung eines etwas phantastischen Turniers zwischen einem Affen und einem Hirschen mit Greiffüssen. Beide sind wohl bewaffnet, der Hirsch mit Lanze und Schild, der Affe mit Schild und Schwert. Sie sitzen beide auf ganz merkwürdigen Tieren, die vom Löwen, Adler und Bären etwas an sich haben.

1 Sir Thopas ist aber nicht eine Travestie wie Audigier, sondern eine


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter, 93


Dagegen ist im vollsten Sinne des Wortes grotesk ein die Abenteuerromane mit ihren kolossalen Wundern verhöhnendes Gedicht, das von Trebutien herausgegebene ,,Dit d'aventures" ^ Die Abenteuer, an welche man im Laufe der Zeit nicht mehr ernst glauben konnte, welche aberimRitterromane noch eine grosse Rolle spielten, werden hier durch kolossale, alles Mögliche kühn überfliegende Übertreibung, also auf echt groteske Art, lächerlich ge- macht. Der Dichter erzählt selber alle die Gefahren, die er nur mit grosser Mühe überstanden hat, und vergisst nicht,


Parodie. Auf hohem Kothurn, ernsten und gemessenen Schrittes schreitet das Gedicht einher, aber plötzlich, da wo man es am wenigsten erwartet, macht es einen Seitensprung und schneidet eine Fratze. Hat der Dichter eben die edle Abstammung des Ritters in angemessenen Worten gewürdigt, so lässt die folgende Strophe, die ihn selber beschreibt, das Ganze plötz- lich in einem trivialen Lichte erscheinen, das uns umsomehr überrascht, als wir durchaus nicht darauf gcfasst sein Iconntcn: ,,Herr Thopas war von tüchtigem .Schrot'^, fängt es an. Gleich darauf heisst es aber: „Weiss sein Gesicht, wie Semmelbrot, Sein Mund wie Rosenblätter, Wie Scharlach seiner Wangen Rot, Auch mit der Nase hals nicht Not, Wohl Keiner hat sie netter." Ebenso wie hier durch die unpassenden Vergleiche, so wird anderswo durch eine hygienische Bemerkung die Erzählung ins Lächerliche gezogen: „Es seufzt in ihrem Kämmerlein Verliebt nach ihm manch Dirnlein fein, Wenn Schlaf ihr besser wäre.'* Ebenso durch eine alberne Spezialisierung:

„Doch blieb er immer keusch und rein, Süss wie der Brombeerstrauch am Rain, Der mit der roten Beere." Zur selben Kategorie gehört auch noch ein anderes gegen 1214 verfasstes Gedicht von Thomas de Bailleul, welches die chansons de geste verspottet. Über dasselbe cf. Lcnient: La satire au moyen äge, p. 24. Es spottet das Gedicht über die kolossale feudale Machtentfaltung, indem es dieselbe vor einem Glase Wein die Waffen strecken lässt. cf. darüber auch Hist. litt. XXIII p. 412.

1 : Un dit d'aventures, \)\hce burlesque et satirique du 13^ siecle, publiee pour la lere fois par Trebutien Paris 1835. Wie aus obigem er- hellt, ist die Bezeichnung burlesk nicht am Platze.


94 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


wie später Rabelais, ausdrücklich zu betonen^ dass er kein Lü<);ner sei:

,Je ne suis mic eil qui Ics hoiirdes controiive^ Die Abenteuer sind haarsträubend. In einem ver- zauberten Wald ist der Dichter von fünf Räubern an- gefallen worden, die ihn mit Schwertern und Dolchen misshandeln, ohne ihn jedoch zu verwunden. Sie hängen ihn schliesslich an einem Baum auf. Aus dieser kritischen Lage rettet ihn eine Wölfin mit ihren zwölf Jungen; sie knüpft ihn los, thut ihm aber nichts zu leid, wie man es bei einer hungernden Wölfin wohl hätte annehmen können. Nun geht der Dichter weiter und kommt schliesslich in eine seltsame Gegend, deren Bewohner neben vielem an- dern Wunderbaren so grosse Ohren haben, dass sie sich damit ein Kleid (cf. Rab. II. 1) und eine Schutzwaffe machen können. Als er darauf über ein Wasser auf einem schmalen Brett geht, fällt er hinein. Nachdem er drei oder vier Meilen weit sich von der Strömung hat treiben lassen, gerät er in das Netz eines Fischers. Derselbe freut sich natürlich über die Massen, als er etwas so schweres in seinem Netze zappeln fühlt, stirbt aber vor Schrecken, als er einen Menschen ans Ufer springen sieht. Nun bricht ein furchtbarer Sturm los, der auf die Erde ein Ungetüm speit, dessen Körper so complicirt ist, dass der Erzähler seine Beschreibung nur in zwanzig Versen zu Stande brin- gen könnte. Dieses Ungeheuer ergreift ihn am Kopf und schluckt ihn mir nichts dir nichts herunter, wie wenn er eine tote Maus oder eine Lerche wäre. Wie lang er im Bauche desselben bleibt, wird uns nicht gesagt. Gerettet wird er durch einen wilden Stier, der das Ungeheuer mit einem Hornstoss durchbohrt. Das Hörn dringt bis in die Eingeweide und berührt sogar unserm Wanderer leicht die Schulter.

Bien III quartiers oii IV du venire li desmatile i.


1 Bemerkenswert ist die genaue Zahlbestimmung hier, wie auch schon oben. Auch, als er von den seltsamen Wundermenschen erzählt, versäumt


Kapitel I. Die Keime der grotesken Satire im Mittelalter. 95


Endlich ist er gerettet, wird aber seine Abenteuer nicht weiter erzählen:

Qttar se tonte voloic contcr nia vie (iiucrc Voiis dirie.'o entre vons: Par foi, c'cst uns bord^rc. Wenn man diese Satire mit Chaucer's Sir Thopas ver- gleicht, wird man sofort des grossen Unterschieds zwischen der leisen, kaum angedeuteten Karikatur auf der einen und der stark auftragenden, übertreibenden, grotesken Satire auf der andern Seite gewahr. Es ist unter den mittelalterlichen Gedichten, welche den Ritter- und Aben- teuerroman verspotten, dieses das einzige, welches wirk- lich groteske Saiten anschlüge. Freilich fehlt es ihm an den Merkmalen des grotesken Stils.

Am kräftigsten entwickelt fanden wir die groteske Satire mit den Eigentümlichkeiten des grotesken Stils in den lateinischen gegen Rom gerichteten Satiren. Sollte dieser Umstand vielleicht ein Hinweis darauf sein, dass die groteske Satire bestimmt war, einerseits in der Ge- lehrtenlitteratur eine besondere Pflege zu finden, ander- seits gerade in leidenschaftlich bewegten Zeiten zur gröss- ten Blüte zu gelangen? Das sind Fragen, die wir vor- läufig noch nicht entscheiden können. Für den Moment genügt es uns zu constatieren, dass wir im Allgemeinen im Mittelalter nur schwache und vereinzelte Ansätze zur grotesken Satire haben. Einen viel geeigneteren Boden sollte sie in der von frischer Kampfeslust durchwehten Renaissancezeit finden. Um ihre Entwickelung zu ver- folgen, müssen wir uns daher dem Lande zuwenden, welches zuerst der mittelalterlichen Kultur den Rücken kehrte und der neu aufsteigenden Sonne entgegeneilte, nämlich Italien.


er nicht zu sagen: ,,Jeder muss vor P'urcht zittern, quam il en voit aler IV on V ensamble". Diesen Zug Averden \\'\x später noch weit ausgebildeter finden.


im Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


Kapitel ü. Die italienische Ritterdichtunsf.


in


Man kann wohl sagen, dass in Italien der Geist des Mittelalters nie eine rechte Heimstätte gefunden hat. Dazu fehlt es an dem sonst dem mittelalterlichen Leben seinen Stempel aufdrückenden Gegensatz zwischen Adel und Bürgerstand. Schon seit dem zwölften Jahrhundert wohn- ten in Italien Adlige und Bürger in den Städten zusammen. „Die Anschauung der Welc vom Bergschloss aus war also von vornherein am Entstehen verhindert ^ Ausser- dem unterschied sich kaum die Lebensweise der Adligen von derjenigen der reicheren Bürgersleute. Der Begriff des Adels verflüchtigte sich deshalb sehr früh. Schon Dante hatte im Convito (Tractat. IV) den Begriff' „nobile^' und ,,7iol)ütä^^ fast gänzlich von jeder Bedingung der Ge- burt abgelöst und identificierte ihn mit der Anlage zu jedem sittlichen und individuellen Vorrang. Schon Franchetti schrieb am Ende des 14. Jahrhunderts, das Ritterleben sei dahin (che Ja cavalleria e morta), und erzählte unter anderem als Beleg dafür, wie Bernarbö Visconti den Sie- ger eines Saufduells und dann auch den Besiegten höh- nisch mit dem Rittertitel schmückte, wie deutsche Ritter mit ihrer Helmzierde und Abzeichen zum besten gehalten wurden u. s. w. Im 15. Jahrhundert ist Poggio in seinem Gespräche ,,vom Adel" mit seinen Unterrednern darüber einverstanden, dass es keinen anderen Adel mehr gäbe^ als den des persönlichen Verdienstes. „Der Eifer für Vogelbeize und Jagd, sagt er, rieche nicht stärker nach Adel als die Nester ber betreffenden Tiere nach Balsam. Landbau, w4e ihn die Alten trieben, sei viel edler als


1 cf. Burckhardt: Die Cultur der Renaissance, Basel 18G0, p. 356 ff. Ai'.ch im Folizenden stütze ich mich im AVesentlichen auf Burckhardt.

Kapitel II. Die italienische Ritterdichtung. 97

dieses unsinnige Herumrennen im Wald und Gebirge, wobei man am meisten den Tieren selber gleiehe.'* Kein Wunder, dass das französische und englische Ritterleben auf dem Lande und in Waldschlössern (xler gar das deutsche Raubrittertum völlig unadlig erschien und zu Spott und Hohn Anhiss bot. — So war denn zu einer Satire des Ritters, wie er sich im Auslande noch gebär- dete, oder wie er in den Bänkelsängerepen der Zeit dar- gestellt wurde, in Italien der Boden besser vorbereitet als irgendwo anders. Vom Volke freilich konnte eine solche Satire nicht ausgehen. Bis ins 15. Jahrhundert hinein hatte die ungebildete Masse ihre Freude an den Geschichten der Cantastorie, welche von den furchtbaren Lanzenstössen des Rinaldo und den wuchtigen Schw^ert- hieben des Roland erzählten ^ Die Verherrlichung der rohen Kraft gefällt stets demjenigen, der selber auf die Kraft seiner Arme angewiesen ist. Den feineren Schich- ten der Bevölkerung, welche seit dem Beginn der Renais- sance mit Begeisterung den hohen geistigen Idealen der klassischen Völker nachstrebten, konnten dagegen solche


1 ISIan muss sich hüten, die in diesen italienischen Epen — wie übrigens auch in den späteren französischen — vorkommenden burlesken oder possenhaften Scenen für satirisch zu halten. Burlesk ist es, wenn in der Spagna — um ein charakteristisches Beispiel herauszugreifen — Karl der Grosse als ein kindischer, störrischer Greis dargestellt wird, der sich zu Handgreiflichkeiten seinen Helden gegenüber hinreissen lässt und gleich nachher aus Reue darüber weint, der auf die Stufen seiner Palasttreppe fällt, verkleidet in die Küche geht und sich mit seinen Köchen herumbalgt. Eine Karikatur darf man in solchen Scenen nicht vermuten. Die Gestalt Karls des Grossen bot durchaus nichts, was auf diese AVeise ins Lächerliche hätte gezogen werden können. Nur das zu allen Zeiten und überall sich geltend machende Bestreben, das Hohe herunterzureissen, konnte dazu führen, den edlen Kaiser so zu verhöhnen. Possenhaft sind dagegen solche Gestalten, wie der Riese Morgante im Orlando, der Vorlage von Pulcis Gedicht. Ge- rade wie Rainouart au tinel, so will auch ]SIorgante nichts anders als eine rohe, aber harmlose Heiterkeit hervorrufen. Die dummen Streiche des ungeschlachten Riesen, seine kolossalen Kraftproben amüsierten das rohe, ungebildete Volk. Eine Karikatur des Haudegens ist darin noch nicht zu suchen.

Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 7


98 Erster Teil: Die Zeit vor Tlabelais.

rohen Machwerke, wie die Spa«j;na oder Regina Aneroia, bei denen von geistigem Leben keine Rede war, nur ein spöttisches Lächeln abgewinnen. So war es ein Leichtes, in diesen Kreisen die schon an und lür sich lächerlichen Eigentümlichkeiten der Bänkelsängerpoesie durch Über- treibung zu karikieren.

Von einem der gebildetsten Kreise Italiens, vom Kreise, der sich um Lorenzo da Medici, in Florenz ge- sammelt hatte, ging die Bewegung aus, und Pulci ward ihr Sprecher. — Die karikierende Tendenz können wir in seinem Morgante Maggiore um so eher verfolgen, als uns seine Vorlage, das von PioRajna 1867 in einer Handschrift der Laurenziana zu Florenz endeckte und von Hübscher in Stengels Ausgaben und Abhandlungen LX unter dem Titel Orlando herausgegebene Gedicht bekannt ist. Die Erzählung ist in beiden Gedichten im Allgemeinen die- selbe 1. Während die Vorlage trocken, dürr und ganz objectiv erzählt, ist Pulci's Dichtung an komischen Ein- fällen reich ; sie raisonniert und reflectiert über die Aben- teuer, die sie berichtet, und drängt fortw^ährend die Person des Verfassers in den Vordergrund. Für uns ist aber hauptsächlich der Umstand von Interesse, dass Pulci viel- fach die Farben stärker aufträgt. Im Orlando spielte der Riese Morgante nur eine untergeordnete Rolle ; er war nur der Knappe Rolands. Mit geschicktem Griff hat Pulci gerade diese durch ihre übermenschliche Kraft und Kör- pergrösse die brutale Gew^alt besonders glücklich charak- terisierende Figur herausgegrifien und in den Vordergrund gestellt. Dieser Morgante ist ein kolossaler Riese, der in manchen Zügen an Rabelais' Gargantua schon erinnert. Die Beschreibung seiner Körpergrösse sowie seiner Kraft ist schon grotesk zu nennen. Er ist gross wie ein Berg 2, nichts destoweniger findet er aber in einer Klosterzelle sehr wohl Platz -^j er ist so stark, dass er ein ganzes


1 über Einzelnes cf. Hübscher's Vergleichunt^ beider Gedichte.

2 I 74: Era Morgante come una montagna,

3 I 84.


Kapilel II. Die italienische Ritterdichtung. 99


Schloss oder einen Kirehturm samt den Glocken auf den Schultern tragen kann (I. 72). Simson war nichts gegen ihn. Er erschüttert einen Turm leichter als ein Erdbeben es vermag ; den Ätna könnte er ohne weiteres umwerfen. Wenn er ein Krokodil ordentlich am Halse packte, würde er es mit Leichtigkeit bis nach Ägypten werfen können. Natürlich thut er Wunder von Tapferkeit. Er tötet so viele Heiden rings um sich, dass er aus dem Kreise der ihn umgeben- den Leichen gar nicht mehr herauskommen kann^, öder- er bringt ganz allein fünftausend Sarazenen um. Freihch trägt er tausend Wunden davon und ist wie ein Sieb durchlöchert-. Aber er macht sich ebensow^enig daraus, als ein ander Mal, wo die Sarazenen soviel Speere auf ihn werfen, dass er wie ein Stachelschwein ^ aussieht. Ein so kolossaler Mensch muss natürlich viel essen^ um seine Kraft zu unterhalten. Mit seinem Freund Margutte zusammen brät er einen Elephanten am Spiess, — dieser Spiess ist eine Pinie, und er bedient sich ihrer nach der Mahlzeit als Zahnstocher, — dabei hat er einen so furchtbaren Appetit, dass er das Tier bis auf die Knochen verzehrt und seinem Freunde nur die Füsse und den Kopf übrig lässt. In der kurzen Zeit, w^ährcnd Margutte Wasser holt, bringt er es fertig, einen Büffel, ein Einhorn, einen Basilisken und ein Kameel herunterzuschlucken. Für einen Haudegen, wie Roland, ist es natürlich von grossem Wert, einen so mächtigen Riesen als Bundesgenossen zu haben. Mit ihm fürchtet er sich weder vor Felsenriffen noch Sturm. — Zittern ja doch die Mauern von Babylon, beben ja doch Himmel und Erde bei seinem Anblick! — Im Verein mit ihm würde er es mit Jedermann aufnehmen, mit Alexander, Caesar, Hannibal, Marcellus! So freut er sich denn auch unendlich, w^enn er ihn nach langer Trennung wieder sieht, und küsst ihn tausend und aber- tausend Mal.


1 X 4G.

2 VII 4o — 44. Die Vorlage hat nichts davon,

3 III 6.


100 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


Aber auch ohne Hilfe von Riesen sind die andern Helden bei Pulci schon «anz respectable Recken. Auch in dieser Beziehung hat der Dichter sehr oft seine Vorlap^e bedeutend übertrieben. Die Kampfbeschreibun- gen, in welchen die verschiedenen Paladine wunderbare Thaten der Tapferkeit ausführen, nehmen bei Pulci mehr Strophen ein als in der Vorlage i. Die Helden schla- gen so stark auf einander, dass nicht bloss die Funken stärker sprühen als das Feuer aus dem Ätna, sondern ge- radezu tausende und abertausende von F'ackeln zum Him- mel emporlodern. Die Götter Mars und Jupiter könnten es nicht mit ihnen aufnehmen; sie fürchten sich geradezu vor ihnen (XXVI 131). Und sie haben recht, denn w^enn man die Prahlereien der Helden hört, da begreift man, dass es den Heidengöttern recht bange sein müsste. Ver- messen sich die frommen Helden ja sogar die Heiligen und die Engel zu plündern, wenn sie ihnen begegnen 2. Selbst den heiligen Petrus würden Rinaldo und Astolf nicht verschonen, ebensowenig die heilige Ursula und den Engel Gabriel. Was brauchen sie denn überhaupt noch ein Paradies mit Heiligen? Dem Rinaldo gefällt ja die Schlacht so sehr, dass es ihm geradezu vorkommt, als sei er im Himmel mitten unter Cherubim, und er- freue sich an ihrem Gesang und am Klange ihrer In- strumente. So schwelgen denn die Helden förmlich im Gemetzel und im Blutbad. Ruggiero spaltet den Fein- den die Köpfe bis auf die Augen, Zähne oder Brust her- unter. Sein Schwert dringt durch Stahl ebenso leicht wie durch Butter. Turpin spiesst Sarazenen auf wie er Rosenkränze abbetet. Er springt wie eine Katze herum: ,,e non st pub teuer coii cento strainhe e spicca Jtasi, orecchi, e inani e ganibe}^ Selbst Bayard, Rinaldo's Pferd kämpft, aufrecht stehend, wie ein Bär, und zerschmettert den Heiden die Kno-


1 cf. Orlando XVII 7, eine Strophe. Pulci X, acht Strophen, 40—48,

2 Morgante XI 20 — 21 (keine entsprechende Stelle im Orlando).



Kapitel II. Die italienische Rilterdichtung. 101


€hen; er beisst und haut mit solcher Wut um sich, dass er aussieht, ,,wie die rasende Hecuba. Kein Wun- der, dass die Gehirne in solcher Zahl umherfliegen, dass die Krähen sich darum streiten, dass der Körper der Kämpfenden aussieht wie ein Reibeisen ^, dass das Thal von Roncevau ,, einem Tiegel gleicht mit einem gros- sen Ragout von Blut, Köpfen, Füssen und anderem Knochenwerk*'-. — Ebenso wie Pulci die Tapferkeit der Helden übertreibt, so karikiert er auch einige eigentüm- liche Züge der Bänkelsängerpoesie. Kaiser Karl spielt schon im Orlando eine klägliche Rolle ; im Morgante wird dieselbe geradezu kindisch und läppisch ! Immer und immer wieder betrügt ihn Ganelo, der Erzverräter ^] aber Karl der Grosse liebt ihn und herzt ihn trotzdem als seinen allerbesten Freund ; sobald er ihn sieht, läuft er auf ihn zu, küsst ihn und weint, wenn die Andern ihn anklagen. Die Paladine verachten ihn deshalb und ersparen ihm die derbsten Vorwürfe nicht. „Du bist nicht zum Regieren geschaffen, Karb', sagt ihm Astolf:

„E fat comc si dice V asinello J-^ Man spottet über seinen Namen, macht Kalauer über ihn : ,,0 Carlo matto, che non si pttb chiamar piü Carlo

niano ^.'^ Rinaldo will ihn zur Strafe für seine Dummheit vom Throne herunter werfen, ihm die Krone vom Haupte herunterreissen, ihm Haar und Bart rasieren, diesem alten, kindisch gewordenen, verrückten Schuft •',

,yE mettergli tum mit er a a hcndoni E'n Stil carro di Astolf o farlo andarc Per tritt a la cittä come i ladroiii.^^


1 XXVII 85.

2 XX\ai 56. Gaspary p. 223.

^ Quel che t'ha fatto mille tradimenti

E mille, mille, mille alla sua vita, 4 XXIV 169. ^ „Ribaldo vecchio, rimbambito e pazzo."


102 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

Und Uliviere, der in seiner Gegenwart dem Ganelo eine Ohrfeige giebt, sagt ihm mit geradezu unglaublicher Frechheit :

A te si vorre darc

Taiito in siil cid che diventassi rosso E farti n Gano il tiio miguon frtistare Che t'ha sempre trattato come aom gi^osso^^ i. In solchen Fällen hat Pulci gewiss die Absicht, die im Bänkelsängerepos übliche burleske Darstellung Karls des Grossen zu karikieren -. Die Neigung zur Übertreibung,.


1 XXIV 50.

2 Burleske Darstellungen sind bei Pulci auch unabhängig von der Vorlage sehr häufig. Er macht sich sehr gerne über die Religion lustig. Manchmal genügt eine einzige triviale Bemerkung, um eine ganze Erzählung ins Lächerliche zu ziehen. So z. B., wenn XXIII 26 Rinaldo den Fuli- gatto zum Christentum bekehrt, und Pulci von den Betrachtungen, die er über die Taufe und die Religion überhaupt anstellt, sagt: „E t'ece un lago di teologia" str. 27. Oft ist das ganze Gebahren einzelner Personen bur- lesk. So z. B. die Art, wie Margutte sich der Religion gegenüber verhält, Avenn er auf die Frage des Morgante, ob er Christ oder Heide sei, ant- wortet, er glaube nicht mehr an schwarz wie an blau, sondern glaube an schöne Hammel- und Rinderbraten, hauptsächlich aber an Wein: „E credo nella torta e nel tortello | l'uno e la madre e l'altro e il suo figliuolo, | il vero paternostro e il fegatello | e possono esser tre, e due ed un solo j^ Ebenso burlesk ist der Gedanke Pulci's, als besten Freund der französischen Paladine einen Teufel einzuführen, der in der Bibel ganz gut Bescheid weiss, und mit scheinbar tiefer Überzeugung von der Wahrheit des katholischen Glaubens redet, mit Feierlichkeit die christlichen Dogmen predigt und auf die schwierigsten theologischen Fragen mit Geschick zu antworten weiss. Auch sonst fehlt es an burlesken Stellen nicht. ISIitten in den pathetisch- sten Scenen wird Pulci j)lützlich trivial, gleichsam um uns zu zeigen, dass es ihm eigentlich nur um Schabernack zu thun ist. Es fällt dies be- sonders auf bei der Beschreibung der Schlacht von Ronceval. Der getra- gene Ton der Erzählung wird hier ganz unvermittelt durch ungehörige Be- merkungen in ein burleskes Licht gerückt. Rührend ist z. B. die Scene des Todes von Rolands Pferd. Der arme A'^egliantin ist schon dem Tode nahe. Da bittet Roland sein treues Ross um Verzeihung, wenn er ihm jemals etwas Unrechtes gethan habe. Als er „Verzeihe mir!" sagt, scheint es, als ob das Pferd die Augen öffnete und mit Kopf und Haltung zu- stimmte, sodass Roland denkt, dass es wieder zu sich kommt. Die Wirkung dieser pathetischen Stelle geht aber sofort verloren, wenn wir gleich darauf


Kapitel II. Die italienische Rittcrdichtunj^'. 103


welche, wie wir gesehen haben, bei Pulci schon manch- mal groteske Züge aufweist, bleibt bei der Satire nicht stehen, sondern macht sich sogar im Stile geltend. In dieser Beziehung ist die Beschreibung des Zeltes, welches Luciana ihrem Geliebten gegeben hat, recht interessant. Pulci begnügt sich nicht mit den vier Strophen seiner Vorlage, sondern dichtet dreiundvierzig Strophen hinzu, in welchen er ganz genau Alles beschreibt, was auf dem Zelte sich beündet (XIV 44—87). Fünfzehn Strophen zählen uns die Vögel auf, zwölf die Vierfüssler, welche auf dem wunderbaren Zelte abgebildet waren. Wir haben es schon mit wirklichen Listen zu thun, wie wir sie später bei Rabelais ßnden werden cf. str. 80:

,,Gatto, mammon^ bertiiccia c bablmiuo

Muso^ camoscio, inoscado^ e sibetto

La doiinoletta c'l piilito ermellmo u. s. w.

Ganz gewiss hat Pulci dabei die Absicht, die übertriebene

Bedeutung, welche die Bänkelsänger solchen äusserlichen

Beschreibungen beilegten, zu karikieren. Wir erkennen


lesen: „Dunciue Pirranio e Tisbe al gelso fronte | a questa volta e Veglian- tino c'l conte." .Vucli an anderer Stelle, so in dem Kampfe XXVI 91, als die Helden erschöpft und ermattet dem Tode nahe sind, und erzählt wird, dass man im Himmel schon grosse Vorbereitungen zu ihrem Empfange trifi't, heisst es urplötzlich: „Petrus wird gute Ohren haben müssen, denn die Seelen schreien fortwährend Hosannah, und Petrus muss laufen „sieche la barba gli sudava e il pelo". ^Vuch sonst gebraucht Pulci sehr gerne triviale Ausdrücke, wenn er von seinen Plelden spricht: Rinaldo ist ein Vielfrass, „mangia come un arlotto". Roland ist ein Kirchturmsrabe IV 68, d. h., er lässt sich durch keine Worte bewegen, wie die Raben den Kirchturm nicht verlassen, \venn die Glocken auch noch so stark läuten. Olivier, der dafür bekannt ist, dass er sich in alle Damen, denen er begegnet, verliebt, wird von Rinaldo durch das Sprichwort verspottet: „A ogni cosa appicheremo il maio I che come l'asin fai del ])entolai()". Aber Olivier kann, so sehr er es auch möchte, seine Liebe nie verleugnen. Sie lässt sich ebensowenig verbergen, wie etwa der Husten: „Vero e j^ur che l'uom non possa | Celar per certo l'amore c la tossa". Und ebenso unehrerbietig ist der Dichter gegen mythologische Persönlichkeiten. Von Titon heisst es, dass er sich die Stirne kratzt, Morgante will dem Charon den Bart abrasieren und den Pluto vom Throne herabwerfen u. s. w.


104 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

das deutlich am kolossalen Pathos, mit welchem er Rinaldo schwören Ulsst, dass er das Zelt in Ehren halten werde:

„Qiiesto scmprc terra per lo tiio umore ;

Qu est o terra sapra ogiii cosa dei>;no;

Qu est a terra con sUigutare onare;

Qiiesto terra di tue vir tu per segua;

Questo terra che atbergherä ü mia cuare;

Questa terra per che det tua sia il pegno;

Questo terra vivenda in sempiteruo;

Questo terra pai in ciela e nello inferno}^ XIV 88

Der gravitätische Ernst, mit welchem im Epos der Ritter alten Schlages Alles auffasst, wird von Pulci gerne in solchen übertrieben pathetischen Strophen grotesk satiri- siert. Der von der Heiligkeit seines Kriegerberufs über- zeugte Held kanzelt in solchem Stile denjenigen ab, der die Sache auf die leichte Achsel nimmt. Man lese nur folgende Strophe:

Parti che il ternpo sia canforme a questa? Parti che il ternpo sia da inamorarsi? Parti che il ternpo sia qui lunga o presto? Parti che il ternpo sia daver piit starsi? Parti che il ternpo sia tranquillo o infesto? Parti che il ternpo sia da rnoteggiarsi? Parti che il ternpo sia da dania o lancia? Parti che il ternpo sia d'andarne in Francia?

XVI 50 1

Auf ähnliche Weise wird stets der Affect karikiert. Will z. B. der Riese Vigurto mit grossem Nachdruck die dem sarazenischen Hofe angethane Schmach hervorheben, so lässt er sich vom Zorne zu folgender Strophe hinreissen:

Questo nori e quel ch'egli are' creduto Questa rian e gentilessa di Fransa^ Questa non e ronar c'ha ricevuta, Qaesta non e d'irnperadare nsan.sa,


I


1 Ähnliche Strophen XVI 47, 49, 51.


Kapitel ir. Die italienische Ritterclichtun<;. 105

Qtiesta 11011 d i(i'iisti.zia nc dovuto, Qiicsto non c huoii scii^no d'ainist(iu.za: Qtiesta 11011 c piii la fii^liiioln nostra, Pol ch'ella e falta coiiciibiua vostra. X 184 Bei Verfluchungen ist diese Stiltbrm stehend. So XXIII str, o4, wenn Rinaldo sein Pferd verflucht, weil er mit demselben im Kampfe gefallen ist: „Verflucht, du Klepper, verflucht die Gerste, die ich dir gab, verflucht das Heu, verflucht du fatiler Gaul, verflucht ich selber, der ich dich gestriegelt, Axn-flucht dein erster Herr, verflucht, wer dich ernährt, verflucht das Gras, das du gefressen, verflucht der Tag, an dem ich dich bekam! Oder wenn Arpalista auf Mahomet schimpft, der ihn vor einem Kampfe mit Rinaldo nicht zurückgehalten habe: „Verflucht, dass ich dir je geglaubt, A^erflucht sei deine Gottheit, verflucht, wer dir je gefallen, verflucht, wer dich anbeten wird, verflucht, den ich verschmähe, verflucht deine Grausam- keit, verflucht, wer deinen Namen ehrt, verflucht der Tag und die Stunde, wo ich geboren wurde! XXII 185 — Oft werden auch ganz einfach Schimpfwörter an einan- der gereiht, so XIV 7:

j,Adultero, sfacciato, reo, rtbaldo, Crndo tiranno, iniquo e scelerato, Nato di tristo e di superchto catdo. Non piio piii il ciel patir tanto peccato, Net quäle tu pure se' ostinato e satdo Lussorioso, porco svergognato, Poltron, gagliof/o, poltroniere e "vile Degiio di Star cot ciacco iiel porcile}^ Ebenso wortreich sind die Klagen eines Mädchens, das von einem Riesen gefangen und einem Löwen bewacht wurde. Sie ruft ihre ganze Verwandtschaft zur Mitklage auf: O padre, o madre, o fratelli, o sorelle, ■ O dolci allliche, o co/upagne, o parenti XIX 20 und so weiter, die ganze Strophe durch. Darauf fragt sie sich die folgenden acht Verse durch, ob ihr Gefängnis nun ihr Vaterland sein würde: ,,E questa ta mia patria


lOG Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

ov' in mtcqui, h qucsto il niio palai^io o V luio castello u. s. w.; und in Strophe 22 und 2.-], wo jetzt ihre Purpur- kleider, ihre Kleinodien und Reichtümer seien: ,,oir son or Ic inic ptirpiircc veste, ovc son or le gemme c Ic richa^se u. s. w., wieder zwei ganze Strophen durch.

Dass Pulci selber bei diesen furchtbaren Verfluchungen und Klagen seiner Helden ganz kalt bleibt, braucht kaum erwähnt zu werden. Er lässt sie in diesem übertriebenen Pathos reden, um sich über die Bedeutung lustig zu ma- chen, welche die Helden der Bänkelsängergedichte Dingen beilegen, die es nach seiner Meinung durchaus nicht ver- dienen. Die Mittel, die er dabei anwendet, sind der gro- tesken Satire und dem grotesken Stile eigentümlich ^

Während bei Pulci das Groteske schon einen ziemlich grossen Raum einnimmt, finden wir bei Bojardo nur An- sätze zu demselben. Die Tendenz Pulci's, die Ritter der alten Zeit lächerlich zu machen, ist bei Bojardo in dem Masse nicht vorhanden. Die Liebesabenteuer des Rinaldo und Roland sollten an und für sich gefallen, und interes- sierten auch das feine Hofleben Ferrara's, in w^elchem die Turniere, der Dienst der Liebe und ritterlicher Courtoisie zu neuer Blüte gelangt waren '^. Auch hätte eine Satire des Bänkelsängerepos in Ferrara wenig Anklang finden können, da eine volkstümliche Gattung der Ritterdichtung sich hier nicht entwickelt hatte vde in Florenz ^. Nichts- destoweniger fehlen aber bei Bojardo die karikierenden Motive durchaus nicht. Der Italiener des L5. Jahrhunderts ist ein sehr praktisch angelegter Mensch, der sich von


^ Noch andere Aufzählungen finden sich bei ihm, cf. XXVIII 117: „E la Francia, e la Ghienna, e la Borgogna j E Navarra, Aragcna, colla Spagna, j La Fiandra, e ringhilterra, e la Guascogna, | La Dazia, e la Ger- mania, e la Brettagna, j E Pannonia, e Boemia, e la Sansogna, | E tante gran provincie della Magna, j E l'lstria, e la Dalmazia, e Lorabardia, j Rimason sotlo lu sua monarchia."

2 Gaspary: Geschichte der italienischen Litteratur II p. 289.

3 id. p. 279,


Kapitel II. Die italienische Ritterdichtun^. 107

Schwärmerei nicht hinreissen lässt, auch wenn er bewun- dert. Mochte man am glrmzenden Ritterleben und an der feinen Courtoisie auch wirkhches Vergnügen linden, so war man doch weit davon entfernt, wie die Ritter der Tafeh-unde, in der ritterhchen PÜicht und Standesehre aufzugehen. Und so konnte sich der Graf von Scandiano eines ironischen Lächelns bei der Darstellung der Ritter der alten Zeit, die Alles so ernst und so tragisch nahmen, nicht erwehren. Es machte ihm ganz besonderen vSpass, gerade diejenigen Seiten des Rittercharakters herauszu- streichen, welche zu der Lebensauffassung der italienischen Renaissance im Contrast standen. So übertreibt er die in den alten Epen im Ernst gelobte Keuschheit Rolands, um sie zu verspotten. Dieser furchtbare Haudegen, der sonst vor nichts zurückschrickt, dessen Gesicht selbst im Schlafe so furchtbar ist, dass jeder Ritter beim Anblick desselben erbebt, dessen Schwert einen ganzen Demant- berg zerschlagen könnte und die Feinde bis auf den Sattel- knopf durchhaut, ist beim Anblick von Damen entsetzlich unbeholfen und zaghaft; heisst es doch an einer Stelle, dass er kaum noch weiss, ob er tot oder lebendig ist. So zittert er und bebt er, weil er den Helmschmuck, den ihm Ange- lica gegeben, einen kleinen Liebesgott, verloren hat; von jeder Frau, die ihm begegnet, lässt er sich foppen, und weiss die schönen Gelegenheiten nicht auszunutzen, die sie ihm darbieten. Diese einem Hofe des 16. Jahrhunderts jedenfalls höchst seltsam vorkommende Tugend stellt Bo- jardo oft in ein so grelles Licht, dass die Leser dabei nicht mehr bloss ironisch gelächelt, sondern schon recht tüchtig gelacht haben werden. Solche bis zur Unmög- lichkeit karikierende Scenen sind echt grotesk. So vor allem die Scene, wo Angelica den Roland badet! Sie hat ihn selbst entkleidet, dabei oft geküsst ; sie hat seine Glieder mit Öl eingerieben und ihn von Hals zu Fuss ge- waschen. Aber selbst in dieser verfänglichsten Situation bewährt sich des Grafen Schüchternheit und Jungfräu- lichkeit :


108 Erster Teil: Die Zeit vor Kabelais.

„Stavasi ii conte qtiieto^ c vergognoso, Mcntrc la danui intonio il rnaneggiava, E betJcM fasse di qiiesto gioioso Crescer in nlciin loco non mostrava. Ebenso thöricht wie ein solches Gebühren musste dem schlauen Italiener die Biederkeit und Ehrlichkeit des Ritters des mittelalterlichen Epos vorkommen, welcher sich gegen Verschlagenheit und List trotz seiner Kraft und Stärke nicht zu schützen vermochte. Und Bojardo trifft echt groteske Töne, wenn er sie verhöhnt. Vom listigen Brunell müssen sich die furchtbarsten Ritter die tollsten Streiche gefallen lassen : Dem Sacripant entwendet er sein Ross unter dem Leib, dem Roland stiehlt er sein Schwert und Hörn im Vorbeilaufen, die gute Marfisa, die ihm schon sechs Tage lang nachläuft, lacht er auf die gemeinste Weise aus; er schneidet ihr Fratzen, streckt die Zunge heraus, blinzelt mit den Augenbrauen, zieht sich den Rock über den Kopf und zeigt ihr seinen schönsten Körperteil -. Sie lässt sich aber auch durch diese Unge- zogenheiten nicht zurückschrecken. Zwei Wochen lang steigt sie nicht vom Pferde 3; um ja keine Zeit zu ver- lieren, nährt sie sich nur von grünen Blättern; sie klet- tert über die steilsten Berge, überschreitet die breitesten Flüsse, durchwatet die Sümpfe, schlägt sich durch das Dickicht der Wälder, sie denkt an nichts, wie an die Ver- folgung des Diebs, und ist in die Aufgabe, die sie sich gestellt, so vertieft, dass sie nicht einmal merkt, dass ihr Pferd schon am sechsten Tage ihres atemlosen Rennens tot unter ihr zusammengebrochen ist ^. Dafür giebt sie aber die Jagd nicht auf, sondern verfolgt den Brunell nun zu Fuss, in voller Rüstung; als sie ihr später zu schwer


1 I 25 str, 39. Ich eitlere nach der Ausgabe in der Sammlung von Sonzogno: Orlando innamorato di Matteo Maria Bojardo ridotto a miglior lezione con le notizie dell' autore, Milano. Sonzogno Editore 1878.

-' II. 11. 3 fF.

3 II. 15. 67.

4 II 16 5.


Kapitel II. Die italienische Ritterdichtung. 109

wird, legt sie dieselbe nieder, aber darum lässt sie von der Verfolgung" doch nicht ab, sondern läuft auch so treu- herzig weiter; ja bis zum Tode, ruft der Dichter aus, wäre sie gelaufen, wenn sie nicht plötzlich durch ein anderes Abenteuer abgelenkt worden wäre.

Ebenso wie die Schüchternheit und Biederkeit, wird auch gerne die brutale Gewalt, an welcher man in der Zeit keinen Gefallen mehr haben konnte, grotesk satiri- siert. So würde Marfisa, wenn sie den Brunell finge, ihn mit solcher Macht zerschmettern,

^^Che il capo, il collo^ ü petto e la cor ata Tiitte fian peste sol d'tuia guanciata ^ Die Streiche Rolands sind immer furchtbar. Haut er doch mit seinem Schwert einen Marmorblock entzwei! Dass die Heere stets kolossal sind, versteht sich von. selbst; dasjenige Agricane's zählt zwei Millionen; aber das hin- dert nicht, dass neun Ritter allein gegen dasselbe zu Felde ziehen; die Ritter sind dreissig Fuss hoch, und um das Wunderbare der alten Gedichte, an w^elches man nicht mehr glaubte, auch zu verspotten, erscheint Alles gefeit: „Gefeit die Ritter, Orlando, Rinaldo, Ferraguto, gefeit die Rosse, wie Bajardo und Rabicano, gefeit endlich auch Lanzen, Schwerter und Helme" ^.

Ebenso wie bei Bojardo, finden sich auch im Mam.- briano des Blinden von Ferrara, neben vielen burles- ken Zügen '^ manche groteske. So ganz besonders die

1 II. 10, GO.

2 Gaspary II p. 287.

3 Zahlreich sind übrigens auch die burlesken Stellen und Ausdrücke bei Bojardo, Karl der Grosse ist beinahe ebenso behandelt wie bei Pulci. Bojardo nennt ihn fast stets Carlone. An krassen Ausdrücken fehlt es nicht: D'altro che rose avea le brache piene, heisst es XIV 55 von einem, dem die Angst das Herz in die Hosen treibt. Über die Wirtshaus- und Gassensprache der Helden, über die Schimpfwörter, welche sie sich nicht scheuen in den Mund zu nehmen (Buch II, 7. 40, 41; 2. 65; 18. 9, 10 u. s. w.), cf. Vergili in seinem Berni. Ich würde ihnen aber nicht soviel Bedeutung beilegen, wie er. Man darf nicht vergessen, dass die Zeit in Wörtern, die uns anstössig scheinen, durchaus nichts Schlimmes sah, und dass selbst die feinsten Gesell-


110 Krsler Teil: Die Zeit vor Rahelai«.

Geschichte des kolossalen Riesen, welcher, als er von Bradamante besiegt wird, durch seinen Fall einen sara- zenischen König samt seinem Pferde so in die Erde hin- eindrückt, dass man nie mehr auch nicht die Spur von ihnen entdecken kann; grotesk ist auch jener kolossale Schlag, welchen Rinaldo dem Mambrian versetzt und der so gewaltig ist, dass er den Dichter selbst erschreckt und ihn zwingt, die Leier bei Seite zu legen und den Gesang abzubrechen. Auch der Blinde von Ferrara übertreibt neben der brutalen Gewalt auch die Ehrenhaftigkeit der Ritter. Rinaldo bekämpft den Mambrian einfach deshalb, weil er von demselben des Meuchelmords beschuldigt worden war. Nachdem er ihn besiegt, schenkt er ihm nur unter der Bedingung das Leben, dass er seinen Irr- tum nicht nur öffentlich bekenne, sondern sogar diese Er- klärung in einen Stein einmeisseln lasse, damit die ganze Nachwelt wisse, was sie von ihm zu halten habe.

Nicht minder wie seine J^eiden Vorgänger hat auch Ariost gerade diese Züge im Ritter vom alten »Schrot und Korn zur Zielscheibe seines Spottes genommen. Zunächst die brutale Kraft: Rolands Schwert Duridana ist so gut als hundert Sensen in des Todes Hand. Wie Frösche


schaftskreise im 16. Jlidt, eine Sprache redeten, die man jetzt bei Gebildeten nicht linden würde. — Im Mambriano sind burleske Züge häufig; man denke vor Allem an den Kaiser Pinamonte aus Trapezund, der trotz seines Alters in Bradamante ganz vernarrt ist und den Kampf, von dessen Entscheidung sie ihre Gunst abhängig gemacht hat, mit ihr versuchen will, aber noch vorher auf seinem Gaul einschläft, dann von dem Ritterfräulein ins Bett ge- tragen wird, und später beim Tanzen recht unliebsame xmd unanständige Abenteuer zu erleben hat. Burlesk ist das Ende eines Gesangs, den der Dichter abbricht, weil er zu durstig ist, und der Anfang des nächsten, den er beginnt, indem er verkündigt, er habe von Silen guten Wein bekommen, habe gut geschlafen, und könne nua wieder anfangen.

1 Libro d'arme e d'amore nomato Mambriano, composto per Fran- cisco Cieco da Ferrara. Ferrara 1509. — Gaspary, der das Gedicht nur kurz erwähnt, kennt es nur aus den Analysen bei Ferrario III 53 und Val. Schmidt 198 und den Äusserungen Rajna's, Fonti dell' Orl. p. 31. — Ich stütze mich auf Gioguene Histoire litteraire d'Italie IV p. 254 ff.


Kapitel II, Die italicnisclie Riltcrdichtun<^, 111

spiesst Roland sechs Feinde, den einen über den andern, gerade wie wenn sie von Teig" wären, an seine Lanze (1X68). Ruggiero ist nicht weniger schrecklich; er spaltet die Menschen bis auf den Sattelknopf und streckt sie zu gleichen Teilen auf den Boden; hundert Leute wirft er im Nu auf das Schlachtfeld. Er rennt mit solcher Wucht gegen Mandricardo, dass die Lanzensplitter bis in den Himmel fliegen und dann verbrannt wieder hinunter fallen, weil sie bis zur Sphäre des Feuers gedrungen sind. Natürlich halten Ritter, welche solche Heldenthaten voll- bringen, viel auf sich, und wenn sie einmal im Kampf un- glücklich gewiesen sind, empfinden sie es recht schwer. So schämt sich Zerbin (XX 130) aus einem solchen Anlass so sehr, dass sich nicht nur seine Wange rot färbt, son- dern sogar beinahe jedes Stück der Rüstung, die er trägt. Rodomonte ist so unglücklich darüber, dass er von Bra- damante vom Pferd herunter geworfen worden sei, dass er sich gelobt, ein Jahr, einen Monat und einen Tag ^ als Einsiedler in einer Zelle zu leben, und trotzdem sein Heer seine Hülfe sehr braucht, doch dies sein Versprechen treu ausführt (XL VI 102): ,,Denn so pflegten sich die Ritter in der damaligen Zeit selbst zu strafen' ^ fügt Ariost schalkhaft hinzu.

Wie lächerlich musste in der Zeit der rücksichtslosen, ranke vollen Politik, wo P'ürsten es für durchaus nicht ehrenrührig hielten, Brüder und Verwandte zu töten, falls es ihre Politik erheischte, das übertriebene Zartgefühl dieser braven Ritter vorkommen? Ariost beleuchtet mit Vorliebe solche Züge. So schon ganz zu Anfang, im Kampfe zwischen Ferraü und Rinaldo. Sie sind die bitter- sten Feinde, die eifersüchtigsten Nebenbuhler. Während sie um den Besitz der schönen Angelica kämpfen, entflieht sie. Da schlägt Rinaldo seinem. Nebenbuhler vor, den Kampf zu unterbrechen, bis sie wieder in ihre Nähe ge-


1 Man beachte die übergenauen Zahlan^aben, wie im Dit d'aventures und später bei Rabelais in noch weit höherem Masse.


112 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais,

kommen seien. Fern von ihr habe ja der Kanipl' keinen Zweck. Da Rinaldo sein Ross verloren hat, lässt der Sarazene ganz freundschaftlich seinen Feind hinter sich aufsitzen, damit sie schneller zu Angehca gelangen. Da bricht Ariost in den Ruf aus, welcher dem Hippolyt von Este, der seinen Bruder und Nebenbuhler so grausam und heimtückisch behandelt hatte, ganz merkwürdig in den Ohren klingen musste: I 22

„O grau bontä äei cavalicvi antiqni Eran rivali, eran di fe diver si, E si sentian degli aspri colpi iniqui Per tiUta la persona anco dolcrsi ; Eppur per selve osciire e calli obliqui Insieme van sensa sospetto aversi.'^ Auch im Abenteuer mit der hässlichen alten Gabrina macht sich Ariost lustig über die alte Ritterehre. Da Gabrina sich in den Schutz der Marfisa und später des Zerbin begeben hat, erheischt es die Ritterehre, dass sie dieselbe gegen jeglichen Angriff schützen, selbst nachdem sie erfahren haben, dass sie eine ganz gemeine Giftmischerin ist und ihre zwei Gatten hat ermorden lassen. — Ebenso wie die übertriebene Courtoisie, so musste auch die über- triebene unendlich treue Liebe der Ritter den Spott des sittenlosen, stets von einem Sinnesgenuss zum andern hineilenden Geschlechts der Zeit erregen. Roland, Rinaldo, Ferraü, Sacripant, denken an nichts Anders wie an Ange- lica; ihr ganzes Sinnen und Trachten geht darauf aus, sie zu suchen; über diese Liebe vergessen sie Alles; Ro- land verliert selbst den Verstand darüber. Eine so schw^ärmerische Liebe musste um so komischer Avirken, als die Frauen im 16. Jhdt. durchaus nicht im Rufe standen, eine so ernste Neigung zu verdienen. Ariost selbst giebt uns in einer Episode eine recht krasse und echt groteske Satire der Unkeuschheit des schönen Geschlechts. Die Frau des Giocondo, welche ihren abreisenden Gatten nur mit Thränen von sich hat ziehen lassen, die sogar Alles versucht hat, um ihn zurückzuhalten, betrügt ihn, sobald


Kapitel II. Die italienische Ritterdichtung. 113

er den Rücken <>"edrcht hat, indem sie einem ju;anz ge- wöhnlichen Dienstmann ihre Gunst schenkt. Und doch ist Giocondo einer der schönsten Männer! Ebenso zieht die Frau seines Freundes Astolfo ihrem als £^anz beson- ders schön bekannten Mann einen furchtbar hässlichen Zwerg vor. So üble Erfahrungen bringen die beiden Freunde zur Überzeugung, dass eigentlich keine Frau sich mit einem Manne begnügen kann. Nachdem sie sich durch Verführung einer Unmasse von Frauen in dieser Ansicht bestärkt haben, nehmen sie sich zu Zweien eine Geliebte. Aber auch diese weiss sie zu betrügen, und zwar sogar unter ganz besonders erschwerenden Umständen — denn sie bringt die Nacht stets mit ihnen im selben Zimmer, im selben Bett, ja sogar zwischen ihnen zu ! . . . . Auch das Wunderbare in den Abenteuern satirisiert Ariost an einigen Stellen grotesk. ,,Auf Rat des h. Johannes fängt Astolfo, um sein Heer in der Wüste zu sichern, den heissen Südwind in einen Schlauch, und geht mit diesem getrost auf den Marsch (XXXVIII 30). Durch in- brünstiges Gebet verwandelt er Steine in Pferde; wie sie den Berg hinunterkollern, bekommen sie Schwänze, Beine, Hälse, Köpfe, fangen an zu wiehern, haben auch schon das Zaumzeug und mit ihnen kann er 80102 Mann be- ritten machen'* i. Die präzise Zahlbestimmung, wie über- haupt die genaue Beschreibung des Unglaublichsten, lässt auch hier wiederum an Rabelais' Satiren denken. Wir finden sie häufig im Keime bei Ariost. Bei Beschreibungen von Schlachten wird stets ganz genau berichtet, wie viele sterben; auf die Autorität Turpins mit gewichtiger Miene hinzuweisen, versäumt Ariost auch nicht. So z. B. : ,,Di cento Tciiti (che Tiirpin sottrasse 11 conto) ottauta ne pcriro cihneno . XXIII 62. Bei Beschreibung der Flotte weiss der Dichter auch ganz genau, dass die Schiffe so eng neben einander stehen, dass selbst ein Hirsekorn zwischen ihnen keinen Platz fände (XL 70).

1 Gaspary: 1. c. p. 440. Schneegans, Gesch. d. grot. .Salire. 8


ill Erster Teil: Die Zeit vor Kabelais.

Auch die Zusamnicnhangslosigkc'il der J{rzalilun<>' in den Ritlcrgedichten wird gerne grotesk karikiert. Ariost scheint sieh ein besonderes VYM'gnügen daraus zu machen, seine Helden ganz unmotiviert von einem Abenteuer auf das andere zu schicken. Die willkürlichste Phantasie ist allein massgebend. Wir belinden uns oft geradezu in einem Labyrint, wo die wirrsten Abenteuer einander hetzen und jagen. Das Unmotivierte, welches die Erzählung selbst hat, zeigen die Helden auch in ihren Handlungen. Sie lassen sich auch hier nur von der reinsten Laune leiten. Man denke nur an folgenden Zug: Obgleich es Rug- giero's heissestes Verlangen ist, eiligst zu Bradamante zurückzukehren, unterlässt er es deshalb doch nicht nach Polen, Ungarn, Deutschland, ja bis ans äusserste Ende von England zu reisen! Macht es ihm ja doch Vergnügen die Welt sich anzusehen! Und Ariost füij^t auch maliziös hin- zu, indem er sich an Hippolyt von Este wendet : ,, Glauben Sie deswegen nicht, Herr, dass er auf diesem langen Wege immer im Fluge geblieben sei. Alle Abende ging er ins Wirtshaus, und vermied, so gut er konnte, schlechte Her- bergen zu finden.*^ X 72. Das Letztere ist ein burlesker Zug. Ähnliche Züge finden sich in Menge im Orlando K

1 Einige der köstlichsten Scenen sind folgende: Als Astolf bei seiner Verfolgung der Harpyen in die Unterwelt gelangt, findet er in einer von dnrclid ringendem Rauch erfüllten Höhle eine Seele, welche zur Strafe ihrer Sünden an der Decke zappelt. Als Astolf das irdische Paradies betritt, giebt man ihm dort „Tisch und Bett, seinem Pferde Stall und Fulter; er schmaust von den schönen Äpfeln da droben und muss sich gestehen, Adam und Eva seien doch in etwas zu entschuldigen. Am andern Morgen steht er auf, und der h. Johannes unterrichtet ihn über die Bestimmung seiner Reise, von der er selbst nichts wusste", (Gaspary 1. c. p. 441.) dann reist er in Elias' Feuerwagen nach dem Mond, von wo er Rolands Ver- stand holen soll. Denn im Monde befindet sich Alles, was auf Erden ver- loren geht, so natürlich eine ganze Menge von Verstand; er steht auf Flaschen gezogen, und jegliche trägt ein Etikett mit dem Namen des ehe- maligen Inhabers". Als aufgedunsene Blasen werden die verlorenen Kronen der Assyrer, Perser und Lyder aufbewahrt; dieAlmosen, die man zur Verteilung nach dem Tod zurückgelassen hat, finden sich als verschüttete Suppen im Monde, die Reize der Damen als Vogelleim u. s. w.


Kapitel II. Die italienische Ritterdichtung. -115


Wie fein ist aber das Burleske bei Ariost noch im Ver- gleich zu demjenig'en, das Teofilo Folengo in seinem ita- lienischen Gedicht Oiiandino ^ anwendet! Da haben wir schon die burlesken Exordien, die wir binnen Kurzem in der macaronischen Poesie wieder finden werden. ,,Gieb mir zu essen und zu trinken, wenn meine Reime schön werden sollen", so fängt er gleich an, ,,denn bei Gott, ich kümmere mich nicht um den Helikon. Das Wasser- trinken missfällt mir stets!" Und wenn er genug gesungen hat, so ist er um den Schluss nicht verlegen :

,,Ho di mangiar che di cautav pih voglia VIII 89. Und was sind seine Musen für saubere Damen! Ihre Augen gleichen denen der Fledermaus, ihre Ohren denen des Spürhunds! Er bittet um einen Kuss auf jene Wrangen, so rot wie Schinken, oder noch derber: ch'tm sol tratio i' ficca il naso In cid 11011 dico giä (!) ma in qnella fossa Di tue mamiiielle sin al bosco raso! V 2. Und Alles, was diese Poesie mit ihren fetten und schmie- rigen Händen anrührt, wird besudelt. Der muntere, lieb- liche Gott Amor ist ein liederlicher Kerl geworden. ,,W^er ihn einen Gott nennt, der lügt sich in den Hals hinein!" Die Sonne steht auf mit einem Weingesicht, yyLcTavasi giä il sole fnor de le acqiie Con nn visaccio carco di vin corso.^^ II 5. Das Turnier, das Karl der Grosse anordnet, ist ein Seitenstück zum Turnier von Tottenham. Die Helden reiten auf Eseln, Maultieren, Kühen; als Schilde tragen sie Fässer oder Körbe, als Helme Kochgeschirre, Eimer oder Kessel, ja sogar Kürbisse ; ihre Lanzen sind Stecken oder Knüttel; dabei benehmen sie sich, wie die gemein- sten Gassenbuben, tractieren einander mit Faustschlägen, zerren ihre Tiere am Schwanz, sodass dieselben unge- duldis: w^erden und zu ihrem Schutz zu den allereinfach-


1 Orlandino ed. im 3. Bd. p. 3 ff. von Attilio Portioli's Ausgabe: Le opere maccheroniche di Merlin Cocai. Mantova 1889.


  • ^^ Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


stcn, aber auch gröbsten Mitteln greifen. Wenn aber auch der Grundton dieses Gedichtes entschieden burlesk ist, so haben wir darin doch auch einige Scenen grotes- ker Art.

Auch hier hat der Haudegen phänomenale Kräfte. Ein Faustschlag vermag nicht bloss einen Thurm, sondern auch einen Berg zu zerschmettern. Orlando's Hieben ver- mag kein Stahl Widerstand zu leisten. Er ist der Schrecken, ja bedeutet geradezu den Untergang des Mainzergeschlechts und des Sarazenenvolks. Und so braucht der Dichter auch mehrere Strophen, um die kolossale Wichtigkeit her- vorzuheben, welche die Geburt des kleinen Roland für die ganze Welt bedeutet. Es sind dies Strophen der- selben Art, wie die, welche wir schon bei Pulci fanden: Qtii nacqiie Orlando, Vinclito haronc, Qni nacqiie Orlando, Senator romano, Qui nacqiie Orlando^ forte cawpione, Qni nacqne Orlando, gran canipitano, Qni nacqne Orlando, padre di ragione, Qni nacqne Orlando^ pih d'ogni altro nniano, Qni nacqne Orlando, il gran spavento e la rnina Dei inagansesi e gente saracina. VII 8. Die ganze Welt bekümmert sich um diese Geburt, die Erde, das Meer, die Flüsse, die Bäche, die Quellen, der Himmel, die Hügel, die Ebenen, die Thäler, die Berge, der Hagel, der Regen, der Schnee, der Wind, die Städte, die Schlösser, die Häfen, die Brücken, die Fische, die Heerden, die wilden Tiere und die Vögel :

,,E intorno a Ini, par sol clie'l sol s'abelli.'^ „Darum nimm Dich in Acht, Almonte, nehmt Euch in Acht, Agolante, Agricane, König Gradasso, nehmt Euch in Acht Lusbecco, Durastante, Troian, Ancroi, grausamer Garasso ! Nehme sich jeder Riese in Acht, denn jetzt wird geboren: ,,il gran fracasso.

Schon dieser letzte Ausdruck würde zur Genüge zeigen, wie diese Strophen gemeint sind. Aber auch ohne- dies ist es klar, dass dieser ganze Aufwand nur Lachen


Kapitel II. Die italienische Ritterdichtung. 117


erregen soll. Der Dichter empfindet durchaus nicht die Begeisterung, die er hier ausdrückt. Im Gegenteil, er findet es thöricht, dass in den alten Epen die Vorzüge eines Roland so sehr gepriesen werden, und um dies noch greller hervorleuchten zu lassen, übertrumpft er es noch durch solche Ausdrücke.

Aber gerade wie er die guten Helden herausstreicht, so weiss er auch die Bösewichte in das ihnen gebührende Licht zu stellen. Von Gano, dem Erzverräter, hatte Pulci (im Einklang zu seiner Quelle) schon gesagt, er sei be- reits vor seiner Geburt Verräter gewesen. Folengo geht noch weiter und sagt dreist von ihm : ,,Er ist nicht der Sohn eines Menschen oder ein Geschöpf Gottes :

,,AIa il grau diavol cbbelo cncato^^ I 32

Aber nicht bloss gegen das Rittertum der alten Zeit zieht Folengo zu Felde ; er konnte seine lieben Mitbrüder, die feisten und leckerhaften Mönche ebensowenig verges- sen, wie später Rabelais. Und so hat er uns in der Ge- stalt des ,,padre Grijfaroslo ein gelungenes groteskes Bild des schlemmerhaften Sauf- und Fressbruders gege- ben, wie er Ende des 15. Jahrhunderts in den Klöstern gar häufig zu finden war. Derselbe hat einen so kolos- salen Appetit, dass er den Leuten alle Nahrungsmittel wegnimmt, und man berechtigt ist, ihn zu fragen : \"III 16

Non sei tu causa della nostra fanic, Che tutto 7 inare va per la tiia bocca?

Er hat mehr Fleisch und Fische in seinem Schrank zu Haus, als es Laub im Walde giebt; er hat mehr Dros- seln und Wachteln bei sich zu Haus, als es Sand am Meeresufer giebt. Sein Studierzimmer ist die wahre Küche und der wahre Keller. Mit Flaschen, Ustensilien und Kochgeschirren aller Art ist es geradezu überfüllt. Der Dichter ergeht sich in echt grotesker Art in langen Auf- zählungen alles dessen, was in diesem Eldorado zu fin- den ist:


118 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


,,Liuanidie, salcis'^e c riiortadellc, Prcsciutti, lingtic, e libri di pih sortc, Bronsi, pignatte, speti con padellc, Carneri, sacchi, ccstc, conche, Sporte, Piatti, catiui, e milV altre novelle! VllI 47 Das Essen und Trinken ist geradezu Griffarrosto's Reli- gion. Er kniet nicht vor dem Crucifix, sondern vor einem Bacchus ; sein heiliger Bernhard ist Schweinefleisch, Kohl mit Knoblauchsbrühe, Kutteln u. s. av. — Doch wollen wir uns mit solchen Aufzählungen den Appetit nicht jetzt schon verderben. Die macaronische Poesie, zu der wir jetzt übergehen, bewahrt uns des Fettes und des Schmalzes noch gerade genug. In ihr entfaltete die groteske Satire und der groteske Stil noch weit besser ihre Kräfte als in den eben besprochenen italienischen Gedichten i.


1 Auch in einem Gedichte von de' Lodovici ,,Trionfi di Carlo" aus 1535 finden sich neben burlesken auch groteske Scenen. Rinaldo wirft den Gott Vulcan mit einem Fusstritt bis ganz hinauf in die Luft. Der arme Gott fallt ins Feuer, und verbrennt sich Haar und Bart. Auch in der Rodo- monteepisode aus dem Gedichte Marfisa von Pietro Aretino, welche ia zwei Gesängen 1532, 1537 erschien, haben wir groteske Übertreibungen Rodomonte ist so furchtbar, dass er im Hades den armen Pluto, der in ihm einen neuen Herkules vermutet, so erschreckt, dass er zu Eis erstarrt, mitten im Feuer! Und doch hat er ihm nur seinen Dreizack ent- rissen! Auch als er dem Rodomonte ein Gefäss voll unseliger Pein an den Kopf wirft, erregt er nur in Rodomonte ein mitleidiges Lächeln. Auch im sonst ganz burlesken Orlandino Aretin's haben wir hie uud da Groteskes. Die Helden essen und trinken soviel, dass der Hunger selbst, das Fasten und die Hungersnot zusammen nicht soviel verzehren könnten. — In Berni's Riffacimento des Orlando innamorato haben wir, wie jetzt allgemein aner- kannt wird, keine Karikatur oder burleske Umwandlung des Gedichtes von Bojardo, sondern vielmehr eine Verfeinerung des Gedichtes. Cf. Vir gl 11 über Berni, p. 330, 331: Weit entfernt, Bojardo's Würde und Ernst durch Spass zu ersetzen „il Berni anzi gliela infonde e gliela presta sovente" p. 289, Die burlesken Stellen Boj.'s lässt Berni sogar oft weg oder mildert sie.


Kapitel IIT. Die niacaronische Poesie der Italiener. 119


Kapilel 111.

Die macaronischc Poesie der Italiener.

Die Abneigung Italiens gegen den Geist des Mittel- alters, von der im vorigen Kapitel die Rede gewesen, fusste hauptsächlich auf der in diesem Lande so frühe erfolgten Wiedergeburt des antiken Geistes. „Sobald die Barbarei in Italien aufhcht", sagt Burckhardt, „meldet sich bei dem noch halb antiken Volke die Erkenntniss seiner Vorzeit: es feiert sie und wünscht sie zu reproducieren" K So leuchtete denn zur Zeit, wo noch das übrige Europa im Schatten des Mittelalters lag, in Italien schon die gol- dene Sonne Homers. — Die Bewegung nach Wiederbele- bung des klassischen Altertums hatte allmählich immer weitere Kreise an sich gezogen, ja sie hatte im Laufe der Zeit die damalige Gesellschaft so sehr ergriffen, dass sie geradezu eine künstliche Welt schaffte, in der latei- nisch gesprochen und gedacht wurde, eine Atmosphäre von lauter Erinnerungen, welche bald Alles so sehr durch- drang, dass sie den Spott der Zeitgenossen hervorrufen musste. Griechische und römische Namen gebrauchte man als Taufnamen. Schon Petrarca nannte seine Freunde Lae- lius, Socrates, Simonides; er Hess sich selber Cicero an- reden und seine Tochter Tullia. Ein adliges Geschlecht nannte seine Kinder Agamemnon, Achill und Tydeus. Selbst die liederlichen Dirnen Roms nannten sich nach antikem Vorbild Lucrezia, Cassandra, Porzia, Penthesilea. Und wie die Namen so wurden auch sonst die Lebens- verhältnisse, Ämter, Verrichtungen, Ceremonien antikisiert. Die Stadtväter wurden patres conscnpti, die Nonnen vir- gines vestalcs, die Heiligen Diits oder Dens betitelt. Bei


1 Burckhardt: Cultur der Renaissance. I p. 197. — Für das Fol- gende cf. ebenfalls Burckhardt.


120 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


Gioviü hcisscn die Kardinale stets Senatorcs, ihr Dekan Pn'iiceps senatus, die Excommunication Dirae, der Carneval Lupcrcalia lu s. w. Die Humanisten thun zwei Jahrhun- derte hing, als üb das Lateinische überhaupt die einzige würdige Schriftsprache wäre und bleiben müsste. Petrarca hielt mehr von seinen lateinischen Dichtungen, als von seinen Sonetten und Canzonen, und Poggio bedauert, dass Dante sein grosses Gedicht italienisch verfasst habe. — Aber alle Übertreibungen rufen eine Reaction hervor. So glänzend und blühend der Humanismus in Italien im 14. und in dem grössten Teile des 15. Jahrhunderts gewesen war, in so lauten und allgemeinen Misskredit fiel er dort mit dem Ende des 15. und im 16. Jahrhundert. Und daran waren die Träger desselben, die Humanisten, zum grossen Teile selbst schuld. Ihr grenzenloser Hochmut, ihr zer- fahrenes Privatleben, ihre Gleichgültigkeit gegen alle Mo- ral, ihre leidenschaftlichen Streitigkeiten, ihre kriechenden Schmeicheleien, dies Alles bot genügenden Stoff zur Kritik und zur Satire. Noch im 15. Jahrhundert nennt Battista Mantovano ^ in der Aufzählung der sieben Ungeheuer die Humanisten mit zu denjenigen zusammen, die unter den Artikel S u p e r b i a gehören ; er schildert sie mit ihrem Dünkel als iVpollsöhne, „wie sie verdrossenen und mali- ciösen Aussehens mit falscher Gravitet einherschreiten, dem körnerpickenden Kranich vergleichbar, bald ihren Schatten betrachtend, bald in zehrende Sorge um Lob versunken" 2. Ariost sprach sich über sie mit ruhiger, souveräner Verachtung aus •', und der Litterarhistoriker Gyraldus schliesst sein Buch, in welchem er sich scho- nungslos gegen die Litteraten gewandt hatte, mit einer Bemerkung über das goldene Zeitalter, das noch keine Wissenschaft gekannt habe'.


^ Bapt. Mant: de calamitatibus temporm L. 1.

2 Burckhardt I p, 305.

3 Ariost. Sat. VII v. Jahr 1531.

^ Progymnasma adversus literas et literatos.


Kapitel III. Die macaronische Poesie der Italiener. 121

Von allen Angriffen, welche gegen den Humanismus gerichtet wurden, war aber einer der glücklichsten und witzigsten die Erfindung der macaronischen Sprache i. Dem Streben der italienischen Humanisten nach der fein- sten Eleganz der Form, nac"h der peinlichsten Beobachtung ciceronianischen vSprachgebrauchs, nach der sklavischen Befolgung der metrischen Eigentümlichkeiten lateinischer Dichter, schlägt dieses roIie Kauderwelsch, das sich sei- nen Wortschatz aus bunt zusammengewürfelten lateini- schen, italienischen und dem Dialekte entnommenen Wör- tern zusammensucht, ja sogar durch Anhängung lateini- scher Endungen an italienische Stämme die merkwürdig- sten Wortbildungen ins Leben ruft und in seiner Metrik das quantitative Prinzip des Lateinischen mit dem rhyth- mischen der neuern Sprachen willkürlich zusammenwirft-, derb ins Gesicht. Sie ist eine burleske Verhöhnung des klassischen Prinzips. Cicero und Virgil hatten lange ge- nug die Bewunderung der ganzen Welt erregt. Auf die


1 Man hatte früher die macaronische Sprache für eine Satire des schlechten Lateins der Mönche und Kleriker gehalten (Sainte-Beuve z. B.) und meinte in den Epistulac obscur. vir. z. B. auch macaronischcs Latein vor sich zu haben. Dies ist nicht richtig. Der Unterschied ist klar. lu den Epistulae haben wir eine Übertreibung des sog. Küchenlateins, d. h. des mittelalterlich unreinen mit unlateinischen Wörtern gemischten Lateins der Mönche. Das „Küchenlatein" ist aber darin vom macaronischen ver- schieden, dass es ganz wörtlich, dem Buchstaben, aber nicht dem Sinne nach aus der Muttersprache ins Lat. übersetzt, während das macaronische syntac- tisch gutes Latein schreibt, aber ohne weitet es aus der Muttersprache Wörter herüber nimmt, welche es mit lat. Endungen versieht. Genthe: Geschichte der macaronischen Poesie macht p. 63 darauf aufmerksam und zitiert fol- gendes Beispiel: Küchenlat. : „Nam bonae mulieres et virgines sunt in inspectionem dorsi trahendae", während macar. : „nam bonae AVeibrae et virgines ziehendae sunt". — Über die Entstehung des Namens cf. Zannoni: I precursori di Merlin Cocai p. 35. Ebenso wie die macar. Sprache, so ist auch die fidenzianische Poesie eine Satire des Humanismus. Während aber die erstere lat. schreibt u. ital. resp. deutsche oder frz. Wörter mit lat. Endung in den Text bringt, schreibt die tidenz. Poesie ital. u. bringt lat. Wörter hinein. Über dieselbe werde ich, da die Hauptvertreter derselben in eine spätere Zeit fallen, erst im dritten Teile handeln,

2 Bei einigen Dichtern wird die lat. Quantität durchaus nicht beachtet:


122 Krster Teil : Die Zeit vor Kabelais.

Dauer war man ihj-cr müde geworden. Alan schaut ja nicht <>crnc immer in die Höhe. Darum herunter mit diesen Götzen! Reisst sie auseinander, diese harmonisch gegliederten Perioden ! Beschmutzt und besudelt sie, diese krystallhelle Sprache! Bringt sie zum Entgleisen diese feierlich dahin gleitenden Verse ! — und baut mir dafür aus allerlei Mischmasch ein derbes Jargon zusammen, das allen Regeln eine Nase dreht und lustig und munter über italienische, lateinische und mundartliche Wörter hüpfet und stolpert !

In ihrer T e n d e n z hat die macaronische Sprache nichts Groteskes; sie übertreibt nicht die den huma- nistischen Schriften oder dem klassischea Latein anhaf- tenden Eigentümlichkeiten, um sie durch eine solche Ver- zerrung zu verhöhnen; sie verwandelt sie vielmehr ins gerade Gegenteil, indem sie alles Erhabene an ihr ins Gemeine herunterzieht; mit andern Worten, in ihrer Ten- denz ist sie durchaus burlesk.

In ihrem Inhalt weist sie auch meist burleske Ver- spottungen, Parodien oder Travestien der klassischen Poe- sie auf Beinahe in jedem macaronischen Gedichte sind Verse lateinischer Dichter parodiert ^


cf. Tiphius Odaxius: Cum groppis, spagum, carbonem zaffumque bian- cum, oder ,,Et Berta payam cornuti in forma diablis | saepe dicentem: nihil timete sodales | (vorher saepeque sbuffantem). Carceribus tandem cunctos sine coenä menatos. Im Nobile Vigonze opus finden wir: v, 262 „et generöse veniant calcaneis buganze !. Am gräulichsten ist die Metrik bei Alione: v. 80 roncare zerbora poteris triginta pechionis. — - Folengo ist allerdings in seiner Metrik viel sorgtältiger, nichtsdestoweniger finden sich bei ihm Verse wie: Alter odorifero zeladiam gingere spargit und Versendungen wie: — saltare praeöpto. — In der deutsch-macar. Poesie ist die Willkür noch viel grösser, cf. de lustitudine studentica: id faciam hoc cyatho | te völo paücis soror j.

1 Bei Tiphius Odaxius haben wir nach Zannoni im ersten Vers des Exordiums eine Parodie des von Horaz' de arte poetica zitierten Verses 137 „Fortunam Priami cantabo et nobile bellum", als „Fortunam miseram et casum risibile certe". Fossa's Virgiliana zeigt schon durch den Titel, dass es eine Parodie Virgils sein will. Auch solche Verse wie ,,Incipimus


Kapitel III. Die macaronische Poesie der Italicner. 12'J^

Die Musen sind bei den Macaronikern nicht mehr die hehren Jun<>1rauen, die auf den i^rünen \\'iesen des Parnass Guirlanden flechten und die Leier spielen, son- dern entweder wie bei Titi dei^H Odassi und Andern ' die gemeinsten Dirnen, oder wie bei Merlin Cocai ^ (^anz ge- wöhnliche derbe Köchinnen oder Iranerinnen, die auf dem Olymp der macaronischen Poesie, einem fetten Land mit Bergen aus Käse und Seen aus Milch, wo Klösse und Pasteten herumschwimmen, sich mit Teigkneten und Käse- abschaben beschäftigen. Überhaupt, wo von Mythologie die Rede ist, werden diese Dichter burlesk, und zwar haupt- sächlich Merlin CocaV. Die Götter der griechischen My- thologie sind Schurken, Betrüger und Mädchenschänder, Venus ist eine Hure, die mit ihren Brüdern ein schjlnd- liches Leben führt, Juno lebt in Blutschande mit dem y^merdipoteiis Jutiter^^ ^ der seinem Vater Saturn die


quamvis non canimus arma virumque" sprechen dafür. Bei ^I erlin Cocai tritt die Parodie Virgils noch klarer hervor. Dafür braucht man freilich nicht für die Richtigkeit der Anekdote einzustehen, nach welcher er deshalb den Virgil parodiert haben solle, weil er sich darüber geärgert habe, dass der Bischof von Mantua von ihm gesagt hätte, er sei in seinen Versen dem Virgil gleich gekommen, während er ihn übertrofTen haben wollte. — Der Vers „macaron, macaron, quae te matezza piavit" ist die Parodie von Virgil's „O Coridon, coridon, quae te dementia cepit". Auch diese Verse sind pa- rodistisch, M. XX p. 108 in der Ausgabe des Baldus von Portioli: „Con- ticuere omnes martelH ferra domantes"; M. XVp. 2G: „per mare, per terras, per tot discrimina rerum"; M. XVI p. 33: „Omnia vincit amor, tamen ipsa superchiat amorem", und die Verwendung des Verses: Perveniens tandem solers sub tegmine fagi, an einer krassen Stelle, wo der widrige Tognazzus nackt herumläuft. In der Moschea weist Genthe auch Parodien Virgil's p. 60, 62 nach.

1 ,,0 putana putanissima, vaca vacarum", nennt Odassi auch seine Aluse. Fossa ruft v. 189 seine Muse mit den Worten an: Mea sola, o Beta voluptas; effundas solitos versus de potta rogamus. Beim Verfasser des Nobile Vi- gonze opus sind es „Bordellorum vache, quae juristorum dignissima nu- mina sitis".

2 In der Moschea sagt Merlin Cocai von der heroischen Muse, sie möge ihn in Ruhe lassen : Attamen incago | teque tuasque lyras. Dagegen mögen ihm die macaronischen Musen die Lippen mit Butter bestreichen^ guten Schinken bereiten und Wein einschenken.


124 Erster Teil : Die Zeit vor Rabelais.

Genitalien abgeschnitten hat, damit er k'cine neuen Kin- der zeuge, mit denen er die Herrschaft zu teilen haben werde. Der Nectar ist nach Merlin Cocai nicht ein gött- liches Getränk, sondern eine aus fetten Kapaunen, Schweine- fleisch und allen möglichen Ingredienzen bereitete Speise. Überhaupt scheint der Dichter mit der Küche der Götter sehr wohl bekannt zu sein, denn er beschreibt in 180 Versen bis ins Einzelnste genau ihre Einrichtung, und Avas in derselben gekocht wird. Auch sonst finden wir bei ihm das Bestreben, das Erhabene, wo es nur auf- treten mag, in den Kot herabzuziehen. So ist denn die Fahrt der Helden zur Hölle in Merlin's Baldus ein burleskes Gegenstück zum Besuch des Aeneas im Hades oder auch A^on Dante's Inferno. Die Hölle ist ein ganz gemütliches Lokal. V^om Thor gelangt man sofort ins Wirtshaus, wo dem Baldus und seinen Freunden Wach- teln, Rebhühner, Kalbfleisch und auch sehr viel Wein vorgesetzt wird. Die Seelen der Toten müssen sich aller- dings mit Kröten, Ratten und Ähnlichem zufrieden geben. Auf Einzelheiten können wir nicht näher eingehen. Es mag eben der Hinweis genügen, dass in der macaroni- schen Poesie das burleske Element sich durchweg recht Avohl zu Hause fühlt, und zwar nicht das feine Burleske ^,


1 Die verschiedenen poetischen Gattungen des Burlesken hat Merlin Cocai behandelt. Seine Moschea gehört zum Heroisch - komischen. Der Dichter macht das Heldenepos dadurch lächerlich, dass er nicht Helden, sondern Mücken auftreten und sich bekämpfen lässt. Alles dreht sich um sie: Mars treibt ihre Scharen an, Apollo verbirgt aus Angst seine Rosse vor ihnen, die ganze Erde erzittert, und „Parva super coelos nee cagarola fuit". Mit einem solchen Krieg den trojanischen zu vergleichen, wäre eine tolle Anmassung u. s. w. Es kommt bei diesem Gedicht wie über- haupt beim Heroisch-komischen nicht daranf an, die Tiere lächerlich zu machen, indem man sie sich als Helden gebärden lässt, sondern das Hel- denepos selbst, indem man für solche niedrige Wesen dieselben hochtraben- den Ausdrücke gebraucht, wie für wirkliche Helden. Es ist eine Erniedri- gung der Mythologie, wenn man den ganzen Olymp erzittern lässt vor einem Mückenkrieg, eine Erniedrigung des Altertums, wenn Mücken einander er- mahnen sich nach berühmten klassischen Mustern zu benehmen, wenn dea


Kapitel III. Die macaronischc Poesie der Italiener. 125-


sondern das grobsinnlichste und gemeinste, das man sieh denken kann. Der maearonisehe Dichter hat ein be- sonderes Vergnügen, die schmutzigsten Episoden recht breit zu treten und die allergemeinsten Ausdrücke zu ge- brauchen K Darin kennt er keine Grenzen, kein Mass. Dieser Mangel an Masshalten ist überhaupt ein Charak- teristikum der macaronischen Poesie. Zugleich ist dies aber gerade ein wesentliches Merkmal des Grotesken^ und so dürften wir uns fragen, ob sich in der macaroni-


Göttern zu ihrer Versöhnung Läuse geopfert werden u. s. w. Ebenso bur- lesk ist die Zanitonella, eine Parodie des Liebeseclogen. Die gewöhnlichen lieblichen Beschreibungen des Frühlings werden ins Realistische herabge- zogen. Alles freut sich der Wiederkehr der schönen Jahreszeit: Capraque cum capro, cum cane cagna coit. Die Schönheit seiner Geliebten schildert der Dichter, indem er p. 7 ausruft: Testa, manus, gambae, venter, pes, coppa Zanninae | sunt sol, luna, Venus, capra, lentus opes. Die Verach- tung, mit der ihn seine Geliebte behandelt, veranlasst ihn zu allen mög- lichen burlesken Fragen: AVaruni wird er von Tag zu Tag magerer? — weil seine „vaca Zanina" ihm zürnt! Warum kommt ihm der Geruch einer Nelke vor wie Dreck? — weil die „cagna Zanina" ihm zürnt! Warum der Klang seiner Dudelsackpfeife wie das Miauen einer Katze? — weil die „porca Zanina" ihm zürnt ! u. s. w.

1 Ich erinnnere nur an die Episode in Fossa's Virgiliana, wo eine lustige Gesellschaft den Priscian und Angelo auf stinkende, geradezu unflä- tige Art bestraft, oder an die am Ufer des Acheron spielende Episode des Cingar in Merlin's Bäldus: Cingar hat sich aus gewissen Gründen entfernen müssen „atque super litus funguni plantare novellum". Der Dichter drückt sich sogar ganz deutlich aus „Cingar cagare solebat". Da sieht er die Leiche eines jungen Mannes. Die Angst, die ihn deshalb befällt, ist wirk- samer als ein Laxiermittel; er sieht aber zugleich, dass der Jüngling nicht ganz tot ist. Da bestreicht er ihn mit einem gewissen Wasser „ac si aqua cotalis benedicta fuisset orina". Der junge Alann wird lebendig und sagt ganz naiv: „Das hätte wahrhaftig Apollo, der Erfmder der Alcdicin, nicht vermocht!" — Ich brauche nur an die derben Verse bei Odassi zu erin- nern, z.B.: „et niniio risu bis terquc quaterque cacantem" ; oder „solicitus ergo iicat atque ikando rehcat" ; oder an die Verse im Nobile Vigonze opus, v. 110 „propter morosas lavat de zangola merdam | propter morosas vudat de pisso bocalem" | oder an die Beschreibung der Freude in den Virgiliana „sie thun wie die Hunde, die den ganzen Tag angekettet waren, und schliess- lich losgelassen werden „. . . omnibus isti | cantonis pissant sie demonstrando^ la festam".


I'JG Erster Teil: Die Zeit vor RalK-lais.

sehen Poesie nit^ht neben den buiiesk'en l^lenientcn aueh oroteske linden.

Sehon der Umstand, dass die maearonisehe Spraehe in ihren tollkühnen Wortbildungen sich nur von der aben- teuerlichsten und schrankenlosesten Phantasie leiten lässt, dürfte dieser Vermutung' recht geben. Eine eingehendere Untersuchung des Inhalts und der Form italienisch-maca- ronischer Gedichte wird uns in derselben bestärken.

Schon in dem ältesten, wohl nach 1481 ^ entstan- denen macaronischen Gedicht von Tifi degli Odassi aus Padua linden wir entschieden Groteskes. So ist die Beschreibung des Lügners Bertapaia ganz grotesk. Eher Avürde der Himmel einstürzen, heisst es, eher würden Mars und Venus hinunter fallen, eher würden Veilchen aus dem Schnee emporspriessen, eher die Flüsse ihren Lauf ein- halten, eher die Berge sich in Trab setzen, eher w^ürde die Hure Phrosine keusch werden, als dass er, der in hundert Wörtern hundert Lügen sagt, und der am ganzen Körper schwitzt, wenn er es je versucht gegen seine Natur zu handeln, ein wahres Wort redete. Und wie der Lügner, so wird auch der Schmutzfink und Schlemmer charakterisiert (v. 315 ff.). Paulus ist so schmutzig, dass Aveder hundert Hobel den Schmutz von ihm w^egkratzen.


1 Dies die Ansicht von Zannoni: I precursori di Merlin Cocai, wel- cher vermutet, dass die Beschreibung einzelner Gestalten von Pulci's Mor- gante beeinflusst sei. Dem Gedichte ist der Titel gegeben worden: „carmen macaronicum de Patavinis quibusdam arte magica delusis" in 4^; es enthält eine burleske Satire der Astrologie, welche nach des Verfassers Meinung nichts Anderes vorherzusagen wisse, als wie viel Rüben und Bohnen es geben, oder zu welcher Zeit das Fleisch im Topfe kochen werde. — Uebri- gens heisst es auch grotesk vom Astrologen: Er ist so sehr von seiner Kunst abhängig, dass er „ad cursum lunae magnat cacatque futitque". — Ich ge- brauche für dieses sowie für die folgenden ältesten macaronischen Gedichte -die Ausgabe von Zannoni: I precursori di Merlin Cocai. Über das Leben Tifi's degli Odassi cf. auch Giornale storico della letteratura italiana Vol. XI 1888: Rossi: di un poeta maccheronico e di alcune sue rime italiane. Auch Giornale storico . . . XII 1888 p. 418 ff. Rossi's Rezension v. Zan- noni's I precursori di Merlin Cocai 1888.


Kapitel IIT. Die macaronische Poesie der Italiener. 127


noch der Vater Oceanus oder tausend andere Flüsse den Schmutz von ihm we^^^spülen könnten. Dabei ist er ein Schlemmer, Säufer und Fresser, wie es sonst keinen auf der Welt giebt. ,,giitftin's cxeniplmn vustaeqiic voraginis arcd}'- Eher würde der Schnee glühen, als dass er satt werde; acht oder zehn vSuppen genügen ihm zum Mittag- essen nicht; um j;i keine Zeit zu verlieren, schiebt er sich Alles zugleich ins Maul; Wein, Brot, vSuppe, Salat, Eierkuchen, Fische, Alles schluckt er auf einmal herunter. Er wäre im vStande ganz allein nicht bloss alle in der Gegenwart lebenden Fresser, sondern sogar die der Ver- gangenheit und Zukunft zu übertreffen. Mit echt grotesker Fülle wird sein Hunger beschrieben:

^^Scrnpcr da cciia, saupcr disncirc doinaudat, Seruper de papis ilhiin parlavc catabis, Semper cum coqiiis illinn praticare vidcbis, Sempcr habet giilaiu pvoptev magiiare paratam, Semper habet dentes rniüta de faine batentes, Semper habet cordi maearonos et cavigiarum, Semper sardellas, et lucariicarn de porco biielliim, Semper iu catievis aiiimum tenet atqiie lavegis, Semper habet cordi coquinas atqtie tabernas, Semper fornaros, semper cum carne becaros: Sed maearonos, super omuia sepe domandat . v. 382 ff. Diesem Menschen mit wahrhaft pantagruelischem Ap- petit steht zur Seite der durch seine Kraft und Tapferkeit furchtbare Guiotus. Mars und Achilleus sind nichts gegen ihn; Simson und Roland stürben bei seinem Anblick; Ju- piter, welcher den Widerhall seines Schrittes im Himmel hört, A^ermutet in ihm einen neuen Giganten und fürchtet sich. Es ist dies schliesslich nicht wunderbar, denn ^fientum campanas, tricentiun milia triimbas, ceiitum fesstiras, ccntum resonare bacinos üirabis qiioties vadit de noctc Guiottis.^^ v. 691 ff. Auch in Fossa's ^ Virgiliana haben wir ähnliche


^ Matteo Fossa aus C:emona f löl6 (über ihn Zannoni 1. c. p. 57).


128 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


Beschreibungen. Angelo ist der schmulzigsie, hilssliehste Mensch, den man sich denken kann, lan<>;, mai^er, kahl, stumpfsinnig, schmierig, missgestaltet, beinahe ungeheuer- lich und dabei so stinkend, dass ,,Jhitits oris poteris cum ciilo potiere lector'^. Und dieser entsetzliche Kerl ist über die Ohren verliebt, und so vernarrt, dass er sich einbildet, er würde den ganzen Tag brauchen, nur um die Schmei- chelnamen, die seine Geliebte verdient, alle herzusagen; leichter wäre es die Gestirne des Himmels alle zusammen zu nehmen, leichter den Sand auf dem Meeresgrunde zu zählen, als nur für einen Körperteil seiner Geliebten den gebührenden Namen zu linden. Und sein Freund, der gelehrte Pnscian, von dem es heisst, ,,Virgühim coctuni comedü cum Cicerone^^ und an anderer Stelle ,,comeäi(t) lihrortini niontcs, tot qttot rmmerare fatica csP^\ dieser Priscian ist auf das Reden so versessen, dass er vor Stör- chen, Ochsen und Pferden Vorträge zu halten im Stande ist. Auch im ,, Nobile Vigonze opus" finden wir eine groteske Karikatur des bis zur Verrücktheit eitelen ^^magni- ficiis comes doctvis Vigon.^a^^^ der dazu noch ein Lecker- maul und Nimmersatt ersten Ranges ist, ein grober, gei- ziger, lügenhafter, diebischer Kerl. Schon von Jugend auf ist er durch seinen Vater verzogen, der ihn für ein Genie hält und ihn Tag und Nacht studieren lässt; seine Eitelkeit hat kolossale Proportionen angenommen, als er zum Jüngling herangewachsen ist. Er ist auch


— Auf echt groteske Weise giebt der Dichter in übertriebener Genauigkeit den Zeitpunkt an, in welchem er sein Gedicht geschrieben hat: v. 576 Hec ego composui madii mane die secundo | mille quatercentum et nonaginta quaterque j in Bassiano, pluendo a secchie reverse. |

1 Das „Nobile Vigonze opus", zwischen 1490 — 1494 gedichtet, aber erst 1502 ed. Es ist die Satire eines stumpfsinnigen Bücherwurms, der schwer lernt, aber ungemein eitel ist. Nach Delepierre ist der Verfasser des Gedichtes P'ossa. Tosi, — Maccharonea di cinque poeti italiani del sec. XV Milano 1861 p. o— G vol. XXXIV Bibr. rara Daelli — (seit Zannoni ver- altet) schrieb das Gedicht dem Tifi zu. Ebenso Rossi Giorn. Stör. XI p. 24 ff. Zannoni hält die Frage für unentschieden. Rossi fügt sich XII p. 435 seinen Gründen.


Kapitel III. Die macaronische Poesie der Italiener. 129

clatür bckiinnt, und die Studenten l'aduas spielen ihm einen boshaften Streich, um seine P2itelkeit recht zu de- mütigen. Sie veranlassen ihn dazu, eine ölfentliche Vor- lesung" zu halten, bei der sie sich vornehmen, ihn ge- hörig auszupi'eil'en. Die ihren Sohn vergötternde Mutter des Vigonza ist auf die xermeintliche Ehre, die man ihm damit anthut, so stolz, dass sie vor Freude gleich stirbt, ,,iindc iicccssc fitit iiignun vcstirc VigoHsarn-^. Der Graf lässt nun überall anschlagen, dass er eine Rede halten wolle, welche Jedem, der hinkäme, ausserordentlichen Nutzen bringen werde. Und worin besteht die Rede, die er vor ungeheuerem Zulauf, A'or der ganzen Studenten- schaft, vor den l^ehörden, vor den bedeutendsten Gelehr- ten, wie Pico della Mirandola, hillt? ^ Ganz einfach in einer unverschämten Lobpreisung seiner selbst! Was ist er nicht für ein Hauptkerl? Er hat seine Zeit nicht mit Dirnen, Spielen und Jagen verloren, sondern von seiner Kindheit an hat er, wie jetzt vom Katheder aus, danach gestrebt, sich einen Namen zu machen, der in der ganzen Welt gepriesen und besungen werde. Darüber bricht nun in der Versammlung ein entsetzliches Johlen, Pfeifen, Lachen und Lärmen aus. Weit entfernt sich darüber auf- zuhalten, hält er in seiner grossartigen Eitelkeit diese Kundgebung vielmehr für eine begeisterte Huldigung und lässt sich nicht stören. Der Dichter aber überschüttet ihn nun mit einer Ungeheuern Flut von liebenswürdigen Wünschen, die in ihrer grossartigen und kolossalen Derb- heit ein vortreüiiches Beispiel grotesken Stiles liefern: . V. 252 ff. Ah niiscr iiigratc, veniant tibi cancara cenUnn^ Centtmi panochie, veniant tibi ntille carotis Centnni jandtisse, habcas cagasangnina centiim^ Centtuu qiiartanas et eentimi qttotidianas,


1 Auch hier haben wir eine lange Aufzählung: fabrii, fornarii, sar- tores atque fachini | et paduani cives vechique putique | philosophi artiste veniunt veniuntque legiste j doctores veniunt scolares atque famegi \. Auch V. 166 ,,sic vadunt, veniunt, cridant, ridentque ruentes".

Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 9


130 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


Et r ose i:; dt US possis tnorirc a pioc/n's,

Possis de fariic, possts fnorirc de sede,

Possis de fredo^ possis morire de caldOy

De cagarola possis morire cagando^

Et rnanibtis ciragre veniant pedihtisqiie podagre^

Et eapiti dolor ventri simiil atqiic buellis^

Et generöse veniant calcaneis bitgau^e,

Et schilincie rtidicent canarncola gnle^

Atcpie gloriose veniant in corpore Iwo.ze

u. s. w. noch 8 Verse, im selben Stile! ^ Ähnliche Invectiven finden wir auch in den macaronischen Gedichten des Bassano von Mantua^ und des Gio- vanni Giorgio Alione. Der erste greift in seinem zur Zeit der Kriege Karls VIII geschriebenen Gedichte ^ die Franzosen an, indem er allerlei thörichtes Gerede über sie auftischt. Die Franzosen, sagt er, würden m ihr Vater- land nicht einmal zurückkehren können, da sie dort elen- diglich würden Hungers sterben müssen. Kaum einen Mehlsack könnten sie dort finden; so wären sie genötigt sich erbärmlich mit Kräutern, Käse, Schwarzbrot zu nähren, einem armseligen Futter, das selbst die Wölfe verschmähen würden. Fleisch und Fische könnten sie nicht essen, weil sie sonst die Seelen ihrer Väter verzehren könnten. Auch ihre Häuser seien kläglich eingerichtet. Sie hätten nur zwei Kammern zur Verfügung, — und nun höre man die


1 Es scheint manchmal auch, als ob Alliteration beabsichtigt sei; So z. B. V. 265: in collo scrovole veniant, in vulto varole, oder v. 272: ut nunquara vatem veniat tibi voia cusandi.

2 Bassano von Mantua f vor 1499.

3 Über das Gedicht cf. Zannoni 1. c. p. 77: Im Codex, wo Z. einen Bruchteil des Gedichtes fand, hat es den Titel: Bassani Mantuani Maca- ronea contra Savoynos, quos vilopendiose appellat Magninos, Codimos, Broa- cerios, Botigliones, D. lo. Amadeo de Tannis. Z. meint, es sei am ehesten im Jahre 1496 gedrucl<t worden. B. richtete ein anderes macaronisches Ge- dicht an Gaspar Visconti, welches auch übertrieben derbe Ausdrücke an- wendet, wie man schon aus dem Wunsche sehen kann, den er ausspricht: es möge diese Geschichte den „Gaspar forte magna facia(t)s pisare de risu". Die Anekdote selbst bietet wenig Interessantes.


Kapitel III. Die macaronische Poesie der Italicner. l.'U

Beschreibung, die wiederum das beliebte Mittel der Auf- zählungen anwendet :

V. 60. ,,Illa qtic de siipra csl, tcnct fabas et faseolas CastaiieaSy rttices et presi copia laetis; Inferior lectimi^ tabnJani, erotamque eusinmn Possidct et erota, buffetiuii a parte diiobus. lllie tota Site sunt niasarilin ease: Briistia^ miraglinin, niantile^ scopa, padella, Tripoda^ stagnimun^ Salicis de pltinia ciibile Et castagnatio seniper cimi siire topinmn." Dem Mantuaner B a s s a n o antwortet auch in macaro- nischer Sprache Alione ^ Da seine Heimat Asti seit der Heirat der Valentine Visconti mit Ludwig von Orleans, Bruder Karls VI., dem Hause Orleans gehörte, nimmt der Dichter für die Franzosen gegen die Lombarden Partei, die er 600 Verse lang mit den allerwüstesten und rohesten Schimpfnamen überschüttet, w^ährend er die Franzosen in den Himmel erhebt. Hier haben wir ausser der Sprache nichts mehr Groteskes zu finden.

Es lohnt sich darum nicht bei diesen untergeordneten Erzeugnissen der macaronischen Muse länger zu verweilen. Beeilen wir uns vielmehr zu dem bedeutendsten Maca- roniker, zu Teofilo Folengo^ überzugehen, dessen Baldus von Cipada neben zahlreichen von uns schon oben angedeuteten burlesken Elementen eine weit kräftigere groteske Satire enthält als die vorigen. Vor allem gilt der Angriff der Ritterdichtung 3. Auch hier wird die


1 über das Leben des Giov. Alione cf. Zaimoni 1, c. p. 84. Das Ge- dicht bei Z. ed. p. 170 ff.

2 Teofilo Folengo, mit dem Pseudonym ^Merlin Cocai, ist nach Attilio Portioli, dessen Ausgabe wir zu Grunde legen, geb. 1492, f 1544. Die ersten 17 Gesänge des Baldus kamen 1517 heraus, ganz wurde das Werk 1521 ed. Der BalJus ist abgedruckt im 1. und 2. Bde. der Ausgabe d. Werke Folengos I. Bd. p. 63—300; II. Bd. p. 1—210.

^ Das Ritterepos wui'de, scheint es, auch verspottet in einem andern macaronischen Gedicht, das mir leider nicht zu Gesicht gekommen ist. Dele- pierre : Macaroneana Philobiblon Society Miscellanees vol. 7, druckt einige Auszüge aus dem folgendermassen betitelten Gedichte Guarino Capella's, das


132 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

Kraft des Helden oewaltie; übertrieben. Dieser Jüngling^ in dessen Herzen hundert Teufel wohnen, ist so stark, dass man ebensoviel Seile braucht, um ihn festzuhalten, wie um ein genuesisches Schiff zu ziehen. Die ganze Erde zittert vor seinem Ruhm. Die Hölle hat solche Angst vor ihm, dass sie sich unanständig aufführt. Übrigens geht es Jedem so. Schon beim Anhören seines Namens „se qtäsqiie cagabat adossmn." So ist es denn kein Wunder, dass er vor nichts zurückschrickt, weder vor dem Teufel, noch vor dem Himmel. Es müssen schon sehr starke Feinde sein, gegen welche er es für wert erachtet, sein Schwert zu ziehen. Im Kamipfe m^.t den Genossen des Gottes Vulcan hält er es z. B. nicht für nötig' Die Kerle sind ja alle nackt! Man haut sie herunter wie frische Butter! Mit Häschern und ähnlichem Gesindel macht er gewöhnlich kurzen Prozess. Ein Tritt in den Hintern, und sie fliegen zum Fenster hinaus! Wenn es aber einmal zum wirklichen Kampfe kommt, dann wird es gleich gräulich. Ganze Fetzen von Fleisch fliegen herum, Ströme von Blut fliessen umher, Leichname auf Leichname werden auf- einander getürmt. Wie auf der Schlachtbank liegen durch einander ,,trippae atque coradollae, ventralia, niilBa^figati.^'- XIX. p. 91. Tausend Bücher würden nicht ausreichen, um von all den Schlägen zu berichten, die Baldus austeilt.

Und treue Kämpen sind ihm dabei behülflich. Ihm steht zur Seite der Riese Fracassus, ein vierzig Ellen langer Kerl, das Gegenstück zu Pulci's Morgante. Er ist so gross, dass ein ganzes Schaf leicht in seinen Mund hineingehen, dass man allein aus seinen Ohren recht wohl fünf Paar Stiefel machen, dass keine Melone der Nase, die sein Gesicht ziert, gleichkommen könnte. Dabei ist er so schwer, dass kein Pferd ihn tragen kann, und so stark,


er bezeichnet als ,,espece de parodie du poeme epique". Der Titel lautet: Guarini Capelli Sarsinatis Macharonea in Cabrinum Gagamagogae regem com- posita, multum delectabilis ad legendum. Impressum Arimini per Hierony- mum Soncinum Anno Domini MDXXVI die XVI Decembris. Das Gedicht besteht aus 6 Büchern. Der Dichter stammt aus Sarsina in Mittelitalien.


Kapitel III. Die macaronische Zeit der Italiener. 133


dass er ganze Eichen in seinen Armen entzweibricht. ]Mit Leichtigkeit schwingt er einen Stier um seinen Kopf herum und haut einem kolossalen Wallfisch ebenso mühe- los den Kopf ab, wie man einer Gans den Hals umdreht. Für so geartete Menschen ist es natürlich nichts in der AVerkstätte des Vulcan, zunächst mit den Genossen des Gottes sich zu schlagen, dann mit dem Wind, der sie stets in die Höhle zurückwirft oder mit Drachen, die auf sie losstürmen, zu ringen, endlich mit allen möglichen Tieren zugleich einen Kampf zu bestehen, mit Löwen, Wölfen, Riesenschlangen, Pferden, Hühnern, Katzen, Hunden, Bären, Gänsen, Maultieren, Eseln, die alle zusammen brüllen, zischen, wiehern, krähen, miauen, bellen, knurren, schnattern und schreien.

Ausser Fracassus steht dem Baldus noch Cingar bei, ein Ideal von Verschlagenheit, ein zweiter Margutte, ein Vorgänger Panurge's, der auch in der verzweifeltsten Lage stets ein Mittel kennt, seinem Freund Baldus aus der Not zu helfen. — Denn wie in den Heldensagen, so haben auch hier diese grotesken Fratzen von Helden eine geradezu rührend aufopfernde Liebe zu einander; sie wird aber entsprechend ins Kolossale, ja ins Ungeheuerliche und Unglaubliche gesteigert. Die Helden thun das ganze Cedicht hindurch nichts weiter, als einander nachzulaufen und aus Gefahren zu erretten. Wenn sie einander ver- loren haben, ist die ganze Welt für sie nichts mehr wert. Herzzerreissend sind die Klagen des Baldus, als er seinen jungen Freund Leonardus verloren hat (XVI p. 50):

,,0 Leonarde piier, sine te quid vivere oportet?

O Leonarde puer^ sine ine quid morte potiris?

O Leonarde, tnae snni mortis causa nefandae!

O Leonarde, nieae tna mors est causa procellae,

O Leonarde, tibi nimis improba fata ftiertint!

O Leonarde, mihi ciipido non vita levattir!^'- „Weine", sagt der Dichter zu ihm, ,, weine! Mögen deine Augenlider nie trocken werden! — und Baldus weint:

. . . dolor heu! dolor heti! dolor heu! dolor!


184 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

Ja, er will sich vor Schmerz entleiben ^ Aber auch bei minder traurigen Anlässen, als beim Tode eines Freun- des, stehen dem Baldus sofort reichliche Thränen zur Verfügung. Baldus weint schon desshalb bitterlich, weil Cingar nicht mit ihm in die Hölle hinabsteigt. ,, Werde ich also ohne Cingar gehen müssen? Kann ich denn überhaupt ohne Cingar leben? Was ich ohne Cingar thue^ ist ja nichts w^ert, was ich ohne Cingar denke, ist eitel! Ohne Cingar ist unsere ganze Reisegesellschaft ,, futsch !*^ Um einander aus Gefahren zu erretten, thun denn auch die Helden Alles. Als Baldus einmal verloren ge- gangen, nimmt sich Fracassus vor, ihn überall zu suchen, in Bergen, Höhlen, Felsenklüften, Wäldern, Hainen, Thä- lern, Flüssen, Strömen, ja sogar im Himmel und in der Hölle, wo er sich nicht scheuen wird, dem Pluto die Krone vom Kopfe herunterzureissen. So machen sich denn die Helden auf den Weg, kümmern sich weder um Dornen, Felsen, Diebe-, Ströme, Regen, Kälte, Hitze, Tiger, Eber, Schlangen und Basilisken, und Avas für macaronische Helden noch die stärkste Leistung ist, sie kümmern sich nicht einmal um Essen und Trinken ; wenn sie zu essen finden, so essen sie; wenn nicht, so sagen sie einander : Geduld ! Aber welche Freude beim Wieder- sehen! Als Cingar und Falchetto nach langer Trennung sich wiederfinden, sagen sie zuerst vor süsser Wonne kein Wort. Was hätte auch das Sprechen genützt ,,qiiia pro dtilcedine creppa(n)t" . Und dieses süsse Gefühl wird an anderer Stelle durch ein drastisches Bild beleuchtet: Als Cingar sieht, dass Baldus gerettet ist, überkommt ihn ein ebenso süsses Gefühl^ wie wenn er den Hintern in einen Honignapf tauchte ! ^


1 cf. damit: Pantagruel II 30. Pantagruel ist über den vermeintlichen: Tod des Epistemon so traurig, dass er sich entleiben will.

2 Dies kunterbunte Durcheinander haben wir oft bei grotesken Sati- rikern. In Rabelais' Listen ist es geradezu toll.

^ So wenigstens der Sinn der schwer ganz wörtlich wiederzugeben- den Stelle.


Kapitel III. Die macaronische Poesie der Italiener. 135

Es sind aber nicht allein die Ritter, welche Merlin Cocai in seinem Baldus auf groteske Weise satirisiert. Mit Frauen scheint er schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Er erspart ihnen nicht die derbsten Vorwürfe. Im blossen Atem, sagt er, bringen sie schon hundert Lügen über die Lippen; durch ihre Ränke bringen sie es fertig, die ganze Welt über den Haufen zu rennen. So ist es denn selten, dass Männer so sehr über den Tod ihrer Frauen weinen, dass sie blind werden, wie Guido. Es ist sogar selten, Männer vom Schlage Tognazzo's zu finden, der lieber alle seine Kühe — freilich nach Abzug der Kuh Bonela — hätte verlieren mögen als seine Frau. Gewöhnlich sind sie eifersüchtig und haben Grund dazu. Denn Merlin Cocai sagt rund heraus, ein weibliches Wesen, welches seinem Mann keine Hörner aufsetzt, ist kein wirkliches Weib. Beim alten widrigen Gilbecco nimmt die Angst vor diesem ominösen Stirnschmucke sogar unglaubliche Dimensionen an. Sie ist geradezu zur Krankheit gew^orden : denn Gilbecco fürchtet so- gar, er könnte durch Mücken zum Hahnreih werden. Wenn Mücken um Musolina herumschwirren, ist er darum gleich mit der Frage zur Hand (XVI p. 43):

,,Mas(nla intni inusca est, mit foemina? moxquc videre^ Foemineimi sexiim, niembriunquc virile volebat.'^

Wen werden die Ehemänner aber w^ohl am meisten zu fürchten gehabt haben ? Wohl die Mönche. Denn wenn auch Merlin Cocai die ihnen so oft nachgesagte Unkeuschheit nicht so sehr betont, so sagt er sonst von seinen Mitbrüdern soviel Schlimmes, dass man sie auch in dieser Beziehung einer nicht allzustrengen Befolgung ihrer Ordensregeln für fähig halten dürfte. Neben ganz direkten oder rein ironischen, haben wir auch viele gro- teske Satiren des Mönchtums im Baldus von Cipada.

Folengo hält sich zunächst über die Unzahl von Mönchen auf. Es sind deren soviele wie Sterne am Him- mel, blaue, schw^arze, weisse, gelbe; alle möglichen Far-


13G Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


ben sind vertreten; überall sieht man ihre Kapuzen, auf dem Markte, auf dem vSchiffe, im Wirtshaus (VII p. 185):

,,vS/' per ücr vmio tcl Iuris, ccnio capuz'.zos;

Si per itcr pelagi, noti inancimi cerno capti.zBos;

Quando per armatos eo carnpos, cerno capii!2!20S^.

Es sind deren so viele, dass alle andern Handwerke braeh liegen. Fünfzehn Verse lang ist Folengo's Aufzäh- lung aller Handwerke, die dureh die harte Konkurrenz des Mönehstums Einbusse erleiden. — Und wie fromm sind diese Mönche nicht! Sie kennen famos die Vorschriften der y^a^s coqiUna , sie sind Doktoren in ,,arte lecatoria^\ sie besuchen das Wirtshaus „wie die Deutschen" und lauern den Bauern auf wie die Räuber. Das Kloster Metella ist eine würdige Heimstätte dieser Brüder! Die Wände sind bepisst ; von Würmern und Spinnen wimmelt es über- all herum; ein scheusslicher Gestank durchdringt die Hallen. Und dabei geht es hoch her (VII p. 191):

,,.... ihi tanttun crapida, broda

Ehrietasqiie sedent, et, proh! scelus atra libido !'^

Die Mönche, die als Gott nui" ihren Dickwanst ver- ehren, entwickeln einen wahrhaft phänomenalen Appetit. Nach dem Essen lecken sie sogar die Teller ab. Das ist überhaupt ihre Art das Geschirr zu waschen; mit ihren Nägeln kratzen sie, was auf den Tellern übrig bleibt, und wischen sich den Mund mit dem Aermel ab. Nachher geht es ans Spielen, ans Fechten und an alle die andern Vergnügungen. Dass dabei das Studieren nicht vergessen wird, zeigt uns das Beispiel des pater Jacopinus, der ge- lehrter ist, als ein Schaf, zehn Jahre lang auf der Schule war und das Abc schliesslich gelernt hat: freilich nach einer etwas kindlichen Methode. Aber es ging eben nicht anders. Beim A muste man ihn stets an das Geschrei des Esels erinnern, beim C daran, dass die Bewohner Cipada's ,,cc rufen, wenn sie ihre Schweine zur Weide führen; D lernte er leichter, denn „blaspheinare Deum fuerat siia semper usanza^^. Und schliesslich prägte sich ihm das O als Anfangsbuchstabe von ,,osteria^^ sehr leicht


Kapitel TU. Die macaronische Poesie der Italiener. 137

ins Gedächtnis. Denn auf den Wirtshausschildern hatte er diesen lUichstaben schon häufio- bemerkt. Uebrigens wurde ihm das Lernen dadurch erschwert, dass er in einigen Sachen nicht eben geschickt war. So konnte er z. B. nicht einmal ein Kreuz schlagen lernen. Da- bei Hessen ihn seine Sinne nie in Ruhe. Um Essen, Geld und Sinneslust, darum drehte sich Alles bei ihm. Um einige Groschen sprach er in der Beichte von Mord und Todschlag frei; um seinen Braten zu Hause nicht auf sich warten zu lassen, kürzte er die Messe ab; um den Klerus nicht aussterben zu lassen ,,dc clcrichcttis quia dixil habere bisogiitinv\ mochte er alte Kammerzofen nicht um sich leiden, sondern nur junge, frische und muntere Dirnen.

Wie Folengo hier stark auftrügt, so thut er es über- all, in Satire, Beschreibung und Erzählung. Alles sagen, nur den Leser recht befriedigen, ihn recht sättigen, das ist die Losung des macaronischen und zugleich des gro- tesken Dichters. So haben wir denn im Baldus Scenen, die so haarsträubenden Inhalts sind, dass sie sich der W^iedergabe gänzlich entziehen. Von Tognazzo, dessen Eselsohren so voll vSchmutz sind, dass man eine Schaufel brauchte, um sie zu reinigen, und von Zambellus, dem tölpelhaften Bauern, der sich von Mönchen einreden lässt, •die Kuh, die er an der Leine führe, sei eine Ziege, von Baldus' und Zambello's Frauen, die einander wie die ge- meinsten Marktweiber beschimpfen und verfolgen, werden •so unflätige Dinge erzählt, dass man Merlin Cocai wohl glaubt, wenn er sagt, seine Muse halte sich die Nase zu, tmd ihm wohl zustimmt, wenn er die Leser um Verzeihung bittet, dass er ihnen zu lange die Ohren mit einem Stoffe erfüllt habe, dessen Namen wir lieber verschweigen wollen. — Und wie er im Inhalt seiner Erzählungen kein Mass einhält, so auch im Stil. Bei ihm mehr als bei irgend einem andern der bis jetzt erwähnten Dichter finden wir die ]\Ianie vertreten, uns mit kolossalen Aufzählungen zu überschütten und uns auch die allerkleinsten Details nicht


138 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

ZU ersparen. Es «enügt ihm nicht (VII 197) zu erzählen^ dass vierzehn Mönche die Kuh des Zambellus aufessen: er führt die Namen aller vierzehn an. Es wilre viel zu unbestimmt (VI 178) zu sagen, die Juden hätten sich zum Beratschlagen über den Fall Sadoch versammelt: die Na- men der 25 Juden bringt er uns wie auf dem Präsentier- teller entgegen. Der Dichter begrüsst (III p. 118) nicht im Allgemeinen die hauptsächlichsten Familien Mantua's, sondern nennt uns in einem Atemzug 40 Namen. Er sagt nicht etwa (X p. 244) einfach, Baldus wäre den mächtig- sten Helden an die Seite zu stellen, sondern nennt bei Namen den Cäsar, Pompejus, Tarquinius, Achilles, die Penthesilea, den Aleiden, Hector, Ajax, dazu noch 1):^ andere Plelden aus der Bibel und den Rittergedichten, und später noch den Feragut, Balugantus, Sacripas, Ro- domons, Durastans u. s. w. Bei Beschreibungen ist es auch so. Nie bleibt der Dichter bei allgemeinen Redens- arten stehen. Er führt Alles im Einzelnen an. So sehen wir bei der Beschreibung der Küche die Zubereitung aller Speisen vor unsern Augen sich vollziehen: p. 74. Alter ßgatos coctos tirat extra padellam, Alter odorifero :zeladiam gingere spargit^ Alter anedrottos pingiii hrottamine gtiassat, Alter de spedo mira traJiit arte fasanos, Hie polastrorttm caldartim spiccat ab igne, Qtios alter gtistat, digitos leccando, stih ala. Die Beschreibung des Marktes ist noch listenmässiger (V p. 156):

„Hie qttoque sparpagnant Mersadri niiilti facendas, Stringas, eordones, bursellos, cingula^ guantos, Tasehellas, sciifias, seußottos^ ciiltra^ guainas^ Carneros, ßbias^ calamos^ calamaria, cordas, Pectina, spechiettos^ Baniporgnas^ atqtie sonaios'-^ — • Recht charakteristisch ist schliesslich folgende Liste von 26 Adjectiven, welche das Wesen des Ehrgeizigen^ beschreiben sollen (XII p. 274):

1 Vorher wird p. 273 das Bild der Ehigeizigeu ausgeführt, in IG


Kapitel III. Die macaronische Poesie der Italiener. ISf)

„AmbitiosHS iiicni csl qiiod slnUiun, qiiod rtidc\ falsuni^ Fiitilc, dcspcctmn, dclirans, iiirpc^ maligninu , Illepidum, dcinenSy iiisitlsnm, moUc, fcriniun, Ridicidiun , nicndax^ tUnidiuii, miitabilc^ vecors^ Incerttunqnc siii, fattiiun, leve^ fcrtile iiitgis, Moribus cffoettttn^ diriun^ cnidcle, dolostimj*

Ausser dem grossartigen Reichtum des Satzes be- sitzt die macaronische Poesie noch andere Eigentümlich- keiten des grotesken Stils. Wir hatten schon in der Ein- leitung darauf hingewiesen, dass eine der Besonderheiten des grotesken Stils in der kolossalen, Alles für möglich haltenden und Alles möglich machenden Kraftfülle zu suchen sei. Diese Kraft geht soweit, dass sie ohne Wei- teres Wörter schafft, wo ihr die Sprache keine genügen- den bietet. Wenn nun einerseits die macaronische Sprache schon an und für sich ein Ausfluss dieser aller Schranken spottenden Kraftfülle ist, so hat sie doch anderseits an ihren zur burlesken Verhöhnung des klassischen Lateins erfundenen abenteuerlichen und willkürlichen Bildungen oft nicht einmal genug und gebraucht zur grösseren Wir- kung onomatopoetische Wörter in ungeheuerer Menge. Selbst das macaronische Wort ist ihr zu farblos, sie braucht den Klang, um volle Wirkung zu erzielen. So sagt Fo- lengo nicht einfach ,,die Trompeten schmettern", sondern ahmt den Klang der Trompete nach und schreibt: ,,7ro;;/- hettae frifolant tararan^^ oder noch schöner (XXII p. 160): ,,Troinbariim clangor raiicanii voce freqiientat ; Tarara ton^ tarara ton, tarara ton taira}^ Mit denselben Lauten fordert er auch zum Singen auf (XXI p. 141):

^^Cantcnius tararan, cantcmiis tantara tara}^

Vom Widerhall eines Stockes auf dem Boden heisst


Versen, die sammt und sonders mit „ambitiosus" beginnen. — Andere Auf- zählungen: cf. XIV p. 14, die Aufzählung von 47 Krankheiten; p. 77 wer- den 13 Beispiele aus dem Altertum und der h. Schrift zitiert, welche alle zeigen sollen, dass auch die Stärksten und Mutigsten den Künsten Amors erliegen müssen.


140 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


es (III p. 114) ^,tich lach hastonc sonautc'^ und vom Auf- treten der Stiefel (VIII p. 212):

y,Et sna per terrani tick loch calcai^iia so}iabiuiV^ . Ja, wir finden sogar den wundervollen Vers XX p. 102:

Tichi tick et tichi loch rcsoncit per müh lapillos^^. Der Hund macht ,/;«?/, bciti^^^ wenn er bellt:

^yQuae 1 semper baubau faciens sua labra biassaP^. Und der Kauz schreit ^^gna gna^^:

yjtic quoquc noctivagae gna gnao faciendo civettae^^.

Durch den Laut ,,/>// pit^^ werden die Hühner ge- rufen .

,,quo facto pit pit vaäit clarnando deforas^^.

Die Pferde werden so tüchtig angespornt, dass sie ganz merkwürdige Laute von sich geben: ^^atquecavalla grisabrebrevel pospodo d'icant^' . (XXIIIp. 169.)

Manchmal stossen wir aut unbegreifliche Lautzu- sammenstellungen, die durchaus nichts bedeuten, und nur ein Ausfluss der tollsten Laune sind. So beginnt Folengo das 24. Buch mit dem Vers p. 180: ^^Cra cra trif traf not, sgncflet, canatuata riogna^, und ein Bauer ant- wortet Cingar (XX p. 101) mit den Worten: ^^Bala gla ■chis for lea gosca^^, und nachher ,,ö/a bla cocosina lao criz^^. In den macaronischen Gedichten Deutschlands und Frankreichs, auf die wir später kommen werden, stossen wir auf dieselben stilistischen Erscheinungen 2.

Nach alle dem könnten wir behaupten, dass wir in der macaronischen Poesie das erste nahezu vollständige Bild des grotesken Stils vorfinden. Fast Alles, was wir vorher gefunden, bot nur Ansätze. Hier haben wir zum


1 auf testa canis bezogen.

2 Auch Wortspiele kommen hie und da vor. So (XVp.28): „Das Evan- gelium beweist selbst, dass der Mensch nicht allein von Brot, sondern auch von Rind- und Schweinefleisch lebt. Denn es sagt doch: quod nos vult peccare verbo. Divide ver a bo poteris cognoscere sensum. — Im Nobile Vigonze opus, wird mit magnus und magninus gespielt, einem "Wort, wel- ches im macaronischen Italienisch nicht bloss Diminutiv von magnus ist, sondern auch „Zigeuner" bedeutet.


Kap. IV. Die vom Humanismus u.d. Reform, ausgeh. Satiren Deutschlands. 141

ersten Mal jene masslose, sinnbetäubende, alle Gesetze und Regeln der Spraehe kühn überllutende Kraftfülle, welche wir später besonders bei Rabelais und Fischart vorfinden werden. — Und dieser groteske Stil wird getragen von der in der macaronischen Poesie häufigen grotesken Satire. Nichtsdestoweniger ist aber die macaronische Sprache in ihrer Tendenz eine burleske und nicht eine groteske Erscheinung; sie Avill den Humanismus lächer- lich machen, nicht weil sie Fehler an ihm entdeckt hat,, die sie geissein will, sondern weil es ihr Spass macht, das Erhabene, welches lange Zeit hindurch die Bewunde- rung der ganzen Welt auf sich gelenkt hat, in den Staub' zu ziehen und mit Füssen zu treten.


Kapitel IV. Die vom Humanismus und der Reformation ausgehenden Satiren Deutschlands.

Wenn die Satiren, die uns bis jetzt beschäftigt haben,. meistens nur gegen einzelne Erscheinungen des mensch- lichen Lebens gerichtet waren, müssen wir nunmehr dazu übergehen, auch Satiren allgemeineren Charakters in Be- tracht zu ziehen. Das Leben gegen Ende des 15. Jahr- hunderts gab zur Satire mancherlei Veranlassung. Die Sitten waren verwildert, die schlimmsten Laster machten sich breit; traurig und entmutigt schauten Manche dem. sündigen Treiben der Menschheit zu. Was thun, um den Menschen auf bessere Bahnen zu lenken?

Furcht und Spott sind jederzeit für wirksame Besse- rungsmittel gehalten worden. So zauberten denn die Einen dem sorglos den Freuden und Lastern dieser Welt sich hingebenden Menschen das bleiche Gespenst des Todes vor. In Bild und Wort zeigten sie ihm, wie der allmäch- tige und allgegenwärtige Tod Keinen verschont und den Menschen auch da, wo er es am wenigsten ahnt, beim


142 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.


Spielen, beim Tanzen und beim Trinken, beim lustigen Hochzeitsmahle und in der Brautnacht mitleidslos ergreift. Und sie dachten sich, dass der Tod ein hämisches Ver- gnügen daran habe, den Menschen so plötzlich zu über- raschen; sie zeigten ihn grinsend, wie er die jungen Paare zum Tanze führt, wie er selber musizierend den Reigen eröffnet und vor Freude über seine Beute die tollsten Sprünge macht. Und Keiner kann den lockenden Lauten seiner Geige widerstehen; der Kaiser muss ihm folgen wie der Bauer, der Papst wie der Bettelmönch, das Kind, das heiter dem Leben erst entgegenlächelt, ebenso wie der Greis, der müde auf lange Jahre schwerer Sorge zu- rückblickt. Aber neben diesem unheimlich grinsenden Ge- spenst mit Stundenglas und Hippe steht an der Schwelle des 16. Jahrhunderts eine andere Gestalt mit Schellen- kappe und Eselsohren, lustige Fratzen schneidend und den Menschen zur Gefolgschaft auffordernd. Am Ufer steht das Narrenschiff zur Abfahrt bereit; wer mitfahren will, steige ein! Es sind noch viele Plätze frei. Folgt nur der Narrheit! Ein lustig Leben führt man bei ihr. In ihrem Reiche giebt es keine Sorge, keine Pein. Der Tod und der Narr, sie reichen sich um die Wende des Jahr- hunderts zur Satire des Menschen die Hand. Grotesk ist weder der eine noch der andere. Der Totentanz ist ein schauriges, düsteres Gemälde, das dem Menschen entgegen- gehalten wird, um ihn zu ermahnen, stets an sein Ende zu denken und sich bei Zeiten zu bessern, denn seine Stunde wird mit unfehlbarer Notwendigkeit kommen. Dies Bild kann im Menschen höchstens das Lachen verzweifelnder Ohnmacht hervorrufen. Der Narr ist das Symbol jeglicher Menschenthorheit, wie der Fuchs das Symbol der List und der Wolf das Symbol der brutalen Kraft. Es wäre unrichtig, den Narren als groteske Satire des Menschen anzusehen, sich etwa vorzustellen, dass er das Zerrbild der Thorheit sei. Symbol und Zerrbild berühren sich, wie wir schon in der Einleitung bemerkten; zu trennen sind sie aber nichts desto weniger. Ein Dichter wie Sebastian


Kap. IV. Die vom Humanismus u.d. Reform, ausgeh. Satiren Deutschlands. 143

Brant denkt sich nicht: der Mensch ist so thoricht, dass er das Ideal der Thorheit, die Narrheit, erreicht; er sucht vielmehr ein sichtbiires Zeichen für die Thorheit des Menschen und findet als bestes und untrüglichstes die Narrenkappe. — Hundert und elf verschiedene Narr- heiten bringt er an Bord unter. Die Schellenkappen, mit welchen er sie versieht, sind nichts Anderes als die Etiketts für die verschiedenen Thorheiten. Dabei geht Sebastian Brant A'iel zu direkt vor, als dass er sich zur grotesken Satire erheben könnte. Im Tone des Verurtheilers und Verdammers geht er scharf und schonungslos ins Gericht mit den meisten weltlichen Freuden, wie dem Tanzen, Trinken, Spielen, Jagen, Scheibenschiessen u. s. w. Selten forciert er das Bild. Es ist nicht sein gewöhnlicher Ton, wenn er einmal von den Saufnarren sagt, dass sie aus sich selbst einen Weinschlauch machen oder die Bier- trinker als Leute schildert, die so voll werden, dass man eine Thüre mit ihnen einrennen kann , oder von den Schwatznarren behauptet, sie plapperten soviel, dass sie ein Loch in einen Brief redeten oder endlich die Sorgnarren sich um die wichtige Frage kümmern lässt, ob die Gänse barfuss gehen.

Wenn dies aber nicht der gewöhnliche Ton des Strassburger Dichters war, so hat ein anderer bedeuten- derer Mann, Erasmus von Rotterdam, den grotesken Ton in seinem Lob der Narrheit ^ oft angeschlagen. Statt die Missbräuche offen anzugreifen, lässt er durch die Narrheit ihr Lob singen. Das Lob von Dingen, die man eigentlich tadeln will, ist ironisch. Dadurch, dass dieses ironische Lob über alle Grenzen hinaus erhoben


1 MQPIAI ETKQMION, id est stultitiae laus Erasmi Roterodami. Declamatio ad lidem editionis antiquae Frobenii liguris Holbenianis ornata Homae MDCCCXXXIX. — Über diese Schrift wie über die vorhergehende cf. übrigens Schönfeld Hermann: Die kirchliche Satire und religiöse Weltanschauung in Brants Narrenschiff und Erasmus' Narrenlob. Modern Language Notes ed. by Elliott 1892. Auf das Groteske geht aber die Schrift nicht ein.


144 ]">>ter Teil: Die Zeit vor I<.abelais.


wird, dass es kolossale und unmögliche Dimensionen [in- nimmt, wird es grotesk.

Gleich zu Anfang der Schritt gewahren wir der- artige tolle Uebertreibungen. Die Narrheit, welche redend eingeführt wird, ist nicht bescheiden ; sie schreibt sich vielmehr Alles zu, was auf der Welt überhaupt geschieht. Zu welcher Grossthat hat sie nicht den Antrieb gegeben? Welcher Kunst Urheberin ist sie nicht gewesen? Hält sie nicht überhaupt Staat, Kunst und Wissenschaft aufrecht? Ja, sie masst sich noch Anderes, geradezu Unglaubliches an: Sogar den Ruhm der Klugheit nimmt sie für sich in Anspruch und wagt offen auszusprechen, dass Niemand zu der ,, gerühmten köstlichen Weisheit" gelangt, wenn sie nicht das Kommando führt. Aber sie ist nicht bloss die Beglückerin des Menschengeschlechtes ; ihr verdanken auch die Götter ihre ganze Seligkeit: Wozu rede ich von den sterblichen Menschen? ruft sie aus; durch- mustert den ganzen Himmel, und wer Lust hat, darf mir meinen Namen als Schimpfnamen aufmutzen, wenn er auch nur einen Gott findet, der nicht abstossend und abscheu- lich wäre, falls er sich nicht durch die von mir erhaltenen Gaben beliebt machte. Und diese Narrheit, welche selbst die Götter schmückt, ist von Gottes Sohn selbst, von Christus^ immer bevorzugt w^orden. Unter den Tieren gefallen stets die am allermeisten, welche die närrisch- sten sind, d. h. die thörichtsten (denn so fasst Erasmus hier den Begriff stiilttts auf), die, welche an des Fuchses Schlauheit am allerwenigsten Anteil haben. Darum mochte Christus immer am liebsten auf einem Esel reiten, da er doch selbst den Rücken eines Löwen ohne Gefahr hätte besteigen können. Darum heissen die zum ewigen Leben Erwählten Schafe. Darum legt sich Christus selbst so gerne den Namen ,,Lamm" bei und sagt von sich: ,,Seht das Lamm Gottes!" Und Christus bevorzugt nicht bloss überall die Narrheit; er ist geradezu selbst ein Narr ge- worden und hat die Sünden der Menschen nur durch die Narrheit des Kreuzes heilen wollen.


Kap. IV. Die vom Humanismus u. d. Reform. nus<:;ch. Satiren Deutschlands. 145

Wie hier der Betriff der Narrheit ungemein über- trieben wird, so geschieht es an anderen Stellen mit an- deren Begriffen. Die Narrheit ist, wie Erasmus sagt, die Tochter des Reichtums oder in andern Worten des Gottes Plutos (Tr\oÖTO(;). und sie ist stolz auf ihre Herkunft, denn Plutos ist der mächtigste Gott, ja, er ist der Vater der Menschen und Götter, was Hesiod und Homer auch da- gegen sagen mögen. Ohne ihn würde die ganze Götterwelt, ja selbst die allerhöchsten Götter, entweder nicht existieren oder höchstens als arme Brodesser kümmerlich am eigenen Tische zu Gaste gehen. Wem dieser Gott Plutos nicht gewogen ist, dem kann Pallas auch nicht helfen; wer da- gegen des Plutos' Günstling ist, der kann getrost dem erhabenen Jupiter, samt seinem Blitz, ein Schnippchen schlagen. Und man höre, um die Wirkung der Stelle recht zu w^ürdigen, der Narrheit höchst eigene Worte i: ,,Mihi vero iieqite Chaos ncqiic Ovnis^ iicqiie Satiirmis ncqiic Ja- pettiSy aut aliiis id gemis obsolctortun ac putritun deoruni qtiisqiiani pater fuü, sed UXovrog, ipsc tiniis, vel invitis Hesiodo et Hoinero, atqiic ipso adco love, naxrjQ ävögcov re &ea)v tf: cuiiis tcnius mitu^ ttt olwi, ita mmc qiioque Sacra profanaqiic oinnia siirsinu ac deosiun miscentiir ; Cialis arhitrio bella^ paces, imperial consilia, nidicia, co- niitia^ connubia, pacta^ foedera, leges, artes, ludicra, seria (jarn Spiritus me deficit), breviter, publica privataque omnia mortaliimi negotia aduiiinstrantiir'^.^' Man sieht, wie die Übertreibung des Begriffs sofort auch die Übertreibung im Stil, zumal die langen Aufzählungen, nach sich zieht.

Die Art, wie diese hochwohlgeborene Narrheit die Fehler der einzelnen Menschenkategorien satirisiert, ist


1 p. 11.

2 Wenn man die Stelle in Seb. Frank's Übersetzung aus dem IG.Jhdt. (1534) liest, ist es einem beinalie, als läse man einen Fischartschen Satz : „Auss welches Gewalt und Willen werden krieg, fried, gebiet, reich, rät, gericht, reichsstag, heurat, gelübdt, bündtnuss, gesätz, künst, schimpf, ernst (itz kan ich nimer atmen), kurzumb gemeins und eigens und aller menschen gescheft und handlung gehandthabt".

Schneegans, Gesch. d. grot. Satire, 10


14() Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

meist die groteske. So wird die Begeisterung der Jäger lür das edle Waidwerk lächerlich gemacht, indem Frau Narr- heit sagt, die Jtiger liebten die Jagd so sehr, dass, wenn sie die Excremente der Hunde witterten, sie Zimmet zu riechen meinten ; sie seien so sehr von der Wichtigkeit des Waidwerks überzeugt, dass sie geradezu mit religiösem Ernste das Zerschneiden der erlegten Hirsche betrieben. Von den Schulmeistern, deren Pedanterie auch im Zeit- alter des Humanismus Anstoss erregte, heisst es an an- derer Stelle, sie freuten sich ebensosehr, wenn sie in irgend einer verschimmelten Scharteke ausgespürt, wer des An- chises Mutter war oder ein nicht ganz bekanntes Wort aufgegabelt oder ein mit verstümmelten Buchstaben be- kratztes Stück alten vermoderten Steins ausgegraben hät- ten, als wenn sie als siegreiche Feldherren ganz Afrika unterjocht und Babylon erobert hätten. — Auch die Astro- nomen und Philosophen werden nicht geschont. Die Sicherheit, mit der sie auftreten, d^is Selbstbewusstsein, mit dem sie reden, wird gewaltig in die Höhe geschraubt. Sie sind so scharfsinnig, dass sie selbst die Ideen und die Weltsysteme, die Urstoffe und ihre Entstehung, die Quiddi- täten und Ecceitäten, alles so subtile Dinge, dass ein Lynkeus sie nicht sehen könnte, doch von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben behaupten. In dieser Be- ziehung sind sie beinahe ebenso gelehrt wie die Theologen, denen es keine Schwierigkeit macht, anzugeben, aufweiche Weise Gott die Welt erschaffen und geordnet habe, durch welche Kanäle die ansteckende Pest der Sünde auf die ganze Nachkommenschaft der ersten Sünde hinübergeleitet w^orden, in welcher Weise, in welchem Masse und in welcher Minute in der heiligen Jungfrau Leibe der Hei- land fertig geworden sei u. s. w. Ja, sie wissen noch ganz andere Sachen : Mit bewunderungswürdigem Scharf- sinn hat ein Stocktheologe bewiesen, dass in dem W^orte „Jesiis^^ ein augenscheinliches Bild der Dreieinigkeit zu finden sei. Denn das Wort habe nur drei verschiedene Endungen, wenn es dekliniert werde: Jesus, Jesiim, Jesu.


Kap. IV. Die vom Humanismus u. d. Reform, ausgeli. Satiren Deutschlands. 147

Ausserdem sei aber in den drei Endungsbuchstaben 5, ;;/, // das Geheimnis enthalten, dass Jesus die Spitze, die Mitte und das Unterste aller Dinge sei (stujiniiini, mcdiiiiii, ul- timum). Endlich liege in dem Umstand, dass das aus fünf Buchstaben bestehende Wort Jesus durch 5 in zwei gleiche Teile geteilt sei, ,,ein noch viel versteckteres Mysterium, so dunkel, wie ein schwieriges Rechenexempel"; 5 heisse bei den Hebräern „s/;/^' und ferner bedeute ,,sm auf schottisch soviel wie Sünde. Damit sei sonnenklar -dargethan, dass Jesus der sei, welcher die Sünden der Welt tilge. Dass dem Manne, der diese Theorie aufstellte, nicht das Unglück passierte, was Erasmus von einem Prediger erzählt, ist Avunderbar. Demselben hatte nämlich ,,nach achttägiger schlimmer Arbeit die scharfe Spitze seines geistigen Lichtes die ganze Schärfe seines leiblichen so sehr verkratzt," dass er blinder als ein Maulwurf wurde.

Aber die theologische Wissenschaft, welche selbst so viele Dinge weiss, zerbricht sich, trotzdem es ihr all- bekanntes Recht ist, die heilige Schrift wie ein Stück Leder nach Belieben auseinander zu zerren, doch noch vor einigen höchst interessanten Problemen den Kopf: Konnte sich Gott, fragen sich die spitzfindigen Herren, nur mit einem Weibe verbinden oder auch mit dem Satan, mit einem Esel, mit einem Kürbiss, mit einem Kieselsteine? Und wie würde im gegebenen Falle der Kürbiss gepredigt, Wunder geschaffen haben und ans Kreuz geschlagen wor- den sein? Alle diese überfein zugespitzten Spitzfindigkeiten spitzen sich noch feiner zu durch scholastische Irrgänge, so dass man sie schneller aus Labyrinthen herauswinden würde, wie aus den Irrgängen der Realisten, Nominalisten, Thomisten, Albertisten, Occamisten und Skotisten.

Aber wenn manche Fragen auch noch zu lösen sind, so ist doch die Gewissheit vorhanden, dass die ^ßoctores solennes, doctores subtiles, doctores subtilissimi , doctores seraphici , doctores sandig doctores irrefragabiles ^ wie Erasmus an einer Stelle die Theologen nennt, sie mit der Zeit lösen werden. Sie selber halten es gewiss für durch-


14H Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

aus möt*lich. Denn was wäre ihnen überhaupt unmögHch? Die Apostel reichen ihnen das Wasser nicht. Sie dünken sich den Göttern nahe, wenn sie Jemand mit heiliger Ehr- furcht ,,Herr Magister" grüsst; denn in diesem Namen, meinen sie, stecke etwas Heiliges wie in den bekannten vier Buchstaben der Juden. Daher sei es Sünde, die Worte ,,Herr Magister'^ anders als mit grossen Buchstaben zu schreiben.

In einer Satire gegen die Geistlichkeit sind gewöhn- lich die Mönche nicht die Letzten, die Spott und Sarkas- mus hervorrufen. So erhalten sie denn auch von Erasmus ein Paar tüchtige Hiebe. Es ist köstlich zu lesen, worauf dieselben sich am Tage des Gerichts berufen werden: der eine wird mit einem so grossen Haufen von Cere- monien anrücken, dass man sie kaum auf sieben Last- schiffe wird laden können, wieder ein anderer wird sich rühmen, dass er in sechzig Jahren nie ein Stück Geld angerührt habe, ausser mit doppelten Handschuhen; und ein Dritter wird eine Kapuze vorzeigen, die so ekelhaft und schmutzig sein wird, dass selbst ein Schiffsknecht sie nicht über die Ohren würde ziehen mögen. Diese Satire der naiven und äusserlichen Art, wie derartige Leute das Christentum verstanden, ist in ihrer Übertrei- bung ebenso grotesk, wie alle übrigen von uns bereits erwähnten.

Auch Erasmus' groteske Satire spiegelt sich in einigen Eigentümlichkeiten des grotesken Stils wieder. Wir hatten schon vorher ein Beispiel der übersprudelnden Fülle ge- geben, die sich in langen, oft atemlosen Aufzählungen breit macht. Es sind deren eine ganze Menge bei Erasmus zu finden. So z. B., wenn er das Gebahren der Prediger auf der Kanzel beschreibt: ,,0 du mein Gott^'^ ruft er aus, j^w/^ schlagen sie tun sich, "wie artig wechseln sie mit der Stimme^ wie schnarren sie so lieblich^ wie werfen sie sich von einer Seite Bur anderen^ wie vielerlei Gesichter schnei- den sie nach einander^ wie erschüttern sie nicht mit ihrem Geschrei alle Ohren f-^


Kap. IV. Die vom Humanismus u.d. Reform, ausgeh. Satiren Deutschlands. 149

Noch voller und noch knUtio^er strömt der Satz da- hin, wenn die Narrheit uns das Unglück schildert, welches die Welt alsbald überfallen würde, wenn sich die Päpste von der Weisheit ,,besch . . ssen'^ Hessen, ja auch nur von einem Körnchen Salz, von welchem Christus spricht: ,,Was würden sie sodann nicht Alles verlieren ^^^ klagt sie, ^^wieviele Scliät^ey wie viele Ehren, Herrschaften, Siege, Dienstleistungen, Dispensationen, Einkünfte, Ablasse, wie viel Pferde, Maulesel, Trabanten, und wie viele weltlichen Freuden! — Ihr seht, wie viele Jahrmarkt sfreude, welche Ernte, welches Meer von Schätzen ich in wenigen Worten misarnmengefasst habe! An deren Stelle würden Nacht- wachen treten, Fasten, Weinen, Gebete, Predigten, Studieren, SetfBer, und dabei jammervolle Miihsalen mehr! Zu über- sehen ist auch dann nicht, dass alsdann diese Masse von Schreibern, Kopisten, Notaren, Advokaten, Promotoren, Geheiinsekretären, Maultiertreibern, Pferdehändlern, Wechs- lern, Kupplern (ich mag, um die Ohren su schonen, nichts Ärgeres nennen) .... am Hungertuche nagen müsste ^."

Glücklicherweise für alle diese Leute Hessen sich aber die Päpste sowie die ganze katholische Geistlichkeit ruhig weiter von der Narrheit am Gängelbande leiten, so dass nach Erasmus' Satire noch eine Menge anderer Satiren gegen die Kirche gerichtet werden konnten, ohne dass man hätte sagen können, dass sie nicht mehr zeitgemäss gewesen wären. Unter diesen nehmen die Dunkelmänner- briefe einen ganz hervorragenden Platz ein. Dieselben übertreiben freilich nicht immer kolossal genug, um schon


1 Noch andere Aufzählungen könnten wir anführen. So wenn die Waffen und Beschäftigungen des Papsttums geschildert werden: Kirchen- A^erbote, Suspensionen, Beschwerdeschriften, Gegenbeschwerden, Verketze- rungen, Verdammungsgemälde, und jener schreckliche Bannstrahl, der mit einem Winke die Seelen der Sterblichen in die tiefste Hölle hinabschleu- dert — oder „mit Schmarotzern, Wüstlingen, Raubgesellcn, Banditen, Bauerntölpeln, Dummköpfen, Falliten und anderm Auswurf der Menschheit würden diese herrlichen Thaten am besten ausgerichtet, nicht mit Philoso- phen, die nach der Nachtlampe riechen".


150 Erster Theil: Die Zeit vor Rabelais.

7A\ den echt grotesken Satiren gerechnet werden zu können^ Da sie aber stets das karikierende Prinzip ^ befolgen, so- sind sie als Vorbereiterinnen der grotesken Satire im Deutsch- land des 16. Jahrhunderts anzusehen — und demgemäss hier zu behandeln.

Schon der äussere Habitus der Briefe ^ ist karikie- rend. Die Mönche schrieben und sprachen schlecht Latein,-, hier wird aber eine Auslese der tüchtigsten Barbarismen geliefert, welche die Wirklichkeit überbietet. Die guten Leute übersetzen ganz wörtlich aus dem Deutschen ins Lateinische und sagen z. B.: Juvet vobis Dens; ego nihil tiineo de Erasmo; vos tenetis ctirti Ecclesia ; qitomodo stat cum eo? nihil est cum ipsis. Köstlich ist die Liebeserklärung : Ego amo nnam virginem, Margaretam cnm nomine. Auf- geben heisst schlankweg snperdare^ nachsagen postdicer&y


1 Uns erscheinen freilich die Farben manchmal ausserordentlich stark aufgetragen. Wir können uns eben schwer vorstellen, dass die Ignoranz der Mönche und der Geistlichen im 16. Jhdt. so ungeheuer war. Dass die Zeit aber in diesen Briefen keine stark aufgetragene Karikatur sah, beweist die Thatsache, dass die durch dieselbe Betroffenen zuerst die Satire nicht merkten. Strauss erzählt in seinem Ulrich von Hütten, wie die Bettel- mönche in England jubelten, im guten Glauben eine Schrift zu ihren Gun- sten und gegen Reuchlin in Händen zu haben, und wie in Brabant ein Dominikanerpriester eine Anzahl von Exemplaren zusammenkaufte, um sei- nem Oberen damit ein Geschenk zu machen. Und diese Illusion habe sehr lange angedauert. Erst der letzte Brief des zweiten Teiles, der aus dem Tone der Ironie in den der Invective fällt, habe den guten Leuten die Augen- geöffnet. Rabelais hätte man nie für ernst genommen, denn die Übertrei- bungen sind bei ihm viel zu kolossal. Dass wir aber, trotzdem sie für ernst gehalten wurden, in den Dunkelmännerbriefen doch nicht einfach eine ge- treue Photographie der damaligen Zustände haben, ersieht man schon bei oberflächlicher Durchblätterung des Buches. Das Komische an demselben liegt zwar oft auch hauptsächlich darin, dass die Dunkelmänner selbst ihre Satire schreiben. „Die Barbarei wird, um mit Erasmus zu reden, barbarisch verlacht, d. h. dadurch, dass sie sich selbst ungescheut ohne Ahnung ihrer' Verkehrtheit darlegt" (Strauss: Ulrich v. Hütten I p. 285). Aber durch die Vereinigung dieser in der Wirklichkeit zerstreuten Züge von Roheit und Thorheit in einem Brennpunkte, werden sie zur Karikatur.

2 Ich gebrauche die Teubner'sche Ausgabe. Epistolae obsc. vir^ Lipsiae AIDCCCLXIIII.


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durchsehen transvidcrc. Manchmal kommt auch macaro- nisches Latein vor, so z. B. in den Ausdrücken ,,uiia aii- tiqiia vetula, iiua :zccha^ iiuiuii brilliini^^ Oft wird auch der rhetorische und logische Bau des Satzes karikiert. In folgendem Eingang des Briefes von Wilhelm Scher- schleiferius aus Frankfurt erreicht die Karikatur bereits das Groteske: ,,Ich i^tinderc mich sehr, schreibt Scher- schleiferius an Ortuin, , /warum Ihr mir nicht schreibet, tiud Ihr schreibet doch au Andere^ die Euch nicht so oft schreiben, als ich Euch schreibe. Wenn Ihr mein Feind seid^ 'weil Ihr mir nicht mehr schreiben 'wollt, so schreibet mir doch^ i£arum Ihr mir nicht mehr schreiben ^wollt, damit ich weiss, warum Ihr mir nicht schreibet, da ich Euch doch immer schreibe, wie ich Euch auch jetst schreibe^ ob- gleich ich weiss, dass Ihr mir nicht wieder schreiben werdet^' ^ — (und so geht es noch weiter).

Wie die Form, so ist auch der Inhalt karikierend. Schon die Namen der auftretenden Gelehrten sind eine Satire der Ignoranz der Geistlichen, die aus Mangel an Kenntnis der alten Sprachen ihre gutdeutschen Namen nicht ordentlich latinisieren können. Da haben wir die Magistri und Baccalaurei Genselinus^ Caprimulgius^ Scher- schleiferius und die prachtvollsten von allen, den Dollen- kopf ins und den Mistlader ius. Und die Ignoranz der Theo- logen ist noch oft die Zielscheibe des Witzes. Ihre Un- kenntnis auf dem Gebiete des klassischen Altertums wird häuiig grotesk. Sie verwechseln den Grammatiker Diomedes mit dem homerischen Helden ; sie leiten den Namen des Kriegsgottes Mavors von ^^mares vorans^^ ab, die Erklä- rung des Namens Mercurius macht ihnen keine Schwierig- keiten, da sie bedenken, dass er es ist ,,qui mercatores curaV^. Am gelungensten ist aber die Ableitung von Ma- gister aus magis und tcr^ w^eil der Magister dreimal mehr wissen muss als ein anderer oder aus magis terreo^ w^eil der Magister seinen Schülern schrecklicher sein soll, als

1 I 15.


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irgend ein anderer ^ Ihre Unwissenheit Uisst sich aber wohl befreiten, wenn man ihre Grundsätze bedenkt : Sie halten es für sündhaft, die Grammatik aus weltlichen Dichtern oder Prosaikern, wie Virgil, Cicero, Plinius zu lernen, denn, ,,wic Aristoteles' Mefaphys l. sagt , //igen die Dichter viel, aber wer lügt, der silndigt, und iver sein Stn- diiim auf Lügen gründet (qiii fundant studinm snum snper rnendaciis) , der gründet es auf Sünden; was aber auf Sünden gegründet ist, ist nicht gut, sondern wider Gott, der der Sünden Feind ist^ ^.

Trotz dieser strengen Anschauungsweise wissen aber unsere lieben Dunkelmänner, da, wo es ihnen nicht in den Kram passt, die heilige Schrift recht willkürlich zu ihren Gunsten zu deuteln und zu drehen. Wir würden jetzt sogar ihr Verfahren ein perfid jesuitisches nennen. So entblöden sie sich nicht, aus der Bibel beweisen zu wollen, dass der Geistliche sich ganz gut unehelichen Lie- besfreuden ergeben dürfe : Sagt nicht der Prediger Sa- lomo XI 9: ,,Freue dich, Jüngling, deiner Jugend^' und III 12: „Es ist nichts Besseres, als dass der Mensch sich freue in seinem Werke, ^' und noch deutlicher IV 1 1 : ,, Wenn sweie bei einander liegen, wird ihnen warm. Einer für sich kann aber nicht warm werdenj^ Ausserdem, wenn Gott die Liebe ist, kann ja die Liebe nichts Schlimmes sein-' Ein Scholastiker kann ja Alles beweisen, es kommt nur auf die gute Schulung an. Die doctores subtiles sind aber vortrefflich geschult. In den spitzfindigsten Fragen finden sie sich zurecht. Dr. Klorbius macht den Ortuin darauf aufmerksam II Bd. 13, dass man von einem Magister nicht sagen dürfe, er sei membrum von zehn Universitäten ; man müsse ,,membra" sagen, w^eil man von einem Gliede mehrerer Körper nicht sprechen könne. Dass der Numerus nicht übereinstimme, das sei ebenso unwesentlich, wie wenn Virgil den Alexis ,,delitias domini" nennt. Noch


1 I Ep. 28; II Ep. 23.

2 Hafenmusius Mag. Ort. Grat. I 7.


Kap. IV: Die vom Humanismus u. d. Reform, ausf^eh. Satiren Deutschlands ir)3

wichtiger ist die Frap:e, ob es eine Sünde sei, zur Fasten- zeit ein Ei zu essen, in dem schon ein Junges zu bemerken sei (II 2G). Gilt das Junge schon als Fleisch, so ist es verboten ; gilt es dagegen noch als Wurm^ so gehört es in die Kategorie der Fische und ist Fastenspeise. Am interessantesten dürften aber gewiss die Fragen über das praepiUiiim der Juden sein. Wie steht es damit, wenn der Jude Christ wird „rcnascitiir sihi praepiUimn? Und wenn nicht, sind da am jüngsten Tage nicht arge Irrtümer zu befürchten? (I 37). Es ist gewiss eben so schwer zu entscheiden als die Frage, ob Pfefterkorn in der Eigen- schaft als immer noch heimlicher Jude oder als ehemaliger Metzger stinkt (II 25).

Man sollte meinen, den deutschen Reformatoren hätte die so geistreiche Form der von den Humanisten ^ ausge- henden Satire willkommen sein können; sie hätten gerne die Ansätze derselben verwandt, um eine kräftige gro- teske Satire ins Leben zu rufen. Dem ist aber nicht so. Keiner der grossen deutschen Reformatoren kennt eine solche. Auch Luther nicht. Zwar steht er ihr näher als Calvin, der gar keinen Sinn dafür hat. Er lacht gern, laut und kräftig, und von Zeit zu Zeit gebraucht er so derbe und urwüchsige Bilder, dass sie uns in ihrer Ungeheuer-


1 Bebel's Facetien und sein Triumplius Veneris gehören auch zur Humanistensatire. Die witzigen Anekdoten der ersteren sind aber nicht grotesk. Letztere Schrift ist vornehmlich allegorisch. — Im Anschluss an die Dunkelmännerbriefe möge folgende von Flögel, Geschichte des Bur- lesken p. 199, erwähnte Schrift zitiert werden: Colloquia obscurorum Theo- logorum ac Concionatorum grassantium nunc per Bi-abantiam ex quibus lector praeter Atticum leporem, etiam illorum mores ac studia cognoscet . . . 1560. Diese Gespräche sind nach dem Muster der Epist. obsc. vir. abgefasst. Die viri obscuri decken selbst ihre Unwissenheit auf. Bemerkenswert dürfte die AVidmung sein: „Zelosissimo, hypocrisissimo, cucuUatissimo, jesuitissimo, mulierosissimo, meretricolatissimo, asotissimo, asopissimo, apitiissimo, sacrae scolasticae Cacologiae Baccalario in Lovanio, Concionatori in jNIechlinia et Monacho ex caenobio, et plus si vellet, fraterculo Petro Lupo, suo maxis- simo amico. Pasquillus multas bonas noctes cum amica". Es ist mir nicht möglich gewesen, ein Exemplar der Schrift selbst einzusehen.


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lic hkeit <»Totesk anmuten. So wenn er Heinrich von Braun- schweig-Wolfenbüttel die Lehre giebt: ,,Dti solltest nicht eher ein Buch schreiben, du hättest denn ein Forts von einer alten San gehöret, da solltest du dein Manl gegen aufsperren und sagen: Dank habe du schöne Nachtigall, da höre ich einen Text, der ist für rnich^.^' Liegt darin nicht eine grossartige Übertreibung der nach Luthers Meinung be- stehenden Unfähigkeit Heinrichs von Wolfenbüttel anders denn schmutzig und thöricht zu schreiben? In einem tollen übertreibenden Bilde ergeht sich Luther auch, wenn er an einer anderen Stelle von Heinrich sagt : Da flucht^ lästert, plerret, serret, schreiet und speiet er also, dass lioenn solche Wort mündlich von ihm gehöret nicürdcn, so "Würde Jedermann mit Ketten und Stangen Zuläufen, als mi einem, der mit einer Legion Teufel ("ucie der im Evan- gelio) besessen is^äre, dass man ihn binden und fangen müsste.'^ Aber die Bilder sind nur hingeworfen, nicht ausgeführt. Was hätte ein Mann wie Rabelais aus solchen Motiven machen können? Luther ist zu ungeduldig, zu feurig dazu ! Ihm kommt es keinen Augenblick darauf an durch das Groteske seiner Bilder seine Leser zu ver- blüffen oder zu unterhalten. Er denkt nur an den Feind, den er bekämpft. Sein Hass, seine Leiden- schaft ^ reisst ihn mit sich fort, und legt ihm die über- treibendsten Ausdrücke in den Mund. Dem Hogstraten


1 Lutlier's Schriften in Kürschner's deutscher Nationallitteratur 15. Bd, Wider Hans Wurst p. 201.

2 Ein Ausfluss seiner Leidenschaft sind auch die grossen Aufzäh- lungen, die wir manchmal bei ihm finden. Von der babylonischen Hure sagt Luther p. 222: Diese Hure so zuvor eine reine Jungfrau und liebe Braut war, ist eine abtrünnige, verlauffene Ehehure, eine Haushure, eine Betthure, eine Schlüsselhure, die im hause fraue ist, schlüssel, bette, küchen^ keller und alles hat in ihrem befehl, so böse, da gegen die gemeinen freien Huren^ Puschhuren, Feldhuren, Landhuren, Heerhuren^ schier heilig sindy denn diese ist die recht e Ertzhure, und eigentlich eine Teufelshure." An- dere Aufzählungen finden wir in der Schrift an den christlichen Adel Deut- scher Nation p. 10; in der Schrift wider Hans Wurst p. 206; in der Bulle vom Abendfressen d. allerheiligsten Herrn des Papstes 1522 u. s. w.


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will er nicht gestatten, dass er mit seinem ,,Bocksriisscl'^ die h. Schrift besudele und nennt ihn einen ^,tiusiiiiiii^cn bhit durstigen Mörder, der des Blutes der ehr ist liehen Brü- der nieht satt i'cerden könne. Heinrich von Braunschweig schimpft er den „Esel edler Esel .zu Wolfenbüttel, einen Hans Wurst, Ersnieuchelmörder und Teufel Heinz und selbst einem König von England gegenüber nimmt er kein Blatt vor den Mund, und wirft ihm etwa vor, er schelte so bitter, giftig und ohne Unterlass, „als kein öffentliche zornige Hure schelten mag, dass man i^ohl sieht, dass kein könig- lich Ader an ihm ist'^^. — Im Moment wo er seinen Fein- den solche Schimpfereien ins Gesicht schleudert, ist er sich ihrer Kolossalität nicht bewusst. Der Zorn verblendet ihn. Und darin liegt der Hauptunterschied zwischen sei- ner und der grotesken Satiriker Art. Der groteske Sati- riker muss sich stets über sein Objekt erheben können, er darf sich nicht fortreissen lassen. Die Zügel hält er stets in der Hand, so tolle Sprünge sein Ross auch macht. In seinem schwindelnden Dahinjagen scheint er oft die Herrschaft über sein Tier vollständig verloren zu haben. Er ist aber doch stets Herr desselben und kann es jeden Augenblick zum Stillstehen bringen. Feurige Naturen wie Luther, die in ihren eigenen Gebilden aufgehen, werden selten die groteske Satire handhaben können. Auch die Innerlichkeit, der tiefe Ernst ihrer Natur hindert sie da- ran. Männer, die wie Luther von ihrer Mission durch- drungen sind, Männer, die bereit sind, für ihre Ideen auf dem Scheiterhaufen zu sterben, verschmähen den Ton der Ironie, der furchtsamen Naturen im gegebenen Falle einen sicheren Zufluchtsort bieten kann. Die Meister der gro- tesken Satire sind stets Männer, die bei allem Feuer doch stets Skepsis genug besitzen, um nie weiter zu gehen, als es die Klugheit und ihre eigene Sicherheit gebietet. Fo- lengo, Erasmus, Rabelais und Theodor von Beza sind in dieser Beziehung durchaus verwandte Na-


1 Luthers SämÜ. Werke, 28. Bd., Erlangen 1840, p. 387.


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turen^ ebenso auch Crotiis Rubianiis der Hauptverfasser der Dunkelmännerbriefe.

Noch weniger als bei Luther ist das groteske Ele- ment bei Ulrich von Hütten vertreten. Seine voU- stilndig directe und allegorische Satire spornt zur That, sagt Strauss; nie vergisst Hütten, dass man das Dumme und Schlechte weniger belachen, als bekämpfen muss. Groteskes würde man auf den ersten Blick in P i r c k h e i - mers Komödie vom gehobelten Eck^ vermuten. Aber so krass-komisch sie auch ist, sie verwendet doch eher alle- gorische als groteske Motive 3. Auch Hans Sachs hat nichts Groteskes*.

Die Hauptkämpen der katholischen Partei haben die groteske Satire ebensowenig verwandt wie ihre Geg-


1 In dieser Hinsicht ist Rabelais' häufig wiederholtes Wort „Je le iriaintiens jusques au feu, exclusivement" recht charakteristisch.

2 Eccius dedolatus ed. in Böckings Ausgabe von Huttens "Werken, Bd. IV, p. 517 ff. Am kranken Eck werden zur Heilung seltsame Experi- mente vorgenommen. Er wird gebunden und geprügelt; dann werden ihm die Haare geschoren, wo es von Sophismen und Trugschlüssen geradezu wuselt; die gallige Zunge wird ihm geschabt^ ein ungeheuerer Hundszahn wird ihm ausgezogen, es wird ihm ein Brach- und Purgiermittel verabreicht, imd nun giebt er oben und unten seine Schriften von sich sammt einigem Geld, das er für die Verteidigung des Ablasskrames und Wuchers erhalten hat. Die Haut wird ihm von der Brust gezogen, seine Heuchelei, sein Neid, sein Stolz werden herausgebürstet, dann wird ihm durch eine andere Ope- ration die Fleischeslust ausgetrieben. So ist er hergestellt und verlangt, dass man die Sache geheim halte, sonst machten die Humanisten eine Ko- mödie daraus.

^ Auch hier haben wir grosse Aufzählungen wie bei Luther, so p. 536: Hominum portenta, Indoctos, Caudices, Stipites, Barros, Stupores, Nebu- lones, Sycophantas, Impudentes, Lascivos, Fraudulentos, Ambitiosos, Teme- rarios, Morosos, Invidos, Avaros, Quadruplatores, Ganeones, Sacrilegos, Hypocritas, Pertinaces, Impostores.

  • In Hans Sachs' Gedicht von den Landsknechten kommen freilich

Übertreibungen vor, die den grotesken Ton streifen. Die Landsknechte, sagt er, sind so furchtbar, dass sie weder St. Peter im Paradies noch Lucifer in der Hölle aufnehmen will. Petrus fürchtet sich vor Schlägen und Beel- zebub versteigt sich zu dem Ausspruch: „Sie fressen uns wohl allesam". — Über das Schlauraffenland cf, III 3.


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ner. Murners derbe, pöbelhafte, oft unlliitii>;e Satire er- geht sich fast nur in wüsten Schimpfereien gegen den ,,Blnthiind, den iinsiuuiii;cu, schell isj^cu, lästerlich aitsju^c- loffeuen, bübischen Mönchen, den \ 'erfuhr er der Einfciltigen" , wie er Luther nennt. Sogar in seinen allegorischen Sa- tiren verfällt er immer wieder in diesen Ton^ Auch Em- sers Satire stürmt direct dahin und schleudert die furcht- barsten Injurien gegen Luther, den ,,bhitsichtigen Tyrannen und IVi/therich'^ -. Groteskes finden wir auch nicht in den Streitschriften des C o c h 1 a e u s , A m n i c o 1 a , A 1 v e 1 d und Has enb er g^.


1 Dies gilt besonders von der Schelmenzunft und der Narren beschwö- rung, aus dem Jahre 1512. Hier gelten selbstverständlich die Injurien noch nicht dem Protestantismus, sondern der katholischen Geistlichkeit. Allego- risch sind auch die Mülle von Schwindelsheim und Gredt Müllerin 1515, die Gäuchmatt 1519, vom grossen lutherischen Narren 1522".

^ cf. „auff des Stieres tzu Wiettenberg wiettende Replica" p, 39. — Manchmal linden wir leidenschaftliche Übertreibungen derselben Art, wie diejenigen Luthers. So in der Schrift „an den Stier zu Wittenberg" p. 3: „Zwischen Deinem Gruss und Judas Kuss ist wenig Unterschied. Deine Lehre ist dem Evangelium so ähnlich, als der Esel dem Löwen, von wel- chem das Evangelium spricht". Hie und da kommen auch Wortspiele vor; so p. 8, wo E. Luther in den W^orten verhöhnt; „Beschliesslich darfst du nicht gedenken, dass du so gar rein und lauter oder glas schon seiest, dass du von mir erst besudelt werdest, als deine Bacchantenverse vorgeben, denn dein Nam Luter nicht lauter ist". — Von Injurien strotzen Emser's ,,Quadru- plica auf Luters jüngstgethane antwort, sein Reformation belangend", Em- ser's ,, Bedingung auf Luters ersten Widerspruch".

•^ Das Bild in Cochlaeus' Septiceps Lutherus ist allegorisch; es stellt den Luther siebenköpfig dar. — Amnicola's Schrift „Martin Luther, wie esz ein Man sey und was er fürt im schykle 1522" und A 1 v e 1 d s Pamphlet „Wider den wittenbergischen abgot Martin Luther Augustinus Alveld Guar- dian zu Hall zu Sachsen Anno 24" gehen direkt vor. In letzter Schrift be- ginnt jeder neue Abschnitt mit den Worten : „Zum ersten leugst du ... . zum zweiten leugst du . . . .". Hasenberg's Schrift ist allegorisch-dialogisch. Die Haeresis, Religio, Spes, Seditio, Corruptio, Scriptura, werden redend ein- geführt; der Titel erinnert dagegen an den grotesken Stil „Ludens ludentem luderum ludens quo loannes Hasenbergius Bohemus in Bachanalib: Lypsiae, omnes ludificantem Ludionem, omnibus ludendum exhibuit. Anno M. D. XXXI. Grosse Aufzählungen sind auch häufig. So z. B. in der Rede der Haeresis: ,,Ego virgines, mulieres, viduas, rusticos, cives, nobiles, principes,.


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So wird denn weder von den Führern der protestan- tischen Partei noch von den Häuptern der kathohschen die groteske Satire gehandhabt. Dagegen ist sie vertreten in der protestantischen Flugschriftenlitteratur des Retbrmationszeitalters i. Neben der auch hier vorkom- menden directen Satire 2, vvrelche in Invectiven und Grob- heiten schwelgt, und der dialogischen Satire 3, welche die


reges orbis, monarchas, i))siusque adeo Caesaris gladium in manibus habeo. Ego sacerdotes, monachos, Vestales, Episcopas, Cardinales, Papas atque Petri claves in sinu gesto. Ego aedes Respublicas, arces validas, ducatus, Regna, commoveo, conturbo ac everto. Ego templa, coenobia, abbatias, missas, ceremonias, Sacramenta ipsa, fidei articulos, decalogi praecepta perdo, minuo et nihili facio, ego ex templis suum et asinorum haras^ ex coenobiis latro- num spelaca, ex parocchis meretvicum lupanaria, ex piis Monachis periuros apostatas, ex castis vestalibus sordida scorta, ex precibus . . . . u. s. w. acio et formo".

1 Ich stütze mich dabei auf folgende Werke: Baur: Deutschland in den Jahren 1517 — 1525 betrachtet im Lichte gleichzeitiger anonymer und pseudonymer deutscher Volks- imd Flugschriften. Ulm 1872. — O. Schade: Satiren und Pasquillen aus der Reformationszeit. 1856, 1858. 3 Bde. — Voigt: Über Pasquille, Spottlieder und Schmähschriften 9. Jahrgang des bist. Taschenbuchs. 1838.

2 Zu derselben gehört unter anderen der Neuw Kasthans (O. Schade II 1). — Im Triumphus veritatis (O. Schade II p. 196), wo neben dem be- geisterten Lob der Reformation sich eine beissende Satire ,,vom Ursprung päpstlicher Gewalt" findet, werden in einem Abschnitt ,,vom Fegfeuer und antichristlichem Gottesdienst und guten Werken" mit der dem grotesken Stil sonst eigenen Ausführlichkeit die Thorheiten des katholischen Gottes- dienstes geschildert: ,,als schreien, heulen, mumlen. kerren | Lang metten in der kirchen blerren | Prim, terz, sext, non, vesper, complet | Wie solchs dann nach einander geht | Vil messen lesen, zwo drei singen | Und solichs alles sampt vol bringen | Mit wachen, beten, kreuzweiss ligen | Mit knien, neigen, bücken, biegen | Mit Glocken läuten, Orgeln schlagen | Mit heiltum, kerzen, fanen tragen | Mit kirchen, wachs, salz, wasser weihen | Darzuo ab- lass und gnad verleihen | Mit reuchen, amplen, kerzen brennen | Und was me ist, kanns nit als nennen" — .

^ Dazu gehört z. B,: Der Murnarus Leviathan vulgo dictus Geltnar oder Genos Prediger, Murnarus, qui et Schönhenselin oder Schmutzkolb de se ipso. — Si nugae et fastus faciunt quem relligiosum, sum bonus et magnus relligiosus ego. Raphaelis Musaei in gratiam Martini Lutheri et Hutteni propugnatorum Christianae et Germanicae libertatis ad Osores Epi- stola. Raph. Musaeus = Math. Gnidius. Es finden sich hier auch gross-


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lutherischen beziehungsweise christHehen Einrichtungen den päpsthchen gegenüberstellt, um das Abscheuhche der letzteren desto greller hervorleuchten zu lassen, neben den allegorischen Satiren^, welche besonders häufig


artige Aufzählungen: ,,indicant hominem stupidum, bardum, vecordem, iudicij crassissimi. liircissantem, et quemadmodum aiunt, e terra vcl quercu natum, moribus incultum, incivilem, inurbanum, linguam habentem petulantissimam, immane quoque insunientem si quid accideret adversi. Dominus ascendentis, vagum indicat, mutabilem, Protheum, lunaticum, egregium potorem, surdum, frigidum, hebetem, tumidum, inflatum, bene battulatum. — Coniunctio Saturni <:um Luna seditiosum, invidum, infidelem, obsistentem pietati, resistentem doc- trinis sanis, contumeliosum, blasphemum in quaedam sacra quod significat (ut mihi videtur) in Paulum et in Evangelium Christi, his enim quid sacratius? adprobe linguatum, versipellem temerarium". Ebenfalls dialogisch sind ,,ain schöner Dialogus, Cunz und Fritz. (Schade II p. 119 fF.) Von zweien guten Gesellen, genannt Hans Toll und Clauss Lamp. (Schade II p. 128 ff.) Zwischen Franz von Sickingen u. d. heil. Petrus, (Schade II 45 ff.)" und sehr viele andere- (cf. Schade.) Diesen dialogischen Satiren entsprechen auf dem Gebiete der bildlichen Satire solche Darstellungen, wie die 26 Holzschnitte von Lucas Cranach im Passional Christi und Antichristi (1521, 4), in denen der Stich zur Linken stets ein Vorkommnis aus dem Leben Christi, der zur Rechten als Kontrast ein Vorkommnis aus der päpstlichen Geschichte bietet; so z. B. auf der einen Seite, Christus die Füsse seiner Schüler waschend, auf der andern Seite der Papst, der den Kaiser zwingt ihm den Fuss zu küssen; oder es wird die Himmelfahrt Christi der Höllenfahrt des Papstes entgegen- gesetzt u. s. w.

1 cf. z. B. Voigt: Über Pasquille, Spottlieder und Schmähschriften 1. c. p. 364 ff. Die christliche Kirche wird z. B. als eine hülflose Jungfrau dargestellt, deren Bitten um Hülfe vom Papst, Kaiser und König stets ab- schlägig beschieden werden. „Die göttliche Mule" (O. Schade I 19) ist eine reine Allegorie, wo Erasmus als der Müllerknecht der h. Schrift auf- tritt und Luther als Bäcker; in einer andern Satire wird das Augsburger Interim als Kind Lucifer's und des Papstes dargestellt. — Auf dem Gebiete der bildenden Kunst haben wir zahlreiche allegorisch-satirische Bilder, so z. B. das Bild des Papstesels (cf. Wright 1. c. p. 230), eine ganz merkwür- dige Gestalt, deren jeder Teil eine besondere Eigenschaft des Papstes dar- stellte. So symbolisierte z. B. der Eselskopf den Papst selber mit seinen falschen, thörichten und materialistischen Grundsätzen, der Elephantenfuss statt der rechten Hand stellte die geistliche Macht des Papstes dar, die schwer auf dem Gewissen lastet (cf. Wright 1. c. Deutung). Allegorisch- satirisch ist auch das Bild, welches den Papst als ein von drei Furien ge- pflegtes Kind darslellt. Da sieht man unter anderen Megära, ein entsetzlich


IGO Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

den Holzschnitt i;ebrauchcn, um ihre Wahrheiten zu ver- breiten, nehmen die grotesken einen besonders hervor- ragenden Platz eini.

Zunächst ist es den Protestanten ein Ärgernis, dass die Katholiken auf ä u s s e r 1 i c h e D i n g e im Gottesdienst soviel halten. Um diese Seite des katholischen Gottes- dienstes grotesk zu karikieren, übertreiben sie die Wich- tigkeit derselben in den Augen der Katholiken bis zur Unmöglichkeit. So in der vorzüglichen grotesken Satire, welche die Krankheit der Seelenmesse^ behan- delt. Dieselbe versetzt den päpstlichen Hof in die fürch- terlichste Aufregung. Ist doch die Messe der beste, stärkste Stein im Fundament, darauf ihre ganze Pfaffheit erbauet ist. Wenn die Messe stirbt, meinen Papst und Kardinal, „da ist Alles verloren, da ist es aus mit uns. Da müssen "wir unsere feisteti Huren fahren lassend' Bei derartigen


hässliclies, nacktes und hageres Weib mit Schlangenliaaren; sie hält den dicken Papstsäugling auf dem Arm und giebt ihm zu trinken. Darunter die Verse: ,,Hie wird geboren der "Widerchrist | Megära sein Säugamme ist | Alecto sein Kindermeidlin | Tisiphone die gängelt in [. Auf einem andern Bild wird der Papst als Esel dargestellt, mit der Tiara auf dem Kopf, Dudelsack pfeifend; mit der Aufschrift „Papa doctor theologiae et magister fidei" — darunter die Verse: Der Bapst kan allein auslegen j die Schrifft und irrtum ausfegen | wie der Esel allein pfeifen | kan und die Noten recht greifen 1545. — Ein anderes Bild stellt ein furchtbares Ungeheuer dar, eine Art Teufel mit 7 Köpfen, FledermausHügeln und Frauenkörper, aus dessen Hinteren der Papst herauskommt. Der Papst selber gebiert die Kardinäle. — Auf einem weitern Bild sehen wir den Papst auf einem Schweine reitend, in der Hand ein Gefäss voll Schmutz haltend. Oder er tritt uns als Fuchs entgegen, der mit Kardinälen und Bischöfen nach gekrönten Gänsen Netze auswirft. — Die Katholiken antworten mit ähnlichen Bildern: Auch Luther wird auf einem Schweine reitend abgebildet, oder mit einem Katzenkopf. Oder sein Gesicht dient einem Teufel als Dudelsack (cf. Wright 1. c. p. 228).

1 Bei der ungeheueren Reichhaltigkeit der Flugschriftenlitteratur wage ich es nicht auf Vollständigkeit Anspruch zu erheben.

2 O. Schade H p. 252: „Ein klegliche Botschaft an den Bapst die Seimesse betreffend, welche krank ligt und will sterben sampt einem Gesprech etlicher Personen. — Die Personification der Messe ist allerdings allego- risch. Aber die Scene, die wir zitieren, ist grotesk.


Kap. IV. Die vom Humanismus u.d. Reform, ausgeh. Satiren Deutschlands. IGl

Gedanken, wii"d es dem Kardinnl übel zu Mute; es sehlägt ihm auf den Magen, und er fürehtet, es könnte ihm et- was Mensehliehes passieren. Der Papst, weleher hört, dass selbst die guten Bauern, die doeh ehedem so gut kirch- lich waren, die Messe ,, anspeien" und nur noeh als Affen- spiel betraehten, ruft entsetzt aus: ^^Enti^chet uns licr Schemel, so Uci^oi wir i>;(ir im Dreck, und licird unser Priini*;en und HoJ'Jalirl aus sein^'. Und der Zorn kommt über ihn und den Kardinal, und sie sehimpfen und Üuehen : ,,Box Scinveiss / Box Hirn! Box Angst! Box Hure! Sonnnerboxlehen ! Besser iväre es, dass das ganze Jeru- salem zu Trümmern ging tind auf einen Haufen ^zerstört wer de. '^ Aber sie wollen noeh nieht gleieh alle Hoffnung verlieren, und rufen bewährte Ärzte herbei. Dieser Teil ist nun nieht mehr grotesk, sondern allegorisch und bur- lesk 1. — Noeh schlimmer als die abgöttische V^erehrung der Messe ist die Anbetung des Menschen stat t Gottes. So haben denn die Protestanten den Kultus, wel- chen die Katholiken mit dem Papste trieben, sehr oft in's Lächerliche gezogen. Der Papst, sagen sie, ist geradezu der Gott der Katholiken. Sie richten die Gebete an ihn statt an den Gott im Himmel und fangen ihr Credo etwa mit den AVorten an: ,Jc]i glaub an babst, binder und auf löser im liimmel, erden und höllc" ^. Wie aus ,,des hochge- lehrten und gottseligen Mannes B e r n a r d i n i O c h i n i 's Apologen" erhellt-, beten die Veranstalter des Triden-


1 Mit breitem Behagen wird die Kur der Messe ins Gemeinste her- untergezogen. Die merkwürdigsten Doktoren, Dr. Kochlöffel, Cunz Aflfe, Nickel Füllslocli, Dr. Katzenbart und Andere, erscheinen an ihrem Todes- bett und stellen die tollsten Experimente an. Aber es hilft Alles nichts, „sie ist dem Tode schon näher denn Schaffhausen dem Rhein, sie zuckt mit den Achseln, die Augen sind ihr eingefallen, sie ist Aals bleich umb den Schnabel und so röslich um die Backen, wie ein ungebacken Weissbrot oder ein wohlgesoten Ei".

2 Die XII cortisonisch artikel des bapsts junger. O. Schade II p. 177.

3 „des Hochgelehrten und gottsäligen mans Bernardini Ochini von Senis fünff Bücher siner Apologen." Das Werk erschien zuerst italienisch unter dem Titel: „Apologi, nelli quali si scuoprano li abusi, sciocheze, su-

Schnecgans, Gesch. d. grot. Satire. 11


1<)2 Erster 'J'eil : Die Zeit vor Rabelais.

tiuLT Konzils rolgendermassen : ,,k]i i^lniibc jliii Bapst Pauhim, den almechligcn herren des Himmels und der er- de u, der siehtbaren und ohnsichlbaren dinij^ Und inn Pe- ter Liidvcigen, seinen eingebornen sttn, unsern herren, Gott von (jott, lieelit von Hecht, ivarer Gott von ivarem Gott n. s. u\" — Vom Papst geht dann die Verehrung auf die Kardinäle über, — und die Satire erweitert sich zu einer Verhöhnung der gesamten katholischen Kirche. So beten sie denn weiter: ,,Ich glcmb in den heyligcn Cardinal Farnesinm, der von dem vatter und dem Stine anssgeht: der mit sampt dem Vatter itnd dem Sun soll angebet t nnd glorificiert werden: ^etlicher in disem Concili durch unsern mund als Propheten und Vatter redet. Ich glaub in die heilig und Apostolische bestendigkeit; glaub das die gemein machung der Pfrienden durch mittel und gewalt des Bapsts geschehe. Ich glaub Verzeihung der Sün- den durch gnad und Ablass des Bapstes. Glatib die urstend von dem ewigen thod durch Ablasssprechen von den Pfaffen und Miinichen, als Bäpstlichen dienern. Glaub auch mi lest, es kinde keiner in den himmel komen, wa jm. der Bapst, so die Schlüssel darmi hat, den nit aufschleiisset Amen ^.


perstitioni, errori, Idolatrie e impietä della Sinagoga del Papa e spetialmente de suoi Preti, monaci e frati, da Bernardino Ocliino. 1554. 8. Genova, Ge- rardo". Die deutsche Übersetzung erschien 1559; sie ist v. Wirsung. — obige Stelle: Buch IV Apol. 43. Das Buch enthält allerlei wahre und er- dichtete Anecdötlein. Groteskes ist sonst nicht darin vorhanden.

1 Von diesen grotesken Gebeten sind ähnliche Gebete zu unterschei- den, welche von den Protestanten erfunden wurden, um dem Papst direkt ins Gesicht die Wahrheit zu sagen. So z. B. folgende Glaubensformel aus dem Jahr 1543: ,,Ich glaube, dass der Papst ein Vater, Förderer und Ver- teidiger aller Lügen und Bosheiten sei, und dass Heinrich von Braunschweig sein einiger Sohn sei, der empfangen ist vom bösen Geist" u. s. w., Voigt 1. c. p. 380, oder ,,ich glaube, dass der Bischof von Mainz der leibhaftige Teufel sei, der da schwöret und wahret, dass die h. Kirche durch Gottes AVort nicht erquickt werde. Ich glaube, dass der Papst, Heinz und der von Mainz drei Personen und ein gottlos Wesen seien u. s. w., Voigt 1. c. p. 380, oder: ,, Bapst, vater aller verlöugneten Christen | Geschendet werd dein ver- fluchter name | Zu kum dein rieh in der helle, oder: gegrüsset seist du


Kap. IV. Die vom Humanismus u.d. Reform, ausgeh. Satiren Deutschlands. 1G3

Wie mit dem Papste, trieben wie bekannt die Katho- liken auch mit dem G e 1 d e einen wahren Kultus. Schon im Mittelalter ^ hatten wir Satiren gefunden, welche diesen Missbrauch verhöhnten. In der Reformationszeit war der Unfug noch ärger geworden, und mit Freuden ergriffen die Protestanten die Geissei der Satire, um über ihn ein blutiges Strafgericht ergehen zu lassen. In dem Credo, das wir vorher zitierten, ging der Gläubige von der An- betung des Papstes gleich auf die Verehrung der Simonie über. Er sagte nicht bloss ,,kh glaube an den Papst, sondern auch: ,,Uiid an Simonern, seinen ainigen siin, nnscrn Herren, cntpJiangen anss dem geimgen rechten, geboren anss der römischen kirchen^ — Immer wieder begegnen wir dem Gedanken : In Rom ist Alles feil. Wie die Würze zu Venedig in Apotheken, also mag zu Rom auch Gott, und w^as Gott zusteht, verkauft werden. Wie der Satiriker aus dem Mittelalter, so sagt auch jetzt der Protestant : Wer mit leeren Händen nach Rom kommt und den Papst sehen will, wird nicht herein gelassen, da- gegen wer Gold und Silber mitbringt, der wird geachtet als ein frommer Mann. Von dem heisst es : ,,Gebenedeit ist, wer da kommt im Namen des Golds nnd des Silbers, denn in den Gesetzen des Papsttums sei folgender Spruch geradezu grundlegend : „Liebent Gold und Silber aus gansem euerm Herzen und ans ganzer eurer Seil und das Geld als euch selber. Das thut, auf das ihr lebent. Und dieses Gebet gib ich Euch, dass wie ich thii, ihr auch also thut, und mir nach volgent"^. Aber solche Sprüche sind noch sehr zahm im Vergleich zu denjenigen, die wir in


'bapst, hoher romanist | du bist wahrlich der Entchrist | endlich: ich glaub •bäpstliche hochfertigkeit, woUust des Fleisches, gemeinschaft der teufel u. s. w." O. Schade II p. 270 flF.

1 cf. I 1 vor allem den Tractatus Garsiae und das Silbermarken- evangelium. Auch Hugo von Trimberg sagt in seinem Gedichte: „In Rom verkauft man Ablass, Abteien, Bistümer, man kann den h. Petrus kau- fen und kriegt den h. Paulus noch darauf".

2 Ain Ewangelium Pasquilli darin das Römisch Leben gegründt und .bestetiget wird. O, Schade 1. c. II p. 105.


104 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

dem Papistcnhandbüchlcin, im Abschnitte ,,Secreta Sa- cerdotum'^i finden. Da wird des langen und breiten auseinandergesetzt, wie der Geistliche leben soll : Ein papistisch Bischoff, Pfcirrhcrr, Prediger soll ein uiivcr- schamptcr Htirer und Ehebrecher sein, keinen Tag nüch- tern, ein IVeinsänfer, Spieler, beissig, neidisch, senkisch, geimg, der unehrlich Handel treibe, hanshalte mit Hnren und Bnben, mit Heuchlern und Stocknarren, Bastart und Hurenkinder habe, und in allen Lastern und Schanden er- funden werde.'^ Wider ihren Beruf handeln aber die Geistlichen, wenn sie mit ihren Huren im Frieden le- ben, nicht ,.fluchen und schelten, sich krimmen und kra- sen, raufen und stechen, dass man's iiber's dritte Haus hört'^ . Und ihre Feinde, die Prediger des göttlichen Wor- tes sollen sie ,,lcistern, verachten, schmähen, schänden, hin- terreden, belügen und helfen verfolgen und verjagen . Wenn sie so handeln, thun sie nach Christi Gebot, der ^ befohlen hat, dass der Jünger dem Meister folge. Da aber der Teufel ein Mörder und Lügner ist, so müssen seine Diener auch dermassen sein ! — Welch' furchtbare Satire in dieser stillschweigenden Voraussetzung, dass der Teufel Herr und Meister der Geistlichkeit ist. — An der Ausmalung der innigen Beziehungen zwi- schen Meistern und Jüngern^ hat die Zeit grosses Ge- fallen. So stehen denn Lucifer und Beelzebub in regem Briefwechsel mit dem Vatican. In lateinischer und deutscher Sprache ^ spricht der Fürst der Hölle seine grosse Ge-


1 O. Schade II p, 264 ff. in dem Stück ,, der Papisten Handbüclilein",

2 Auch in folgender Flugschrift versieht der Teufel die Interessen der Geistlichkeit und erscheint in Gestalt eines Predigermönchs bei Luther: „Ain schöner Dialogus von Martine Luther und der geschickten Botschaft aus der helle . . . 1523. cf. Baur: Deutschland in den Jahren 1517 — 1525, Ulm 1872, p. 178 ff.

3 Lateinisch in der ,,epistola de non aj^ostolicis quorundam moribus qui in apostolorum se locum successisse gloriantur", und deutsch ,.ain gross^ preiss, so der fürst der hölle, genannt Lucifer, jetzt den Geistlichen als Päpste, Bischöfe, Cardinäle und dergleichen zuweist und entbietet. 1521» O. Schade II p. 80 ff., p. 85 ff.


Kap. IV, Die vom Humanismus u.d. Reform, ausgeh. Satiren Deutsehiands, 105

nutithuuno' darüber aus, dass dank den Bemühungen der Geistlichkeit die Welt ihm wieder zugefallen sei. Er ju- belt darüber, dass dank ihrem ,;imsüiuii^cii, iiuij^c schickten, juikctischcii, unredlichen, scliändlicJicn, sündhaften, bübi- schen und leckerlichen Lehew täglich unsäglich viele Scharen armer Seelen in die Hölle kommen. Und sie loben das Leben der Geistlichkeit. An Ratschlägen aller Art kargen sie nicht: sie sollen nur so fortfahren.

Köstlich in dieser Beziehung ist B e e 1 z e b u b 's Briefe, welcher seiner treuen, h. päpstlichen Kirche seinen freund- lichen Gruss entbietet und ihr rät zu Papst und Kardinälen nur solche Leute zu wählen, welche in der ,,bepstlichen und cardinalischen Keuschheit bleiben", deren Herz mit Geiz „durchtrieben'^ sei, die nie genug Reichtum haben, die über- aus wohl ,, liegen, triegen, falsch schlieren, rauben, steten, morden, vergiften, schinden, schetsen, kaiser und könige verraten, land und leute verfüren und verterben mögen^' ^ und vor allen Dingen nichts vom unsterblichen Leben halten. — Er hätte vor kurzem Angst gehabt, dass der päpstliche Hof solchen Grundsätzen abhold werden würde, da ihm von einer geplanten Reform des päpstlichen Ho- fes ^Meldung gebracht worden sei. Aber zu seinem un- endlichen Jubel hätte er bald gemerkt, dass die Geistlich- keit damit den Königen und aller Welt eine „nase drehen und den deutschen narren pferddreck für feigen ins maul gaukeln licollten" . Und das sei recht, so solle es weiter gehen !

In einem anderen Brief des Fürsten der Hölle an seine lieben Getreuen 2, der auch dasselbe Wohlgefallen ^in ihrem herrlichen Leben ausspricht, haben wir echt groteske Aufzählungen. So beginnt der Brief mit folgen- den Worten: „Wir Luciper, an di gnad gotes stör er der


1 Beelzebub an die heilige bepstliche kirche MDXXXVII. O. Schade II p. 102 ff.

2 Neue Zeitung auf das Jahr MDXXI. Eine schriftliche Werbung gethan von dem Fürsten der Helle seinen lieben getreuen, aller und iedes Standes seines Reichs. O. Schade II p. 99.


16() Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

heiligen ehristenheit, guter siten und lugenden und aller gut heil, erzbub in allen landen, rnerer der snnden, alles unends und aller bnberei, ewiger landgraf .zu hell, des reich kein ent nit ist, enpieten unsern lieben getreuen, babst und cardinälen, erzbischoff'en, bischoffen, epten, brobsten, prio- ren und allen prelaten der kirchen, munichen, pfaffen,. nunnen, romischem kaiser, kunigen und kurfursten,fursten, grafen, freien, rittern und knechten, junkfrauen, iintfrauen,. elichen leuten und allen andern, in waserlei wirde oder in welchem stand vom höchsten biss auf den nidersten die in unserm gepiet sein, ewigs fluchs und verdampnus^'. Fer- ner spricht der Teufel seine Freude darüber aus, dass durch der Geisthchen ,,unsinigs, ungeschickts, unkeuschs, unend- lichs, schentlichs, suudlichs, buebischs und leckerlichs Z^- ben^^ das Reich der Hölle sich so sehr mehre und vergrössere. Grotesk ist auch die übergenaue Angabe des Datums : ,, Datum an dem suntag vor dem montag in der narren Wochen an dem achten kalends des speckbuben Machometis, unsers regiments unaufhoerung jerlich tag und nacht, stmit und minuten biss auf der minsten quadranten'^

Die Römlinge sind dem Teufel dankbar dafür, dass er so gut von ihnen denkt. Sie sprechen gerne und wie- derholt dem Lucifer ihre unverbrüchliche Treue aus ^ ; sie erklären ihm ausdrücklich, dass sie sich keines Lasters schämen, dass sie ihm mit allem Fleiss und Wohlgefallen dienen ^ • sie zählen ihm alle ihre Laster auf, indem sie


1 Ain neuer Sendbrief von den bösen Gaistlichen geschickt zu ireni rechten Herrn. 1521. O. Schade II p. 93.

2 Zu den eifrigsten Anhängern des Teufels ist neben dem Papste vor allen Heinrich von Braunschweig-Wolfenbüttel zu rechnen. Verschiedene Satiren verhöhnen ihn wegen seiner Beziehungen zu dem Fürsten der Hölle : cf. Schade 1. c. I: Nr, 9 — 13. Groteskes findet sich in denselben nur hie und da: Wie der Papst vom Teufel unterstützt wird, so auch der Her- zog Heinrich ,,der muss nu solche tröster haben . . ., denn es wil kein redlich man sonst bei im bleiben-' Nr, 9 v. 346. Der Herzog trägt sich sogar mit dem Gedanken, von Beelzebub ,, seine Macht und das ganz hel- lisch reich" v. 39, zu erben, auch Nr. 10 v. 271 ff. — Er bezeichnet sich selbst als Pluto's Bundesgenossen und möchte zum Lohne für seine Unthaten


Kap. IV. Die vom FTumanismus u.d. Reform, ausgeh. Satiren Deutschlands. IGT

dieselben als Tugenden herausstreichen und sieh dazu beglückwünschen. Der schlaue Teufel freut sich über seine i^undesgenossen, er hört sie gerne so offen sprechen, und weiss mit grossem Geschick sie zu immer freimütigeren Geständnissen zu bringen. So leistet er sich einmal ^ das boshafte Vergnügen, den Papst selber beweisen zu las- sen, dass er noch schlimmer sei als der Teufel. Der Papst muss offen zugeben, dass er Gottes Geboten durchweg zuwider handle, dafür aber falsche verführerische Lehren, Lügen, Mord und Unzucht, hauptsächlich aber die sodo- mitischen Greuel liebe und gut heisse. Wäre es nicht selbst sein grösster Wunsch, dass gar kein Gott existierte, oder dass Gottes Wort samt der w^ahrhaftigen christlichen Kirche ausgerottet würde ? Das sei Alles auch des Teu- fels Ansicht, aber in einigen Punkten sei der Papst doch noch radicaler als er, und demgemäss noch ärger als der Satan.

Die Freundschaft des Papstes mit den Gott feind- lichen Mächten wird aber in einem andern Pamphlet noch toller übertrieben 2.

Die Macht der Reformation ist so gross geworden, dass der Papst in Rom seine Kardinäle versammelt und sie bittet, ihm Vorschläge zu machen, um die Reformation zu unterdrücken. Ein Kardinal schlägt vor, Friedrich den

in der Plolle gut tradiert werden. Xr. 18, cf. besonders auch v, 1()3 IT. Viel häufiger ist die direkte Satire, die oft in wüste Schimpferei ausartet: dem armen Pler^og werden die fürchterlichsten Epitheta an den Kopf geworfen: Heinz von Braunschwcig, lieher \Vorsthans, du traute auserwelle gans Nr. 12 V. 29, 30, hansworstlicher fantast (v. GO), Heber Pleinz Narr (v. 142), Heinz Just von Warheitsbrun v. 422 ... du bist ein mordbrenner, ein verrückter junkfrauschendcr, ein gotloscr chebrecher, du heilloser linker schecher, du giftiger l)öser meuchler, du bist ein abgefeimbter mördcr . . . du henker, — du unverschempter lügner v. 075 ff.

1 Dies im Pasquill: New Zeitung v. Teufel 154G. cf. Voigt 1. c. p. 397.

^ In der ,, unterred des bapsts und seiner cardinalen, wie im zu thun sei und das Wort gottes under zu trucken, ein jeglicher sich darauf zu bedenken. Schade IH 4. p. 74— 100. Baur p. 189 IT. Aus dem Jahr 1524.


168 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

Weisen, den Besehützer der ,,Besti&' , dureh Gift aus dem Weo-e zu räumen. Ein Anderer meint, es wäre besser, Luther selbst und die anderen ,,vcrJ1 lichten Bestien^' aus der Welt zu schaffen, die Bibel, die Hauptwaffe der Refor- mierten zu conliscieren und dafür eine andere, gefälschte, herauszugeben. Man brauche ja zur Erklärung nur vor- zuschwindeln, die bisher vom Volke benutzte sei von Wiclef gefälscht worden, und durch den Gebrauch einer falschen Bibel sei dann auch das Volk von Luther ge- täuscht worden. Da aber jetzt der Betrug entdeckt sei, müsse man die wirkliche Bibel wieder einführen. Das ist aber noch gar nichts gegen den Vorschlag eines Patri- archen. Derselbe meint, da dem heiligen Vater Macht über Himmel und Erde zustehe, so solle er doch auch einmal den Himmel besuchen und dort seine Gewalt ausüben, w^eil es auf Erden zu unziemlich zugehe. Den Weg zum Himmel kenne man ja aus der Legende (resp. Lügend) des h. Brandan, der das Paradies genau beschrieben habe. Die 172 Legionen der von Christus verstossenen Engel, die der Heilige erw^ähne, könne man zur Beteiligung am Zuge werben. Nähme man dazu noch etliche 1000 Schweizer, die im Stürmen erfahren seien, und starkes Geschütz mit, so sei man für alle Fälle gerüstet. Mit diesem imponierenden Heere ziehe man gegen den Him- mel. Zunächst unterhandle man noch mit Christus, da- mit er etliche seiner Worte widerrufen könne. Weigere er sich aber, diese Zugeständnisse zu machen, und gäbe er den Himmelschlüssel nicht heraus, so wende man Ge- walt an, lasse das Geschütz auffahren, den Himmel stürmen und zwinge Christus zur Capitulation. An dem Gelingen des Planes sei wohl nicht zu zweifeln. Dieser Meinung ist auch die Versammlung, denn sie nimmt den Plan mit Begeisterung an. Sofort geht man zur That über. Das Bündniss mit den verstossenen Engeln, deren ungerechte Behandlung durch Christus man seitens des Papsttums schon längst übel empfunden hat, wird eingeleitet. Die verstossenen Engel gehen sofort mit Freude und Dank


Kap. IV. Die vom Humanismus u. d. Reform, ausgeli. Satiren Deutschlands. 160

daniuf ein. Die Hölle habe ja dem Papsttum so unendlich viel zu verdanken. Wenn man auch des Sieges im Kampfe so gewiss ist, dass der Papst sogar schon Anordnungen über die künftige Verwaltung des Paradieses trifft, so hat man trotzdem die grosse Freundlichkeit zuvor an Christus einen Gesandten zu schicken, um zu versuchen, ob man vielleicht auf gütlichem Wege zum Zweck gelangen könne. Die Gesandten des Papstes treten natürlich sehr selbst- bew^usst auf. Im langen Gespräch, welches sich zwischen ihnen und dem Vertreter Christi entspinnt, tritt nun der scharfe Kontrast zwischen der Auffassung des Papsttums und derjenigen des Christentums ganz besonders grell hervor. Auf alle Vorstellungen des Sprechers der Engel Gottes antworten die Gesandten, der Papst sei ja in allen Stücken von Christus verschieden. Von Kreuztragen z. B. könne bei ihm nicht die Rede sein. Christus habe dies thun müssen, weil ihn die Juden dazu genötigt hätten ; der Papst brauche es aber nicht, im Gegenteil, es bestehe ja ein Dekret, welches ausdrücklich befehle, dass ,, ver- nünftige Kreaturen und getaufte Christen ihn auf ihren Schultern in einem Sessel zu tragen hätten^'. Ebenso- wenig könne man vom Papste verlangen, dass er seinen Jüngern die Füsse wasche. Christus sei ja arm gewesen, der Papst dagegen sei reich an Silber, Gold, Land und Leuten; darum müssten umgekehrt wie bei Christus, alle Kaiser dem Papst die Füsse küssen, ja sogar waschen u. s. w. Bei einer solchen Führung der Verhandlungen kommt man natürlich zu keinem freundlichen Ergebniss. Es bleibt also nichts Anderes übrig als zur Gewalt über- zugehen. — Der Kampf soll beginnen; da tritt der Engel Gottes auf, und im Namen des Herren straft er die Ver- irrten :

,Jhr niüsst mini Feuer gati, Das ist Euch bereit immer tind oJin Ena, Denn Ihr habt Christtun nicht erkennt! Schärfer als in dieser Satire ist die Überhebung des Papst- tums wohl nirgends gegeisselt worden. Das groteske


170 Erster Teil: Die Zeit vor Rabelais.

Motiv, die tolle, abenteuerliche, bis zum Unmöglichen sich N'ersteijü^ende Übertreibung ist hier mit besonderem Glück gehandhabt worden. Aber auch die andern vorher A^on uns besprochenen Satiren liefern den Beweis, dass mit dem sechzehnten Jahrhundert das Groteske auch in Deutsch- land seinen Einzug gehalten hatte. Wenn aber im künst- lerischen Italien die Quelle des Grotesken eher in einem ästhetischen Gefühl, in dem Missbehagen an einer dem Zeitgeist nicht mehr entsprechenden Dichtungsform zu suchen war, so entsprang hingegen im gemütsvoller an- gelegten Deutschland die groteske Satire eher aus einem religiösen oder ethischen Motive, aus dem Zorne über die Missachtung der göttlichen Gebote durch die katho- lische Kirche. Beide Quellen des Grotesken sollten sich binnen kurzem im Lande, das die Eigentümlichkeiten des italienischen und deutschen Geistes in seinem Wesen vielleicht am besten zusammenfasst, in Frankreich, zu einem gewaltigen Strome vereinigen, dessen mächtiges Brausen den Namen des genialsten Vertreters grotesker Satire, den Namen Rabelais', dem ganzen gebildeten Europa des 16. Jahrhunderts verkündigen sollte.

ZWEITER TEIL: RABELAIS.

Kapitel I. Die Satiren der Ritterromane.

Während in Italien die macaronische Poesie über Humanismus und Rittertum ihre derben Spässe ausgoss^ und in Deutschland die protestantischen Flugschriften gegen die katholische Kirche zu Felde zogen, Avar in Frankreich Alles noch verhältnissmässig ruhig und still. Das tändelnde, graziöse Talent eines Clement Marot konnte eine groteske Satire, wie sie in den beiden an- dern Ländern schon kräftig emporgeblüht war, nicht zei- tigen. Seine Satiren konnten wie Nadelstiche ritzen, sie konnten nicht zermalmen wie der Keulenschlag des gro- tesken Satirikers. Den burlesken Ton hat er manchmal mit Glück angeschlagen i, den grotesken dagegen hat er,


1 Im temple de Cupidon haben wir einige burleske Stellen. Marot macht sich ein Vergnügen daraus, der Kirche stets den Tempel der Liebe gegenüberzustellen, um sie dadurch zu erniedrigen. Er vergleicht das Schwätzen und Klatschen der Damen in diesem Tempel mit den Paters und Ave Marias in der Kirche, die ,,Liebesinstrumente" mit den Glocken, das Küssen der Liebenden mit dem Küssen der Reliquien u. s. w. — ^Vhnliches haben wir im „Dialogue des deux amoureux". — Die Mytholog'ie wird auch hie und da burlesk verspottet. So in der „Epistre pour le capitaine Raisin au dict seigneur de la Rocque", wo der Gott Bacchus sich mit Würsten^ Schinken, Gläsern und Flaschen zu schaffen giebt, wo es von ihm heisst ,, Bacchus, me faisant boire en chambre bien servie fade tisane avecques eau ferree". Der despectirliche Gaminton ist ^I. überhaupt sehr oft eigen. Von Jesus spricht er z. B. in den Worten: ,,Puis allons veoir TP-nfant au povre nie I tant exalte d'Helie aussi d'Enoc j et adore de maint grand roi et duc". Auch seine allegorischen Figuren benehmen sich manchmal burlesk. Im j,Baladin" blutet die Verzweillung aus der Nase (lors desespoir s'en va saig-


172 Zweiter Teil: Rabelais.


soviel ich sehe, nur äusserst selten getroften i. So würde man denn vergeblich in Marot's satirischen Gedichten eine Fortsetzung der in Frankreich schon im Mittelalter vorhandenen grotesken Satiren suchen.

Eine derselben hatte, wie wir uns erinnern, die Ritter- romane angegriffen 2. Im 16. Jahrhundert sollte dies noch viel mehr der Fall sein. Zwar ist dies nicht so selbst- verständlich^ wie es auf den ersten Blick scheint. Neben der Wiedergeburt des klassischen Altertums erlebt im sechzehnten Jahrhundert unter der Regierung Franz I. das Rittertum eine kräftige Nachblüte. Männer wie La Tr^moille, La Palisse, Bayard sind Ritter von altem Schrot und Korn. Der König selbst liebt es seine Treue gegen die ritterlichen Überlieferungen zu zeigen, und seinem


nant du nez). In ,,douleur et volupte" werden Schmerz und Wollust als Weiber personificiert, die sich so herumstreiten, dass Jupiter vom Himmel herabsteigen muss und ,,.... toutes deux par le p o i 1 emponga, | et pour unir les furieuses bestes | si fort les feit entredonner des testes | qu'oncques depuis de heurter ne cesserent |.

1 In seiner Manie für das Wortspiel erinnert er zwar manchmal an Rabelais, aber freilich ohne dass diese vereinzelte Erscheinung in seinem Stile denselben zum grotesken machte. Man lese folgende Verse: En m'es- battant je fais rondeaulx en rithme j et en rithmant bien souvent je m'en- rime | brief c'est pitie d'entre nous rithmailleurs | car vous trouvez assez de rithme ailleurs | et quand vous piaist mieulx que moy rithmassez | des

biens avez et de la rithme assez. u. s. w tant rithmassa, rithma et

rithmonna | qu'il a congneu quel bien par rithme on a , An anderer Stelle: ;,Vray est qu'il avait un valet | qui s'appeloit Nihil valet |. Auch das Coq ä l'asne ist eines seiner Bravourstücke. — Unter seinen verschiedenen Satiren konnte man als grotesk nur das Epitaphium der Alix, einer bekann- ten Dirne, ansehen. In krasser Übertreibung wird von ihrem sauberen Ge- schäft ein groteskes Bild entworfen : Schon in der Wiege hat Alix ihren Beruf ausgeübt, und ist demselben bis über das Grab hinaus treu geblieben, denn, . . , si on veut mettre l'oreille | contre sa tumbe et s'arrester | on orra ses OS culeter. — Einige wenige groteske Übertreibungen haben wir auch in seinem sonst eher allegorisch zu nennenden Gedicht „Enfer". Die Rich- ter, sagt er dort, sind so habsüchtig, dass sie 100 Sous 100 Freunden ohne Weiteres vorziehen, und dass sie selbst an einer Eischale noch etwas zu scheeren haben würden.

- Das „dit d'aventures" cf. p. 93.


Kapitel I. Die Satiren der Ritterromane, 173

Vorbilde fol^t der ^anze Hof. ,, Keine grössere Feier iindet statt, kein denkwürdiges Ereigniss wird geweiht ohne Veranstaltung von Turnieren und Ritterspielen" K Der Grund dieser Erseheinung wird zum grössten Teil in dem Einfluss einer gewissen Litteratur zu suchen - sein. Die Prosaromane, welche ihre Erzclhlungen aus den Epen der Karlssage und den älteren Romanen der Tafel- runde schöpften und im Laufe der Jahrhunderte immer stärker die Tendenz ausgebildet hatten, ,,auch belehrend und erziehend auf das ritterliche Leben der Gegenwart zu wirken, indem sie einem von echter Ritterlichkeit sich abwendenden Geschlechte die Sitten, Bräuche und Ideal- gestalten eines längst entschwundenen ritterlichen Helden- zeitalters ins Gedächtniss zurückriefen und einprägten", überschwemmten, sobald die ersten Pressen in Frankreich eingerichtet waren, den litterarischen Markt. Die um- fänglichen, seit dem Jahre 1478 aus den französischen Werkstätten hervorgegangenen Bände, Avelche die Schick- sale des Königs Artus, die Prophezeihungen des Merlin, die Heldenthaten Lanzelots, der vier Haimonskinder und des Hüon de Bordeaux erzählten ^, fanden an den fran-


1 cf. Birch- Hirschfeld p. 192, auch über das Folgende.

2 Anderseits haben diese Sitten ihrerseits auf die Litteratur einge- wirkt. Bald nach dem Tode Bayards erschienen z. B. zwei Schriften, die sein Bild zu erneuern und festzuhalten bestimmt waren. Das Leben von Louis de la Tremoille ward zu einem historischen Romane mit frei erfundenen Einzelheiten ausgeschmückt.

^ Schon seit 1478 finden wir Prosaredactionen von Epen. 1478: le roman de Fierabras. — 1493: les quatre fils Aymon. — 1493: le livre du vaillant chevalier Artus. — 1494: Lancelot du Lac. — 1498 f. La vie et les propheties de Merlin, cf. Brunet: Manuel du libraire VI. Romans fran^ais p. 929. Im IG. Jhdt. noch zahlreiche andere. So Lancelot du Lac 1533. Le premier, le second, le troisieme volume de . . . On les vend ä Paris en la rue Saint Jacques par Philippe le noir libraire, et l'unz des deux relieurs iurez de l'universitc de Paris ä l'enseigne de le Roze blanche couronnee. Ver- leger wie Virard, Lotrian, Benoit Rigaud machten sich ein schönes Ver- mögen mit der Herausgabe solcher Romane; cf. Gautier. Die „Croniques admirables", von denen wir weiter unten zu sprechen haben werden, geben uns eine eanze Liste von Prosaromanen, die damals gelesen wurden: Tristan


174 Zweiter Teil : Rabelais.


zösischcn Adligen auf eine lange Reihe von Jahren sehr teilnehmende und aufmerksame Leser. Sie werden ge- wiss dazu beigetragen haben, den Sinn für das Ritterliehe wieder waehzurufen.

Dagegen konnten solche langatmigen und langwie- rigen Erzählungen, die mit der ernstesten Miene die un- glaublichsten Schwerthiebe und Lanzenstösse beschrieben, welche übermenschlich kräftige Ritter austeilten, oder die wunderbaren Abenteuer berichteten, welche sentimental angelegte Helden und Heldinnen auf Riesenschlössern oder in Drachenhöhlen erlebten, die auf geistige Befreiung hin- arbeitenden, gegen den düstern mittelalterlichen Wunder- glauben sich richtenden Bestrebungen der vom italienischen Skeptizismus beeinflussten Humanisten Frankreichs nur ermüden oder zum Spotte reizen. Und so musste denn in Frankreich dasselbe geschehen, Avas ein Jahrhundert vorher in Italien geschehen war. Gerade wie Pulci, den Geschmack der feinen humanistisch gebildeten floren- tiner Kreise vertretend, in seinem Morgante Maggiore die Bänkelsängerepen so lächerlich machte, dass er sie für immer dem Spotte preisgab, so zog in Frankreich ein im Geiste des Humanismus aufgewachsener Gelehrter in einer Schöpfung voll sprudelnden Witzes gegen die französischen Prosaromane zu Felde und brachte ihnen eine derartige J>Jiederlage bei, dass sie fortan in der feinen Gesellschaft unmöglich wurden und nur in der Jahrmarktslitteratur ein kümmerliches Leben fristeten. Dieser Gelehrte ist Rabelais.

Sein Roman ,,Gargantua und Pantaguel'^ ist aber nicht der erste Versuch des 16. Jahrhunderts, die Ritter- romane in Frankreich lächerlich zu machen.

Im Jahre 1532 erschien bei einem Lyoner Verleger anonym ein Büchlein unter dem Titel: ,,Die grossen und


de Lyonnoys, Ysyge le triste, Huon de Bordeaulx, Jourdain de Blanes, Lancelot du Lac, Guerin Mesquin, Parceval le Galloys, Mabrian, Ogier de Dannoys, les quatre fils Hemon u. s. w.


Kapitel T. Die Satiren der Kitterromane. 175

unschätzbaren Chroniken des ^rossen und un<^e- heuern Riesen Gargantua" *, welches in trockenem Tone die wunderbaren Heldenthaten eines im Dienste des Königs Artus stehenden Riesen erzählte. Diese Chronik ist früher zwar oft ^ für eine harmlose, volkstümliche Erzählung ge- halten worden. Wer sie aber genauer ansieht, wird sofort merken, dass sic^h hinter dem biedern und naiven Ton das schalkhafte Lachen eines Spötters birgt, der sich über die Ritterromane lustig machen will. Schon der An- fang zeigt, dass es die Chronik auf eine Verhöhnung der Helden der Artusromane abgesehn hat. Um den König Artus vor seinen Feinden zu schützen, beschliesst Merlin ein gewaltiges Riesengeschlecht ins Leben zu rufen. Zu diesem Zweck versetzt er sich auf den höchsten Berg des Orients, nimmt sich einerseits ein Fläschchen mit, das er mit dem Blute aus Lanzelots Wunden gefüllt hat, an- dererseits die zusammen zehn Pfund wiegenden Abschnitzel der Nägel {rongncures des ongles) der Gemahlin des Königs Artus, der schönen Ginevra. Auf der höchsten Spitze des Berges baut er sich einen turmhohen stählernen Am- boss auf, lässt sich die Knochen eines männlichen Wall- fisches bringen, begiesst sie mit dem Blute aus seinem Fläschchen, legt sie auf den iVmboss und schlägt sie mit drei Hämmern zu Pulver; nachdem die Sonnenhitze und


1 Lcs grandes et inestimablcs Chroniques du grand et enorme gcant -Gargantua: contcnant sa gcncalogie, la grandeur et force de son Corps. Aussi les merveilleux faicts d'armes qu'il fist pour le roy Artus, comme verrcz cy apres. Imprime nouvellement 1532. Au v6rso du dernier f.: Cy finissent les croni([ues nouvellement imprimees a Lyon 1532 p. 4^, neu her- ausgegeben von Paul Lacroix, unter dem Titel; La chronique de Gargantua. Über die Frage, ob dieses Büchlein von Rabelais selbst verfasst ist, cf. Aveiter unten p. 185 Anm,

2 Noch Regis II p. CXXVIII nennt sie verAvandt mit den Melusinen und Haimonskindern, mit denen die Krämer hausieren gehen. Gelbke (tjbers. Rab.'s) meint p. 9, es wäre ein Büchlein, ,, welches in schlichtem Volkston die alte Poiteviner Sage von dem gewaltigen Riesen Garg. erzähle", cf. noch Moland p. 637 ff., Gebhardt p. 115, Gaydoz: Revue dArch. 2 Serie. Vol. 18. 1868.


17<) Zweiter Teil: Rabelais.


die Würinc des Ambosses und der Hämmer das ihn<j^e irethan haben , entsteht auf solehe Weise Gargantuas V[iter. Um die Mutter zustande zu bringen, verfährt Merlin ganz ähnlieh; nur gebraueht er diesmal die Knoehen eines weiblichen Wallfischs und statt des Blutes aus dem Fläschchen die Abschnitzel der Nägel Ginevra's.

Es wäre nicht leicht eine Erzählung zu finden, die den Ritterromanen derber ins Gesicht schlüge als diese Paar Worte. Lanzelot, das Ideal des Ritters ohne Furcht und Tadel, muss sein im Kampfe vergossenes Heldenblut hergeben, um einen Riesen — also einen Feind des Ritter- standes — erzeugen zu helfen, und der holdseligen Königin Ginevra, der zartesten Gestalt der Heldenromane, wird zugemutet die Abschnitzel ihrer Nägel, die zusammen nicht weniger denn zehn Pfund betragen sollen, zum Bau einer rohen Riesin zu verwenden, die sich nachher in geradezu ungeschlachter Natürlichkeit ergeht. Und der Sohn dieser Eltern? Der ungeheure Riese Gargantua? Ist er nicht dazu berufen der grossherzige Beschützer des Königs Artus zu werden, also gerade desjenigen Helden, der nach den Ritterromanen eine solche Stütze am allerwenig- sten brauchte? ^ Freilich hier in der Chronik hat Artus einen etwas andern Charakter. Er ist nicht mehr der unerschrockene Kämpe, der Hunderte von Menschen in der Schlacht niederstreckt, der unmittelbar hintereinander mit einem Löwen, einer Riesin, einem Riesen und einem Greifen zu kämpfen vermag! Mit ihm ist dieselbe Wand-


1 cf. Le livre du vaillant Chevalier Artus. ,, Artus le meilleur clievalier, le plus preux et plus hardy et le plus sage et le plus courtoys et le plus prudhoms de tout le monde . . . ." eh. XL VII „Artus occist des Chevaliers et des paysans plus de cinq cens". eh. XXXVII ,,il se deffendoit et jetoit si grands coups qu'il faisoit voller pieds, poings et testes, Artus a ferit le second si a poinct qu'il le fendit jusques aux brages ... et fesoit voller testes et bras a grand foison. „eh. XXVII" si refrappe le tiers si puis- sament qu'il le trencha jusques ä la seile". Dieser Roman sowie die in den folgenden Anmerkungen angeführten sind mir auf Wunsch von der Münchener Bibliothek bereitwilligst zugeschickt geworden. Ein Zitieren nach Seiten- zahlen ist nicht mögflich, da die Seiten nicht numeriert sind.


Kapitel 1. Die Satiren der Rittcrroiiiane. 177


hing vor sich j^cjLi^ani^cn, wie mit Karl dem Grossen in den späteren Epen. Er ist jetzt mutlos und iei^^e; als Giirgantua zu ihm kommt, hat er in der Woche schon zwei Schlachten verhören; vor einem seiner gefangenen Feinde hat er eine derartige Angst, dass er ihn nicht ein- mal anzuschauen wagt. Kein Wunder, dass er sich gerne hinter dem ihm von Merlin empfohlenen Riesen verbirgt und durchaus passiv verhält. Dies sind alles Züge, welche zur vollsten Deutlichkeit zeigen, dass es die Chronik darauf absieht die Ritterromane lächerlich zu machen. Den bisher erwähnten burlesken Zügen reihen sich aber in der Ch'ronik auch groteske Züge an. Sie sind sogar so häulig, dass wir vollauf berechtigt sind, die Chronik eine groteske Satire zu nennen.

Zunächst spottet sie, wie die italienischen Epen, über die Verherrlichung der physischen Kraft in den Ritterromanen ^. Absichtlich drängt sie die Figur, Avelche in den Prosaromanen die brutalste Kraft personificierte, den Riesen, in den Vordergrund, stattet ihn mit einer die Kraft gew^öhnlicher Riesen weit überragender Stärke


1 Die Helden der Prosaromane sind alle furchtbare Haudegen. Man lese nur die Beschreibung von Kampfesscenen in einigen der wichtigsten Prosaromanc. So z. B. im Merlin (le second volume de ... c. XXX. „. . . de son escu ne lui en demoura pas la tierce partie qu'il ne fut tout decoupc et son haubert fut perce en plusieurs lieux et son heaulme fendu et embarre et son cercle rompu et casse et ses armures toutes dessirees et estoit la teste de son cheval et sa seile et lui mesme si embrouille du sang et de la servelle des Sesnes qu'il avoit occis que ä peine le pouvoit on recognoistre" — oder im Huon de Bordeaux: „puis tira sa bonne espee et se ferit entrc payens et los destrenchoit et abbattoit que hideus et hor- reur estoit a les veoir; il leur decoupoit pieds, bras, mains et jambes et les arrachoit les heaulmes hors des festes tellement que nul de ses ennemis ne s'osoyt de luy approcher" — otler im Livre du vaillant chevalier Artus: „Hector si rencontra Ic premier si bien qu'il le fendit jusques a l'eschine; lors fendit le deuxieme jusques aux dentz." — oder im Livre des quatre filz Aymon: „La eussiez veu tant d'escus percez, tant de targes froisser et tant de haulbers desmaillez et tant de mors gesir l'ung sur l'autre que toute la terre estoit rouge du sang des mors et des navres qui illec estoient tellement que c'estoit grant pitie".

Schnceg-uns, Gesch. d. grot. Satire. 12


178 Zweiter Teil: Rabelais,


aus und macht aus ihm die groteske Karikatur des Helden im Ritterroman.

Schon als Kind ist Gargantua von einer fabelhaften Kraft. Seine Hauptunterhaltung besteht darin, Steine, die nicht weniger denn drei Fass Wein wiegen, vom Berg herunterzurollen oder mit Felsstücken von der Grösse zweier Mühlsteine nach den Vögeln zu wxrfen, und diese Felsstücke wiegen in seiner Hand nicht mehr als eine halbe Nuss in der Hand eines Mannes heutzutage (p. 14). Ein so gewaltiger Riese braucht natürlich weder Panzer, Helm, Schwert oder Lanze. Ihm genügt die gewöhnliche Waffe der Riesen, die Keule. Aber sie entspricht seiner Grösse, ist sechzig Fuss lang, am Ende so dick wie ein Fass ^, und dabei so schwer, dass sie in einem Karren, wie ein Geschütz^ herbeigefahren werden muss -. Gargantua ist aber so stark, dass er es gewöhnlich verschmäht, sich seiner Keule zu bedienen. Sogar dem zwölf Ellen langen Riesen der Goz und Magoz gegenüber, der ihn mit einer Keule bewaffnet angreift, macht er keinen Gebrauch davon; er bricht ihm einfach das Rückgrat und steckt ihn in seinen Schnappsack. Auf diese Weise entledigt er sich überhaupt gerne seiner Feinde (p. 45); oft steckt er sie auch in seine Ärmel oder in seine Hosen (p. 48), oder schleudert sie einfach in die Luft^ so hoch hinauf, dass man sie nicht mehr sieht (p. 28). Manchmal machen ihm seine Feinde sogar das Vergnügen zu verschwinden, ohne dass er nur einen Finger zu rühren braucht. Als er einmal, mit offenem Munde, auf dem Boden ausgestreckt, schläft, fallen zweihundertfünf Krieger, die seinen Schlund für ein Thal halten, ihm in den Mund, und da er kurze Zeit darauf Durst hat und einen Bach austrinkt, ertrinken sie insgesammt. — Ebenso unnütz wie seine Waffe ist dem


1 par le bout grosse comme le venire de une tine p. 28.

2 Was ist gegen ein solches Wafienstück die Keule des Riesen im Artusroman, von der CXV erzählt wird, sie M'äre so schwer, dass sie kaum zwei Männer hätten tragen können?


Kapitel I. Die Satiren der Ritterromane. IT!)


Gargantua eigentlich sein Ross. Trotzdem muss er ein solches haben, denn den Rittern der Tafelrunde stehen ja stets vorzügliche Tiere zur Verfügung i. Aber auch hier übertreibt die Chronik ihre Kraft und Vortrefflichkeit. Wenn vom Pferde des Artus im Artusroman nur gesagt Avurde, dass es fünfzehn Fuss hoch springen könne und dass es kein stärkeres und unermüdlicheres Ross gäbe, so wird von der Stute Gargantua's noch ganz anderes erzählt. Sie ist so gross und stark, dass sie sowohl den Grandgousier als die Gallemeile, die doch so gross wie Wallfische (p. 8) sind, auf dem Rücken tragen kann, und hat einen so kräftigen zweihundert Ellen langen Schw^anz, dass sie mit demselben einen ganzen Eichenwald um- Avirft (p. 17, 18), nur um sich vor den sie stechenden Mücken zu wehren. — Auf dieselbe Weise übertreibt die Chronik alle Kraftproben ihres Helden. Schon die Prosaromane schwelgten gerne in superlativischen Aus- drücken 2. In der Chronik ist es noch viel mehr der Fall. Die natürlichsten Bethätigungen wachsen zu kolossalen


1 Livre d'Artus XXXVIII: „C'est le plus fort et le plus leger car il ne fut oncques las de courre ne nuyt ne jour. Ne nul qui soit sur luv il ne peut mescheoir pour la forcich's Schrift in Neu-


186 Zweiter Teil: Rabelais.


kritischen Untersuchunij^ dieser Fra^i^e haben wir uns nicht nciher zu befassen. Uns genügt es zu konstatieren, dass die Satire in beiden Werken sich iJ^egen dieselben Dinge wendet und dasselbe Mittel dabei gebraucht, das Groteske, Die Chronik ist in grotesker Hinsicht die unmittelbare Vorbereitung des Pantagruel.

Gleich der Anfang des Pantagruel giebt uns eine groteske Verzerrung des Wunderbaren der Ritterromane. Die Erschaffung der Eltern Gargantuas durch Merlin wird durch die Erzählung von der wunderbaren Geburt Panta- gruels übertrumpft. Nach einer tollen Einleitung, die uns in die abenteuerlichste Welt einführt, mit Unmöglichkeiten der krassesten Art geradezu überschüttet und in eine feucht- fröhliche bacchantische Stimmung versetzt, wird uns er- zählt, unter welchen Verhältnissen der Held der Riesen- geschichte das Licht der Welt erblickte. ,,Als seine Mutter Badebec, heisst es II 2, ,,mit ihm im Kreissen begriffen ist und die Hebammen seines Empfanges harren, gehen aus ihrem Leib zuerst acht und sechzig Maultiertreiber hervor, deren jeder ein mit Salz beladenes Tier am Halfter hinter sich herzieht. Auf diese folgen neun Dromedare mit Schinken und geräucherten Ochsenzungen, desgleichen sieben Kameele mit geräucherten Aalen und endlich fünf und zwanzig Karren mit Zwiebeln, Lauch, Porre, Knob- lauch und Schalotten. Die Hebammen sind ausser sich vor Schrecken ! So etwas ist ihnen noch nicht vorge- kommen. Und wie sie über die Bedeutung dieser selt- samen Geburt unter einander plaudern, siehe da tritt Pan- tagruel heraus, ganz zottig wie ein Bär. Und mit pro-


manns Litteraturblatt, April 1890, meint: „Der Kerngedanke der Auseinan- dersetzung Ehrich's, der Rabelais für den Verfasser hält, ist nicht hinreichend stichfest, um sich gegen die Vermutung zu wehren, Rabelais sei nicht der ursprüngliche Autor, sondern der Arrangeur und Herausgeber, höchstens der Redactor der Chronik", — Die Gleichheit der Satire in beiden Werken lässt aber jedenfalls vermuten, dass die satirischen grotesken Züge von derselben Hand herrühren. — Die Ansicht, dass der Gargantua dem Pantagruel chronologisch nachfolge, darf als gesichert angenommen werden.


Kapitel I. Die Satiren der Ritterromane. 187

phetischem Geiste spricht die eine alsdann: .,Er ist über und über behaart zur Welt gekommen ! Er wird erstaun- liche Dinge thun und wenn er am Leben bleibt, wird er alt werden". — Und in der That, erstaunlich ist, was der kleine Pantagruel schon als Kind vollbringt. Zu jeder Mahlzeit trinkt er die Milch von 4()()G0() Kühen. Zu seinem Brei braucht er eine so grosse Pfanne^ dass alle Pfannenschmiede von Anjou, von Villedieu in der Normandie, von Bramont in Lothringen her- geholt werden müssen, um ein trogähnliches Geschirr zu- sammen zu schmieden. Aber dies Alles liesse man sich noch gefallen, wenn der kleine Pantagruel nur hübsch artig und manierlich wäre. Dem ist aber nicht so. Beisst er doch aus der mit so grosser Mühe hergestellten Pfanne ein dickes Stück heraus ! Und noch schlimmer ! Eines Tages, als er an einer seiner Kühe saugen will, macht er einen seiner Arme aus den Wickeln los, fasst die Kuh bei den Kniekehlen und frisst ihr die beiden Euter weg ! Um Ähnliches ein andermal zu verhüten, wird er von seinen Wärterinnen mit starken Tauen an seine Wiege gebunden. Nichtsdestoweniger macht er sich aber los, als der Bär seines Vaters einmal auf ihn loskommt, um ihm das Gesicht, das man abzuwaschen vergessen hatte, abzulecken; er fasst den Bär beim Kragen, zerfleischt ihn wie man ein Hühnchen zerpflückt und lässt sich das dam- pfende Fleisch sehr wohl schmecken. So muss denn Gargantua eiserne Ketten schmieden lassen, um seinen Sohn zu binden. Wie gewaltig sie aber auch sind, — die eine von ihnen wird noch jetzt, sagt Rabelais, zwi- schen den beiden dicken Hafentürmen von La Rochelle jede Nacht ausgespannt, — der kleine Pantagruel w^eiss sich doch zu helfen : Er strampelt so heftig mit den Bei- nen, bis er das Fussende seiner Wiege zertrümmert hat, das doch aus sieben Spannen dicken Balken gezimmert war, streckt die Beine heraus, richtet sich auf und trägt Seine Wiege mit sich auf dem Rücken davon, und so ge- waltig ist das Riesenkind, das es aussieht, wie wenn ein


188 Zweiter Teil: Rabelais.


grosses Kauffahrteischiff von fünf hundert Tonnen auf den Schnabel gestellt worden wäre. —

Wahrhaftig, solche Heldenthaten waren bis dahin unerhört gewesen, und stellten die ,,enfances" so zahlreicher Helden aus den Ritterromanen in den tiefsten Schatten. Die Schilderung der Kindheit unseres Helden lässt schon ahnen, zu welchen kolossalen Dimensionen er in späteren Jahren wachsen wird. Aber auf so tolle Dinge wir auch gefasst sind, wir staunen doch, als Rabelais uns mit der treuherzigsten Miene eines biedern Chronisten erzählt, wie Pantagruel es fertig bringt sein Heer vor dem Regen zu schützen. Er streckt die Zunge heraus, und zwar nur zur Hälfte, und seine Kriegsscharen sind vor dem Regen ebenso sicher wie die Küchlein unter den Flügeln der Henne. Kein Wunder, wenn er so gewaltig ist, dass man in seinem Leibe Reisen unternehmen kann. Auf seiner ausgestreckten Zunge wandert man wohl hundert Meilen, bis man endlich in den Mund kommt. Und im Munde selbst: ,, Jupiter erschlag mich gleich, ruft Alcofribas Na- sier aus, der seine Reise beschreibt, ,, Jupiter erschlag mich gleich mit seinem dreispitzigen Donnerkeil, wo ich nur ein Wörtlein lüge! Da spaziert' ich darin umher, wie in Sanct Sophien zu Konstantinopel ; und sah da mächtige Feldblöcke, gross wie die Berge in Dänemark, — ich glaube, ■es sind seine Zähne gewesen, — grosse Wiesen, dichte Wälder, auch feste, wohl verschanzte Städte, nicht kleiner als Poitiers oder Lyon, wo recht wackere Leute, lauter Christen, wohnen! Und seine Backenzähne, das ist ein wirkliches Gebirge! Da findet man auf dem Gipfel der- selben die allerbesten Orte der Welt! viel schöne, grosse Plätze zum Ballspielen, herrliche bedeckte Gänge, saftige Wiesen, sehr viele Weinberge und eine Unzahl niedlicher reizender Landhäuschen im italienischen Geschmack, die auf den Feldern zerstreut liegen. Daselbst verbleibt Al- cofribas an die vier Monate, und hat sein Lebtag seit der Zeit nicht wieder so flott gelebt, wie damals. Nachher hat er freilich das Unglück gehabt, in einem tiefen Wald,


Kapitel I. Die Satiren der Kilterroinane. 18!^

unweit der Ohren en passant ausgeplündert zu werden. Aber was schadet es? Hat er doch kurz darauf in einem Flecken durch Schlafen auch etwas Geld gewonnen : ,,denn dort mietet man sich die Leute zum Schlafen und bezahlt fünf bis sechs Groschen für den Tag ; wer aber ordentlich zu schnarchen versteht, kann auch sechs bis sieben verdienen. Wir sehen, im Leibe Pantagruels er- öffnet sich uns eine ganz neue Welt. Sie ist auch viel älter wie die unsrige, wird dem Alcofribas berichtet. Merk- würdig, dass man bisher nichts davon w^usste. Und doch war sie wert, der Menschheit bekannt zu werden. Zählt sie doch fünt und zwanzig bewohnte Königreiche in sich, die Wüsten und ein breiter Meerstrich nicht mitgerechnet. Deshalb schreibt auch Alcofribas ein Buch darüber mit dem Titel ,,Histoire des Gorgias'^ (II 32.) Und um das Wunderbare noch völliger ad absurdum zu führen, als es durch solche Erzählungen schon geschieht \ macht sich Rabelais ein maliciöses Vergnügen daraus, seinen Riesen in die am schärfsten kontrastierenden, ja sogar in unmög- liche Situationen zu bringen ; mit geradezu grossartiger Ungeniertheit spielt er mit den Gebilden seiner Phantasie. So gewaltig unser Pantagruel auch ist, er verkehrt doch mit wirklichen Menschen wie mit seines Gleichen ; er ent- scheidet Processe in den Sälen der Sorbonne, er verliebt sich in die Frauen von Avignon, zecht mit den Studenten von Orleans und studiert in der Bibliothek von St. Vic- tor. Und was man bei einem so ungeschlachten Men- schen doch kaum hätte erwarten können, er interessiert


1 Dazu gehört auch die Erzähhmg von den Folgen von P.'s Furz. Die Erde erbebt 9 Meilen weit in der Runde und erzeugt mit der verderbten Luft zusammen aus sich mehr denn 53000 winzige missgestaltete Zwerge ;. mit einen Fist aber, den er hinterherschickt, ebensoviel Zwerginnen, alles verhutzelte, kleine Dinger, wie man sie ab und zu, hie und da zu sehen kriegt, die niemals wachsen ausser nach unten, wie die Kuhschwänze, oder in die Runde, Avie limusinische Rüben II 27. Auch die Erzählung von Pant.'s Erkrankung und Heilung gehört zu dieser Kategorie II 33 und ver- schiedene andere noch.


190 Zweiter Teil: Rabelais.


sich lebhaft um das ganze geistige Leben. Er ist gelehrt, sehr vernünftig, im besten Sinne des Wortes fromm; vor seinem Kampfe mit Loupgaron richtet er ein Gebet zu Gott, das im Munde Calvins ganz passend wäre (II 29). Er erhält von seinem V'ater Briefe, in denen sich derselbe über die Unsterblichkeit der Seele ausspricht (II 8). Auch an Herzensgüte fehlt es ihm nicht. Wenn Unglück seine Freunde trifft, ist er sogleich in vollster Verzweiflung ^ ; und wie sein Vorfahre Baldus, ist er sofort zum Äusser- sten bereit. So will er sich entleiben, sobald er den Tod des Epistemon im Kampfe mit dem Riesen erfährt'^. Auch dies wiederum ein Zug zur Satire des Helden in den Rit- terromanen, den wir bereits in der Chronik fanden. Noch in einem andern Punkte verfolgt der Pantagruel dieselbe


1 Im 3. Buche — wir nehmen das hier gleich voraus — nennt Rab. cap. 2 den Pantagruel ,,le meilleur petit et grand bon hommet que oncy ceignit espee. Toutes choses prenoit en bonne partie, tout acte interpretoit ä bien, jamais ne se tourmentoit, jamais ne se scandalizoit".

2 Sonst ist die Episode von Epistemon's Tod und seinem Besuch in der Hölle eine burleske Verhöhnung der Ritterromane. Er hat die Hel- den der Artusromane dort angetroffen und giebt von ihren Beschäftigungen im Hades folgendes Bild. ,, Lanzelot vom See war Schinder, Hüon von Bourdeaulx war Fassbinder, Artus von Bretannien war Fleckenausnehmer, Perceforest bot Messer feil, Giglian und Ganan waren armselige Schweine- hirten, Oger der Däne war Harnischputzer, die vier Haimonskinder waren Zahnbrecher, Melusine war Küchenstrunz, Matabrune war Waschfrau und sämtliche Ritter der Tafelrunde waren samt und sonders armselige Schlucker, schwitzten am Ruder und fuhren über, wenn sich die Herren Teufel einmal auf dem Cocytus, Phlegeton, Styx, Lethe oder Acheron ein Wasservergnügen machen wollten, wie die Bootsleute in Lyon und die Gondoliere zu Venedig, sie verdienten aber hinüber und herüber nicht mehr als einen Nasenstüber und Abends ein Stück verschimmeltes Brod." Burlesk sind auch die Be- merkungen, die Rabelais den Namen der Riesen hinzufügt. ,,Hustaly, der ein grosser Suppenfresser war und zur Zeit der Sündflut regierte — von demselben wird nachher erzählt, dass er während dieser Zeit rittlings auf ■der Arche sass, sie mit dem Fuss, wie mit einem Ruder lenkte und von

den Passagieren drinnen sich das Futter zum Schornstein hinausreichen Hess ; — Gemmagog, der die Schnabelschuhe erfand • Morgan, der zuerst mit einer Brille auf der Nase knöchelte; Lustold, der pappelholzene Hoden und ein. 'Glied von Eschenholz hatte u. s. w.".


Kapitel T. Die Saiiren der Ri terromane. li)l


Tendenz wie die Chronik, nämlich in dem Streben nach peinlichster Genauigkeit, die den Anschein felsenfester Glaubwürdigkeit hervorrufen soll.

Rabelais versäumt bei keiner Gelegenheit hoch und heilig zu versichern, dass es ihm nur um die Ermittelung der Wahrheit zu thun sei. iMit dem biedersten Gesicht der Welt versichert er uns, er wolle sich dem Teufel ver- schreiben, wenn er nicht die Wahrheit sage, und er w^ünscht seinen Lesern die schlimmsten Krankheiten, wenn sie ihm nicht glauben wollen (II Prol.).

Es ist oft geradezu rührend, wie peinlich genau er zu Werke geht: So wenn er von der Keule, die der Riese Werwolf trägt, als er gegen Pantagrucl marschiert, •erzählt: Sie war 9700 Centner und ^/^ Pfund schwer, aus Chalybes Stahl geschmiedet, und hatte am dicken Ende lo diamantene Stacheln, von denen die kleinste so gross w^ie die grösste Glocke von Notre Dame w^ar. — ,,Na, vielleicht um eines Nagels oder höchstens eines Ohr- löffelrückensbreite kleiner, — denn lügen möcht' ich nicht, aber grösser w^ar der Unterschied auf keinen FalU." So minutiös wie hier zeigt sich Rabelais bei jeder Gelegenheit. Kann er uns doch genau die Stücke aufzählen, in welche die Jolle des Wärwolfs zerspringt ! Es sind deren just viertausend und sechs und achtzig! Nicht wxmiger gut un- terrichtet ist er über den Schaden, den der Körper des Wär- wolfs in der Stadt anrichtet, als Pantagrucl ihn über die Mauer geworfen hat. Er weiss genau, dass er auf dem ^Marktplatz wie ein Frosch platt auf den Bauch fiel, und im Falle just einen verbrannten Kater, eine nasse Katze, ein Nonnen fürzchen und ein aufgezjlumtes Gänschen tot schlug. — Handelt es sich um Zahlenangaben, so könnten wirkeinen gewissenhafteren Chronisten haben als Rabelais;


1 Dem König Anarch setzt Pantagrucl eine kleine blaue Mütze mit •einer grossen Hahnenfeder auf, „Oder nein — ich irre mich, es waren 2 Hahnenfedern. Auch dies wieder eine groteske Satire der Ritterromane, ■cf. ,,les propheties de Merlin", die wir schon vorhin anführten.


li)2 Zweiter Teil: Rabelais.


iiuch wenn sie bis in die Hunderttausende gehen, er irrt sich um keine Ziffer, begnügt sich aber auch nie mit approxi- mativen Angaben. Am Morgen, sagt er II ol, fanden sich auf dem grossen Marktphitze vor dem Schlosse gerade achtzehnhundert sechs und fünfzigtausend und e 1 f Bürger ein (Weiber und Kinder natürUch nicht mitgerechnet). Seine Genauigkeit erstreckt sich bis auf die Zahlen der Personen, weichein den im Rachen Gargantua's sich befin- denden Städten wohnen. So weiss er uns zu berichten, dass just zweihundertsechzigtausend und sechzehn Leute in Laringues und Pharingues seit acht Tagen verschieden sind, weil aus Pantagruel's Magen eine greulich stinkende ungesunde Ausdünstung, wegen des vielen Knoblauchs,, den er gegessen, emporgestiegen war. Nicht minder ge- nau wie in den Zahlen, ist er auch in der Angabe von Namen. Es macht ihm nicht die geringste Verlegenheit alle Orte bei Namen zu nennen, wo infolge einer ge- heimen Krankheit Pantagruels, warme Quellen entstanden sind. Nennt er doch in einem Atem : Coderets, Limons^ Dast, Balleruc, Neric, Bourbonnensy in Frankreich, und in Italien Monsgrot, Appone, San Pedro di Padua, Santa Helena, Casa nova, San Bartolommeo, sowie die Graf- schaft Boulogne, La Perette u. s. w., nur wundert er sich, dass so viele bornierte Philosophen und Ärzte die Zeit damit vergeuden, sich darüber zu zanken, ob die Wärme dieser Quellen von dem in der Erde lagernden Borax oder Schwefel oder Alaun oder Salpeter herstamme,, und nicht einsehen, dass sie einfach von Pantagruels heis- ser Pisse kommt. Auch dies sind groteske Übertreibungen der Eigentümlichkeiten der Ritterromane ^ — Der Zug


1 Dieselben verfehlten z. B. niemals die Namen der kämpfenden Ritter genau anzuführen. So z. B, Merlin XXXI, wo die Namen von 34 Rittern in einer Liste aufgezählt werden. Adonc prindrent chacun ime lance et se mirent es renes environ XXXIV Chevaliers . . . Parquoy est raison, d'en dire les noms pour future memoire le temps advenir . , . folgt die Aufzäh- lung. Für Leser und Verfasser waren dies aber wichtige Angaben, die also durchaus berechtigt waren.


Kapitel I, Die Satiren der Ritterromane. 1!)3

auch ganz nebensächliche Dinge Hstenmässig aufzuzählen, wird in den folgenden Büchern zur Gewohnheit und bildet, wie wir sehen werden, eines der hauptsächlichsten Merk- male von Kabelais' Stil. — Noch in einem anderen und letzten Punkte übertreibt Rabelais die Genauigkeit der Rit- terromane. Da dieselben eine Verherrlichung der rohen Kraft waren, so kam es ihnen natürlich darauf an, die Streiche, welche ihre Helden führten, genau zu beschrei- ben i. Diese Genauigkeit wird bei Rabelais zur anatomi- schen Beschreibung. Wir sehen es an der Beschreibung der Art, wie Panurge den Türken durchbohrte, der ihn an den Bratspiess hatte stecken lassen. Er stach ihm, so heisst es II 14, den Spies etwas über den Nabel in die rechte Seite durch den dritten Leberlappen und durchbohrte weiter hinauf das Zwergfell bis der Spiess endlich, nachdem er den Herzbeutel durchschnitten, oben zwischen dem Wir- belbein und dem linken Schulterblatt wieder herausge- kommen war.

Wir werden später im Gargantua Rabelais' auf einige ähnliche Stellen stossen. Bevor wir aber zu diesem Werke übergehen, müssen wir noch eine andere mit den eben behandelten Schriften im engen Zusammenhang stehende Chronik besprechen. Ob die ,,b e wunde rung s wür- dige Chronik des mächtigen Königs Gargantua" ^^


1 Ganz genau wird im Artus LV beschrieben, wie die Helden mit einander kämpfen: ,,. . . En ce point Artus l'adossa par entre deux costes, lors luy bouta Claitce jusques au poing, si cheut mort en la place et il luy coupa la teste". Genau werden im second livre de ISIerlin CXV Kampfes- scenen geschildert: ,,Nonobstant l'assena ung peu le roy de son espee sur les sourcils si qu'il luy (au gcant) fendit la peau et la chair jusques ä l'os: si que le sang luy descendit sur les yeulx et ne voyait goutte que moult luy greva."

2 Der Titel lautet genau: Les Chronic} ues admirables du puis- sant Roy Gargantua ensemble comme il eut a femme la tille du Roy de Utopie nommee Badebec, de laquelle il eut ung filz nomme Pantagruel, le- quel fut roy des Dipsodes et Amaurottes. Et comment il mist a fin ung grand gean nonime Gallimassue. pet. in 8^ goth. (In Paris ed. sicher vor 1534 cf. p. 194). Sie wurde von Paul Lacroix (bibliophile Jacob) Paris

Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 13


11)4 Zweiter Teil: Rabelais.


welche jedenfalls nicht nach dem Jahre 1534 erschien, — denn das einzi<^e uns bekannte Exemplar enthält die Be- merkung, Agcte (sie) ä Paris inil cinq ccns trente qiuitrc — und nicht vor 1532 — denn sie ist eine sehr ver- mehrte und vergrösserte Compilation der ersten Chronik und des Pantagruel, aus dem sie drei Kapitel einfach ab- druckt, — ob diese rohe, schlecht geschriebene und un- flätige Schrift, wie Lacroix möchte, von Rabelais verbrochen worden ist, als derselbe während eines kurzen Pariser Auf- enthaltes in Geldverlegenheiten war, oder ob sie, wie Brunet annimmt, das ungeschickte Plagiat, die geistlose Kompi- lation eines Mannes ist, der für sich die Beliebtheit der Croniques inestimables und des Pantagruel ausnutzen wollte 1, ist eine Frage, die wir hier nicht näher unter-


1872 unter dem Titel ,,la seconde Chronique de Gargantua et de Pantagruel" herausgegeben.

1 Wir halten diese Annahme für viel wahrscheinlicher. Die Gründe, welche Lacroix anführt, sind ganz romanhaft. Auch hatte Rab. schwerlich drei Kapitel seines Pantagruel in dieses rohe Machwerk eingeflochten und hauptsächlich nicht mit den thörichten Änderungen, die wir darin finden. Man kann die Beobachtung machen, dass verschiedene naive resp. das Naive suchende Züge des Rabelais hier in der Chronik fehlen. Die Worte Garg.'s bei seinen Klagen über den Verlust seiner Frau ,,Ma tant bonne femme est morte qui estoit la plus ceci la plus cela qui fust au monde" sind zwar unbestimmt, aber haben doch ihren besonderen Reiz : Der gute Riese hätte soviel von seiner Frau zu sagen, dass er die passenden Worte nicht findet. Die Chronik ersetzt sie durch das bestimmte, aber platte und den Gedanken Rab. 's nicht wiedergebende , ,1a plus joyeulse". Anstatt des hübschen: .,Que fit il? Qu'il fit mes bonnes gens escoutez", sagt die Chronik einfach und plump: Voicy qu'il fit. Die charakteristische und launige Zahlangabe Rabelais': ,,die Trockenheit dauerte 36 Monate, 3 Wochen, 4 Tage, 13 Stunden und etwas mehr", wird hier durch das trockene ,,37 Monate" ersetzt. — Noch einige andere hübsche 'L^^g^ lässt die Chronik weg, so den Satz, in dem Gargantua zu seinem eben geborenen Sohne sagt: „Ha, pauvre Pantagruel, tu as perdu ta bonne mere, ta douce nourrice, ta dame tres aimee". Die Aufzählung im Pantagruel, in welchem Gargantua seine Freude über die Geburt seines Sohnes ausdrückt, scheint der Chronik in ihrer übersprudelnden Fülle zu gross geworden zu sein, denn sie lässt die Worte aus: ,/erme ceste porte, taille ces soupes, envoye ces pauvres, baille leur ce qu'ils demandent". — Der A'erfasser der Chronik versteht dies ,,sich gehen lassen" nicht. Ausser-


Kapitel I. Die Satiren der Ritterromane. 195

suchen können. Uns genügt es hier wiederum zu consta- tieren, dass sie eine groteske Verhöhnung der Ritterro- mane ist. Auch hier wird wiederum das Wunderbare ad absurdum geführt. Die Erzählung Gargantuas zeigt es uns zunächst.

Als auf dem Feenberge Gallemelle von den Geburts- wehen ergriffen wird, schreit sie so sehr, dass der ganze Berg wie durch ein Erdbeben erschüttert wird und zusam- menstürzt. Im selben Augenblick treten die Götter Faunus und Silvanus, und verschiedene andere merkwürdige Wesen hervor; es erscheinen auch die Frauen Morgain, Cibelle, Pro- serpine, Abellonne, Ysangrine, Cornalline, Ysaline^ Floren- tine und Philocatrix, die Grossmutter Melusinas, mit Tüchern und allem möglichen bewaffnet, um das Kind zu empfangen K


dem macht sein Werk häufig den Eindruck der Eile. Der Verf. lässt nicht bloss Sätze aus, sondern verschreibt sich sogar. Rabelais schrieb: „et alors avec grant puissance, se leva, emportant son berceau". In der Chronik heisst es: „et alors avec grant puissance se le (?) emportant son berceau". Für die Eile, mit welcher die Chronik geschrieben sein muss, spricht auch noch dies Versehen: In dem Satze ,.chasse ces chiens, souffle ce feu, al- lume ceste chanvelle, forme ceste porte" u. s, av. schreibt die Chronik „les chiens", obgleich sonst überall das Demonstrativ steht. — Es sträubt sich ausserdem unser Gefühl dagegen, dem Verf. des Pantagr., der im ersten Buch schon einige seiner geistreichsten Satiren auf die Gesellschaft seiner Zeit geschrieben hatte, so blödsinnige Geschichten in die Schuhe zu schieben, "wie wir sie vielfach in d. Cron. adm. lesen. — Gegen die Annahme, dass die Cron. admirables etwa die Vorlage der Cron. inestimables und des Pantagr. seien, spricht schon der Umstand, dass die Cron. admir. stets viel stärker auftragen als die vorigen Cron. Die Zahlen z. B. sind in den Cron. adm. alle viel höher, als in den Cron. inest, und Pantagr. Beispiele cf. p. 199.

1 Dies letztere ein burlesker Zug : Die Grossmutter der Melusine als Heb- amme! Noch andere zahlreiche burleske Stellen finden sich in den Croniques admirables. So wird zu den Dingen, die Merlin braucht, um Gargantua's Eltern zu erzeugen, noch hinzugefügt, „la mousse de la fontaine en laquelle Genius vient espandre le doulx brouet de generation, le tout spermatise de souspirs transpersans — Burlesk ist auch eine die von Garg. ,,aupres de ses genitoires gefundene Filzlaus angehende Bemerkung. Das Leder derselben wird von Artus als SchutzwafFe gebraucht, ,,car cela avoit une merveilleus e vertu ä cause du lieu dont il estoit sorti!" Burlesk sind auch die Namen mancher Riesen Frappe saulce p. 99, Rince Godet p. 92, Gribouille p. 99 u. s. w. Ebenso der h. Troubaise, bei dem Gargantua schwört.


196 Zweiter Teil: Rabelais,


Gallemelle hält sie für Maria und die elftausend Jun<2^- frauen. Nun fangen diese Damen alle zusammen so lieb- lich an zu singen, dass Titan im Stirnbild des Skorpionen drei Stunden, und der Mond im Sternbild der Wage sechs Stunden anhält, dass die Winde drei Tage lang keinen Hauch von sich geben und die Bäume drei Monate lang kein Blatt rühren. Diese Melodie schläfert Gallemelle ein, so dass sie nichts mehr fühlt und ihr Kind, das doch so gross ist wie ein junger Mann von 27 Jahren, geboren wird, ohne dass sie irgend etwas davon merkt. — Noch klarer, wie bei dieser Erzählung ist die Tendenz bei fol- gender. Aus den Thränen^ welche Grandgousier und Gal- lemelle vergiessen, als sie von Merlin Abschied nehmen (p. 12), entspringt nämlich eine schöne Quelle, in der man die Eier um Weihnachten und an den andern Festtagen kocht. Neun Tage vor Johanni entstehen in dieser Quelle ein. Hahn und ein Huhn, welche ganz dicke Eier legen. Aus denselben kommen zwei Hühner heraus, grösser wie Pferde, deren der König sich im Kriege bedienen kann. Ihre Federn glänzen so, dass sie die Feinde blenden; ihre Krallen sind so gewaltig, dass sie damit bewaffnete Men- schen vom Pferde herunterwerfen können. Aus den Federn des einen dieser sonderbaren Vögel, — er gehörte Artus, hatte ihm wohl eine Million gekostet und konnte ihn hoch in der Luft tragen — machte man die besten Geschütze der damaligen Zeit. Mit einem einzigen Schuss hätte man über die ganze Stadt Paris mit samt den Vorstädten schiessen können; reichten sie doch siebenundzwanzig Meilen weit ! — Noch wunderbaher als diese schon tolle Geschichte ist die Erzählung der Filzlaus (p. 43 — 49), die Gargantua in seinem Hosenlatz [aiipres de ses gent- toires) gefunden und dann ins Meer geworfen hat. Sobald sie das Wasser berührt, schwillt sie kolossal an und wird ungeheurer als der grösste Wallfisch der Welt. Ihre Au- gen allein sind grösser als die Abtei Angoulvesnier und ihre Leber dicker als der Louvre ; ihre Rippen liefera nach ihrem Tode das Material zum Bau einer Brücke von.


Kapitel I. Die Satiren der Ritterromane. 197

■der Normandie nach En^^land, und ihr Körper ist so ge- waltig gross, dass 10.000 Menschen acht Tage lang ar- beiten müssen, um denselben zerschneiden zu können. Und dabei ist sie so stark, dass ein Furz von ihr genügt, um die See erbeben zu lassen, und sie sich getraut, mit einem solchen die ganze Stadt Orleans umzuwerfen. Ihr Appetit ist so furchtbar, dass sie 200.000 Türken samt ihren Schiffen verzehrt, freilich wirft sie ungefähr 100 der- selben entrüstet weg, als sie merkt, dass sie keine Chri- sten sind. Zur Strafe benützt sie dieselben als „torclieciiV\ und schleudert sie mit einer ,,vesse"' so hoch hinauf in die Luft, dass sie bis jetzt noch nicht gefallen sind. Und diese allerliebste Geschichte mutet die Chronik den Bü- chern der Tafelrunde zu ; denn als der Verfasser mit der Erzählung fertig ist, sagt er, scheinbar ganz naiv, als ob es sich um die natürlichste Sache der Welt handelte : er möchte gerne noch mehr davon erzählen, aber es sei doch wohl kaum nöthig, denn die Bücher der Tafelrunde sprä- chen schon genug davon/.

Wenn eine Filzlaus, die Gargantuabei sich getragen, so kolossal anwachsen kann, so werden wir uns nicht wundern, dass der Riese selbst auch unglaubliche Dimensionen er- hält. So wird uns berichtet, dass er sich bloss auf die Zehen zu stellen braucht, um über die höchsten Berge -des Landes zu sehen und dass er auf seinem männ- lichen Gliede ganz bequem sein ganzes Heer von Frank- reich nach England übersetzen kann; ja, diese seltsame Brücke ist sogar so breit, dass sieben Leute in Frontstel- lung neben einander auf derselben marschieren können. In einem einzigen hohlen Zahn kann er nicht bloss fünf- .zig Gefangene, sondern sogar siebzehn Salzminen fassen, und als ihn sein Zahn schmerzt und er ihn ausreissen will, ist ein Kabel von 500 Klaftern nötig, an dem vier bis fünf- hundert Pferde ziehen, um diese grosse That zu vollführen. Kein Wunder, dass, um einen seiner Grösse entsprechen-


1 Andere wunderbare Geschichten p. 96 ff.


198 Zweiter Teil: Rabelais.


den Schnappsack zu verfertigen, das Leder aller Hirsche Englands kaum ausreicht (p. 50), und seine 107 Fuss lange Keule nur mit einem grossen Schiff herbeigefahren werden kanni. — Ein so grosser Riese ist selbstverständlich auch ungeheuer stark. Auf einen Schlag tötet er 17 Löwen, 15 Leoparden, 8 Wölfe, 11 Bären, 11 Büffel, 7 Tiger und 2 grosse Schlangen, oder türmt in einer Stunde 17 hohe Berge aufeinander. Auch den gewaltigsten Feinden zeigt er sich gewachsen. Den furchtbaren Riesen Amaury, wel- cher Schiffer und Schiffe verschlingt, packt er ein- fach beim Ohr, und hängt ihn an einem Felsen auf; und da er auch in geistiger Hinsicht gewaltige Macht ausüben kann, so bestimmt er, dass er bis zum Tage des Gerich- tes in einer Höhle gefangen bleiben muss. Sogar den Riesen Gallimassue, welcher doch den Hercules und den Jason, mir nichts dir nichts, in seinen Schnappsack gesteckt hat und ihnen gedroht hat, er werde sie zum Nachtessen verspeisen, ergreift er einfach beim Kragen, lädt ihn auf seinen Rücken, ebenso leicht wie wir etwa einen Stroh- sack, packt ihn dann an den Beinen und wirft ihn auf ein Schloss, so dass er zu gleicher Zeit ihn tötet und die Burg vernichtet (p. 116).

Trotz ihrer Rohheit sind auch diese Riesen ungemein Aveichherzig. Von den Thränen der Eltern Gargantuas haben wir bereits gehört. Gribouille ist nicht minder trau- rig, als ihr Geliebter, der Riese Gallimassue, sie verlässt. Sie vergiesst so viele Thränen, dass ein grosser Fluss aus denselben entsteht, der ebenso grosse Schiffe wie die Seine auf seinen Fluten trägt (p. 106). Und selbst Galli- massue hat ein weiches Herz. Über den Tod seiner Eltern ist er so traurig, dass er in Ohnmacht fällt, und durch seinen Fall die Flälfte des babylonischen Tur- mes umwirft. Wie in den meisten der erwähnten Bei- spiele diese Chronik noch kräftiger malt, als die vori- gen, so auch in den Zahlangaben. An denselben sehen




1 Andere Beispiele seiner Grösse p. 32, 33.


Kapitel I. Die Satiren der Ritterromane. 199

wir z. B., dass der Appetit des Garoantua in den Croniques admirables viel kolossaler ist als in der alten Chronik. Damals ass er nur 4U0 gesalzene Ferkel, jetzt verzehrt er deren öOO ; früher begnügte er sich mit 20U Hasen, jetzt muss er :>00 haben; früher wogen die Brote, die er verschlang, öO Pfund; jetzt 50 Pfund und 2 Unzen, und wenn ehedem 4 Männer genügten, um ihm den Mund mit Senf zu füllen, müssen es jetzt 7 sein^. Kein Wunder, dass seine Kraft jetzt be- deutender ist als früher, da er so kolossal viel mehr isst. Seine Keule darf jetzt 107 Fuss lang sein, während sie früher nur 60 Fuss betrug; sein Siegelring wiegt jetzt 137 Pfund und i/g, statt wie früher 130 und ^j^. Der Riese ist auch gewachsen und breiter geworden. Seine Achsel- stücke sind jetzt nicht 100, sondern 200 Ellen lang, seine Hosen nicht mehr 200 und ^/^ und ^/g, sondern 250 und ^/^ und ein halb Ellen lang 2. Mit seiner Grösse wächst auch sein Mut und seine Kraft: dort hätten nicht 30.000 Feinde ihn erschreckt, hier nicht 50.000; dort tötete er 100.210 Leute, und 20 stellten sich tot; jetzt tötet er 100.307 und nur 2 stellen sich tot. Sogar die Leute, die ihm in den Mund fallen, sind jetzt zahlreicher; es sind jetzt 207 gegen 205 früher. Und mit dem Sohne wächst auch der Vater. So fängt jetzt Grandgousier 20 Hirsche, während er früher nur de- ren 12 fing. Ja sogar die Abschnitzel der Nägel der guten Königin Ginevra sind jetzt schwerer geworden: statt 10, wiegen sie jetzt 12 oder 13 Pfund. Ebenso wie Gargan- tua, ist auch sein Feind, der Riese, der den Tod der Goz und Magoz rächen will, mächtiger geworden. Misst er doch jetzt 150 Ellen, während er früher nur 12 Ellen mass. Wie den „Croniques inestimables" gegenüber ver- hält sich der Verfasser der ,,Croniques admirables" auch den Kapiteln des Pantagruel gegenüber. Abgesehen von


1 Dagegen nur vier ^Männer, die ihm das Fleisch schneiden statt zwanzig früher, und zehn Fässer Senf statt zwanzig wie früher.

2 Dagegen behalten Hemd, Wams und Waffenrock dieselben Dimen- sionen: 800, 700, 9OOV2; '^uch isst er 200 Ochsen nach wie vor.


200 Zweiter Teil: Rabelais.


einer Ausnahme sind hier alle Zahlen höher. Rabelais spricht von 4600 Kühen, er von 4700; Kabelais von 25 Karren, er dagegen von 27; Rabelais von 500 Fässern, er dagegen von 700. Dass er aus 36 Monaten, 3 Wochen, 4 Tage, 13 Stunden und etwas mehr, rund 37 gemacht hat, ist wohl auch eine Vergrösserung, aber trotzdem merkwürdig, da der Verfasser der Cron. adm. sonst für solche kleine Zahlen, sehr viel Sinn hat. Denn auch hier ■wird die Genauigkeit der Ritterromane durch groteske Übertreibung ad absurdum geführt. So weiss die Chro- nik bis auf die Minute genau, wie lange Zeit Gargantua gepisst hat, — und doch ist die Zeit lang genug gewesen. Pisst er doch 3 Monate, 7 Tage, 13 Stunden, ^/^ und 2 Minuten ohne aufzuhören, und erzeugt so die Rhone, und zugleich mit ihr mehr als 700 Schiffe um sie zu bevöl- kern. Gerade wegen dieses Ursprungs ^ fliesst jetzt noch die Rhone so schnell.

Die peinlichste Genauigkeit erstrebt die Chronik auch in geographischer Hinsicht. Mit allgemeinen Angaben begnügt sie sich nicht, sondern weiss auch bei den ge- ringfügigsten Dingen Namen zu nennen. So ist die Gerte, die Gargantua gegeben wird, um seine Stute zu berühren, ebenso gross wie der Mastbaum des grossen französischen Schiffes im port de Grace, und die Wallfischgräte, die der Riese als Zahnstocher gebraucht und dann eini- gen Pilgern geschenkt hat, wird zum ewigen Andenken an Gargantua an die Thüre der Kirche von Saint Mau- rice d 'Anglers aufgehängt. Der Bogen des Riesen Gallimassue ist nicht dicker als der Baum der Presse von Meister Nicolle Hersant, und die Sehne so lang wie das Seil am Brunnen von Torfour (p. 99). Die Chronik hat sogar den Amboss, auf welchem Gargantuas Eltern erschaffen werden, gemessen, denn sie weiss, dass er just so gross ist wie der Thurm von Monlehery; sie weiss


1 In Bezug auf andere Zalilangaben cf. oben, cf. aucli p. 53 die Be- schreib, d. Verfertigung von Garg.'s Sclmappsack.


Kapitel I. Die Satiren der Ritterromane. 201

auch, dass der junge Mann, den Garg'antua aus seinem Schnappsack hat fallen lassen, c^erade vor dem Hotel D i e u auf den Boden fällt, von einem Buchdruckermeister aufgehoben und in die Lehre genommen wird-

So sind denn in dieser Chronik alle die den Ritter- roman satirisierenden Züge, die wir in den vorigen Schriften fanden, wieder vertreten. — In dem Gargantua Rabelais', welcher im Jahre 1535 erschien, und dazu be- stimmt war, die Geschichte von Pantagruels Vater zu ei*- zählen, und so die Chronik, die Rabelais nach Verfassung seines Pantagruel wohl zu roh fand, zu ersetzen, tritt die Satire der Ritterromane auch noch hervor, freilich, wie wir später sehen werden, beherrscht sie nicht mehr allein das Feld.

Das Wunderbare erhält auch hier seine gehörige Abfertigung. Schon die Beschreibung der Art, wie Gar- gantuas Stammbaum gefunden wird, gehört hierher. In einem ehernem Grabe von unmässiger Länge — es ist so gewaltig gross, dass man das Ende niemals aufgefun- den hat — findet man den Stammbaum, der in grosser Kanzleischrift, nicht auf Papier noch Pergament noch Wachs, sondern auf einer Art Baumrinde aufgezeichnet ist. Vom Alter hat er jedoch so sehr gelitten, dass man an ihm kaum 3 Buchstaben hinter einander erkennen und kein Mensch ihn entziffern kann. Rabelais allein ver- mag es ; freilich nur mit Hülfe künstlicher Gläser und mit Anwendung der Kunst unsichtbare Buchstaben zu lesen, die er nach Aristoteles' Anweisung studiert hat. Und bei der Gelegenheit findet Rabelais als Anhang zu dem Büch- lein, eine ,, Antidot gegen Krimskrams'^ betitelte Abhand- lung, welche die tollste Verhöhnung des Wunderbaren bietet, denn sie ist so wunderbar, dass kein Mensch, auch nur ein Sterbenswörtchen, davon verstehen kann. Auch haben Ratten und Mäuse, oder ,,dass ich nicht lüge", sagt Rabelais, „andere neidische Bestien den Anfang davon weg- gefressen, so dass man kaum versteht, Avas es bedeuten soll. Man lese nur die erste Strofe :


202 Zweiter Teil: Rabelais.


3 , m ? der Cimbern starker Überwinder

 : 'ft die Luft aus Furcht vorm Morgenthau :

= kommt, da strömen die Gebinder

 ! regnet Butter aus der Wolken Grau.

Und als davon bedeckt des Meeres Au, Da ruft man: ,, Aufgefischt! er sinkt noch weiter, Sein Bart ist schon ganz fettig, schau nur, schau l So reicht doch wenigstens ihm eine Leiter. u. s. w. i. Der Held des Romanes, Gargantua, macht seinem Stammbaum alle Ehre. Er ist schon vor der Geburt ein Avunderbarer Kauz, denn er bleibt nicht neun, sondern volle elf Monate im Mutterleibe, und auch seine Geburt unterscheidet sich von derjenigen anderer Kinder darin, dass er zum linken Ohr heraus kommt. Als Säugling zeigt er sich ferner der Riesen, die wir von früher her kennen, vollkommen würdig. Haben doch 17.913 Kühe für seinen täglichen Milchbedarf zu sorgen ! Und das Unsinnige dieser Behauptung steigert Rabelais noch dadurch, dass er mit heiligem Ernst gegen die unwahrscheinliche Behauptung polemisiert, dass die Riesenmutter selbst ihren Sohn ge- stillt habe ,,und dass sie 1402 Maass, neun Nösel Milch aus ihren Zitzen hergegeben. ,,Eine solche Behauptung, sagt er, ,,ist mit Recht für unzitzlich, wnll sagen unsitt- lich, fromme Ohren beleidigend und für Ketzerei erklärt w^orden".

Mit dem Alter nimmt Gargantuas Appetit nicht ab. Wir sehen dies aus dem Menü eines seiner Nachtgelage: Man brät ihm, heisst es I 37, sechzehn Ochsen, drei Färsen, zw^eiunddreissig Kälber, dreiundsechzig Zicklein, fünfundneunzig Hammel, dreihundert Spanferkel, zwei- hundertundzwanzig Rebhühner, siebenhundert Schnepfen, vierhundert Kapaunen von Loudunois und Cornouaille, sechstausend Küchlein und eben soviel Tauben, sechshundert


1 Ich zitiere nach der Übersetzung von Gelbke. Auch sonst stütze ich mich öfter auf Gelbke, denn auf Regis, dessen Übersetzung bei aller sonstigen Vortrefflichkeit, zu altertümlich klingt.


Kapitel I. Die Satiren der Ritterromane. 20.'>

Hühner u. s. w. Wild hatte man so schnell nicht beschaffen können. Ausser elf Wildschweinen, welche die Abtei Tur- penay geschickt, achtzehn Stück Rotwild, die Herr von Grandmont geliefert, und achtzehn Fasanen, die Herr Des Essars beigeschossen hatte, war nichts wxiter da als noch etliche Dutzend Holztauben, Wasservögel, Krikenten, Rohr- dommeln, Regenpfeiffer, Haselhühner, Ringelgilnse, Wild- enten, Brandgänse, Kropfgänse, Reiher, Wasserhühner, Buschreiher, Störche, kleine Trappen, Flamingos und in- dische Hühner nebst einer beträchtlichen Unzahl Mehl- speisen und einer reichen Auswahl der verschiedensten Suppen. Bei solchem Appetit ist es natürlich, dass Gar- gantua nicht merkt, wie er fünf Pilgersleute mit seinem Salat in den Mund steckt. Zum Glück ist sein Mund so gross, dass sie sich vor den Mühlsteinen seiner Zähne retten können; freilich laufen sie Gefahr in den Abgrund seines Magens hinabgeschwemmt zu werden, als Gargan- tua einen grossen Schluck thut. Aber auch dieser Ge- fahr entrinnen sie, indem sie sich an den Rand seiner Zähne flüchten. Ebenso wie aus dieser Erzählung, die nur eine neue Auflage der zahlreichen andern ist, die in den Chroniken vorkommen, ersehen wir Gargantuas ko- lossale Grösse auch aus seinem Benehmen im Kampfe. Als nämlich Kanonen auf ihn abgeschossen w^erden und die Kugeln ihn an der rechten Schläfe derb treffen, thut ihm das nicht weher, wie w^enn man ihn mit einem Pflau- menkern geworfen hätte. Darauf schiessen die Andern wohl mehr als 9025 Schüsse auf ihn ab, w^obei sie immer nach seinem Kopfe zielen. Er hält diese Kugeln für Flie- gen und lässt sich einen Weidenzweig hergeben, um sie abzuwehren. Als ihm gesagt wird, dass es grobe Ge- schütze sind, da rennt er mit seinem mächtigen Baum gegen das Schloss, und schmeisst die Thürme und Be- festigungen in tausend Stücke, bis alles der Erde gleich ist. Nachher kämmt er sich mit seinem hundert Klafter langen Kamm, der ganz aus Elephantenzähnen verfer- tigt ist, die Kugeln aus den Haaren, mehr als sieben bei


204 Zweiter Teil : Rabelais,


jedem Strich, — und der biedere Vater Grandgousier, welcher sie herunter fallen sieht, hält sie einfach für Läuse. Ebenso gewalti<^" wie der Riese, ist auch sein Streitross. Es ist nach Capitel 16 das ungeheuerste und ungestal- teste Tier, das man je gesehen hat: so gross wie sechs Elephanten zusammen; es hat zehenartig gespaltene Hufe, herabhängende Ohren, und am Hintern ein kleines Hörn. Das Schrecklichste an ihm ist aber der Schwanz, der fast ebenso dick und lang ist wie die St. Marxsäule bei Lan- ges und dazu so stachelig wie eine Kornähre. Auf drei Lastschiffen und einer Brigantine ist dieses Untier in den Hafen von Olone gebracht worden. In dem Wald der Beauce haut es mit seinem Schwanz die Bäume alle herunter, wie man Gras mäht, weil die Schweissfliegen und Hornissen es geplagt hatten. Seitdem giebt es we- der Wald noch Hornissen mehr^ und alles ist Acker- land geworden. Wie Gargantua, so hat auch sein Ross ein einfaches, wenn auch etwas rohes Mittel, sich der Feinde zu entledigen. Gerade wie der Riese, als er in Paris von dem Volke angegafft und verfolgt, sich auf den Turm von Notre Dame flüchtet und von dort herab die Leute so unmässig bepisst, dass ihrer nicht weni- ger als zweihundertsechzigtausend vierhundertundachtzehn (Weiber und Kinder nicht mitgerechnet) ersaufen, so pisst die Stute des Gargantua so unbändig, dass sieben Meilen rundum die Gegend überschwemmt wird, alle Flüssigkeit in den Fluss Vede abläuft und infolge dessen oberhalb das Wasser sich dermassen staut, dass alle feindliche Heeres- haufen jämmerlich ertrinken.

Gargantua und seine Stute sind aber nicht die ein- zigen, welche hier noch die gewaltigen Kraftleistungen der Ritter verhöhnen; in Rabelais' Gargantua ist der Mönch von Seuille, der Bruder Jean, ein ebenso gefürchteter Recke.

Durch seine Tapferkeit werden alle Heerhaufen, welche in den Weinberg der Abtei Seuille eingedrungen sind, im Ganzen 13.022 Mann (Weiber und Kinder unge-


Kapitel I, Die Satiren der Ritterromane. 205

rechnet, wie sich von selbst versteht), g:etötet. Und alle diese Heldenthaten vollführt er allein, nur mit dem Kreuzholz aus hartem Eschenstamm bewaffnet, ohne Rü- stung und Waffen, gegen sieben Fähnlein Fusstruppen und zweihundert Lanzenträger,

„Nie hat der Mönch Maugis," so fährt Rabelais fort, „von welchem die Sage der vier Haimonskinder erzählt, so tapfer seinen Pilgerstab gegen die Sarazenen geschwun- gen, als unser Mönch sein Kreuzholz bei dieser Begeg- nung mit dem Feind." Diese Bemerkung zeigt uns deut- licher als je, dass Rabelais es hier auf eine Satire der Ritterromane abgesehen hat. — Auch die Manie derselben die Schläge der Helden genau zu beschreiben, wird be- kämpft. So z. B. in folgender Stelle : Von unserm Mönche heisst es (Cap. 44) : „Er versetzte dem Bogenschützen, der ihm zur Rechten stand, einen Hieb, der diesem die Ar- terien und Venen des Halses wie die Kehle bis zu den beiden Halsdrüsen mitten durchschnitt, beim Zurückziehen aber das Rückenmark zwischen dem zweiten und dritten Wirbelknochen biossiegte, so dass der arme Teufel tot zu Boden fiel. . . . Dem andern zerspaltete er den Schädel, indem er die Schuppe über dem Felsbein durchhieb, Stirnbein und Hinterhauptbein, Pfeilnaht nebst einem gros- sen Teile des Scheitelbeins mitnahm, die beiden Hirn- häute durchschnitt und die beiden hintern Gehirnven- trikel ganz und gar biossiegte, so dass ihm der abgetrennte Kopf an der Haut des Pericraniums hinten auf die Schulter hinabhing wie ein Doktorhut." — Dieselbe Genauigkeit wie hier, beobachtet Rabelais auch bei den Truppenauf- zählungen, so z. B. Cap. 26, wo er bei der Beschreibung des Heeres von Picrochole aufzählt: 16.014 Bogenschützen, dazu 35.011 Mann leichten Fussvolks; endlich Artillerie, welche alles in allem 914 Bronzegeschütze zählte, worunter Vier- und Achtundzwanzigpfünder, Haubitzen, Kartaunen, Passevolanten, Basilisken, Feldschlangen, Mörser, Falkau- nen, Spirellen etc.

Wie schon frühe'*, erstreckt sich die Genauigkeit auch


20n Zweiter Teil: Rabelais.


auf Namen. So hält es Rabelais nicht für o^enügend uns im Allgemeinen zu sagen, dass viele Orte dem Grand- gousier Geld und Kriegsbedarf zur Verfügung stellten, sondern Cap. 47 nennt er bei Namen die Gemeinden von „Bess^, von Marche vieux, von Bourg St. Jacques, Train- neau, Parille, Riviere, Roches St. Paul, Vau breton, Pan- till^, Brehemont, Pont de Ciain, Cravant, Grandmont, Bourdes, La Villaumere, Huymes, Segre, Husse, St. Lou- ant, Panzoust, Couldreaulx, V^erron, Coulaines, Chos6, Va- renes, Bourgueil, Isle Boucard, Croulay, Narsay, Cande, Montsoreau und andere benachbarte Orte."

Alle diese Züge zeigen uns, dass Rabelais auch im Gargantua fortfährt, die Ritterromane grotesk zu satiri- sieren. Die Satire derselben tritt aber nicht mehr so sehr hervor wie im Pantagruel. In den folgenden Büchern ist das noch viel weniger der Fall. Nur von Zeit zu Zeit versetzt er dieser oder jener Eigentümlichkeit der Ritterromane einen Hieb. Seine Wahrheitsliebe fährt er zu beteuern fort, auch bei ganz unmöglichen Dingen. So z. B. IV 28, wo er behauptet, die Thränen von Pan- tagruel seien dick wie Strausseneier und fortfährt: „Je me donne ä Dien, si je ments d'un seid mot" , oder noch deut- licher III 51, wenn er sich vor allem Fabulieren in einer so wahrhaften Geschichte verwahrt: „car de fahle ja plaise que usions en ceste taut veritable liistoire . Bei Zahl- angaben ist er immer noch so gründlich wie vorher, so III 1 1, wenn er die 9876543210 Mann (Weiber und Kinder nicht mitgerechnet) aufzählt, welche die Kolonie bilden, die Pantagruel nach Dipsodien verpflanzt, oder IV 40 die Namen aller Köche aufzählt, die, wie ehemals die Krieger in das trojanische Pferd, in die Sau einsteigen.


1 cf. Interessant ist übrigens, wie im Garg. die Masse der Chronik überboten werden. Während sie z. B. 800 Ellen Leinwand zu G.'s Hemde verlangte, sind es hier 900; 200 für die Kisslein unter den Achseln (statt 100), 813 Ellen Atlas zum Wams (statt 700), und 1509 und 1/2 Hundshäut zu den Nestelschnüren, zu seinen Hosen 1105 und 1/3 Ellen Sammet (statt 200 und ^/g Ellen Scharlach) cf. p. 183 u. s. w.


Kapitel I. Die Satiren der Ritterromanc. 207

die im Kampfe der Fleischwürste gegen Pantagruel eine Rolle spielt. Dagegen wird das Wunderbare, Kolossale und Brutale der alten Ritterromane nur sehr selten noch gestreift. Solche Stellen, wie z. B. IV :)0, wo der Kampf Pantagruels mit dem ungeheuren Wal geschil- dert, und von Pantagruel zu gleicher Zeit erzählt wird, dass die Pfeile, mit denen er schiesst, so enorm sind, wie die Brückenpfeiler zu Nantes und Saulmur, und an- dererseits, dass er mit diesen Pfeilen auf tausend Schritte die Austern in der Schale aufmacht, ohne auch nur die Rander zu streifen, oder ein Licht schniluzt, ohne es aus- zulöschen, oder den Elstern die Augen ausbohrt, oder die Sohle von einem Stiefel, ohne ihm zu schaden, trennt, oder das Futter aus einer Mütze unversehrt herausnimmt und in Bruder Jean's Brevier die Blätter, eines nach dem andern umdreht, ohne dass auch ein Risslein daran zu bemerken sei (IV 34), solche Stellen, wo der Riese Pan- tagruel sich in seiner ganzen früheren Glorie zeigt, sind so selten, dass sie vollständig verschwinden gegen die- jenigen, wo Pantagruel gegen die Schäden der ganzen damaligen Gesellschaft; zu Felde zieht. Dass Rabelais auch in diesen Satiren dasselbe Mittel gebraucht wie frü- her, d. h. das Groteske, werden wir im nächsten Kapitel zu beweisen suchen.


Kapitel IL Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen.

In seinen Satiren der Ritterromane hatte Rabelais das Mittelalter nur in einer seiner harmloseren Seiten ange- griffen. Viel mehr als die Sucht nach Abenteuern und die Freude am Wunderbaren mussten aber den begeisterten Humanisten der Mangel an B i 1 d u n g und die ver- kehrte Auffassung der Wissenschaft ärgern, welche bis in die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts ihren Schatten warfen.


208 Zweiter Teil: Rabelais,


Er hatte in seiner Jugend, im Kloster von Fontenay,. wo er mit seinem Freunde, Pierre Amy (oder Lamy), mit Begeisterung die Schätze der griechischen Sprache sich aneignete, Gelegenheit genug gehabt, den albernen Fa- natismus kennen zu lernen, welcher seine Ordensbrüder und Vorgesetzten gegen die Sprache Homers erfüllte. Hat- ten sie ihm doch seine Zelle durchsucht, seine Papiere durchstöbert, seine Bücher confisciert, ihn der Ketzerei beschuldigt und zur Flucht genötigt, weil er jene Sprache kannte, die im Auge dieser Unwissenden der Rebellion gegen die allwissende katholische Kirche Waffen in die Hände spielte. Wie musste ihn, den allgemein geachteten Gelehrten, den Tiraqueau nannte einen ,,vir supra aeta- tern . . . iitrnisqtie linguae omnifariaeqiie doctrinae pe- ritissifinis" ^, ihn, den Humanisten^ welcher mit der Ge- lehrtesten einem, dem berühmten Budaeus, griechische Briefe austauschte und von demselben das lobende Epi- theton j,xQ'i]OTi] KEcpaXif^ erhielt, ihn, den vertrauten Freund des Geoffroy d'Estissac und Aimery Bouchard und ge- lehrten Herausgeber der Aphorismen des Hippokrates und der ,,Ars parva'^ des Galen, die krasse Ignoranz seiner Ordensbrüder empören ! In einem Briefe ^ an seinen Freund Tiraqueau hatte er sich offen beklagt über die Leute, welche die Augen schliessen, um die F'ortschritte der Künste und Wissenschaften nicht zu sehen und welche in der Plnsternis des gothischen Zeitalters versunken blei- ben, indem sie die Augen zum glänzenden Antlitz der Sonne nicht erheben können und wollen. Zu solchen Dunkelmännern gehörten aber nicht bloss die Mönche.


1 Andreae Tiraquelli de legibus connubialibiis Paris, Gallot du Pre 1524.

2 Epistola nuncupatoria Epist. medicin. Manardi. F. Rab. Medicus Andreo Tiraquello judici aequissimo apud Pictones s. p. d. Datiert: Lug- duni III nonas Junii 1532: „Qui fit, Tiraquelle doctissime, ut in hac tanta seculi nostri luce, quo disciplinas omneis meliores singulari quodam deorum munere portliminio receptas videmus passim inveniantur, quibus sie affectis esse contigit, ut e densa illa gothici temporis caligine plus quam Cimmeria ad conspicuam solis facem oculos attollere aut nolint ant nequeant."


Kapitel II. Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen.

209

Auch diejenigen, welche für sich den Ruhm der Gelehr- samkeit und l^ilduno' beanspruchten, die Lehrer an den Universitäten Frankreichs, vor allem an der Sorbonne, waren als Verfechter einer äusserlichen, scholastischen Gelehr- samkeit, die das wiederauflebende klassische Altertum nicht verstand, die letzten Vertreter des mittelalterlichen Geistes. Auf seinen Wanderungen durch Frankreich wird Rabelais häufig genug in den verschiedensten Städten mit solchen Männern zu thun gehabt haben. Wie traurig solche Ver- hältnisse aber auch waren, Rabelais' Gewohnheit war es nicht zu weinen und zu klagen:

,,Micttlx est de ris qiie de lannes escrire Pourcequc rire est te propre de rhoinmey

Diese Verse, mit denen er seine Ansprache an die Leser des Gargantua beendigt, sind wie das Motto seines ganzen Werkes. Viel wirksamer als die Klage ist ihm der Spott. So bekämpft er denn die falschen Gelehrten seiner Zeit, die Skotisten und Sorbonikolen, w^ie er sie nennt, auf dieselbe übermütige Weise als die Ritterromane. Die Fehler, welche er an ihnen rügt, steigert er bis ins Unmögliche, sodass sie groteske Karikaturen w^erden.

Gerade wie die Dunkelmännerbriefe greift Rabelais' Gargantua und Pantagruel die spitzfindigen Untersuchungen der Scholastiker an, welche sich um nichtige und alberne, oft ganz nebensächliche Dinge drehen. Um sie lächerlich zu machen, lässt sie uns der Dichter durch ein Vergrösserungsglas schauen, wo ihre Proportionen so un- geheuer wxrden, dass sie ein furchtbares Hohngelächter erregen. In der Bibliothek von St. Victor finden sich eine Menge Untersuchungen, in denen die albernsten Dinge mit der wichtigsten Miene der Welt, wie die gewaltigsten Haupt- und Staatsactionen, behandelt werden. Da haben wir den Kleinigkeitskrämer „Albericus de Rosata," der ein kolossales Werk, elfmal zehn Bücher, ,,decades tinde- ciin schreibt ,,d(^ calcarihtisst erst bricht, wenn es reif ist, oder die Töchter erst ver- ehlicht, wenn sie zur Heirat reif sind. Wollte man einen Prozess früher entscheiden, wenn er noch unreif und grün wäre, so würde man dieselben schweren Folgen zu befahren haben, die nach dem Ausspruch der Ärzte einzutreten pflegen, wenn man ein Geschwür öffnet, bevor es reif ist, oder einen Krankheitsstoff aus dem Körper herauszupurgieren versucht, der sich noch nicht voll- ständig ausgebildet hat" (III 40). Ein Process sei gerade w4e ein Bär, w^enn er zur Welt käme (III 42); ,,er sei un- förmlich und unvollkommen, habe weder Beine, Tatzen, Fell, Haare noch Kopf, sondern sei nichts als ein Stück rohes, ungeformtes Fleisch, das Alles müsse die Bären- mutter aus ihm herauslecken". Ebenso ungegliedert und ungestalt kämen die Prozesse zur Welt. Erst wenn die Akten sich zu Fascikeln bilden und zu Stössen häufen lassen, könne man von ihnen sagen, dass sie sich formen und gliedern. Und es sei überhaupt ein allerliebstes Spiel, Akten zu kramen, Zeddeln zu stören, Rotule zu Ziffern, Reposituren vollzustauen und Processe zu visieren". Was


1 Während seines Aufenthaltes in Fontenay le Comte hatte er mit namhaften Juristen Umgang gepflogen, mit Jean Brisson, Tiraqueau und Aymery Bouchard. In dem Streite, welchen diese beide letzteren Rechts- gelehrten mit einander führten — Tiraqueau hatte ein Buch de legibus conu- bialibus und Bouchard ty\c, YuvaiKeiaq qpOxXric; herausgegeben — appelliert ersterer an das Urteil Rabelais', ,,des in lateinischer und griechischer Sprache gelehrten Minoriten".


218 Zweiter Teil: Rabelais.


dann die Entscheidung betrifft, so macht sich darüber der brave Bridoie kein Kopfzerbrechen! Er entscheidet sie einfach durch das Loos! Nachdem er vorher alle Acten ^ von einem Ende bis zum andern aufmerksam durchgesehen und wieder durchgesehen, gelesen und wieder gelesen, untersucht und eifrig durchstöbert habe, — denn das ge- hört zur Form und im Gerichtsverfahren hebt das For- melle das Materielle oft ganz und gar auf — da stapelt er sämmtliche Actenstösse des Angeklagten an dem einen Ende seines Schreibtisches auf und thut den ersten Wurf. Darauf stapelt er die Acten des Klägers am andern Ende auf, Visum visu, den andern gegenüber, sintemalen ,,opposita jiixta se posita magis eliicesctuW , thut für sie ebenfalls einen Wurf, und entscheidet dann zu Gunsten dessen^ der nach dem Ausweis der urteilsprechenden, tribunia- nischen, prätorialischen Würfel den besten Wurf hat!'^ Diese Art Recht zu sprechen, kommt dem guten Mann so selbstverständlich vor, dass er sie mit der grössten Seelenruhe eingesteht. Er stellt sich vor, dass alle an- dern auch so handeln. Als der Grosspräsident des Par- laments ihn fragt, welche Würfel er denn gebrauche, antwortet er mit der natürlichsten Miene der Welt: Die Würfel der Rechte, „Alea judiciorum" , die Würfel, deren ihr andern Herren in diesem Oberlandesgericht Euch für gewöhnlich selbst bedient'S und wiederholt diese Zumutung bei jeder andern Frage, die an ihn gestellt wird. Den Grund, weshalb er vor das Gericht zitiert wird, sieht er auch absolut nicht ein. Er werde sich, sagt er ganz naiv, w^ahrscheinlich beim Zählen der Würfelaugen geirrt


1 Rabelais führt natürlich die verschiedenen Acten bei Namen alle auf: les complainctes, adjournemens, comparitions, commissions, informations, avantprocedes, productions, allegations, interdictz, contredictz, requestes, en- questes, replicques, dupliques, tripliques, escritures, reproches, griefs, salva- tions, recollemens, confrontations, acariations, libelles, apostoles, lettres royaulx, compulsoires, declinatoires, anticipatoires, evocations, envoys, ren^ voys, conclusions, fins de non proceder, apoinctemens, reliefs, confessions, exploicts et aultres telles dragees et espiceries d'une part et d'aultre".


Kapitel IT. Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen. 219

haben. Er sei nunmehr alt und sähe nicht mehr so «ut, wie vormals; so könne es ja leicht geschehen, dass er einmal eine Vier für eine Fünf genommen habe, gerade wie der alte Isaak, der den Jacob in seiner Blindheit für Esau nahm. Strafbar sei es jedenfalls nicht, denn Natur- gebrechen seien keine Verbrechen!

Und diese seine Auseinandersetzungen vor dem hohen Gerichtshofe verbrämt der gute Bridoie mit einer Unmasse von Zitaten, die seine Gelehrsamkeit in juristischen Dingen über jeden Zweifel erheben soll. So stüzt er seine Ansicht über die lange Dauer der Processe auf gewich- tige Quellen. Steht ja doch geschrieben in AiUhent, haec constit. in htnoc. de constit. prtnc. und wiederum ,if/. in c. caetcrmn. extra de jiira, cahimn.: Oiiod inedicamcnta morhis exhibent, hoc jiira negotiis. Und um zu beweisen^ dass das Formelle im Gerichtsverfahren das Materielle oft ganz und gar aufhebt, zieht er folgende Zitate zur Hülfe : Forma nmtata nmtatiir snbstantia. ff. ad exhibend. l. lul. ff. ad leg. Fal. l. si is qni qiiadringenta. Et extra, de decini. c. ad andientiani et de celebrat. nüss. c. in qua- dani. Und nicht bloss an diesen zwei Stellen zitiert er — er kann überhaupt keine zwei Worte sagen, ohne ellenlange, ebenso geschmacklose wie unverständliche Be- lege anzuführen.

Einige der in dieser Episode satirisierten Fehler der Gerichtswelt, die lange Dauer der Processe, die Nutz- losigkeit aller Schreibereien, die Willkürlichkeit bei der Entscheidung verhöhnt Rabelais auf echt groteske Weise noch in einer andern Episode, in dem Processe der Herren Baisecul und Humevesne. Die edlen Herren mit dem säubern Namen führen schon seit langer Zeit Process miteinander. Die Frage, um die es sich handelt, ist so wichtig


1 Die Unwissenheit kommt noch dadurch recht zum Vorschein, dass- Bridoie das Buch Brocadia Juris, mit seinem Lehrer, dem er den Namen beilegt, verwechselt, und dass er das ,,Concile de Latran" ebenso sehr für eine Person hält wie ,,la bonne dame pragmatique sanction".


220 Zweiter Teil: Rabelais.


und SO schwierig, dass auf Befehl des Königs aus allen Parlamenten Frankreichs je vier der gelehrtesten und feistesten Mitglieder, sowie die berühmtesten Professoren der Universitäten nicht allein Frankreichs, sondern auch Englands und Italiens zusammengetreten sind, um darüber zu beraten. Trotzdem sie aber ganze siebenundvierzig Wochen die Nasen zusammengesteckt haben, sind sie doch so klug geblieben wie am Anfang; sie verstehen noch kein Sterbenswörtchen davon ,,dont ils estoiettt si despites qti'ils se conchioyent de honte vülainenient" . In ihrer Verzweiflung rufen sie den Pantagruel, dessen Gelehrsam- keit weit und breit berühmt geworden, zur Hülfe; er möge doch den Process Punkt für Punkt genau unter- suchen, alles gehörig durchsieben und dann sein Gutachten darüber wie seine Rechtsansicht kund thun. Zugleich schicken sie ihm die betreffenden Aktenstücke, die nichts W'Cniger denn vier grosse Eselsladungen ausmachen. Pan- tagruel hat nichts Eiligeres zu thun, als den Rat zu er- teilen, diese Aktenstücke zu verbrennen. Sie nützten ja doch nichts, da die beiden Processführenden noch am Leben seien und gewiss ihre Sache klarer und besser vortragen w^ürden, als sie in diesen Schreibereien auseinandergesetzt sei. Da hat sich aber Pantagruel getäuscht. Die Rede, welche die beiden Herren vor dem Gerichte halten, sind das tollste ,,Coq ä l'äiW , das man sich denken kann, ein ,,Galimathias und Wischiwaschi" der ärgsten Art. Man hat sie häufig für eine Satire auf die unverständliche Ge- richtssprache angesehn. Noch jüngst hat sie Stapfer eine Satire ,,dn fatras de langiie judiciair &^ (p. 179) genannt. Ich kann mich dieser Ansicht nicht anschliessen. Die beiden Herren sind keine Rechtsgelehrten. Humevesne sagt es ausdrücklich Gap. XII ,Je ne suis point clerc pour prendre la lune avec les dens". Auch fehlen durchaus die in der Rede Bridoie's so charakteristischen Zitate ge- lehrter juristischer Werke. Die Herren prunken auch nicht mit juristischen Kenntnissen. Sie sind schlichte Landedelleute, sprechen von Mägden, die nach dem Markte


Kapitel II. Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen. 221

<^ehcn, um daselbst Eier zu verkiiuten, von Rindersuppe, Hafermus, von Kuhmist und Vieh, von allen möglichen ganz natürlichen Dingen. Gerade wie die Bauern oder Leute niederen Standes noch heutzutage alles durchein- ander werfen, wenn sie etwas erklilren wollen, so bringen es auch diese Landedelleute zu keinem vernünftigen kla- ren Satze. Aus diesem Grunde Avürde ich diese Re- den nicht für ein groteskes Bild der Ausdrucksweise des Advokaten halten — Humevesne und Baisecul führen ja überdies ihre Sache selbst vor Gericht — sondern würde eher darin ein groteskes Bild der Art und Weise erblicken, wie das Volk sich vor Gericht ausspricht. Man höre nur, wie der brave biedere Herr Baisecul anhebt: (II 11)

,, Gnädigster Herr! Ich sage nichts als die Wahrheit, wenn ich sage, dass eine von meinen Mägden nach dem Markt ging, um daselbst Eier zu verkauten. Bei dieser Gelegenheit kam sie, gegen den Zenith hin, zwischen die beiden Sechsheller- und Zweigroschentrogen, denn in den Rhipäischen Gebirgen war in diesem Jahr gerade das N a r r e n f u 1 1 e r sehr schlecht geraten, w^eil die Narrenspossen unter den Rothwelschen und Akkursirern aufständisch geworden waren, was wieder in den Unruhen der Schweizer seinen Grund hatte, die sich haufenweise zusammenscharten, um nach Schnabelwetz, dem ersten Jahresloch zu ziehen, wo den Mädchen Rindersuppe und Kohlenschlüssel ausgetheilt wurden, damit sie Hunde mit Hafermus füttern könnten. Die ganze Nacht über that man (die Hand immer an der Kanne) nichts weiter, als dass man Boten und reitende Diener mit Aufträgen aussandte, um die Schiffe anzuhalten."

Und im selben Stile antwortet ein ganzes Kapitel durch der biedere Herr Humevesne: „ . . . Ich bin kein S ehr ift gelehr t er , dass ich den Mond mit den Zäh- nen herunter holen könnte, aber im ,,Bu 1 1 er t op f", wo die vulkanischen Urkunden besiegelt wurden, munkelte man^ ein gesalzener Ochs könnte den Wein augenblicklich und ohne Licht finden, stäck er auch in einem Kohlen-


222 Zweiter Teil: Rabelais.


s a c k hinter P f e r d e - und Lcndcnschicnen, womit man B a u e r n f r i cas s e e macht, heisst das Schöps- küpf. Wer seine Liebste im Arm hat, sieht auch eine schwarze Kuh in einem verbrannten W a 1 d gern. Ich setzte die Sache den Gesetzeskundigen vor, und sie ent- schieden in pleno dahin, dass es nichts Besseres gebe, als des Sommers sein Korn im Keller zu mähen, wo an Papier, Dinte, Feder und Lyoner Messerchen kein Man- gel sei . . . trara — trara — . . ."

Von diesem Gewäsch versteht der Gerichtshof na- türlich nichts; darum bittet er Pantagruel selbst das Ur- teil zu fällen. Denn Pantagruel hat verstanden, oder er macht wenigstens so. Diese Bauernsprache, so unver- ständlich sie auch sein mag, sie ist doch tausendmal be- greiflicher als so und soviele Gesetze, womit das Gericht für gewöhnlich operiert, so der ,,ParagrapJms Cato, die lex Frater, lex Galliis, lex quinqtie pediim , lex Sidonms, lex mater, lex miilier bona, lex si quis, lex Pornponms, lex fiindi, lex Eniptor, lex Praetor, lex venditor^' ^ und viele andere. In dieser Äusserung liegt wiederum eine kolos- sale Verhöhnung des Gerichtswesens. Die Gesetze sollen noch unverständlicher sein als das Sammelsurium, das die Herren vorgetragen. Und um zu zeigen, dass es in der Entscheidung von Processen doch nur auf Willkür an- komme, lässt Rabelais seinen Riesen den beiden Herren folgendermassen antworten :

,, Sintemalen der hohe Gerichtshof die zwischen den Herren von Baisecul und von Humevesne gängige Strafsache eingesehen, vernommen und wohlerwogen, bescheidet er obgenannte Herren dahin, dass anbetrachts der Horripi- lation der Speckmaus, die kühnlich von dem Sommersol- stitium abirrte, um die Gallenbläslein zu umschwirren, so in dem diarrhomen Klima eines Aff'en zu Pferde, der die Armbrust auf die Lenden spannt, inquilinirt und bauern- matt gesetzt waren, der Kläger gerechte Befugnis hatte, das Gallion zu kalfatern, welches die gute Frau mit einem beschuhten und einem unbeschuhten Bein flott machte, so-


Kapitel II. Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen. 223


fern sie ihm nach ihrem Gewissen schlicht und schhmk soviel von der kleinen Sorte zurückoab, als Haare in achtzehn Kuhschwänzen und alles mit einander und o'ar nichts vorhanden sind. . . ."

Und in diesem Stile geht es noch weiter — Panta- oTuels Rede ist noch weit unverständlicher als die Rede der beiden Herren. Aber auf Verständlichkeit kommt es ja vor Gericht niemals an. Je toller desto besser. So ist denn der Erfolg der Rede geradezu grossartig, ja un- glaubhch, denn beide Teile gehen mit dem Bescheid zu- frieden von dannen. Die Räte aber und die übrigen Doctoren können sich drei Stunden lang von ihrem Er- staunen nicht erholen, so sehr sind sie steif und starr in stummer Verzückung ausser sich über Pantagruels über- menschlichen Scharfsinn, den sie bei der Entscheidung dieses schwulstigen und überaus kitzlichen Falles hatten kennen lernen. ,,Und in diesem Zustand wären sie noch jetzt, wenn nicht eine tüchtige Portion Essig und Rosen- wasser herbeigeschafft worden wäre, um sie wieder zur Besinnung und zu sich zu bringen.

Zu den Satieren des Gerichtswesens im zweiten und dritten Buch gesellt sich im vierten die Satire auf die Ge- rich tsdi en er. Zur Zeit Franz I. und Heinrichs IL hatten nach Le Motteux, wie Regis 1. c. p. 558 erzählt, die Gerichtsdiener kein besseres Subsistenzmittel als Stock- schläge. Der Adel hielt es für so schimpflich, durch dies verwünschte Gelichter zitiert oder verhaftet zu wer- den, dass er sich oft an denen, die ihm eine Vorladung brachten, mit freilich zu weit getriebenem Point d'honneur, ■durch schwere Prügel rächte. Die Schergen ihrerseits wünschten sich nichts Besseres, da ihnen die Prügel zu- letzt ein gutes Schmerzensgeld eintrugen. Man sehe nun, wie Rabelais die historische Thatsache zum grotesken Bilde autbauscht (IV 12).

Seine Phantasie erdichtet sofort eine besondere Sorte von Menschen, die Chikanusen, die alle zusammen auf einer Insel wohnen und ihr Leben dadurch verdienen, dass sie


224 Zweiter Teil: Rabelais,


sich durchprügeln hissen. Sie ärgern, quälen und schmä- hen so lange die Edelleute, bis dieselben endlich unge- duldig werden, sie mit dem Degen über den Kopf hauen^ durchpeitschen lassen oder sogar zum Fenster hinaus- werfen. Wie dies geschehen, flugs ist mein Chikanuse reich auf vier Monate, als wären die Stockschläge seine beste Ernte. Denn er erhält von dem Ritter ein vSchmer- zensgeld, und manchmal ein so unbillig hohes, dass der Edelmann dadurch um Haus und Hof kommt und noch froh sein kann, wenn er nicht elend im Getängnis verfaulen muss, gerade als ob er den König selbst geschlagen hätte.' ^ So sind denn die Chikanusen das elendeste, gemeinste, servilste Gesindel, das auf Gottes Erdboden zu finden ist ; sie sind so verw^orfen, dass sogar der Teufel in der Hölle ihre Seele nicht behalten will und sie den Küchenteufeln zuschickt (IV 46). Von ihrer Verworfenheit erhalten Pan- tagruel und Frere Jean eine glänzende Probe, als sie auf ihrer Insel landen. Um das Treiben der Chikanusen, von dem sie gehört haben, kennen zu lernen, nimmt Frere Jean zwanzig Sonnenthaler aus seinem Schubsack heraus, und ruft mit lauter Stimme in Gegenwart eines grossen Chikanusenhaufens : ,,Wer von euch will sich für zwanzig Sonnenthaler einmal tüchtig durchprügeln lassen?" Sofort laufen die Kerle in hellen Scharen herbei, und jeder sucht den andern zu überholen, um nur ja die kostbaren Prügel für sich zu erhaschen. Bruder Jean greift aber aus dem dicksten Haufen einen rotnasigen Chikanusen heraus und macht sich sofort daran, ihn windelweich durchzubläuen. Gleich fängt das Volk zu murren an. Fischt dieser Rotschnauz doch den andern alle ihre Kunden weg ! Giebt es im ganzen Lande nicht über dreissig Stockschläge zu verdienen, so schnappt er deren doch ganz gewiss acht- undzwanzig ! Und sie flehen und winseln und heulen : „Monsieur frere Diahles, s'il votis piaist encores quelques uns battre potir moins d' urgent, noiis sornmes tous ä vovis, monsieur le diable! noiis sommes tres tous ä vous, sacs, papiers, pliimes et tont," Der andere Chikanuse erhebt


Kapitel ir. Die Satiren der cin/.elnen < iesellschaftsklassen. 225


sich aber und verscheucht sie alle: ,,lhr Lumpengesindel, wollt Ihr mir das Geschäft \erderben? Wollt Ihr mir meine Kunden abspensti.i>' machen? . ." Zu liruder jean aber, der ihn so elendii>iich durch_u,"ehauen hat, spricht er ii,anz auf- geräumt mit lachendem Munde: ,, Ehrwürdiger Vater in Heelzebub, wenn Ihr mich als eine gute Haut erfunden habt, mein Herr, und noch mehr Lust spürt. Euch auf mir aus/Aiprügeln, so thu' ich's auch für den halben Preis. Schont mich nur nicht, ich bitte Euch, ohne Umstände ! Ich stehe Euch ganz und gar zu Diensten, Herr Teufel, mit Kopf, Lungen, Eingeweiden und Allem übrigen !

Ausser in den oben behandelten drei grotesken Epi- soden finden wir schliesslich auch in der Bibliothek von St. Victor einige Satiren, welche auf eine Ver- spottung des Rechts Wesens hinweisen. Neben der ,,Co;;/- plaincle des Advocaiz sur la vefonnation des dragues" , neben dem ,,Chatfourre des procureiirs,'^ den ,,F(triholes de dvoil und dem ,,Masehef(nm des advoeatz'^ finden wir das gross- artige Werk des vortrefflichen Doctors beider Rechte, Meister Plackart Batzenpragers (Geldschneider) ausführ- lichst klare Darlegung der Kunst, die nichtswürdigen Flickläpplein der Accursischen Rechtsglosse zusammen- zustöppelnd

Überhaupt ist die Bibliothek von St. Victor die wahre Fundgrube alles Satirischen bei Rabelais. So ist denn die grösste E'^eindin der Autklärung, die Kirche, in der- selben nicht vergessen w^orden. Im Gegenteil, ihr gelten die meisten Hiebe. Wir haben schon vorher, als wir die Satiren der Gelehrten behandelten, auf einige Bücher auf- merksam gemacht, wx^che die Vorliebe der Gelehrten alten Stils für ein üppiges, recht bequemes Saufleben geisselten. Da die Gelehrten meistens Geistliche waren oder zur Theo-


1 Praeclarissimi juris utriusque doctoris Maistre Pilloti Raqucdenar de bobelinandis glosse Accursiane baj^uenaudis Repetitio enucidiluculidis- sima. — Es ist dies eine Satire auf die Geldgier der unnötige Zitate häu- fenden Juristen. — Über die Chats fourres, isle de procuration etc. cf. unten p. 242 ff.

Schneej,'-ans, Gesch. J. grot. Satire. lo


226 Zweiter Teil: Rabelais.


logie in irgend welcher Beziehung standen, so sind sie auch hieher zu zählen. Den bereits erwähnten können wir noch einige andere hinzufügen, wie ,,Von Erbsen mit Speck cnni comincnto, des Bricot Werk de differentiis soupparum, das Senfbüchslein der Busse, den Wein- stachel , den Käsesporn , den Kessel der Grossmut , die Pfarrherrlichen Nasenstüber, die Annehmlichkeiten des Mönchlebens, den Schmeerbauch der fünf Bettel- orden, den vSchmortopf der Indulgenzen/' u. s. w. Auch sonst kommt Rabelais in seinem Werke stets auf die Vor- liebe der Mönche für Küche und Keller zurück. Dieselbe gehört geradezu zum Begriffe des Mönches. Ohne Kutte hätte Frere Jean wieder Hunger noch Durst, deshalb will er sie nicht ablegen: ,,Ich sauf nur desto besser, wxnn ich sie anhabe", sagt er, ,,sie erhält mir den Bauch w^arm und lustig (I 39). Ja, sein Brevier ist ihm geradezu ein Stachel zum Trinken. Und wie er, so sind die andern Mönche auch ; sie haben ja nichts anderes zu thun ; alle Tage sind Feiertage für sie, sie halten getreulich am Klostersprüchel ^^de inissa ad mensarn" (III 15). Das Essen und Trinken ist ihre Religion; die Klosterküche ist ihr Betstüblein; sie essen nicht, um zu leben, sondern leben, um zu essen. Es scheint als ob entweder in den Koch- töpfen und den Bratspiessböcken eine ganz besondere latente Kraft verborgen liege, die wie der Magnet das Eisen, die Mönche in die Küche ziehe, oder umgekehrt, dass den Kutten und Kapuzen ein natürlicher Zug und Drang innewohne, der die frommen Väter ganz von selbst in die Küche treibe, ohne dass es von ihrer Wahl und ihrem freien Willen abhängig sei (IV 11). Sie haben für nichts anderes Sinn. In dieser Hinsicht erzählt Episte- mon ein hübsches Stück. Als er einst in Florenz die schöne Lage der Stadt, die Pracht des herrlichen Doms und der stolzen Paläste bewunderte, riss ihn ein Mönch aus Amiens, namens Bernard Lardon, aus seiner Extase, indem er ausrief: „Ich weiss doch nicht, was Ihr da gross zu rühmen findet; schöne Häuser sind's, das ist Alles. ...


Kapitel IL Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen. 227


Aber, sowahr ich lebe, mir macht eine gute fette Gans, die am Bratspiess steckt, weit mehr Vergnüoen. Diese oranitnen und marmornen Geschichten mögen ganz schön sein, dagegen will ich nichts sagen, aber die Amiens'- schen Sahnentörtchen sind doch mehr nach meinem Ge- schmack. Und ebenso die alten Bildsäulen! Gewiss, sie sind ganz vortrefflich gemacht; aber, beim h. Ferreol von Abbeville, die jungen Dirnen bei uns zu Lande sind doch tausendmal handlicher."

Und in diesem Punkte darf ein Mönch ganz gewiss mitreden! Wir brauchen uns nur an die schon in der Einleitung p. 17 mitgeteilten und p. 25 IT. des Näheren besprochenen Beispiele zu erinnern — und die Vorliebe des Mönchtums für das schöne Geschlecht schwillt sofort vor unseren Augen zu kolossal grotesken Dimensionen an. Aber diese von derber Sinnlichkeit strotzenden Bei- spiele sind nicht die einzigen Satiren dieser Art. Auch hier geht die Bibliothek von St. Victor mit gutem Bei- spiel voran. So enthält sie zwei Bücher, welche die Keuschheit der Nonnenklöster recht fragwürdig erscheinen lassen: ,,L' apparition de saincte Geltrtide a tine nonnain de Poissy estant en mal d'enfauP^ und ebenso das anonyme Buch ,^Ciillehiitatormin confratriariini, incerto aiithore. Dass der Ketzermeister Dominikanerprior Jacob Hochstraten in seinem Callibistratorüirn caffardiae die Fleischlichkeit des Mönch- tums berührt habe ^ wird wohl ausser Zweifel sein. Ähn- lichen Inhalts werden auch des geilen Kollegen ,,Chaiilt coiiil- lonis 2 de ruagistroiiostrandonun inagistroiiostratonmiqtie Betivetis libri VIII galantissinii" gewesen sein. Auch das „Ehepäcklein {pacqttet de mariaigey^ und der ,, Wittfrauen nacktes Hinterteil {Ic cul pele des vefvesj^ werden Aäelleicht A'on den Heldenthaten der Mönche zu erzählen gew^usst haben, denn wo eine Frau sich zeigt, ist gleich der Mönch in der Nähe. Dabei sind die Mönche nicht wählerisch. Ein


1 Purzelbanmatorinm 1 ... . ^ r- ^^_^

übersetzt C7elbk(

- Hitzohodionis J


228 Zweiter Teil: Rabelais.


,<>uter Tischler bohrt alle Bohlen (I 45). Sind die Weiber auch noch so hässlich wie Proserpina, sie kriegen doch ,,die Saccad", wo Mönche in der Nähe sind. — Die verdor- bene Phantasie Panurge's malt sich gleich aus, wie diese Klostertugenden am besten praktisch x'erwertet Averden können K Wir wollen aber lieber über dieses zwar echt groteske, aber doch der Wiedergabe nicht fähige Kapitel schnell hinweggleiten und diesen etwas heiklen Abschnitt beschliessen mit dem hübscheren Bilde der vStadt Avignon,^ wo der gute Pantagruel zum ersten Mal die Liebe kennen lernt ,,car Ics femmes y jouent vohuitiers dti scrrccropicre parceqiie c'est terrc papal&\ — Wenn Rabelais dem Hange der Mönche zu Küche, Keller und „rebus veneviis mit einer gewissen wohlwollenden Nachsicht gegenüber- stehen mochte, so ist das sicherlich nicht mehr der Fall, sobald er gegen die geistigen Thorheiten der Mönche zu Felde zieht. Die grotesken Bilder, die er ins Leben ruft, um sie zu satirisieren, wxrden nunmehr schärfer: So wenn er von der Beichte z, B. sagt, sie dünke den Mön- chen so wichtig, dass wenn sie einen ihrer Nächsten in Todesnot sehen, sie ihn eher zur Beichte ermahnen, als dass sie ihm hälfen (I 42), oder wenn er die bodenlose Eitelkeit der „per es Jacobins et Cordeliers" bekämpft, in- dem er sie nennt ,,les deiix hernispheres de la Crestiente'% oder dem ,,Frere Jean" den Ausspruch in den Mund legt, ein gelehrter Mönch sei wie ein ungestalt Meerwunder anzusehen.

Wenn Rabelais' Satiren auf die Mönche meist her- vorgerufen sein mögen durch die Eindrücke, die er in seiner Jugend empfangen hatte, so ist es mit der Satire auf die Kirche, wie sie hauptsächlich in den letzten Bü- chern uns entgegentritt, anders. Als Rabelais sein drittes und viertes Buch herausgab ^, war auch in Frankreich


1 II 15. Es liegt darin eine kolossale Satire der Schamlosigkeit der Pariserinnen. Sie sind billiger wie Steine.

2 Das 3. Buch war 1546 erschienen. — Die ersten Kapitel des 4*


Kapitel II. Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen. 229


die VerfolG^iiniL»: der Reformierten in vollem Gang; in das Jahr 1545 fällt das Gemetzel A^on Merindol, von la Coste imd Cabrieres. Robert Estienne und Marot hatten Frank- reich im Jahre 1543 verlassen müssen. Etienne Dolet war im Jahre 1546, nachdem schon A'orher seine Bücher ver- brannt worden waren, selbst auf dem Platze Maubert auf- oehilngt und verbrannt worden. Auch gegen Rabelais hatten sich die Fanatiker gewandt und sein Werk, trotz- dem er aus seinem Gargantua 1542 ^ einige kompromit- tierende Stellen entfernt hatte, doch 1543 neben den Schrif- ten Calvins, Marots, Dolets, Bucers und anderer dem Parlament als ketzerisch angezeigt.

Es hatte sich sogar, als das dritte Buch herauskam, ein solcher Sturm gegen ihn erhoben, dass er sich im Jahre 1547 nach Metz zurückziehen musste, um nicht das Loos Dolet's zu teilen. Alle diese Umstände und wahr- scheinlich auch die Eindrücke, die er während seiner ver- schiedenen Aufenthalte in Rom von der römischen Kirche empfangen hatte, werden ihn wohl zu der viel kräftigeren Satire auf die Missbräuche der katholischen Kirche, wie sie sich in den letzten Büchern kund giebt, veranlasst liaben -. Neben vielfachen direkten Satiren, welche zei- gen, dass Rabelais sich manchmal auch von seinem Zorne hinreissen Hess, und manchen allegorischen und burlesken


Buches erschienen bereits 1547 in Grenoble, 1548 in Lyon. Das 4. Buch ■erschien vollständig 1552.

1 cf. Heulliard 1, c. p. 189. In der Ausgabe von Fr. Juste 1542 befinden sich nicht mehr folgende Stellen, die R. der kreissenden Garga- melle in den Mund legt: Vous dites bien et j'aime beaucoup mieulx ou'ir tels propos de TEvangile et mieulx m'en trouve que de ouir la via de Stt- Marguerite ou quelque autre capharderie (V). Im selben Kapitel las man nicht mehr: Les Sorbonistes disent que foy est argument des choses de nulle apparence. — An einigen Stellen waren die Ausdrücke Sorbonne, Sorbonistes, Sorbonagres, Theologiens gestrichen oder durch andere unschul- dige ersetzt worden. Diese Ausgabe war durch R. anerkannt worden.

2 Was speziell die Satire üer Dekretalen betrifft, so zeigt Heulhard p. 331 ff., dass sich R. hierin durch den König in vieler Beziehung gedeckt wusste.


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Angriffen auf die Kirche, die wir später erwähnen wer- den, haben wir im vierten Buch, im Papimaneneiland, eine der vorzüghchsten grotesken Satiren, welche die Fröm- melei der Päpstlinge und Vergötterung des Papstes bis ins Unsinnigste verzerrt.

Die Papimanen sind von der unaussprechlichen Hei- ligkeit des Papstes so durchdrungen, dass sie an nichts denken wie an ihn. Kaum ist Pantagruel auf ihrer Insel gelandet — die Kabel waren eben angelegt — , da kom- men vier Leute auf einem Boot auf sie zugerudert und langen mit lauter Stimme einmütig an zu rufen: Habt Ihr ihn gesehn, Ihr Fremden ? Habt Ihr ihn gesehn ? — Wen, fragt Pantagruel? — Ihn, ihn, versetzen sie. — Wer ist der Ihn? fragt Frere Jean, und in der Meinung, sie fahndeten auf irgend einen Dieb, einen Mörder oder Kir- chenräuber, bricht er in den Ruf aus: Potz Tod, ich will ihm den Rücken zerbläuen! — Wie, sprechen sie darauf, kennt Ihr, fremde Passagiere, nicht den Einigen? — Ihr Herren, antwortet Epistemon, diese Sprache verstehen wir nicht; wenn's Euch beliebt, sagt, wen Ihr meint, sa wollen wir Euch ehrlich die Wahrheit sagen. — Wir mei- nen den, der da ist, sprechen sie; habt Ihr den gesehn? — Der da ist, antwortet Pantagruel, ist Gott, nach un- serer Theologie und unter diesem Namen hat er sich Moses offenbart. Fürwahr, den haben wir mit nichten gesehn, denn er ist leiblichen Augen nicht sichtbar. — Wir reden nicht von dem grossen Gott im Himmel, er- widern sie, wir reden vom Gott auf Erden ! Saht Ihr den, saht Ihr ihn jemals? — Bei meiner Ehre, spricht Karpalim,. sie meinen den Papst!

Und als sie erfahren, dass Panurge in seinem Leben sogar drei Päpste gesehn hat, da hat ihr Jubel kein Ende : ,,0 ihr drei und viermal gesegneten Leute^', schreien sie, ,,seid uns willkommen, hoch und über willkommen !" und sie werfen sich zur Erde und wollen ihnen die Füsse küssen, und als sie es nicht zugestehen wollen, da sie ja dem Papst, wenn er etwa einmal in eigener Person zu


Kapitel IT. Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen. 2.j1

ihnen kilmc, nicht ij^rüssere Ehre erzeigen könnten, ver- setzen sie: Doch, o doch, das könnten wir, das könnten wir, und ist schon unter uns ausgemacht; wir küssten ihm ,,lc cid sctns feiiille et Ics conillcs parcillcnioit !

Nun wird ihnen ein herrlicher Empfani!; bereitet I Alles Volk der ganzen Insel, Münner, Weiber, Kind und Kegel, sie kommen ihnen in Procession entgegen. Sie knien vor ihnen nieder, heben die Hände gefaltet gen Himmel und schreien: ,,0 glückliche, selige Leute! o se- lige Leute !'* und ihr Schreien währet wohl über eine Viertelstunde (IV 48). Selbst der Papimanenbischof^ der edle Herr Homenas, kommt ihnen entgegen, und lässt es sich nicht nehmen, ihnen die P'üsse abzuküssen. Und der Schulmeister prügelt die Schüler durch, damit sie ihr ganzes Leben dies hohe Ercigniss nicht vergessen. Um diesen Glücklichen, die den Papst von Angesicht zu An- gesicht gesehn haben, die grösste Ehre zu erweisen, führt sie Homenas in die Kirche, und nachdem sie eine Messe gehört haben, nimmt er aus einem Kasten am Hochaltar ein grosses Bund Schlüssel, mit denen er ein über dem Altar mit starken Eisenbarren verwahrtes Fenster auf- macht — und es sind daran nicht weniger denn zwei und dreissig Riegel und vierzehn Schlösschen. Darauf bedeckt er sich geheimnissvoll mit einem nassen Sack, zieht einen karmesinen Vorhang zur Seite, weist die Wanderer auf ein Bild hin, berührt es mit einem langen Stab, dessen Spitze er sie alle. Mann für Mann, küssen lässt, dann fragt er sie: „Was haltet Ihr von diesem Bild? — ,,Es ist'S antwortet Pantagruel, ,,das Bildniss eines Papstes, ich kenne es an der Tiara, am Pallium, an der Dalmatika und dem Pantoffel". — ,, Richtig*', spricht Homenas, ,,es ist das Urbild dieses grundgütigen Gottes auf Erden, dessen Ankunft wir mit Demut erwarten, und den wir dereinst noch in diesem unserm Vaterland zu schauen hoffen. O ersehnter, o lang ersehnter, seliger Tag! und selig, abermals selig auch Ihr, die Ihr von den Sternen so begünstigt seid, dass ihr diesen guten lieben Erdengott


23*2 Zweiter Teil: Rabelais.


selbst ei^cnleiblich von Angesicht zu Angesicht und in Wirklichkeit gesehn habt, ihn, den wir nur im Bild schauen und doch schon aus diesem Anblick die vollkommene Vcr- gebung eines Drittels der uns im Gedächtniss gebliebenen Sünden und achtzehn Vierzigstel derer, welche wir ver- gessen haben, erwerben^' (IV 50).

Aber eine andere Ehre erwartet sie noch. Da sie den Papst gesehn haben, soll ihnen auch das hohe Glückes zu. vSofort ist das ganze nar- bonensische Gallien, AUobrogien, die Provence, Genua, Lucca, Florenz in ihren Händen: ,,0 unglückliches Rom! Nun geht es an Dich!" Der arme Papst stirbt schon vor Angst. Und der Hauptstadt folgt das ganze Land : Neapel, Kalabrien, Apulien, Sicilien, Malta, — und nun geht es über das Meer hinüber nach Candia, Cypern, Rhodus und den C3xladen. Man wirft sich auf Morea! ,,Wir haben es schon, und St. Trinian schütze dann Jerusalem ! denn des Sultans Macht kann sich mit Eurer Macht nicht messen!" — „So werde ich", unterbricht wiederum Picrochole, ,,den Tem- pel Salomonis wieder aufbauen!" — - ,,Nein", sagen sie, ,,noch nicht! Verzeihet, noch ein wenig. Ihr müsst in euren Unternehmungen auch nicht zu hastig sein! Wisst Ihr, was Kaiser Octavian sagt? Festina lente! Ihr müsst zuvor Kleinasien, Karien, Lycien, Pamphylien, Cilicien, Lydien, Phrygien, Mysien, Betunien, Charazien, Satalien, Samagerien, Castamena, Luga, Savasta bis zum Euphrat haben." — Aber plötzlich fährt Picrochole zusammen. „Was werden wir in der arabischen Wüste trinken? denn, wie man sagt, kam Kaiser Julianus mit seinem ganzen Heere dort vor Durst um!" — Aber dafüi* haben die edeln Generäle schon gesorgt: ,,Im syrischen Meer habt Ihr neuntausend vierzehn grosse Schiffe, mit dem besten Wein


lMO Zweiter Teil: Kabelais.


beladen, den die Erde trä.<>t. Die sind in JalVe bereits gelandet. Dort haben sieh zwei und zwanzig hundert tausend Kameele und sechzehnhundert Klephanten einge- funden, die Ihr auf einer Jagd bei Sigeilme, als Ihr nach Lybien kamt, eingefangen. Ausserdem habt Ihr auch noch die ganze Karavane von Mekka erbeutet. Brachten die Euch nicht Wein genug?" — Und Picrochole, der dem abenteuerlichen Gedankenfluge seiner Generäle noch voraus- eilt^ und dessen kühne Phantasie den Wein schon gekostet zu haben meint, antwortet missmutig: ,,Aber er war doeh nicht kühl'^ Eine solche kleinliche Bemerkung im Munde ihres gewaltigen Monarchen lassen sich die Generäle aber nicht gefallen: ,,Ach! was zum Teufel! antworten sie, ,,ein Held, ein Eroberer, der nach der Weltherrschaft strebt, kann's doch nicht immer so bequem haben. Dankt Gott, dass Eure Truppen bis an den Tigris gekommen sind!" — Und diese vernünftigen Ratgeber, die das „festina lente" ihrem Könige ans Herz legen, malen sich sofort aus, w^as das andere Heer Picrochole's unterdessen im Norden für Wafifentaten vollbracht hat. Von der Bretagne über die ganze Nordmeerküste nach Holland, dann flugs über den Rhein nach Schwaben, Oesterreich, Steiermark, von dort mit Windesschnelle über Lübeck, Norwegen, Gothland nach Grönland und dem Eismeer, wobei natürlich so ne- benher auch England, Schottland und eine Menge anderer Länder eingesteckt werden; von da über das Sandmeer zu den Sarmaten; man besiegt und unterwirft sich rasch Preussen, Polen, Lithauen, Russland, die Walachei, Sieben- bürgen, Ungarn, die Bulgarei, Türkei und ist in Konstan- tinopel. — Aber Picrochole will noch Kaiser von Trape- zunt werden. — Nichts leichter wie das ! allen Türken und Muhamedanern dreht man einfach den Hals um, ,,und ihre Länder und Güter", sagen die Generäle, die an Alexander den Grossen denken, ,,die schenkt Ihr einfach denen, die Euch redlich gedient!" Und Picrochole, der Grossmütige, Schenkt sie ihnen gleich zum voraus.

Wie wir sehen, verschont Rabelais in seinem Buch


Kapitel IT. Die Satiren der einzelnen desellschaftsklassen. 241


keine CiesellsehaJlsklasse, sondern lilsst sie alle in gro- tesker Yermummung an iinsern Augen vorüberziehen. Die Beispiele Hessen sich mit Leichtigkeit noch mehren. Das ganze dritte lUuli z. li., welches \on Panurge's Tlei- ratsplänen spricht, ist eine groteske Satire der Unent- schlossenheit des Hagestolzen, der über das Hin- und Herwägen der Vor- und Nachteile zur Heirat nicht kommt. Es ist zugleich das groteske l^ild der Eitelkeit aller Orakelsprüche und Weissagungen. In der Erzählung der Jugendbeschilttigungen des jungen Gargantua, der unter seinen ersten Lehrern nichts thut, als essen, trinken, schlafen, haben wir vielleicht eine groteske Übertreibung der nur auf das Materielle und Ausser liehe gerich- teten Erziehung der Fürsten der Zeit ^ In den letzten Büchern nimmt dagegen die groteske Satire merklich ab. Schon im vierten Buche finden wir neben den frischen und von Witz übersprudelnden vSatiren auf Chikanusen und Papimanen die trockene und kalte allegorische Satire auf Quaresmeprenant. Was Rabelais an der Unsitte des Fastens auszusetzen hat, übertreibt er nicht, um es greller hervorleuchten zu lassen, er hängt es als Attribute seiner phantastischen Pcrsonification des Fastens um -. Allego- risch verfährt er ebenso bei der Beschreibung derAntiphysis und ihrer Kinder und in den Kapiteln, welche von den Feinden Quaresmeprenant's, den Würsten imd dem flie- genden Schwein, das sie verehren, handeln. — Diese im vierten Buche eigentlich nur hie und da vorkommende Art von Satire ist last ganz allein massgebend im fünften Buche. So ist ganz allegorisch die Satire des Hören- sagens (V 31), dieses alten, buckligen, ungestalten, stock- blinden und an den Beinen gelähmten Männleins mit seinem

1 Ob dabei speziell Franz I. gemeint ist, wie Esmangart möchte, las- sen wir dahin gestellt. — Über einzelne groteske Übertreibungen cf. unten Kap. III.

^ In der Aufzählung der Attribute Quaresmeprenants linden sich auch solche, die nicht allegorisch sind, aber auch nicht grotesk. Es sind tolle, einer Deutung nicht fähige, weil überhaupt nichtssagende Attribute. Schneegans, Gesch. d. giot. Satire. 10


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weit Über die Ohren aufoerissenen Munde, mit seinen sieben Zungen, deren jede wieder in sieben Teile ge- spalten ist und in versehiedenen Spraehen vielerlei Reden führt, und soviel Ohren auf Kopf und Leib trägt wie Argus ehedem Augen. Allegoriseh ist zum grössten Teile die Satire der Königin Quintessenz (V 19 ff.). Sie ist die Personification der scholastischen Philosophie und aller eiteln Künste (Matäotechnien), hat zum Paten den Aristoteles, ist 1800 Jahre alt und nährt sich von Katego- rien, ,,Emmiii, Dimoirt, intetitiones secundae, abstractioncs, Jekabot, Harhorin, Chelimin, Karadoth, Antithcses, Mctem- psychoses und Prolepses transcendentales! Grotesk sind in diesen Kapiteln nur einige Stellen. Um das Alberne, ja Unmögliche der Heilung der Kranken durch Charla- tanismus zu geissein, behauptet Rabelais, dass die Königin Quintessenz geradezu die Unheilbaren heile und giebt uns echt groteske Beispiele ihrer Kunst. Wassersüchtige wer- den dadurch geheilt, dass man ihnen mit einem tene- dischen Tschakan neunmal auf den Bauch haut; die Fieber- kranken werden mit einem Fuchsschwanz geheilt, den man ihnen linker Hand an den Gürtel hängt; die Häuser werden dadurch von der bösen Luft gesäubert, dass man sie mit wunderbarem Geschick zum Fenster hinauswirft u. s. w. Ebenso wie bei dieser Satire ist auch bei der Satire auf das Gericht, der Satire der Chats fourres, das Ausschlag- gebende das Allegorische. Man vergegenwärtige sich nur die Beschreibung der Muffelkater, dieser furchtbaren Tiere, welche das Rauhe ihrer Pelze nach innen und nicht nach aussen kehren, die einen offenen Schnappsack als Symbol tragen, deren Krallen so stark, lang und scharf sind, dass ihnen gar nichts entwischen kann, w^as sie einmal mit ihren Fängen ergattert haben; man denke nur an die Schil- derung ihres Herrschers Grippeminauld, dessen Schnauze die Form eines Rabenschnabels hat, dessen Gebiss den Hauern eines vierjährigen Ebers gleicht, dessen Augen wie der Höllenschlund sprühen und dessen Pelz von Mör- sern und Stempeln so sehr bedeckt ist, dass nur seine


Kapitel II. Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen. 243

furchtbaren blutigen Ilarpyenkrallen sichtbar sind. Man denke nur an die Gerechtigkeit, welche sie verehren, mit ihrer Brille auf der Nase und ihrer seltsamen Wage, wo die vSchalen die Form von sammtenen Schnappsäcken haben, deren eine stets voll Geld tief herabhängt und deren andere schlapp und leer stets hoch über dem Züng- lein schwebt. Grotesk ist dagegen die grossartige Übertreibung der Verruchtheit der Muffelkater, die wir in den warnenden Worten finden, die an Pantagruel bei seinem Einzug in das finstere Eiland gerichtet werden. „Die Kater sind so verrucht", wird ihm gesagt, „dass sie Alles mit ihren Klauen packen. Alles verschlingen. Alles besudeln; sie verbrennen, vierteilen, köpfen, morden, ker- kern ein, minieren und untergraben Alles, was ist, ohne Unterschied, Gutes und Böses. Bei ihnen heisst Laster Tugend, Bosheit Gutheit, Verrat Treue, Diebstahl Frei- heit; Raub ist ihre Devise, und begehen sie ihn, so wird er von Jedermann für gut gehalten, die Ketzer ausge- nommen Und sollte einmal die Pest über die Welt

kommen, oder sollten Hungersnot, Krieg, verheerende Stürme, Wasserfluten, Feuersbrünste und andere Plagen sie treffen, so schreibt und rechnet das nicht etwa dem unheilschwangeren Stande der Gestirne zu, nicht den Missbräuchen des römischen Hofes, der Tyrannei der Könige und Landesherren, dem Lug und Trug der Heuchler, Ketzer und falschen Priester, der Bosheit der Wucherer, Falschmünzer, Kipper und Wipper, nicht der Unwissen- heit, der Unverschämtheit und dem Leichtsinn der Ärzte, Chirurgen und Apotheker, noch der Verderbtheit ehe- brecherischer, mannstoller, kindsmörderischer Weibsleute, sondern einzig und allein der unsäglichen, unglaublichen, un- ermesslichen Niedertracht, die hier in der Werkstatt dieser Mufifelkater ohne Unterlass geschmiedet und geübt wird." Grotesk ist endlich wenigstens insofern die Rede, welche Grippeminauld an seine Gefangenen richtet, als er so wenig seine Gier nach Geld zu beherrschen weiss, dass er fort- während nach jedem Satze ihnen sein ,,Gelt" (or faj zu-


244 /weiter I'eil: Rabelais.


ruft K Ebensosehr wie hier tritt das groteske Motiv hinter dem allegorischen /Airück in der Satire der Kirche, die wir in den Kapiteln über die Isle sonnante linden V 1 Ü\ Zwar ist der Grundgedanke, die katholische Kirche als Läuteiland darzustellen, weil es in derselben soviel auf Singen und Läuten ankommt, dass Alles andere dagegen verschwindet, echt grotesk. Aber dieses Motiv tritt völlig hinter die Symbolisierung des ganzen Klerus als Vögel zurück. Auch denke man nicht, dass Rabelais durch die Darstellung der Geistlichen als Vögel ihr Singen grotesk habe verlachen wollen, dass er etwa gemeint habe, sie singen soviel, dass sie wahre Vögel sind. Wenn dies in den Vordergrund träte, hätten wir es mit einer grotesken Satire zu thun. Der Gedanke ist aber ebenso nebensäch- lich als etwa die Verspottung der Einsperrung der Mönche im Kloster durch deren Darstellung als Vögel im Käfig.. Rabelais will ja hier nicht bloss die Mönche, sondern die ganze Kirche angreifen. Auch die Bischlinge und Kar- dinlinge befinden sich im Käfig. Der ganze Klerus wird in eine bunte Vogelschar umgewandelt, welche im Käfig wohnt. Es ist dies ebensosehr eine symbolische Satire, als später bei Marnix von St. Aldegonde die Darstellung der Kirche als Bienenkönigreich im Bienenkorb. So werden z. B. die verschiedenen Trachten der Mönchsorden durch das bunte Gefieder der Vögel dargestellt: die einen sind weiss, die andern schwarz, die einen grau, die andern halbweiss, halbschwarz (V 2). Die Hierarchie des Klerus


^ übrigens haben wir auch bei Deschamps schon eine ähnliche Sa- tire. Der Dichter zeigt uns, wie alle wilden Tiere versammelt sind, um den armen Tieren, Eseln, Kühen, Ochsen u. s. w. den Prozess zu machen. Allen ihren Klagen und flehentlichen Bitten antworten sie mit dem bittern Ruf: Sä de l'argent ! Unter den wilden Tieren ist der Adel gemeint. — Die anderen Satiren des V. Buches, die das Gerichtswesen angreifen, sind ganz allegorisch. Man denke nur an die Insel Procuration V. 16 mit der Colonie- „les cahiers" genannt, wo Pergament und Federn leben, und an die Ape- defteninsel, wo in einer Kelter Schlösser, Parke, AVälder also gepresst wer- den, dass Geld reichlich daraus fliesst. Nach Esmangart ist die Rent- und Rechnungskammer darunter gemeint.


Kapitel IT. Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen. 245


Avird uns aus den verwandtschaftlichen Beziehungen der Vöiiel zu einander dar<2^estellt. „Es sei die uralte Ord- nung und stehe in den vSternen geschrieben, dass aus den Pfäfflingen Münchlinge und Priesterlinge qhne fleischliche (remeinschalt sich erzeugen. Aus den Priesterlingen er- wachsen die Bischlinge, aus den Bischlingen die schönen Kardiniinge, und die Kardiniinge würden, wenn sie nicht früher stürben, zuletzt in Paplingen endigen. Von denen giebt es aber in der Regel nur einen, wie in jedem Bie- nenkorb 1 nur eine Königin und im Weltall nur eine Sonne ist. Wenn der stirbt, so wird von dem gesamten Ge- schlecht der Kardiniinge ein anderer geboren, doch w^ohl verstanden, immer ohne fleischliche Beiwohnung." Die sym- bolische Auslegung geht bis ins Einzelne. Auf das Schisma von 1378 — 1418 wird angespielt durch die Erzählung von der furchtbaren Plage, die auf dem Eiland wütete vor 'Ctwa 2760 Monden, wo einmal zwei Paplinge zu gleicher Zeit zur Welt kamen. Die Umstände, welche die Men- schen veranlassen Geistliche zu werden, die Armut oder die prekäre Lage der Eltern, die zu viel Kinder haben, spiegelt sich in der Allegorie vom fremden Ursprung der Pläfiiinge aus dem Lande ,,Schmalbisseln" (joiir sans pain) oder ,,Ihrerzuviel {trop d'iceulx) (V 4). Auf die sodomiti- schen Greuel der Kirche wird angespielt durch die Ge- schichte des grossen Bischlings, der schläft und schnarcht, obgleich ein niedliches Äbtinlein neben ihm singt, u. s. w. Nur hie und da finden sich Anklänge an die groteske Satire, so z. B. da, wo Aedituus den Panurge davon ab- hält, einen Bischling zu verw^unden, indem er ihm sagt: Ach, werter Mann, schlage, schmeisse, wirf, morde und massakriere meinetwegen alle Könige und Fürsten der AVeit, verrate, vergifte sie, verjage die Engel aus dem Himmelreich! Alles dies verzeihet dir Papling. Nur an diese geheiligten Vögel rühre nicht, so lieb dir Leib und


1 Recht möglich, dass durch solche Stellen Marnix von S^e Aldegonde veranlasst wurde seinen Bienenkorb zu schreiben.


246 Zweiter Teil: Rabelais.


Leben, Hab und Gut und Wohlfahrt deiner selbst, wie deiner Freunde und Anverwandten, so lebender als toter sind. Wahrlich ihrer Leiber ungeborene Erben brächt' es noch ins Unglück^'. Abgesehn von solchen wenigen Stellen gehört die Satire in die Kategorie der andern allegorischen Satiren des 5. Buches i.

Man könnte sich die Frage vorlegen, aus welchem Grunde denn Rabelais seine so glückliche groteske Ma- nier 2 im letzten Buche beinahe ganz aufgegeben habe.


1 Unter den allegorischen Satiren der Kirche verweise ich noch auf das Schlarfeneiland (Isle des Esclots V 27), eine Satire der Heuchelei der Mönche. Durch ihre Kleidung wird sie treffend symbolisiert-, die Mönche tragen runde Schuhe, damit Niemand an ihren Spuren wissen könne, wohin sie gehen; sie haben zwei Hosenlätze, den einen vorn, den andern hinten,, am Hinterkopf sind sie ganz geschoren und haben sich ein Maul und ein Paar Augen darauf gemalt; dagegen ist ihr Gesicht vermummt, sodass man es für ihren natürlichen Gang hält, wenn sie rückwärts gehen. Auch ihre sonstigen Fehler werden allegorisch dargestellt: Zum Schlafen ziehen sie die Stiefel an; zum Aufstehen ziehen sie sie aus; ihr Frühstück besteht aus Gähnen; bei Processionen lassen sie stets das Banner des Glücks demjenigen der Tugend vorantragen; beim Essen knien sie unter den Tisch und stem- men Brust und Magen auf eine Laterne u. s. w. — Allegorisch sind ferner noch: das AVerkzeugeiland (isle der ferremens), das Prelleiland (isle de Gas- sade) und das Atlaseiland (pays de satin). Grotesk ist dagegen noch V 17, wo die Fetten und Dicken geschildert werden. Da die braven Leute gera- dezu in ihrem Fett zerplatzen, müssen sie sich von Zeit zu Zeit die Haut zerschlitzen, um das Fett verpuffen zu lassen, wie man sonst die Hosen, zerschlitzte, damit der Tafft durchpuffe.

- Ausser der grotesken und der allegorischen Satire haben wir bei Rabelais nur hie und da directe Satire. Der joviale Pfarrer von Meudon lässt sich fast nie vom Zorne zur Invective verleiten. Unter solchen seltenen Stellen dürfte der Prolog des dritten Buches sein, wo er über die katholi- schen Dunkelmänner die ganze Derbheit seines Zornes ausschüttet, oder die Stellen, wo er sich über Calvin ausspricht. I 2, IV 32; dann I 54, die Auf- schrift auf dem Thore Theleme's, die Invectiven gegen die falschen Irrlehren- prediger I 45. Dann I 15, 40. Viel häufiger ist beim Lacher Kabelais der burleske Ton. Bei all seiner Verehrung für das klassische Altertum leistet sich R. doch manchmal den Spass es burlesk darzustellen. Sein Olymp ist eine offenbare Nachahmung des Folengo 'sehen, die Göttersitzung^ im Olymp (Prolog des IV. Buches) ist geradezu eine Scene, die in einer Offenbach'schen Operette am Platze wäre. An zahlreichen Stellen finden


Kapitel II. Die Satiren der einzelnen Gesellschaftsklassen. 247


Sollte er mit zunehmenden Jahren keine Freude mehr an der übersprudelnden Lustii>;keit .«rotesker Schöpfun^j^en i^e- funden haben, oder sollte die Änderung des satirischen Tones im fünften Buche etwa ein Anzeichen mehr sein für die Unechtheit dieses erst elf Jahre nach Rabelais' Tode erschienenen Buches? ^ Es ist dies eine Frage, die wir hier nicht zu entscheiden haben. Für uns ist es vielmehr jetzt an der Zeit, die Einwirkung der kraftvollen grotesken Satire Rabelais' auf seinen Stil näher zu betrachten.


wir höchst despectierliche iVusserungen über griechische Mythologie, Sage imd Geschichte: III 8, 22; IV 40, 43; II 30, 38. Auch die mittelalterliche Rittersage wird, wie wir schon im vorigen Kapitel ])emerkt, burlesk ver- höhnt: II 30, 1; V 10, und über Religion linden wir die allerfrivolsten burlesken Scherze. So bringt er mit besonderem Vergnügen die Seele mit dem Allergemeinsten und Trivialsten in Verbindung: I 35; III 22, 13. Über das Evangelium und Christus IV 38 und sonst, spricht er oft in demselben Ton. Absichtliche Gotteslästerungen darf man darin nicht erblicken, es sind burleske Scherze, ohne irgend welchen ernsten Hintergedanken. Sie haben mit Satire nichts zu thun.

1 Gegen die Autorschaft Rab.'s werden namentlich folgende Gründe geltend gemacht: 1) Im Kap. XIX wird ein Werk Scaliger's erwähnt, das erst 1557 erschien, d. h. 4 Jahre nach Rabelais' Tod. 2) Die ausgeprägt calvinistischen Tendenzen des Buchs. 3) Der hastige Ton der Erzählung. 4) Grobe Rcdactionsschnitzer; so die im Prolog wörtlich aus früheren Vor- reden R-.'s abgeschriebenen Centonen, sowie das von Anfang an aus seiner Ordnung geworfene IG. Kap. 5) Verschiedene ÖTraH X€'fö,ueva cf. Regis p. CLIII. 6) Der Umstand, dass schon ältere Ausgaben das 5. Buch cursiv druckten. — Birch-Hirschfeld geht 1. c. p. 257 auch auf die Frage ein und sagt schliesslich p. 258 mit Recht: Dass hinterlassene Aufzeichnungen von Rab. für das 5. Buch benutzt worden seien, ist eine Möglichkeit, die weder bestritten noch bewiesen werden kann.


248 Zweiter Teil: Rabelais.


Kapitel III. Der Stil Rabelais'.

Dass die groteske Satire gewisse Stileigentümlich- keiten nach sich zieht, haben wir bereits häufig beobach- ten können. Sowohl in den schärfsten grotesken Satiren des Mittelalters, wie auch bei einigen Italienern — Pulci, Teotilo Folengo, den JNlakaronikern — und einigen deut- schen vSatirikern fanden wir kolossale listcnmässige Auf- zählungen, Wortspiele und Wortverdrehungen in grosser INIenge. Es Axrrsteht sich von selbst, dass im Werke Ra- belais', in welchem die groteske Satire zur vollsten Blüte gelangt, diese Stileigentümlichkeiten noch in vollerem Masse zur Geltung kommen. Bei ihm können wir eigentlich erst genau den Prozess der Einwirkung der vSatire auf den Stil verfolgen. Der groteske vSatiriker übertreibt zunächst nur zur Satire. Es liegt aber in der Natur seiner so überaus kraftvollen, über alles Mass sich hinwegsetzenden Satire, dass sie in ihren Übertreibungen selbst alle Schran- ken kühn durchbricht. Der groteske Satiriker berauscht sich in seinem eigenen Werke. Allmälich verliert er die Satire aus den Augen. Die Übertreibungen, welche er selber zuerst in vollem Bewusstsein hat dahin strömen lassen, schwellen immer höher und höher, bis sie ihm über den Kopf w^achsen, und wie ein wilder Strom Alles, was ihnen in den Weg kommt, überfluten und überschwem- men. Hat der Dichter z. B. am Anfang des Pantagruel das Wunderbare satirisiert, indem er von dem ganz er- staunlichen Jahre sprach, wo man die Kalender nach den griechischen Brevieren bestimmte, wo der März nicht in die Fasten fiel und Mitaust im Mai w^ar, hat er auf die ungeheure Fülle von Mispeln hingewiesen, die man in die- sem Jahre pflückte und auf die seltsamen Folgen, welche dieses Mispelessen nach sich zieht, so lässt er sich vom Behagen, das er an den kolossalen Übertreibungen empfin-


Kapitel III. Der Stil Kabelais'. 249


dct, die er zur Satire geschaffen, zu neuen noch aben- teuerlicheren Schöpfungen hinreissen. Wir fühlen sehr wohl, dass dabei das Satirische keine Rolle mehr spielt, A'ielmehr die tolle Lust an ^rossartigen Übertreibungen hier allein massgebend ist. Kabelais hat seine harmlose Freude an den behäbigen Leuten, deren Bauch, da sie soviele Mispeln gegessen, sich aufbläht und sich wölbt wie eine Tonne, er freut sicli über die aVhnherren des kleinen Aesop, denen die vSchultern so anschwellen, dass sie bucklig werden und Montiteri heissen; er lacht über die drolligen Gesellen, deren Nasen so aussehen ,,wie Dcstilierkolbcn, über und über scheckig, ganz mit Pusteln besäet, A^oller Warzen purpurrot, schwarz und rot ge- fleckt, überall mit Auswüchsen versehen und wie mit Schmalz überzogen/'; und er rühmt die beneidenswerten Herren, die keinen vSchneider brauchen, da sie sich aus dem einen Ohr Llosen, Wams und AVeste machen und das andere als spanischen Mantel um sich schlagen. Und seine von gesunder Sinnlichkeit übersprudelnde Natur zaubert ihm sofort jene seltsamen, bei den Frauen einst so gut angeschriebenen Wesen vor, denen der ,,laborator natural' so lang, gross, dick, fett und kräftig wird, dass sie ihn fünf- bis sechsmal als Gurt um den Leib schlingen oder auch unter gewissen Umständen als Lanze gebrauchen können. — Solche von Übertreibungen strotzende und • der Satire entbehrende Beschreibungen finden wir bei Ra- belais in Hülle und Fülle. So geht die Schilderung von •der furchtbaren Hitze im Jahre vor Pantagruel's Geburt über alle Grenzen hinaus. So heisst es II 2: Während sechsunddreissig Monaten, drei Wochen, vier Tagen, drei- zehn Stunden und etwas darüber ist kein Regen gefallen. Drum hat kein Baum im ganzen Land weder Blatt noch Blüte mehr, die Triften sind versengt, die Flüsse ausge- trocknet, die Quellen versiegt; die armen Fische, von ihrem Element im Stiche gelassen, zappeln und schreien erbärmlich auf dem Trocknen. Die Vögel fallen aus der Luft auf die Erde, da es gänzlich rm Thau fehlt; Wölfe,


250 Zweiter ieil: Kabelais.


Füchse, Hirsche, Dammwild, Eber, Hasen, Kaninchen^ Wiesel, Marder, Dachse und anderes Getier tindet man mit aufgesperrtem Maul tot auf den Feldern liegen. Die Menschen sind nicht minder unglücklich^ sie lassen die Zunge hängen wie Windhunde, die sechs Stunden hinter einander gelaufen sind, sie stürzen sich in die Brunnen hinunter, sie lecken die Weihbecken in den Kirchen auf, ja sie kriechen den Kühen unter den Bauch, um dort wenigstens etwas Schatten zu haben.

Und die Sucht nach Übertreibung breitet sich nicht bloss behaglich in langen Schilderungen aus. Sie schleicht sich in jede auch noch so kurze Beschreibung hinein. Überall leuchten uns grelle Bilder mit den schreiendsten Farben entgegen. Einmal ist es Panurge, der uns von dem Hunger, den er auf der See hat leiden müssen, ein so schreckliches Bild entwirft, dass es einem geradezu gruselig zu Mute wird. Er hat auf der See ,,so hunds- mässig" fasten müssen, sagt er, ,,dass ihm die Kanker ihr Spinngewebe auf den Backenzähnen verfestigt haben*', und dem armen frere Jean ist es beinahe noch schlimmer ergangen; ,,ihm wächst schon Moos im Schlund, bloss weil er seine Hauer und Kinnbacken gar nicht rührt und in Bewegung setzt (IV 49). Ja, er ist vom vielen Fasten sogar bucklig geworden. Ach, wenn er nur schon auf der Insel der Quintessenz w^äre! Dort hätte er bald seinen Hunger gestillt. Auf achtzehn Ziegenfellen, erzählt Rabelais V 20, hätte man all die guten Gerichte, Zwischen- speisen und Leckereien nicht hinschreiben können, die man den Wanderern vorsetzte ; und dies selbst wenn man die allerkleinste Schrift gebraucht hätte, so klein wie zu der Homerischen Ilias, die Cicero gesehn haben will, und von der er sagt, dass man sie in einer Nussschale ein- schliessen konnte. Und wenn ich hundert Zungen", fiihrt er fort, ,,und hundert Munde und die eherne Stimme und honigträufende Beredsamkeit Piatons besässe, so würd' ich Euch in vier Büchern auch nicht die Tertie einer Sekunde davon erzählen können." — Ebenso glücklich wie das Land


Kapitel III. Der Stil Rabelais. 251

der Könio^in Quintessenz in Bezug auf das Essen, so glück- lich ist Pantagruels Land Utopien uud Dipsodien, was das Trinken betrillt. ,, Seine Staaten sind so in Flor, dass man nicht geschwind und genug mehr darin trinken kann, sondern seinen Wein auf die Erde giessen muss, wenn nicht von auswärts Hülfe guter Schlucker und fröhlicher Gesellen kommt K

Aber wenn dem Gotte Bacchus in Pantagruels Reich zahlreiche Opfer dargebracht wxM*den, so geht Frau Venus


1 So im Prolog der Pantagrueline Prognostication. AVir linden in derselben manche Übertreibungen grotesker Art. So Avenn R. sagt, dass er, um die Neugierde aller guten Kiinden zu stillen, die Archive des Himmels durchgewalkt, die Mondstationen kalkuliert, alles, \vas von jeher alle Stern- gucker, Hypernebelisten, Windriecher, Uranopeten \uid Regenpropheten je nur gemeint, von neuem durchschnuppert, und über Alles das mit Empedokles beratschlagt habe. — Was sonst die satirische Richtung der „Prognostication pantagrueline" betrifft, so gebührt ihr nicht voll der Name einer grotesken Satire. R. will beweisen, dass bei den gewöhnlichen Kalenderprophe- zeiungen gar nichts herauskommt, und dass es schlecht von den Leuten ist, durch alberne Prophezeiungen die Welt zu beirügen: „Es ist kein klein Ver- gehen, mit Wissen und Willen zu lügen und die armen Leute zu äffen, die so begierig nach neuer Zeitung sind". R. will nun in seiner Kalenderprophe- zeiung die volle Wahrheit berichten „daran ist nach strenger Wahrheit jetzt soviel als ihr itzunder lesen werdet". Nach seiner gewöhnlichen Manier hätte er nun, um die Albernheit der gewöhnlichen Prophezeiungen zu geissein, viel tolleres und abenteuerlicheres Zeug auftischen müssen. Das thut er aber nur an wenigen Stellen; so z. B. „Die Tiere werden reden an mehreren Orten. Die Sonnenfinsterniss soll der Fastnacht ihren Process gewinnen hellen. Ein Teil der Welt ward sich verkleiden, den andern an- zuführen, und werden wie toll und wild durch die Gassen schwärmen: man hat sein Lebtag solchen Wirrwarr in der Natur noch niclit gesellen". Der überwiegende Teil der Satire besteht aber darin, dass R. die selbstver- ständlichsten Dinge als grosse Prophezeiungen der Welt verkündet : Mehrere Hammel, Stiere, Schweine, Hühner, Gänse und Enten werden sterben, sagt er . . . die Lungensiechen werden viel Schmerz in den Seiten haben, und die an Durchfall leiden, werden häufig zu Stuhle gehen: die meisten Flöhe werden schwarz sein, . . . den Tauben wird das Hören blutsauer werden u. s. w. R. will damit sagen; das einzige, was wir prophezeien können, ist das, was jedes Jahr mit absoluter Sicherheit passiert. — Wenn aber die Satire meist nicht grotesk ist, so haben wir doch im Stil ganz die Art R.'s Darüber noch später.


252 Zweiter Teil: Rabelais.


dabei auch nicht leer aus; hat sie doch in Panurge einen Verehrer, dessen Leistungsfähigkeit unübertroffen dasteht. Im Heere Loupgarous befinden sich 300 Riesen, 163000 Fusssoldaten, 11 400 Bewaffnete, 94000 Pioniere und 150000 Mädchen, schön wie Göttinnen. Für Panurge ist dieses feindliche Heer das reine Kinderspiel. ,,Merde, luerdd^' dist Pamirge, ,,ma setile bragtiettc espoiissetera toiis les hommes, et sainct Balletrou, qiii dedaiis y rcpose, decrot- tera toiites les femmcs!'^ II 26. Von dem höchst ehrbaren Kleidungsstücke, so da Hosenlatz heisset, w^erden über- haupt die wunderlichsten Dinge berichtet. Im dritten Buch wird ein ganzes Kapitel (VIII) dem Beweis des Satzes gewidmet^ „dass der Hosenlatz des Kriegsknechtes erstes Waffenstück sein muss'^ und es werden höchst acht- bare Autoritäten zum Beweise desselben herangezogen, so Justinian ,,dc Cagotis tollendis^' wo er lib. IV behauptet haben soll ,,siiinmuin bonuin in hragtnhus et braguetis". Wenn man aber bedenkt, dass die Hosen des Latzes wegen erfunden sind, wie der Kopf um der Augen willen (III 7), so hat eine so eingehende Beschäftigung mit diesem Klei- dungsstücke nichts Verwunderliches. Und was den h.

Balletrou betrifft , die einzige Bemerkung

II 15, dass Panurge seit seiner Ankunft in Paris — und es sind erst neun Tage seitdem verflossen — mit 417 Frauen schon nähere Bekanntschaft gemacht hat, lässt schon so tief blicken, dass wir Alles andere Ungeheuerliche der Art mit Stillschweigen übergehen können. — In diesem letzten Beispiel mag eine satirische Spitze gegen die Sittenlosigkeit der Frauen mit unterlaufen; massgebend ist aber ganz gewiss nur die Übertreibung an sich. Grotesk dürfen wir diese Beispiele nur im w^eiteren Sinne nennen; sie sehen aus, wie wenn sie bewusste groteske Karika- turen wären; sie sind aber nur das Spiegelbild derselben. Die tolle, in diesem Sinn groteske Übertreibung bei Rabelais beschränkt sich nicht bloss auf Schilderungen und Beschreibungen. Sogar die einzelnen Begriffe dehnt Rabelais' Phantasie so unendlich aus, dass sie ihren eigent-


Kapitel III. Der Stil Rabelais'. 253^


liehen Ursprun;^; verleui^jncn und nicht wieder zu erkennen sind. Zwei Beispiele mögen es beweisen. Objü^leich Pa- nurge von seinem Herren Pantagruel eine vortrefflich do- tirte Stelle als Burgherr von Salmigondi in Dipsodien er- halten hat, wirtschaftet er so toll, dass er in weniger denn vierzehn Tagen mit den dreijährigen Revenuen seiner Herrschaft, sowohl mit den festen wie den zufäl- ligen, fertig ist. Als Pantagruel das erfährt, macht er seinem Freunde Vorstellungen darüber, er solle doch vernünftig leben, und sich nicht in Schulden stürzen. Panurge lässt sich aber desshalb keine grauen Haare Avachsen. Er ist lustiger als je. Giebt es ja nach seiner Ansicht nichts Vortheilhafteres als Gläubiger zu haben! (III 3 ff.) Aus Furcht ihr Geld zu verlieren, sagt er, werden sie ohne Unterlass inbrünstig für Eure Erhaltung zu Gott beten und Euren Tod mehr fürchten, als sonst irgend Jemand. Vor den Leuten w^erden sie nur das Beste von Euch reden, damit sich immer Neue linden, die Euch borgen, neue Quellen fliessen und alte Löcher mit frischem Lehm zugeschmiert werden können, den andere hergeben sollen . . . Gläubiger sind schöne, gute, fromme Geschöpfe. Man kann sich nicht wohler fühlen, als wenn man so jeden Morgen diese Schar demütiger,, dienstbeflissener, kratzfüssiger Gläubiger um sich versam- melt sieht! Es ist doch allerliebst zu bemerken, wie der eine oder andere von diesen Schlingeln, dem man viel- leicht etw\as herablassender zulächelt oder einen besseren Bissen als den übrigen vorsetzt, nun gleich meint, er werde vor allen andern bezahlt werden, und schon das Lächeln des Schuldners für bares Geld nimmt. ,, Wahr- haftig, unter solchen Umständen ist mir, ruft Panurge aus, ,,als w^enn ich noch in der Passion zu Saulmur den Ciott Vater spielte, umgeben von allen seinen Engeln und Cherubim!" — Und nun ist Rabelais im Zuge, und seine Phantasie spinnt den Begriff der Schuld in so kühner und abenteuerlicher Weise aus, dass wir den Eindruck eines echt grotesken Bildes erhalten. ,, Wahrhaftig, ich glaube",


254 Zweiter Teil : Rabelais.


ruft er aus, ,,wenn Hesiod von einem heroischen Tugend- berg" spricht, so versteht er darunter nichts anderes als das Schuldenmachen. Die Schulden sind das beste Band zwischen Himmel und Erde; sie einzig und allein halten die Menschheit zusammen, die sonst verkommen müsste. Ja, sie sind die grosse Weltseele selbst, die alle Dinge belebt. Was würde überhaupt eine Welt ohne Schulden sein? Ei, da würden die Gestirne auch keine geregelten Bahnen haben, und alles geriete in Verwirrung! — Ju- piter, der dem Saturn nichts schuldig zu sein meint, würde ihn aus seiner Sphäre verdrängen, und alle Intelligenzen, Götter, Himmel, Dämonen, Heroen, Geister, Teufel, Erde, Meer und sämtliche Elemente an seiner homerischen Kette aufhängen .... V^enus würde nicht mehr vene- riert sein, denn sie hätte nichts gespendet. Der Mond er- schiene blutigrot und finster; wofür sollte ihm auch die Sonne ihr Licht leihen? dazu wäre sie ja nicht verpflichtet. .... Zwischen den Elementen gäbe es keine Beziehung mehr, keinen Austausch, keinen Wechsel, denn keines hätte Verbindlichkeiten gegen das andere, A^on dem es ja ebenfalls nichts empfinge . . . Unter den Menschen würde es geradeso sein. Keiner würde mehr dem Andern bei- stehen; denn Keiner hätte dem Andern etwas geliehen, Keiner wäre dem Andern etwas schuldig; Glaube, Liebe, Hoffnung wären aus einer solchen Welt verbannt; an ihre Stelle würden dagegen Verachtung, Misstrauen, Hader, Hass mit all ihrem Gefolge von Übeln, Fluch und Elend treten. . . . Und nun stellt Euch nach dem Muster dieser lausigen, jämmerlichen, nichts leihenden Welt die andere kleine Welt, den Menschen vor, so habt Ihr die allergreu- lichste Verwirrung : Da leiht der Kopf die Sehkraft seiner Augen nicht, um Hände und Füsse zu leiten; die Füsse w^ollen nicht mithelfen, den Kopf zu tragen, die Hände für ihn nicht arbeiten; das Herz weigert sich, um der Glieder willen sich müde zu schlagen, und leiht ihnen die Pulsschläge nicht; die Lunge giebt ihre Athemzüge nicht her, die Leber spendet kein Blut zur Entwicklung


Kapitel III. Der Stil Rabelais'. 255

der Gliedmassen . . . Der Leib zeriällt und die Seele geht zum Teufel. — Jetzt aber stellt Euch eine andere Welt vor, so fahrt Panurge fort, ^vo jeder leiht und Jeder schuldet, wo Alle Schuldner und Alle Gläubiger sind. O, welche Harmonie in den regelmässigen Bewe- gungen der Sphären! Mir ist, als ob ich ihr lauschte, wie ein zweiter Piaton! Welche Sympathie unter den Elementen! Wie freut sich die Natur ihrer Werke und ihrer Schöpfungen! Dort Ceres beladen mit Garben, Bac- chus mit Weintrauben, dort Flora mit Blumen, Pomone mit Früchten und Juno umspielt von ihrem klaren, heitern erfrischenden Äther! Ich versinke in seliges Anschauen! Und unter den Menschen Friede, Liebe, Zärtlichkeit, Treue, Ruhe, Feste, Spiele, Freude und Lust! Gold und Silber, Grossgeld, Kleingeld, Ketten, Ringe und allerlei Waaren gehen von Hand zu Hand. Kein Krieg, kein Prozess, kein Streit; da giebts keinen Wucherer, keinen Knicker und Knauser, keinen Bedrücker! Himmlischer Gott! Und das wäre nicht das goldne Zeitalter? . . . — Und in dem Stile geht es noch über ein langes Kapitel weiter ^ In derselben Weise w^e Rabelais hier mit dem Be- griffe der Schuld spielt, so springt er im vierten Buche iu ff. mit dem Begriffe des Bauches um. An sich ist der Gedanke, dass der Bauch, und damit der Hunger, ein


1 Man vergleiche damit Berni's Gedicht „lode del debito", welches in ähnlicher Art den Begriff der Schuld übertreibt. Der Dichter will bc- Aveisen, dass Niemand glücklicher ist als der ruinirte und verzweifelte Schuldner. Er ist überall gern gesehn, lebt stets auf Kosten Anderer. Das Gefängniss, wo man ihn einsperrt, ist ein Prytaneum, wo er auf Kosten des Staates genährt wird. Man ist dort ganz ruhig und ungestört, und hat sogar den Vorteil, dass man von andern Sündern ferngehalten wird. Berni's Lobgedichte sind sonst meistens burlesk, sie loben die allertrivialsten und schmutzigsten Dinge, la Gelatina, l'Urinale. Groteskes haben wir höchstens noch in der lode della Primiera. Dies Kartenspiel, sagt B., ist so schön, dass das ganze Leben eines Menschen, und wäre es auch noch so lang als das des Titon nicht ausreichen würde, um sein Lob zu singen. Parodien der schwärmerischen Liebesgedichte haben wir in B.'s Capitolo ,,Alla sua innamorata"' und im Sonett „Chiome d'argenlo".


256 Zweiter Teil: Kabelais.


cjewaltioer Faktor im Menschenleben ist und dass dem Willen desselben alle Völker schneller als den Geboten der Könige folgen, dinxhaus vernünftig. Rabelais beutet aber auch hier dieses Motiv so aus, dass er Alles und jedes, was auf Erden vorgeht, direkt auf die Initiative des Messer Gaster zurückführt. Wie vor des Löwen Brül- len alle Tiere in der Runde erzittern, so zittert vor Jun- ker Gaster's Willen der ganze Himmel, erbebt die ganze Erde. Ihm auizuwarten hat alle Welt zu thun, arbeitet die ganze Welt. Seinerseits dankt er ihr durch eine Un- menge von Erfindungen. Selbst die unvernünftigen Tiere lehrt er Künste, die ihnen die Natur verweigert. Er er- findet nicht bloss die vSchmiedekunst und den Ackerbau^ das Feld zu bestellen, dass es ihm Korn bringe, nicht bloss die Kriegskunst und die Waffen, das Korn zu schützen, nicht bloss die Arznei, Sternkunst und Mathe- matik, das Korn viele hundert Jahre lang sicher vor Wind und Wetter, wilden Tieren und Diebstahl zu ver- wahren, nicht bloss die Wasser-, Hand- und Windmühlen^ das Korn zu mahlen, nicht bloss den Sauerteig, den ange- rührten Teig aufgehen zu lassen, nicht bloss das Salz ihm Wohlgeschmack zu geben, nicht bloss das Feuer zum Backen, nicht bloss die Uhren und Zifferblätter zum Messen der Zeit, die das Brot zum Ausbacken braucht, nein, er er- findet noch viel wichtigere Dinge. Ihm ist zuerst der Gedanke gekommen, die Esel und Pferde zu einer dritten, stärkeren, zum Tragen des Kornes tauglicheren Race A^on Lasttieren, zum Maultiere zu vereinigen; er hat zuerst den Gedanken gefasst, Kähne, Galeren, Nachen, überhaupt alle Arten von Schiffen ins Leben zu rufen; ja er erfindet sogar einerseits Mittel, den Regen aus den Wolken her- unterzulocken, anderseits in der Luft den Regen zu fes- seln, anzuhalten und aufs Meer zu ziehen, den Hagel zti vernichten, die Winde zu dämpfen und die Gewitter ab- zuleiten. Ihm kommt die Erfindung befestigter Städte und Burgen zu, ihm die Erfindung der Kriegsmaschinen aller Art, vom Widder und Wurfgeschoss bis zur Kanone


Kapitel III. Der Stil Rabelais'. 257

und Serpentine, ihm die grossarti.u'e Erfindung', die Ka- nonenkugeln, die sein Korn bedrohen sollen, in der Luft hängen zu lassen und unsehridlieh zu machen ; ihm kommt endlich die Kunst zu, die Kugeln, die der Feind abge- schossen, mit gleichem Ungestüm und in derselben Paral- lele, wie sie abgeschossen waren, wieder auf den Feind zurücklliegen zu lassen. Und er findet das nicht einmal schwierig, „sintemalen das Kraut Äthiopis doch alle Schlüs- ser, die man damit berührt, öffnet, und der Echeneis, ein sehr dummer Fisch, allen Winden, ja dem heftigsten Sturm zum Trotz, die grössten Kriegsschiffe zum Stehen zwingt, und das gesalzene Fleisch desselben Fisches alles Gold aus den unergründlichsten Wassertiefen heraufzieht^ sintemalen auch Demokrit schreibt und Theophrast glaubt und für wahr befunden hat, dass es ein Kraut gebe, durch dessen blosse Berührung ein eiserner Keil aus einem dicken, harten Balken, in den er tief und mit Gewalt hinein getrieben wurde, sogleich herausfliegt . . . und wiederum ist Rabelais in vollem Zuge, und thürmt nun in himmel- stürmender Laune die abenteuerlichsten Geschichten zu einem phantastisch drolligen Gebiiude auf und über ein- ander ^


1 Derartiger Beispiele, in denen Rab. sich von seiner Phantasie so- weit hinreissen lässt, dass er zu Dingen kommt, die zu seinem Ausgangs- punkte in gar keiner Beziehung mehr stehen, haben wir eine Unmenge. Will er z. B. die Beschäftigungen des kleinen Gargantua aufzählen I 11, so reiht er sie nicht etwa in logischer Folge aneinander, sondern lässt wie- derum seine tolle Laune walten und führt Alles mögliche und unmögliche, was ihm durch den Kopf geht, im buntesten Gemisch durcheinander auf. Zunächst sind es wirkliche, kindliche Beschäftigungen, die er aufzählt: „Tou- jours se vaultroit par los fanges, se mascaroit le nez, se chaffouroit le vi- saige, aculoit ses souliers, baisloit souvent aux mousches, et couroit volon- tiers apres les parpaillons, desquclz son pere tenoit l'empire. II pissoit sur ses souliers; 11 chioit en sa chemise, il se mouschoit ä ses manches, il mourvoit dedans sa soupe, et patrouilloit par tont lieu, et beuvoit en sa pantoufle, et se frottoit ordinairement le ventrc d'un panier." Allmählich wird es immer toller und unwahrscheinlicher: ,,ses dens aguysoit d'un sabot, ses mains lavoit de potaige, si pignoit d'un goubelet . . . se cachoit en l'eau pour la pluye, battoit h, froid, songeoit creux, foisoit Ic sucre, escor- Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 17


258 Zweiter Teil: Rabeluis.


Wir sehen, es bedarf nur eines leisen Anpoehens, um die Quelle des sprudelnden Witzes, welehe in ihm sehlum- mert, zum wogenden, im tollsten Laufe Alles mit sich reissenden Strome anschwellen zu lassen. Seine Phan- tasie verfügt über unsägliche Schätze, die er genial aus- zubeuten versteht. Und diese unversiegbare Fülle, sie bleibt nicht innerhalb der Grenzen des Gedankens, son- dern überflutet dieselben und teilt sich seiner Ausdrucks- weise und seinem Satzbau bis in die geringfügigsten Ein- zelheiten mit. Ein Wort genügt ihm nicht, um einen Gedanken auszudrücken. Er braucht stets mehrere Sy- nonyma. Es käme ihm z. B. erbärmlich karg und spär- lich vor, etwa zu sagen: Wollt ihr einen regierungsfähigen Mann, so nehmt einen Dekretalisten. Er führt uns viel- mehr im einzelnen aus, was derselbe zu regieren hätte: IV 53 ^,Votiles-votis trouver en ieinps de paix un honirne apte et süffisant ä bien gouverner Vestat d'mie republiqite, d'iin roymmie, d'tin empire, d'iine Monarchie, entretenir Veglise, le senat, la noblesse, et le peiiple en richesse, arni-


choit le renarJ, disoit la patenostre du ^inge." — Und darauf folgt eine Menge Sprichwörter, die in diesem Falle durchaus nichts bedeuten ,,battoit le chien devant le lion, mettoyt la charette devant les boeufs, tiroit les vers du nez, trop embrassoit et peu estraignoit, croyoit que vessies fussent lan- ternes, faisoit chanter Magnificat ä matines, comptoit sans son hote" u. s. \v. — Man vergleiche damit eine Stelle bei Moliere. Auch in M. 's Don Juan Acte V, Sc. 2 berauscht sich Sganarclle an Sprichwörtern und Sentenzen, die er auf- einander häuft. Aber wie geordnet ist Alles bei M. !: ,,Sachez, monsieurj que tant va la cruche ä l'eau qu'enfin eile se brise, et comme dist fort bien cet auteur que je ne connais pas, l'homme est en ce monde ainsi que l'oiseau sur la branche; la brauche est attachee ä l'arbre; qui s'attache ä l'arbre suit de bons preceptes; les bons preceptes valent mieux que les belles paroles; les belles paroles sont ä la cour; ,ä la cour sont les courtisans* les cour- tisans suivent la mode; la mode vient de la fantaisie; la fantaisie est une faculte de l'ame; l'äme est ce qui nous donne la vie; la vie finit par la mort; la mort nous fait penser au ciel; le ciel est audessus de la terre; la terre n'est point la mer; la mer est sujette aux orages; les orages tourmentent les vaisseaux; les vaisseaux ont besoin d'un bon pilote; un bon piiote a de la prudence; la prudence n'est pas dans les jeunes gens; les jeunes gens doivent obeissance aux vieux etc. etc."


Kapitel III. Der Stil Rabelais'. 259

tie, Concorde, obcissaiicc, vcrtns, hoiiiicstcU'? Prcnaz-moi tut dccrdtalistC'. — Ohne irgend welchen Grund häuft er Iniinitive auf Infinitive: IV 25 ,,Uiic sculc cause /es civoit en liier mis, sfavotr est, stttdieux dcsir, de voir, ap- p r e 11 d r e, c o g u o i st r e, v i s i t e r Vor acte de Bac-Buc". Manchmal wiederholt er dasselbe Substantiv, indem er Attribute hinzufügt: III 12 „Seilte Minerve fiit de retemie, poiir foiitdroyer avec Jupiter, coinine ddesse des tettres et de guerre, de conseil et execiition, de esse nee armee, de esse redonbtce au ciet^ en fair, en la mer, et en terre" . Oder er häuft Adjective auf Adjective: III 17 „ta vieitle (sibytte de Pansoust) estoit mal en point, mal vestue, mal noiirrie^ edentee, cliassieuse, courbassee, roupieuse, langou- reus&' ; IV 58 ,,leS' gastrolatres se tenoient serres par troup-, pes et par bandes, joyeux, mignars, douilletz aucuns^ autres tristes, graves, severes, recliignes, rien ne faisans, point ne travaillans, poids et Charge inutile de la terre, comnie dit Hesiode" . Oder Diminutive: IV 51 ,,filles pu- celles mariables du Heu, belles, je vous affic, saff'retes, blondelettes, doulcettes et de bonne grace:' —

Will er den Gedanken aussprechen: Im alten Gal- lien wurden die Diener bei dem Begräbnis ihrer Herren verbrannt, so drückt er sich so aus: „Jadis en Gaule, par Vinstitutioii des druides, les serfs, varlets et appa- r i t eur s estoient tous vifs brusles aux funeraille s et ex eques de leurs m aistres et sei g ne u r s III 3. Statt einfach zu sagen „ich bitte nicht ohne Ursache, sagt er: ,,Je ne l'ay demande sans cause bien causee, ny Sans raison bien resonnante" III 6. Statt zu sagen, ,,es wird weder Regen noch Licht noch Wind geben, sagt er: ,,// n'y pluyra pluie, n'y luyra lumiere, ny ventera vent" III 3 ^

Bei jeder Beschreibung schwelgt er geradezu in der


1 cf. noch andere Beispiele bei Stapfer 1. c., der die stilistischen Eigen- tümlichkeiten R.'s mit Sorgfalt und meist mit Glück behandelt liat, haupt- sächlich Cap. A'; einiges auch Cap. IV unter der Rubrik: L'humour co- mique de R.


260 Zweiter Teil: Rabelais.


Fülle mannigfaltiger Ausdrücke. So wenn er im Prolog des

dritten Buches die Verteidigung der Korinthier beschreibt,

oder das Hantieren des Diogenes mit seinem Fass. Ich will

dies Beispiel, da es eines der charakteristischsten, trotz

seiner Länge wörtlich anführen: „Les uns, des cliamps es

forteresses, retiroient nicnbles, bestall , gralns, vlns, friilcts,

•vlctnallles et rnmiltlons necessalrcs, Les cnitres 7'enipa-

rolent imirallles, dressolent bastlons, esqtiarrolent ravellns^

cavolent fosses^ esctirolent contremlnes, gablonnolertt de-

fenses, ordonnolent plates formes, viildolent chasmates,

rembarrolent faiilses brayes, erlgeolcnt cavallers, ressa-

polerit contrescarpes, endtilsolerit cotirtlnes, produlsolent

molneatix, talnolent parapetes, enclavolent barbacanes, as-

serolent inachlcoiills , renotiolent herses sarraBlnesqties et

cataractes, assoyolent scntlnelleSy for'lssolent patrotillles.

Chasctm estolt an giiet, chascmi portolt la hotte. Les uns

pollssolent corselets, vernlssolent alecrets, nettoyolent bar-

des, chanfralns, atibergeons, brlgandlnes, salades, bavleres,

capellnes, gnlsarmes, armets, rnorlons, mallies, jaserans,

brassals, tassettes, gotissetB, gnorgeris, hognlnes, plastrons-

la^nines, anbers, pavoys, boncllers, callges, greves, solerets,

esperons. Les autres apprestolent arcs, fondes, arbalestes,

glands, catapnlteSy phalarlees^ migraines, pots, cercles et

lances ä fett; ballst es, scorplons et antres machlnes bel-

llcqnes, repugnatolres, et destrnctlves des helepolldes ; es-

gulsolent vouges, plcqnes, rancons, hallebar des, hanlcroches,

volalns, lances, asesgayes, fonrches fieres, parthlsanes^

massnes, hasches, dards, dardelles, javelines, javelots,

esplenx ; affilolent cimeterres, brands d' assler , badelalres,

paffus, espees, verdnns, estocs, plstolets, virolets, dagiies,

w,andosianes , polgnards, consteanx , allumelles, ralllons . . /

Noch toller, wenn möglich, ist die ein Paar Zeilen darauf

folgende Aufzählung der 63 Verba, die uns vor Augen

führen sollen, was Diogenes mit seinem Fass anstellte:

, . . Le totirnolt, vlrolt, broulllolt, barbotällolt, hersoit,^

versolt, renversolt, nattoit, grattolt, flattolt, barattolt, bas-

tolt, bontolt, bntolt, tabtistolt, cullebiitolt , trepolt, trempolt,


Kapitel III. Der Stil Rabelais'. 261

tapoil , linipoil, cstoiipoit , dcstoupoit , dclvaqiioH , triquotoit , tvipoloit , cJiapotoit, croitUoit, ci(in(,'oit, cJumiailloit, hrcuis- loit, csbrausloil , Icvuit , lavoit, chtvoil , culravoit , bracqiioit, bricquoit, bloqiioit, tracassoit , raniassoit, cabossoit, afest Ott, affiistoit, bnjfouoit , ciictotioit, aiiKidouoit , i^uoildroiuioit, mittonoit, tdsloiiiioit , bimbclotoil , c/dbossoit, tcrrassoit, bistorioit, vrcloppoil , cJtatiippoit, channoit, arnioit, gtiiscn^- nioit, cuharnachoit, cinpciinachoit, caparassonoit ; Ic de- vnlloit de inont ä val, et preeipitoit par le Cranie. — Derartige Aufzählungen sind bei Rabelais sehr häufig. So begnügt er sich (I ^Ih) nicht einfach damit, zu sagen, dass die Weckenbecker Gargantuas Hirten beschimpften, sondern er führt ihre achtundzwanzig Schimpfnamen alle nach ein- ander auf. Er sagt nicht: ,,Panurge hatte eine unge- heuere Menge von Taschen, in die er alle möglichen Dinge hineinsteckte, sondern erzählt ausführlich, was in den ein- zelnen Taschen steckte (II 16). Von ,,Her Trippa" sagt er nicht etwa nur : ,,Er kannte verschiedene Arten von Weissagungen," sondern nennt bei Namen neunund- zwanzig verschiedene Arten auf „mantie'S (III 25). Er sagt nicht blos (IV 59), dass die Gastrolatres ihrem Gotte jNlanduce A^ele Opfer brachten, sondern nennt nicht we- niger denn 138 Gerichte, die sie ihm an den gewöhnlichen Tagen, und 132, die sie ihm an den Fasttagen vorsetzten. So haben wir denn bei Rabelais eine Menge unge- heuerer Listen, die eine länger als die andere: Die 215 Spiele, welche Gargantua als Kind spielte, müssen wir {I ^2) alle bei Namen kennen lernen; Eusthenes zählt uns (IV 64) achtundneunzig Schlangennamen auf; die Speisen der Laternen werden uns samt und sonders auf- getischt, sechsunddreissig Platten im ersten Service, ein- undfünfzig im zweiten, neunundzwanzig im dritten. Auch die Namen der 180 Tänze der Laternen müssen wir er- fahren (V 33 bis). Wir finden eine Liste der 208 sinn- losen Epitheta, die Panurge sowohl als Pantagruel, einer nach dem andern, dem Narren Triboulet geben (III 38). — Parnurge wirft dem Frere Jean 153 und Frere Jean


2G2 Zweiter Ttil: Rabelais.


dem Paniirge 150 Schmeichelnamen an den Kopf, hiuter Epitheta zu dem Worte „CoiiillorV (III 28). Die Beschrei- bung der Fastnacht wird noch kolossaler; sie umfasst drei grosse Kapitel (IV 30, 31, 32). Im ersten derselben werden die inneren Teile der Fastnacht durch sechsund- siebenzig Vergleiche, im zweiten die äusseren durch vier- undsechzig, im dritten die Lebensart der Fastnacht (Qua- resme Prenant) durch sechsunddreissig tolle Bemerkungen erläutert. Ganz derselben Art sind auch die Aufzählungen, Avelche wir in der ,,Pantagru61ine Prognostication finden (Cap. V); so werden uns alle Leute, die unter dem Ein- flüsse Saturns sind, fünfzehn an der Zahl, aufgezählt, ebenso einunddreissig unter Jupiter, ebensoviel unter Mars, neunundzwanzig unter dem Einfluss der Sonne, fünfzehn unter dem Einfluss der Venus, neunzehn, die dem Mercur, sechsundzwanzig, die dem Mond unterworfen sind.

Bei dieser sinnverwirrenden und betäubenden Fülle von Wörtern, mit welcher der Dichter uns überschüttet

— denn Rabelais verdient diesen Namen, obwohl er keine Verse schreibt, mit mehr Recht als mancher Verskünstler

— bei diesem kraftstrotzenden und nie versiegenden Wort- reichtum, ist es natürlich, dass Rabelais sich nicht mit den gewöhnlichen französischen Wörtern, die Jedermann schrieb und sprach, begnügt, sondern sich kühn über den gewöhnlichen Sprachgebrauch hinwegsetzt und aus eigener Machtvollkommenheit ein bis dahin unbekanntes Vokabular ins Leben ruft. Seine gründliche Kenntnis der griechischen und lateinischen Sprache ermöglicht es ihm besser, als irgend einem andern. So begegnen wir Ausdrücken wie „philogroboliser , matagraboliser (aus judraiog, ygacpco und ßdlXco) III 26, myrelinguois und Myrelingue (aus juvgiog und Imgua) III 36'-. Die Ketzer nennt er IV 53 „heretiqttes^ decretaliftiges, decretalicides, decretalictones, decretaliar- ches und die Anhänger der Sorbonne II 18 ,,sorhillans, sorbonnagres, sorbonigenes, sorbonicoles , sorboniformes , sorbonisecques, . . . sorbonisans, saniborsans u. s. w. Da Heuchler und Sykophanten auch im schönen Geschlechte


Kapitel III. Der Stil Rabelais'. 2G3

vorhanden sind, begegnen Avir auch (IV ü4) den ,Jiypocri- tesscs, chatlcmitcsses, hcruiitesscs", ebenso den ,,hy proer itil- loiis, chatlcinitillons, hcnuidilhms^'. Aul' dem Läuteiland tritt uns (V 2) der Klerus unter dem Namen der ,,clergmtx, rnoHai^aiix, preslrci^mix, ahbci^aiix, evesii^cuix, cardingcnix, papegaitx entgegen und da das gcnus feniinininn eben- falls im Klerus vertreten ist, so begegnen wir auch den clcrgcsses, prcstregcsscs, abbcgcsses, cvcsgcsscs, cardiit- gcsscs, inonagesscs und sog'dv papegcsscs (l)". Ihnen reihen sich würdig an die ,,(irchidiablcs, protodiables und panto- dmblcs". — Im schönsten Lichte zeigt sich aber Rabelais' Erfindungsgabe in der Bildung von Eigennamen. Sie sind alle nach einer bestimmten Tendenz erfunden und zeigen mehr oder wx^niger durch die äussere Form den Charakter oder die Beschäftigung ihrer Träger an : Der König Picro- chole {TTixQog -/ßloq Bittergroll) ist umgeben von seinen Kapitänen Trepehi (Zottlich), Rciqiic denare (Racle-denare, Batzenschraper), Toiiqucdillon (touche de long), Staaren- stör, Engoulcveiit (Schluchsenwind) i. — Dazu kommen noch der Comte Spadassin, Kapitän Mcrdaüle, Kapitän Tiravaiit. Die Geissein, welche Ulric Gallet verlangt (I 31;, tragen die edlen Namen der Herzöge von Totirnernottle (Schwindelhirn), Basdesfesses (Arlotter), Meniiail (Kleinitz), des Fürsten von Gratellcs (Schäbigsheim) und des vicomte de Morpiaille (Filzlaus). Den berühmten Prozess, den Pan- tagruel so genial entscheidet, führen miteinander die Herren Baiseail (Leckarss) und Htimevesse (Saügefist) -. Auch die Namen der Riesen, von denen Gargantua abstammt, sind allerliebst : Happemonche (Muckenschnapp), Maschcfain (Heufrass), Bruslcfcr (Isenbrand), Gnlckault (Sausenbraus), Vitdegrain (Kernhahn) u. s. w."\

Rabelais' tolle Laune versteigt sich aber noch zu


1 Die Übersetzung der Xamen nach Regis,

2 Gelbke übers:etzt Leckart, Pissarl* die Namen der Kapitäne über- setzt er nicht. Die Überset/aing der Wortschöpfungen Rab.'s p, 2G4r auch nach Regis.

3 Die Übersetzungen von Gelbke sind nicht charakteristisch.


264 Zweiter Teil : J<abclais.


grossartigeren, ganz abenteuerlichen, jeder Vernunft spot- tenden, die Grenzen jedweder Möglichkeit kühn übersprin- genden Wortbildungen. So linden wir embttrelucocqticr 1 6 (umnebelkäppeln); circmnbilivctij^iner aiUoiir du pot III 30 (um den heissen Brei herumgehn); incornifistilmler III 36 (hineinpressen) und das Gegenteil davon desinconiißstUnthr IV 15. Solche Ausdrücke finden sich hauptsächlich da, wo es sich um erotische Dinge handelt. Da haben wir rata- coniculer 1 3 {ühQrschwdnzQ\n),frclinfretcnller (hackepetern) II 17, Imbaj aller (rossen) II 17. In IV nouv. prol. stossen wir auf das Wort „giinbretilctollctec" (durch Regis über- setzt: die Garambolibunzulatur des Weibsen) und IV 5 lesen wir das aus sac-sac, bcsc, vesiner und masser gebil- dete herrliche Compositum ,,sacsacbesevemnemass&' (schick- schackuranzirapunzulirt). — Eine wirkliche Fundgrube bietet IV 15. Da lesen wir die Wörter: esperriiqiianclii- seliibeloiiBerirelii, inorrambottj^evc.'sangou.seqtioquemorgiia- tascliacquevemnematfressc und inotirocasscbeBassevesasse- grigncligtioscopapopovidrilleB und i norder cgrippipiot abiro- frehichainburehcrecoqtielurintimparteiiieiis und trepigne- manpenillorifriBonoiifressurer und morqiiaqiioquasse und engoulevesinemasses .

Aber auch solche tolle in keiner Sprache existierende Wortbildungen genügen Rabelais nicht immer, um Alles auszudrücken, was er will. Um recht drastisch zu sein und seinen Lesern in der krassesten Art das vorzuführen, Avas er will, scheut er sich sogar nicht, die Wirkung auf das Gehör zu Hilfe zu nehmen, und gefällt sich in ono- matopoetischen Wörtern. So geniert er sich nicht das Husten des alten Janotus de Bragmardo, das ihn während seiner Rede in recht widriger Weise unterbricht, auch graphisch zu fixieren: ,,Ehen hen hen" , hustet der Alte zum Anfang, und kaum hat er einige Worte gesagt, so hustet er wieder und niest sogar: ,,Hcii hen, hasch, und sobald er etwas Wichtiges vorgebracht, bricht er in neues Husten, Spucken und Niesen aus : ,,Hcn, hasch, enh, hasch, g renhasch! (I 19).


Kapitel III. Der Stil Rabelais'. 2G5


Ebenso krass wird das feige Verhalten Panurge's aui dem Sehifl'e während des Sturmes charakterisiert. Der sonst so lustige, flotte und renommierende Bruder ist jetzt, da die Wogen hoch gehen, ganz furchtsam geworden; er weint und winselt und heult wie ein Schlosshund; ,,B()ii, hon hon boiis boiis! Ccst faict de nioy, Je mc conchic de male raige de peiir. Bon, hon hon, hon. Olto to to lo to, ti i. Bon hon hon oii oit oii hon boii boiis boiis! Je naye, je iiaye, je inetirs, Boiines gens, je naye!" Und das ganze folgende Kapitel durch fährt Panurge auf dieselbe kläg- liche Weise fort herumzuplärren und zu jammern: ,,Holos! Holos! Zalas! nostre nanf prend ean,je naye, salas, salas! Bebe bebebe bons, bons, bous, bons. Or sommes itons an fond, zalas, zalas! u. s. w. (IV 18, 19).

Rabelais hat aber noch andere Mittel, um auf das

Gehör seiner Leser zu wirken: Alliteration, Assonanz

und Reime handhabt er mit grossem Geschick. Den Wein

nennt er ,Jriant, riant, prianP'. Das Buch, das Gargan-

tua's Genealogie enthält, ist j.img gyos, gras, grand, gris

joly petit nioisy Ircret II. In IV Prol. I finden wir conrir

les cJianips, ronipre les bancs^ grinsser les dents . Und

solcher Beispiele giebt es die Hülle und Fülle: III Prol.

,Jnt-ce portant hotte, eachant c rotte, playant rotte.

Oll cassant motte; . . . le t>ast termine, an son de ma

rnnsette, niesnreray la ninsarderie des musars; . . . je

pareillement, qiioy qne sois hors d'effroy, ne snis tonte-

fois hors d'esnioy; Fassons, ponssons, pissons; Qnant

Priapns, plein de priapisnies, la vonlayt dormant pria-

piser Sans la prier (V 40); nons sornrnes icy bien pip-

pes ä pleines pippes, et mal eqnippez. ü y a par

Dien de la pipperie, fripperie et ripper ie (V 8); s^avoir

est articnlant, monorticnlant^ torlictdant, cnletant, conil-

letant, et diablicnlant (II 84). — Je vons cite ä huictaine

rnirelarid a i n e (IV 16).

Aber mit dieser Nebeneinanderstellung von nur dem Klange nach ähnlichen Wörtern ist dem grotesken Stile noch nicht genug gethan. Er sucht die Vereinigung noch


266 Zweiter Teil: Rabelais.


enger zu knüplen, indem er die nur äusserlieh einander gleichenden Wörter auch in begrifilichen Zusammenhang zu bringen sucht. So werden ganz entlegene, nicht im min- desten gleichartige, oft sogar entgegengesetzte und fremde Vorstellungen mit einander verknüpft, und zwar so plötz- lich, dass sie durch ihr Zusammenstossen komisch wirken. So sind denn auch Rabelais' Wortspiele ein Erzeugnis seiner alles Mass überspringenden Übertreibungen.

Als Gargantua sieht, dass seine Stute den ganzen Wald mit ihrem Schwanz abhaut, sagt er ,Je trotive becni ce'\ und Rabelais fügt hinzu: „Dorrt feitt depuys, appcle ce pays la Beanc&' (I 16). — Panurge sagt zur Dame, in die er verliebt ist : „EcqiUvocqiieiz sus ä Beaii Mont le Vtcoiute — und da sie es nicht kann, so sagt er ihr ganz unverfroren: ,,a Beau Con le Vit monte'^ (II 21). — Als die Pariser von Gargantuas Strömen übergössen nach allen Seiten ausein- anderfliehen, rufen sie: ,,Par saincte tii'aniye, nous sommcs baignej2 par rys^'. Und der Schalk Rabelais fügt hinzu: „Dont feut deptäs la ville nomrnee Paris" (I 17). Aber Ra- belais hat nicht bloss eine Etymologie für Paris auf Lager. An anderer Stelle nennt er die Pariser ,,Parrhesicns, cn grecisme c'est ä dire ßers ä parier". Der feuchtfröhliche Fr^re Jean verdreht gerne die Wörter, um sie in irgend eine Beziehung zu seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Trinken, zu bringen. Statt venite adorenms singt er ganz ruhig: venite apotemtis (I 41); und als der Prior ihn zur Rede stellt, wxil er den „service diviii" störe, antwortet er: „Mais le service du vin, faisons qtCil ne soit trotihle" (I 27). — Panurge kleidet den König Anarche „de pers et vers, parce qu'il a ete tervers" (II 31). Recht hübsch ist das Wortspiel, zu welchem das Wort „gtierre" Anlass giebt (III prol.): „Feu de chose nie retient qiie je n'entre en ropinion du hon Heraclitus ajfermant guerre estre de tons biens pere: et croyes qne giierre soit en latin dict helle, non par ajttiphrase, ainsi comme ont ciiide certains rapetassenrs de vieilles ferrailles latines parceqn'en gtterre gueres de heaute ne voyoiejtt . . ." — Hübsch ist auch die


Kapitel III. Der Stil Rabelais'. 267

Spielerei mit dem Worte ,^oiiltr&' (V 17) le pays d'OiiUrc, oü Von luaiigc ä oiitraucc^ oh Ics vcutres soiit plcius couimc des Olli res. Manche Wortspiele enthalten auch Satirisches : Aus den ,,gcntilsJioniines'^ macht Rabelais IV nouv. prol. „jmispillhommcs . Aus den tnagistris in (irtibiis werden magistris inert ibiis (I 18). Am häufigsten sind sie aber ein Ausfluss der tollsten Laune des Dichters: Ein ,,licen- cid" wird ein ,,lict sans cieV , banqueronte wird biinc roinpn; or potable, or portable (V 16); de la pause vient la danse, appele,z voiis cela jeti de j etmesse? Pur dien Jen n'est-ce (IV 15). At>pele3 vons ceci ßansailles? Je tes appelle fiantailles de nicrde. — Le grand Dien fait les planetes, et nons faisons les plat.'s nets (15); Voire, dist le moyne, on mnr y ha, et devant et derriere y a force tnnr- tnnre (I 52) u. s. w. Und die Beispiele Hessen sich noch ad libitnin vermehren.

Aber eine grössere Quantität von Beispielen aus Rabelais' Stileigentümlichkeiten könnte nur die Über- zeugung bestätigen, die wir aus den angeführten bereits gewonnen haben. Wir dürfen es wohl als bewiesen er- achten, dass alle diese Stilcharakteristika, die unendliche Fülle des Satzes, die kraftstrotzenden Wortschöpfungen, der so, häufige Gebrauch onomatopoetischer Wörter, die Sucht nach Gleichklang und die Wortspielereien sich auf dasselbe Grundprinzip des Grotesken zurückführen lassen, auf die tolle, abenteuerliche, unersättliche Übertreibung, die nie Halt macht, nie genug hat. Ansätze zu einem solchen Stile hatten wir bei den früheren grotesken Satirikern ^ schon


1 Den grössten Einlluss hat wohl Merlin Coccai auf Rabelais aus- geübt. Schon 1532 vor seiner ersten italienischen Reise — die erste Reise fällt in das Jahr 1531 — spricht R. von M. Coccai an zwei Stellen, zu- nächst in der Genealogie des Pantagruel Cap. I, wo er den Riesen Fra- cassus erwähnt ,,du quel a escript Merlin Coccaie", dann im Katalog der Bibliothek von St. Victor, wo er als letztes "Werk ,,Merlinus Coccaius de patria diaboloruni'* erwähnt. — Die macaronische Sprache gebraucht Rab. hie und da. So „oninis clocha clochabilis in clocherio (I 19), häufig im Katalog der Bibl. de St. Victor; ,,Hic est de patria, natus de gente belistra, Oui solet antiquo bribas portare bisacco" (IV 13). ,,Beati lourdes quonii.m ipsi tre-


268 Zweiter Theil: Rabelais.


gefunden. Bei Rabelais wird aber der Stil erst der Satire vollständig: homogen. Mit vollem Recht darf man ihn den Meister des Grotesken nennen. Wie in einem Brenn- punkte sammeln sich in seinem Werke die Strahlen, welche wir in Italien und Deutschland am Anfang des sechzehnten Jahrhunderts aufblitzen sahen. Hatten dieselben das ver- fallende Gebäude des Mittelalters nur von dieser oder jener Seite wetterleuchtartig erhellt, so lässt die Flamme, die bei Rabelais auflodert, das ganze bautaUige Schloss von den Zinnen des geborstenen Ritterturmes herab bis zu den mit Einsturz drohenden Hallen der gothischen Kapelle mit all' seinen gähnenden Rissen, abbröckelnden Steinen und wankenden Pfeilern in grellem Licht vor unsern Augen auf- steigen. Mit der Herrlichkeit des Rittergedichtes, das den stahlgepanzerten Helden pries, welcher durch die Kraft seines Armes Wunder der Tapferkeit vollführte, ist es jetzt end- gültig aus. Vom skeptischen Italien aus, wo Pulci schon spöt- tisch auf den biedern Kaiser Karl und seine braven Paladine hingewiesen hatte, wo Bojardo und Ariost in gemessener Entfernung und noch vorsichtig und zurückhaltend über Ritter und Edeldamen sich ins Fäustchen lachten, wo Merlin Cocai mit seiner rohen Gassenjungenschar von Macaronikern, johlend, pfeifend, im Kote sich wälzend, mit Kot werfend, hinter dem altmodischen Ritter herlief,


buchaverunt". (II 11) ,,depiscanda grenoillibus ; paupera guerra fuit". (II 12) — Die Gestalt des Pantagruel, der trotz seiner Kolossalität so grossmütig ist und über den Verlust seiner Feinde weint, erinnert an Baldus, von dem wir ähnliches erzählt haben. Panurge ist dem Cingar nachgebildet (cf. M. XII p. 270 R. IV 19; M. XI R. IV 6 ff.; M. XVI R. I 27; M. III 116 R. III 34). Übrigens cf. Stapper 1. c. p. 389 ff., der auf die Vergleichung eingeht. — Was Rab.'s Beeinflussung durch die italienische Litteratur an- betrifft, ist eine Stelle im Prolog des Pa. von Interesse. R. nennt daselbst den Orlando furioso zusammen mit Fessepinte, Robert le Diable, Fierabras, Ouillaume sans Paour, Huon de Bordeaux, Montesvielle et Matabrune, als Bücher, die seiner Chronik nicht an die Seite gestellt werden könnten. Sollte das nicht darauf hinweisen, dass er — 1532 — Ariost noch nicht gründlich kannte, d. h. das Satirische im Orlando Furioso noch nicht wür- <iigte ?


Kapitel IIT. Der Stil Rabelais'. 201)

um ihm das Bein zu stellen oder an seinem Ilelmbusch zu zerren, war Frankreieh, welches wohl schon früher hie und da das alte Ritterideal herabzusetzen versucht hatte, aber doch im Geiste des Mittelalters noch zu sehr befangen war, um zur wirklichen Satire zu greifen, nun- mehr angesteckt worden und brach in der Gestalt Rabe- lais' in ein lautes, derbes, vernichtendes Lachen aus, welches dem alten Ritterplunder für immer den Garaus machte. Aber die im sechzehnten Jahrhundert aufdäm- mernde Aufklärung hatte noch gegen viel gefährlichere mittelalterliche Gewalten Stellung zu nehmen. An der Seite des Ritters mit Schwert und Panzer stand der Mönch, der sich auf weit stärkere Waffen stützte als sein Begleiter. Die Trägheit und Bequemlichkeit, die Dumm- heit und der Aberglaube, die Genusssucht in allen ihren Formen, alle diese dem Menschen anhaftenden Eigen- schaften beutete er mit bewunderungswürdigem Geschicke aus, um die Macht der stolzen, in Rom aufgerichteten, und in Goldesglanz und Silberpracht prangenden Kirche zu erhöhen. Aber aus dem sittlich ernsten Norden, von wo Erasmus zuerst seine Pfeile abschoss, wo die Verfasser der Dunkelmännerbriefe das Feuer schürten und auf Lu- thers Arm sich stützend der deutsche Protestantismus wuchtige, schwere Hiebe gegen das gleissnerische, heuch- lerische Rom führte, stieg der Waffenlärm empor bis über die Vogesen, und unter den zahlreichen Kämpen, die in Frankreich erstanden, das Banner der Freiheit zu entfal- ten, war auch wieder Rabelais einer der ersten. Die mittelalterliche Intoleranz, der blinde Fanatismus, die schnöde Gold- und Genusssucht, die krasse Ignoranz und die äusserliche Schulgelehrsamkeit, alle diese Mächte der Finsternis wurden von ihm mit den schneidendsten Waffen, die es in Frankreich je gegeben, dem Spott und dem Hohne angegriffen. Aber der groteske vSatiriker ging noch weiter. Alle Missbräuche seiner Zeit wurden scho- nungslos enthüllt, sei es, dass sie von Seiten der Rechts- gelehrten und Richtern kamen — und da schlug er eine


270 Zweiter Teil : Rabelais.


von Cl. Marot zuerst gerührte Saite an ^ — sei es, dass sie sich in übertriehener Anbetung des Humanismus be- wegten — und da folgte er dem von den Macaronikern gegebenen Impuls — sei es, dass sie in der Eroberungs- sucht fremder Herrscher lagen — und da führte er, frei- lich unbewusst, das von einigen mittelalterlichen fran- zösischen Satirikern begonnene Werk weiter. Wie er in Bezug auf die Objekte seiner Satire im engsten Zu- sammenhange zu der Vergangenheit steht, so verleugnet er auch nicht, was seine Kampfesweise betrifft, seine Be- ziehungen zu den früheren grotesken Satirikern. Aber wie genial weiss er die ihm von den Andern gebotenen Waffen zu führen! Mit welchem Geschick vervollkommnet er die von seinen Vorgängern oft nur ungelenk gehand- habte Methode! Seine überreiche Phantasie, sein unver- wüstlicher Humor, seine unerschöpfliche Sprachgewalt be- fähigen ihn zu der grossartigsten Leistung auf groteskem Gebiete. Die Karikaturen, die er durch seinen Hauch ins Leben ruft, schwellen an und blähen sich auf, bis sie ganz abenteuerliche, fratzenhafte, unmögliche Formen annehmen. Und diesen Stempel der Kolossalität tragen alle Eigentümlichkeiten seines Stiles auf der Stirne. Die ungeheueren, sich überstürzenden Aufzählungen, der unglaubliche Reichtum an Wortspielen, die sinnliche Kraft seiner Sprache, die alle möglichen und unmöglichen Mittel zur Erhöhung ihrer Wirkung zu Hilfe nimmt, machen aus seinem Stil ein wahres Muster grotesker Gattung. — Wie jede grossartige Leistung in der Litteratur, so konnte auch die von Rabelais zur Vollkommenheit geführte neue


Gattung nicht ohne Einfluss auf die Zeitgenossen sein. Wie dieselben sie nachzuahmen verstanden, werden wir im folgenden Teile des näheren zu untersuchen haben.


1 cf. II 1 Anm.


DRITTER TEIL: DIE ZEIT NACH RABELAIS.

Kapitel I.

Die äusseren Nachahmer Rabelais' und die von ihm

beeinflusste Kunst.

Die Nachahmer eines grossen Genie 's lassen sich gemeiniglich in zwei Klassen teilen. Zu der ersten wären diejenigen zu rechnen, die des Meisters Geist verstanden, in sich aufgenommen und fruchtbar zu verwerten gewusst haben, der andern Klasse dagegen könnte man als Devise den Spruch des ersten Jägers in Wallensteins Lager zu- weisen: ,,Wie er sich räuspert und wie er spuckt, das habt ihr ihm glücklich abgeguckt. '^ Das Räuspern und Spucken und andere ebenso natürliche Bethätigungen kommen aber bei Rabelais noch häufiger vor als bei an- dern Schriftstellern, und so ist denn die Schar derjenigen, die ihn in dieser Beziehung nachäffen, so gross, dass wir ihr ein ganzes Kapitel widmen müssen. Wir behandeln diese Klasse zuerst, um nachher von den unter dem Ein- fluss Rabelais' stehenden Satirikern in den verschiedenen Ländern im Zusammenhang sprechen zu können.

Was in Rabelais' Werk zunächst zur Nachahmung reizte, war der wunderbare und abenteuerliche Stoff, den er behandelte. Die ,,Croniques admirables sind ein Zeug- nis dafür, wie sehr und wie schnell ein solcher Stoff bei Rabelais' Zeitgenossen zünden konnte. Wenn aber in dieser Schrift die satirische Tendenz Rabelais', die Ver- spottung der Ritterromane noch im Vordergrunde steht, so verschwindet in den späteren Schriften, welche Rabe- lais' Stoff verwerten, der satirische Gehalt vollständig. Was Rabelais wollte, ist den Verfassern dieser Elaborate


272 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

nicht einmal zum Bewusssein i^ekommen. Nur das rohe Behagen an ungeheuerlichen Abenteuern und staunener- regenden Kraftproben ist bei ihnen massgebend. Solche zu bestehen und auszuführen sind die von Rabelais ge- schaffenen Gestalten vorzüglich geeignet. Deshalb greift man immer wieder zu Gargantua, Pantagruel oder zu Pa- nurge zurück. In innigem Zusammenhang zu Rabelais steht unter diesen Machwerken eine Schrift, die im Jahre 1537 erschien und den Titel trug ,,le disciple de Panta- grueV 1. Sie wurde später noch öfters, von 1538 bis 1660 zwölf bis fünfzehnmal, unter verschiedenen Titeln heraus- gegeben. Dass die Schrift soviel Anklang finden konnte, erscheint uns heutzutage unglaublich. Sie ist das fadeste, geschmackloseste Sammelsurium, das man sich denken kann. Von Rabelais' Geist hat sie keinen Hauch ver- spürt. Die Ungeheuerlichkeiten, die sie uns bietet, sind nicht mehr das Produkt einer mit leidenschaftlichem Feuer gegen Missbräuche und Fehler heranstürmenden Satire, sondern nur das Spiel einer seltsam verschrobenen Phan- tasie, welche durch unerhörte, immer tollere Einfälle in Erstaunen setzen möchte. Der Verfasser hat das offen- bare Bestreben, Rabelais an Abenteuerlichkeit noch zu überbieten; noch öfter als er, behauptet er, dass er die lautere Wahrheit verkündige, noch öfter als bei Ra-


1 Wir benutzen die Ausgabe von P. Lacroix „Le disciple de Panta- gruel. Paris 1875. Der Titel lautet: Le voyage et navigation que fist Panurge, disciple de Pantagruel, aux isles incogneues et estranges, de plusieurs choses merveilleuses et difiiciles ä croire, qu'il dict avoir veues, dont il faict nar- ration en ce present volume, et plusieurs aultres joyeusetez, pour inciter les lecteurs et auditeurs ä rire". Dass es im Jahre 1537 erschien, bezeugt Brunet: Manuel du Libraire IV s. v. Rabelais p. 1067. Die älteste Aus- gabe, die Brunet gesehen hat, ist die von 1538. Es giebt aber eine ohne Datum, aus Lyon, von Ollivier Arnoullet, mit dem Titel: Voyage du com- paignon de la bouteille. Die Schrift ist mit mehr oder weniger Varianten, oder einigen Hinzufügungen in Lyon, Rouen, Paris, Orleans, Troyes noch gedruckt worden unter den Titeln: Bringuenarilles, consin Germain de Fesse- pinte, Rouen 1544; la navigation du compagnon ä la bouteille, 1545; le Voyage et navigation des Isles et terres heureuses.


Kap. I. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u.d. von ihm beeinflussle Kunst. 273

belais steht aber bei ihm diese Behauptun«: in grellem Wider spru eh zu den Thatsaehen. Kaum hat der Verfasser, der sieh übrigens im Texte niemals den Namen Panurge ^ giebt, seine Fahrt mit seinen fünfhundert an den Ohren verstümmelten Genossen ^ begonnen, da hat er die aller-


1 Der Name Panurge fmdet sich nur auf dem Titel, und in den In- haltsan<iaben oberhalb der einzelnen Kapitel. Der Erzähler berichtet in der ersten Person. Übrigens befindet sich der Name, wie wir aus dem p. 272 Anm. mitgeteilten ersehen, nicht in allen Ausgaben. Sollte der Name Panurge nicht vielleicht eine sj)ätcre Zuthat sein? Vom Charakter des Rabelais'schen Panurge hat ja der Erzähler dieser Geschichte durchaus nichts.

^ Nach der Meinung des Herausgebers Eacroix wäre in diesem Um- stand eine Anspielung auf die protestantische Tendenz des Buches zu er- blicken. Die Leute ohne Ohren oder mit verstümmelten Ohren wären solche, welche für die Wahrheit oder die neue Religion gelitten haben. Der Ver- fasser sagt p. 8: jjich verlor die Hälfte meines linken Ohres, weil ich zu- sehr darauf bedacht war, morgens aufzustehen, um die Frühmette zu hören, die man in der Kirche abhielt (d, h. nach Lacroix, dem reformierten Gottes- dienste beizuwohnen). Das zweite Mal," lügte er hinzu, ,,wo ich wieder ge- fangen wurde und die andere Hälfte verlor, war es, weil mir die Predigten zu sehr gefielen und ich zu oft vor der Kanzel des Predigers stand." Die eine Hälfte seines rechten Ohres verlor er, weil er zu oft ziir Beichte gieng, und die andere Hälfte, weil er am Charfreitag, als er das wahre Kreuz anbeten gieng, einem Kaufmann, der ihm nichts schuldig war, zehn Goldstücke gab, die er nicht zurücknehmen wollte, als er sie ihm wieder geben wollte (je mis en la bourse d'un marchand qui ne me debvoit rien dix escuz d'or, lesquelz je ne voulus pas reprendre, quand il les me voulut rebailler, dequoy les gens s'apperceurent, dont je fus fort blasme). An anderer Stelle sagt P. : „Ich glaube wohl, dass wenn ich Priester gewesen wäre und ich die AVahrheit bekannt hätte, mir nicht miehr Ohren übrig geblieben wären, als meinen Gefährten. Lacroix hat noch verschiedene an- dere Gründe, die beweisen sollen, dass eine protestantische Tendenz zu Grunde liegt, cf. p. XIV. Sie sind aber mit grosser Vorsicht aufzunehmen. Was berechtigt uns z. B. mit ihm anzunehmen, dass die Farouches (cap. X, XI) „qui sont gens veluz comme rats et de teile couleur qui habitent en cavernes au foncs de la mer, qui ont grans dents et longs comme alesnes pour prendre les poissons en la mer, desquels ils vivent et mangent ä la moustarde" die Mönche und speziell die Bettelmönche darstellen. Übrigens sprechen andere Stellen, die sich auf die an den Ohren Verstümmelten be- ziehen, durchaus nicht für eine protestantische Tendenz. So hätten die Leute ihre Ohren verloren „ä cause qu'ilz s'estoient trouvez, comme ilz mainte- noient, ung jour qui passa par la mer, en l'isle de Brigalause, lä oü les Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 18


271 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais,

merkwürcli<^sten Dinge zu erleben. Eine mit den schön- sten Eichen bepflanzte Insel, auf welcher er landet, setzt sich plötzlich, da ein Paar vSchweine auf der Suche nach Eicheln den Boden bis in die Tiefe durchwühlt haben, in Bewegung, denn wie wir auf einmal erfahren, ist sie keine wirkliche Insel, sondern ein ungeheuerer Wallfisch \ der nun mit rasender Wut über das Meer dahin jagt, und das an seinem Rücken durch den Anker befestigte Schiff 100000 Meilen weit mit sich schleppt. Von diesem Schrecken kaum erholt, stossen die vSeefahrer auf ein kolossales Schiff, so gross wie die Stadt Paris, auf welchem der furchtbare Riese Bringuenarille ^ steht, dessen Zehen allein schon dicker sind, als der hölzerne Turm von Vincenne, der jedesmal zum Essen 500000 Menschen frisst, und ganze Flotten verschlingt, zahllose Windmühlen herunterschluckt, und dann plötzlich stirbt, als in seinem Magen eine Mühle Feuer fängt ^, Darauf haben die Wanderer auf dem Meere der Grimmigen (farouches) '^, die wie Ratten aussehen und


charcuytiers et patissiers fönt des saulcisses d'oreilles, lesquelles sont fort bonnes et friandes, ä cause qu'elles sont demy de chair et demy de carti- laige qui est une viande fort exquise" u. s, \v.

1 cf. in Merlin Coccai's Baldus, eine ganz ähnliche Stelle.

2 Derselbe Riese kommt bei Rabelais, Buch IV 17 vor. A'on seiner Gewohnheit, Mühlen zu fressen, wird gesprochen wie von etwas Bekanntem. Er stirbt nicht auf dieselbe Art, wie im Disciple.

^ Die ungeheuere Grösse des Riesen wird krass dargestellt: „il s'en- dormit sur le bord dudict fleuve; et lors le membre luv dressa, en sorte qu'il s'estendit jusques ä l'autre rive au travers l'eau, et demoura ainsi toute la nuict. Lors ung charlier venant bien tard du boys avecq son chariot ä quatre roues et ä quatre chevaulx, tout Charge de fagotz, entra dedans son membre si avant, que le cheval de devant vint jusques aux genitoires . . ." Seine Stärke wird mit denselben Farben geschildert: „Je vey une fois qu'il fist une roste, mais il en jecta par terre plus de huyt mille maisons d'une bonne ville qui estoit bien ä trente Heues de lä. Je lui ay aultrefois veu rompre ung mast de navire d'ung morveau quand il se mouchoit et le vent de ses narines jectoit par terre une tour aussi grosse que l'une des tours Notre Dame de Paris . . ." (cap. IV p. 16).

'^ Die Grimmigen und die Fleischwiirste (farouches et andouilles) werden bei Rab. IV 06 ff. zu andouilles farouches. Sonst hat dies im „dis-


Kap.I. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u. d. von ihm beeinflusste Kunst. 275

auf dem Mccrcs<>i"undc in Höhlen wohnen, l'urchtbare Kämpfe zu bestehen; noch schhmmer ergeht es ihnen, als bei den Inseln Luquebaralideaux die zwölf Fuss lan- gen Fleisch Würste sie angreifen und mit ihren spitzen schneidigen Zähnen ihren Leuten die Nasen \vegfressen. Dafür sind sie auf dem Lande der Laternen ^ glücklicher,


ciple" erzählte Abenteuer kaum Ähnlichkeit mit dem bei Rabelais. In beiden spielt das Schlachten der „Andouilles" und der „Senf*' eine gewisse Rolle. 1 An einzelnen Stellen ist die Übereinstimmung zwischen dem Disciple lind dem fünften Buche R\s. auffallend, beinahe wörtlich. Man vergleiche die Besclireibung der Laternenkönigin und der einzelnen Laternen bei Ra- belais und im Disciple de Pantagruel. Rab. V 33: „La royne estoit vestue de cristallin vierge, par art de tauchie, et ouvrage damasquin, passemente de gros diamans. Les lanternes du sang estoient vestues, aucunes de ■strain, autres de pierres phengites; le demourant estoit de corne, de p a- pier, de toile ciree . . . L'heure du souper venue, la royne s'assit en premier Heu, conscquemmentles autres selon leurdegre etdignite. D'entree de table toutes furent servies de grosses chan delies de moulle, excepte que la royne fut servie d'un gros et roide flambeau ilamboyant de cire blanche. — Disciple de Pant. cap. 14: La royne et Jes dames du sang avoient robes de hnes com es, bände de bois bien uny et rabottc, et aulcunes les avoient bandees de fer blanc, et les aultres avoient a'obbes de vessies de porc ou de boeuf, les aultres de boyaulx et les aul- tres de toiles et les aultres de papier. . . . Quand elles furent toutes as- sises selon leurs dignites, on leur apporta ä chascune pour entree de table la belle grosse chandelle de mouton, aussi blanche que belle neige. Celle de la royne est plus grosse que nulle des aultres." Ferner hat die Erzählung vom Laternenessen und hauptsächlich die Aufzählung der Tänze der Laternen sehr grosse Analogie zu dem in den älteren Ausgaben des fünften Buches nicht vorhandenen, aber in einer Hs. des fünften Buches aus der zweiten Hälfte des 16. Jhdts. aufgefundenen und von Moland als cap. XXXIII bis (cf. Moland Bibliographie p. 645) abgedruckten Abschnitt. Im Laternenessen stimmen freilich nur drei Speisen im Disciple mit den- jenigen bei Rabelais überein: die „triquedondaines", die „triquebilles" und „croquignolles". Dagegen entsprechen die Aufzählungen der Tänze einander ziemlich genau (Rab. V 33 bis. Disc. XVI). Bei Rab. sind 6 mehr vorhanden, „Serre Martin, C'est la belle franciscane, Dessus les marches d'Arras, Ba- stienne" und der zweimal angeführte Tanz „Hely, pourtant si estes belle". Interessant und einer eingehenderen Untersuchung wert sind die Unterschiede in den Namen der einzelnen Tänze. Die wesentlichen sind foljjende:


276


Dritter Teil : Die Zeit nach Rabelais.


WO ihnen ein herrliches Mahl bereitet wird, und wo sic" die Laternen ihre seltsamen Tänze aufführen sehen. Bald sollte es ihnen noch besser gehen. Nachdem sie die „War- loufes, jene kolossalen karpfenähnlichen Tiere, deren Schuppenpanzer härter ist als der härteste Stahl, nach schwerem Ringen besiegt haben, gelangen sie in die herr- lichen Länder der Butter- und Mehlberge, der Milch- und Erbsenflüsse, wo die warmen Pastetchen wie Pilze aus der Erde schiessen, die gebratenen Lerchen A^om Himmel herunterfallen und die Torten so zahlreich sind, dass man sie zu Ziegeln auf den Dächern verwendet i. Und in immer wunderbarere Gegenden gelangen sie. Sie sehen die schw^arzen Raben, die so weiss sind Avie Schwäne und in der Luft leben wie Kühe, sie sehen die Ziegen^


D i 5 c i p ] e : Les 6 visages. La roagüce.

Le tr<?hory de Bretaigne, Par trop je suis brunet. de mon triste et desplaisir. La gotte. Sainct Radi.

Mon coeur sera tVaymer. Je demeure seule esgaree. La signose. Fortune rallemande. Loyal espoir. Elle a grand tort.

Pour avoir faict au gre de mon f)iary. TestimowiOM. Regoron piony. Loyselet. Te^rafiriws. ^ac bourdai«. Rtf^wault le fort, caulda/. Vazamwöw. Jur^ \e po/x. Mi sou net.

Baille lui branle ä la tisserande. 1 Das reine Schlauraffenland.


Rabelais: Les 7 visages. La revergasse. Le tr/horry de Bretagne. Par trop je suis brune//^. de mon dueil triste. La göMtte. Saint Roc, Mon coeur sera. Je demeure seule. La seignore.

Fortune. — L'allemande. loyal espoir. Belle^ ä grand tort. Pour avoir fait au gre de de mon a^ny, TestimonzMW. Rigoron Pirouy. L'oiselet. Te gratie roine. yac Bourdain^. Röwhault le fort, cauldaj-. vaz an moy. Jurez le prix. My söwnet. La tisserande. Über dasselbe cf. III 3.


Kap. T. Die äusseren Nachahmer Rabelais' ii. d. von ihm heeinllusste Kunst. 277

welche die Hörner auf dem Hintern tragen und zu Frauen werden, wenn man ihnen die Ohren abschneidet, sie stau- nen vor den SchmetterHngen i, welche so ungeheuere Flügel tragen, dass sie zu Schiffssegeln verwandt w^erden^ und die sich in kolossale Hirsche verwandeln, wenn sie die Flügel A'erlieren; sie bereisen die Länder, wo die Messer und Schwerter an den Bäumen wachsen -, wo die Stiefel und


^ Lacroix meint, gewiss mit Unrecht, p. X\^ „1 Üe des Papillons est incontestablement une terre domaniale de la Papautc'" wegen „Les courges ou cucusbites y croissent si grandes et si grosses qu'il/ en fönt les maisons et les eglises". p, XVII setzt er diese Insel = der Paj^imaneninsel, IV 4S bei Rabelais.

2 cf. Rab. V 9, l'isle des Ferremens. — Die zahlreichen Analogien des ,,Disciple zu Rabelais' Werk haben Lacroix veranlasst, Kabelais dieses 'Schriftchen zuzuschreiben. Ich glaube mit Unrecht. Die Stellen des fünften Buches, die allerdings grosse Übereinstimmung zeigen, können für Rabelais' Autorschaft nicht massgebend sein, da es überhaupt nicht sicher ist, dass R. das fünfte Buch verfasst habe. Das Kapitel mit den meisten Ähnlich- keiten, mit der Aufzählung der Tänze, behndet sich, wie wir sahen, nur in einer Hs. Die Übereinstimmungen mit dem vierten Buch R.'s sind nicht zahlreich. Den Riesen Bringuenarille und die andouilles farouches kann Rab. sehr gut dem Disciple entnommen haben, den Riesen erwähnt er über- haupt nur ganz im Vorübergehen. Auffallend, aber nicht ausschlaggebend ist der Umstand, dass das Buch betitelt ist „Reise nach unbekannten und seltsamen Inseln", dass die Ausgabe von Rouen vom Jahre 1545 (also ein Jahr vor dem Erscheinen des dritten Buches) betitelt ist „Navigation du com- pagnon a la bouteille" und eine der ersten Ausgaben auf dem Titelblatt einen den Panurge mit einer Flasche in der Hand darstellenden Holzschnitt enthält, gerade wie in einer der ersten Ausgaben des fünften Buches. Und •doch ist von dem Vorsatze des Panurge, eine Reise zum Orakel der gött- lichen Flasche zu unternehmen, erst im dritten Buch, gegen Ende, die Rede. Durchaus nicht schwerwiegend ist der Umstand, dass Dolet 1542 die Schrift mit Rab. 's AVerken zusammen herausgab. Gerade in dieser Ausgabe hatte sich Dolet ohne Rab.'s Vorwissen manche Hinzufügungen erlaubt, die später den Unwillen des Verfassers in starkem Masse hervorriefen, cf. Heulhard 1. c. p. 189: „Dolet se permettait contre la Sorbonne des additions qui etaient peut etre dans la pensee de R., mais que celui-ci y voulait laisser pour l'instant, il reproduisait tous les passages supprimes et amendcs, il en aggravait d'autres. — Dans toutes les langues du monde cela s'appelle un ^bus de confiance". Übrigens sagt Heulhard daselbst (Anmerkung) in Bezug iiuf die von uns besprochene Schrift: „Bien que Dolet fasse suivre dans la pagination les Navigations de Panurge, il ne les donne pas ä maitre Alco-


278 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

die Handschuhe wohnen, wo die Backöfen tanzen und wo jeden Tag wunderbarere Dinge vom Himmel herunter fallen. Und diese albernen Geschichten sind mit noch alberneren Witzen verbrämt: ,,// monrtit le joiir mcsme qii'il trcpassa p. 21 — l'asne coiirnt ä toiis les diables apres son rnaistrc ä travers champs, et votis apres — ils sc levent, le etil devaiit coiiime les vaches afltt qti'ils soient plus heuretix p. 64 — iine isle qiii nest pas fort grau de, car n' est pas de grande spaciosite ny de grand estandtie p. 67 u. s. w.'- Die hie und da vorkommenden listenmässigen Aufzählungen ^ sind nicht wie bei Rabelais der Ausfluss der kolossalen Lebendigkeit und Fülle des Stils — denn der Stil ist sonst platt und matt, trocken und dürr — , sie sind nur unverständige Nachahmungen und thörichte Spielereien. So ist denn der ,,Disciple de PantagrueP' eine nur äusserliche Nachahmung von Rabe- lais' Werk. Dasselbe sollte aber ausser dieser Schrift noch viele andere veranlassen. Über dieselben müssen wir um so rascher hinweggehen, als uns die meisten von ihnen nicht vorgelegen haben -' und wir uns also bei ihrer Beurteilung auf Brunet's oder Anderer Aussagen stützen müssen. Es sind dies zunächst : ,,Le tres eloquent Pandarnassus, fils du vaillant Galimassue, qui fut transporte en Faerie par Oberon, lequel y fit de belies

fribas comme le Gargantua et le Pantagruel. II distingue parfaitement ce qui est de Rabelais (Prognosticalion pantagr. comprise) et ce que les edi- tevirs ont conlume d'ajouter ä son oeuvre pour plaire aux badauds. A cette derniere categorie appartiennent les Navigations de Panurge, dont Denis Janot a egalement donne une edition sans date (et sans attribution aussi) sous le titre de ,,le Disciple de Pantagruel". Gegen Rabelais' Autorschaft spricht dann ganz entschieden der Stil, Im Jahre 1537, zwei Jahre nach der Herausgabe des Gargantua, konnte Rab. nicht so schreiben. AVarun^ hätte er hier hölzern, glatt, langweilig, verwässert und verblasst erzählt, während er im Gargantua von 1535 und im dritten Buch 1546 den glän- zendsten, lebendigsten, frischsten, ausgeprägtesten Stil unter den Schrift- stellern des 1(). Jhdts. schrieb?

1 cf. Cap. 14, 16, 28, 30.

2 Eine Anfrage nach München blieb erfolglos. Sie werden wohl nur in Paris vorhanden sein.


Kap.I. Die äusseren Nacliahnier Rabelais' u.d. von ihm beeinflusste Kunst, 279

vaillances, puis Tut amcnc a Paris par son pOre Galiinas- sue, lc\ oü il tint conclusions publiqiies, et du triomphe qiii lui Tut fait apres ses disputations. Lyon. Olivier Ar- noullet 8'^ Dies Buch, von welchem Brunet (Notice v. 1834) meint, es sei so selten geworden, dass wir ohne Duverdier (Art. Pandarnassus) keine Kenntnis davon haben würden, ist nach Niceron eine schlechte Nachahmung des Rabelais'- schen Gargantua. In welchem Masse der Verlasser des- selben das Groteske Rabelais' nachzuahmen gewusst hat, können wir nicht sagen. Ebensowenig wissen wir von der ,,Mythistoire Baragouyne de Fanfreluche et Gaudichon, trouvde depuis n'agueres, d'un exemplaire ecrit ä la main de la valeur de dix atomes, pour la re- creation de tous bons Fanfreluchistes 1574.*' Dieser Schrift, welche Niceron lür ein schlechtes Machwerk von Guil- laume des Autels hält, möge sich ein seltenes Buch ,,1 e Nouveau Panurge" anschliessen. Nach d' Artigny's Memoiren (I 439) ^ sollte es eine Satire auf die Reforma- tion sein, ,,voll schlechter Witze, plumper Scherze, ob- scöner Gemeinheiten und Profanationen der heiligen Schrift." Man kennt den Verfasser nicht, doch hält d'Artigny den Guil. Reboul dafür 2, von welchem p. 11(5 der Lyoner Aus- gabe die Rede ist. Der Titel lautet ,,le Nouveau Pa- nurge, avec sa navigation en l'isle imaginaire, son rajeunis- sement en icelle, et le voyage que feit son esprit en l'autre monde pendant le rajeunissement de son corps: ensemble une exacte Observation des merveilles par lui veues tant en Tun que Tautre monde. A La Rochelle par Michel Gail- lard, ohne Datum 12. 291 S. 'K In dieser Schrift sollen


1 Xouveaux Memoires d'Histoire, de Critique et de Liltcrature. cf. übrigens Brunet IV p. 1068.

- „L'auteur y fait un melange bizarre et monstrueux de la Fable avec l'Histoire sacree, et la conlroverse. Dechaine contre les jNIinistres de son tems et ceux du siecle precedent, il leur reproche, de menie qu' ä leurs epouses toutes sortes d'infamies avec une fureur dont ä j^eine le seul Reboul auroit ete capable 1. c. p. 439.

^ Andere Ausgaben cf. Brunet 1, c.


2S() Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

groteske Zahlangaben wie bei Rabelais vorkommen z. B. „le 1)011 vicillani disoit avoir 999 ans, 11 mois, 29 joiirs et demt'\ Schon aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts, aus dem Jahre 1611 rührt eine Schrift von N. de Horry, die ebenfalls unter dem Einfluss Rabelais' steht und den anspruchsvollen Titel führt ,,R a b e 1 a i s r e s s u s c i t e re- citant les faits et comportements admirables du tres va- leureux Grandgosier, roy de Place vuide, traduict de grec africain en frangois par Thibaut le Nattier^^ i. Hier sind Rabelais' Satiren bis ins Aschgraue übertrieben und ver- gröbert. Grandgousier ist so auffallend gross, dass selbst die Stummen es überall verkündigen und ausschreien. Als achttägiges Kind ist er schon so kolossal, dass er sich nicht im 2500 Fuss hohen Palaste seines Vaters um- drehen kann, ohne Boden und Decke des Palastes zu er- schüttern. Für einen so gewaltigen Riesen giebt es bald auf der Erde nichts mehr zu essen, und er muss das Meer samt den Fischen und Wallfischen austrinken. Dass es nicht leicht ist, ihm Kleider zu A^erfertigen, liegt aut der Hand. Für den Mantel allein brauchen die Schneider des Reiches und der Nachbarreiche, 14000 an der Zahl, wenigstens ein Jahr. Schuhe kann man ihm gar nicht machen, da es auf der ganzen Welt nicht genug Kälber giebt, deren Felle man dazu verwenden könnte. Ein so ungeheuerer Mensch ist natürlich entsprechend stark. Die Mauern von Paris zerstört er, indem er sie mit faulen Äpfeln bewirft; die Häuser wirft er mit Fusstritten um; er trägt nicht bloss die Glocken von Notre-Dame weg, wie Rabelais' Gargantua, sondern steckt die ganze Kirche unter seinen Mantel. Noch andere Satiren Rabelais' ver- gröbert Horry ganz unsinnig. So braucht bei ihm Grand- gousier drei volle Jahre, bis er ein ^^a'^ von einem ,Jy'


1 Diese Schrift ist dreimal herausgegeben worden, 1611, 1614, 1615. Nach des Pierausgebers Meinung soll sie von einem alten Ligisten herrühren und Heinrich IV. satirisieren; d. h. „die allegorische Geschichte dieses guten Königs geben" (???). Unter diesen Nachahmungen ist es die einzige, welclie uns vorlag.


Kap. I. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u. d. von ihm beeinflusste Kunst. 281

unterscheiden kann. Um die Thorheit zu weit hergeholter Etymologien /ai geissein, lässt der Verfasser den Namen y,RohiuHS" aus Plato ableiten ,,iniUaud() pht in ro, to in hi et addcndo nus, fit Robinus'\ Eine bei Rabelais hie und da vorkommende Art von Witzen, deren Komik auf einem Versprechen beruht, hetzt er geradezu zu Tode. So z. B. Cap. XII: ,yil fnt tcllement craint et redonte. Je pensais dive radotte, qti'il n'y avoit niiict en tont le pays qni enst ose parier ä liiy, tant on le craignoiV. Cap. XIII: ,,le plus fnnienx, je pensais dire fanienx College de tonte r Universite; p. 60 ,,occnltenient, je pensais dire occnlaire- inent. Zahlreich sind auch fade Witze, wie die folgen- den: Cap. VIII ,,il fit qnerir Ions les taillenrs de son royannie, qni estoicnt an nonibre de six mit (sanf ä r a- b attr e cenx qni est oient de nt o i n sf ; ils Iny repon- dirent tons (excepte cenx qni se tnrent)'*. Andere Eigen- tümlichkeiten Rabelais', die bis zum Bruchteil übertriebenen Zahlangaben und die kolossalen Aufzählungen, finden wir nicht bei ihm.

W^enn hier der Riese vergröbert, so wird er in einer im 18. Jahrhundert erschienenen Schrift, deren Inhalt Regis uns angiebt, dem Geiste dieses Jahrhunderts ent- sprechend verfeinert. Die Schrift enthält aber einige groteske Züge, die Erwähnung verdienen. Es ist dies „la vie du fameux Gargantuas, le plus terrible geant qui ait Jamals paru sur la terre. Traduction nouvelle, dressee sur un ancien manuscrit qui s'est trouve dans la bibliotheque du grand Mogol. A Troyes chez Garnier'*. Die Erlaubnis des Königs ist vom 12. Juli 1728 ^ — Mit grösserem Recht hätte man dieser Schrift den Titel ,,der salonfähige Gar- gantua" geben können. Denn hier ist der ungeschlachte Riese ein Salonmensch geworden, der tanzen lernt und Musik treibt. Freilich ist er in dieser neuen Rolle noch etwas ungeschickt; so zersprengt er seinem Musiklehrer durch blosses Skalasingen das Trommelfell und löscht


1 cf. Regis; II 1. p. CXLIX Anmerkung.


282 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

durch den Luftzug, den er durch hüfhches Hutabnehmen im Tanzsiuil verursacht, plötzhch alle Lichter aus. Auch scheint die Musik auf ihn nur die Wirkung eines Schlum- merliedes auszuüben. Er schnarcht, während das Orchester spielt, so stark, dass er alle Instrumente übertönt. Auch in seinen sonstigen Bethätigungen zeigt er, dass ihm die Perrücke, der Degen und die Handschuhe noch recht un- bequem sind und dass er trotz dieses äusseren Firnisses doch im Grunde noch der alte Säufer und Fresser ist,. den wir bisher an ihm gekannt haben. Auf seine Suppe streut er vier Centner Pfeffer; sein Weinglas, welches un- gefähr zwölf Oxhoft enthält, leert er auf einen Zug. Wenn er aber früher, trotz seiner Kolossalität, doch ein durch- aus gemütlicher und gutmütiger Geselle w^ar, der nichts Schreckliches an sich hatte, so scheint sich mit der Zeit sein Charakter geändert zu haben. Furchtbar ist sein Anblick, wenn er die Ochsen mit samt ihren Knochen zermalmt, denn seine Zähne sprühen Funken, wie ein Hochofen. Aber noch viel gräulicher nimmt er sich als Menschenfresser aus. Verschlingt er doch eine seiner Ammen, Madame La Vallee (l'avalee), mit Haut und Haar!. Freilich giebt er sie alsbald ganz, aber erstickt, von sich. — Bei diesen gewaltigen Essleistungen ist ihm auch seine altbewährte Kraft nicht abhanden gekommen. Beim Richt- schmaus wirft er, den Göttern zum Opfer, mehrere Joch Ochsen mit einem Schleuderwurf so hoch gen Himmel, dass sie erst nach einer Viertelstunde wieder herunter- fallen; sie schlagen aber so tief in den Boden ein, dass sie verschwinden.

Die Nachahmung Rabelais' hat sich aber nicht bloss auf weiteres Ausspinnen seines Romans beschränkt, sondern zeigt sich auch in andern stofflich von Rabelais unabhängigen Werken. Als einen Affen Rabelais' hatte Estienne Pasquier schon Noel du Fall ^ bezeichnet. Wenn wir genau zusehen^

1 Ich benutze die Ausgabe der bibliotheque elzevirienne : Oeuvres fa- ct'tieuses, 2 Bde., enthaltend: Propos rustiques et facecieux, Baliverneries ou Contes nouveaux, Contes et discours d'Eutrapel.


Kap.I. Die ausseien Nachahmer Rabelais' u. d. von ilini beeinflusste Kunst. 2-^vJ

müssen wir aber gestehen, dass dieser V^orwurf übertrieben ist. Die NachrdTung des phantasievollen Satirikers, durch den hausbackenen, erhndungsarmen, treuen Sittenmaler du Fail beschränkt sich auf einige wenige Ausserlichkeiten. Gro- teske Satire lindet sich kaum bei ihm. Wo er in den Contes et discours d'Eutrapel die Gerichte z. B. durch die Rede, welche er dem Polygame in den Mund legt, an- greift, wo er sich gegen die Laster des Klerus, die Ver- derbtheit der Kirche, die Käuflichkeit der Ämter, die Brutalität der grossen Herren und die Eitelkeit der Em- porkömmlinge erhebt, thut er es offen und direkt. Gro- teske Übertreibungen kommen nur selten vor, so z. B,, wenn eine Dirne zu einer andern, um sich zu rühmen, erzählt : ,,qNe s/ tous ceiix qtii luv avoient fait son paqtiet s'entretcnoyent par les mains, ils pourroierit bien daiiccr deptüs Caresme-preiiant jiisqties ä Qiiasi-juoäo, c'est ä dire depiiis Paris jiisqncs ä Loti-Jmneaw' , und darauf die an- dere erwidert: ,,qtie si eile avoit lors de son deces, de chactin, ä qui eile avoit preste son noc, un De Profiin- dis, eile s'assetiroit, qtielques affaires qn'elle enst en avee le nionde, iie passer par les destroits brtdans ni estre flambee . . ." (II 133). — Einige Übertreibungen sind auch nichts anderes als Reminiscenzen aus Rabelais. So die Art, auf welche er die ungeheuere Menge von Heil- mitteln gegen die Gicht hervorhebt: ,,Il faudroit des aigiiilles autant qn'il en poiirroit en Veglise Nostre Dame de Paris ponr eoiidre les pockes et sacs oit sont les dictes recettes'\ (Bd. I p. 272). — Dies erinnert an Rabelais, Nouv. Prol. IV, wo es heisst: ,,L'aiUre soiihaitoit le temple de Nostre Dame toul plein d'aignilles asserees, depiiis le pave ßtsqnes an plus Jianlt des votdtes et avoir autant d'escus an soleil qu'il en pourroit entrer en autant de sacs que Von ponrroit couldre de toutes et une chascnne aiguille^ jusqnes ä ce que toutes fussent crevees ou espoinctees . — Eutrapel selbst ist in mehr als einer Beziehung ein zwei- ter Panurge zu nennen, und Noel du Fail lässt seine Kenntnis des Rabelais durchblicken, wenn er z. B. auf


284 Dritter Teil: Die Zeit nach Kabelais.

Panurge's Spruch hinweist, dass ,,inai^is rnagnos liericos noii sunt NiaM'is magtios sapieiites ^ (II. Bd. p. 44). Nur hie und da treffen wir auch bei ihm die charakteristischen AufzähUingen Rabelais. So in den BaUverneries ou contes nouveaux p. 182, wo von den Frauen erzählt wird: „Les fefiimcs cstoient plus anbesognees que viiigt ä emhalcr leurs pelotons, engaisner leurs forcettes, enfiler leurs ais- guilles, contrepasser letirs espingliers, empescr leiir cotivre chefi, piinpclotcr leurs taborets, hanicrocher leurs moustar- diers, faire de fauces fesses, atinter leurs colets, enferrer leurs demy ceints, contrebiller leurs paquets, ensacher leurs devidets, entraver leurs gnrde culs^ taboider leurs cas- settes, rembarer leurs huges, consolider leurs pesons, eu- foncer leurs sarbateines, contrepeler leurs outils, euvelop- per leurs quenouüles, confoiidre leurs hanicrocheinents , iustruire leurs niets, calfeuter leurs travails, emnancher leurs sabot.2, crocheter leurs contre-huysJ'

Von einer anderen weniger anziehenden Seite zei- gen sich die Frauen in den Propos rustiques et facecieux p. 88, wo sie einander, nachdem sie sich durchgehauen haben, in tollster Wut folgende Schimpfwörter zurufen: PutainSy Vesses, Ribaudes, Paillardes, Prestresses, Borde- lieres, Tripieres, Lorpidoiis, vieilles Edentees, Meschantes, Larrotiuesses, Maraudes^ Coquiites, Sorcieres, Infames^ Jruyes, Chiennes, Cornmcres de fesses, Foireuses, Mor- vieuses, Chassieuses, Pouilleuses, Baveuses, Merdeuses, Glorien ses , Malheur euses , Tigneuses, Galeuses , vieilles Haquebutes ä Croq, vieilles Dogues plus ridees qu'tm houseau de chasse niaree, vieiix Cabas, denieurans de Gens darmes, Maquerelles, Brouillons, Effrontees, Puantes, Rouillees, Effacees, Mastines tannees, Louves . . .^ Nicht


1 Reminiszenzen aus Rabelais sind auch folgende Stellen: I p. 179, wo von Laringues und Pharingues die Rede ist (cf. Rab. II 32); I p. 197, wo Janotus de Bragmardo vorkommt; II p. 41, wo die scholastische Unter- suchung „An chimaera bombinans . . ." cf. Rab. II 7, erwähnt wird; II p. 134, wo der Frere Fredon namhaft gemacht wird, cf. Rab. V 28 u. a.

2 Andere Aufzählungen : Baliverneries et contes nouveaux p. 154 ff., p. 164, p. 187. — Propos rustiques et facecieux p. 52, p. 116.


Kap. I. Die äusseren NachaJimer Rabelais" u, d. von ihm beeinflusste Kunst. 28l>

immer gelin|2:t aber du Fall dieser schwungvolle, energische Ton. Öfters sieht es aus, als ob er mitten im Anlauf, den er nimmt, um die grossartigen Aufzrihlungen seines Vorbil- des nachzuahmen, stecken bleibe, stolpere oder anstosse. Er springt nicht entschlossen und kühn ans Ziel, sondern trottelt oft nur gemütlich hin. So in folgendem Beispiel: Nachdem Eutrapel dem Rechtsgelehrten und vVdvokaten Lupoide vorgeworfen hat, dass er statt die Leute zur Sanftmut und zur Versöhnlichkeit zu ermahnen, das Ge- genteil thue, fährt er folgendermassen fort: ,,Si tu con- tiniies ä Vadveriiv en mie teile mcschantc vie et qiie tu n'appelles tont le monde ä reconciliation et amitie, je met- trny sitr tou sepulere, fccis tu n'as plus qiie deiix jours tttiles et de palais en ceste terre) un trophee de tes heiles victoires, savoir deux grcmdes perches de hois, semees et cousues de recolemens et confrontations de tesrnoings, griefs, salvatiofis, contredits, adver tissernents, iuterrogatioris, in- cidens de faux, comparans avec plusieurs fins de non recevoir, foles iutunatious et interlocutoires, tes lunettes et cscritoires joigucnites artificiellement le plant du tom- beati, Sans coinprendre ton Code et Decretales, les vrais outils et instrumens pour forger un hon chiquaneur, en- sernhle ton livre Coust^imier , hrouille, notc et inarquc, et tont ce mesnage attache avec une belle hart pour la me- moire du paiivre cMquaneur , et des ceste heure je vais apprendre ä ton logis l'image d'un appellaiit, avec un escriteau: Ceans y a honnc pratique . Contes et discours d'Eutrapel I p. 214, ähnlich II p. 163.

Auch nur in Äusserlichkeiten ahmt in seinen ,,Bigar- rures 1 ,,Etienne Tab ou rot der ,,seigneur des Ac- cords'^ (1547 — 1590) Rabelais nach. Er hat es hauptsäch- lich mit dessen Kalauern zu thun; neben einigen, die er ohne Weiteres aus Rabelais entlehnt (er sagt scrre argent statt sergent, und erklärt das Wort Paris, pourceque par ris eile flu compissee par Gargantua)^ bringt er eine ganze


1 Les Bigarrures du Seij^neur des Accords. Paris. Jean Richier 1588r


28G Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


Menge ähnlicher Wit/.e ^ ,,Miter iinc tottchc'^ ist ,,ttier iine iiioiiche\ ein ,,ij^allanl ist ein ,,qit(ist gay all(iitt^'\ „un sot palt' (I p. 96) ist ein „pot snle' . Auch Panurge's sau- beres ,,Eqnivoqttcs siir a Bcaiiniont le viconte^^ , das er I p. 97 zugleich mit einem andern anführt 2, scheint folgen- des Anekdötchen veranlasst zu haben: ,,Un hon geiitil- homme de Lnngttedoc disoit ordiiiair erneut, en sahiant totites les helles Madones qn'il voyoit, en son chernin: Bon Vit et long Madone, Dien vons doint ce que vostre cul desire. Et le pronon^oit fort hrttsquement , tellement qu'il sernhloit qu'il dist: Bonne vie et longiie, Dien vous doint ce que vostre coenr desire'^.

Die Aufzählungen Rabelais' werden auch hie und da nachgeahmt. So II p. 36: ,,N'a-t-on pas veu ces jours passes certains Capitaines prendre plaisir de se susnomnter, et tous leurs soldats, de ce qui se treuve sur un cheval, oii il se treuva taut de seignenries, quHl y en avoit asses pour peupler un pays. Leurs noms estoient, si je nie sou- viens^ ainsi: Monsietir du Clou, du Per, de la Boucle, de Lardillon, de Lard, de Dillon^ de Lencol, de Luve, de Colure, de Lencolure, du Crin^ d'Hierre, de Criniere, de Clape, de Clapon, de Ponnierre, de Claponiere, de la Bourre, du Cuyr, de Sangle, de Vestrier, de Bride, de Mors^ de Canon, de Cranpon, de Largon, du Poitral, de la Croupe, d'Houpiere, de Croupiere, de la Seile, du Pas, du Trot, du Galop, des Renes, de la Branche, de la Hottsse, d'Houssine, de la Courroye, de Gommelle etc/*^ Auf der folgenden Seite haben wir auch eine Aufzählung von 49 Namen. Andere Aufzählungen finden wir I p. 80, 81 ; II p. 16 ff.

1 Auch Bouchet, sieur de Broncourt, hat in seinen Serees (1584) hie und da solche Witze. Er spielt mit „milice" und „malice". Sonst hat er nichts von Rabelais. Er kennt ihn aber gut, wie man aus einer Äusse- rung über die Prozesse sehen kann: Tome I p. 323 „Et le pis est, qu'en- cores qu'en ait obtenu et gaigne son proces, on peut seulement dire, comme feit Panurge: J'en ay faict dire; mais il me couste bon, sans considerer que Proces est une beste farouche et difficile ä manier". — Seine Satire ist recht zahm; er streift nur mit Vorsicht religiöse und politische Fragen.

^ I p. 64 findet sich eine Anspielung auf Raminagrobis' or^a.


K;ip.I. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u.d. von ihm heeinflussle Knust. ?S7

Viel besser als von den bisher behandelten Sehrift- stellern sind die Äusserliehkeiten Rabelais' von Beroalde de Verville naeh<:>eahmt worden. In seinem Moyen de parvenir^ ed. 1010 wimmelt es geradezu von albernen Kalauern dieser Art. Er bringt es fertig mit jedem mögliehen ■\\'ort zu spielen: „Messieurs^' wird zu „Mcsciciirs , ,,ccrc- ifioniczn ,,sermomiie" , ,,paraphrasc" zu ,,parc ä phrase , ,,Jio- jiiiliC' zu ,,()n me He" oder „liornme He, „cause zu ,,qti'ose", „gciienlogie" zu ,,geuc ä logis" , „parlemcnts" zu ,,par Ic Maus", „passage" zu ,,pas sage" , „Satire" zu „^a Hre" , „dessein" zu „des seins" u. s. w.; wo es aber nur immer möglich ist, legt er dem Wort einen gemeinen oder zotigen Sinn unter: „doctrine" wird zu „docte iirine"\ „le viHpendoit" zu „le vis liii pendoit"\ „circoncision" wird zu „sire con ci scions"\ „V endelechie" zu ,,l'en- droit oiv Von chie" (Cap. X). — Auch solche Witze „je imiis averHs que votis ayes des fl acons (ils sont boiis vaisseaux fermant ä vis)" finden sich in Menge in diesem Buche, welches man eine wahre Fundgrube von Schmutz tmd Gemeinheit nennen könnte. Rabelais ist keusch da- gegen, und selbst die Gedichte der Makaroniker sind dem Moyen de parvenir gegenüber eine unschuldige Lektüre. Nur die Kehrseite des grossen Satirikers kennt Beroalde ; •er giebt es unbewusst eigentlich selbst zu, als er sich auf Rabelais beruft, um zu beweisen, dass sein Buch der Erzschlüssel aller Geheimnisse sei; denn „les substances de ce present oiivrage et enseignemens de ce Hvre furent trouvees entre les menties besognes de Ja fiUe de Vauteur" . Zu grotesker Satire erhebt er sich nicht. Wo er die Ge- brechen seiner Zeit geisselt, thut er es direkt, so wenn €r die Geometer, Geographen und Chronologen angreift (Cap. I) ,,ces iftventeurs de notiveaute^ , qia gast ei it la jeitnesse" , oder vor den Gelehrten warnt, die er Cap. XII nennt „ces enfarines qui gottrinandent Ja science et Veiii-

1 Le moyen de parvenir, oeuvre coutenant la raison de ce qui a este, €st et sera . . . par Beroalde de Verville, ed. d'un bibliophile campagnard. Paris, Willem, 2 vol. 1870.


288 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

pli'ssefit ä'ahiis, ccs pi/frcs presttnipttiettx . . . ccs cscor- cheiirs de latin, ces escarteleux de serttences, inacqtievanx de passages poetü/ttes'^ und Cap. 11 ,,gens latineux et de teile farine qiii rcmächent ce qiie les doctes anliqties ont jete et chie, et vont grattant dans les balmres et boiirbicrs du latin et Is eviers d'eloquence, potir en tirer qiielqiie haillon'^ .

Dagegen hat er dem Rabelais seine grotesken Über- treibungen abgelauscht. So beginnt das Werk gleich mit einer im Sinne Rabelais' gehaltenen Zeitbestimmung: ,,Car est il qtie ce flu an temps, mi siede, en l'indiction, cu Vcve, en l'hegire, en l'hehdovnade, an liistre, en V Olympia de, en Van, an t er ine, an mois, en la semaine, an jonr, ä fhcnre, ä la nminte, et jnstement ä l' instant qne, par l'avis et progres dn Demon des spheres, les etenfs dechnrent de credit, et qn'an lien d'eux, furent avancees les molles balles, an prejndice de la noble antiqnite qui se joiioit si jolimenP' Cap. I. — An anderer Stelle (Cap. VI.) giebt er folgende übergenaue Zeitangabe: ,,d'ici ä deux cent Irois ans, 10 mois, 7 jonrs, 19 henres, 40 minntes et 3 secondes jnstemenV .

Von seinem Buche und dessen Bedeutung spricht er im selben Stile wie Rabelais. Es enthalte, sagt er, das Geheimnis der Geheimnisse, man könne darin alle Ele- mente finden, die zur vollendeten Güte führen. Freilich müsse man Geist genug besitzen, um zu unterscheiden, was unter der Hülle verborgen sei. ,,Geniesst, Freunde, dieses Werk, ohne es zu entheiligen. Nach der Ansicht der Gelehrtesten und Weisesten enthält es, was Jeder weiss, gewusst hat, wissen wird, wissen und verstehen muss."

Die Lebendigkeit und ausserordentliche Fülle des Stiles, die atemlos langen Aufzählungen, die wir bei Ra- belais bemerkt, hat Beroalde nicht ohne Geschick wieder- gegeben. So sagt er von den Leuten, die sich zu einem grossen Festessen versammelt haben: ,,Qne flt-on lä? on parla, on mangea, on beut, on fit cliut, on se tent, on fit du bruict, on protesta, on rencontra, on rit, on bailla, on cn- tendit, on disputa, on cracha, on moucha, on s'estorina,


Kap.T, Die liusseren Nachahmer Rabelais' u.d. von ihm beeinflussteKunst, 289

oji s'cshaJu't, 011 (idniiva, ou i^uiissa, on rapporlu, on cn- tcndit, on bvouilla, on s'cschiircit , on dcsbattit, on s'accorda, on trinqna l'un ä l'autrc, on fit airroits, on rcmarqna, on trcsnioussd, on s'accorda, on cvia lont bas, on sc tcitt tont limit , on sc niocqnu, on niunnnva, on s'advisa, on sc rcprit^ on sc content (t, on passa Ic tcnips, on donla, on re- doutit, on s'assagist, on devint, on parvinV (Cap. XI p. 42 Bd. I). Und man lese, wie er gleich daraui' von sei- nem Buche spricht: ,,Il cn advint cc doctc rnonnmcnt, ce pvccicux nicniorial, cc joyciix rcpcrtoirc de pcrfcction, cet antidolc contrc tont niathcnr, ccttc affiloivc de bonnes gräccs, ce Moycn de parvcnir, iiniqnc bvcviairc de resoltttions nni- vcrscttcs et particnticres; ä qnoi on ne peut contribucr ni opposcr d'hypcrboles ni le redargiier de faiissetd". (Bd. I p. 42 Cap. XI.)

Solche Aufzählungen finden wir beinahe auf jeder Seite des Buches. Man lese nur gleich zu Anfang fol- gende Liste: ,,Totts Ics aiitrcs pvetcndns livres, cahicrs, volnmcs, tonics, ocnvrcs, livrcts, opnscnles, tibctlcs, frag- ments, epitömes, rcgisti'cs, inventaires, copies, bronillards, originattx, excmplaivcs, maniiscrits, irnprimes, igratigneSj bvcf les pancartes des bibtiotheqties, soit de ce qtii a eti, on est, on qni jamais cncorc ne fnt, on ne sera, sont ici cn limiiere pvophetises on rcstitnes; de perdns sont re- tronves et reconvrds. (Bd. I p. 48 Cap. XII.)

Diese Eigentümlichkeiten von Rabelais' Stil, welche, wie wir sehen, von Beroalde vorzüglich nachgeahmt sind, scheinen noch lange auf weitere Kreise Einfluss geübt zu haben. Die uns erhaltene letzte Receptionsacte der Gesellschaft der Narrenmutter zu Dijon ^ aus dem Jahre 1626 schreibt einen Stil, der ganz entschieden Reminis- cenzen an Rabelais aufweist. Das grossartige Schrift- stück hebt folgendermassen an: „Les snperlatifs, Mivcli- ficqnes et scientifiqnes Loppinans de V Infanterie Dijonnoise,

1 über die Gesellschaft der Narrenmutter zu Dijon (la Mere folie, la M^re folle, Mater Stultorum, l'Infanterie Dijonnoise), welche schon 1454 blühte, cf. Flögel p. 325 ff. Geschichte des Grotesk-komischen ed. Ebeling. Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 19


290 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

J^ci(C}is d' Apollo et des niitses. Notis legithnes Enfans Jignratifs du ven^rable p^re Bontems et de la Marotte nos petis fils neveux et arriere nevenx, rojtges, jmtnes, verts, couverts, decotiverts et fort s en gneule. A tous Fotix, Archifotix, Lttnatiqties, Heteroclites, Eventes, Poetes de natiire, bizarres, diirs et bien mols, Ahnanachs vietix et nonveaux, passes, presens et ä venir : Salut . . /^

Im selben Tone sind die Bestallungen der Mitglieder der Gesellschaft zu verschiedenen Ämtern abgefasst. Flö- gel giebt als Beispiel die ,,mslitiition de Malt re Jean Fachon, Attditetir de la Chambre des Comptes, en la Charge d'am- bassadenr de la Compagnie de Vinfanterie DijonnoiseJ' Der- selbe wird als Mitglied aufgenommen, weil er alle Eigen- schaften besitzt, die der Gesellschaft Ehre machen können. Hat er doch beteuert, dass er bereit sei „de bien vivre, boire, mancher et rire, en tont et par tout folatrer et sc divertir, tant qu'appetii et argent subsisteroient et assiste- roient!'^ Hat er doch vor allen Dingen gelobt ^^de nioiirir

Foii folatrant, fon Innatique,

Fou chinieriqne, fon fanatiqne,

Fon jovial, fon gracienx." Und es folgen noch 25 mit Fon verbundene Adjectiva, worauf die Liste mit den Worten schliesst:

,yFon cant, fon pantagrneliste,

Fon leger, fon cscarbillat ,

Fon indiscret, fon sans esclat,

Fon sur la terre, fon snr l'onde,

Fon en l'air, fon par tont le monde,

Fon conche, fon assis, fon debont,

Fon fa, fon lä, fon partont" i. Allenthalben Narrheit ! Das ist eigentlich der Wahlspruch von Rabelais' Afterschule, mag sie sich in diesem Schrift-


1 Die Carnevalgesellschaften befleissigen sich noch heutzutage eines grotesken Stils, so wenn sie verkündigen „Der Zug wird sich um 11 Uhr 52 Min. 33^/4 See. in Bewegung setzen", Namen wie Schnurr di Burr er- finden oder Närrische Jubel- und Trubel Sitzungen abhalten.


Kap.T. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u.d. von ihm beeinflusste Kunst. 291

Stück, oder im Moyen de Parvenir, oder im Disciple de Pantci^i^ruel äussern! — Zum Glück entwickelte sich aber neben dieser Nachahmung der Ausserlichkeiten Rabelais' eine andere innerliche, welche den Genius Rabelais' ver- stand, in sich aufnahm und zu verwerten wusste. Bevor wir uns aber mit derselben beschäftigen, müssen wir einen Blick auf ein Gebiet werfen, welches auch von dem uni- versellen Geiste des französischen grotesken Satirikers befruchtet wurde, nämlich auf das Gebiet der Kunst.

Rabelais war schon seit zwölf Jahren tot, als im Jahre 1565 der Verleger Richard Breton in Paris einen kleinen Band herausgab, der 120 Holzschnitte enthielt und den Titel trug ,,Les songes drolatiques de P a n t a g r u e 1 , oü sont contenues plusieurs figures de l'invention de maistre Frangois Rabelais, et derniere Oeu- vre d'iceluy pour la recreation des bons esprits" i. Er- klärungen waren denselben nicht beigegeben, aber in seinem Vorwort deutete der Verleger ausdrücklich darauf hin, dass man es hier mit dem letzten Werke Rabelais' zu thun habe. ,,La grande familiainte que fay eue avec Jeu Fran^ois Rabelais tii'a incitc (aniy lectetir) voire con- trainct de inettre ceste derniere de ses oeuvres en Imnieres . Die Wahrheit dieser Worte hat man mit Recht angezweifelt. Es ist mehr wie wahrscheinlich, dass der Verleger diese Bilder nur desshalb dem Rabelais zuschrieb, weil er da- durch auf grösseren Absatz zu rechnen hoffen durfte. Auch möchte Heulhard, der in seinem Werke über Ra- belais p. 217 auch auf die Songes drolatiques zu sprechen kommt, in den Worten des Verlegers selbst einen Beweis für die Unechtheit erblicken. Die Heulhard verdächtig vorkommenden Stellen sind: ,Je n'ay voulii m'atntiser ä discourir Vintention de Vaiitlieiir . . . priant un chaciin de


^ Die ,, Songes drolatiques" sind abgedruckt erstens : Im 9. Bd. der Edition variorum von Esmangart et Johann eau ; ausserdem haben wir eine Pariser Ausgabe 1869 Librairie Tross, endlich eine Genfer Ausgabe 1868, ■Gay et fils editeurs. Ich benutze die Pariser Ausgabe und zitiere nach derselben.


2*L^ Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


prcndre Ic tont cn honne part Vassctirant qttc mettant ceste octtvre en tnmiere je n'ay cntendu atiain y cstre taxd ne cojjipn's de quetqtie estat Ott condüion qii'il soit^ ains sett- leniciit potir servir de passe -temps ä la jetmesse, Joint anssi qiie pltisienrs bons esprits y potirront tirer des in- ventions potir faire crotestes qtie poitr etahtiv niascarades, Oll ponr appliqiier ä ce qii'ils trotiveront qne l'occasion tes incitera. Voilä en verite c e qni in' a cn partie in- dnit n e l ai s s er e v a n o n i r c c p c t i t l a b e n r, te priant ajfectuensement Ic recevoir d'anssi bon coeiir qti'il fest presente'^ . Heitlhard meint nun 1. c. p. 217, in diesen Worten blicke des Kaufmanns eigentliche Absicht durch: ,, Breton n'a pas ä se porter garant de Vinnocnite des al- Insions de Rabelais. II se defend de reproclies qni ne V atteindront pas, si Rabelais en est la cause. Enjin, en se retranchant derriere ViUilite qne penvent offrir les Soti- ges au point de vue du Carnaval, en la faisant valoir au principal titre, Ic libraire n'avotie-t-il pas et la specu- lation et la super chcrie?^' ^ — Wie dem auch sei, gewiss ist, dass wir es hier zum nicht geringsten Teile mit echt grotesken Figuren zu thun haben, in denen ein Hauch von Rabelais' Geist weht. Wenn es auch wohl ein ver-


1 Heulhard möchte diese Traumgesichte überhaupt nicht einem Franzosen zuschreiben „Plus j'examine les songes drolatiques" sagt er „plus j'y vois la lourde touche de quelque artiste allemand, dont le cerveau travail.le par les variations de Fischart sur le theme rabelaisien, a imagine des raffinements de burlesque (?) et des grossissements de face- ties. Plus je tourne autour de ces magots, plus je les trouve marques du caractere germanique. II y a entre eux et les heros de maltre Fran^ois une diiference qui blesse notre esprit fran^ais, autant qu' Affentheuerliche Rau- pengehoerliche Geschichtklitterung rapproche de Gargantua froisse nos oreilles gauloises". — Mit dieser Annahme hat aber Heulhard entschieden Unrecht* 1) sagt er selbst einige Zeilen vorher, dass ganz analoge groteske Figuren im „frontispice des devises heroiques" von Claude Paradin ed. 1557 und in den Vignettes zu Ovids Metamorphosen ed. v. Jean de Tournes sich finden. Dies sind aber doch Franzosen? — 2) muss Heulhard übersehn haben, dass Fischarts Gargantua erst 1575 erschien, und infolge dessen die 10 Jahre früher erschienenen Songes drolatiques unmöglich von ihm beein- tiusst sein können.


Kap. I. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u. d. von ihm beeinflusste Kunst. 293

gebliches Bemühen sein dürfte, nach dem Vorgange von Esmangart und Johanneau hinter jeder dieser von der tollsten und zügellosesten Phantasie getragenen Karika- turen die satirische Darstellung einer historischen oder einer in Rabelais' Roman vorkommenden Persönlichkeit zu suchen, so darf man doch ganz gewiss, ohne sich ins



1. (Fig. 4.)

Nebelhafte zu verlieren, in vielen dieser Bilder die gro- teske Karikatur dieses oder jenes Standes, dieses oder jenes Lasters oder Fehlers suchen. Und es ist recht be- zeichnend, dass uns auch hier wie in Rabelais' Roman zunächst die Satire des Ritterstandes entgegentritt. Da


294


Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


die Satire sich aber hier im Bilde ausdrückt, so sind nicht innerliche, sondern äusserliche Momente Gegenstand der- selben. Die schwere, plumpe, ungelenke, in der Zeit des aufkommenden Pulvers unnütz und unpraktisch erschei- nende Ritterrüstung fordert hauptsächlich den Spott heraus. So haben wir in Bild 1 — 4 (Fig. 4, 113, 109, 2) groteske Kari-



2. (Fig. 113.)

katuren der Rittertracht. Einmal ist es der Helm, der den Kopf so völlig verdeckt, dass man vom Kopfe nichts mehr sieht ; ein andermal ist es der Panzer, der sich über des Ritters Bauch in ganz abenteuerlicher Weise wölbt oder seinen Rücken wie eine Schildkrötenschale bedeckt.


Kap.I, Die äusseren Nacliahmer Rabelais' u.d. von ihm beeinllusste Kunst. 205


Diese Panzer sehen dabei so steif, so schwer und starr aus, dass wir das Gefühl haben, dass man sieh in den- selben kaum bewegen könnte Auf einem andern Bilde (5. Figur 1) verschwindet der Ritter überhaupt in sei- nem giockenähnlichen Panzer. Dabei ist er an seine Burg mit seinem Schwertgürtel so eng angebunden, dass



3. (FiK. 109.)

er mit derselben nur eine einzige von Stahl und Eisen, von Picken, Lanzen, Bogen und Fahnen geradezu star- rende, unförmliche und ungeheuerliche Masse bildet. Rit- ter und Burg, sie gehören zusammen! Und um das Band, das sie verknüpft, noch drastischer hervortreten zu lassen,.


296


Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


hat der Künstler hier die Burg mit Räderchen versehn, sodass der mit ihr verknüpfte Ritter nur derselben einen kleinen Stoss zu geben braucht, um mit seiner Burg ins Feld zu rollen.

Auch in 6. (Fig. 14) haben wir eine groteske Satire jener ,, Lebensanschauung vom Bergschloss, welche das



4. (Fig. 2.)

Charakteristikum des mittelalterlichen Adels war. Beim Anblick des Bildes könnte man sogar im Zweifel sein, ob man den Ritter selbst oder seine Burg vor sich hat. Der Panzer desselben macht den Eindruck einer wandelnden, aus starken Quadersteinen gebauten Burgmauer, auf wel- cher sich wie ein Thurm der mit flatternden Fahnen ge-


Kap.I. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u.d. von ihm beeinflusste Kunst. 297

schmückte Helm erhebt, aus welchem nicht einmal das Gesicht des Ritters sichtbar wird.

Und unoelenk wie die Rüstung des Ritters ist auch die Tracht seiner Ehehälfte, der Burgfrau. — Aber trotz ihrer panzerähnlichen Steifheit hat sie wegen ihres über- langen Schleiers (7, 8, 9) und ihrer oft das Gesicht gänz-



5. (Fig. 1.)

lieh vermummenden und in einen Schnabel aussartenden Kopfbedeckung (9) wenigstens den einen Vorteil : sie kann zur Not das verhüllen, w^as auch dem handfestesten Ritters- inann'eher Schrecken als Freude einflössen mochte (7, 8). — Aber wie Rabelais' Roman so bleiben auch Panta-


298


Dritter Teil : Die Zeit nach Rabelais.


gruel's Träume bei einer grotesken Verzerrung des Ritter- standes nicht stehen, sondern beleuchten auch andere Ver- kehrtheiten der Zeit. So möchte ich z. B. in Bild 11 (Fig. 31) eine gelungene groteske Karikatur des damaligen Gigerls erkennen. Schon damals scheint der Stutzer in seiner Kleidung hauptsächlich das Widersinnige gesucht zu haben»



6. (Fig. 14.) Sein niedliches Hütlein ist viel zu winzig, um ihm irgend- wie Schatten zu gewähren, dagegen ziert ihn eine unge- heuere vorn überhängende Pfauenfeder; seine engen Schuhe müssen ihn recht schmerzen, dagegen spart er auch hier nicht an unnützen Zierraten. Aber solche Un- gereimtheiten in der Kleidung gefallen der capriciösen


Kpa. I. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u. d. von ihm beeinflusste Kunst, 29J^


Laune des schönen Geschlechtes, und bei hübschen Mäd- chen gut anzukommen, das betrachtete der Herr von Gigerl im IG. Jahrhundert auch schon als eine seiner Hauptaufgaben. Seine unternehmenden Absichten treten auch echt grotesk, ganz unverhüllt, zu Tage, und wir möchten uns beinahe fragen, ob der Blick, den er der



7. (Fig. 35.) gegenüberstehenden Amme, Büd 10 (Fig. 30), zuwirft und die zweifelnde Gebärde, die er macht, nicht heissen soll: ,,Wer weiss, ob ich nicht einige Schuld trage am Dasein der Kinderchen, die du trägst? Oder wenigstens an dem des einen oder des andern. Denn auch hier haben wir es nicht mit einer gewöhnlichen Amme zu thun. Dies


800


Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


groteske Weib hat nicht weniger denn sieben Kinder zu besorgen. An jeder Brust hängt ein Säugling; einen an- dern hat sie unter den Arm gesteckt, und vier kleine Teufelskerlchen krabbeln im umgewandten Rande ihres



8. (Fig. 41.)

Kleides munter und lustig herum ! Die Gier, mit welcher das eine die Brust der Amme erfasst, lässt beinahe be- fürchten, dass es später dieselben Fähigkeiten entwickeln werde, wie jener seltsame Kauz 12 (Fig. 44), der mit solcher Leidenschaft sich an einen grossen Kessel anschmiegt, ivelcher wohl irgend eine köstliche kochende Brühe ent- hält, dass er mit demselben, gerade wie der Ritter mit


Kap.I. Die äusseren Nachahmer Rabelais'u.d.von ihm beeinflusste Kunst. 301


seiner Burg, zu einem Wesen zusammenzuwachsen scheint. Noch manche andere Bilder satirisieren die Gefrässigkeit und die Trunksucht i; häufiger sind noch diejenigen, welche die Geilheit karikieren sollen. Um dieselbe recht grotesk



9. (Fig. 71.)

zu charakterisieren, nimmt der Phallus der betreffenden Personen gewöhnlich so übertriebene Dimensionen an,


1 So Fig. 97 und 115, wo wir es einmal mit einer Magd [zu thun haben, die mit ihrer überlangen Zunge einen Löffel ableckt, den sie in einen Topf eintaucl t, ein ander Mal mit einem Männchen, das mit übertrie- bener Gier eine Platte mit der Zunge reinigt. Dazu gehören auch, Fig. 103, ein zur Pastete gewordener Mensch, Fig. 120, die Säuferin, und wohl auch Fig. 42.


302


Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


dass er das wichtigste Glied des ganzen Körpers wird; so sehen wir in Fig. 112 ein kleines Männchen, das aus nichts besteht, wie aus Kopf, Füssen und einem mächtigen bis zur Nase aufstrebenden laborator nattiraCy um mit Rabelais zu reden; und Bild 13 (Fig. 58) zeigt uns ein höchst merkwürdiges Wesen, dessen betreffendes Glied so ge-



10. (Fig. 30.)

waltig ist, dass es dasselbe auf zwei Räderchen vor sich her- rollen muss 1. Allzuviel ist ungesund, sagt das Sprich-


I Seltener ist die Allegorie, so Fig. 23 ein Mann, der durch den Bockskopf, welchen er an der Spitze seines Gliedes trägt, versinnbildlichen soll, was seine Gewohnheiten sind, cf. auch Fig. 32, die Schwätzerin u. s. w.


Kap. [. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u.d. von ilmi bceinflusste Kunst. 303


wort, und so haben denn sehr viele, die dem Gotte Priap zu eitVii^ gedient, an den Fol.<2^en ihrer Ausschweifungen furchtbar zu leiden. Mit schmerzlichem Gesichtsausdruck weisen sie auf das Corpus delicti hin, welches mit seinen widerlichen seltsamen Geschwüren einen gräulichen An- blick bietet (Fig. 50, 53, 60, 99). Der eine von ihnen



11. (Fig. 31.)

zückt sogar schon das Messer, um das auszuführen, was im Gargantua die kreissende Gargamelle ihrem Manne zuruft (I 6) „Mais pleiist ä Dien qiie voiis l'enssies coupe'^ Mit derartigen grotesken Figuren (cf. ähnliche, Fig. 3, 22, 61, 65, 70, 73, 74, 96, 98, 118), sind die zahlreichen


304


Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


phantastischen Bilder, die wir in den Träumen finden, nicht zu verwechseln. So hat Bild 14 (Fig. 19), jenes seltsame, vermummte Wesen ohne Arme, aus dessen flaschenähn- lichem Kopf ein vier Vögelchen tragender Stecken heraus- ragt, an dessen Seite ein Köcher hängt, in welchem ein wunderliches Tier zappelt, und dessen mit weiten Hosen



12. (Fig. 44.)


bekleidete Beine in merkwürdige, mit Räderchen behaftete Füsse auslaufen, nichts Groteskes, sondern ist ebenso phan- tastisch wie jenes cicadenähnliche Tier (Fig. 81) mit Men- schenbeinen und einer Schneckenschale auf dem Rücken, aus welcher eine Teufelsmaske grinzt. Nicht die Satire, sondern die zügelloseste und abenteuerlichste Fieberphan-


Kap.I. Die äus'iercn Xacliahnier Rabelais' u. d. von ihm beeinfliisste Kunst. 305

tiisie, hat sie eingegeben! (cf. Tihnliche, Fig. IG, 17, 21, 29, 3G, 77. 78, 80, 83, 85, 87, 101, 102, 111 u. s. w.) — Übrigens können auch sie dem Einfluss Rabelais' ihren Ursprung A'er- danken; denn auch bei ihm begegnen wir derartigen phan- tastischen Gestalten. Man denke nur z. B. an die Kinder der Antiphysis, deren Augen weit vom Kopf abstehen, auf



13. (Fig. 58.)


Knochen „gleich Fersenbeinen' ^ deren Füsse knäuelrund sind, deren Arme und Hände nach den Schultern zurück- gebogen sind ; man denke nur an die Ungeheuer wie Qua- resme-prenant, wie Grippeminaud, Hörensagen und viele andere.


Schneegans, Gesch. d. grot. Satire.


20


306


Dritter Teil: Die Zeit n^ch Rabelais.


Doch Standen solche phantastische Gestalten, wie sie die Träume unter anderen bieten, in der Zeit nicht allein. Wir haben aus der Mitte des 16. Jahrhunderts unter den Werken des Flamländers Peter Breughel, einige Stiche, die ganz denselben Geist atmen wie die phantastischen Bilder unter den Träumen. Wie Wright



14. (Fig. 19.)

1. c. p. 263 ff. zeigt, war Breughel selbst beeinflusst worden durch die verschiedenen Darstellungen der Versuchung des h. Antonius, wie sie zuerst im Mittelalter, dann am Anfange der Renaissance von Schöngauer, Van Mechen und Lucas Cranach gezeichnet worden waren. Seine Ge-


Kap. I. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u. d. von ihm becinflusste Kunst. .'507

bilde zeichneten sich vor allen vorhergegangenen durch eine geradezu extravagante Einbildungskraft aus. Es ist recht eigentümlich, dass uns aus demselben Jahre 1565, in welchem die Träume die Presse verliessen, ein Stich BreugheFs erhalten ist, betitelt: ,,Diviis Jacobits diabolicis pracstigiis ante mai^iun sistitur'^ , welcher uns Ungeheuer zeigt, die ebenso abenteuerlich gestaltet sind, als die- jenigen der Träume. Neben einem auf bepanzerten Beinen stolz einherschreitenden Eselskopf, kollert auf dem Boden ein Menschenhaupt, das sich mittels vier zappelnder hinter und vor den Ohren angebrachter Beinchen recht munter zu bewegen scheint. Hinter demselben starrt ein auf zwei nackten Menschenbeinen sich erhebender Pferde- schädel teilnahmslos in die Ferne, während ein furchtbar aufgeregtes Tier, wie erschrocken, die Arme in die Luft emporstreckt (Abgebildet Wright 1. c. p. 265 Fig. 156). Auf dem Pendant dieses Bildes (cf. Wright 1. c. p. 266 Fig. 157) sehen wir ebenso seltsame Wesen, so einen Kopf, der sich auf den Ellenbogen vorwärts zu bewegen scheint, dessen Zunge von einem Nagel und dessen rechte Hand von einem Messer durchbohrt ist. Daneben steht ein würfelspielendes Äffchen, das ebenfalls nur aus Kopf und Armen besteht. Schon aus früherer Zeit (1558) stam- men Breughels Darstellungen der Tugenden und Laster. Nach denjenigen, die mir vorliegen, scheinen sie mir ebenfalls in das Gebiet des Phantastischen und nicht des Grotesken zu gehören. So kann z. B. das auf dem Boden sich schleppende, in einen Fischleib endigende merkwür- dige Wesen kaum als groteske Übertreibung der Faulheit angesehen werden (Wright 1. c. p. 266 Fig. 158). Das groteske Bild muss stets verständlich sein, die Satire muss in demselben nicht bloss klar und durchsichtig sein, sie muss sogar in die Augen springen. Solche groteske Bilder sind aber, soviel ich sehe, erst in den Songes de Pantagruel, erst in Folge des Einflusses Rabelais' ent- standen. Aber die groteske Karikatur hat in der Kunst des 16. Jahrhunderts nicht Wurzel geschlagen. Selbst


308 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

der berühmte Callot, der gewöhnlich als Vertreter des Grotesken angesehn wird, ist nach meiner Ansicht und^ soviel ich Bilder von ihm habe ansehen können, nicht zu denselben zu rechnen. Seine bebrillten Teufelchen, mit ihren schlauen, lidelen Gesichtern, die gewöhnlich durch eine gewisse Art unanständiger Musik den guten heiligen Antonius belästigen, sind recht amüsant, aber nicht gro- tesk (cf. Wright p. 279 Fig. 161). Vielleicht könnte man Groteskes in seinen ,,Capricci di varie tigure aus 1617 finden. Die eine von Wright (p. 275 Fig. 164, 165) mitge- teilte Figur des lahmen Bettlers hat etwas Karikierendes an sich; doch scheint dem Callot die ungeheuerliche extra- vagante Phantasie eines Breughel abzugehen i.

Wenn Callot eher zum Derbkomischen, Breughel (und viele Andere, so Hieronymus Bosch, Theodor von Bry und Salvator Rosa u. s. w.) eher zum Phantastischen hinneigen 2, so ist die überwiegende Mehrzahl der dama- ligen Karikaturen s3^mbolisch-allegorisierender Art. Wir haben schon vorher von den Karikaturen der Reformations- zeit gesprochen, wie sie in Deutschland auf Flugblättern verbreitet wurden. Von Frankreich gilt dasselbe wie von Deutschland ^. Auch bis ins 17. Jahrhundert hinein lassen sich ähnliche satirische Bilder verfolgen. So sind Rabelais' Feind und Freund Quaresme-prenant und Mardi-


1 Champfleury ist derselben Meinung, p. 211 sagt er: Les grotes- qiies sont peu de chose dans l'oeuvre considerable du graveur lorrain.

2 Auch dem Strassburger AVendel Dieterlin stand eine mächtige zü- gellose Phantasie zu Gebote. Seine architektonischen Entwürfe aus 1598 gehören aber schon eher in das Gebiet des Baroken als in dasjenige des Phantastischen oder Grotesken. Satirisches haben sie nicht an sich; auch zeigt sich an ihnen schon die dem Baroken im Gegensatz zum Grotesken anhaftende künstliche Ziererei.

3 So werden z. B. die Streitigkeiten der Lutheraner und Calvinisten, unter einander und mit den Papisten symbolisch dargestellt oder eher per- sonificiert, indem Luther und Calvin einerseits den Papst, der eine von rechts, der andere von links am Schopf fassen, andererseits einander selbst bedrohen, und zwar Calvin, indem er seine Bibel auf Luther schleudert, Luther dagegen^ indem er den Calvin am Barte zerrt (Fig. 155 p. 238 bei Th. Wright 1. c).


Kap. r. Die äusseren Nachahmer Rabelais' u. d. von ihm beeinllusste Kunst. 309

^ras allegorisch abgebildet (1660), ersterer als irrender Ritter, dessen Pferd um und um mit Fischen behängt ist, letzterer als dicker Koch, auf einem fetten Ochsen reitend, der mit lauter Kochgeschirren und Ustensilien geschmückt ist (cf. Th. Wright p. 341). — Groteske Bilder sind viel seltener. Aus dem 16. Jahrhundert kenne ich ausser den erwähnten keine. Was das 17. Jahrhundert betrifft, so sind mir folgende bekannt: einerseits die groteske Kari- katur des pnrasitopacdagogtis von Montmattr , dessen Schmarotzeranlagen so berüchtigt waren, dass man ihn geradezu als Kochgeschirr abbildete, seinen Hut als Deckel, die Arme als Henkel, die Beine als Topffüsse (cf. Grand- Carteret) ; andererseits die von uns in der Einleitung p. 48 schon erwähnte Karikatur des Generals Galas, dessen Dickleibigkeit so viel Aufsehn erregte, dass man ihn keu- chend, seinen Bauch auf einem Schubkarren vor sich herschiebend abkonterfeite (1635). In dem Rauch und Dampf, welcher dem Munde des mühsam sich vorwärts bewegenden Generals fortwährend herausquillt, waren aber folgende Verse zu lesen, welche insofern von In- teresse sind, als sie wiederum auf Rabelais hindeuten : ,Je suis ce grattd Galas, atitrefois daiis l'armee La gloire de VEspagnc et de tnes coinpagnons, Maintetiant je ne suis qu'un corps plein de furnee Pour avoir trop inatige de raves et d'oigiions; Gargantua jainais n'eut une teile pause.

u. s. w\ (Th.Wrightp. 325Fig. 176.) So wirft denn auch auf dem Gebiete der bildenden Kunst der ungeheuerliche Riese seinen Schatten bis in das 17. Jahrhundert.


310 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Rabelais'.

Wenn wir uns im vorigen Kapitel nur mit denjenigen Schriften beschäftigt haben, welche sich nur äusserlich an Rabelais angeschlossen und einzelne Merkmale seines Stiles angenommen hatten, so wollen wir nunmehr dazu übergehen, uns zu vergegenwärtigen, welchen Einfluss Rabelais auf die Satire seines Vaterlandes ausgeübt hat..

Zwar ist bei derjenigen Dichtungsart, welche sich selbst den Namen der Satire beilegt oder gemeiniglich als solche gilt^ ein derartiger Einfluss nicht bemerkbar. In den wenigen Satiren, die wir von Ronsard haben i, zeigt sich der hochmütige Dichter stets direkt agressiv.. In verletzendem scharfem Ton kanzelt er wie ein pedan- tischer Schulmeister diejenigen herunter, welche es wagen^ seine unantastbare Grösse zu bemängeln. Vauquelin de la Fresnaye giebt von seiner Satire selber die beste Charakteristik, wxnn er sagt, dass er vor Allem die Spur von Horaz verfolge ; gemütlich lächelt er in gut- mütigem Plaudertone über die Verkehrtheiten seiner Zeit -^ Montaigne's skeptischem Geist fehlte es viel zu sehr an der Kraft der Überzeugung und am Schwung der Leiden- schaft, als dass er dieselbe Bahn hätte betreten können, die Rabelais gewandelt war. Vom sichern Hafen aus,.


1 Ronsard kündigt zwar selber hochtrabend an, dass er nunmehr Satiriker werden wolle: „J'ai trop longtemps suivi le metier heroique [ Lyrique, elegiaque, je serai satirique". Man möge ihn, der sich mit dem, Gedanken trägt, der „censeur general" zu werden, nur nicht zum Zorne reizen. Sonst würde es einem übel gehen. „Qu'il craigne ma fureur. D'une encre plus noire | Je lui veux engraver les faits de son hisloire | D'un long trait sur le front, puis aille oü il pourra | Toujours entre les yeux ce trait luL demourra. Trotzdem verdient er den Namen eines Satirikers nicht.

2 ... Je vais suivant la trace, | de Juvenal, de Perse et par sur tous d'Horace | ... Er ist nicht grausam: „Je ne bats point, per sonne ne tue" (Satire ä Jean de Morel).


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Rabelais*. 311

WO er, der kalte Egoist, sich wohl und beha<:j;lich lühlt, lächelt und spöttelt er über die ver£>ebli('hen i'Vnstren- 2:un<^en derer, die in den wild auli^ehenden Wogen der politischen und religiösen Stürme bis zum Tode ihre An- sichten verfechten. Ihm wird es nicht einfallen, wie Ra- belais' Pantagruel, zur Fahrt nach Erforschung der Wahr- heit den Anker zu lichten und trotz der Stürme auf der See unentwegt mutig am Steuerruder zu bleiben, bis sein Fahrzeug das vorgesteckte Ziel erreicht hat ^. Und auchR(3gnier gehört schon jener Zeit des ausgehenden sechzehnten Jahrhunderts an, wo man des Kampfes müde war und lieber spöttelte und lächelte, als mit den Waffen vernichtender Satire zum Angriff stürmte. Auch Regnier schlägt lieber den horazischen Ton an, und wenn er auch in einzelnen Satiren ein ausgesprochenes Talent zum Ka- rikieren zeigt, so besitzt er doch nicht die mächtige, tolle, übersprudelnde Phantasie, welche groteske Gestalten zu schaffen im Stande wäre.

Um groteske Satire zu linden, müssen wir von der Zeit des Edikts von Nantes zurück in diejenige der bren- nenden Scheiterhaufen eilen, von der Zeit des Friedens in diejenige der Kämpfe zwischen Franz L und Karl V., in die Zeit, die Rabelais selbst die Waffen in die Hand gedrückt hatte. — Nach der Niederlage von Pavia war Franz I. sehr beliebt geworden. Wie gewöhnlich in Frank- reich, schrieb man die Niederlage dem Verrate zu; die schweizerischen Landsknechte, sagte man, wären durch spanisches Geld bestochen worden. In einer Unzahl von Gedichten verlieh man seiner Trauer und seinem Mitleid für den chevaleresken, aber unglücklichen König Aus-


1 über Montaigne's Charakter cf. Bonnefon: Montai<^nc, lluniime et l'oeuvre 1893: „La vieillesse avait accru rindifTcrence de ]Montaigne pour les choses exterieures: ce qui ne le toiichait pas directement le lai?sait desormais indiflerent. Avec l'a<je, son egoisme est plus profond et nioins deguise. J'en suis-li, ecrit-il, que sauf la santc et la vie, il n"est chose pourquoi je veuille ronger mes ongles et que je veuille acheter au ytr'w du tourment desprit et de la contrainte (p, 252).


312 i Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

druck K Einer solchen patriotischen Wallung folgte Ra- belais im ersten Buche des Gargantua (Cap. 39), als er plötzlich durch den Mund des Frere Jean ausrief: ,,Ho, warum bin ich nicht für 80 oder 100 Jahre König von Frankreich! Bei Gott! Die räudigen Hunde, die Aus- reisser von Pavia, wollt ich schon stäupen, so wahr mir Gott helfe! Möchten sie alle die Pest kriegen! Warum starben sie nicht lieber, als dass sie ihren guten König in solcher Not vcrliessen?'* — Im gleichen Verhältnis wie die Liebe zu Franz wuchs aber der Hass gegen den ,,Ga- nelo^', der ihn im Madrider Kerker schmachten liess. Und als derselbe später, nachdem Franz in sein Vater- land zurückgekehrt war, durch alle seine Erfolge geblen- det, entweder in emphatischem Tone Frankreich den Untergang schwor oder den geliebten Herrscher zu einem lächerlichen Duell auf einem Schiff, im Hemd, Dolch und Schwert in der Hand, forderte, da lachte man in Frank- reich über diesen König Picrochole. Und als dann alle diese mit spanischem Pathos angekündigten welterschüt- ternden Pläne zu nichts wurden, und das stolze Heer, welches die Provence verwüstet, vor Montmorency's Scharen und vor der süssen Allgewalt südfranzösischer Trau- ben die W^affen strecken musste, da war des Jauchzens und des Jubeins in den französischen Gauen kein Ende. Und Jeder sang auf seine Weise den horazischen Vers: ^^Pnrttiriimt motites, nascctur ridicuhis miis".

Unter denjenigen, welche das Missgeschick des spa- nischen Herrschers am lautesten verlachten, gehört in erster Reihe, Antonius de Arena (c. 1500 — 1544), welcher in seiner in macaronischem Latein verfassten „M e y g r a E n t r e p r i z a C a t o 1 i q u i I m p e r a t o r i s" -eine witzige Satire des Zuges nach der Provence giebt '^.


1 cf. Lenient: La satire en France 1877, I p. 273.

2 Meygra Entrepriza Catoliqui Imperatoris, quädo de anno Dni 1536 veniebat per Provensä bene corrossalus, impostam predere Franzä cum villis de Provenzä propter grossas et minutas getes reiohire per A. Arenam basti- fausata. Nouvelle cdilion pas Norbert Bonafous. Aix 1860. Über Arena


Kapitel IE. Die französiche vSatire im Geiste Rabelais'. 31.'»

Wenn Arena auch sehr oft parodistiscli verfrihrt, so ent- hält doch sein Gedicht einige groteske Züge, die ihm einen, wenn auch bescheidenen, Platz unter Frankreichs grotesken Satirikern einräumen. Schon in seinen früheren Schriften ^ finden sich hie und da langatmige Aufzählungen, wie sie hei Rabelais so häulig vorkommen. In hervorragendem Masse in der Prosaeinleitung derselben (p. X), wo der doctor dansans — denn so nennt sich Arena — die Frage untersucht ,,quid est dansa?'^ Da heisst es ,,Est itna grossissima consolatio, quam pvcndtint bragardi homines, cum bcllis gavsis sivc nmlicribiis dausando, chorisando , fringaudo, bnlando, de corpore gayo et frisco, qnmido me- nestrüis, carlainnairiis, loutarius, jiiglarins, tarnboniarius bassas et haiitas daiisas, tordiones branlos, inartingalas et alias saiitarellas tocat, siblat, carlamiiat , fifrat, tam- borlnat, harpat, rebecat, ßoutal, joudat^ organat^ caritat de gorgia, de carlanmsa clara, de carlaumsa siirda, deßouta de tribus pertiisis, et de Jloiita de noveni pertusis, de fifro, de ribeco^ de liarpa, de lobaiso, de dosayna, de calaniia, de trompetis, de corneto, de Clav er io, de organis, de espi- neta sola, de cistro solo, de espineta organisata, de inani- cordio, de escachorio, de chiplacliaplo, de fonfonia, de ca- lauicla, de sacabotis, de viola, de gtiiterra, de lendo, de clavicordio, de sauterio, de tainborino, de timbalis^ de cimbis, de coro, de flaviolo, et sie de aliis instrurnentis . . . etc.'^ -

cf. die biographischen Notizen in dieser Ausgabe, dann: Fabre: Antonius Arena, Notice historique et litteraire 1860, und Genthe: Geschichte der macaronischen Poesie, p. 147.

1 Dieselben sind zusammen unter folgendem Titel herausgegeben wor- <ien : Antonius de Arena, Proven^alis de bragardissima Villa de Soleriis, ad •suos compagnones qui sunt de persona friantes, bassas dansas et branlos practicantes, novellas de guerra Romana, Neapolitana et Genuensi mandat, ■una cum epistola ad falotissimam suani Garsam, danam Rosaeam per pas- sando tempus. Parisiis apud Galeotum a Prato, via Jacobaea sub Nävi aurca. Cum privilegio. Nach Genthe p. 149 ist dies der Titel der ersten Aus- gabe. Über die andern zahlreichen Ausgaben cf. Genthe 1. c. p. 148 fF, Ich benutze die Londoner Ausgabe vom Jahre 1758.

^ Andere Aufzählungen cf. de Gentilessiis istudantium p. 20 ff. der angegebenen Ausgabe, und de congedio p. 66 ff.


,'314 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

— Leider finden Avir diesen kräftigen Ton nicht sehr oft in der Meygra Entreprisa. In einigen Gestalten, so z. B. in derjenigen des Königs Jannus (Karl V.), welcher sich mit gewaltigen Eroberungsplänen trägt und die Beute schon vor der Schlacht verteilt, in den komischen Ge- stalten des Antonius de Leyva, des tölpischen Herzogs von Savoyen, des verräterischen Marquis von Saluces, entdecken wir zwar ebensoviele Nebenbuhler des Königs Picrochole und der Kapitäne Merdaille und Toucquedillon^ aber der Hochmut Karls V. ist im Vergleich zu Rabelais hier ziemlich matt ausgedrückt (cf. p. 19, auch p. 27 ft\). Zu etwas grösserem Schwünge und kräftigeren Übertrei- bungen erhebt sich der Dichter p. 42, wo vom furchtbaren Kaiser erzählt wird,

,,Qui durum ferrimi mangiat, arina siinul: Maysoiies fiintat cercans, et ciincta rapinat, Et foygat t er ras, pro retirare rohas; Et lardat popiiltim, qui non secreta revelat, Qtcamvis pro certo, nescius ipse sciat, Testiculos hoinimmt derrabat sive colhoaos] Tantiwt cum cordis gtierra tirare faciP'. Der Dichter scheint immer einen Anlauf nehmen zu wollen,, aber nach einigen Sprüngen bleibt er wieder stehen. Wir begegnen oft matten Versen, wie den folgenden: p. 44 j,Multti7nfortis erat sua l'avangardia grossa" , oder ,,Et sibi magna fuit hie artüharia grandis^' , ebendaselbst ,^Fo rt s'estonabat poptiltis cregnendo furorem" . ,,Bestia per pa- triam rara relicta fiiiP' ^, — Grosse Aufzählungen haben


1 Man vergleiche z. B. folgenden Passus p, 39, der die Schlechtigkeit des Weibes veranschaulichen soll, mit einer ähnlichen von uns zitierten Stelle (I 3) bei Merlin Coccai: „Nulla fere causa est, in qua non foemina litem I Ponat cum saltem gloria vexat eam | Foemina sola potest gentes destrusere plures | Si bene complaceat cunta maritus ei 1 Non est ira qui- dem mulierum desuper iram | De modica causa testa resversat eis | Foe- mina quando facit, quae vult, post facta retornat | cornua per testain saepe maritus habet | incarognatus nunc est in amore ribaldo | Quidam quem parlat publica fama satis | Temporibus nostris rarae virtute fruuntur | per totum. mundum luxuriare volunt. 1


Kapitel II, Die französische Satire im Geiste Rabelais'. .'Jlf)

wir selten. Die folgende (p. 61) lindet sonst nicht ihres Gleichen :

Atqtie Fcram-portam qiiacrcbat cum Rcuinsato, Dcscallis Vctcris, Viy^iicriuiuquc Pcquis, Et Seqiiiniiios de Cormis, atqiic Bocri, Et Petniin laiinis, Fcrrcrhimqiic Milou, De Meslis Dominum, cum de Corbone petebat Et la Resveriam, consiliare volens, Et Peyronetos, Raynaudum, deinde Miquelem Meygroni, Aufredus clericus atqtie fuit. Colloniam, Becaris, Pignolis, et Raphaelem Maurellum socium, Pontißciumque simul, Et Nicolas Fabri, de nobis charus amicus, lugcnio pleuuSj plurima jtira sciens: Et Desiderios, Briinellttm cum Domicello, Meulhoiwm vellet, atque Durandus erat, Atqiie Talamelltis, qui noii est iing calamellus, Declarans leges, dum calamellat eas: Silvi, Dasolis, Albi, Faber, atque Bugada Vitalis, Buxi, Sallaque, Melha vetus, Vincenti, Allicius, Caluinus, postque Donaudus, Tardivus, tarde qui remenare sapit; Poguantus, Geuesi, post et Frisqueria calvus Et Consollati, Besius, Erernita, Audricius, Dragui, Pontevcs cum Talamello Asterius, Ruffus, Blageriusque Vigil i. -Gewöhnlich scheint den Dichter eine gewisse Scheu, jn nicht zuviel zu sagen, zurückzuhalten. So p. 52, wenn er sagt:

,,Expavorditus tarn tunc erat undiquc campus Quod quasi per brayas inerda colabat eis^'. Der groteske Stil hat sonst einen Abscheu vor Wörtern wie ,, beinahe, fast, vielleicht, wahrscheinlich, und so be- denkliche Situationen, wie die in diesen Versen angedeu-


1 p. 58 haben wir eine Aufzählung von 5 Versen, p, G6 eine 10 Verse lange, p. 35 eine 6 Verse lange.


31G Dritter Teil: Die Zeit nach Kabelais.


tctc, malt er mit breitem Pinsel aus. Auch sonst ist Arena der Tradition des grotesken Stils nicht sehr treu geblieben. Onomatopoetische Wörter, die dem Gedanken einen vol- leren Klang verleihen sollen, hat er verhältnismässig wenig. Und es ist merkwürdig, dass er in der Meygra entrepriza gerade diese Seite des grotesken Stils nicht mehr ausgebeutet hat, da er doch in seinen andern Schrit- ten gezeigt hatte, dass ihm der Sinn dafür nicht fehlte. Kurz aufeinander folgten nämlich dort folgende Verse: Pou-poti! bombardae de toto parte petabant

Tif taf, tof et tif, dum la bombarda bisognat.

Et ttiba terribili sonitit taratantara parlat A lala tri-lito-ta dan-dara tar-la-ro-la

(Guerra Romana p. 2) Ttir-hi-ro-lti-ro diilciter ipse tenet

(p. 43 admonitio ad dansantes) Tan-ta-ri-rei-no , la turo luro luro

(p. 61 admonitio ad dansantes) Pe-to-to-pe-to-to-tam-far-la-ra-la-ri-re-on

(p. 62 admonitio ad dansantes) ^ In der ,, Meygra entrepryza'S wo die zahlreichen Kampf- beschreibungen zu derartigen Ausdrücken oft genug An- lass geboten hätten, finden wir nur folgende Verse : p. 56 ,,Ctiin rabido sonitu diu don campana sonabaP^ , p. 83 ,,Toupatata patatoii fort tamborina tocabantJ' p. 89 ^.Torcho-lorcho tri-trac bracchia semper agtmP' K


1 Andere, wenn auch nicht so krasse Beispiele cf. p. 39 im Quomodo congedium datur, p. 33 Consilium pro dansatoribus und in der Admonitio ad dansantes.

2 Recht selten ist der Gleichklang (p. 73 „Imperelatorem forte frotare facit"). — Dagegen finden sich manchmal Parodien antiker Verse, so z. B. von Virgils Versen : O passi graviora! dabit Deus his quoque finem; sie volo, sie jubeo, sit pro ratione voluntas" ; p. 40 (auch in der Guerra Romana 3): Audaces fortuna juvat timidosque repellit und' p. 66: Auri sacra fames in scelus omne rapit; per varios casus, per tot discrimina rerum , p. 83. Con-


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Kabelais'. 317

In demselben Jahre looT, in welchem Arena's Satire auf Karl V. erschien, erblickte ein anderes Büchlein das Licht der Welt, welches einen bedeutenden Sturm erregte und seinem Verfasser das Leben kostete. Es ist dies Bona- venturaDesPeriers'(c. 1500— 1544) Cymbalum mündig. Neben vielen burlesken Zügen ^ hat diese unter ihrem harmlosen Äusseren ausgesprochen atheistische Gesin- nungen bergende Schrift auch einige groteske Züge^ welche uns zwingen, bei ihr Halt zu machen. Der un- gläubige Desperiers, der die Bemühungen von Protestant und Katholik um die religiöse Wahrheit lächerlich findet, schlägt, als er alle die nach seiner Meinung vergeblichen Bemühungen der Menschen um den Stein der Weisen verspotten will, den grotesken Ton an. Um welche Kleinig- keiten und Äusserlichkeiten hauen und prügeln sie sich nicht blutig im Sande herum? Der eine sagt, dass man, um Stückchen des Steines der Weisen zu finden, rot und grün angezogen sein müsse; der andere zieht gelbe und blaue Kleidung vor. Der eine ist der Ansicht, dass man nur sechs Mal am Tage essen dürfe „avec certaine diette'^, der andere hält Beischlaf für verderblich ,X^ing dist qti'il fcmlt avoir de la chandelle, et ftist en plein inydi. L'atUre dict du contraire. Ils crient, ils se demement, üs se in- jurieiit, et dien s^ait les beaulx proces criminell qiii en sourdent, tellernent qu'il ii'y a conrt, rne, temple, fönt a ine, foire, niolin, place, cabaut ny bourdean, qiie tont ne soit plein de leurs parolles, caquet.s, dispiites^ factions, et en-


temuere omnes postquam jam fama vagatur. — Auch der in der anderen Schrift vorkommende Vers „At tuba terribili sonitu taratantara dicit" ist eine Parodie des Verses: At tuba terribilem sonitum effudit. cf. Genthe p. 296, 299.

1 Bonaventure Des Periers: Le Cymbalum mundi ed, p, Felix Frank, Paris 1873.

2 Der im AVirtshaus herumkneipende, überall hcramstehlende Mercur, der für die Olympier recht merkwürdige, auf ihr sittliches Leben ein grelles Streiflicht werfende Besorgungen zu machen hat, wäre in einer OfTenbach'- schen Operette recht wohl am Platze.


518 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

vics^^ ' p. 15, K). Und diejeni<2^en, welche glauben, dass der von ihnen gefundene Sand wirklich vom Stein der Weisen herrührt, sind so hochmütig, dass sie sich für berechtigt halten über Alles und Jedes ein Urteil zu fäl- len, über Himmel, Elyseische Felder, Laster, Tugend, Leben, Tod, Friede, Krieg, Vergangenheit, Zukunft, über Alles und vieles Andere noch. Es giebt nichts auf der Welt, was sie nicht in den Kreis ihrer Erörterungen zögen ^fVoirc jtisques aus petis chiens des garses des Druydes et jiisques aiix poiipees de lettrs petis enfans'^, — Allein, wir haben schon öfters darauf hingewiesen, dass die gro- teske Satire auf dem schwankenden und unsichern Boden der Skepsis sich nicht recht entwickeln kann. So sind denn solche Ausfälle, wie die- oben zitierten, bei Desperiers nur sporadischer Art. Dagegen sollte auf dem vulca- nischen, von Zorn und Erbitterung zitternden Boden . der calvinistischen Partei eine kraftstrotzende mächtige Pflanze erstehen, welche die bei Arena und Desperiers schüchtern sich hervorwagenden Keime in tiefen Schatten stellte.

Zwar mangelte es dem Führer der Partei, dem stren- gen, ascetischen Calvin viel zu sehr an jovialem Humor, als dass er selber seinen Angriffen gegen die Papisten das Gewand grotesker Satire umgelegt hätte. Er war eine viel zu nervös aufgeregte, viel zu hastige Natur, als dass er die Geduld gehabt hätte, zur Bekämpfung seiner Feinde den weiteren Weg der Ironie einzuschlagen 2. Der Zorn übermannte ihn, wenn er angriff; in seinen Pam- phleten geht er direkt mit gezückter Waffe auf den Feind los und mit wuchtigen Hieben lässt er sein Schwert auf ihn heruntersausen. An Grobheit giebt er Luther nichts


1 Andere Aufzählungen p. 49: On me tiendroit en chambre, . . . on nie froteroit, on me pigneroit, on m'accoustreroit, on m'adouroit, on me douroit, on me dorelotteroit 5 auch p. 30.

2 In einem Briete an Bucer, sagt Calvin: Je n'ai pas de plus grands •combats envers mes vices, qui sont tres nombreux et tres grands que celui que je soutiens contre mon impatience. Je n'ai jamais pu vaincre cette bete feroce. cf. Senebier: Hist. litt, de Geneve t. I p. 237.


Kapitel IL Die französische Salirc im (iciste Rabelais'. 319


nach; er ist in vSchimpfwörtern ebenso freif^ebii2j wie sein deutscher College, aber seinen Invectiven fehlt es an phan- tasievollen Einfällen und jovialer Wärme. Im Schulmeister- tone kanzelt er seinen Gegner herunter; er nimmt ihn bei den Ohren, schüttelt und rüttelt ihn. \^)r Ohrfeigen und selbst vor Fusstritten scheut er sich nicht. So wenn er dem Saconay, der es gewagt hatte, über seine Gelehrsam- keit und Tugend zu spotten, die Leviten liest, seine Straf- predigten mit Schimpfwörtern verbrämt: „o porce, bestia, latrator, Iciio et adolesceuttim corntptor, projectae libidinis tauvus'^ und ihn mit den liebenswürdigen Worten verab- schiedet: ,,. . . es ex eo daemotiiorum gencre, quae non possunt nisi in jejnnio cjici" i. Geradeso verfährt er mit Antoine Cathalan „ceste beste . . . ce siippost de taverne, . . ce badin, . . ce vilain gueux, ce mar mit, ce rnstre, "voirc affrontenr et ntffien notoire, . . . atitant digne de response qne le cri d'nn asne'^ . Und nicht minder freund- lich ist er mit dem ,,certain Hotlandois, lequel sous ombre de faire les Chrestiens tout spiritnels leiir permet de pol- luer Icitr corps en totites idolatrises^' . Von dem Buche dieses ,,baboiiin, broiiillon'^ sagt er geradezu ,,ta fin de son livre est comme le derriere d'un singe , und er spricht am Schluss seiner Streitschrift den grausamen Wunsch aus: „U ne reste ä ce vilain et ingrat sinon d'esconler conune ceci et finalement perir d'iine fa^on horrible avec tous cenx qn'il attierra ä sa niaiidite seqnelle".

Auch einem anderen der tapfersten Vertreter der Reformation, Heinrich Stephanus (1528 — 1598) gelingt die groteske Satire nicht. In seiner Apologie des H e r o d o t '^, die sich zur Aufgabe stellt, zu beweisen.


1 Gratulatio ad venerabilem presbyterum dominum Gabrielem de Sa- conay . . . p. 427 — 455. Calv. Op. ed. Baum, Cunitz, Reuss IX p. 170.

- Reformation pour imposer silence ä un ceitain belitre nomme An- toine Cathalan, jadis cordelier en Abigeois p. 121 — 136. Calvini Opera IX 1870.

3 Response ä un certain . . . wie oben, Calvini Opera IX p. 581 fF.

  • Apologie pour Herodote ou traite de la conforraite des merveilles


320 Dritter Tcü: Die Zeit nach Rabelais.

dass auch die gewagtesten Erziihlungen der Griechen nicht unglaubhafter seien, als alle die haarsträubenden Dinge, welche in seinem verworfenen Jahrhundert pas- sieren, in diesem ,,li(nuilhiariuiu opiis"^ welches wie ein kolossales Sündenregister alle menschlichen Narrheiten von Herodot bis ins 16. Jahrhundert in weitschweifiger breiter Darstellung vorführt, häuft er mit dem schwer- fälligen Ernste des Gelehrten Material auf Material, um durch die Wucht und Masse seiner enormen Belesenheit^ die er wie ein Arsenal hinter sich führt, den Gegner zu ersticken und zu erdrücken. Er kennt die geist- und phantasievolle, bis zur tollsten Unmöglichkeit verzerrende Satire seines grossen Zeitgenossen nicht; will er ein Ge- brechen oder ein Verbrechen seiner Zeit charakterisieren, so schnüffelt er, einem Maulwurf gleich, in allen möglichen und unmöglichen Schmökern herum, zieht Anecdötlein auf Anecdötlein und Sprüchlein auf Sprüchlein aus allen noch so unwahrscheinlichen Quellen, wie den Cent nou- velles nouvelles, dem Decameron und Heptameron^ den Liedern und Pamphleten der Zeit herbei, ladet damit sein schweres Katapultengeschütz und bombardiert die Veste seiner Feinde! Wenn er scherzen will, bringt er es nur zu trockenen Stubengelehrtenwitzeleien, er hat nichts von dem sprudelnden dem Leben frisch entquel- lenden Mutterwitze Rabelais'. Man vergleiche nur seine satirischen Bemerkungen über die Processe mit der von uns früher erwähnten Darstellung bei Rabelais. Wenn der groteske Satiriker (I 20) sagt ,,die Juristen machen mehr möglich als die Natur, und widersprechen ihren ei- genen Artikeln, die doch besagen, dass Gott allein Ewiges schaffen könne, die Natur dagegen nur Zeitliches, da sie jedem Ding, das sie hervorbringe, Zeit und Ende setze. Diese Nebelfresser dagegen machten alle Processe, welche bei ihnen anhängig sind, endlos und ewig", erzählt uns


anciennes avec les modernes ■ — avec des remarques de Le Duchat. A La Haye 1735, 3 Bde.


Kapitel 11. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 321

Stcphanus i^^anz trocken ,, . . . (in licu (jitc Ic tcinps passe Ic Foitcviit HC fo}\ii;coit qu'ini proccs siir Ui pointc d'itue nij;uillc, nmiulcuaut il cu fovii,c dcmi doii.zaitiC' oder ,,Le .\onii(uid iiiti soulüit sc viel Ire siir Vcan (faule de chcval) el euvoyer soii proees a picd par terre (poiir plus i^raudc seuvele) uuiinleuaul trouvc Ic nioyeu de le faire porler et Im. el sou proccs par uu chcval on pour le inoius uiie Junieul'^ (II. Hd. p. ,->63). — Wenn er die Gier und Trunksucht der Mönche geissein will, so führt er uns nicht wie Rabelais jene Dickwänste leibhaftig vor^ mit ihrer roten Nase und ihren sinnlichen Lippen, die sich jeden Augenblick in die Küche verirren und beim Anblick eines jeden Dirnleins in Wollustgedanken schwelgen, sondern hebt höchst ernst- haft und gravitätisch an: ,Jc di donc premicremeut quc si iious voulons tarier de la qualite des viandes autant qtie la quanlilc (c'cst ä dirc de la friaiidise autant quc de la gourmaudise) il nc nous fatit quc considercr ce qu'on appellc le vin thcologal et ce qu'on appclle pain de chapitre^'. (II. Bd. p. 529.) — Seine Witze sind meistens plump und ungeschickt: ,,Aussi ue dit-on saus catisc: gras conime

Uli nioine Je confesse bien toutesfois cju'on dit

aussi ce Conimc ,,Gras cominc un pourccau^ gras comme uu cocJion. Et de faict qu'il y ait qtielque corrcspondance ou analogie on Sympathie occulte entre les pourccaulx et les tnoincs (je di prenaut les nioines in pnris naturcdibus) leur hon sainct Antoinc l'a bien monstre: lequel en sa vie ayant gouverne un troupeau de pourccaulx^ voulut en sa niort avoir en gouvcrnenient un troupeau de rnoincs , (II. Bd. p. 537.) — Nur hie und da verirrt sich einmal ein grotesker Scherz in seine ungeheuerliche ^laterialiensamm- lung. In einem von ihm angeführten Gedicht werden den Mönchen der Reihe nach alle ihre gröbsten Fehler und Laster, die Press- und Trunksucht, Sittenlosigkeit, Faulheit, Heuchelei, entgegenhalten. Ganz verwundert, dass man ihnen solche Dinge vorwerfen könne, antworten sie mit naiver, scheinheiliger Miene : „Monsieur , nousfaisons le Service, Alles dies gehört zum Gottesdienst (Bd. II

Schnecg-ans, Gesch. d. grot. Satire. 21


322 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

p. 486). Auch eini<!^c den Scholastikern der Zeit in den Mund geleimte alberne Etymologien tragen das Gepräge des Grotesken auf sich. So z. H. die Herleitung von „mulier" aus ,,iuollis aer'^ (Bd. III p. W)))) oder die Etymo- logie des Wortes ,,Saccrdos'\ die sich in diesem Memorier- vers zusammenfassen lässt:

,,Sacris dotatiis et sacris deditus aiqiie

Sacra docens, sacra dans et diix sacer esto Sacerdos."

(Bd. m p. 192.) Solche Witze sind aber selten. Im Allgemeinen geht dem ernsten Gelehrten Stephanus der zur grotesken Satire notwendige Humor ab. Dagegen sollte der reformierten Partei in Frankreich in dem lustigen, jovialen Theodor von Beza (1519 — 1605), welcher in seiner Jugend ein lockerer Vogel gewesen war, ein talentvoller, zu unserer grotesken Satire wie prädestinierter Schildknappe erstehen. Der erste Präsident des Pariser Parlaments, Pierre Lizet, ein fanatischer Katholik, welcher nach einem Streite mit dem Cardinal von Lothringen sein Amt hatte nieder- legen müssen, und zum Tröste für diese Zurücksetzung mit der Abtei Sainct Victor beschenkt worden war, hatte von dort aus, obgleich er ein recht schlechter Theolog war, ein Buch gegen die neue Lehre veröffentlicht ^. Beza hielt diese Schrift einer ernsthaften Widerlegung nicht für würdig, sondern schrieb 1553 seine epistola magistri Passavantii, in welcher er den Abt von Sainct Victor und die ganze katholische Kirche in echt groteskem Tone verhöhnt ^. Diesem Brief liegt folgende Fiction zu Grunde.


1 Das Buch erschien unter dem Titel: Petri Lizeti Arverni Monti- genae, utroque jure consulti, primi Praesidis in supremo Regio Francorum consistorio, abbatisque commendatarii S. Victoris adversus Pseudo-Evange- licam Heresin libri seu Commentarü novem duobus excusi voluniinibus Lutet. 1551. 4.

2 Der Passavant, ^velcher 1553 erschien, konnte auch von Rabelais beeinflusst werden, wiewohl der Verf. desselben sich scharf gegen ihn aus- spricht: „Pantagruel cum suo libro quem fecit imprimere per favorem car- dinalium, qui amant vivere, sicut ille loquebatur." Übrigens sind einzelne


Kapitel Tl. Die französische Satire im Tieiste Rabelais'. 823

^Magister Passavant ist von Lizet nach Genf gesandt wor- den, damit er ihm berichte, welchen Eindruck sein Buch im Kreise der Ketzer gemacht habe. Um ohne Gefahr für seine Person die volle Wahrheit zu hören, führt sich Passavant bei den Häuptern der reformierten Partei selber als Ketzer ein, lässt sie über Lizet's Buch sprechen und berichtet dann treulich und mit aller wünschenswerten Gründlichkeit seinem Herren und Meister, was die Genfer an Schimpfereien gegen ihn vorgebracht haben, Beza leistet sich dabei ganz besonders den Scherz oftmals den Passa- vant so in Eifer geraten zu lassen, dass er sich nicht mehr wie ein blosser Berichterstatter gebärdet, sondern unbewusst seinem Herren die grössten Grobheiten ins Gesicht schleudert i. So komisch die Einkleidung des Briefes aber auch ist, so hat sie doch nichts Groteskes -'. Dafür ist aber der Brief selbst in hervorragendem Masse grotesk; er ist eine vortrefflich gelungene tolle Karikatur der Ignoranz, Dummheit und Unduldsamkeit der Papisten. Schon im Latein, welches der getreue Diener Lizet's schreibt, haben wir gerade wie in den Dunkelmänner- briefen, eine Verzerrung des schlechten Mönchlateins. Und diese Verzerrung nimmt oft grossartige Proportionen


spezielle Reminiscenzen ans R. in Anmerkung erwähnt in Liseux's Ausgabe des Passavant. Ich gebrauche die Ausgabe von Liseux.

1 So wenn er die Ansicht der Reformierten über Pierre Lizet an- führt: „ipsi dicunt quod tu es bene dignus cum monachis tuis, qui consumas vitam tuam in istis foetidissimis latrinis, quibus est plena bibliotheca Sancti Victoris, sicut porcus in luto, quod tu es;" auch wenn er mit scheinbarem Behagen erzählt, wie die Ketzer kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn sie von Lizet sprechen: Wenn es wahr wäre, sagen sie, dass alle Thoren ins Himmelreicli kommen, so würde Lizet schon 1000 Meilen über dem ^londhimmel sein. Es gäbe kein besseres Mittel, die Bestialität der Papi- sten der ganzen Welt recht krass zu offenbaren, als dass man das Buch Lizet's so oft als möglich wieder abdruckte. Lizet sei ein dummes, aber auch ein wunderthätiges Tier, denn wenn er auch nicht so gross wäre wie ein Elephant, so bringe er doch AVerke zu Tage, welche wahre Gebirge von Lächerlichkeit und Unwissenheit wären.

2 Oder sollte man darin eine L'bertreibung der Dummheit des biedern Passavant erkennen? Ich glaube es kaum.


324 Dritter leil: Die Zeit nach Rabelais.


an. Passavant übersetzt einfach lijanz wörtlich aus dem Französischen ins Lateinische, ohne sich im Geringsten um die Gesetze der Sprache zu kümmern. ,Jc crois qne ('est iiiie bo7ird&' übersetzt er schlankweg durch ,,crcdo qnod Sit ima hiircl(t'\ — ,Jc Ini fcrai bien sa barbe' heisst ,,facimn bciic ipsi sikuii barbauv ; ,,je fis cxcellcnte min&' wird ,Jcci optimani luinam'^. — Ähnliche wörtliche Über- setzungen hnden sich auf Schritt und Tritt ,dpse ribatdtis sie loqiiebatiir et ei^o movdebain mihi lingiiam; iit trans- irem nieani eholermn, ego jeci nie super unain magnam trtiitam ist ins iaens'*. Noch toller wird es, w^enn er das französische ,,tes poissons n'eji penvent mais wiedergiebt durch ,,pisees non possnnt sed'^ oder ,,tons les enfans zont ä la montarde" durch ,,at onines pneri vadnnt ad siruipim ,. und schliesslich ^,'ZY? che.z les chevanx et patise-les{Yes^. pense- les, früher waren die beiden Begriffe identisch, cf.Littre s. y. panser) durch ,,vade ad eqnos et cogita eos^\ Nach sol- chen Proben aus dem Briefe von Lizet's Schüler wird es uns nicht wundern, dass auch das Buch des verehrten Herrn Meisters von Passavant einen so harten Stil hatte^ dass es dem Papste, der sich seiner als ,,torcheciiV' be- dient hatte, ,,decorticavit totani Sedeni apostolicani ^

Die Ignoranz des Passavant zeigt sich aber nicht bloss in seiner Unkenntniss des Lateinischen. Sie er- streckt sich auf alle Gebiete. So verleiht er seiner Ent-


1 übrigens scheint Rab. IV 52 den AVitz veranlasst zu haben. Auch Stephanus wiederholt ihn in der Apologie 17. — Solche derbe Witze sind in der Schrift überzahlreich und werden wie in allen grotesken Schriften mit besonderem Behagen ausgeführt. So heisst es vom Papste Julius, dass er sich das Buch kommen lässt „ad suam latrinam, id est ad sedem forami- natam, quam dicunt trufatores esse beati Petri, ubi ipse Papa cacat, non in qualitate Dei super terram, sed in qualitate humanitatis suae cacaturien- tis". — Das sind burleske Details. Ebenso auch die Vision des Passavant: Der Abt Lizet, welcher beim Messelesen plötzlich laut und klangvoll „bom- binat". Ein Ketzer meint, es wäre ein Wunder, denn er spräche durch den flintermund. P. hält es für Weihrauch; eine ebenso grobe Beschim- pfung des kath. Ritus, als wenn er sagt: „Ihr lügt schmutziger als 1000 Messen, wenn dies überhaupt möglich wäre".


Kapitel II. Die franzosische Satirc im (leiste ]<abe]ais'. 325

rüstung darüber Ausdruck, dass die Ketzer ihr Gebet französisch sprächen, als ob die selige Jungfrau Maria nicht hiteinisch verstanden hätte, sie, welche sogar (sicut tcstis ejus Rosariitni) ihre Gebete hebräisch gesprochen hätte. Wenn Passavant sich solche Blossen giebt, ist es natürlich, dass er schreibt: ,, Darauf haben sie mir Dinge gesagt, die ich nicht verstand und die ihr nicht mehr verstehen würdet als elegantes Latein und Griechisch oder Hebräisch, d. h. die Ketzersprachen der zwei Testa- mente. Über die Ketzer hat er überhaupt die merkwür- digsten Ansichten: Er wundert sich sehr darüber, dass sie durchaus nicht melancholisch sind, und dass sie reden^ €ssen und trinken, wie die übrigen Menschen alle. Er hielt sie in seinem grossartigen Vertrauen auf die Ver- tilgungsmacht der alleinseligmachenden Kirche für so ganz vernichtet, dass es ihm recht bedenkliche Bauch- grimmen verursacht, als er in der Kirche Calvin's soviele Ketzer auf den Bänken sitzen sieht, dass es den Anschein hat, als ob man überhaupt noch keine verbrannt hätte.

Wenn aber Papisten vom Schlage Passavants für das Schalten und Walten der Ketzer keinen rechten Sinn haben, so zeigen sie desto grösseres Interesse für gewisse Dinge, welche so frommen Leuten eigentlich ganz gleich- gültig sein sollten. Am Ende seines Berichtes versäumt Passavant nicht seine besten Grüsse der Domina Marga- reta und Johanna und Domina de la Cotte violette und den elftausend Jungfrauen zu schicken, die in der Um- gegend der Abtei wohnen, und wie wir aus der manch- mal mit dem Passavant zusammengedruckten ,,Com- p 1 a i n t e de M e s s i r e P i e r r e L i z e t s u r 1 e t r e p a s de son feu nez^ ersehen, hatte der grimmige Abt für den von Rabelais so heissgeliebten Septembersaft (piiree septcnibrale) ein feines Verständnis. Er verehrte den


1 Das Gedicht iindet sich ausser im Passavant auch in den Satires •chretiennes de la cuisine papale (aus 1560) abt^echuckt. H. Estienne erin- nert auch daran Cap. XVII.


326 Dritter Teil: Die Zeit nach Kabelais,


Wein so sehr, dass er seine Flaschen kurzweg sein Him- meh-eich und sein Heil nannte und seine infolge des Trink'ens rötlich schimmernde Nase, die er ,,suce vin" und „vitiiic boiUeille'^ betitelte, und von welcher er sagte ,,ne:2 doiit nieme la roupie pissoit vin de gotidepie'^ , dass er diese Nase, die so gross war, als der Thurm auf dem Libanon, geradezu bezeichnete als die wirkliche Stütze unserer Kirche, würdig dass man sie kanonisiere i. Seine Religion besteht ja vor Allem in gutem Essen und Trinken, und in seinen Gebeten bittet er Gott vornehmlich um solche Dinge wie frians morcelets,

„CervelatSy pastes, espices,

Pieds, andotulles et smicisses,

Honnettr de nos cheminees,

Par iainbons et eschinees,

Boeuf sallat et hastiveaux ,

Pipes, poissons et tonneaux^' . Die Frömmigkeit äussert sich überhaupt auf recht merk- würdige Art bei diesen Leuten. So erzählt Passavant in sein^em Briefe ,,tantian profunde sunt contemtlatus pietatem nostrae inatris sanctae Ecclesiae, quod ego cecidi super nastim ineunt, sicut ego vos vidi facere quotidie et dormivi super. In wirklichem Sinne fromm sind die Papisten eigentlich nur dann, w^enn sie den Papst anbeten. In Be- zug auf diese Verehrung sind ihnen von der Kirche recht strenge Instructionen zu Teil geworden. Hat ihnen der Papst nicht selbst geschrieben: Wie der Sohn Gottes auf Erden gekommen ist, den Willen seines Vaters zu erfüllen, so müsst Ihr den Willen Eurer Mutter, d. h. der Kirche ausführen. Der h. Vater wird Eure Mutter sein, wie Gott Euer Vater ist. Und so müsse man auch beten ,, Un- sere Mutter, die du bist in Rom, dein Name werde ge- heiligt ....

Wie so häufig im grotesken Stile, so fehlen auch hier die Wortspiele nicht. Die Dekretalien w^erden zu


vray suppost de nostre eglise, digne qu'on te cannonise".


Kapitel IT. Die französische Satire im rieislL- Kabelais'. 327


,,Drcketns \xr\i\ „stercova, iiudc diaholns voim'l per foetiiliini OS Papne" , und von Lizet wird crzilhlt: ,JJ()Uiinii^ Xitpcr- Praesidois^ caiionav it , iii es/ l)(fniJ)iii(ivil , iiilcv c ii u v u- äuni iiiissani, iii est, est doctor in Jure C n ii ou i co , et d(d)it t (tut OS e (111 Ott es contra istos liaereticos, (juod heue impediet eos de (ipproxiiinire de sauet o sderau/euto". — Dagegen sind groteske Aufzilhlungen kaum \orhandLn (höchstens p. 149 ed. Liseux).

Während die anderen Pamphlete l>eza's eher alle- gorisch ^ als grotesk sind ^^ linden wir in den vSehriften des ebenfalls jovialen populären ,,coniuiis voyagciir" des Calvinismus, wie Lenient p. 194 den Pierre Viret nennt,

1 So genannt, weil er früher Parlamentspräsident war; öfters wird auch von ihm unter dem eleganten Titel gesprochen „Nunc abbalia".

2 So ,,le pape malade", wo die auftretenden Personen „pretrise, moine- rie, Eglise, Verite" der alten Moralitiit entnommen sind, und wo unter der Be- zeichnung „l'ambitieux, Taffame, l'outrecuide, le zelateur bestimmte Zeit- genossen eingeführt werden. Der Inhalt ist dem der deutschen Stücke, die wir I 4 erwähnten, ähnlich. Der Papst ist krank und wird vom Satan, sei- nem Arzt behandelt. (Dies eine kolossale Übertreibung grotesker Art ! Der Papst kann nur durch die Personification der Schlechtigkeit geheilt wer- den.) Es sind hauptsächlich Verdauungsbeschw^erden, die ihm zu schaffen machen. Deshalb muss er laxieren; was er Alles von sich giebt, nimmt kein Ende. Lenient 1. c. II p. 300: „C'est un flux de pardons, de bulles, de Grosses, de mitres, de chapeaux, de foudres, de reliques, de cloches, de luminaires etc. Über den weiteren Verlauf des Stückes cf. Lenient daselbst. Das sehr seltene Buch ist mir nicht zu Gesicht gekommen. Beza wird nocli eine andere allegorische Satire zugeschrieben „la Mappemonde papistique", die ich auch nicht habe einsehen können.

3 Auch nicht grotesk sind die Satiren Beza's gegen die Feinde der Calvinisten, die Lutheraner, „dialogi de vera communicatione Corporis et sanguinis Domini, Genevae 1561. — Wenn in seinem Dialog Cyclops sive KpeujqpaYia Beza seinen Feind, Dr. Heshus, welcher die Ansicht ver- trat, dass beim Abendmahl auch der Leib (das Fleisch) gegessen wurde, deshalb als Cyclop einführt, und ihn wegen seiner Dummheit im övo(; öL'X- \oYi^ö|uevo<; als Esel auftreten lässt, so sind das eher symbolische Bilder als sfroteske Karikaturen. Auch der Umstand, dass B. den deutschen Dr. Heschus ein durch deutsche Aussprache einzelner Laute verunstaltetes La- tein sprechen lässt, genügt nicht, um aus ihm eine groteske Karikatur zu machen. „Heu Schuermeri, bene falete, falete, inquam, ut digr.i estis cum restro molitore".


328 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

einige o-mtcske Züge, welche Erwähnung verdienen ». A\'ill er z. B. in seinen ,,dcpiitati()tis ehrest icjuics sich dar- über lustig machen, dass die katholischen Priester ihren Gemeinden vorschwindeln, sie wüssten ganz genau, wie es in Hölle, Fegefeuer und Paradies aussieht, erzählt er von einem katholischen Prediger folgendermassen : ,,// it'y a salle^ ehauibre ue eabinet, poele, cuisine, ne eave, chc- ftiinec ue eremaillerc, ehaiidierc ue ehaudrou^ chaiues ue croehets, et mit res usteusiles iufernaiix^ qii'il ue uous nit decrils si vivemeut, qu'il semblaü qiie je visse In eJiose devaut uies yeux en sorte qu'cucore ai-je horreur qiiaud j'y peuse." — • Ebenso verlacht er in grotesker Weise die sophistischen Syllogismen, welche Alles beweisen können, was man will. So könne man denn aus dem ,,tcuioiguai>:e des braves vieilles qtti niuieut le piot" schliessen, dass man durch Weintrinken selig werden könne. Denn Je bou viu foit Ic bou saug, et le bou sang foü la lx)uue äuie, et la bouue äuie est eu voie de saliit. Dout elles eou- cliieut eu eouclusiou de coniuieres, par tiu beau sorite de dialectique^ qu'il faiit bleu boire pour etre sauv&' 2. Noch schärfer wendet sich die calvinistische Satire gegen einen der Hauptschäden der katholischen Kirche, gegen das Schachern und Handeln der Papisten. Neben vielen an- deren Satiren ^, welche direct das Übel angreifen, haben


1 Er hat eine ganz besondere Vorliebe für Kalauer, wie alle gro- tesken Satiriker: „le Purgatoire" \vird bei ihm „le PurgeBourse" und den Titel seines Buches „le Monde ä 1' Empire" (1561) erklärt er „pourcequ'il est fait mention en iceux des Empires et royaumes de la terre. L'autre pource- qu'il y est monstre comment le monde va toujours en empirant".

2 Ich habe mir die „disputations crestiennes" nicht verschaffen kön- nen. Ich stütze mich auf Lenient I 1. c, p. 196 ff.

•^ Unter diesen Satiren nimmt einen hervorragenden Platz ein die Satire „la banque du Pape". Dieselbe wurde veranlasst durch das Be- kanntwerden eines katholischen Büchleins, welches einen vollständigen Tarif <ler Ablässe zum Loskauf von allen Fehlern und Lastern enthielt. Dieses Büch- lein wurde im 18. Jhdt. wieder abgedruckt unter dem Titel ,,Taxae cancel- lariae apostolicae", Abdruck aus dem Jahre 1706, Sylvae ducis apud Stcphanum du Mont. nach dem Exemplar Leo X. zu Rom 1514 gedruckt.


Kapitel 11. Die französische Satirc im (leiste Rabelais'. ')"2J>

Avir in einem, freilich ohne Beweis dem Viret oder Farel zugeschriebenen Buch ^ eine wirkHch groteske vSatire auf diese Missstände. Und es ist recht bemerkenswert, dass auch dieser groteske Satiriker, wer er auch sein m()ge, auf dem Titel sich auf Rabelais beruft, indem er sich selbst „prochaiii voisin du seignctir de Pdiitagnicl' nennt. Es ist dies das Buch der Kaufleute-. Die Kirche wird darin als ein grossartiges Geschäftshaus dargestellt, wo Jeder, vom Papste ,,lc grand gallifrc, je dis bieu le graiid pn'vol de ces inarchaiids qui est le plits habilc de toiis bis zum einfachen Leutpriester und Bettelmönch, kauft und verkauft, handelt und schachert, ^vechselt und


Im Vorwort wird sogar eine Ausgabe aus dem Jahre 1512 genannt; also scheint Lenient Unrecht zu haben, wenn er als erste Ausgabe die vom Jahre 1517 erwähnt. — Sobald die Protestanten dieses Buches habhaft wur- den — Pinet übersetzte es 1544 zuerst ins Franz. — , druckten sie es ab, aber mit einer Menge von Randglossen, von Commentaren, von wahren und falschen Anecdötchen, um die Geheimnisse der „boutique papale" zu erklären. Die Bemerkungen, welche die Protestanten den einzelnen Artikeln hinzu- gefügt haben, enthalten keine groteske Satire. Sie polemisieren direkt. ,,Ces monstres ne content (sie) presque pour rien Ics meurtrcs, les homici- ■des, les adulteres, la Sodomie, et ils tiennent pour un grand peche quand un jM-etre chante sa messe, quand il est interdit". Ich stütze mich auf fol- gende Ausgabe: ,,Taxe de la Chancellerie romaine et la banque du Pape, oü labsolution des crimes les plus enormes se donne pour de Targent — Ouvrage qui fait voir l'ambition et l'avarice des Papes. Traduit de l'anc. €d. latine avec des Remarques A Londres 1702". Früher scheint der Titel etwas anders gelautet zu haben: Taxe aes parties casuelles de la Boutique du Pape etc. Lyon 1564. in 8^. Auf der Strassburger Univ.-Bibl. befindet sich eine Übersetzung ins Ital.: ,, Tasse della Cancelleria Apostolica ossia della Bottega del Papa Parigi 185P'. — Als dieser Schrift ähnlich bezeich- net Lenient ,,les trois Perles du Cabinet, ce bilan du Clergc catholique". Auch das katholische Buch ,,les Conformites de Saint Fran^ois avec Jesus Christ" gaben die Protestanten unter dem Titel ,,1'Alcoran des cordeliers" heraus, mit einer Menge von Randglossen, und in tendenziöser Gruppierung. Über die andern Pamphlete cf. Lenient I p. 214 fi". — Allegorisch scheint die ,, Farce des Theologastres" zu sein.

1 Lenient 1. c. I p. 207.

2 Brunet zitiert nach einer Mitteilung des Bibliographen Emil Weller die Originalausgabe ,,Livre des marchands", eine Ausgabe, von welcher die Züricher Bibliothek ein Exemplar besitzt. Der Titel lautet: ,,le livre


330 Dritter Teil: Die Zeit nu' h Raliclais.

tauscht K Ihre Buden haben sie überall aufgeschhi<;en : es giebt weder Stadt noch Dorf, weder Berg noch Thal, wo dieselben nicht zu sehen wären, und sie wissen ihre Geschäfte ganz famos zu besorgen. Schlauere Füchse giebt es nicht. Alles lassen sie sich bezahlen; nie hat ein Anwalt oder Advokat, Arzt oder Redner sich soviel bezahlen lassen. Geld kostet es, wenn man einen Toten- knochen, Geld kostet es, wenn man einen goldenen, sil- bernen oder bleiernen Teller, Geld kostet es, wenn man ihre Nägel- oder Fingerspitzen, Geld kostet es, wenn man um Erlaubnis bitten Avill den Fuss des grossen Kaufmanns zu küssen, und zwar kostet es mehr als sich jemals die Thais für einen Kuss hat geben lassen. Ja, sie lassen sich sogar das blosse Ansehen ihrer Waare bezahlen. Und Alle lassen sich durch den äusseren Schein der Waare blenden; denn sie verstehen es meisterhaft, ihrer Waare den glänzendsten und zugleich frömmsten Firniss zu geben ; sie thun ja selber so sanftmütig und fromm^ und führen im Munde Worte wie ,,Herr Gott! Gnade sei Gott! In Gottes Namen! Im Namen des Herrn! Beim h. Petrus! Beim h. Paulus! So lässt sich denn Jeder rasch bethören, und glaubt bei ihnen das zu finden, was Gott allein zukommt, d. h. Gerechtigkeit, Weisheit, Tugend» Verzeihung, Mitleid und Sündenerlass ! Aber, das ist nur ein Firniss! Ja, wxnn sie diesen Firniss nicht so meister-


des marchands, fort utile et ä toutes gens, nouvellement compose par le sire- Pantapole, bien expert en bei affaire, prochain voisin du seigneur de Pan- tagruel". Am Ende: Imprime ä Corinthe le XXII daoust lan mil c'mq cens XXXIII avec cette devise ,,Non omnibus datum est adire Corinthum", Über das Buch cf. ausserdem Lacroix in ,,le disciple de Pantagruel p. XI^ und ,,Bulletin de la societe de l'histoire du prot. fran9. 17. p. 331." Gesehen- habe ich nur die zweite in München vorhandene Ausgabe: ,^Le livre des marchans fort utile b. toutes gens pour cognoistre de quelles marchandises on se doit garder d'estre trompe. Nouvellement reveu et augmente par son premier autheur bien cognoissant telles affaires, Lisez et proffitez. 1544.

1 Hz marchandent, ilz traffiquent, ilz vendent, ilz revendent, ilz chan- gent, permutent et rechangent par ensemble ä la grand' sorte, grands cour- ratiers, lins crocheteurs de benefices.


Kapitel II. Die französisclie Satire im Geiste Rabelais'. JJSJ


lieh zu handhaben wüssten, so waren sie bald ruiniert, es- würde kein Mensch mehr bei ihnen kaufen! So aber brin- gen sie Alles und Jegliches an den Mann, das Mögliche sowie das Unmögliche: ,,C'cst /ihm' ifioiidc qiic de Icnr cas ; rieii nc Iciir est escJiappc, deqiioy ä lenr plaisiv ii'ciyeul uiarchande; voire d'hommes, defemmes, de petita enfans nai.^ et non point ciicore nai:z, des corps, des äiiics et esperitz des vivans, des niortz, des biens visihles et invisibtes, du ciel^ de la terre et des enfers, des vicindes, des tenips et Jours^ de inariage, de vesternens, rasures, oincttires, acc otistr einen s,. de biUles, de pardons^ üidiitgences, rernissions. d'ossemens^ untres reliqnes et rogatons, expectatives, dispenses, exeinp- tions, de sacrements et sainctes oeuvres de Dien. De pain^ de vin, d'hnyte, d'etonppes, de laict, de benrre, de f roinage ^ d'ecm, de sei, de feu, de fnmigations , cdreinonies, encense- niens, cJiansons, nielodies, de boys, de pierre, de confrai- ries, inventions, traditions, loix, inipostnres et sans nonibre de telles choses, par lesqnelles ils s^avent nierveillenseinent bien tirer argent, dont le pauvre penple est taut abisine, tant rongc, taut devore et de son Dien si eslongne qn'il n'est possible de le croirey — O, w^ann wird die Zeit kommen, wo Jesus Christus erscheinen wird und heraus- jagen wird aus seinem Tempel ,,ces gros niatins, brigans,, niarchans, fins changenrs et abuseurs qni occnpent le tem- ple de Dien?^^

Was ausser dem Schachern und Handeln die Protes- tanten am katholischen Klerus am meisten zu rügen landen,^ das war vor allen Dingen das w^üste Schlemmerleben, das sich in den Klöstern und in den Palästen der Bischöfe und Kardinäle breit machte. Rabelais hatte oft genug diese Seite der katholischen Kirche beleuchtet; es lag daher nahe, dass auch die von ihm beeinflusste Satire sich dieses Themas be- mächtigte und dasselbe nach Kräften ausbeutete.

Die Satiren der päpstlichen K ü c h e ^ sind


1 Lenient 1, c. I p. 194 Anm, meint, sie wären von Viret. Sie sind aber anonym erschienen. Der Verfasser will, wie er im Vorwort sagt,


532 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

■ein safti<^es Gemälde des Sauf- und Fresslebens der ehren- werten römischen Kirche. Die Kirche wird geradezu als Küche dargestellt. Die zahllosen Türme der katholischen Kirche sind ebensoviele Schornsteine, die Pfeiler sind die Feuerböcke, die Lampen und Kerzen sind die Kessel- hacken, die Glocken und Pfannen sind die Kochkessel, die Altäre sind die Tische, und Alles, was zur Kirche in irgend welcher Beziehung steht, wird ohne weiteres in irgend einen Zusammenhang mit der Küche gebracht. Die Mönche und Nonnen sind die Köche und Köchinnen ; die Beguinen bringen Holz zum Anzünden des Feuers her; die Laienbrüder und Laienschwestern schleppen ganze Karren voll herbei, um die Küchenkessel zu füllen, die Eremiten schäumen die Töpfe ab, die Carmeliten und Augustiner bereiten, was zum Kochen oder Braten ist, die Franziskaner, Minoriten und Jacobiner sammeln Zwie- beln und Porree, die Leutpriester schlachten die Lämmer, die Kardinäle tragen das Geflügel auf, der Papst, der ,,grand, grand, grand rostisseiir" präsidiert und die Her- ren der Sorbonne

,yAussi hiisants qit'tme laitterne Sollt mi iiiiliett de la taverne^' .

Die Ceremonien, welche die Geistlichen vollziehen, die Gebete, welche sie herplappern, werden ohne weiteres den einzelnen Gerichten gleich gestellt:

Agios Jiiinas sont andouilles, Saucisses, cervelats, bondins — Allelnias, eleisons Sont aloyanx de venaisons ....

imd dann:


seinen Namen nicht nennen: „J'atten sa grace (de Dieu) pour de brief m^em- ployer a vaillament ruiner le tout, et cuisine et maison. A laquelle exe- cution tu attendras de s9avoir inon nom, s'il se trouve que cela serve ä l'edification de la maison de Dieu." Ich gebrauche folgende Ausgabe: ,,Satyres chrestiennes de la cuisine Papale, Imprime par Conrad Badius. MDLX avec privilege."


Kapitel ir. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 333


Pii/'s iiiic hotte (tc i(r((ii< Messes Me rcprcsentent pcts et vcsscs, Po/s et gesscs (di-ie) et mc scmblent Qii'ct tentillc et lupius ressenibtetit — Und selbst, horribile dictii:

Puis il y (t, T/ieop/ufi^es Qiie poiir vostre dcniier reiufovt Voiis man^ez dien eomme uii refort. Die Küche ist ihr Gott! Sie, welche zur Devise das Wort ,,gaster i genommen und auf ihrem Wappen das Sprüchlein führen ,,es geht nichts über die Gemütlichkeit" (il n'est qiie vivre ä son aise), sagen es gerade heraus, wenn sie bei dem Gedanken, es könne sich einmal ihr Leben ändern, den Klageruf ausstossen ,,Adieu hon temps, adieii cttisine, adieu tonte vie divine!'^

Ist die Satire grotesk, so ist es auch der Stil. Der Autor hat hauptsächlich seine Freude an mehr oder min- der geistreichen Witzen. In Wortspielereien schwelgt er geradezu. Er verspricht sich scheinbar fortwährend ,,bor- deliers (ha c'est mal escrire) cordeliers (III); grasbties (je pensais dire gradiicz) (IV); chartreiix (quantes bestes^ fespoftgne! sont pecheurs, peschettrs (dis-je) kelas!^^) Das Wort ^^Messes'^ wird fast immer zu .^vesses'-^ ,,ces poiires clabaiideiirs de vesses, oic si tu l'aimes rnieux de Messes^^; das Wort ^^predieations^'- wird gewöhnlich zu ^prcdicacations^\ Aus ^^Pape'-^ macht er ^^Happe'-^. Oft haben die Witze auch keinen satirischen Hintergrund. SoSat. I: yj'en scay nii de inon consiiiage Bon gar(;on, nommc Piatina, Mais quoy qn'il die, plat il n' a Des viandes de eonv de Rorne'^. Ausser diesem Merkmal des grotesken Stiles linden wir bei ihm auch die so sehr beliebten grotesken Wortbildungen. Aus jedem Substantiv und Verb bildet er ohne weiteres ein neues Wort. So finden wir (VII p. 105) ,Jinniesonppievs,


1 Reminiscenz aus Rabelais. — ebenso ,,les grangousiers inquisiteurs."


M,'H Dritter leil : Die Zeit nach Rabelais.

avnllctrippes, Gtiettclardes, fripelippes, Ic conjcsseiir htime- broiiet , 1e visiteur troiisse-foiiet , Ic Sousprietir saotildc crciix; l'aiimonier tastcpoire, le secretairc-ma boire, le chantrc Tout-cst-despendti , le grcuid Choriste Pnin-perdti, Lcsche-plat , Trinqtiepot ; Gtiette-pain ; Lesche-rost ; Vtäde- grenier ; soiiß'en gan; saoid-d'ottvrer. — Geradezu uner- schöpflich sind die Wortbildungen mit soiifßc, cf. Sat. IV:

„Je voy fa et lä des desbauches

Souffle-bourdes et Sotiffle-estrilles,

Soiiffle-chandelles, Soiifflegrilles,

Sotiffle-calice ä Ict gorriere,

Sottffle devant, sotiffle derrilre,

Soiifflets d'orgues et iitstrtimens

Tons ses soufles et souflemens

Exkalent le nmsc de latrines." Wie aus diesem letzten Beispiel ersichtlich, fehlt es auch hier an kolossalen Aufzählungen nicht. Man sehe ausser- dem (V p. 60):

,,Reverences, genotix sotipplets,

luclinabo, mains iointes, bras

Estendns, croises de rebras,

Totirner de fa, courir delä,

Regarder bas, haut fa et lä,

Groiider, sonspirer, se frapper,

Dormir, siffler, en flu gripper,

Boire ä deux mains, baiser la pierre.

Faire l'enseigne de la guerre,

Voilä letirs brouets et leurs sausses

Dont ils sQavent fourrer letirs chaussesJ^ Eine noch viel tollere Aufzählung haben wir dann in Sat. VI (p. 83). Da werden die verschiedenen Messen aufgezählt :

Messe ä cheval, ä l'estriviere,

Messe qtii court contme riviere,

Messe petite, messe grande,

Messe maigre, messe frtande

(u. s. w. noch 16 Verse lang!)


Kapitel 11. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 335

Ähnliche Autzählungen finden sieh noch in Sat. VII (p. 105) und Sat. VIII (p. 128). So haben wir denn in diesen acht Satiren in jeder Beziehung" ein wirkliches Denkmal gro- tesker Kunst ^

\'iel geistvoller als diese Schrift, ja überhaupt die genialste hugenottische groteske Satire des 16. Jahrhun- derts ist des M a r n i x ' d c S^^= Aldegonde (1538—1 598), kolossales T a b 1 e a u des d i f f e r e n s de 1 a R e 1 i g i o n -.

In ungeheuerlicher Verzerrung lässt der Verfasser die Missstände der katholischen Kirche an uns vorüber- ziehen. Und die Satire gewinnt noch dadurch an ätzender Schärfe, dass er, der überzeugte Protestant, sich den An- schein giebt, als ob er im Sinne der Katholiken schriebe und air die entsetzlichen Dinge, die er von seiner heiss- verehrten ,,kakolischen" Kirche erzählt, nicht etwa zur Verhöhnung derselben erzählte, sondern zu ihrer Ver- teidigung und zu ihrem Lobe. Wenn aber ein fanatischer Katholik, als welchen er sich giebt, zur Rechtfertigung der Einrichtungen der katholischen Kirche so haarsträu- bende Dinge von ihr erzählt, wie er es thut, so müssen ^vir uns unwillkürlich fragen, was derjenige erzählen könnte, der nicht durch Parteiinteresse verblendet wäre und nur •die Wahrheit berichtete. — Marnix wundert sich, dass von Seiten der Protestanten gerade das Papsttum so viel


1 Neben der grotesken Satire finden sich auch hier zahlreiche alle- gorische Stellen. So wenn erzählt wird, dass die P'undamente der Kirche aus faulem Holz ohne Kalk, Sand, oder Ciment bestehen, oder in Sat. II, wenn die Laster der Priester unter den Namen von Pflanzen gedeutet wer- den. Daneben sehr viele direkte Angriffe gegen alle Thorheiten des kath. Kitus, so z, B. gegen die Tonsur. An zahlreichen Stellen ergeht sich der Verf. in wüsten Schimpfereien gegen die „monstres d'abus, ces gros ven- trus, ces choux cabus".

2 Tableau des differcns de la Religion, traictant de l'Eglise, du Nom, Definition, INIarques, Chef, Proprietez, Conditions, Foy et Doctrine d'icelle. — Auquel comme en un tableau sont proposez et examinez les argumens, Taisons, allcgations, et disputes . . . u. s. w. Recueilly et compose par Philippe de Marnix, Seigneur de Mont Sainte Aldegonde etc. 1599. Ich gebrauche die Ausgabe von Ed. Ouinet, Bruxelles 1857, 4 Bde.


ri.'J() Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

an<»;egrifien werde. Es sei albern einzuwenden, dass die Einrichtung deshalb von Übel sei, weil die Bibel nicht davon spräche. Sei denn die katholische Kirche über- haupt an die Bibel gebunden? Sei sie denn nicht hoch über sie erhaben? Jedes Kind könne ja mit eigenen Augen sehen, dass sie sich in ihrem ganzen Ritus nicht um die Bibel kümmert, und ihre Gebote keck und munter mit Füssen tritt! Hat ja doch die heilige Schrift den Bilder- kultus ausdrücklich verboten! Wo aber wird derselbe vmgenierter getrieben als im Schoosse der alleinseligma- chenden Kirche? Vor lauter Heiligenbildern verschwindet ja die Gottheit selbst! Wie roh ist es aber diese freund- lichen und allerliebsten Heiligen vertreiben zu wollen! Nichts ist ungefährlicher als sie! Wie wenn sie zum Ball oder Gelage gingen, sind sie stets von schön fri- sierten und hübsch geschmückten Damen begleitet ,,tant mignonnemeiit godronnees, taut dorees, tmit argeittees, ami- rees, diaprees, et niirlificqttees en tont es les sortes et fa<;ons qiie la liibricite et liixure hiunaine a peii excogiter. Dont Vune ä noin nostre Dame de Liesse, Vaiitre . . . ." und nun folgen 31 Namen . . . „avec dix millions d'atitres Sans fiit, Sans nonibre et sans niesiire, et une infinite de Danmyselles tant vierges qne mariees et vefves, et de tonte niarchandise, les unes nnes, les autres descouvertes le hras Ott le tetin, les autres la cnisse, les autres veliies, les aiitres gorgiasenient parees et saniares avec force passement et clincqnants d'or et d'argent, hroderies, fards et afficqiiets ä rUsage des Courtisanes de Rome^' (II. Bd. p. 22, 23).

Und die Satire, die durch solche Beweisführungen ein kolossal krasses Bild der unchristlichen, geradezu heid- nischen römischen Kirche entwirft, geht alsdann zum An- griff der Heiligen über. Aber stets im selben Ton. Mit Begeisterung wird die gewaltige Allmacht des h. Franzis- kus gerühmt. Er ist der Höchste von allen Heiligen: selbst die Apostel reichen ihm das Wasser nicht. Denn er hat nicht etwa wie einige derselben Christo zu Liebe nur ein vermodertes Boot oder ein altes Netz preisge-


Kapitel II. Die französische Satire im (leiste Rabelais'. 337

^^eben. Er hat weit mehr t>;ethan. Ihm /ai Liebe hat er soo^ar seine Hosen auso^ezo2;en, und ist i^anz nackt, vom Scheitel bis zur Sohle, in den Tod ge£>an<i,"en. — Aber nicht bloss den Heiligen ist er überleben. Man kann sogar behaupten, dass er der heiligen Jungfrau selber den Rang abgelaufen habe. Und zwar deshalb, weil er an einem hohen Festtage mit seiner Fahne in der Hand und von einem grossen Heer von Franziskanern begleitet aus der Wunde an Christi rechter Seite herausgetreten ist. Aber auch damit ist noch nicht genug gesagt. Der h. Franziskus ist nicht bloss allen übrigen Heiligen, nicht bloss den Aposteln, nicht bloss der h. Jungfrau überlegen, er ist selbst Jesu Christo in allen Stücken vollkommen und durch und durch gleich; ja, in einigen Dingen ist er sogar ganz entschieden über ihn zu stellen. Deshalb hat man ihm ja auch den Namen Jcsits typiciis gegeben. Das Auftreten des h. Franziskus ist ja nicht bloss, Avie Christi Ankunft, durch Patriarchen, Könige und Propheten, son- dern durch Sonne, Mond und Sterne verkündigt worden; ja der Heilige ist sogar schon in den Gestalten des Adam, des Enox, des Enoch, des Noah, und nach der Sündflut in der Gestalt des Abraham und 21 anderer, deren Namen uns nicht erspart w^erden, ,, präfiguriert" (preßgtire) wor- den. So ist er selbst zugleich Patriarch, Prophet, Apostel, Märtyrer, Doctor, Beichtvater, Jungfrau, Engel und Erz- engel gewesen. Alle Tugenden der Heiligen sowohl des alten als auch des neuen Bundes finden sich in ihm, und zwar sow^ohl getrennt als auch verbunden (scpavccincnt et conjoinctemciit). Er ist Banner-, Fahnen- und Kreuz- träger, Kanzler, Schatzmeister und Ratgeber Jesu Christi. Ja, er ist mit Gott zusammen ein Geist geworden, und ebenso wie Gott seine zwölf Apostel und seine Vorläufer, so hat auch der h. Franziskus einen Vorläufer gehabt, welcher ein Engel Gottes war (II. Bd. cap. 3 p. 35 ff.). •

Gerade wie hier der h. Franziskus in den Himmel erhoben wird, so an anderer Stelle der Papst. Wie in allen satirischen Schriften der Protestanten, so wird er

Schnecffans, Gesch. d. ffrot. Satirc. 22


33S Dritter Teil : Die Zeit nach Rabelais.

auch hier Gott gleich gestellt, ja es steht ihm sogar die Macht zu Gebote, eine Menge kleiner Götter zu schaf- fen. Natürlich darf er nach Belieben die Gebote des h. Paulus, der andern Apostel und der h. Schrift igno- rieren oder kassieren. — Und das grossartige Heer, über welches er gebietet, ist weit vollkommener und heiliger, als alles, was in den Büchern der Propheten oder der Apo- stel verkündigt wird. Ganz besonders heilig sind aber in diesem Heere die gottgefälligen Mönche und die heiligen Nonnen, die Gemahlinnen Jesu Christin Und dies Heer ist so gewaltig, dass, wenn der Verfasser alle, die es bil- den, aufzählen und beschreiben wollte nach Farbe, Wappen und Livree, er hunderte von Zungen, tausende von Federn, einen Mund von Erz, und eine eiserne Stimme haben müsste. Ja, selbst dann käme er damit nicht zu Stande, denn der blosse Gedanke daran ist schon ein Abgrund, ein Sumpf, ein Babel, ein Chaos, ein Ocean (II. Bd. p. 76). — Nichts desto weniger zählt uns aber Marnix die 60 Mönchsorden bei Namen auf — oft fügt er noch einen Beinamen hinzu, — und ist er damit fertig, so zählt er die Nonnenorden auf, 16 an der Zahl; dann kommen die Einsiedler daran; es folgen alle möglichen Brüder- schaften, dann werden, damit es an Reiterei nicht fehle, auch die 15 Ritterorden vorgeführt, und endlich noch 47 Vereinigungen, die das Gefolge des Papstes ausmachen, darauf gegeben. — „Ach! wie würde der h. Paulus ausser sich geraten, wenn er einen derartigen Ameisenhaufen so verschiedener Namen, Professionen, Religionen, Gottes- dienste und „reigles de perfection" sähe! Er, der sich in


1 Die alh\ issende Kirche weiss ganz genau darüber Bescheid, wie Christus einige heilige Frauen zu seinen Gemahlinnen erkor, Sie weiss, dass er vom Himmel herunterstieg, um die Katharina von Siena zu hei- raten, und dass die Trauung in Gegenwart der Jungfrau Maria, des Evan- gelisten Johannes, des h. Paulus und Dominicus vollzogen wurde. Ob bei der Hochzeit auch getanzt wurde, darüber ist der Autor nicht unterrichtet, doch kann er versichern, dass David sang und die Harfe spielte, um die Gesellschaft zu unterhalten (II. Bd. p. 33).


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 339

seinen Brieten schon darüber aufhielt, dass die Christen seiner Zeit sich teils auf den h. Paulus, teils auf den h. Petrus, teils auf Apollo beriefen! Wie schwindlig würde ihm zu Mute werden, wenn an ihm vorüberzögen: ,,tant de sortcs de begiiins, de chapperons, de coquehichons, de ceinttires, de frocqs, de cor des, de cordelettes, corde- lieres et cordons, de siirpellis, cJiasnbles, albes, ainicts, anhniices, mappiiles, colobes, Dalrnatiqties, Planetes, niitres, fanons, nacqties, estolles, et autres harnacheiires et nias- qiierades, toutes bigarrees en inille diverses fanons: les mies blmiches, les atitres noires, les atitres grises, les autres fatives, atitres cendrees, enfumees, tannees, basanees, verdes, r Öliges, bleues, griinolees, piolees: les unes en geay, les autres en pie, les autres en coinpcre lorriot, les autres en char dorntet, les autres en pinsson, les autres en corbeau, les autres en cygne, les autres en canne de dunes, les autres en paon, les autres en perroquet, les autres en asne, les autres en loup, les autres en Elephant, les uns en capitonnes d'un chapperon de fol, et enchevestres d'un frocq de Moine, les autres bardocuculles d'une chausse d'hypocras, les autres lies ä l'usage de patibulantibus'^ (IL Bd. p. 77). Und was treiben diese zahllosen über die ganze Welt zer- streuten Diener des Papstes? Man glaube nur nicht, dass sie zu viel Müsse haben! Sie haben an soviele Sachen zu denken, ,,si coinme vigilles, anniversaires, differences dejours, de viandes, d'habits, consecrations ou dedications de temples, autels et cierges: Item pelerinages, letanies, Kyrielles, processions, sainctes cendres, oeufs de Pasques et tourtes benites, rameaulx de pahnes, cloches, clochettes, cymbales et sonnettes, le baiser de la paix de bois, le lescher des os morts, porter le sacrarnent par les rues, adorer un morceau de paste, jeusner ä certains jours, croupir ä genoux devant un troncq de bois, achepter bulles et indulgences, barbotter patenostres, entrelardes d'Ave Maria sur une taille, raire la barbe et la couronne, don- ner la benediction a deux doigts esleves en forme d'aur eitles de lievres et dix mille autres semblables balivemeries


340 Dritter Teil: Die Zeit nach Kabelais.

(IL Bd. p. 20, 21). Und diese Ceremonien und Gebräuche, diese Sitten und Riten sind nicht etwa unnütz. Einzelne der Einrichtungen der katholischen Kirche sind sogar von einem geradezu unsagbaren AVerte. So die Ohrenbeichte: Wieviel Gutes hat sie doch schon zu Stande gebracht! Wieviel Frauen, Jungfrauen und Wittwen hat sie getröstet, indem sie dieselben nach neun Monaten zu glücklichen Müttern gemacht hat!

Neben allen eben erwähnten aufreibenden Beschäfti- gungen finden die Päpstlinge noch Zeit zu interessanten Disputationen und einträglichen Geschäften. Mit gewich- tigem Ernst legen sie sich die Frage vor, ob die Sodomie besser als die Ehe, ob die Seele sterblich oder unsterb- lich sei, ob Christus gelebt oder niemals existiert habe. Dazu handeln und schachern sie mit Pfründen und Bene- fizien, mit Bischofsmützen und Bischofsstäben. Alles bie- ten sie feil, Gott, Teufel, Peter, Paul, ja auch die heilige vStadt selbst, — w^enn sich Käufer finden. Letzteres frei- lich dürfte zweifelhaft sein, da es wohl keine Stadt auf der Welt gäbe, die so viele Laster bärge als Rom. Und Marnix zählt uns 52 Laster auf, welche den frommen Kindern der katholischen Mutter Rom eigentümlich seien. Übrigens brauche man sich nicht darüber zu wundern, dass Rom so sei; es sei einfach seiner Bestimmung treu geblieben. Schliesslich sei ja doch der Papst nichts An- deres als der Nachfolger des Romulus, welcher seinen Bruder tot schlug, aus seiner Stadt ein Asyl für Ver- brecher und Räuber machte, und da es an Frauen fehlte, die Weiber seiner Nachbarn raubte. — In diesem Ton ist das ganze Werk verfasst. Überall tritt uns dieselbe gro- teske Verzerrung entgegen. Aus den zitierten Stellen ist wohl schon ersichtlich, dass der Stil ebenfalls grotesk ist. Neben den unaufhörlichen listenmässigen Aufzählun- gen ,,ces longs rubans de phrases pantagriieliques'^ ^ wie Lenient sie treffend nennt, zeigt auch Marnix, wie alle grotesken Satiriker, seine besondere Stärke in der rück- sichtslosen Behandlung der Sprache. Mit der grössten


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 341

Uni^enierthcit erfindet er seltsame drollige ungeheuerliche Wortbildungen. Er rühmt die „sahtcte et solcnnellc cntre- hoiicloreconcatiuatiou et circonvolubilip(ttcnoteri:zation des beatissimes pupes de Rome ; er erwilhnt die ,,arg2une7is supercoqtielicantietix^^ (III p. 297), die .Jiantois entinlim- hraülez (II p. 69), die ,,iuysteves bien rnystciudiqiies^^. Er nennt den bon pere Belkirmin einen „cxcellent archi- tectopapidenioniquc' und den h. Franziskus einen ,,vciillant Jesusbar docncuW' (II. Bd. p. 35) ; er spricht uns vom „bttre- liicocage" (III p. 208), und der ,,äme embiirelecoqiiee (II p. 97), dann von der ,,rainiiiagrobicoiitenance" und von einem ,Jitge soiiverain et inouarqtie groigni potent". — Am liebsten sucht er aber die Wörter so vm verdrehen, dass sie einen satirischen Sinn erhalten. ,,Le sanctis- siine pape'^ wird ,^le sangdipsime Pere decretalipotenP' ; ,,Veglise apostoliqtte'^ wird ,,1'eglise aposphcdliqtte roniainC' , die armen ,,nouncttcs" werden „non-ncttes" , sie sind nicht mehr „voilees , sondern ^{violees'^. Die ,,religion catho- liqiie" wird zur ,,religion cacoliqiie, cacotlieliqtie" oder „caco^dliqu&^, und die ,,societe des Jesuit es" zur „sötte cite" 1.

AVenn der glühende Hass gegen Lug und Trug des Papismus und die auflodernde Begeisterung für das reine unverfälschte Christentum der calvinistischen Partei die Kraft und den Schwung verheh, welche zur Ent Wickelung der grotesken Satire unumgänglich notwendig sind, so


1 über den Bienenkorb desselben Verfassers, welcher in vläraischer Sprache erschien, unter dem Titel „de Bijenkorf der h. roomsche Kerke", "brauchen wir uns hier nicht zu verbreiten, da wir bei Fischart, der beinahe eine wörtliche Übersetzung davon lieferte, darauf zurückkommen werden. Über das Verhältnis des ,,Tableau" und des „Bijenkorfs" zu einander sagt der Herausgeber: Beide sind im selben Geist und in derselben Absicht ge- schrieben, beide zeichnen sich aus durch "Witz und Stil, aber sie sind in- sofern verschieden, als der B. erschien zur Zeit, wo der Streit am heftigsten war, das Tableau dagegen eine PVucht von M.'s alten Tagen ist. Die erste Schrift ist feuriger, kräftiger; die andere ausführlicher, gründlicher, be- redter. Die erste ist für das Volk, die andere für die Gebildeten. Der „Bijenkorf" ist in 2 Bänden, Brüssel 1858, herausgegeben worden.


342 Dritter Teil : Die Zeit nach Rabelais.

vermochte hingegen das Bewusstsein eigener Schwäche^ vielleicht auch das Gefühl, dass sie sich im Unrecht be- fand, der katholischen Partei nicht die innere treibende Wärme einzuflössen, welche zu einer kräftigen Abwehr notwendig gewesen wäre. Hinter den Mauern ihrer starren Dogmatik verschanzt, konnte die Sorbonne mit den schwer- fälligen stumpf gewordenen Waffen der Scholastik keinen Ausfall wagen gegen die keck und kühn heranstürmende Schar der Protestanten.

So sind denn ihre Antworten auf die calvinistischen Pamphlete geradezu erbärmlich. Dem geistreichen Passa- vant Beza's antwortet Cathalan in seinem P a s s a- vant Parisieni auf die geistloseste Art, die man sich denken kann. Macht er doch den trockenen, harten, ascetischen Calvin zu einem lockeren Vogel, der von einem Liebesabenteuer zum andern eilt! Groteskes finden wir ebensowenig in dieser Schrift als in den übrigen Pamphleten der katholischen Partei 2. Höchstens findet sich inRemy Belle au 's ,,Dictamen metrificum de hello Hugenotico'^^ ejn Versuch grotesker Satire. Das in macaronischem Latein verfasste Gedicht zieht gegen die Roheit und Barbarei der deutschen Reiter los^ welche in Frankreich eingefallen waren, um den Huge- notten zu helfen. Die Wildheit der Reiter und der Schrecken, den sie verbreiteten, wird mit recht grellen Farben ge-


^ 1556. Nach du Verdier ist die Satire von Antoine Cathalan,. nach andern von Arthur Desire.

2 cf. Lenient 1. c. I p. 225.

3 Das Gedicht ist von Genthe 1. c. p. 303 ff. abgedruckt. — Es fehlt Belleau die innere Kraft der Überzeugung und die religiöse Begeisterung. Er lacht über die „pantouflam sacro-sanctam" des Papstes und die Angst der kath. Priester, wie wenn er aus Genf käme. Der Dichter ist ein rechter Epikuräer. Da wo er vom Paradiese spricht, das er und seine Freunde aufsuchen möchten, einem Paradiese, wo es Berge von Käse und Flüsse von Milch giebt, wo ein ewiger Frühling grünt, wo die Mädchen hübsch sind und auch hübsche Jungen zu finden sind ,,difficili faciles in amore ministri(os)", da fühlt er sich recht zu Hause und ergeht sich mit wahrer Wollust in derartigen Schilderungen.


Kapitel II. Die fran/ösische Satire im (leiste Kabelais'. 343

schildert. Die Reiter rauben und plündern Alles, was ihnen in den We^ kommt: cf. p. :305

,,A7/ Ulis troppo caliduni Jrcduiuvc Diablis, Omnia conjiciimt calrclis alqiic cavallis Clumdroucs, piiiUis, platt os, rcsd calda, salicras, Landicros, brochas, lichcfrittds, poltaqitcpissos Atirata, acuca, ciiprca, fcryca, dcniqnc totiiin Umini omnes mestieriun agitant ijiio vita paratiir. Das ist aber wenig im Vergleich zu dem, was sie noch weiter thun. Wir verstehen sehr wohl, dass die Priester aus Angst vor diesen Rarbaren ,^concacare siias niniia forrnidine bragas'\ und sich wie Enten vor den Falken in die unwahrscheinlichsten Löcher verkriechen. Wird doch A^on den Reitern erzählt:

,Jncagant Prctris inonstrautqiic cidamma Christo; . . . Testiados sacros Prctris Monachisqiie revellunt Deqtie Ulis faciunt andoiiillas atqiie bodinos Attt cervellassos pratico de inore Milani," Auch hauen sie ihnen die Ohren ab und machen sich daraus Ketten, die sie sich um den Hals hängen. — Für gläubige Katholiken sind das recht schlimme Aussichten, und wir verstehen, dass Remy Belleau seinen Freunden die Flucht anrät und sie schwören lässt, erst dann zurück- zukehren, wenn die Hirsche auf dem Meere schwämmen, die Fische in den Wäldern kletterten, die Katzen in den Flüssen w^ohnten, die Schafe die Wölfe zerrissen und die Fluten der Seine bis zu den Türmen von Notre-Dame reichten. — Auch im Stil linden wir einige Eigentümlich- keiten des grotesken Stils. Neben zahlreichen langen listenmässigen Aufzählungen, wie wir sie z. B. in der oben mitgeteilten Beschreibung der Plünderungen der Reiter haben!, treffen wir auch hier die beliebten onomatopoeti-


1 Andere Aufzählungen p. 304. — Sonst bietet auch dies macaronische Gedicht die in der macaronischen Litteratur stets vorkommende Parodie des Altertums. Die Götter werden recht gemein geschildert. So lautet es von Mars, dessen schnödes Benehmen dem Hahnreih Vulcan gegenüber sehr krass geschildert wird: „Ronflabatque super lardum vacuando barillos ,


344 Dritter Teil: Die Zeit nach Kubelais.

sehen Ausdrüeke an, welehe die maearonisehen Gedichte gewöhnheh zieren. So hören wir das Läuten der Glocken in dem Verse ,,Curritiir ad clochas don don qnae seuiprc frcquLitliiiit'\ und in folgendem Trommelwirbeln und Trom- petenschmettern :

„Et taborinoriun plan plan fararanqtie tuhartimJ' Dieses Gedicht B e 1 1 e a u ' s gab Anlass zu einem andern, früher dem Etienne Tabourot, jetzt von Delepierre, dem ParlamentsadA^okaten Jean Richard zugeschrie- benen Gedicht ,,C a g a s a n g a R e i s t r o s u y s s o 1 a n s - qnettorum per Magistrum Joannem Bapistam Lichiar- dum Recatholicatum Spaliporcinum Poetam, Parisiis 1588 ^^^ — Einige Stellen dieses groben, derben und schmutzigen Schriftstückes, welches in hellen Jubel über die Nieder- lage der Reiter ausbricht, sind direkt dem Gedichte Belleau's entlehnt. So die charakteristische Stelle am Antang „Hcti pistollifcros Reistros traystrosque volores^'. Auch hier ha- ben wir groteske Worthäufungen:

,,Vestras bombardas, coleurinas, artilieras, Mortieros, fliitas, crocos, campagnipic^as, Quas vos rnissifiigas, qtias vespiinatinifragidas Pttrgatoricrepas , verum infernal ibol et as Salpetros, porras, et totiini mobile diabli Terra infodistis'^ . Auch hier geht der Dichter ganz willkürlich mit der Sprache um und bietet, wie aus obigem schon ersichtlich, die seltsamsten Wortbildungen, so auch „picqnitremvüi^ pic- quigeriili" . Auch nimmt er onomatopoetische Wörter zu Hülfe, um auch durch den Klang zu wirken:

,,Qtiae petipetapetouf de sese veh resonabant!^ Von hugenottischer Seite blieb die Antwort nicht aus. An Johann ,,Papistam" — , denn so nennt er ihn im


Gaudebatcjue suum ad Soleni Jistendere ventrem | Et pottae horridulae Veneris gratare })ilamen". Auch tinden sich Parodien virgilischer Verse: ,,In rondum umbroso patulae sub tegmine fagi".

1 Gedruckt in den Macaroneana von Octave Delepierre p. 109 ff. in Philobiblon Society Miscellanies Bd. VII.


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 345

Gedichte — richtet 1588 Kr aus feit ein in derbem Tone gehaltenes Pamphlet ,,Ad c aq ua san ga m Joan Bapistae Lichiardi Poetae Spaliporcini Reistro- r u m M a c a r o n i c a d e f e n s i o per Jo. Krausfeltum Germanum" \ in dem er ihm alle seine Schimpfereien im selben Ton zurückgiebt. ,, Wahrscheinlich wirst du beim Plündern nicht der letzte gewesen sein" — sagt er, ,,denn mit deinen spitzen Nägeln wirst du mehr zusammenge- rafft haben, als tausend Karren zu ziehen vermögen." Darauf verhöhnt er in grotesker Weise die Versprechun- gen, welche die französischen Hugenotten den deutschen Reitern vor ihrem Einfall in Frankreich gemacht hätten. Was hatten sie ihnen nicht Alles vorgeschwindelt? ,, Kommt mit leeren Karren her, Ihr werdet sie bis zum Bersten füllen; sechs reiche Städte öffnen Euch ihre Thore, und Wein und Getreide findet Ihr in Hülle und Fülle. Zum Feste Euch zu Ehren, ist Alles schon bereit. Das Essen ist schon aufgetragen, die Stücke schon geschnitten. Ihr braucht nur den Mund aufzuthun! Und vor den Papisten braucht Ihr Euch nicht zu fürchten ! Aus Angst vor Euch machen sie schon längst in die Hosen! Sobald sie Euer Trompetenschmettern hören, Averden sie schon fliehen. Dann seid Ihr die Herren! Ihr jagt die Geistlichen fort und setzt einen Protestanten auf den Thron!"

Mit diesem Gedichte haben wir schon in das poli- tische Gebiet übergegriffen, dem wir, bevor wir den Boden Frankreichs Aderlässen, noch einige Worte widmen müssen. Übrigens gehen im 16. Jahrhundert Politik und Religion so sehr in einander über, dass eine wirkliche Trennung schAver ist. Unter den Pamphleten, die man eher als politische denn als religiöse bezeichnen kann, giebt es Avenige, die den grotesken Ton anschlagen. Wir finden weder in Languet's Vindiciae contra ty- rannos, noch im ReA^eille matin des Frangais noch in A g r i p p a d ' A u b i g n e ' s T r a g i q u e s den


1 ed. Delepierre 1. c. p. 115 ff.


34<) Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

I laiuh lWv grotesken vSatirc. In einigen Pamphleten lin- den sich zwar Ansritze, die besser ausgebeutet den gro- tesken Ton hätten treffen können. So z. B. wenn ein Pamphlet, das an das Thor der Augustinerkirche ange- heftet wurde, dem feigen und lächerlichen König Hein- rich III. folgenden seine Eigenschaften in derb übertrei- bender Weise charakterisierenden Titel giebt ,,Henri, par la gräce de sa mere, inert rot de France et de Pologne iinaginnire, concierge du Lonvre, margtnller de Saint Ger- main l'Aiixerrois, bateletir des eglises de Paris, gendre de Colas, gandronnier des collets de sa fentme, et frisenr de ses chevenx, niercier du Palais, visiteur des etuves, gardien des Quatre mendiants, Pere Conscrit des Planes Pattiis et protecteiir des Capiicins (cf. Lenient 1. c. II p. 55). — Ob sich dagegen grotesk satirische Stellen in der denselben König verspottenden Isle des Herma- phrodites^ finden, möchte ich nach der von Lenient gegebenen Charakteristik bezweifeln. Höchstens in der Erzählung, dass die Gesetzessammlung des itnperator varitis HeliogabaUis hermaphroditiciis, gomorricns, eti- michtis, semper impiidicissimiis geradezu ein offenes Be- kenntnis des Atheismus, Materialismus und der Heuchelei sei und dass in dem Reiche der Hermaphroditen nur die Verehrung dreier Gottheiten erlaubt sei^ des Bacchus, der Venus und des Cupido, dagegen alle anderen Religi- onen geradezu verboten seien. — Ansätze grotesken Stils dürften sich hingegen wohl hie und da in einigen der wutschnaubenden, den Königsmord und den Hochverrat preisenden Predigten der Apostel der Liga, wie Pouche r und D o r 1 e a n s, finden. Die Ligisten verschmähen keine


1 L'isle des Hermaphrodites nouvellement decouverte, ed. Cologne 1724. — Das Buch lag mir selbst nicht vor, cf. aber bei Lenient II p. 56 hauptsächlich die Stelle: ,,rHistoire des Hermaphrodites est le tableau alle- gorique de la cour de Henri III. L'allusion est transparente sans percer trop crüment le voile dont eile s'enveloppe ä demi, Malgre l'infamie du fond, il n'y a rien de trop criard ni de trop brutal: on devine un ecrivain. maitre de lui-meme et de sa plume".


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 347

Waffe, um den ihnen verhassten Heinrich von Navarra oder Heinrich III. anzugreifen; und wenn auch Boucher erklärt, ,,l(i iiioqucvie est tinc vraic pcstc de lautes tes ver- ttts et vrai euneini du Saint Esprit" , so hindert ihn dieser Ausspruch nicht, in höhnendem Ton die Komödie der Abschwörung des Bearners zu erzählen. Aber wenn auch der Stil in seiner mächtigen Fülle und seinen eingestreu- ten Kalauern an die grotesken Satiriker erinnert i, so hiilt sich doch meistens wie bei Luther und den zu heftigen und zu leidenschaftlichen Charakteren der Ton nicht auf der grotesken Höhe, sondern vergröbert sich zur Invec- tive^. Die Partei der Politiker dagegen Avar nicht in einem so blinden Hass versunken, als dass sie nicht dem


1 cf. Labitte: Les Predicateurs de la Ligue p. 174. Bei Boucher kommen Wortspiele vor, wie: II est temps de se debourber ou plutot de se debourbonner. — Als Beispiel der Fülle seines Stils betrachte man die Erzählung der Abschwörung des Glaubens durch H. IV: ,, Quelle cendre? Quelle havre? Quels jeünes? Quelles larmes? Quels soupirs? Quelle nudite de pieds? Quels frappements de poitrine? Quel visage baisse? Quelle hu- milite de prieres? Quelle prostration par terre en signe de pcnitence? — Les gens de guerre embastonnes, les fifres, les tambours sonnants, l'artil- lerie et escopetterie, les trompettes et clairons, la grande suite de gentils- hommes, les demoiselles parees, la delicatesse du penitent appuye sur le col d'un mignon, pour le grand chemin qu'il avait ä faire, environ 50 pas depuis la porte de Tabbaye jusqu' ä la porte de l'eglise; la risee qu'il tit en regardant en haut, avec un bouffon qui ctait a la fenetre: ,,En veux tu pas etre?" le dais, l'appui, les oreillers, les tapis semes de fleurs de lis, l'adoration faite par les prelats ä, celui qui se doit soumettre et humilier devant eux, sont les traits de cette pcnitence (cf. übrigens Lenient II p. 78). Man vergleiche noch weiter solche direkte Beschimpfungen H. IV., mit den vorher zitierten grotesken auf H. III.: ,,c'est un heretique, un relaps, un sacrilege, un brusleur d'eglises, un corrupteur de nonnains, un massacreur de religieux et de pretres, un qui n'a fait en la vie autre chose que faire la guerre ä l'Eglise, epandre le sang catholique etc. ... II est grand mo- queur, grand paillard, grand avare (cf. Lenient II p. 77). Die Predigten von Boucher ,, Sermons de la simulee conversion et nullite de la pretendue absolution de Henri de Bourbon . . . 1594" habe ich mir nicht verschaffen können.

2 Über den Unterschied zwischen dieser Satire und der grotesken cf. I 4 p» 155.


348 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


Humor in ihren Satiren Raum gc<i^cbcn hätte. Zwar haben wir in der B i b l i o t h e q u e de Madame de Montpensier, die ein Seitenstück zu der berühmten Bibliothek von St. Victor sein sollte und die wichtigsten bedeutendsten Persönlichkeiten der Liga als Verfasser von recht merkwürdigen Büchern ^ einführt, eher eine bur- leske Verspottung denn groteske Satire. Dagegen finden sich in dem bedeutendsten Schriftstück dieser Partei, der Satire menippee einige groteske Stellen, die uns ver- anlassen, noch einige Seiten diesem geistreichen Produkt der Politiker zu widmen.

Ihrer Anlage nach ist die Satire menippee (1594) ^ nicht grotesk. Es werden in derselben die verbrecheri- schen Umtriebe der Liga, ihre lichtscheuen Anschläge und das bemäkelte Privatleben ihrer Führer nicht dadurch ins Lächerliche gezogen, dass man sie kolossal übertreibt. Die komische Wirkung, der Satire Menippee wird vielmehr dadurch erzielt, dass die Redner, welche in der fingierten Ständeversammlung auftreten, wie wenn sie von einem magischen Stabe berührt und von einer unsichtbaren Macht gezwungen wären, ihre geheimsten Gedanken, ihre ver- borgensten Pläne, ihre intimsten Ansichten in die Welt hinausposaunen. Sie reissen sich selbst die Maske vom Gesicht und zeigen sich der ganzen Welt in ihrer furcht- baren Verworfenheit. Selbst der verschlagenste unter ihnen, Mayenne, welcher sonst in Wirklichkeit unter dem


1 z. B,: le denombrenent des veaux de la Ligue, et le moyen de les garder de beler par M. de Rennes ä notre maitre Boucher — Les gri- tnaces raccourcies du pere Commolet, jesuite, mises en tablature par deux filles devotes d'Amiens — Tratte singulier de l'alteration des serveaux, les ■causes et effets d'icelles, et d'oü eile procede, Dedie ä Mr Rose eveque de Senlis — Sermons de Careme de notre maitre de Cueilly, eure de Saint Oermain, fidelement recueillis par les crocheteurs de Paris — cf. Lenient 1. c, und über die Liga u. d, Prediger cf. das schon oben zitierte Werk von Labitte: Les predicateurs de la Ligue 1841.

2 Satyre menippee de la vertu du catholicon d'Espagne et de la Tenue des estats de Paris. Kritisch revidierter Text von Joseph Frank, Oppeln 1884.


Kapitel IT, Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 349

Scheine der biedersten Harmlosigkeit seine gemeine und niedrige Denkungsart schlau zu verbergen wusste, er- zählt hier mit der grössten Naivetät, ja beteuert sogar unter den heiligsten Eidschwüren, dass Egoismus und Habsucht die einzigen Triebfedern seines Handelns gewe- sen seien, dass er es in seiner Schaukelpolitik eigentlich mit Niemandem ernst gemeint habe und stets der Ansicht gewesen sei, dass Leute seines Ranges über die Moral des Volkes hoch erhaben seien. Wenn Mayenne in der Geschichte als harmloser und naiver Mensch bekannt wäre, der in seiner Einfalt nichts verbergen konnte, so würde man in dieser Satire ein Gegenbild zu derjenigen des biedern Richters Bridoie erkennen können, in welcher die Einfalt und Naivetät grotesk dargestellt wird. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall: der Satire menippee kommt es gar nicht darauf an, die Einfalt grotesk zu satirisieren, sie macht sich vielmehr ein Vergnügen daraus, den verschlagensten ihrer Feinde vor Aller Augen sich selbst entlarven zu lassen.

Auch die darauffolgende Rede des kriegerischen Le- gaten ist keine groteske Satire. Die Kampfeslust der fana- tischen Geistlichkeit wird auch dann nicht kolossal über- trieben, wenn der Prälat die Kanzel besteigt und ausruft: ,,3/<r? iina sola cosa mi pare itecessaria a la sahitc delle anime vostre, cioe di noii parlar iiiai dt pace e nianco t>ro- curarla che prima tiitti i Francesi non siano niorti, a giäsa di Macahei, e cosi valorosamente, come fit Sansone, fracassati e sotterrati tra le riiine di qtiesto cattivo para- diso terrestre di Francia per goder piii presto la qiiiete immortale del Paradiso Celeste'^. So kolossal u n s die Sache auch vorkommen mag, in solchen Äusserungen liegt doch keine Übertreibung. Die Priester, die Eglise militante^ wie sie sich selbst nannten, predigten in der That in Paris auf diese Weise. Boucher pries ganz offen den Bürgerkrieg; Pighenot war entschlossen, lieber Paris zu verbrennen als sein Gotteshaus zu verlassen; Der Jesuit P. Commodet brüllte von Morgen bis Abend auf seiner


350 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Kanzel: Wir iM'auchen eine Judit, einen Aod! Louis Dor- leans, einer der hervorragendsten ligistischen Pamphletisten versteigt sich im CathoHque Anglais zu der ungeheuer- lichen Behauptung, die übermenschhche Milde der Bartho- lomäusnacht habe den Misserfolg der Liga verschuldet. So entspricht es den thatsächlichen Verhältnissen, w^enn der Legat offen sagt : ,,Nolite arhitrari quia pacem venerim mitter c in hafte terrain: non veni paeem inittere^ sed gla- ditnW. Selbst die beinahe gotteslästerliche Äusserung am Ende der Rede: ,,Ma giiardatevi mentre n'aprir la boeca per ragionar di pace o trega: altraniente il sacro Collegio rinegarä Christo'^ soll^ wie der Regensburger Kommentar bemerkt, eine Anspielung auf eine fast gleich- lautende Äusserung des Papstes Paul III. sein, die der- selbe bei einer Procession aus Ärger über die durch den Andrang wiederholt hervorgerufene Störung gethan ha- ben soll^


1 In dieser überreizten Zeit hatte die allgemeine Verdächtigung so sehr um sich gegriffen, dass z. B. eine Frau, die von ihrer Magd ange- geben worden -war, da sie nach der Schlacht bei Ivry eine vergnügte Miene gezeigt habe, beinahe aufgehängt wurde; und dass denjenigen, welche H. V. Navarra statt den Bearner, den König nannten, von den Predigern ge- droht wurde, sie würden ins Wasser geworfen werden. — Selbst die Er- zählung d. Sat. men., dass der Ausspruch eines biedern Eseltreibers, welcher sein Grauchen mit den Worten vor sich hertrieb: ,, Vorwärts, Dickhans, es geht zu den Ständen!" für eine Anspielung auf den dicken Mayenne ge- halten wurde, und der arme Bauer von den 16 deshalb arge Misshandlungen erfahren musste, beruht auf einem wirklichen Vorkommnis. Im Tagebuch von l'Estoile unter dem Datum Ende Januar 1593 heisst es . . . „En ce mois fut fouette, ä la porte de Paris, un de ces porteurs de sablon, qu'on apeloit vulgairement Catilinette pour avoir chasse son asne aux Estats et s'en estre mocque. Et en meme temps eust le fouet Chastelet, sous la cus- tode, le serviteur de Baudoin, le meusnier, qu'on apeloit le grand Jaques, pour s'estre pareillement mocque desdits Estats et du duc de Mayenne aiant dit tout haut, parlant ä son asne et frappant dessus: Allons, gros Jean, allons aux Estats. Sur quoy fut rencontre ä Paris le quatrain suivant: ,,Hay ! mon asne qu'on te meine | Aux Estats de Monsieur du Maine | Afin que tu soies d'un piain vol | Fait de Fran9ois un Espagnol (l'Estoile C. P. 46 p. 328, 329). — An einer anderen Stelle belehrt uns derselbe l'Estoile, dass die Poli- tiker Mayenne den Spitznamen ,,Gros Jean du Maine" gegeben hatten.


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 351


Auch die Rede des Rector Rose, des Vertreters der Sorbonne, welche derjenigen des Janotus de Hragmardo so sehr njichgebildet ist, dass sogar sein ,,cri!:o gluc" darin vorkommt, möchte ich nicht als groteske Satire ansehen. Wenn auch hier die Dummheit und Unwissen- heit dieses pedantischen Hanswurstes aufs Grellste be- leuchtet wird, so bezweckt die Satire menippee doch nicht in dieser Figur wie Rabelais im Janotus de Bragmardo eine Satire der Sorbonne zu geben. Es kommt ihr viel- mehr auch hier darauf an, die Liga in ihrer Schlechtig- keit zu entlarven und zwar durch ihren eigenen Anhänger. Ihm fällt die Rolle zu, die ,,chroniqiie scmtdaleiise" der Liga zu erzählen, und er entledigt sich dieses Geschäftes mit der vergnügtesten Miene von der Welt, geradewie wenn es gälte, seinen Freunden ein Denkmal zu er- richten ^

Wenn aber die Satire menippee ihrer Anlage nach nicht grotesk ist, so fehlt es doch an einzelnen grotesken Satiren innerhalb derselben nicht ^. Eine solche haben


1 Auch das ist keine groteske Satire, wenn Rose erzählt, dass man infolge der Bemühungen des General Statthalters in den Räumen der Hoch- schule nicht mehr von dem Kauderwälsch der disputierenden Taugenichtse von Studenten gemartert werde, sondern statt derselben höre ,,rharmonie argentine et le vray idiome des vaches et veaux de laict, et le doux rossi- gnolement des asnes, et des truyes, qui nous servent de cloches . . ." Es ist dies nicht etwa so zu verstehen, dass infolge der Liga die Gelehrsamkeit so heruntergekommen sei, dass die Universität als Stall benutzt wurde; viel- mehr beruht auch dies auf einem wirklichen Vorkommnis. AVährend der zweiten Belagerung von Paris fanden die aus der Umgebung in die Stadt ge- flüchteten Bauern in den Universitätsräumen Unterstand, während ihr Vieh in den zu Ställen hergerichteten Lehrsälen eingestellt wurde.

2 Einer der Verfasser der Satire Menippee hat auch sonst eine gro- teske Satire geschrieben. Es ist dies Passerat, der eine Satire auf die Pro- cesse schrieb (La divinite des proces), die ihren Ursprung in der von uns oben besprochenen Satire Rab.'s finden dürfte. Rab. hatte schon behauptet, die Processe wären unsterblich. Passerat beutet diesen Gedanken aus, und beweist, dass nichts den unsterblichen Göttern mehr gleiche als die Pro- cesse. Es gebe Processe, welche ebenso unbegreiflich seien, wie die Ge- heimnisse der Götter. Mit ebenso grossen Ceremonien werden die Processe behandelt, wie die Götter verehrt, die über einen Process gefällten Urteile


352 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


wir i^leich im Vorspiel. Wahrend im Innern des Louvre die Vorbereitungen für die Sitzungen getroffen werden, bietet im Vorhofe ein spanischer Charlatan im üblichen Marktschreierton ein universelles Heilmittel feil, das C a t h o 1 i c o n d ' E s p a g n e p. 7 ff. Unter dieser all- mächtigen Salbe versteht der Satiriker die intolerante, fanatische, selbst vor dem Aufreizen zum Königsmord und zum Hochverrat nicht zurückschreckende Auffassung des Katholizismus von Seiten Spaniens. Die Macht des Catho- licon übertreibt der Satiriker toll. Das Catholicon, sagt er, kann alle möglichen Wunder vollbringen, es kann über jedes sittliche Bedenken hinweghelfen. Wer als Feldherr Catholicon mit sich führt, der wird ohne Schwert- streich ein fremdes Land erobern, ja, die Bevölkerung' wird ihn sogar wie einen Retter begrüssen. Mit Kreuz- stab und Banner werden ihm Legaten und Prälaten ent- gegengehen. Mag er auch Alles ruinieren, verheeren, usurpieren, niedermetzeln und plündern, mag er auch Alles mitnehmen, rauben, verbrennen und verwüsten, das Volk Avird doch sagen: Das sind unsere Leute, das sind

dürfe man ebensowenig anzweifeln als die heiligen Orakel der Götter. Ebenso wie der Götter Zorn sich durch Geschenke besänftigen lasse, so werde auch der unerbittlichste Process durch gut 'angebrachte Gaben geschmeidig ge- macht. Wie die Götter Wunder vollbrächten, so könnten auch die Processe die Gichtigen zum Tragen und die Hinkenden zum Galoppieren bringen ;^ sie könnten ohne Netz und ohne Angel aus der Tiefe der Wälder Hirsche, Dammhirsche, Wildschweine und Fische, ja wie die Leier des Orpheus Dörfer, Schlösser und Farmen herbeilocken, (um die Richter zu bestechen). Wie die Gottheit zugleich männlich und weiblich ist, so seien auch die Processe als androgyn zu bezeichnen, denn ohne sich mit Fremdem zu paaren, brächten sie aus sich selbst Kinder hervor, die wenige Tage nach- her so gross seien wie sie selber. Wie Wasser, Luft und alle Elemente von Göttern erfüllt seien, so könne man vom Processe auch sagen: Du monde la grandeur de ta grandeur est pleine, Proces fils du Chaos !" Ja, in einem Punkte seien die Processe den Göttern noch über. Denn was einmal ver- gangen und vollendet sei, könne durch alle Götter zusammen nicht wieder vernichtet werden, während beim Process ein ,,alibi", avec un tesmoignage preste en charite", die ganze Vergangenheit verändere, ja sogar aus einem Lebendigen einen Toten und aus einem Toten einen Lebendigen machen, könne (Passerat: Les poesies fran^aises ed. Blanchemain. I. Bd. p. 65).


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 85o

gute Katholiken, sie thiin es lür den Frieden unserer hei- ligen Mutter Kirche. Aber das Catholicon hat noch viel wunderbarere geheime Krillte. Es befreit einen Jeden rasch seiner l^einde, indem es die Hand des Mörders bewaff- net, und den Mörder, der den Feind des Catholicon um- gebracht, lässt es von Kardinälen und Prälaten beschützen, und sichert ihm sogar zum Lohn für seine himmlische That einen Platz im Paradies, hoch über dem heiligen Petrus selbst. Aber nicht bloss den Mörder schützt das Catholicon, auch den treulosen Spion macht es zum Ehren- mann, und AVer ihn nicht dafür hält, ist sofort ein Ketzer. Seid nur treulos und schändlich, w^erdet zu Renegaten, gehorchet weder Gott noch dem König noch dem Gesetz, flucht nur dem Papst, vermaledeiet, lästert, beschimpft ihn, verachtet jede Religion, lacht Euch den Buckel voll über Priester, Sacramente, göttliches und menschliches Recht, esset der Kirche zum Trotz Fleisch zur Fastenzeit, über dies Alles wird eine Sauce mit „cardoii d' Espagiie^' und eine halbe Drachme Catholicon mit Leichtigkeit hinweg- helfen. Kraft dieses Mittels kann ein Blutschänder Kar- dinal werden; ein Verbrecher, ein Falschmünzer, ein Sodomit, ein Schurke, ein Atheist ist rein wie ein Lamm, sobald er sich nur mit etwas Catholiconwasser wäscht. Es ist ein sotiveränes Mittel: den Grafen von Boulogne hat es von der Gelbsucht befreit, an welcher er schwer litt, den Dichter Desportes von der Grätze, die ihn bis auf die Knochen zernagte, den Schreiber Senault von der „caqtiesange'^ . Geheilt hat es ,,pliis de dix nulle zeles du haut mal de la corde, et un milller qui s'en alloient mourir en chartre saus cet Higuiero. . . . En somrne tous les cas reserves en la bulle in Coena Doniini sont ab- soubs ä pur et ä piain par cette quinte-essence Catholique- Jesuitte-Espagnole^. (p. 14.)

Aus diesen Beispielen wird wohl zur Genüge hervor- gehen, dass wir es hier mit echt grotesker, auch im Stile


1 cf. damit die Dekretalensatire bei Rab. IV 50. Schneegans, Gesch. d. giot. Satire. 23


i]51 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

sich vviedcrspicgclndcr Sittirc zu thun haben ^ Nicht bloss an dieser Stelle, auch in der Rede des Kardinals Pe\v6 greift die Satire auf groteske Art Spanien an. Um den unermesslichen Reichtum des Königs von Spanien zu ver- spotten, sagt sie kühn: Er besitzt soviele Länder, dass die Buchstaben des Alphabets nicht hinreichen, um sie alle aufzuzählen (qu'on ne peiit les compter par les lettres de Valphabet) ,,Quand il sue, cc sont des diadesmes, qnand ü se mottche, ce sont des cottronnes, qnand il rote, ce sont des sceptres, qnand il va ä ses affaires, ce ne sont quc des Comtes et Duches qni lui sortent du corps, tant il en est farcy et remply'-^ p. 29 2.

Grotesk ist es auch, wenn Monsieur de Lyon einem frommen Katholiken, der im Getängnis sich weigert, an einem Freitag Suppe zu essen, weil er fürchtet, es möchte Fett darin sein, die überschwänglichen Epitheta gibt : chainpion de la foy, Macchabee, ce devotieux martyr . . . ce sainct pelerin, confessenr et martyr catholique sele^, (p. 89.) Grotesk ist es ebenfalls, w^enn derselbe Monsieur de Lyon sich so in die Hitze hineinredet, dass er nach seiner Rede Mme de Montpensier um Erlaubnis bitten muss, sein Hemd zu wechseln (p. 96). Grotesk ist es schliesslich auch, wenn Roze als Throncandidaten den biederen Küster Guillot Fagotin vorschlägt, dem Ausspruche Plato's gemäss, dass diejenigen Staaten die glücklichsten seien, wo die Philosophen Könige und die Könige Philo- sophen sind. Derselbe habe aber durch den langjährigen Aufenthalt mit seinen Kühen in den Universitätsräumen


1 cf. noch folgende Stelle: „Soyez recognu pour pensionnaire d'Es- pagne, monopolez, trahissez, changez, vendez, troquez, desunissez les prin- ces: pourvu qu'ayez un grain de Catholicon en la beuche, Ton vous em- brassera et entrera-t-on en deffiance des plus fideles et anciens serviteurs comme d'infideles et Huguenots quelque francs Catholiques qu'ils aient tou- jours este.

2 cf. ähnlich bei Rab. IV 32 von Quaresnie prenant: s'il mouchoyt, c'estoyent anguillettes salees, s'il suoyt, c'estoyent moulues au beurre frais, s'il rottoyt, c'estoient huitres en cscalle etc. . . .


Kapitel II. Die französische Satire im Geiste Rabelais'. 355


doch etwas Gelehrsamkeit aufgeschnappt. ,Jl n'est pas possible qn' ayant ce hon houiuic rcsvd, somuicillc et dorrny taut de jours et de nuits entre ces imirailles philosophi- qiies, oü taut de sfavantes le(;ous et dispiites out este ßtictes et taut de helles paroles proferees, il ii'en ait deine nrd qnelqneehose qiii ait entri et pdnctre dedans son cervean, conime an poete Hesiode qnand il ent dorniy snr le niont Par nasse p. 120. — Es waren von der Liga so verschie- dene und so unwahrscheinliche Throncandidaten aufge- stellt worden, dass der Satiriker dieser Kandidatensucherei durch diesen grotesken Vorschlag die Krone aufsetzte.

Endlich möge noch folgender groteske Zug der Sa- tire erwähnt werden, welcher die übertrieben kriegerische Haltung der Liga charakterisiert. Die Ligisten, heisst es, haben einen solchen Hass gegen das Wörtlein ,,Paix" , dass sie denjenigen, die sie zum Schweigen bringen wollen, nicht zu sagen wagen, ,,paix lä!" , sondern sagen: ,,Qn'on se taise!. Kein Wunder, dass eine so kriegerische Partei stets bewaffnet auftritt, dass die Kleriker, Mönche und Priester über ihre geistlichen Gewänder Rüstungen an- legen und alle möglichen Waffen mit sich schleppen, dass die Mönche und Novizen einhergehen, den Helm unter der Kapuze ,,et nne rondache pendne an col, oii estoient peinctes les armoiries et devises des dits seigiteurs" . (p. 16.)

So kampfbereit und waffenstarrend die ligistische Partei in der Satire m^nippee noch erscheint, so sollte doch bald unter der weisen Regierung Heinrichs IV der Frieden in Frankreich einziehen ; der Sturm, der Jahrzehnte lang so furchtbar gehaust und das schöne Land dem Untergange nahe gebracht hatte, sollte bald einer heite- ren, ruhigen, friedlichen Zeit Platz machen, in welcher auch das Kind dieser wild bewegten Zeit, die groteske Satire, allmählich verstummen musste. Wohl hören wir noch am Anfang des 17. Jahrhunderts hie und da die wohlbekannten Klänge, doch sie werden allmählich schwächer und schw^ächer, und verhallen schliesslich ganz,


  • {of> Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

als die Zeit der Ordnung, des Masses und der Harmonie in der Gestalt Ludwigs XIV. den Thron besteigt. — Be- vor wir aber eingehendere Bekanntschaft mit diesen Aus- Ulufern der grotesken Satire und des grotesken Stiles machen, müssen wir die östlichen Grenzen Frankreichs überschreiten, um zu sehen, ob nicht auch im Nachbar- lande Deutschland unter Rabelais' Einfluss eine der fran- zösischen ähnliche groteske Satire das Licht der Welt erblickte.


Kapitel IIL

Das Groteske bei Fischart.

Wie in Italien und Frankreich hatte auch in Deutsch- land ein einzelnes Moment das Signal zum Erwachen, der grotesken Satire gegeben. Aber ebenso wenig wie die Abneigung gegen die Ritterromane, war der Hass gegen das Papsttum für sich allein im Stande gewesen, eine groteske Satire zu schaffen, die auch alle Eigentümlich- keiten eines ausgeprägten Stils nach sich gezogen hätte. Wie bei den einzelnen Makaronikern und in den Chro- niken finden wir auch in den Flugschriften nur Ansätze zum grotesken Stil. Anders wurde es, als die Satire sich unter der wuchtigen Hand eines bedeutenden Dichters verallgemeinerte und gegen die gesammten Schäden der Zeit zog. Wie in den Schriften seiner Vorgänger, Folen- go's und Rabelais', hüllte sich auch in den Werken des Mannes, der in Deutschland in der grotesken Dichtung" die Palme errang, in den Schriften Fischarts ^ die Satire in ein ihrem Wesen entsprechendes Kleid. Und noch in


1 Fischart, höchst wahrscheinlich aus Strassburg gebürtig (cf. Martin: Anzeiger für Deutsches Alterthum, Bd. 17, 1891, p. 52 ff.). — Mentzer soll schon d. Beiname des Vaters gewesen sein — gestorben wahr- scheinlich c. 1590 (cf. Martin 1. c).


Kapitel III. Das (Iroteske bei Mschart.

357

anderer Beziehung- folgte Deutschland der von Italien und Frankreich ausgegangenen Losung. Wie Folengo und Rabelais griff auch Fischart vor allen Dingen die dun- keln Mächte des Mittelalters an. Ja, in einer Hinsicht war Fischart noch vorgeschrittener als seine Vorgilnger. Er war Protestant, und in Folge dessen nimmt der Kampf gegen die römische Kirche in seinen Satiren einen ganz hervorragenden Platz ein K

Freilich die Satire, die in den ersten Werken Fischarts erscheint, hat noch nichts von dem laut schallenden brei- ten Lachen, des grotesken Satirikers. Sei es, dass er in Nacht Rab oder Nebelkräh- den .^RabiscJi gross Fnntasten^^ (v.355)^, der mit Jzot echten Trecktetleiti um sich mvft^^ (V. 716), den ^^schUiuincu Tropf'- (v. 702), der nicht orthographisch richtig schreiben kann (v. 12Lo) und in seinem Donat nicht sattelfest ist (v. 199, v. 3644), mit sei- nen groben Schimpfereien überschüttet, sei es, dass er in der Barfüsser Secten und Kuttenstreit* und in der Schrift über die heiligen S. Dominicus und Fran- ciscus '\ gegen die Franziskaner, ^^diese Esel in ihrer grauen Kutte'- oder die Dominikaner, diese ^^rtwssigen


1 Auch in Bezug auf seine Wanderlust und sein encyclopädisches Wissen wäre Fischart mit seinen Vorgängern zu vergleichen. Fischart ist in England, den Niederlanden und Frankreich gewesen, vielleicht auch in Italien. Er konnte ausser seiner Muttersprache französisch, italienisch, spa- nisch, vlämisch, lateinisch, griechisch, auch etwas hebräisch; er kannte gründlich die Geschichte, nicht bloss Deutschlands. Wenn er sich auch hauptsächlich dem Studium des Rechtes gewidmet hatte, so war ihm doch weder Theologie, noch Medicin, Philosophie oder Philologie fremd. Die Musik, Malerei und Bildhauerkunst zogen ihn im höchsten Grade an (cf. Besson: Etüde sur Jean Fischart, Paris 1889); über die Fischartlitteratur cf. daselbst p. 347 fl". ; über die spätere Litteratur cf. Jahresbericht für neuere deutsche Litteraturgeschichte 1. 1890. ed. 1892.

2 Aus dem Jahre 1570. Abgedruckt in der Deutschen Bibliothek von Kurz VIII Fischarts Dichtungen I p. 1 ff.

^ Jacob Rabe, der zum Papsttume umgekehrte Sohn des Memminger und Strassburger Theologen Ludwig Rabe.

  • Aus 1571. Abgedruckt bei Kurz 1. c. p. 101.

5 Auch aus 1571. Bei Kurz 1. c. p. 121,


35H Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

schwar^ai Kessel^ (v. 706) in ihrer schwarzen Kutte, oder gegen den sauberen Nas i, ^den tinverschenipten Lügen- mibtch und Liigenßicker'^ zu Felde zieht, immer gebraucht er nur die Waffen der direkten Satire, das scharf geschlif- fene Schwert der Invective, die wuchtige Keule der Grob- heit, die sausende Geissei der persönlichen Injurie. Stets tibermannt ihn der Zorn. Er packt seinen Gegner an der Gurgel, schüttelt und rüttelt ihn hin und her. ^Ist das flicht ein grob Bacchant'- (v. 360), donnert er den Jesuiten Rabus an, „TFb kommen deine krummen Finger her?' (v. 269). Noch grimmiger geht er mit seinem speziellen Freunde Nas um ; er lässt ihn keinen Augenblick zu Ruhe kommen, diesen Nas „^'o// lügen und voll laster'-^ (v. 1666 Dominici), ^^diesen Lump enisoe scher . Wo er hat kein lügen nicht, so sieht er iiie er Lügen dicht'- -^ und die katholische Kirche erst, dieses Babylon mit seiner Hurenstirne, welche Flut von Schimpfwörtern giesst er nicht über sie, und ihre Anhänger ! Sie thun, so sagt er, wie die Juden und wer- fen mit Steinen nach Christo ! Sie versteigern die Ablass- zettel, den Sterbenden wissen sie immer Geld abzuzwacken für ihr Kloster ^Ihr bepstich Lügner alle sampt, 'wie seid ihr doch so imverschampt !'-'- Und wie ausser sich gerät er, wenn er von den Wundern spricht, die dem h. Domi- nicus zugeschrieben werden und welche denjenigen Christi nachgeäfft sind: „ TFas soll man solchen Lügen glauben, damit man Gott sein Ehr will rauben? . . . Ihr macht Dominien s mim Bacchus im Christentum f-^

Wenn in der Satire dieser ersten Schriften sich durch- aus nichts Groteskes findet, so könnte es sich mit dem Stile doch vielleicht etwas anders verhalten. Im Laufe unserer Untersuchung sind wir schon einige Male der Erscheinung begegnet, dass auch in direkten Satiren sich Ansätze zum grotesken Stile fanden. Bei Luther und einigen andern Satirikern war die Vorliebe für einzelne


1 Johann Nas, geb. 1534, zuerst Schneider, dann Barfüssler, berühmt als Prediger, f 1590 in Innsbruck.


Kapitel IIT. Das Groteske bei Fiscliart. 359

der gewöhnlich im grotesken Stil wiederkehrenden Eigen- tümlichkeiten, so für Aufzählungen und lur Wortspiele sehr ausgeprägt. Wie steht es damit bei Fischart?

Zur Fülle des Stils finden wir bei ihm nur beschei- dene Ansätze. Das Gedicht „der Bartusser Secten und Kuttenstreit ^' enthält ausser im Titel gar keine Aufzäh- lungen ^ In Nachtrab oder Nebelkräh, welches doch 3755 V. zählt, haben wir nur an zwei Stellen Aufzäh- lungen, V. 1255 — 12TG, wo 21 Namen nacheinander auf- gezählt und V. 2775 — 2781, wo vierzehn Heilige uns vor- geführt werden. Nur drei finden wir im 4741 v. langen Gedicht über S. Dominicus und S. Franciscus, erstens da, wo Fischart (v. 535 ff.) die ketzerischen Argumente anführt, welche die Mönche einander gegenseitig vorwerfen, dann w^o er die einzelnen Mönchsorden aufzählt (v. 615 — 629) und endlich da, w^o er das Leben der Mönche beschreibt (v. 4035 ff.). Auch die Vorliebe für Gleichklang, die später bei Fischart geradezu überAvuchert, tritt in diesen Ge- dichten noch kaum hervor -. Dafür bemerken wir aber


1 Der Titel lautet: „Sihe wie der arm Sanct Franciscus und sein Regel oder Evangelium, Von seinen eigenen Rottgesellen den Barfüssern und Franziskanern durch jre secten selber gemarttert^ zerrissen, zerbissen, zertrent, geschändt, anatomiert, zerzert, zerstückt, zerketzert, beraubt, ge- plündert und zu schänden gemacht wirt". ^Slerk würdigerweise hat das spä- tere wesentlich kürzere Gedicht über denselben Gegenstand, abgedruckt Kurz 1. c. X Fischarts Dichtungen 3 p. 3 ff. — es stammt aus dem Jahre 1577 und enthält nur 19G v,, während das erstere 779 hat — einen ganz einfachen Titel: „Der Barfüsser Secten und Kuttenstreit, Anzuzeigen die römisch ainigkeit". — Wie Kurz in seiner Ausgabe der Fischartschen Ge- dichte Bd. ITI p. VI mit Recht sagt, ist es sehr merkwürdig, dass Fischait gegen seine Gewohnheit eine neue Bearbeitung verkürzt und nicht ver- längert hat.

2 In der Barfüsser Secten- und Kuttenstreit linden wir nur zwei Bei- spiele für diese Erscheinung: v. 705 „Und wenn ich jetzt möchl N aasen fischen | So wollt ich ihm die Naasen wischen", und v. 140 „Dann Pfaf- fen machen doch nur Affen". In den 3755 A'ersen von Nachtrab und Nebelkräh stossen wir nur auf folgende Beispiele: v. 1520 „Da schlempst und d e m p f s t du bei dem Wirt" ; v. 2231 ,,Ohn dass sie ihm geboten sehr I dass er die vorig lehr versch w e r" ; v. 2483 „Und sehr i e: O bone


3<>0 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais,

schon die Vorliebe für Wortverdrehungen und Wortspiele. Keck und selbstbewusst wie später tritt sie freilich noch nicht hervor, aber Fischart hat doch schon seine Freude daran, die katholische Kirche ^^kakolisch'-^ oder ^^kat.'^en- ivol/isc/i^ 1 zu nennen, oder die Jesuiten als Jcsiiwider, Jebusitcr und Siiiter 2 zu brandmarken. Besonders gerne leistet er sich die allerdings recht wohlfeilen Witze über die Namen seiner Feinde Nas und Rab. So fährt er etwa seinen Feind Nas mit den groben Worten an: „ Vcrkleib mir mir vor Zorn allein, das Loch nicht mit der Nasen Dein'-^, und meint etwa, „ein blinder Tölpel müsse der sein, der über eine solche Nase nicht fallen


Jesu mü"; v. 1113 „Sein Schäfl'lein weiden auff der Heiden" und v, 2545 „Die Lügen haben schier Sanct Veiten | dass sie von diesem Valien melden". Auch in dem langen Gedicht über den h. Dominicus sind die Beispiele sehr selten: cf. nur v. 135 in der "Widmung, v. 238, 239, 378, 780, 837, 1397, 1405, 1543, 2057, 3455. Echt r-schartisch ist eigentlich nur folgendes: v. 15'i6 „Und wie jr heut was approbirt | Und morgen wider renocirt | Heut endert was jr regulirt | Morgen addirt und indul- girt I Und dispensirt mid rescrvirt | Und suspendirt und Satanirt".

1 In der charakteristischen Widmung des h. Dominicus: F. Johanni Nasen Cacolyco, Ecclesiae Mastygi, dem unverschempten Lügenmünch, Wei- land in Franken und Beyern ein Schneiderknecht und jetzund zu Ingelstadt ein Lügenfiicker etc. Wünschet J. F. Mentzer genannt erlösung seiner leste- rigen TeufTel und unsinnigen weis, auch besserung und waren glauben".

2 Bar f. V. 128, Nachtrab v. 391, G09 — v. 572, 796 — v. 3292. — Andere ähnliche Witze wären folgende: die Pauliner nennt er Fauliner oder ]Maulcdiner (Barf. v 449, 450; v. 77 des Gedichts von 1577); v. 675 spielt er mit deformator und reformator, deformieren und reformieren. In Nacht- rab und Nebelkräh finden wir v. 125 ff.: Das andermal so will er sein | auf einer INI ü 1 e n nur daheim | Ich weiss nicht wo das M ü 1 h e i m liegt. V. 1137: Des Rabi undern Schriftgelehrten | Wie soll ich sagen Schrifft- V erkehrten, v. 2373: Bei solchen Büchern kondt sie fassen | Und siben Tag ungesscn rasten | Unglesen, sag ich, nicht ungessen. — Des Nas Tractätlein werden zu kotechten Trecktetlein v, 716. Im Dominicus ver- wandelt er des Nas Centurien in Menturien und Schenturien (W^idmung v, 151, Dominicus v. 1575). Den h. Dominicus tauft er ohne weiteres zum h. Dae- nioniacus um v. 2695/96 u. s. w. In v. 211 ff. finden wir macaronisches Latein: AVillkommen Domine Nase | In nostro ordine rase | Vos estis valde subtilis I Cum nadlis, dintis et filis | Eratis sartor vestium ] Et factus Sartor scelerum |. — Auch v. 1001: „und sackum super nackum tragen".


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 361

wollte" ^ Nicht minder grob als seiner Nasilüt gegen- über ist er, wenn er vom Rappcniuistc seines Freundes Rab resp. Rahi spricht, wenn er ihm droht, er wolle, wenn er es zu grob mache, sein Ruppcnlob ihm sagen, oder wenn er seinen Namen mit dem Verbum ^^rmihcn^ in Verbindung bringt und behauptet: .^Dcr Rahe rauht und ist mi Rom gewesen, wo man raumpl nach allem BrancJi (Nachtrab v. 8—10).

Viel kräftiger als in der Poesie sind die Keime gro- tesken Stils in der Prosa unseres Schriftstellers zu finden. Es ist dies schon an und für sich begreiflich. Das Gro- teske macht es sich viel lieber in dem behaglichen Ge- Avande der geschmeidigen Prosa bequem, als in dem eng zugeschnittenen Kleide des Verses. Auch legt der Vers der Rede nicht nur ein äusseres Mass auf, sondern be- dingt auch ein Mass in höherem Sinn, über welches das Groteske sich natürlich nur hinwegzusetzen wünscht. So haben wir denn schon in der prosaischen Einleitung zum Eulenspiegel Fischarts, der aus dem Jahre 1572 stammt, eine vorzügliche Probe grotesken Stils-:


1 Dom. Widmung v. 330, Dominicus v. 195. Auch sonst leistet er sich ähnliche Witze. Er redet seinen Feind an „mein sauber Nas — Weil Du Alles kannst riechen bas, das Dir nicht selbst im Busen riechst", oder sagt ihm „Man muss Dich lehren schmecken, ein Feder durch die Nasen stecken". „Hiemit so butz Dein grobe Nas", fährt er ihn an, und er be- schreibt seine Nase mit den Worten „Daher ist also rotzig, klotzig, die Sevnas Frater Nas und trotzig" v. 201, 207, 330 der Widmung, Dominicus V. 195.

2 Eulenspiegels Reimcnsweiss : Ein newe Beschreibung und Legendt <iess kurtzweiligen Lebens und seltzamen Thaten Thyll Eulenspiegels, mit schönen neuwen Plguren bezieret und nu zum ersten in artige Reimen, durch J. F. G. M. gebracht, nutzlich und lustig zu lesen. Die Prosastücke abgedruckt bei Wackernagel: Johan Fischart von Strassburg, Basel 1870, p. 138 ff. — Was den gereimten Inhalt des Eulenspiegels betrifft, so muss ich mich, da er mir vollständig nicht zu Gesicht gekommen ist, mit beschei- denen Aussagen begnügen. Nach den bei Goedeke „Deutsche Dichtung I p. 161 ff." abgedruckten Proben — der ganze Eulenspiegel ist nur mehr in vier Exemplaren der ersten und einzigen Ausgabe vorhanden (in Berlin, London, Wien, Zürich cf. Hauffen: Caspar Scheidt, Quellen und Forschun-


362 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


Schon der Titel der Abwehr ist charakteristisch: ^Ein Abred an die Eulenspiegler und Sch(tlckskliiglci\ Auch an die Eulcnstrigler und Esels.^iegler^^. Die Manie, die eine Hälfte des Satzes mit der andern zu reimen, fin- det sich überall. Man höre nur (p. 140, 141): ^Ist es nicht angenemer, erniant "werden mit schertzen, denn mit s c h m er t .^ e n ? Und s c h i m pf flieh denn ung l i m pff- lich find st ihn Pf flieh? Und mit süsse dann mit hü ssen? mit Wort als mit Mord? mit rhaten und reden, dann mit schaden, Rädern und tödten? Da ist kein Herbe y da ist kein sterben^ da seind linde Mittel, die brauchen keinen Büttel, Da thut man keinem übel aus Bornigem niiit, sonder schimpfflich redt man übel dem der übel thut, da licirdt niemandt vera cht noch verl acht ....'•.


gen 66 p. 113 Anm, 3) — miisste ich das Gedicht für in grotesker Hinsicht recht unbedeutend bezeichnen. In den 6 Kapiteln (1, 23, 30, 33, 35, 70) bei Gödeke finde ich nur ein Beispiel von Aufzählung, und dies sehr dürftig, p. 163 V. 24, 25: „Predigt von Rocho, Grillo, Lando, fürnemlich von eim der hiess Brando; und an Gleichklang findet sich nur: p. 166 „denn Wucher spitzt und ritzt die Witz", und „Die da lauren hinter den Mau- ren"; das Sprichwort p. 165 „Gleich wie gewunnen so zerrunnen" darf kaum als Beispiel angesehen werden. Es wäre merkwürdig, wenn in den andern von Goedeke nicht abgedruckten Kapiteln der Stil wesentlich anders^ wäre. Und so frage ich mich denn, ob Hauffen's Behauptung (Fischart's Eulenspiegel, Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte, Bd. III, 1890, p. 382) „(Fischart) überbietet sich in neuen Wortbildungen, kühnen Sprachverren- kungen und Reimspielen" nicht übertrieben ist. — An Wortverdrehungen zitiert Hauffen nur: p. 389 Luristen (für Juristen), Schadvokaten (für Advo- katen), Lappotheker (für Apotheker), der Empter Leid (für die Amtleute),. Rechttor (für Rector) und die Ableitung von „Doctor" von „Deck den Tho- ren". — Wenn das Alles ist, so ist es nicht mehr, wie in den vorhin an- geführten Schriften. Was die Fülle des Stils betrifft, wird ausser der von uns zitierten Aufzählung nur noch die nicht viel grössere: „narrentheiding,. gaucklen, springen, zanglecken, lachen, schreyen, Zung ausstrecken" ange- führt. Auch sagt Hauffen nur p. 384: (Fischart) liebt die Zusammenstellung von drei und mehr Gliedern und zeigt schon hier die Ansätze zu sei- nem später so übermässig hervortretenden Stilprinzip der Häufung. — Bei- spiele von Gleichklang giebt Hauffen nicht. Nach alledem glaube ich, dass der Eulenspiegel sich in grotesker Hinsicht gerade so verhält wie Nachtrab und Nebelkräh und die übrigen oben zitierten Schriften.


Kapitel IIT. Das Groteske bei Fischart. 3G.'>

Noch toller sieht es im folgenden Satze aus : „ Wo es nicht war Sil hall ic reu, da luiisst ich's knttiu i c r c n, und ns:o ich es nicht vermocht sn piirg ier en, da ivar es zu la- xiere n, und niusst alsdann tust ier e n für Just i c r e ;/"

(P. 144).

Ausser diesen überzahlreichen Reimen haben wir in diesem Vorwort auch kolossale Fülle. Fischart dreht und wendet einen und denselben Gedanken nach allen mög- lichen Seiten um und wiederholt ihn unter den mannig- faltigsten Formen. So braucht er mehrere Seiten, um auseinanderzusetzen, warum er den Eulenspiegel in seiner wirklichen Gestalt gegeben, warum er ihn nicht ^^castriert und behobelt haf-^. Er kann den Eulenspiegel nicht zu etwas anderem machen, als zu dem, was er schon ist:

^^Derohalben kan man mir nicht .zumessen, so etwas ist vergessen, das gedieht ist wie die Geschieht, der Schrei- ber wie der Kleiber, der Gans dantst nach dem Gsang, das schreiben muss bey der Matery bleiben, ScJiimpfflich spil, schimpfflich Gelt, wie der Held, also gestellt ; Ich miisst auch fragen wie Martialis: Wie wann mich Messest ein Brautliedlein singen, und doch das Wort Braut nicht drein bringen? Wie kann ich das O anders sprechen denn runds Munds? Es war mir von n'öten wie man spricht, dass sich ein Krämer nach seim Kram rieht, dann der nur feil hat Buppen und Schellen, der wird gewiss nit viel schön s aussst eilen u. s. w." (p. 144/145).

Lange Aufzählungen werden uns natürlich nicht er- spart. Man lese nur p. 147: ^^Dann also seind zu empfan- gen diese unruhwige Phineische und Cephenische Poch- hansen, die uns auff die Hochseit kommen wollen, die rechten Schälck, die man hierinnen spiegelt , die Prillen- gucker und Prillenreisser, die übersichtigen Augen, die rümpffenden Stirnen, die sarte Kütselohren, die nassweisen Nasen, die maulende über saunhangende Manier, die lange schwetsige Zungen, die falsche heuchlerische Hertzen uiui geberden, die widerbefftsetide LefftBcn, die susammenknir- rende Zän, die träuwende Finger abbeissen, und ander


SCA Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

äessglciclicii, tingc.ziffer^ beide von Eiilenstriglern tinä Eiilen- streichern u. s. w.". Dieselbe Fruchtbarkeit wie in Adjec- tiven und Substantiven zeigt Fischart auch in Verben: ,,Deroivegcn sey der Ungnmt und Ungfall .zii ofjtermalen siivcrlachcn, miverachten, mi versingen, verspringen, ver- dantsen, vertrinken, verpfeiffen, verspielen und auff an- dere weg mi verkurtsweilen und su verjagen auff dass er nicht die Menschen blöd mach, weibisch und versagen^^ p. 143.

Noch viel kräftiger als im Vorwort zum Eulenspiegel sind die Eigentümlichkeiten des grotesken Stils in einem Werke ausgeprägt, das im selben Jahre 1572 das Licht der Welt erblickte, in Fischart's „Aller Praktik Gross- mutter". Schon die Titel der einzelnen Kapitel lassen an groteskem Reichtum nichts zu wünschen übrig. Man lese nur den Titel p. 592 ^ : „ Von den Glathärigen Rauch- schwäntslern, in dess hundertfüssigen Geissschiitenden , Höltmnen, Dreyaugeten, Sandigen, Unbeschorenen , Jung- frawen. Träumenden Jupiters, sulöckers, Gutschad, Bas- sers, Geissschluckers, Ertsknopffs^ Ehkupplers, Ziinmat- lösers, Muckenfeinds, Gewölksantiers, Gutsgauchs und Bintsbergers Thon'-^. Und wenn man das Kapitel selbst liest, wird man nicht enttäuscht. Aufzählung reiht sich dort an Aufzählung. In den Kapiteln, in welchen Fischart von den Leuten spricht, die unter dem Einfluss der ein- zelnen Planeten stehen, die dem Jupiter, dem Mars, der Sonne, der Venus, dem Merkurius und dem Monde unter- worfen sind, finden sich oft seitenlange Listen ^. — Auch die andern Eigentümlichkeiten des grotesken Stils sind in reichstem Masse vertreten. Die Vorliebe für Gleichklang macht sich in jedem Kapitel geltend. So sind hygienische


1 Ich gebrauche die Ausgabe in Scheible's Kloster VIII p. 546 ff.

2 So z. B. p. 582: Stieffvaterische Hertzen, Neidlachige Schertzer, Eyffrige Geuch, flegmatisch Obsfressig beuch, blautregmascheisser, argwöh- nisch Fingerbeisser, kodrechte Reuspier und Blutspeyer, Daube, Unsinnige, Wetterlaunige Spängleinspicker, Schlegelflicker u. s. w. es folgen noch 86 Substantiva, ebenso p. 601 ff., 615 ff.


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 365

Ratschläge, wahrscheinlich, um sich besser einprägen zu lassen, als Reimregeln abgefasst p. 557: ^.Aderlässen ist iJ!;ttt, so qfft es vonöten l liut ; weisse Hand und Taschen seind gniig geii:äsche7i, doch ^wäscht sich keiner selbst so schön, als licann er noird :zmn Scherer geJin'-^. — Auch in Bauernregeln weiss Fischart gut Bescheid und er sorgt dafür, dass wir sie nicht vergessen. So lesen wir p.558: ..Scheint (der Mond) rot, gewiss ein Wind goht: Scheint er bleich, so regnets gleich'-'- ; p. 559: ,^Wie es am dritten nach dem New- und Vollnion wittert, also ist das 'Wetter darnach .'sehen tag gelidert^^. Und er macht auf die- selbe Art Propaganda für seine Bücher. So p. 567 : .Jcein nützlicher Büchlein ist für euch nie anssgangen, als der Flöh atz, Weiber t r at s ; darinn finden jhr den S ch at z, wie man die Flöh fats niid kratz'-^.

Einzelne Kapitel sind fast ganz in Versen abgefasst, so das Kapitel ^{com Stand fürnemmer gemeinniitslicher Leiit'-'- (p. 576), auch das letzte Kapitel „C5 stehet geschrie- ben^^ (p. 660). Sogar in den Titeln einzelner Kapitel macht sich diese Manie geltend. So lesen wir: ..Von Nativiteten und Kometen, Von der Finstermiss im Eiilenßng, Vom Mondschein in seim Hauss, wann die Frau ist drauss, was bey diesem Planeten sey mi begehn oder abmistehn'-^ , Auch hier spielt Fischart mit den Wörtern wie mit Kautschuk- puppen; durch den leisesten Druck vermag er ihnen je- den Augenblick eine neue wunderliche und ungeheuer- liche Figur zu geben. Manchmal dürften die betreffenden mit der Wandlung ganz zufrieden sein. So der Weih- bischof, wenn er zum TF^/wö/st/zo/ befördert wird, und ^?is Schaltjahr, wenn es zum Schalkjahr umgetauft wird. Dagegen werden sich die unschuldigen Planeten als Plag- nöthen und der biedere Pantagriiel als Schandagruel nicht besonders wohl gefühlt haben. Auch sonst berei- chert Fischart hier die deutsche Sprache um eine Menge Neologismen. In den Ungeheuern Listen, die er uns auf- tischt, finden Avir Wörter wie ..Meerschweinschwimmend, Lögezeichnet , Häwmonatwarme , Doppel gehenbelt , Feder-


o(i(i Dritter Teil : Die Zeit nach Rabelais.

strcussii(, Elciihogspreissig, Elementsinartrig . . . Mist- faiilstiiikend, Pfiihl'waitrescher, Ftichsschiioanstrescher . . . PfaffcnkolenuHirmer . . . Kat^enhindenlecker , Rothrockver- diener, inmilesclige, fot^enbchelniete Fraisoenedele, Schmach- schntidler u. s. w. (p. 592 ff.).

Der Aufschwung, den Fischart's Stil in „Aller Praktik Grossmutter" nimmt, ist wohl wesentlich dem Umstände zu verdanken, dass in diesem Werke Fischart zuerst in ein direktes Abhängigkeitsverhältnis zu Rabelais tritt ^ Was bis zur Berührung mit ihm an Vermögen latent war, gelangt nun zu einer Entfaltung, welche beinahe des Fran- zosen Meisterschaft in den Schatten zu stellen droht. Freilich nicht, was die Satire betrifft. Ebensowenig wie in der Pantagrueline Prognostication erreicht die Satire hier die groteske Höhe. Dagegen sind die Eigentümlich- keiten von Rabelais' Stil, wie aus den angeführten Beispie- len ersichtlich, bis auf die Spitze getrieben. Die Sucht nach grösstmöglicher Fülle hat es auch bewirkt, dass der Um- fang des Werkes um ein Bedeutendes angewachsen ist 2.


1 Ausser auf Rabelais beruht das Werk auch auf der Prognostica des Jacob Heinrichmann 1508; auf der Lasstafel und Practica des weyt- berümpten Doctor Grillen von dem Narrensteyn ausz Schlampampen 1540, sowie auf der Practica practicarum von Johann Nas, der hier das Pseudonym Johann Philognesius annimmt, cf. Besson 1. c. p. 116.

2 Schon die Vergleichung der Titel weist darauf hin: Rabelais war wahrhaftig schon ausführlich genug: „Pantagrueline Prognostication certaine veritable et infaillible pour l'an perpetuel, nouvellement composee au proffit et advisement des gens estourdis et musars de nature, par maistre Alcofribas, architriclin du dict Pantagruel — Du nombre d'or non dicitur; je n'en trouve point ceste annee, quelque calculation que j'en aye faict. Passons oultre. Verte folium". — Fischart wird aber ungeheuerlich: Aller Practick Gross- mutter: Ein dickgeprockte Newe und trewe, laurhaffte und jmmer daurhaffte Procdick, auch possierliche, doch nit verführliche Pruchnasticatz ; sampt einer gecklichen und auff alle jar gerechten Lasstaffeln: gestellet durch gutdunken oder gut trunken des Stirnweisen H. Winhold Wüstblut vom Nebelschiflf, des Königs Artsus von Landagrewel höchsten Himmelgaffenden Sterngauck- 1er, Practikträumer und Kalenderreimer; Sehr ein räss, kurtzweilig geläss als wann man Haberstroh äss". So in der Ausgabe von 1572 (cf. Kurz ,1. 0. X Fischarts Dichtungen HI p, VII). Der Titel der Ausgabe von 1574


Kapitel II F. Das (Iroteske bei Fischart. ViCu

Ob Fischart, als er die im selben Jahre erschienene Vorrede zum Eulenspico^el schrieb, schon Rabelais kannte, ist ohne weiteres nicht zu entscheiden. Es jü^ab auch vor Fischart einzelne deutsche Prosaiker, welche hie und da -einen wirklich grotesken Stil schrieben, und die also Fisch- art beeinflussen konnten. So L i n d e n e r i, sowohl in


ist noch viel toller: „Aller Praktic Grossmuter. Üie dickgeprockte Panta- gruelische Btrugdicke Procdic oder Pruchnastikaz, Lastafel, Baurenregel oder Wetterbüchlin, auff alle Jar und Land gerechnet und gericht; durch den Vollbeschreiten jMäusstörer Winhold Alcofribas Wiistblutus von Aristophans Nebelstatt; dess Herrn Pantagruel zu Landa^rcuel Obersten Löffelreformirer Erb- und Ertztränk, und Mundphysikus -r Jzund alles aufs newe zu lib den Grillengirigen Zeitbetrigern, verstockten, Hirnbedäubten, Maulhänkolischen, NaturzAvängern: ergentzt und besprenzt. ein frisch ras, kurzweilig geläs Als wenn man Haberstroh äs", cf. Kurz 1. c. p. IX. Was die Vermehrung des Umfangs des ganzen Werkes betrifft, so haben wir mehrere ganz neue Kapitel, z. B.: ein dückgeprockte Prockdick, von den 12 Monaten, von Metall, Gold und Reichthumb, von Ungern erhörtem glück, Gewitter und Witterung, und es „steht im Ecclesiaste". Ebenso übertrifft der Inhalt der Kapitel noch um Vieles die Ausführlichkeit Rabelais'. Es verhält sich mithin die Praktik zur Prognostication wie der Gargantua und Pantagruel z\x der Chronik.

1 Lichtenstein, der Herausgeber des Rastbüchleins und der Katzipori meint, dass gelegentlich bei Lindener „schon Fischart'sche Töne anklingen" (Michael Lindener's Katzipori ed. v. Lichtenstein, Bibliothek des litterari- schen Vereins in Stuttgart 163). Bobertag (Geschichte des Romans I 139) hatte gemeint, Lindener sei Rabelais litterarisch verpflichtet gewesen. Lich- tenstein weist diese Ansicht zurück, „weil der so gerne mit seiner Gelehr- samkeit prunkende Corrector dann gewiss wie mit lateinischen, auch mit französischen Brocken um sich geworfen haben würde" (p. 198). Als cha- rakteristisches Beispiel von Lindener's Stil möge seine Zuschrift an Hans •Greüther in Betreff seiner Katzipori angeführt werden, in welcher er be- hauptet, er habe sein Fatzbüchlein auf Bitten vieler guter frommer auser- lesener „bundten und rundten schnudelbutzen, welche man auf Welsch Kazipori nennet | und auff griechisch raudi-maudi, leuss-im-Peltz" [, heraus- gegeben. „Diese gute schlucker", so fährt er fort, „heisset man teutsch und unser sprach Storchsschnäbel, enntenfüss, gensskragen, sävrussel, esels- ohren, bockshörner, wolffszähn, katzenschwentz, hundszügel, ochsenköpff, kalbsfüss". — Ferner der Anfang von König Vollnarris Mandat: Wir Vol- narrus von Pirimini Sabera Scharniaschala, der letzt unter den truncken- pöltzen in der nachzech ... in Schlampampen, Schlauraffenland und im grossen königreich Narragonien, da das edel Geschlecht die Fantasten wach-


368 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


seinen Katzipori ^^darinn iicwe miigkcn, seltziunrnc gril- len, liucrhöylc tauben, visierliche sotten verfasst und be- griffe seind, durch einen leyden guten companen, (dien guten Schluckern .^il gefallen misamrnengetragen^ als hie und da im Rastbüchlein so z. B. im ^^iiner hörten und scharpfen Mandat des grossmächtigen Königs Vollnarrt über die, "welche die guten leuth zn vemeren pflegen, die es mit langer leyden noch dulden kiinden^^ (Nr. 28 des Rastbüchleins in Lichtensteins Ausgabe). Nichtsdesto- weniger dürfte vielleicht ein Umstand eher für eine Be- einflussung durch Rabelais sprechen ^ In allen Werken, die im Jahre oder nach dem Jahre 1572 erscheinen, nament- lich in den Gedichten dieser Zeit zeigt sich insofern eine grosse Änderung gegen früher, als das Groteske unge- heuer anwächst.

Einige früher wenig hervortretende Eigentümlichkei- ten des grotesken Stils nehmen hier einen bedeutenden Auf- schwung. So vor Allem die Manie, überall Gleichklang her- stellen zu wollen. Es ist geradezu auff'allend, wie z. B. im arlichen Lob der Lauten 2 vom Jahre 1572 im Gegen- satze zu den Gedichten der zwei vorhergehenden Jahre diese Liebhaberei sich entwickelt hat. In diesem kurzen nur 758 Verse zählenden Gedichte finden wir viel mehr


sen, Junker zum Thorenstein und Grillenberg, auch ein vogt zu Taubenheim und Muckendorff, Cantzler der gantzen narrenzunft und geckenwerk, — ent- bieten allen unseren, und yeden in sonderheyt underthanen als narren, fan- tasten, gecken, klepeln, dremmel, dülpeln, flegeln, knöpfen, stocken, pen- geln, sevrüsseln, knöbelbeylen, krumbsteltzen, langnasen, flatzenmeuler und rotfüchsen . . . Satirisch ist der Inhalt nicht, gewöhnlich besteht er aus Anekdoten und Schwänken schmutzigen Inhalts, ohne jegliche Tendenz. Über Lindener cf. das Neueste: Hart mann: Kaspar Winzerer und sein Lied. Mit Studien zu Michael Lindener's Leben und Schriften. Oberbaye- risches Archiv für vaterländische Geschichte, 4G. Bd., München 1889. 1890. cf. p. 14 Anm. 1, wo die sonstige Litteratur über Lindener angegeben ist. — Über Groteskes in der grobianischen Litteratur cf. unten.

1 Besson meint freilich p. 331 in Bezug auf die Vorrede des Eulen- spiegels: Ce seul passage suffirait ä prouver que Fischart n'a pas attendu l'exemple de Rabelais pour employer cette forme de style.

2 Abgedruckt Kurz 1. c. X. Fischarts Dichtungen III p. 9.


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. '5()9

Beispiele als in dem 4740 Verse langen Dominicus. Der Gleichklang findet sich entweder in der Mitte des Verses, wie z. B. V. 33: ^,d(i man entrütt, ctit schult das Hirn^^ i, oder am Ende v. 550: rt^yi^ hoch die Kunst Gott führt und ziert^^ ^^ oder als regelrechter Binnenreim v. 30: ^Wie der Wolff i^iilcn in der Hiilen'-^ ^. Dieselbe Liebhaberei treffen wir sogar in ganz kleinen Gedichten, wie in der Vorbereitung in den Amadis (138 v. lang) aus dem Jahre 1572 ^ in dem Gedichte Accuratae effigies ^ aus dem Jahre 1573 (18 v. lang) in dem endlichen Aus- spruch des Esels^ (190 v. lang). Hier wird zur Ver-


1 Anderes Beispiel, v. 196 soll klingen, singen allerhand.

2 Oder V. 90 nur dass man speiss den Schlund und mundt, v. 93 Ist das nicht eitel Neid und Leyd, v. 444 Macht nicht die Leut doli, dumm und stumm, 489/90 Füllt die mit reinem klang und gsang, dass arg red kein Zugang erlang, v. 308 Bitz dass ers bring in zwang und sträng, V. 732 und Sittlichkeit bgehren zu lehren, v. 750 Die Kunst belieben oder üben.

2 V. 152 sich nach ihr kehren, von ihr lehren; v. 16G Den sie mach blind und wild gesindt; v. 290 Am Reyen in den grünen Meyen ; V. 442 Wie Midas röhr und eselsohr; v. 451 sie macht nicht hart, macht nicht zu zart; v. 470 Dass er wird btracht und drein gebracht; v. 580 Verbringen leid und bringen freud; v. 703 Und Seitenspiel g'hört nicht in d'Mühl; v. 718 und schenken ein, beid Bier und Wein; v. 727 Das die Begird sie so verfürt; v. 738 ff. Im leid, solt du uns bringen freud; in freud deren erinnern beid.

4 Amadis, Kurz 1. c. X Fischarts Dichtungen 3. p. 29 ff. v. 18 Ein solche krafft und eigenschafft; v. 26 Ueber die Lung und über Zung; V. 86 Jen dass man leid, die, dass man meid'.

^ Accur. Effig. Kurz 1. c. p. 51 ff. v. 1, 2 In diser Are und di- sem Sark I Da ist vorhanden der Monarc; ebenso v. 7 Von Glauben- sachen zuersprach en.

6 Endlicher Ausspruch des Esels (190 v. lang) Kurz 1. c. X p. 64ff. : V. 25 Nun trat her aus dem Wald ungfähr; v. 47 Obs Nemblich war ist, oder Narr ist; v. 103 Weil er sein sinn nicht lass Reglern; V. 141 Die viel richtn und nichts verrichtn ] Und wöUn als schlichtn durchs vernichtn; v. 157 Da die in Künsten sind die minsten; v. 167 Sie ist das Li echt welches die Sinn schlicht. Auch in den Tierbildern (224 V. lang) (Kurz 1, c. p. 57 ff.) aus dem Jahre 1573, finden sich derar- tige Beispiele. So v. 11 Es wird noch siben tausent bliben; v, 138 welche si h i 1 1 e n für wahr h i r t e n.

Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 24


370 Dritter Teil: Die Zeit nach Ra])elais.

stt'irkuno- der Wirkung sogar in einem besonders charak- teristischen Beispiel die AUiteration zur Hühe herangezogen. Es heisst v. 79 ff. von der Nachtigall, sie „/*7/7/r so ein seit. ^ am verwirts leben Verkälerirts, vermtckts, s er hackt s Verketserts, versisoickts und v er zwackt s Koterts und kauets in der Käln.^^ In dem Flöhhatz aus dem Jahre 1573^ sind diese Eigen- tümlichkeiten noch viel ausgebildeter. Schon der Titel bietet ein Beispiel des Gleichklangs: „Floh Hats, Weiber Trat2, der ncnnder unrichtige, und spottiicichtige Rechts- handcl der Flöh mil den Weibern. Im Gedichte selbst sind die Beispiele des Gleichklangs sehr häufig. Sie tra- gen zur malerischen Ausschmückung viel bei. So wird es einem ganz kribbelig zu Mute, wenn man liest, wie die „frommen Weiblein" in der Kirche von den Flöhen in ihrer Andacht gestört werden (v. 1609 ff.):

^.^Dann wie ist da ein Rucken, bücken Ein schmucken , Jucken, wann jr sucken. Ach wie ein knappen tmd ein schnappen Ein Sappen, grappen und erdappen}'- Viel artiger als die bösen Flöhe, sind die „weisen" Ameisen, die doch ebenso „klein und dünn" sind (v. 1043/44): „S^c/// %iDie sie tragen, ket sehen, lupffen, Und nit wie jr viel hiipffen, stupffen^. Die fortwährende Gegenüberstellung von gleichklingenden Wörtern führt allmählich und ganz unwillkürlich dazu, sie auf ihren Sinn hin zu vergleichen. So bemerkt Fischart ^.^Weiber seind drumb keine Mör drin, wann sie schon

1 Die erste, von den folgenden wesentlich verschiedene, Ausgabe ist von Wende 1er abgedruckt: Hall. Neudr. Nr. V. 1877. In derselben ist, wie bekannt, von Fischart nur verfasst: der Weiber Verantwortung, der Flöh Urteil, die 13 Rezepte für die Flöh, das poetische Nachwort und der Titel. Die Flohklage ist von Holtzwart, cf, Paul Koch: Der Flöhhatz. Berlin. Dissert. 1892.

2 Noch zahlreiche Beispiele cf. Koch 1. c. p. 9 ff. Über Fischarts poetischen Stil überhaupt cf. Galle, Der poetische Stil Fischarts. Rostock er Diss. 1893.


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 371


richten Mörder liin'^ (v. 1007), und für den Namen .,Floh" hat er gleich eine hiunige Etymologie parat. So in folgendem Beispiel, das auch für den Gleichklang cha- rakteristisch ist (V. 1183 ff.):

,, Vom ßihen, will ich Floh dich nennen,

Dich allcnthnlb berennen, trennen,

Dann wer da fleicht, den soll man jagen ^

Und wer ver seicht, den soll man schlagen."' Fischarts Vorliebe für gewagte Etymologien bemerken wir auch im Amadis. Tugend und Laster leitet er von thun und lassen ab. Den Namen Amadis erklärt er als Gottes- lieb (v. 109). Noch kühner behauptet er im Lob der Lauten ^ Von Lande kompt bcyd lob und laut, und lied, ^cver den Ursprung beschaut^'- (v. 209).

An grotesken Wortbildungen fehlt es endlich auch nicht. Der Kiikiik wird zum Giickgaitch; gravitätisch und grob vereinigen sich zu grobitetisch (v. 2^ Endl. Ausspr.). Dem Esel wird der Titel ^.^Ohrithef-^ verliehen oder ^.^Rag- örlin'-^ (v. 37 u, 51). Am fruchtbarsten wird Fischarts .Sprachkraft in der Erdichtung von Flohnamen. Neben den unheimlichen Gesellen Bliit.^äpjfer (1021), Blutbiilg (1312), Bhitmelcker {lD?yO)y BhUmaiiscr {IbAb), Blntschertser (1557) haben wir die galanten Herren Meidleinswinger (1384) und Meidleinstrigler (1662, 1891), und diejenigen, welche die Wärme von Bett und Pelz aufsuchen, die Herren Bettstramplcr (1880), Bettspinnen (1535), die Herren Belts- steltser (1293), Bcltmieider (1817) und Beltsgnmper (1897).

Endlich haben wir in dem Flöhhatz auch noch manche groteske Aufzählungen. Ausser den schon oben ange- führten in V. 1609 ff. und 1043 ff., finden wir eine in Fischarts Angabe, die Mittel „i^/ö7/ und meintet zn ver- treiben'-. ,,Nimm Wermnt'-'^ ruft er aus, ^Rauten, Stab- wtirts, wilde Münz, Sergenkraut, Nusslaub, Farnkraut, Lawender, Raden, grün Coriander, Psilienkraut (Recept für die Flöh. Neudr. p. 60).

Ist es nicht merkwürdig, dass dieser Aufschwung des grotesken Stils erst nach der Zeit, in welcher Fischart


372 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Rabelais übersetze, sich kund gab? Weist das nicht mit grosser WahrscheinHchkeit auf eine Beeinflussung hin? i — Und noch mehr! Gerade in einem dieser Gedichte ge- wahren wir zum ersten Mal eine tolle Übertreibung, wie sie Rabelais so gerne schuf.

Im „artlichen Lob der Lauten" geht Fischart in seinem Lobe der Musik bis zu den äussersten Grenzen des Enthusiasmus, und verleiht seiner Kunst rundweg alle Eigenschaften, welche die Menschen

„ machet gütig

Fein fretindtich, sittig und demütig, v. 3, 4 Und macht die "wildten Hertsen mildt, Den Zorn und all tinwillen stillt'- v. 6, 7. Die Harmonie des Gesanges, sagt er, macht die Seele gegen die Lockungen des Lasters und der niederen Wol- lust unempfindlich, dagegen treibt sie dieselbe zu hohen, grossen und schönen Handlungen an. Die Dichter haben recht, wenn sie behaupten, dass durch Lautenschlagen schon Städte gebaut worden seien; denn die Lautenkunst erreiche überhaupt das höchste Ziel „der Himmelssphären Concor dantB'-'- ^. — Diese Gedichte sind alle nicht satirischer

1 Man wende uns auch nicht ein, dass, wenn dem so wäre, auch das Gedicht über den Eulenspiegel dieselben Eigentümlichkeiten aufweisen müsste. Wenn der ganze Eulenspiegel 1572 erschien, so ist es mehr als wahrscheinlich, dass Fischart das Gedicht schon vorher geschrieben hatte. Jedenfalls wird die Prosavorrede nach dem Gedichte verfasst worden sein. Dass das Gedicht vor 1572 verfasst wurde, wäre schon a priori aus dem Grunde wahrscheinlich, weil Fischart soviel Anderes gerade in diesem Jahre schrieb (resp. herausgab), und das im Jahre 1573 erschienene vorbereitete. Ausserdem bemerkt Hauffen (Quellen und Forschungen 66, Caspar Scheidt, der Lehrer Fischarts, p. 113) ausdrücklich, dass Fischart den Eulenspiegel im Jahre 1571 verfasste und vor der Fastenmesse des Jahres 1572 veröffent- lichte (cf. Anm. 3 daselbst, wo es des näheren bewiesen wird).

2 Nicht beweiskräftig, weil nur in der zweiten Auflage des Flöhhatz' von 1577 vorhanden, ist Fischarts Übertreibung der Wichtigkeit seiner Schrift über die Flöhe. Sein Buch, sagt er, habe einem so dringenden Be- dürfnis abgeholfen, dass man kaum ein Haus finden könne, in welchem nur drei oder vier Weibsbilder wohnen, und wo „nicht dis Edel Büchel sei, und prang bei andern Büchern frei, und hat so gros Authoritet, das es gleich beym Kathechismo steht". Sein Buch übe fernerhin eine solche AVir-


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 373

Art^; somit ist es nicht wunderbar, dass die groteske Satire sich in ihnen noch nicht entfaltet hat. Auch in iiller Praktik Grossmutter folgte Fischart nur seinem Vor- bilde, als er den Hauptnachdruck auf die selbstverständ- lichen Prophezeiungen legte. Sobald er aber an die Aus- führung" eines grösseren, wirklich satirischen Werkes ging, folgte er auch in seiner Satire den Spuren seines Meisters. Dies geschah zuerst in seiner im Jahre 1575 zum ersten Mal erschienenen Verdeutschung von Rabelais' erstem Buch. Das Werk, das gewöhnlich unter dem Namen der affenteuer liehen naupengeheuerlichen Ge- schichtsklitterung bekannt ist 2, erscheint gleich


Icung aus, dass die Frauen nicht mehr von den Flöhen gestochen würden, sobald sie das Buch auf die blosse Haut bänden. Diese letzte Bemerkung weist übrigens ganz offenbar auf den Einfluss Rabelais' hin: Erzählt er doch II prol., dass es kein besseres Mittel gegen Zahnweh gäbe, als die Chronik des Gargantua zu legen „entre deux beaux linges bien chaulx, et les appli- quer au lieu de la douleur, les sinapizant avec un peu de pouldre d'oribus". cf. Besson 1. c, p. 133.

1 Die wenigen Stellen in dem Flohhatz, wo Fischart die Mönche ver- spottet oder sich über die Frauen lustig macht, kommen nicht in Betracht. Es sind Nadelstiche, die er seinen Feinden, den Mönchen hinterrücks ver- setzt, wenn er entweder zur Verspottung der ascetischen Karthäuser sagt, dass der Flohkanzler die Flöhe zur Strafe zu ihnen schicken will, „zun Häringsspeisern, zun Aierschweisern, öpff"elpfeisern", deren Blut nach Fischen schmeckt, und bei denen es kein Floh lang aushalten kann, oder wenn er ^ur Verhöhnung der wohlgenährten Barfüsser behauptet, dass sie die Flöhe „saufen lassen am faissten Ort, auf dass sie thun kein Prudermord" — denn •der h. Franziskus hat bekanntlich die Flöhe und Läuse allzeit seine Ordens- brüder genannt und geboten, dass Jeder sich von dem Blute seines Bruders enthalten solle. In ähnlicher Weise macht er sich auch über die Frauen lustig; er lacht über ihr unermüdliches Schwätzen, wenn sie auf den Markt gehen und vor „angstigem Hetzengeschwetz | Empfinden nicht unser pfetz" ; er freut sich, wenn die Flöhe in ihren ungeheueren Halskrausen herum- springen „die sie um hals und händ umzäumen, dass sie wie ein Irrgarten scheinen", und lacht sich ins Fäustchen, wenn die Flöhe die Frauen au der linken Zehe kitzeln „auf dass in die Danzsucht vergeh".

2 Die erste Ausgabe vom Jahre 1575 führte noch nicht diesen Titel, Sie hiess (cf. Kurz 1. c. X, Fischarts Dichtungen III, XXII): Affenteuerliche und ungeheuerliche Geschichtschrift vom Leben, Rhaten und Thaten der forlangen weilen vollenwolbeschreiten Helden und Herrn Grandgusier, Gar-


374 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

auf den ersten Blick kolossal vergrössert. Auch hat es seinen Charakter in einigen Hauptzügen verändert. Das epische Interesse ist stark abgeschwächt, das satirische, welches vollständig in den Vordergrund tritt, umfasst z. T. andere Gebiete als der französische Roman ^ Schon im Gargantua Rabelais' war im Gegensatz zum Pantagruel die Satire der Ritterromane zurückgetreten. Fischart hat sie ganz aus den Augen verloren. Wir befinden uns- eben schon im Jahre 1575. Die Ritterbücher spielten da- mals keine Rolle mehr. Nichtsdestoweniger giebt Fischart getreu das wieder, was in seiner Quelle darüber steht^ aber er denkt sich nichts besonderes dabei. Sogar die von ihm hinzugefügten Stellen über ritterliche Verhältnisse sind nicht tendenziös. So kommt es ihm nicht darauf an^ die ungeheuere Kraft seines Riesen zu satirisieren, wenn


gantua und Pantagruel, Königen inn Utopien und Nienenreich u. s. w. Erst im Jahre 1582 erhalten wir den bekannten viel grotesker sich ausnehmenden Titel. Ich zitiere nach der Ausgabe in Scheible's Kloster VIII 1 ff.

1 Der französische und deutsche Gargantua sind bereits häufig mit einander verglichen worden, cf. Gelbcke: Fischart und Rabelais' Gargantua 1874. — Ganghofer: Fischart und seine Verdeutschung des Rabelais 1881. — Schwarz: Rabelais und Fischart 1885. — Besson: Etüde sur Jean Fischart, Paris 1889 (Chap. II Fischart et Rabelais p. 21—123). — Frantzen: Kritische Bemerkungen zu Fischarts Übersetzung von Rabelais* Gargantua. Strassb. Dissert. 1892. — Die Art, wie Fischart seiner Quelle gegenüber verfährt, fasst Frantzen geschickt und treffend in folgenden kurzen Worten zusammen p. 5: „Fischart folgt im Ganzen dem französischen Texte auf dem Fusse; da er aber den Roman so zu sagen in eine andere Sphäre transponiert, und die Tendenz desselben in eine andere Richtung, auf deutsch-bürgerliche Verhältnisse hinlenkt, oder, wie er sagt, auf einen teutschen Meridian visiert, so ergreift er jede Gelegenheit, die sich ihm darbietet, um an die Übertragung fiemden Gutes sein Eigenes anzuknüpfen,, sei es ausführliche Schilderungen deutscher Lebensverhältnisse mit mora- lischer Tendenz, sei es Erguss toller Laune und sprudelnder Sprachfülle. So entstehen die grösseren Einschaltungen, die stellenweise zu ganzen Ka- piteln anwachsen und dem Franzosen zeitweilig Stillschweigen auferlegen . . . Es muss aber ausdrücklich betont werden, dass (F.) nach einer jeden sol- chen Abschweifung fast regelmässig die Übersetzung da wieder aufnimmt, wo er sie hat fallen lassen, und sie getreu weiter führt, bis sich seinem beweglichen Geiste wieder ein Seitenweg zum Entspringen auftut".


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 375

er uns alle die berühmten Schwerter aufziihlt, welche Gargantua wegen seiner ganz besonderen Stärke nicht nötig gehabt hätte ^ Er will nur mit seinem staunen- erregenden Gedächtnis prahlen, das in den alten Ritter- büchern ebenso gut Bescheid weiss, wie in der Geschichte. Um solche Äusserlichkeiten des Ritterlebens kümmert er sich im Grunde recht wenig. Ihm kommt es vor allen Dingen darauf an, die Unmässigkeit und Völlerei des deutschen Adels zu geissein. In diesen Satiren verlässt er den ihm von Rabelais vorgewiesenen Weg und begiebt sich auf ein Gebiet, auf welchem ihm in Deutschland schon Manche vorangegangen waren, auf das Gebiet des Gro- bian i s m u s.

Um die im sechzehnten Jahrhundert besonders wu- chernde Schlemmerei, Üppigkeit und Trunksucht zu be- kämpfen, hatten schon Manche die Ironie für die wirk- samste Waffe gehalten. Schon in Hans Sachs' Schlau- raffenland^, wird erzählt, wie in diesem Land das Nichtsthun, die Faulheit und das Schlemmerleben so hoch in Ehren sind, dass, wer sich darin hervorthut, noch reichlich belohnt wird. Wer ^wüst, i^ild und tinsinnig^'- ist, aus dem macht man einen Fürsten; wer gerne mit Leberwürsten kämpft, wird zum Ritter geschlagen; wer faulenzt und lange schläft,

v. 63: ^^Dcni i^ibt man von der Stund ^iven Pfennig, Ein Flirts gilt einen Bingen Haller, Drei Grölt ser ein Joachims Thaler '•^.

^ p. 211/12: „Er bedurft net des Achillis Pelias Spiess, den Niemant als er schwingen könnt, noch des Rolands Durandal, des Artus Kaliburn, des Ogiers Kurtein, dess Keysers Grosskarle Oriflambe, dess Renald Flam- berge und solche Flamenklingen und Wurmstecher" — und nun ist Fischart im Zuge, und hört nicht eher auf, als bis er uns noch eine Unmasse von Schwertern genannt hat. Ebenso zahlt er p. 241 die Namen auf, welche die Helden ihren Rossen geben. — p. 209 finden wir eine satirische Spitze, keine groteske Karikatur — gegen die Schellen, welche die Ritter bei Tur- nieren an ihre Rüstungen hingen, um besser die Aufmerksamkeit des Publi- kums auf sich zu ziehen.

2 Hans Sachs Werke 1. p. 153 bei Kürschner, Deutsche National- litteratur Bd. 20.


376 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Wer sein Geld verspielt, kriegt es doppelt wieder, für eine grobe Lüge giebt man eine Krone; dagegen werden die Arbeiter und Ehrbaren vertrieben K

Ebenso lobt in den später aufkommenden G r o b i - a n u s d i c h t u n g e n - der heilige Grobianus, der in sich das Ideal des Säufer- und Schlemmerlebens verkörpert, diejenigen, welche recht nach seinem Sinne handeln. So- lange sich die belobten Sitten, wie in Dedekinds erster Ausgabe ^ seines Grobianus von 1549, von den in der Zeit wirklich üblichen nicht erheblich unterscheiden, haben wir noch keine groteske Satire. Wohl aber, wenn die angeratenen Unfiätigkeiten eine Höhe erreichen, welche jedwede Möglichkeit ausschliessen. Dies ist der Fall in Dedekind's zweiter Bearbeitung des Grobianus vom Jahre 1552 'K Empfiehlt doch Dedekind seinen Zeitgenossen, sie sollten sich den Bart übers Maul wachsen lassen, um so Alles, was sie tränken, durchzuseihen ; so w^ürde Alles


1 In dem Schlauraffenland eines fliegenden Blattes wird jedem, ,,der vom unmässigen Essen und Trinken speien muss", zehn Kronen für den Löffel voll versprochen; ebenso kriegt man ein Pfund für jede Stunde, die man verschläft, zwei Pfund für die Verunreinigung des Bettes u. s. w. — cf. Zarncke: Brants NarrenschifF p. 455 bes. Str. 5.

2 Über dieselben cf. die vortreffliche Arbeit von H a u ff e n: Caspar Scheidt, der Lehrer Fischarts, Studien zur Geschichte der grobianischen Litteratur in Deutschland. Quellen und Forschungen 66.

3 Dedekind bemerkt in der Vorrede ausdrücklich, er wolle, nach dem Vorgange der Lacedämonier, welche ihren Kindern trunkene Sklaven vorführten, um durch dieses abschreckende Beispiel ihnen einen Ekel vor der Trunkenheit einzuflössen, nichts anders als ein recht possenhaftes und abschreckendes Bild des Treibens der Grobianer geben, wie es aller Orten thatsächlich vorkomme. Dadurch könne er kaum Jemanden verderben, da er ja nichts erfinde, um ein böses Vorbild aufzustellen, sondern nur schildere, was aller Orten thatsächlich getrieben werde.

  • Ich gebrauche die Ausgabe: „Grobianus et Grobiana Libri tres, ter-

tia editio Lugduni Batavorum. Ex officina Le Maire 1642". Die oben er- wähnte Ausgabe habe ich nicht einsehen können. Der Titel lautet nach dem Vorwort zu der Übersetzung von Scheidt in den Neudrucken aus dem 16. und 17. Jhdt., p. XIX: „Grobianus de morum simplicitate libri duo Franc. Apud Chr. Egen. 1549".


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schadhafte am Barte häno;'cn bleiben, und der Ausfluss ihrer Nase käme ihnen nicht in den Mund. — x\uch sollten sie ja nicht versäumen, ihre Hosen stets mit der linken Hand zu halten, um sie nicht völlig zu verlieren, während sie mit der rechten die Gäste bedienten.

Von solchen grobianischen Schriften konnte Fischart um so eher beeinflusst werden, als sein Verwandter Kas- par Scheidt^, bei dem er in Worms seine Ausbildung erhielt, selbst auf diesem Gebiete thätig gewesen war. Schon Fischarts Eulenspiegel ist unter diesem Einfluss zu einem rechten Grobianer geworden. Noch mehr ist dies der Fall bei Fischarts Gargantua. Der kolossale Appetit des Riesen, gegen welchen Rabelais' Helden Muster von Massigkeit sind, die furchtbare Trunkenlitanei, gegen wxlche Rabelais' Kneipgelage wie eine Vereinigung solider alter Herren erscheint, überhaupt die ungeheuere Bedeutung, welche Fischart gerade dieser Seite des Romans verleiht, sind ebenso viele Zeichen dafür, dass auch Fischart einer der genialsten Vertreter der Grobianerlitteratur werden sollte.

So lässt denn Fischart keine Gelegenheit vorbeigehen,


1 Kaspar Scheidt übersetzte 1551 den ersten Grobianus Dedekinds ins Deutsche, cf. die Ausgabe: Grobianus, von groben Sitten und iinhöfTlichen Geberden. Erstmals in Latein beschrieben durch den wolgelerten M. Fri- dericum Dedekindum und jetzund verteutschet durch Casparum Scheidt von "Wormbs. Hie nullus verbis pudor, aut reverentia mensae, Porcorum vivit gens pecuino modo. Holzschnitt. — Liss wol diss büchlein offt und vil | Und thu allzeit das widerspil I — auch abgedruckt in den Neudrucken deutscher Littcratur des 16. und 17. Jhdts. Nr. 34, 35 als Abdruck der ersten Ausgabe 1551. Zu grotesker Satire erhebt sich Scheidt auch nicht. Die Sprache ist aber drastischer und derber als bei Dedekind. Wortschöpfungen freilich finden sich kaum andere als Grobität, Grobhans, Grobhardt. Neben den im 16. Jhdt. allgemein beliebten gepaarten Ausdrücken haben wir nur kurze Aufzählungen, wie p. 9: krigen, büchsen, schiessen, fechten, springen, ringen, schwimmen. — Die bei Dedekind oft nur angedeutete Handlung wird mit Interesse und Behagen ausgemalt 5 oft werden die rohen Spässe und hauptsächlich die unsaubern Scenen durch neue Unflätigkeiten gesteigert und überboten, cf. überhaupt die genaue Vergleichung von Scheidts und Dedekinds Werken bei Hauffen: Quellen und Forschungen 1. c. p. 32 ff.


378 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


ohne das Press- und Saufleben seiner Helden bis ins Un- endliche zu übertreiben. Grandgoschier, Gargantuas Vater, bindet sich hinsichtlich des Essens an keine Regel, son- dern isst am liebsten fünfzehnmal des Tages, denn er meint, die Leute, die nur einmal des Tages ässen, seien viel mürrischer als die Andern. Er stellt sich gerne zu den sogenannten fränkischen oder bamberger Zechgelagen ein, die nach alter Landesart bei Hochzeiten und anderen Festen abgehalten werden. Denn da giebt es gehörig zu ^wtir stell er en^'- , und bei perlendem Wein frisst man, ^^wie die Klosterkatsen thtin'-^, mit beiden Backen zugleich. Auch das Schwein- und Hausschlachtfest liebt er, da es dabei Kessel- oder Stichfleisch in Hülle und Fülle giebt. Er ist ebenfalls ein Freund der Martinsnacht und Martins- gans, weil es auch da hoch hergeht mit Fressen und vSaufen; sein eigentliches ^ßiöilate'-'- und Freudenfest ist aber die Fastnacht mit ihren Tollheiten; daneben ver- achtet er aber keineswegs die kleineren Festlichkeiten, wie Kirchweihen, Messtage und Jahrmärkte, denn da giebt es Kesselspiele, Hahnenschlag, Schwerttanz, Stangenklet- tern, Scheibenschiessen und dergleichen Belustigungen mehr. — Auch verschmäht er ebensowenig die Lichtmessen ^ Kindtaufen, Richtfeste, Schafschuren, Erntekränze und, wie die engeren Feiertage, die meistens nicht im Kalender stehen, alle heissen. Kurz, im Jahreskreise seines thaten- reichen Lebens schliesst sich Fest an Fest und Schmaus an Schmaus. Was er aber dabei verschlingt, ist geradezu unglaublich. Rabelais' Helden leiden wahrhaftig keinen Hunger, aber im Vergleich zu dem, was Fischarts Riesen vertilgen, haben sie recht wenig Appetit. Braucht doch Fischart mehrere Seiten, um nur die Würste und Schinken aufzuzählen, die den Durst des Grandgoschier erregen sollen! Den Würsten reihen sich die Käse würdig an die Seite. Der Riese hat eine wahre Schlachtordnung von ^^weissen, blaioen, gelben, grünen, Anssetmgen, Zöh- stinkigen, faulen, mürben, wurmwüblenden und Fallensich- tigen Käsen, von Kühen, Ziegen, Geissen, Schafen, Rindern,,


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ja auch Eselri'^ p. 89. Und er lässt sie sich wohl schmecken. Mit wahrer Wollust streicht er diese lebendii^en Käse mit Schaufeln auf das Brot und ^zcnnabnt und zerknirscht'- sie zwischen seinen ^ZcUihaiumeru und Miilsteincn also säuberlich, dass es lautet, als ivajin ein Galgen voll ge- stiffelter Bax^ren hei Nacht durch das Kot inns Dorf stampfften und postierten, oder ob viertzig Bai£rennieidlin auff der Alb Stroh in Leynen tretten, das jhnen das Leynten'v:asser mir Quin t er neu hinaiiffspritzet^ (p. 90). — Nach dem Käse kommen die Fische. Sie werden alle aufgezählt. Ihnen reihen sich die Mehlspeisen, Nudeln, Macaronis, Kuchen an; und auch damit ist noch nicht genug gethan. Nach all diesen dursterregenden Speisen, müssen Avir auch hören, wie der Durst gestillt wird. Und ein Riese wie Grandgoschier begnügt sich nicht mit einem bescheidenen Weinchen. Ihm müssen alle bekannten und unbekannten Weine Deutschlands zu Gebote stehen. Endlich kann er als Germane natürlich ein gehöriges Quantum Bier zum Schlüsse nicht entbehren. Und der Glückliche, sein Keller ist so wohl versorgt, dass er zwischen den verschiedensten Sorten auswählen kann. Dass er als Riese solche Mahlzeiten verträgt, wird uns nicht wundern. Uns wird aber nach Alledem so katzen- jämmerlich zu Mute, dass wir von diesem Kapitel wie von einer wahren Orgie nur mit schwerem Kopfe Abschied nehmen.

Neben der Satire des schlemmerhaften Lebens der Adligen haben wir bei Fischart natürlich auch, wie bei Rabelais, eine Satire der Mönche. In eine solche lässt sich der Deutsche um so eher ein, als er, als überzeugter Protestant, gegen Alles Katholische schon von vorn herein einen viel kräftigeren Hass als der Freidenker Rabelais hegt. So verschont er denn nicht die behaglichen Herren, denen es niemals friert — denn in der Kälte stecken sie warm in den Betten — und denen es auch niemals zu heiss wird — denn in der Hitze bleiben sie hübsch im Schatten. So macht auch er sich lustig über die gemütlichen Dick-


380 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Wänste, die niemals Durst leiden — denn im Sommer trinken sie aus gekühlten Flaschen, im Herbst aus den ^rnostigen Krausen^ und im Winter aus den Gläsern. Er erspart ihnen keinen Spott, diesen bequemen Faulenzern, welche nicht studieren aus Furcht der ^Nachtkreckel imd Ohrenmittel, und fürnehmlich der Lichtfliegen- (p. 456). Und sie verdienen den Spott, denn in ihrer Dummheit und Unwissenheit sind sie geradezu grossartig. Heisst es doch von einem Klosterbruder „^r less im Buch dreyer Blätter, eins rot, das ander weiss, das dritt schwärt s ; das verständt er vom Passion, von der ewigen Glori und der Hei. Und dieser war einer von den Frommen ; wo sind aber die, so jhm nachkommen?'^ (p. 457).

Dass solche Leute kein Latein verstehen^ wird uns nicht wundern, denn selbst Bruder Jan, der doch ein ziemlich guter Lateiner „ö/"s mi den Zähnen'- war, erklärte Jndas durch Jnhihim das^ und leitete den Namen Domi- nicus von domans minus oder Dominus von dormiens minus ab. Sanct Damianus brachte er aber mit Domini manus in Zusammenhang u. s. w. (p. 377) ^

Mit der Unwissenheit hängt der Aberglaube eng zu- sammen. Er beschränkt sich aber nicht auf die Geist- lichen, sondern ist sogar bei den Soldaten vorhanden. Um sich gegen die Macht des Teufels zu schützen, ge- brauchen die Soldaten die merkwürdio^sten Mittel. So


1 Neben grotesken Stellen finden sich auch viele direkt satirische Angriffe gegen Mönche und Geistliche. Die Klosterschulen sind nichts wie „Klosterhülen", die Lehrschüler sind „Chorheuler", die Schullehrer sind ^Hülpreller". Und die Mönche und die Schwestern? Wer geht denn über- haupt ins Kloster? Nichts als unverständige, faule, langsame, schläfferige Schlingel „Ruthenforchtsamen, Schulschewe, Lehrverzweifelte, Lehrhasige und Disciplinfeinde . . . abgesoffene, abgehurte, aussgespielte leydige Tropffen" Ol. s. w. Um die Nonnen ist es nicht besser bestellt. Es sind nichts wie blinde, spielende Bettschelmen, hogerige, krüppelige, hinkende, unhäusliche, gereuterte Töchter u. s. w. (516, 17). — Bitter und scharf sind auch die Bemerkungen, welche auf die Bluthochzeit Bezug haben, p, 275 : „Die Pa- riser sind freche Parides, die in den Toten Achillem stechen, sind Hasen, ■die umb den Todten Löwen danzen" u. s. w. Auch sonst p. 494.


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 381

wird uns von den Soldaten Picrochole's erzählt, dass aus Furcht vor Gymnast, den sie für einen Teufel halten ^.machten et lieh miff Sehott iseh ein Kreiitz in stand, stellten den Fiiss drauss, wie man eini das Gefräst aiifj- thiit, nnd flohen doeh: etlich !^ogen jhre Kinderbäli^lin her- für, etlieh abgesehnittene Diebssähen nnd Diebsstreng, auch Wolffsangen nnd des Boeksbart in schwart'^e Katerhäut eingewickelt, etlich Jnngfrawpergament mit Kinderschmals geschrieben, die andern Krottensegen'-^ (p. 430). Lauter ungereimtes und unsinniges Zeug! — Bei ungebildeten Soldaten ist aber Unwissenheit und Dummheit noch bis zu einem gewissen Grade zu entschuldigen. Was sollen wir aber denken, wenn wir sie auch bei den Gebildeten der Zeit in haarsträubender Weise vertreten finden? — Rabelais hatte schon von den Scholastikern ein recht deutliches Bild entworfen. Fischart verschärft die Satire derselben noch ungemein. Er giebt uns nicht bloss wie sein Vorgänger die Titel einer gcAvissen Anzahl von Wer- ken, die sie beim Unterrichte des Riesenkindes verwandten, sondern sogar Auszüge aus dem lateinischen Vokabularium des kleinen Gargantua, und wir staunen ob des wunder- baren Lateins, das sie sich zusammenschmieden. Wird da nicht ^^Ofengabel'-^ durch ^^Bissmnckus^ , ^^Blasebalg'-' durch ^^Snfflabiilnm'- j ^^SchweinestaW'- durch ^^Porcistetnm^^ , ^Hühnerkorb'-'^ durch ^^Pnllarinm^ , ^^Laib Brot'-'- durch „Zo- bim'-'- , ^^ilberniorgen^ durch .^Postcras'-'- , ^^Äpfelmns^^ durch ^Pomerinm^^ , ^^Biirger'-^ durch ^^Bnrgarius'^ , ^^Pflaster ma- chen'-^ durch ^^Eniplastare^^ wiedergegeben? (p. 257.) Lassen sie den Riesen nicht folgendermassen die Collectas Qiiae- sumus exponieren? ^^Omnipotens Dens Himmlischer Vatter, Ut Beatns Apostolns das sant Batt,,imploret Bewein, Pro nobis für uns, tnnni Anxilinm den Elend, nt absolnti dass so wir befahlt haben, a nostris reatibns nnsern Schnld- nern, etiam exuamnr dass wir nicht ausgesogen werden, a nostris pericnlis von unsern Kleidern etc. (p. 258). Als Etymologen endlich sind sie geradezu Haupthelden. So leiten sie ^^volo'-^ aus dem Griechischen ^^ Benjamin' ab,


582 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

^dass Bein in Vo, von Jam in lo, nnd das i; cht ins Stroh: Kehr nmb sunt, muss; Kehr tunb muss, snm nnd ein t damiy stumm^ (p. 259). — Nicht geschickter sind sie als Pädagogen, denn sie lassen den armen Gargantua die blödsinnigsten Bücher studieren: ^Loqnagiuin de Rhetorica^ und ^^Canttiaginrn de Miisica Morlandi Philosophi'^ oder ^Jodoci de Cnlve Praedicatoris in Heydelberga, Expositor Vocabuloriim'-'- u. s. w. (p. 262/63) ^

Fischarts Satire ist aber nicht bloss litterarisch und moralisch, sie ist auch im höchsten Grade patriotisch. Fischart ist ein guter Deutscher. Er schont nicht die Feinde seines Vaterlands, sei es die Spanier (p. 328), sei es die ^^geyle, gobelige, gogelige, giickelhanige Gallier'^, Er ärgert sich aber nicht minder über seine Landsleute, wenn sie Thorheiten begehen. Die üble Gewohnheit der Deutschen, ausserhalb ihres Vaterlands ihr Heil suchen zu wollen, greift er auf groteske Weise an. Die Würtem- berger, sagt er, wandern in der Welt soviel umher, dass es gang und gebe geworden sei, dass, wenn ein Schwabe in Asien lande, er sofort anhebe zu fragen: „is/ nit ein gut Gesell von Beblingen hie?^^ (p. 36.) Und das Wandern ist so allgemein, dass man wohl sagen kann, dass mehr Schweizer in Frankreich auferstehen werden als in ihrem eigenen Lande. Das Auswandern ist aber vielfach die Folge des Krieges. Gegen diese unselige Plage wendet sich Fischart noch viel schärfer als Rabelais. Gräulich ist die Beschreibung der Verwüstungen, die das Heer Picrochole's im Lande Grandgousier's anstellt. Nichts ist den Soldaten heilig, weder Kirchen und Klöster, noch Wittwen und Waisen. Die Heerden werden weggetrieben, selbst die Vögel sind in ihren Nestern nicht mehr sicher; denn sie fressen das Nest mit dem Vogel. Und allein aus Lust am Vernichten lassen sie den Wein in den Kel- lern auslaufen, schlagen alles Obst von den Bäumen ab.


1 Ebenso wie in den obigen Beispielen Rab.'s Satiren meist an Umfang gewonnen, so steht es auch um die Rede des Janotus de Bragmardo (p. 281 ff.).


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 383

vernichten die Bienenkörbe, lassen keinen Nagel an der Wand, stechen Löcher in die Öfen, durchgraben die Wände, heben die Böden auf, brechen alle Kisten und Tröge auf, ziehen die Leute nackt aus, schhigen Mann und Weib nieder, ^^Jiallcn iiiil Morden, Würgen, Erschiesscn also Hauss, dass ein so wette Höll find man kaum, da all die Toten ketten ranm (p. 374). Auch die Satire des ver- blendeten, tollkühnen, eroberungslustigen und hochmütigen Picrochole erreicht bei Fischart gcinz gigantische Propor- tionen. Nicht bloss die Kriegsvorbereitungen Picrochole's sind bei ihm viel gewaltiger als bei Rabelais, auch die Pläne des ^^BitlergroW^ — denn so übersetzt Fischart treffend seinen Namen — sind noch weit kolossaler. Er will nicht bloss an der Strasse von Gibraltar zwei statt- lichere Säulen errichten als die des Hercules. Nein, Pi- crochole ist vor allem ein praktischer Mensch. Er will die Meerenge zuschütten, damit man trockenen Fusses von Europa nach Afrika und dann nach Asien spazieren gehen könne. Und um die einzelnen Länder auch besser mit einander zu verbinden, schlägt er Brücken über die Meere. Sollten die Meere sich gegen diese Neuerung sträuben, nun gut, man macht mit ihnen kurzen Process. Hat man doch noch den alten Ableitungskanal, der nach dem Monde führt und einem so die Unbequemen vom Halse schaffen kann ! Aber noch mit grossartigeren Plänen trägt sich der Fischart'sche Picrochole. Wie Caligula will er Berge in die tiefsten Meere stürzen und Schlösser darauf bauen. Und Avarum? Picrochole, der sonst so grausame, scheint für die Tiere ein warmes Herz zu haben. Einzig und allein, damit die armen Vögel sich ausruhen können, wenn sie über's Meer fliegen. Und noch wahnsinnigere Pläne hat Picrochole! Die Bergesgipfel will er durch Brücken mit einander verbinden, die Seen will er pflastern lassen und — ist er wirklich noch bei Tröste? — er ge- denkt auf dem festen Lande zu Schiff zu fahren, während er die Meere zu Fuss durchschreitet. Ihm ist Alles möglich. So sieht er nicht ein, warum er dem berühmten Beispiele


384 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

antiker und mittelalterlicher Helden nicht nacheitern und sich in der Unterwelt etwas umsehn sollte. Und sie möge ihn nur gut empfangen! Bittergroll versteht keinen Spass. Hat er doch ausdrücklich damit gedroht, Avx'nn Italien seinen Plänen sich widerspenstig zeigte, würde er dieses Bein abschneiden, welches Europa so vorwitzig ins Meer hinausstreckt!

Ebenso wie in Rabelais' Werk kommen, wie wir sehen^ auch in Fischart's Geschichtsklitterung die verschiedensten Motive zur Geltung. Dem unersättlichen Geiste Fischart's genügt es aber nicht, sie nur an einer Stelle zu behan- deln. Noch in anderen Werken kommt er auf dieselben Satiren zurück und sendet sie mit noch schwererem Rüstzeug ausgestattet von neuem ins Gefecht. So hält er denn das grobianische Element, welches doch schon im eben besprochenen Werk einen hervorragenden Platz einnimmt, für würdig, noch einmal in einem speziellen Traktat behandelt zu werden, und widmet ihm das ganze Podagrammische Trostbüchlein i.

Während die grobianischen Satiren die Schwelgerei der Zeit dadurch geisselten, dass sie dieselben ironisch in den Himmel erhoben, bekämpft sie Fisch art, indem er ihre Folgen, die Gicht, als ^^das hochgeehrte, gliedermäch- tige und sarte Fräulein Podagra'^'- , als eine der gefeiert- sten Göttinnen, wxlche den grössten Segen auf die Welt gebracht, über die Maassen preist. Die Vorzüge dieser Göttin werden in echt groteskem Tone geschildert. Welch ein Unterschied, ruft er aus, zwischen dieser Gottheit und den andern! Wie grossartig ist die Verehrung, die man dieser Tochter des Bacchus und der Venus zollt ! ^ Wäh-


1 Ich benutze die Ausgabe in Scheible's Kloster X p. 642 fF. — Auch hier ist Fischart meist nicht Original. Über seine Vorlage cf. Besson 1. c. p. 134 ff.

2 Fischart gebraucht dabei auch oft burleske Motive. So wenn er erzählt, wie Bacchus, der liebe Weinpater, am Gelage, welches die olympi- schen Götter jährlich zum Preise der Niederlage der Titanen geben, mit andern Göttern „bei ainem guten schlamp und wollleben" des guten zu-


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 385

rend die Priester des Baal und der Anubis arme Teufel sind, welche sich im Geheimen ernähren müssen von den Ge- richten, die man ihrem Gotte zu opfern vorgiebt, sind die Priester der Podagra die Grossen der Erde. Fischart zählt sie uns alle auf, und mit Verwunderung sehen wir den greisen Priamus, den tapfern Achilleus, den listigen Odysseus, den Bellerophon, den Oedipus, den Philoktet und zahlreiche Andere an uns vorüberziehen. Mit Stau- nen hören wir, wie Fischart dreist behauptet, nur der Göttin Podagra sei die Eroberung Troja's zu verdanken, denn wenn Philoktet der Göttin nicht gehuldigt hätte, so würde er die Pfeile des Herkules nicht hergegeben und das Grab des Herkules nicht gezeigt haben. Und noch mehr! Nur deshalb hätte Venus die Stadt Troja beschützt, weil sie ihrer Tochter Podagra die Ehre gönnen wollte, die Ursache der Verpflanzung des trojanischen Geschlechts nach Rom zu sein. Kein Wunder, dass man einer solchen Gottheit die höchsten Ehren erweist ! Kein Wunder, dass man ihr grössere Huldigungen entgegenbringt als den höchsten Göttern! Kein Wunder, dass auch die, welche das Heiligste verachten, das Fräulein Podagra doch in grösster Ehre halten und kaum wissen, wie sie ihm genug dienen sollen! Und mit einem Humor, der sich durch


viel that, und vom Weine berauscht die holdseligste Libgöttin „zu ainem beischlaf vermochte, welcher glinde beischlaf bald also vil schaffte, dass daraus über ain kurtze Jarzeit die wirckung an der geburt des zarten Töch- terlins Podagra ausprach" p. G61. Allegorisch ist es, dem Fräulein Podagra als Säugamme Methe von Trunckenhaid und Acratia von Unmäs- singen zu geben. Dazu kommen noch die anderen „edelgeacht ketschjung- frauen" Polyphagia von Frashausen und Schleckspitzen, deren Beschreibung recht drastisch ist, „sie die mit jren aufgeplasenen pfeiffebacken und dem faissten grosen wanst wie das Ungarisch vieh, daher äntenmäsig wackelt und grattelt" p. 666. Ahnlich die Beschreibung der Frau Misoponia, genannt Arbeitscheu von Faulgänglingen, und Philhypnia, oder Schlafhulda vom Fe- derhaufen, diese plinzelnd Jungfrau, welche die Augen also ausgeschlafen hat, dass jren die augprauen geschwollen waren, und mit den äugen zwin- zelet wie ain Schlafende vSaw auf dem ]Mist, auch manchen fältritt thäte und nach dem leilach ginet".

Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 2ü


3H6 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


nichts zurückhalten lässt, schildert Fischart den über alle Erwartung- <2:ianzenden Empfang", welchen man dieser Prinzessin bereitet, wenn sie ihren Einzug in ein Haus hält. Zunächst hält sich diese Schilderung an die Beschrei- bung der Mittel, die man in Wirklichkeit anwendet, um der Krankheit zu begegnen. ^^Da läuft man su mit lan- gen pelzen, waichen pßatimbettcn, wolriechenäcn leinlachen, 'woll eng efü Uten sesseln, gefilterten krenzkrucken, weiten pelzhandscliiüien , mit küssen unter die fiis ..." All- mählich verliert sich aber der Grundgedanke immer mehr und Fischart lässt sich von seiner Phantasie immer weiter fortreissen: ^Man rauchet ds Gemach, wischt, wäscht und hiizt alles aus, da glänzt alles, da stillt man die kind, verbitet den hunden das bellen, verstopft die thiir schellen, schmirt den Thiirangel, das er nicht kirrt, vermachet den liifft, Thängtapezereien für : Aisdan richtet man ain köst- lich mal mi, als wolt man ein nezo hochzeit halten'-^ p. 670. Endlich fängt man noch an, köstliche Musik zu spielen. — Und Fischart versäumt dabei nicht, sich in allgemeine Erörterungen über den Wert der Musik einzulassen. Des- gleichen trinkt man ^^die allerbeste, lieblichste, auserlesenste, wolmundtete, Kopfreissende und zungbeissende wein, firnen und heurige' p. 671 — und darauf folgt die Liste von drei und fünfzig Weinen.

Aber der Empfang ist wohl verdient, denn was hat Fräulein Podagra für Segen in die Welt gebracht! Wie- viel Fortschritte hat sie der Kochkunst machen lassen! Es beweist es eine Liste aller feinen Gerichte, die man erfunden hat, um den Gichtigen zu gefallen. Aber noch mehr: alle Höflichkeit, alle ^^Ichr der Courtoisie, davon die Welschen vil schreibcn^^ , sind ein Werk des Fräuleins Podagra. Keiner könnte ^^die bodenlose nusbarkait, so pronnquellenweis aus bckommlichkait des Podagrams ent- springet, genugsam inn so kurzer zeit erzehlen'-^ (p. 675). Sie lehrt den Menschen Selbsterkenntnis, sie lehrt ihn, dass hienieden jegliches Glück beschränkt und vergäng- lich ist. Sie macht ihn nüchtern und massig, sie bringt


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 387


ihm die häuslichen Tugenden bei; denn diejenigen, wel- chen sie ihre Gunst gewrihrt, tragen kein Verlangen da- nach, ihre Häuslichkeit zu verlassen. Sie lehrt Geduld, sie veranlasst, dass die Gichtigen für ihre Standhaftigkeit mit dem ewigen Leben belohnt werden. Ja, man kann geradezu behaupten, die Gichtigen sind die Günstlinge Gottes, denn er bezeugt ihnen seine Liebe, indem er sie bestraft. — Auch in der Rede Wilibald Pirkheimers, „das Lob des Podagramms"^ welche er überträgt, geht Fischart auf dieselbe Art vor. Die Diener de»- Podagra, heisst es dort, sind die glücklichsten Menschen der Welt. Sie erhalten fortwährend Besuche, während deren man die lustigsten Gespräche führt. Sie entgehen mancherlei grossen Gefahren, indem sie stets zu Hause bleiben; sie haben weder das Meer, noch die wilden Tiere, noch an- dere Gefahren zu befürchten; dank der Gicht werden sie weiser und klüger, sie lesen und unterrichten sich, sie studieren Musik, Rhetorik, Geographie, Mathematik. Sie kennen den Wert der Arzeneien besser als irgend ein Apotheker oder Arzt. — Und nun lässt sich Fischart nicht entgehen, eine lange Liste mehr oder weniger sauberer Arzeneien folgen zu lassen. — Doch damit sind die V^or- teile der Gicht noch nicht erschöpft. Wenn die Gicht auch den Leib quäle, so lasse sie doch dem Geiste desto grössere Freiheit; sie bekämpfe den Stolz und die Eitel- keit^ indem sie zeige, wie gebrechlich der Körper sei ; sie erhebe die Seele zu göttlichen Dingen^ und lehre die wahre Frömmigkeit und wahre christliche Liebe.

Noch mehr als das schlemmerhafte, üppige Leben des Adels mussten den Protestanten Fischart die Gebrechen der katholischen Kirche zur Satire reizen. In der weit- aus grössten Anzahl seiner Satiren hat er denn auch die römische Kirche zur Zielscheibe seines Witzes genommen. Freilich ist er, wie die meisten der protestantischen Satiriker,


1 Hier sind die Hinzufügungen von Fischart nicht so häufig, wie im ■ersten Teil. cf. Besson 1. c. p. 145.


388 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

von der Heiligkeit seiner Mission zu sehr überzeugt, als dass er hier den grotesken Ton leicht getroffen hätte. Darum greift er hier den Gegner meist direkt an, oder hüllt sich in das Gewand der Allegorie. Nur hie und da streift er in einigen dieser Satiren auch das Groteske. So wenn er in den Versen, welche er der Übersetzung des französischen Pamphlets Reveille-matin ^ beifügt, von der französischen Königin Katharina von Medici behauptet^ ihr könne nicht einmal das Loos der Jesabel zu Teil werden, ^,der jhren Madensack vermessen, die Hund nicht würden wollen fr essen^^ (p. 25/26). In der Satire „Gor- goneum caput"^ werden wir an das groteske Buch


1 Die Verse sind 1575 erschienen, cf. Kurz 1. c. III p, 73—77. Der Reveille-matin ist sonst eine getreue deutsche Übersetzung eines französi- schen Pamphlets von Eusebe Philadelphe Cosmopolite. Die Übersetzung rührt von Emericus Leburius her. Nur einzelne Redensarten zeigen, dass Fischart den Text revidiert und corrigiert hat (cf. Besson 1. c. p. 276). — Abgesehn von obiger Stelle geht Fischart in dieser Satire direkt vor.

2 cf. Kurz 1. c. III p. 114. 81 V. lang. — Die Satire, aus dem Jahr 1577, ist sonst direkt. Fischart überschüttet Rom mit Schimpfereien: Er nennt es die „grosse Hur von Babylon", welche die Armen erschrecke und die Vornehmsten dieser Erde mit ihrem Gift bethöre, vergleicht es mit dem Medusenkopf, der diejenigen in Steine verwandelt, welche ihn anschauen. Direkt ist zum grössten Teile auch der Gorgoni seh Meduse Kopf (Kurz 1. c. III p. 115 flf.), in welchem Fischart noch heftiger gegen die römische Kirche loszieht und sie dem in der Offenbarung Johannis angekündigten „Mörwunder", das sich in alle möglichen Gestalten verwandeln kann, um die Menschen zu betrügen und zu verführen, gleich setzt. Direkt ist auch die Satire, die wir in der „Ermanung an die Bund Bäpstler" finden,, wo des Papstes „Hölligkeit" masslos angegriffen wird (cf. Kurz 1. c. III p. 377 ff. „in der Beschreibung des Meuchelmords"). Direkt ist die Satire, die wir in der Einleitung zur Armada aus dem Jahre 1588 finden (ed. Kloster X p. 1047 — 1122), und in welcher Fischart gegen die „Maranische Spanier" loszieht, „so des Massacrirens, Blutgeudens und Stadt und Land ausmetzigens nicht genug haben können". Direkt ist schliesslich die Satire im Uncalvinisch Gegenba stüblein, aus dem Jahre 1589; hier über- schüttet der Dichter den „grindigen Papisten, so sich Johann Baptista Bad- weiler nennt" mit den gemeinsten Schimpfereien, da er in einem Pamphlet die Niederlage der zur Hilfe der Hugenotten geschickten Landsknechte als ein Bad geschildert hatte, in welches dieselben hineingetaucht und wo sie entsetzlich zugerichtet worden wären.


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 389

der Kaufleute erinnert (cf. III 2), wenn uns Fischart den Papst als grossartigen Krämer darstellt, welcher Alles mögliche für Geld feil giebt und die Leute zwingt abzu- kaufen, ^^gsrgi/ct Wasser, Brot und Wein, Öl, Salz, ScJiniir, WacJis tuid Todtcnbein^^ (v. 57/8), ja während der Fasten- zeit sogar Eier, Butter, Fleisch, Fische und selbst Dinge, die nicht greifbar sind, wie „Glockenton, Fegefeuer und Rauch". Die Schilderung der innigen Beziehungen zwi- schen dem Teufel und der Geistlichkeit, im „A^ierek- k e c h t e n H ü 1 1 e i n i" erinnert uns an die grotesken Flug- schriften des Anfangs vom 16. Jahrhundert. . Wie dort Beelzebub im trauten Briefwechsel mit dem Papste stand, so steht hier Lucifer mit seiner ganzen Teufelsschar in den freundschaftlichsten Beziehungen zu der gesamten Geistlichkeit. Da seit Christi Auftreten auf der Welt die Teufel sich in ihrer wahren Gestalt auf Erden nicht mehr zeigen können, weil man sie an ihren Hörnern erkennen würde, will Lucifer die Hörner jetzt ..auf heilig Art ge- stalten ttrid sie so animithiglich verstellen, dass man sie als teiißiscJi nicht erkennt}^ Zu diesem Zweck erfindet Satan nacheinander vier Kopfbedeckungen, welche be- stimmt sind, die Hörner der Teufel zu verstecken. Aber weder Mönchskaputze, noch Bischofshut, noch päpstliche Tiara leisten auf die Dauer die gewünschten Dienste. So erdenkt denn der Teufel eine vierte Kopfbedeckung, das viereckige Jesuitenhütlein, welches vier Hörner ganz hübsch zu verbergen im Stande ist. Er verfertigt es aus demselben Stoff, aus dem seine eigenen Hosen her-


^ Die Satire stammt aus dem Jahre 1580 (ed. Kurz IX. Fischarts Dichtungen II p. 239 ff.). Sie ist die Bearbeitung eines französischen Pam- phlets ,,la legende et description du bonnet carre, avec les proprietez, com- position et vertu d'icelluy". Der französische Verfasser erzählt aber nur, wie Lucifer, um seine Herrschaft auf der Welt zu begründen, nichts besseres findet, als den viereckigen Hut der Jesuiten auf die Welt zu schicken. Die Steigerung, die wir bei Fischart finden, fehlt hier. Der groteske Satiriker verschärft und vermehrt, wie auch sonst überall, ungemein seine Quelle. Auch äusserlich ist dies sichtbar. Das französische Pamphlet zählt 250, das deutsche beinahe 1200 v. (cf Besson 1. c. p. 213 ff.).


.S90 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

gestellt sind, lässt das Futter am Feuer wärmen, damit es blutrot werde, bestreicht den Faden mit Pech aus Sodom und Gomorrha und lässt die Nadel von Vulcan schmieden. Und als ob damit noch nicht genug gethan wäre, näht er in die vier Hörner alle nur denkbaren Verbrechen ein. Obgleich sie zusammen schon einen solchen Gestank von sich geben, dass die halbe Welt davon krank wird (v. 1000), lässt der Satan zum Überfluss noch über den Hut ^ein solchen Scheiss, davon man noch zu sagen weiss'^ (v. 1003/4). „Aus diesem Grund", meint Fischart, sage man, ^die Suiter und ihr Gedicht seien des Teufels letster Furz'- (v. 1007)1.


1 Auch Besson meint (p. 215) von diesem Gedichte „la violence est poussee au degre oü eile devient grotesque". — Neben dem grotesken Grund- gedanken ist aber sonst im Einzelnen sehr viel Allegorisches in der Ausfüh- rung. Das Spitzhorn der Mönchskaputze wird aus Faulheit und Eynfältigem Schein (v. 148) zusammengenäht und mit der Nadel der Heuchelei und dem Faden der Täuscherei (v. 150) verfertigt. Zum Bischofshut verwendet man die Nadel der „Herrschung Fleyschlich", mit Faden der „Schaaf Schinderei"" (v. 256), man näht die „geistliche Hoflfahrt" ein, stickt den Hut mit den Perlen „reicher Gschenk" und mit „Gstein Uneingedenk" (v, 259/60) u. s. w» In die päpstliche Tiara wird noch mehr eingenäht, „die Rachgierigkeit, der Neid, die "Wollust, der Ehrgeiz, der Meineid" (v. 352 ff. u. s. w., es folgt eine der bekannten Aufzählungen.) — Die Allegorie verwendet Fischart auch sonst in einigen Satiren. So ist die „Grille krotestisch Mül zu römi- scher Frucht" in ihrem Inhalt keine groteske Satire, sondern nichts an- ders als die Erklärung des von uns schon in der Einleitung p. 32 bespro- chenen Holzschnitts, welcher die Entlarvung der Heuchelei der Geistlichkeit versinnbildlicht. Es ist die Erklärung des Satzes „. . . dis geschmais hat sich verklaid, in ainen schein von heiligkait, und sint doch reissend wölff^ inwendig" (ed. Wendel er: Archiv für Litteraturgeschichte VII p. 315 ff.). Auch das „Malchopapo" betitelte Gedicht, aus dem Jahre 1577 (ed. Kurz. X. Fischarts Dichtungen III p. 243 ff.), ist nur die Erklärung des dem Ge- dichte zugrunde liegenden Stichs, welcher den Papst darstellt, wie er dem h. Petrus die Schlüssel des Himmels entreissen will, während d. h. Petrus seinerseits die Hand erhebt, um dem Papst eine Ohrfeige zu geben. Von dem Gedanken ausgehend, dass die katholische Kirche sich sogar die Rechte der Heiligen anmasse, vergleicht das Gedicht den Heiligen mit seinem Statt- halter auf Erden und gelangt zu dem Resultat, dass Beide nichts mit ein- ander zu thun haben.


Kapitel III. Das Groteske bei Rabelais. 391


In grösserem Massstabe grotesk ist nur eine der gegen die Kirche gerichteten Satiren Fischarts ,,der Bie- nenkorb" (1579). Original ist Fischart freilich in dem- selben nicht. Der Bienenkorb ist nichts Anders als die Verdeutschung des vlämischen Werkes von M a r n i x von Sa inte Aldegonde. Die Übersetzung ist ziem- lich getreu, wenn auch nicht wörtlich. Hinzugefügt sind die grotesken Titel der einzelnen Kapitel, einige die Be- weisführung noch verschärfende Stellen, die sich meist durch heftigeren und vulgäreren Ton auszeichnen und auf die deutsche Geschichte Bezug haben, ausserdem noch einige bissige Bemerkungen über Nas und die Zitate aus Fischarts früheren eigenen Werken.

Gerade wie im Traite des Differends stellt sich der Verfasser, als ob er im eigensten Interesse der ^heiligen, apostolischen, katholischen, römischen, bäpstlichen Kirchen'- schriebe und freut sich, dass durch die Bemü- hungen des geliebten heiligen Vaters und Bischofs Sonnius, dem er das Buch widmet, die Reformation unterdrückt werde und die furchtbarste Willkürherrschaft eingeführt worden sei. Sein einziger Zweck ist, durch neue Bew^eise das Lob der h. römischen Kirche zu erhöhen, welches andere Prälaten der Niederlanden schon geschrieben hätten. Diese neuen Beweise sind aber nichts Anders als die sar- kastischste Verurteilung der Kirche, die man sich denken könnte. Die Ungeniertheit, mit welcher der Katholizismus mit den Vorschriften der Bibel umspringt, wird grotesk karikiert. Die Kirche, heisst es, hat nicht bloss den Geist Christi in sich aufgenommen, sie hat alle seine Gebote und Einrichtungen verbessert und verfeinert. Um dem Gottes- dienst, der früher zu einfach und zu schlicht war, grös- seren Glanz zu verleihen, hat sie viele ^^schoenc cerernönien und lustige klaidnngen erdacht'^ (p. 30) ^. So hat sie sich z. B. mit einer Bundeslade nicht begnügt, sondern


1 Ich zitiere nach der Ausgabe von St. Gallen. Buchhandlung Huber u. Comp. 1847.


392 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

deren mehrere erfunden, und mit einem Altar sieh nieht zufrieden oeoeben, sondern hat alle Eeken voll Altäre gestellt. Statt an den früheren zwei Sakramenten festzu- halten, hat sie fünf junge ^^sacrmiicittlin^ geschaffen. Sie hat sich aber um Christus und seine Kirche noch viel verdienter gemacht. Der arme Christus hatte früher mit seinem Amte als Vermittler viel zu viel zu thun; so war es denn ihre Pflicht ihn zu entlasten; zu diesem Zweck hat sie ihm viele Heilige als Helfer zur Seite ge- stellt. Und um die Gemeinde besser im Auge zu haben und besser leiten zu können, hat sie die Ohrenbeichte er- funden, um auf diese Weise hinter alle bösen Geheimnisse der Leute zu kommen. Nicht minder verdienstlich ist die Einrichtung, die sie traf, um die Keuschheit fortzupflanzen. Zu diesem Zweck hat sie den Geistlichen die fleischliche Ehe verboten. Früher war der Unterschied zwischen Geistlichen und Laien lange nicht scharf genug, und ge- fährdete in Folge dessen die Heiligkeit der Kirche. Sie trifft deshalb Vorkehrungen, um sogar in Äusserlichkeiten einen Unterschied zu statuieren. Den Laien hat sie den Genuss des Weins im Abendmahl verboten^ — denn es war doch eine Schmach, dass sie ihre ^^uiisteri^^ Barte in das Blut Christi tauchten. Nur die Gesalbten des Her- ren, denen der Bart abgenommen wird, dürfen den Wein trinken.

Bei aller Schlauheit, die Gebote Christi zu ihren Gunsten auszubeuten, sind die Geistlichen in gewissen Dingen doch von einer bodenlosen Ignoranz und Dumm- heit. So haben sie über die Messe und ihren Ursprung die allerhaarsträubendsten Ansichten. Sie halten sie für eine uralte Einrichtung. Habe doch schon im Evangelium Johannis der Apostel Andreas ein Messbuch gehabt, als er zu Petrus sagte, ^^mvenimtts messiam quod dicittir Chri- stus'-^. Das bedeute nichts anders, als „Wir haben die Mesz gefunden, die Christus gethan hat". Andere freilich geben sich mit dieser Erklärung des Wortes ^^Messc'-^ nicht zufrieden und leiten es entweder vom hebräischen ^^missa^,


Kapitel III. Das (iroteskc bei I'iscliart. 393

Last, Verlluchung, oder vom hebräischen ^.inassa'-^ , Ver- suchung^, ab. Letzteres sei ja klar, die Messe sei eine Versuchung* ^^dicaccil die pfajjcu mit jiiiif 'ü:ortcn ij;otl ver- suchen, ob er auch ins brot komnicn ■i^'olle'-' (p. 162). Nach anderen finden wir aber schon beim Propheten Daniel eine Anspielung- auf die Messe. Als er nämlich von dem römischen Reiche rede, sage er, ,,dass sie einen Neiccn Got Maösiin luiben sollen, welchen sie anbetten und niit Gold, Silber und Edclgestein verehren; dieser Maösini, Gott der Stärke und der Gewalt, ist nichts anderes als der Gott der Messe. Und vortrefflich dünkt ihnen die Erklärung eines Bäuerleins, das Wort Messe käme direkt ^von maösims essen, das ist des starken ntessgotts schau- ssen oder pauket, oder :zaid)crinäl , oder vom müssen, die- iveil die 7Jies3 als ei7i starker maösim die leiit miiszet und nötiget, oder daher dass sie ain vermessen "werk seie; oder von der babylonischen me.zen in der Offenbarung Jo- annis soll sie villeicht meszmes für mes-z oder mezenmes.z haiszen, dieiioeil aus irem bäpstbullönischen mes.z- oder inezenkelch alle Völker trunken "werden, und dise, die nicht mit ir mezieren und messieren ^wollen, mezigf-^. Aus alle dem ergebe sich zweifelsohne^ mit unabänderlicher Ge- wissheit, dass der Name Messe aus der ^Schrift käme (p. 163). Und diese krassen Ignoranten wissen allen ihren Hand- lungen, selbst den gemeinsten, einen scheinheiligen, gleiss- nerischen Mantel umzulegen, der sie als die frömmsten Jünger Christi und als die ehrlichsten Vollstrecker seiner Gebote erscheinen lässt. Sie holen recht weit aus, um zu beweisen, dass die Priester und Mönche es nicht ge- nau mit dem Besitztum Anderer zu nehmen brauchen. Wie das Leben aller Menschen gemeinsam ist, so sollte der Natur der Dinge nach der Gebrauch alles Eigentums auf der Welt gemeinsam sein. Nur die Bosheit der Men- schen hat gewollt, dass man einen Unterschied machte zwischen mein und dein. Unter guten Freunden dagegen ist Alles gemeinsam. Unter diesem „Alles" sind natürlich auch die Ehefrauen begriffen. Sagt nicht der Herr selbst:


394 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

O wie lieblich ist, dass Brüder bei einander wohnen, und sagen nicht die Apostel, die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele? Welche Vorteile aus dieser Allgemeinschaft für den unverheirateten Klerus erwachsen, braucht nur angedeutet zu werden. Diese Allgemein- schaft ist der römischen Kirche so sehr eigen, dass sie sich den Namen „katholisch" gegeben hat, d. h. ^^ain ge- niaine generälkirch, nämlich darum, dass sie ain solche liebliche und leibliche gemainschaft von franen und hin- dern eingeset!2t hat, und über alle Ende der weit ir ge- schlecht gemert und den erdboden so voller jungen pfäßin und mönchlin gemacht, als der sommer voller muken ist, derhalben sie auch recht ecclesia oecumenica, das ist die kirch so über den erdboden, wie hetischreckenhaufen, ver- streuet und ausgebraitet ist, genennet wird. Und daher kommt's auch, dass die gaistliche präläten, dbt und mönch patres, väter haissen, dieweil sie also ön underschaid hin und wider kinder simmer n'^ .

Grotesk satirisch ist bei weitem der grösste Teil des Bienenkorbs. Nur die letzten Kapitel sind allegorisch, und führen uns die katholische Kirche mit allen ihren Einrichtungen, mit der Lebensart der Mönche, Priester» Bischöfe, Kardinäle unter dem Bilde eines aus jesuitischen Wilgengerten geflochtenen Bienenkorbs vor^ wo unter der Herrschaft des pater apum (papa) die römischen Bienen und Hummeln in ihren Scharen einander zumummeln, zu- humsen, brumsen und sumsen (p. 319) ^


1 Durch den Bienenkorb ist vielleicht der Titel einer Schrift beein- flusst, welche einige groteske Angriffe auf die römische Kirche enthält. Es ist dies die dem Brotkorb (über denselben unten) angefügte Schrift: Mirabilia urbis Romae. Das ist, die wundersam verwunderliche Wunder,, so in der Stat Rom, dem grossen Römischen B i n n k o r b, zu finden, mit erzehlung derselben Zellinen und Hüllinen u. s. w. Nun aber zu sonderer ergetzlichkeit der Plätel Binen und Clericwürmlin auch Klosterhummeln dem Römischen Brotkorb, weil noch viel Heilthumbs rümpfftlin darinn zufinden^ anzusetzen, beigefügt, angehänkt, obs schon die Pfaffen kränkt". 1475 erschien sie in Treviso zuerst lateinisch. 1491 wurde sie in Nürnberg über- setzt, 1500 in Rom ed. • 1571 erschien in Nürnberg wiederum die Nürn-


Kapitel III. Das Groteske bei Fiscliart, 39J>

Die Gewohnheit zur Satire zu übertreiben führt Fi- schart wie ehedem Rabelais auch zur Übertreibung ohne satirische Tendenz. Am deutlichsten werden wir dessen in den Fällen gewahr, wo wir die Quelle Fischarts ken- nen. So ist die Geschichtsklitterung, wie von anderer Seite schon erwiesen, eine fortlaufende Übertrumpfung des Rabelais'schen Gargantua. Der Riese war bei Rabe- lais gewiss schon ein wunderbarer Held. Bei Fischart wird er es noch w^eit mehr. Als er zur Welt kommt^ lechzt er nicht bloss wie bei Rabelais in seiner Mutter- sprache nach einem Trunk, sondern zeigt schon bei sei- nem allerersten Auftreten, welch wunderbares Genie er


berger Ausgabe; dann 1580 eine neue Ausgabe der römischen. — Wenn auch diese Schrift in einem ungemein platten und unbeholfenen Stil verfasst ist, so versucht der Verfasser derselben doch in seiner Satire der katholi- schen Kirche den grotesken Ton anzuschlagen. So übertreibt er die Wun- der des Ablasses ganz toll. Auch die geringfügigste Handlung hat gleich Vergebung der Sünden und Ablass u. s. w. zur Folge. Man lese nur p. 29: „In derselben Kapelle sindt drei Porten, dadurch der Herr Jesus ist gangen in seiner Marter zu Jerusalem, und wer dadurch mit Andaclit geht, der hat Vergebung aller Sünden, p. 27: Zum Wahrzeichen und Bestettigung- der Genaden und des Ablass so brachten die Engel das Angesicht durch die Guldenpforten, dass noch oben an dem Gewölb stehet, dass es jeder- mann noch möge sehen, wiewohl die Kirchen zweymal verbrannt ist, so hat es doch dem Angesicht nichts geschadet, p. 28: Gott gab soviel Ab- lass zu der Kirchen als es dreitag und nacht tropfen regnet". Oft besteht die Satire auch nur in einer Bemerkung, die nach der Aufzählung jeder Reliquie wiederkehrt; p, 69: „Do sind alle Tage sieben tausent Jar Ablass. p. 70: Do ist alle tag hundert Jar Ablass. p, 70: Do ist alle tag sieben tausent Jar Ablass und so viel Karein. p. 71 : Do ist alle tag achtzig Jar Ablass und dass drittteil Vergebung aller sünden". — Über den Brotkorb selbst verweise ich auf Besson 1. c. p. 223. Der Umstand, dass sich in\ Stil desselben nichts Groteskes findet, spricht neben allem andern auch da- für, dass er nicht von Fischart corrigiert und redigiert ist. Von Fischait scheint dagegen ein Gedicht zu sein, welches der Vorrede folgt: „Scheit sie nicht mehr Heiligthumbszerstörer, Sondern viel mehr Heyligthumbver- hörer. Ach die behut Sanct Grill und Grix, Und bschützt die heylig Hey- ligthumbs Buchs". — Der Titel des Registers weist ein Fischartsches Wort- spiel auf: Register über der Bapisten Heyligthumb, hett schier gesagt^ Heilossthumb". Der Titel des Buches selbst ist im Vergleich zu den übrigen Titeln Fischarts so nüchtern, dass man ihn kaum ihm zuschreiben möchte.


396 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

ist. Denn er hebt in mehreren Sprachen an zu schreien: „ Trauck, Trenck, Irinck, Tninck, Baire, Bere, Bibere, Boire, Biire!'^ Nach einer solchen Probe werden wir uns nicht wundern, wenn der deutsche Gargantua auch sonst sich als besonders tüchtig zeigt; so linden wir es ganz in der Ordnung der Dinge, wenn er in der Erlindung von ,,tor- checiils" noch findiger ist als sein Vorgänger, wenn er statt zweihundert fünfzig Spiele beinahe deren sechshun- dert zu spielen versteht, wenn er endlich in allen Künsten und Wissenschaften dem Franzosen über ist. Als Musiker ist er kein Dilettant mehr, sondern einer der vielseitigsten Künstler, die man sich denken kann, denn er spielt alle möglichen Instrumente. Er ist ein besserer Turner und Reiter als der Franzose, sein Pferd muss „traben, rennen, anhalten, passen, heben" ... es folgt eine Aufzählung, die wir dem Leser ersparen. Auch als Jäger thut er es seinem Vorbild über, denn er jagt auch den Gemsbock, den Rabelais vergessen hat. In der Schwimmkunst weiss er nicht weniger Bescheid. Ebenso wie er in allen Übun- gen, die Kraft und Mut erfordern. Allen als Beispiel voran- geht, so ist er in allen Künsten, die Geschicklichkeit und Gewandtheit erheischen, ein gelehriger Schüler, der den Franzosen weit hinter sich lässt. In der Schreibkunst hat er es zu ganz erstaunlichen Leistungen gebracht. Denn er kennt nicht bloss die alte römische Schrift, ,,so man die Lonibardische nennet", sondern versteht es, alle möglichen ,, Sprach Schriften mit rechtem Schreiberischen Grund sii gestalten" p. 322/23. Er begnügt sich nicht mit Malerei und Skulptur, sondern übt sich auch im ,,schnitsen, schnetseln, wachsbossieren, Schindelgebä'w und Vestung visieren, Papierenschiff formieren, eingraben, knpff erste- chen, etsen, Formen schneiden, entwerffen, abreissen, Land und Statt in grund legen, Vestungen stellen und aiff- reissen, Bildhawen, aussstr eichen, Illuminieren u. s. w. p. 344. Kurz, er ist ein Universalgenie, und wir würden noch mehrere Seiten füllen, wenn wir alles aufzählen wollten, was er kann und was er weiss.


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 397

Ein so wunderbarer Riese muss auch wunderbare Vorfahren haben, mithin einen wunderbaren Stammbaum^ der auf wunderbare Weise gefunden wird. Fischart trägt unsern diesbezüglichen Erwartungen durchaus Genüge, ja er übertrifft sie durch die Leichtigkeit, mit Avelcher er die wunderbare Geschichte der Entdeckung von Gargan- tua's Stammbaum bei Rabelais (cf p. 201) übertrumpft. Sie gestaltet sich bei ihm zur gewaltigsten Staatsaction. Die Auffindung des Grabmals geschieht, als der ,,Könii!; Wasso von Wäscl dem guten Wein naehspüvV und mit den süsswassergierigen Salmen am Rhein heraufstreift, um die von dem Hunnenkönig Attila zerstörte Stadt Äugst im Baselland wieder aufzubauen. Da geraten seine Karst- ner und Schanzgräber auf einen kupfernen Boden, dessen Breite und Länge sie während eines ganzen Jahres nicht zu ermitteln vermögen. Übrigens ist das nicht so wun- derbar, da der kupferne Sarg so kolossal ist, dass er ,,'zii den vier Eckinörcn reichet". Und zwar liegt das Haupt des Leichnams ,,.^'wischen Mörselien in Bruchi^alen und Genua im Lugerland, die Achsel im ,, Rauhen Rachen hei Äugst" , der Bauch unter dem Eychelstein mi Ments, der Hosenlats reicht bis gen Köln unter das Kloster su den schwarzen Schwestern 2ind der Fuss badet im verfallenen Schloss Katwick gegen Engelland über" (p. 45.)

Wie wunderbar dies Grab auch ist, die Schrift, die in demselben aufgefunden wird, ist noch weit wunder- barer. Wahrhaftig, Fischart hat das Unglaubliche fertig gebracht ! Die Fanfreluches antidotees Rabelais', das Nee plus ultra des grossartigsten Unsinns hat er noch zu über- trumpfen verstanden. Der Titel macht uns schon auf Vieles gefasst. Er lautet. ,,Vi wiwertode, witarborstige, witarwetterige und witar sinnige fanfrelicheit und Weissa- gung sampt der wanfrolichen Gluckt rarara," Noch toller ist das Gedicht selbst. Es fängt so an: A j\[ Wa A fluten T Hac, lac berg, nachen Q schon satt yj T G guten, (p. 50.)


W8 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Und am Ende (p. 57) lesen wir die Verse:

() T tant.s j-\r tmeiss S V schimit. Karsli ff cd

ü l ^ V schliffal d & Q biiffal

ß y. ju 7z lill.zapffli)i o Q en

o yj tiuachtalpfeiff' e x 7? nen. Wie an dieser Stelle, so verfährt Fischart überall. Bei Beschreibung der Kleidung Gargantua's verweist er nicht bloss auf das Buch ,,sur la dignite des hraguettes'^ , son- dern giebt uns zahlreiche Beispiele der Art und Weise wie das Thema behandelt ist. Wir erfahren, wie der Hosenlatz bei den Deutschen, den Franzosen, den Türken, •den Ungarn, Polen, Russen, Schlesiern und Gascognern aussieht; und dies Alles nur um in uns die Lust zu er- wecken, die Abhandlung selber zu lesen. Und noch eine Menge anderer seltsamer Bücher kennt unser Dichter. Ihm genügt es nicht, wie Rabelais, nur im Vorbeigehen von den drolligen Büchern ,,Fessepinte, les poids au lard cum Commento'^ u. a. zu reden; er führt sofort vierzig Titel an. Wenn Rabelais einmal den Gedanken ausspricht, dass viele Fürsten von plebejischer Abkunft sind, giebt uns Fischart sogleich eine Liste derartiger Fürsten, redet in gemütlicher Breite von dem Übergang der einzelnen Stände in einander und ergeht sich in einer langen Auf- zählung fabelhafter Stammbäume. Dass endlich Fischart als Deutscher sich bewogen fühlt, das Kneipgelage, an dem Gargantua's Vater vor der Geburt des Sohnes teil- nimmt, und welches bei Rabelais übrigens schon wüst ge- nug gewesen war, in noch grelleren Farben zu schildern, wird uns nicht verwundern. Hegte er ja überdies als Ver- treter des Grobianismus für derartige Schilderungen eine grosse Vorliebe 1.

Aber die Sucht zur Übertreibung macht sich nicht bloss in Fischarts satirischen Schriften geltend, wo man annehmen könnte, dass sie unter dem direkten Einfluss der Satire stand, sondern beherrscht auch die Werke, die

1 über das Trinkgelage cf. speziell Gang hofer: Johann Fischart und seine Verdeutschung des Rabelais. München 1881.


Kapitel TIT. Das Groteske bei Fischnrt. 399

von satirischer Färbung frei sind. Auch im p h i 1 o s o - phischenEhezuchtbüchlein ', jener merkwürdigen Compilation aus Schriften des Plutarch, aus mehreren den alten Philosophen entnommenen Vorschriften über Ehe- moral, aus Erasmus' Dialog über die Ehe, genügt ein einziges Wort, um Fischart's Phantasie zu entfesseln und in den tollsten Sprüngen sich ergehen zu lassen. Jedem wird der Gedanke, aus der Schnecke das Bild der An- hänglichkeit an das Haus zu machen, natürlich vorkommen. Fischart beutet aber dieses Bild auf ganz absonderliche Art aus. Ihm ist die Schnecke nicht bloss das Bild der tüchtigen, nur im Hause beschäftigten Frau, sondern ebenso- wohl einerseits das Bild des naseweisen, neugierigen Weibes, das wie die Schnecke den ganzen Tag den Kopf zum Fenster hinausstreckt^ als anderseits das Bild der faulen Frau, der das Prädikat gebührt ,,laugscmi vom Bett, Bad, Taus und TisclV' . Aber auch so hat er das Bild noch nicht erschöpft. Auch in den unscheinbarsten Eigen- schaften findet er Analogien. Die Frauen, sagt er, mögen von den Schnecken das Schweigen lernen; denn wie die Schnecken lange Ohren haben und nicht reden können, so sollen auch die Frauen hören und nicht schw^atzen. Ja, er geht noch weiter:

^, Wie die Sehn eck ist der Wachtel Ji feind,

Dieweil sie gar mt tinkeiisch seind:

Also soll auch ein Weibsbild ßihen,

Alles, was auf geylhcit thut zihen." (Kloster Xp. 444.) Sogar die Nüchternheit kann die Schnecke lehren, „denn wie die Schnecken die Reben zernagen, wenn sie viel Wein tragen, so solle auch eine Frau dem Weine nicht zu sehr ergeben sein." Aber nicht bloss die Frau, sondern auch den Mann kann die Schnecke etwas lehren. Sie zeigt ihm, wie er seine Frau behandeln soll, nicht mit Gewalt und Ro- heit, sondern mit Milde und Freundlichkeit. Man staune aber über das tertiuni , comparationis:


1 Aus dem Jahre 1578. — ed. Scheible's Kloster X p. 403 ff.


400 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


„ . . wie die Schnecken .^erßisen, Wann man sie thnt mit Sal^ begiscn, Also der sein Weib su rauh halt, Verl erbt sie mir meh mit seim gwalt, Aber gleich wie vom Fenchelkratit, Den Schnecken lindglatt wird die Haut, Also macht man die Weiber lind, Wann man mit Lindigkeit sie gwinntJ^ (p. 445.) Und voller Freude ruft dann Fischart aus:

„Seht wie man allein bei eim Schnecken, So schöne Lehren kann avissecken. (p. 445.)

Wie mit der Schnecke, so verfährt Fischart auch mit der Schildkröte. Was lehrt das gute Tier nicht Alles? Die Menschen lehrt es Häuser bauen „gegen die wilden Leute nnd die wilden Tiere'\ und die Tiere selbst und die Vögel lehrt es Nester bauen und Heimstätten. Und wie die Schnecke, so ist auch die biedere Schildkröte besonders für das Weib ein ausgezeichnetes Vorbild von Häuslich- keit und Keuschheit. Versteckt sie sich doch stets unter ihre Schale, verdeckt sie doch stets den grössten Teil ihres Leibes:

„also soll ein michtig Frau,

den leib nicht stellen auf die Schaii!" (p. 449)

In anderen Vergleichen geht Fischart noch viel weiter. Wird ihm nicht sogar das Amphibienleben des Bibers zum Sinnbild des Wechsels von Glück und Unglück, dem das Eheleben ausgesetzt ist? Kommt er nicht in seinem Vergleich der Haushaltung mit einem Schiff dazu, „die Seylleiter am Mastbaum das gut gewissen, das fänlin auf dem segelbaum den Trost Gottes, den Compass die Ge- bote Gottes'^ zu nennen? (p. 514)

Wie mit der Übertreibung in den Begriffen, so verhält es sich mit der Übertreibung in der Form. Auch hier eröff- net uns wiederum ein Vergleich der Geschichtsklitterung mit demGargantua einen vortrefflichen Einblick in Fischarts Ver- fahren. Da wo Fischart am sparsamsten ist, giebt er ein


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 401

Wort Rabelais' durch zwei SynonN'nia wieder K So heisst ^Jc cormiicncetnciil ,J)cv Aufcni!^ und das \'(>rdcrtcil' , ,,la foy" wird ,,(Uauhcii und Treu" , ,Ja Jcnnctc'* wird ,,Bcst(iti- dii!;keit und Aufrecht ohne Scheu". Manchmal werden auch statt Synonymen nähere Bestimmungen |[^e wählt : ,,un oy.zon (XIII) wird bei ihm (p. 253) ,,ein RiediscJi Cänssli'n"; die ,,moitst(irde (XXI) „obernähcnnscher Senff" (p. 203). Aus ,,trois cens auhws et dcmie de cerge de soye (VIII) werden bei Fischart (p. 211) ,,vierthalbhnndert Arbruisdte Ahtsossa Seiden von Kurunianta, Salrnantiner Gemchts und fünffthalbhundevt Karten Organtmner Seiden von Bolognia mit Unzen und Ouarti (ibge/i£ogen ohn ausschlug'^ u. s. w. Aber so kar^j^ mit Worten ist Fischart nicht gern. Wo es nur angeht, zählt er auf. So ruft das ein- zige Wort ,,dancerenV' in seinem Geiste sofort eine Men2,"e ähnlicher Wörter hervor; und es wird uns schwindlig zu Mut, wenn wir sehen müssen, wie die Paare „dantztcny schupfften, hiipfften, tupfften, Sprüngen, sungen, hnncken, reyteten, schreyteten, scJrivangen, rangen, ptöchelten, ftiss- ktöpffelten, gnnipeten, rammelten, hemmelten, voltirten, Branlirten, gambadirten, cincipaszirten, capricollirten, gau- kelten, redseten, bnrtzelten, balleten, jaucht seien, gigageten, armglocketen, hendrtiderten, armlauffeten, i£armschnauffe- tenJ' Wie Fischart rufen auch wir nach diesem Tanze aus: ,,ich schnanff schier! (p. 141.) Und diese Aufzählung ist nach Fischart'schem Massstab noch kein Meisterstück. Für die Wörter ,,callefretee et chargce" erhalten wir p. 135/36 eine Liste von einer halben Seite, für die den Prolog bei Rabelais einleitenden Worte ,,bettveurs tres illustres et vous Veroles tres precieux" , erhalten wir sogar andert- halb Seiten ähnlicher Bezeichnungen. Kurz, Alles, was Rabelais nur erwähnt, wird bei Fischart ausgeführt, was er beschreibt, wird zur Liste, und was er selbst als Liste giebt, wird zum Katalog, und was schon Katalog heisst,


1 Alle diese stilistischen Eigentümlichkeiten sind von Bcsson 1. c. trefflich auseinandergesetzt worden.

Schneegans, Gesch. d. groi. Satire. 2G


402 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


könnten wir hinzufügten, wird zum selbständigen Buch. So hat Fischart den Katalog der Bibliothek von St. Victor (aus Rab.'s II. Buch) im Jahre 1590 als besondere Schrift herausgegeben. Und schon der Titel trägt das Gepräge grotesken Stils auf der Stirne: ,,Catalogiis cataloi^oriun perpctiie ditrabilis. Das ist Ein Eiicigiccrende, Gordicuiischcr, Pergcwiettischer und Tirraninonischcr Bibliotheken gleicJi- wichtige und richtige Ve so für gut, Die Lensslang deim Kopff gar wol thnt.'^ Also, sogar in den Versen, die doch schon durch den Reim unser Ohr treften, erspart er uns den Gleichklang nicht. Tn allen seinen Gedichten bleibt er dieser seiner Gewohn- heit treu. So finden wir in den biblischen Historien ^ aus dem Jahre 1576 Verse wie ,,Plib doch ein Wild nnd wtird ein niilV oder ,,so sagt man, dass gemeinlich die götsen, die götsen pflegen sn ergetsen (p. 276). Mit den- selben Silben ,,et.3en spielt Fischart auch imKatechismus^ aus dem Jahre 1578, in den Viersen ,,mit Setzung, inipffnng lind anfhetsnngr etwann ein Pfläntslein Biir ergetsung'^ (p. 203). Noch voller klingen die Verse des Gesangbüch- leins aus dem Jahre 1576:-

V. 105 ff. ,Jch iL'ais, es ist dein grösster schrecken, Das mich dein schrecken macht erkecken Und dein timbringen mich nmhspringen

Und dein hoch tringen mich hoch singen" oder V. 122


Abgrund vorgenommen: und bcricht des Schandfleckens, den die Spanier in dieser Badenfahrt darvon getragen haben, begriffen Alles für ein Spanische kurlzweil lustig zulesen".

1 Kurz IX. Fischarts Dichtungen II p. 2T() ff.

2 Kurz X. Fischarts Dichtungen III p. 20:3, 122 f!'.


410 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


,,i(}td sigeti, licinn wt'r unterlii^en

lind krii^en, wann wir uns schon schmigen'^.

Diese lusti^^e sinnbetörende Musik des Gleichklangs fordert auch die übrigen Stilgebilde zum grotesken Tanze auf. Den Reigen eröffnen die Kreuz figuren^ In der Ge- schichtsklitterung gesellt sich ^^dem rollenden Lachen und lachendem Rollen , der ,,SchrifftartlichkeiV^ und ,,Art' schrißtlichkeit^\ .^ein Taschenmäntigen und nianlt Uschi ge ^ ein Faiistpänderige tind Panderfünstige Prodnct" zu. Im podagrammischen Trostbüchlein reicht die ,,tiner- sätliche Begird und begirliche nnerslUlichkeiP^ (p. 749) der „standhaften geduW^ und ^^gedultigen standhaftigkeit"- (p. 763) die Hand.

Und es folgen im Ehezuchtbüchlein ,,der ernsthaft Fleiss mit dem „fleissig ernsV (p. 452), die „treuherzige Verschiviegenheit^' mit der „verschimegenen Treuherzigkeit (p. 494), die ^.gedultige Verharrung" mit der „aussharr en- den gedult" (p. 529). Der Bienenkorb kann es sich na- türlich nicht entgehen lassen, auch hier seinen Beitrag zu liefern, und so sendet er denn die ^^Lutherische Calvinist er ei^ mit dem ^^Calvinisch Lutherwerk^\ die ,fiöt senket ser und KetsergötBen^\ die ^^Papstköpfige Hauptmannschaf P^ und ^^Hauptmännische Papstköpfigkeil'^ bereitwilligst als Hilfs- truppen mit. Und selbst die Daemonomania folgt dem Beispiele der Anderen nach, und neben „beschaulicher Be- trachtung und betrachtender Beschaulichkeit" (p. 135), ne- ben dem „vorsagenden Lugenreich" und „Lügenden Vor- sagerreich" (p. 273) bringt sie die „über greuliche abgötterei" und „abgöttische Greulichkeit" (p. 332) herbei.

Solchen noch mit einer gewissen melodischen Grazie nach dem Rhythmus sich bewegenden Gebilden reichen die übermütigen , in tollen Sprüngen und Saltomortales clownartig purzelnden grimacenschneidenden Kalauer zum


1 Schon bei Rabelais waren sie häufig, cf. XI: mordoit en riant^ rioit en mordant. XXVII: Les uns mouroient sans parier, les aultres par- loient Sans mourir, les uns mouroient en parlant, les aultres parloient en mourant. V: Ce n'est eternite de beuverie et beuverie d'eiernite.


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 411

Tanze die Hand. Alle Fratzen, die im Gargantiia der Alt- meister des Grotesken geschnitten , äffen sie in der Ge- schichtsklitterung mit Vergnügen nach. Hat Rabelais etwa gesagt : IX ,,fcrois-je peindre im penicr denotant qii'on mc faict peüicr'j so wiederholt Fischart , ohne sich lang zu bedenken, p. 222: so icill ich ein Pcuicr mahlen und verstehn das mich mein Buhlschaft icill bannen." Ge- wöhnlich wird aber die Grimace beim Nachahmer viel toller. Rabelais sagte XIII: ,,mo;/ roi,je rime tant et plus, en rimant souvent ni'enrime". Fischart meint p. 251: ,,mein Kanniger Königer König , ich reim uns das und noch viel mehr, und under dem Reimen räumen ich dich Kann offt sehr, und rühm alsdann des Bachi ehr, wann mir am Gaum klebt der Rani von Traubenbeer.^^ Noch toller wird es da, wo Fischart zu etymologisieren anfängt. So führt er für Paris nicht bloss die bekannte Etymolo- gie Rabelais' an, sondern lässt p. 273 den Gargantua sa- gen: ,,ich imll jhnen den Wein schenken, aber nur Lachen- des Munds, Parriss und gleich den Zotten also par reissen:' An anderer Stelle, p. 275, nennt er aber die Pariser ,,Baren- scheisser nnd Pfaffenreisser und freche Parides; Hasen , die um den todten Löwen tansen , und ihm den Bart ausreissen, daher sie heissen vom Bart reissen." — Wir sehen, die von Rabelais ausgestreute Saat schiesst Pilzen gleich aus dem fettgedüngten Boden hervor. Aber auch da, wo der Samen nicht gerade schon ausgesäet, ge- deiht doch von der umgebenden Atmosphäre befruchtet Kalauer neben Kalauer.

Unter einem .^Pensel'^ warnt er, verstehe man ja nicht ^?is ,,Seelpeinig Fegfewr." ^filaubt mir beinen Aehren, die mir am Korn wachsen^\ ruft er aus (statt bei meiner Ehre). — Mit dem Wort ^^Silenen" spielend, meint er: ,,;7/r habt die Eselischen Sielen und Seiden verstandene^. Die Fremdwörter verdreht er mit besonderem Vergnügen, um Wortspiele zu bilden: Die „matiere fecale" (IV) macht er zur ,,ferkalischen Materi" p. 141, 253, die ,,antiquite" zur j,Altiquitcit" ; die „Rhetorisch" zur „Redtorich" ; die ,,Profes-


n2 Dritter 'Jcil: Die Zeit nach Rabelais.

sion'^ zur ,,Br()tfessio}i" , das ^^Ftmdameiit zum ,,Uiitefi- mncnd^^; die ^^ Advokaten^ zu ^^Schadvokcücn^^ ; den ^^Nolar zum ,,Notnarr^^ ; ^^Allehija^^ zu ,, Allerlei liijci^^ u. s. w. Oft macht er auch so, als ob er uns warnte, ein Wort falsch zu verstehen, und bringt es so zu einem Wortspiel. Ein ..Lizenziat^^^ sagt er z. B., ist ^^kein LitzelsalaP^ ein ,^Kcilbs- kopf kein Kalkopß^ und .ßchrmih und Aer^^ ist ,Jiein Schrei- ber^^. — Der Kalauer ist ihm so zur zweiten Natur geworden, dass er selbst bei den feierlichsten Gelegenheiten sich nicht desselben enthalten kann. Während bei Rabelais Grand- gousier ganz würdig und ernst sagte: j,Alle.3 vous en, pau- vres gens, au nom de Dieu, le createur, lequel vous soit en guide perpetuelle'^ , sagt er bei Fischart : Geht hin, jhr arme Leut in Gottes Namen, der sey euer ewiger Geleyter, aber nitt atijf der Leyter (p. 491.)

So scheut sich denn Fischart auch in seinen ernste- sten Büchern nicht, hie und da Wortspiele anzubringen. ImEhezuchtbüchlein z. B. sind die Hausfrauen „ivenn sie draus schauen'^ d. h. wenn sie nicht im Hause leben, ^^Ausfrauen^\ (p. 449), gerade wie im Po dagr ammischen Trostbüchlein die leichtfertigen „Hausmänner'^ zu ,,Drausmännern werden (p. 689). Und selbst in Büchern frommen Inhalts wie die biblischen Historien macht der vSchalk gerne seine dummen Witze. So p. 276, wenn er sagt:

,,Het er das Kind, ivelchs den traub führt, Recht gmalt, kain da üb hets nit berürt. Und wer er nicht vil thauber gwesen Als alle dauben, die wir essen/'

Tiefsinniger ist schon die Deutung in der Ordentlichen Beschreibung der Bündnuss aus dem Jahre 1588:

,^Sclaf aber heisst Falsch hinder sich Weil alles gswungen fälschlich gschicht.^^

(Lobspruch auf Zürich p. 341.)

Solche Wortspiele berühren sich mit den von Fischart so sehr bevorzugten grotesken Etymologien. In dieser


Kapitel II F. Das Groteske bei Fischart. 41/^

Hinsicht lässt er im ,,glückhart Schiff" ^ sein Licht be- sonders leuchten. In der Deutun<( von Länder- und Städte- namen feiert die groteske Etymologie wahre Orgien. So wird das Helvetierland als ^.Hiidvältcrlaud'^ (v. 113) geprie- sen und das Rhätierland , da es ein Schmuck des Khein- thals ist, zum „RhcintzicrlamV' befördert (v. 270;. Die tapfere Stadt Bern ist die „landreych Stadt , die ivol ein Biireiimiit ,^ivar haV (v. 247). Die Stadt Basel hat ihren Namen schon zur Zeit der ersten Ansiedelungen erhalten. Das Volk, das sich dort niederliess, nannte den Ort ,,Bass UV , ,ßveil sie ein Büsser III da fiinden, da sie der lll vergessen knndtenJ' (v. 468/9.) Mit besonderer Vorliebe untersucht Fischart den Ursprung des Namens der hero- ischen Hauptstadt des ,,Heldsasses'^ und der mit ihr in so enger Freundschaft lebenden Stadt Zürich. Derselbe König der Heldvallen, Namens Türich, hat die beiden Städte gegründet. Bei Zürich liegt die Ableitung auf der Hand. Bei Strassburg muss einige Gewalt angewandt werden. Denn von Türacburg (v. 109) bis Strassburg ist noch ein ziemlicher Weg. Für Fischart ist es aber ein Kinderspiel^ solche Schwierigkeiten zu überwinden.

Wir sehn es aus dem Lobspruch auf Strass- burg 2, wo Fischart den Namen seiner Vaterstadt nicht mehr von dem König, der sie gegründet hat, ableitet, son- dern von den Eigenschaften, die sie zieren. Vor Christi Ge- burt, meint er, hiess die Stadt ^^Tribarcli^'- und ^^Treiihorg^\ das sei aber nichts anders als .^Trantenbiirg^^ und .ßiirgen- trauP^. Daraus ist mit Leichtigkeit Strassburg abzuleiten, denn ,,. . . als die Allinannen kamen,

Set. ^t eil Sie, ivie jr Branche stun Namen Ein S, dar au SS dann Strassburg worden}^ Der Name ^.Tribach^^ selbst erklärt sich aus den ,,drci Bä- chen'^ ^ die Strassburg ,yaiis Iren durchfliessen'^ , ^^Treu- borg^^ heisst Strassburg von den ^^BiLrgen traiit^^ (v. 145 fL


1 Kurz ]. c. II p. 179 ff.

2 Kurz 1. c. III p. 347.


414 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais,

im Hündniss d. 3 Städte), aus denen es entstand. Dieses ^.Traiitburg'^ ist aber mit dem lateinischen Namen für Strassburg identisch:

,,. . . daher entiscann Tratttburg hiest Welchs mit dem Archentraiit eins ist.'- ^ Nicht minder freigebig an Etymologien als für Strassburg ist es Fischart für Zürich. Die Stadt führt nicht bloss ihren Namen vom König Türich, sondern auch, weil sie als eine dem Reiche theure Stadt ^^teuerreich^'- ist, weil sie vom volkreichen See heisst „Seerich

Oder von Zier des Reiches Zierrich Oder von Zierlichkeit die Zierig "K Ähnliche Etymologien tischt uns Fischart in allen seinen Werken auf. So erfahren wir in der Daemonomania p. 104 , dass das deutsche Wort ^,mahnen vom griechi- schen ,,)udvTi<;" abzuleiten sei , dass das Adjective ,,lose^^ von „losen^^ kommt, und Etliche den Teufel mit dem ,,tiefen FalV zusammenbringen. Und an seine Etymologien knüpft er manchmal noch besondere Lehren. So zeigt sich die Ueberlegenheit des männlichen Geschlechts vor dem weib- lichen schon in dem Umstände, dass dem männlichen Ge- schlecht die Bezeichnung der beiden hauptsächlichsten Sternbilder zukommt, denn Mann undMond^ und Sohn und und Sonne sind doch identisch.

Auf Verstümmelung , Verrenkung und Verdrehung von Wörtern kommt es Fischart niemals an , sobald er einen Witz fertig bringt. So macht er aus ^, philosophisch^^ flugs „vilhlosssaufflich" (p. 463) in der Daemonomania, oder im Correctorium Alchymiae schilt er den Kaiser Tiberius wegen seiner gewohnheitsmässigen Trunkenheit einen Kaiser Biberius. Im Podagrammischen Trost- büchlein entwirft er uns Bilder von drastischer Wirkung durch die blosse Verdrehung einzelner Wörter, so wenn


^ V. 232 der ordentlichen Bündnuss nennt Fischart Strassburg „der Bösen Trotzburg, frommer Trostburg.

2 Lobspruch auf Zürich, Kurz 1. c. III p. 340 v. 26 ff.


Kapitel III. Das Grole'^ke hei Kiscliart. 415


er die Melancholie zur ,,M(uilhciii^kolic (\). iSlA) und das Po- dagra zum ,,Pfotcngram oder ,,Pfotenkrmupp' umstempelt. Der Gott Bacchus verrät sofort seine Lichlingsbeschäfti- gung, wenn er als Gott „Batichus" daherwackelt (p. 661), und V^enus, die von ihrem Beischlaf mit Libcr auch Libera und ,,Libituia"' heisst, beweist durch diesen Namen schon, dass sie der ,, Liebe diciit'\ denn ^^Libiiuia^^ ist ^^Libedina^' resp. ^^Libdineviu (p. 664).

Die V^erdrehungen von Wörtern sind aber nicht über- all so harmlos wie hier. Gar oft sollen sie zur Satire dienen. Naturgemäss hat der Hass gegen den Katholizis- mus die meisten derselben eingegeben. Neben dem auch sonst üblichen Witze, der aus katholisch Jzakolisch^^ machte und die Dekreten zu ^^Drecketen'^ oder ,,Drecketalen^' um- wandelte, erfahren wir im Bienenkorb^ dass die Präbenden oder Pfründen von den Bienenapotheken ^foeneflcia^^ genannt werden und die von diesem Honig essen, ^.veneßcianten^^ oder ,ybetiejieinnteii"' heissen. Die Bischöfe werden eben- daselbst zu ,yBeissschafefi (denn sie beissen den Schafen die Wolle ab und dann die Haut, und sangen ihnen das Blut ans).^^ „Papa ist der „Pater apnm" , weshalb alle die Bienen zugleich „papen oder pf äffen heissen, welches schier ain bau r für apen oder äffen verstand, dieioeil sie nur geäfle bie- nen oder äffen der bienen seind, daher sie auch gern apen, apt, papa nnd poper haissen." An anderer Stelle ^ führt der Papst den Namen ,^Bepstia^^ oder ^.Bestia^^. Demgemäss wird er nicht als Heiligkeit angeredet, sondern als ^^Höllig- keil'\ Die getreuen Hilfstruppen des Papstes, die Jesuiten, werden natürlich niemals geschont. Sie sind nicht bloss die ,,Sniter^ und ,,Saniter, sondern auch ,Jcsebelliten'^ ^ und ^Jesniiider'^ . Und einzelne dieser Namen erklärt Fischart auch noch zum Ueberfluss. Da die Jesuiten von „San^^ und ,,Bocksart sind, nennen sie sich ,,Suiter^^ und ,^Wider^^


1 Erniänung an die BundpiipsÜer und im viereckechten Hiitlein v. 323.

2 In dem der „mercklichen Frantzösischen Zeitung beigefügten Ge- dicht: Eyn Abgeführts auf die Geystbrüder und Jesebelliten. Kurz 1. c. III p. 298. Die drei andern Namen finden sich im viereckechten Hütlein.


41G Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

(v. 494), oder auch deshalb, weil sie ,Jesii ,37/ wider sind oder weil , Jesus hat zumal BeiiV Schaf und Wider in dem Stall' (V. 000—502). Der Gründer ihres Ordens gibt auch durch seinen Namen sofort zu erkennen, wess Geistes Kind er ist. Heisst doch Ignaz von Loyola nicht anders denn ^Jgnis Ltigevoll^^ oder ^Jgnas LugvoW^ oder ,,Feuerart Lttgevoll (viereckechtes Hütlein). Nicht minder rücksichts- voll ist Fischart der Anstifterin der Bartholomäusnacht gegenüber. Katharina's von Medici Namen beutet er auf grässliche Weise aus, wenn er von ihr im Reveille- matin (Kurz TU p. 76) sagt:

,,Dariim ich wol die, so ich main,

Will nennen gleich die Katterein,

Diimil sie lasst alle Kalter ein

Und ist weder von Katern rain

Noch auch auf Welsch vil Katsenrain. Aber Fischart weiss auch vom Standpunkte der Katho- liken aus zu sprechen. So erklärt er uns, woher die Ka- tholiken die Namen der Reformatoren herleiten (p. 383 ff. im Bienenkorb): ,, Luther nennen sie bu irem bösen danB latitenschläger: Melanchthon hat den Katho- liken aus mel, anken und thön einen unverdaulichen brei gekocht. Die Kölner haben dem Bucer schier das Blut aus der Nase gebutst. Zwinglin hat sie in den not- stall der h. schrifft imllen .siüingen. Calvin hat jhnen den Wein bu kalt eingeschenkt. Für Besam beten sie alle Tage^ imnn sie sagen: erlöse uns vom bösen.

Sogar seinen eigenen Namen verdreht und variirt Fischart in den verschiedenen Ausgaben des Bienenkorbs. 1579 ist das Werk verfasst von Joh.Fr. Giscischart ; 1580 von Dottatus Wisart ; 1581 von Huldrich Wischhart ^, 1588 von Joh. Frid. Guicciard Moguntinus u. s. w. Ein ander- mal heisst er Jesuwaltus Pickardus von Trostburg ^ oder Nasenfischer bu Grtibsarts.


1 Auch im Reveillematin.

2 Im Jesuiterhütlein nennt er sich Jesuwaltus Pikart von Mentz. In.


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 417

Es macht ihm überhaupt keine Schwierigkeit neue Wörter zu schaiTen. Auch da wo er durchaus nicht die Absicht hat, einen Witz zu machen, oder einen Gegner zu verspotten, bereichert er die deutsche Sprache mit einer Menge von Neologismen. So erfindet er im viereckechten Hütlein die Abstracta ^^Corniitcil und ^^Qiiadricornität, Sui- täi'^ und ,,Sataiiit(itJ' Die Jesuiten schildert er als Leute, die zwar andächtig scheinen, aber ^^schanddächtig^^ sind. Im Gefolge des Fräuleins Podagra nennt er uns p. 667 des Trostbüchleins die Frauenzimmer .^Liistlmria, Adelnmt, Hizstolsm, Sorgenoii, Schinähloch, Kitseltriit, Pfulvenkeck, Gailrich ti.s.io.'^ Zu ihrem Tross gehören die „Wtuholden, Schioiiihartit, Spatjsengaileti, MevL^enrciimnlern, Vollenbe- schaid, Näglinklopfer , St'ör.zdenhecher u. s. w." Mit grosser Verehrung spricht Fischart p. 658 von dem „Pantagrue- lischen M. Rabelas' ^ , der seine ,,Natipcrihücher mehrteils^^ den ^Jusgramniigen, krnckenstiipfern^ Stäbelhent, Pfaten- graniniischcfi kapaiincn und hackprettdän^ern gewid- met hat.


seinen andern Werken hat Fischavt seinen Namen ebenfalls auf die merk- würdigste Art verdreht. Im Flöhhatz, in der Geschichtsklitterung, im Trost- büchlein übersetzt er seinen Namen und nennt sich Huldrich Ellopos- kleros, wobei Elloposkleros ^\Xo7TO-öK\rip6c; (Fischhart) oder e\\oTroc;-K\iripoc; (Fisch-art) ist. In der Übersetzung von Hotoman's Brutum fulmen nennt Fischart sich Alonicus Meliphron Theutofrancus, und in der Armada vom Jahre 1588 H. Engelbrecht Mörinder aus Fredewalt in Seeland. Nach Ra- belais ist der Name Winhold Alcofribas Wüstblutus gebildet (er variiert ihn übrigens in Stirnunholdus Alcofribas Seublutus). In der Praktik von 1573 nennt er sich H. Winhold Wuestblut (manchmal auch Schwinhold Seublut, AVeinhold AVeinblut, Winhold Reinblut, dann Weinhold Meinblut und Schwin- hold Weinblut). Oder er dreht seinen Namen um und nennt sich statt „Mentzer" „Retzncm", und statt Fischart „Hartfisch oder Harfisch" ; oder er giebt sich den Namen „Ifgem", d. h. Johann Fischart, genannt Mäntzer. Er erklärt dies Anagramm noch auf verschiedene Art; entweder heisst es: Im Fischen gilts Mischen; Ihrer Fürstlichen Gnaden Mutwilliger, oder In Freu- den Gedenk mein (Geschichtsklitterung), oder In Forchten gehts Mittel (An- timachiavell). — Aus jSIeintzer macht er Manätzer (Catalogus) oder Mansehr, Ulrich ^lansehr von Treubach (glückh. Schiff) oder Mögeintzer, oder er nennt sich sogar Artwisus von Fischmentzweiler (Catalogus). cf. bei Er seh und G r u b e r, Vilmars sehr ausführlichen Artikel über Fischart p. 177 ff. Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 27


418 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


In einem einzigen Worte vereinigt er oft mehrere Be- griffe. So ist ihm (Geschichtsklitterung p.74) der Langsame ^^sclincckkriechig^^, wer Esels- oder Hasenohren hat, ist ihm ,,hasenasinorig (p. 5). Ein furchtbarer Streich ist ihm „hildenbrandstrcichicW (p. 17). Rabelais' Werk, das die schlechte Laune vertreibt, ist „wendiuimiitig" (p. 14); ein Mensch, der sich schämt zu betteln, ist ,,bettelschmniscW (p.351) ; der Magere wird „Gespmistmager" oder ,^cipothelzer- bleich^^ (p. 298), der Dicke dagegen ist oft ,.gekapcmnen- propfV, Rabelais' ^JimUes matteres et sciences profondes'^ werden „Gemsenkletterige und Tritthimmelver.^uckte Mate- rien (p. 28) ; den erotischen Ausdruck „rataconnicnler'^ (III) übersetzt er durch das nicht minder groteske Wort ,,entrtim- minipnmpeln^' (p. 136). In der Vorrede der ,, äff ent euer liehen , nanpcngeheiicrlichen Geschiclitklitteriing" schwelgt er in einer Fülle abenteuerlicher Wörter, indem er sich wendet an alle ,,Klugkröpffigen , Nehelverkapten , Nebel A^ebuloner, Witsersaufften, Gurgelhandthierer und ungepallierten Sinn- versauerten Windmilll er i sehen Durstaller oder Pantagrue- listen'^ . Im Ein- und Vor-Ritt oder Parat und Beraitschlag überschüttet er den Leser mit einer Flut von Neologismen: „Ihr meine Schi atnpampi sehe gute Schlucker" , hebt er p. 16 an, „KurtBweilige Stall und Taffelbriider! Ihr Schlaffen- trunckene volbesoffene Kautsen und SchnautBhähn, ihr Landkündige und Landschindige Weinver derber und Bamk- buben , jhr Schnargarkische Angster dräher Kutterrujf- storcken, . . . Bierpausen uud meine Zilckvolt^äpßge Do- mini Windholdi von Holwin, ErtBvielfrass, Lappscheissige, Scheisshausfilller und Abteckerische Zapf leinlütt er^^ u. s. w. u. s. w. In seiner sprachlichen Allgewalt respectiert Fischart nicht einmal die Namen der im Roman auftre- tenden Personen. Je nach Gutdünken verändert er sie, um den Charakter der Person schon durch den Na- men anzuzeigen. Der biedere Grandgousier erhält auf diese Weise nicht weniger denn achtzehn Namen: Er heisst ^^Gr and gur gier , Gurgelgross, Grandbüchier, Buch- grossier, Grosswur stier , Kleinbüsier , Grossbüchier , Gross-


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 41D

Imstier, Granganchicr, Kcmdbiisier , Grossgisier, Gtirgcl- strotsa, Grosskälicr , Graudgaiisier, Grandgiiss, Herr von der Grossgoschen u. s. w. ^

Gargamelle, die Heldenmutter, hat neben dem franzö- sischen Namen .fiargamelle'^^ die deutschen ^fitirgelnielk, Giirgelscliwante, Gtir gel glitt er e, Gtirgelniiltsani^^. — Und ilir Sohn der Riese Gargantua wird zum ,,Gargantole, Gar- gantnle, Gargantsoffa, Gargantuioald, Garkantenvoll, Gar- gantiibal, Gargantniüol, Gargant zumal, Giirgellangewang u. s. w..

Auch andere weniger hervorragende Personen haben mehrere Namen. So heisst Ponocrates ,, Ehrenwert Lob- kiind, Ehrendrecht von Thiigendsteig , Rhiinibrecht von hohen Lobsteig, Kundlot Arbeitsam, Lobkiindtim von Ehren- steig oder von Hohenriihmsteig^^ . Gymnast heisst ^^Kampff- keib lind Keibkarnp ; Eudeinon, Wohlbeart , Artsichiool und Wolfartig^'. Picrochole wird gewöhnlich zum König ,^Bit- tergroll'^, seltener ^yKyklopokoV^ (p. 404) oder ^firollcn- koderer (p. 502). Auch nur vorübergehend vorkommende Namen werden verdreht. Alcmene wird zur ^^Argmännin^^ (p. 133), Semiramis zur ^^Hengstbrilnstigen Schamiramis^' (p. 103) und horrible dictu Aspasia (p. 103) zur ,^Huren- niutter Arsbasio'\

Aus unserer Darlegung dürfte wohl hervorgehen, dass bei Fischart der groteske Stil einen viel grösseren Um- fang einnimmt als die groteske Satire. Letztere entwickelt sich bei ihm nur dann, wenn er unter fremdem Einfluss steht, sei es in der Geschichtsklitterung unter dem Ein- fluss Rabelais', sei es im Trostbüchlein unter dem der grobianischen Dichtungen, sei es endlich in einigen seiner religiösen Satiren, unter dem Einfluss Marnix' von S^^ Alde- gonde und Anderer. Aber auch des Dichters grotesker Stil scheint seine originelle Schöpfung nicht zu sein. Erst


1 Besson 1. c. p. 51 hat die Namen in dieser Reihenfolge zusam- mengestellt. Über die stilistischen Eigentümlichkeiten Fischarts cf. bei Bes- son hauptsächlich die Kapitel II (Fischart et Rabelais), VIII (Fischart phi- lologue, fantaisies etymologiques), IX (La langue et le style de Fischart).


420 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

von dem Jahre an, in welchem Fischart zu Rabelais in Beziehung tritt, entwickelt sich bei ihm ein eigentlicher grotesker Stil ^ Wohl finden wir in seinen ersten Schriften Ansätze dazu, aber wenn dort die grotesken Stileigentümlich- keiten nur wie glühende Kohlen unter der Asche glimmen, so lodern sie erst dann zu hellen Flammen auf^ als der Hauch des grossen französischen Meisters sie anweht. Dann aber greift der Brand um sich und zieht Alles und Jedes an sich, und wie ein Feuermeer flammt es und sprüht es überall, auch wenn kein Hauch mehr weht, nicht verzehrend, nicht vernichtend, wie das Feuer der Satire, sondern lustig in allen Farben glänzend, wunderliche Ge- bilde aus dem Nichts hervorzaubernd, knisternd und knat- ternd, ein tolles Feuerwerk.

Wenn aber der Meister, dem Fischart folgt, Schule gemacht hat, so ist dies beim Jünger nicht der Fall. Wohl scheint ihn Ge or g Nigrinus (geb. 1530 t 1602) in den Satiren, welche er gegen Nas schleudert, zum Muster genommen zu haben: aus den Titeln einiger derselben atmet der Geist, welchen wir bei Fischart kennen gelernt haben 2. Der Inhalt von Niscrinus' Satiren ist aber nicht


1 Auch Besson gelangt 1. c. zu ähnlichem Resultat, p. 325: „Le satirique allemand a ete confirme dans une tendance qui etait l'essence meme de sa nature par la lecture et la meditation des oeuvres d'un esprit proche parent du sien: s'assimilant les procedes de Rabelais^ les exagerant encore et abusant des facilites que lui ofFrait un idiome bien plus flexible que celui de son modele, il a forge ce style violent . . .".

2 Man lese nur folgenden Titel: „Gewisser notturfftiger Beschlag,, sampt Gurt, Sattel und Zaun des Frenkischen, Jesuwidrischen Nerrischen Cacolischen Esels, Johann Nasen zu Ingolstadt. Zubereit von Georgio Ni- grino Battimontano". Dieser Prosaschrift ist ein Reimgedicht angehängt: „F, I, N, S, A, C, F, Frechheit, Irthumb, Narrheit, Sampt Aller Cacolischen Eseln Fantasterey, jn kurtz zu beschreyben, ist nicht wol müglich, doch in Eyl dem trutzigen, unverschempten, mutwilligen Münch Johan Nasen, dem Spigel aller Narrenköpff, und obersten Kertzenmeister in der Lügenzunfft zu sonderlichem gefallen hat das geschrieben : Georgus Schwartz von Batten- berg". Diese Schrift ist mir nicht zu Gesicht gekommen. Ich habe den Titel aus Goedeke: Geschichte der deutschen Dichtung 2. p. 506. Audi der Titel folgender Schrift scheint Fischart nachgeahmt zu sein: „Wider-


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 421

grotesk. Er greift Nas mit den Waffen der direkten Satire an, und spart die wüstesten Schimpfereien nicht. Er nennt ihn einen abgefeimten Buben, des Teufels Freund und Gesellen oder ruft im ,, Willkomm und Abdank der Anti- gratulation Johann Nasen entrüstet aus, ,,längcrc, dickere, kuollecJitere luid gröbere LiigoV habe Keiner wie „Ä^asiis ausgegossen^^ ; im Lästern und Lügen habe er es allen Papisten zuvor gethan, ,,als U'emi er Doctor über alle Höl- lischen Doctoren lioerden wollte, die doch die Lügeriktinst erfunden nnd promoviert haben." Seinem Meister Fischart kommt Nigrinus da am nächsten, wo er ihm seine mehr oder minder geistreichen Spielereien über den ominösen Namen seines Feindes ablauscht. ,, Wenn Jeder seinen Kot an diese Nase schmieren "wollt e" , meint er, ^,so "würde man den Brnder bald so müde machen, dass er sie wohl nitter seine Kappe verstecken würde." Seinen Namen Nas könne man schon aus dem Umstände erkennen, dass er wegen seiner ,,Rot.'2echten Nasen" kein Wort recht lesen und ansehn könne in Luthers Schriften. Seine Nase stänke nach Ehre, Gunst und Gut, wie es bei papistischen Prä- laten gewöhnlich der Fall sei. Im Anfang der ,, Wider- legung der andern Centurie, der Lesterschrift des ver- logenen, mutwilligen, unverschempten Mönchs Johann Nasen zu Ingelstaf' finden wir ein Gedicht, das sich fast ausschliesslich auf die unglückliche Nase des armen Mön-


legung der groben, grewlichen, greiflflichen, zuvor unerhörten und Teuff- iischen Lesterungen und Lügen der Ersten Centurie F. Johann Nasen, des Bettel Münchs zu Ingelstat, JSIit welchen er das h. Evangelium, und alle Bekenner desselbigen, hoch und niedriges Standes aufFs schmelichste antastet zur forderung und bestettigung aller Bepstlichen Greweln und Abgöttereien Gestalt von Georgio Nigrino Battimontano. Darunter ein Holzschnitt, den Mönch Nas mit seinem Wappen darstellend, links vom Holzschnitt: Psal 10. Sein jNIunde ist vol fluchens, falsches und truges, seine Zunge rieht mühe und arbeit an; rechts: Psal 59. Ir Lere ist eitel Sünde | und verharren in jrer hoffart, und predigen eitel fluchen und widersprechen. Anno MDLXXI. Diese Schrift wie auch die oben angegebenen finden sich in einem alten Sammelbande aus dem 16. Jhdt., im Wilhelmitanum in Strassburg, unter dem Titel ^ Varia ad reformationem pertinentia 12". Einiges andere in Bd. 11.


422 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

ches bezieht. Es ist dies die ,,Physiognomia sponsae pur- puratae ex n a s o observata von Ludwig Milichius aus Homburg, ein Gedicht, das Nigrinus für so gelungen hielte dass er es ins Deutsche übersetzte. Hier muss Nasus die nicht beneidenswerte Rolle der Nase im Gesichte der babylonischen Hure, (d. h. der katholischen Kirche) spielen, als deren vorspringendster Teil er die Zielscheibe des gemeinsten Witzes wird. ,, Wen eckelt nicht der Rots an^ der aus dieser Nase mit Haufen rinnP' ^ ruft der Dichter aus. Und wir müssen ihm beistimmen, denn er macht uns eine so furchtbare Beschreibung der Nase, dass wir uns mit Abscheu von ihr abw^enden. Lehrt doch nach seiner Ansicht die Nase schon allein, „licie zornig das römische Tier ist, das Jeden mi verschlingen drohP^ , diese Nase, welche ,,schmeckt und schnaubt, als wenn sie voll Teufel wäre^^. Noch andere ähnliche Witze verbricht Ni- grinus von Zeit zu Zeit. So will er ein ganzes Buch schreiben, um zu beweisen, dass das Handbüchlein voa Nas eigentlich ein Schandbüchlein heissen sollte i. Im Affenspiel ^ bemerkt er, das p und / der Pontißces und Fratres, vor das Wort „Affen^' gesetzt, sei der gemein- same Name aller Geistlichen, ihre Mummereien seien Affen- werk, ,,ihre Vielgötterei der Heiligen und ihr geistliches Reich eine äfiische Nachahmung des römischen Reiches^ all ihre Bräuche, Ämter, Orden, Gepränge von Juden und Heiden entlehnt, ein Affenspiel. — In seiner Satire vom Bruder Johann Nasen Esel und seinem rechten Titel, F. J. N. S. A. C. 1570 oder F. J. N. S. E, C. fragt er sich:


1 Examen des Schandbüchleins F. Johannj Nasen, das Er ein Hand- büchlein des kleinen Catechismi nennt, aufFs kürtzste in der Eyl zugerichtet von Georgias Nigrinus Battimontanus.

2 Affenspiel F. Johann Nasen zu Ingelstadt sampt dem ganzen AfFen- reich in Schlauraffenland. Gute Nacht Bapst 1571 mit Holzschnitt, Diese Schriften befinden sich alle in der p. 421 Anm. angeführten Sammlung. Nicht zu Gesicht gekommen ist mir das Buch mit dem charakteristischen Titel r Vexamen des grossen, langen, breyten, dicken, hohen, Tieffen weitumb- stehenden Titels Bruder Johann Nasen.


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart, 423

,,M/o find man das Schi ativaffcul and? In des Bapstcs Reich. — Die gro (sie) Münch ins Bapstcs Reich, Die sind dem Esel eben gleich' . Unter denselben ist aber Nasus der gelehrteste, der für sie alle schreibt, schreit und tobt. Die Buchstaben seines Namens Nasus finden sich auch in Asinus. — Die übrigen Eigentümlichkeiten des gro- tesken Stils sind kaum vertreten. Sogar die Aufzählungen sind selten und, wo sie vorkommen, äusserst spärlich i.

Den Satiren des Nigrinus sind diejenigen des Lucas Oslander^ an die Seite zu stellen. Auch Oslander über- schüttet Nas mit Grobheiten; er bezeichnet ihn als einen ,,unverschämpten leichtfertigen Schalksnarren nnd Lotter- buben, mit dem sich kein Christ abgeben sollte". Er hat herzliches Mitleid mit den ehrlichen und gutherzigen Leuten im Bayerland, dass sie ein ,, solch Unflat" , wie Nas, täglich sehen und oft auch hören müssen. Wenn er ihn einmal ,,eine unflatige, schivartse, kotige San" nennt, so korrigiert er sich später, indem er meint, Nas sei noch schlimmer als eine Sau, denn wenn eine Sau stirbt, dann ist sie wenigstens in der Haushaltung zu etwas nützlich; ,,diser Unflat kann aber nichts dann uiilen und stincken, "weil er lebt, und zaann er sterbe, ivürde er nichts nutslichs, son- dern eittel stinkenden Teuffelsdreck hinder jm lassen".

Auf solche Nachahmer Fischarts könnte man dasselbe Wort anwenden , das wir den Nachäffern Rabelais' als


1 Als Beispiele mögen nur folgende aus der Vorrede angeführt wer- den. Nigrinus meint, bei den Papisten sei aufs höchste getrieben worden „Auf- ruhr, Mord, Ehebruch, Hurerey, Fressen, Saufen, Dieberey, Wucher, Rauben und aergleichen". Später kündigt er an, er habe sich angenommen „aller Bebste, Cardinel, Bischoffen, Prelaten, Ept, JSIönche, Pfaffen und Nonnen Schelmenstücke, kurz zusammen zu bringen_, bey einander zu bringen und den Päpsten für die Nasen zu halten" u. s. w.

2 Ursach warumb Frater Johann Nas im Bäpstliche Schalksnarr kei- ner ferneren Antwort werth und sich kein rechter Christ an seine Lester- schrifTten keliren soll, — Ableinung der Lugen Verkehrungen und Lästerun- gen, mit denen Bruder Johann Nas in seinen Centuriis der Evangelischen Warheiten, wie er es nennt, die christl. Lehr der augsburger Confession . . . antastet. Tübingen 1569.


424 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


Devise gegeben hatten. ,,Wie er sich räuspert und wie er spuckt, das habt Jhr ihm glücklich abgeguckt.** Hinter das ,, glücklich" müssten wir aber noch ein recht grosses Fragezeichen stellen.

In Frankreich wurden derartige Nachäffer des gro- tesken Meisters durch die wirklich grotesken Satiriker, die sein Gefolge bildeten , in den Hintergrund gedrängt. In Deutschland finden wir^ soviel ich sehe, nur noch eine Satire unter dem directen Einfluss Fischarts. Es ist dies die Satire der Schildbürger (1597 ed.)i, welche die Klein- städterei und das Pfahlbürgertum verspottet. Die Einfältig- keit der biedern Bürger wird unter anderm dadurch gro- tesk karikiert, dass man ihnen als Weitsichtigkeit nachrühmt, sie wüssten, dass man Bauholz und andere Dinge mehr haben müsse, ehe man den Bau anfangen könne, denn rechte Narren würden ohne Holz, Stein und Kalk zu bauen sich unterstehen. Noch krasser tritt uns diese göttliche Thorheit entgegen, wenn sie ein Rathaus bauen, die Fenster vergessen und dann ganz erstaunt sind, dass es im Innern vollständig dunkel ist. Um dem Uebel abzu- helfen, laufen sie dann alle um Mittag mit Säcken, Kesseln, Töpfen, Hubern, Gefässen, ja sogar mit einer Mausfalle auf den Platz und suchen den Tag darin aufzufangen u. s. w. Auch der Stil hat insofern Fischart'sches, als er an Wort- verdrehungen und Gleichklang reich ist 2. Sonst hat die deutsche Satire nach Fischart nichts Groteskes mehr. Wieder Rolle nhagen (geb. 1542) in seinem mehr didak- tisch als satirisch angelegten Froschmeusler ^, den


1 cf. Kürschner: Deutsche Nationallitteratur 25 p. 305 ff.

2 Beispiele giebt E. Jeep: H. F. von Schönberg, der Verf. des Schildbiirgerbuches und des Grillenvertreibers. Göttinger Diss, Was sonst das Schildbiirgerbuch betrifft, cf. ebendaselbst.

3 Höchstens könnte man im Titel Anklänge an Fischart suchen: „Der Fro schmeuseler oder der Frosch und Mäuse wunderbare Hofhaltung von Marcus Hupfinnsloch v. Meusebach der jungen Frosch Vorsinger und Calmeuser, 3 Bücher. Ebenso in den Namen von Fröschen und Mäusen „Quackebruch, des Königs Vätern Bruder Sohn; Reichsrat Klungkerleckunger; unter den Mäusen Wurstlieb und Schinkenfrass, Bröseldieb u. s. w.


Kapitel III, Das Groteske bei Fischart. 425


man mit Gcrvinus (p. 80) einen Abschluss der deut- schen Fabel nennen kann, — noch Wolf hart Spangen- berg (1570 — 1637) in seinem ,,Ganskönio" \ der höch- stens mit Fischarts Flöhhatz verglichen werden kann, noch L o g a u und Rachel in ihren ganz allgemein gehal- tenen satirischen Gedichten, noch Schupp in seinen mun- teren, kernigen und derben Schriften, noch Laurenberg in seinen den frischen Charakter des niederdeutschen Volks- stammes glücklich wiedergebenden Satiren, noch Mosche- ros ch in seinen mit ermüdender Breite und schwerfälli- ger Schulpedanterie verfassten Umschreibungen der Sue- nos des Spaniers Quevedo. Höchstens erinnert Prätorius hie und da an Fischarts Manier.

Vor allen Dingen ^ scheinen seine Etymologien von Fischart inspiriert zu sein. So macht ihm im Satyrus Ety-


1 Ganskönig 1G07. Ein kurlz weilig Gedicht von der Martins Gans, wie sie zum König erwehlet, resigniert ihr Testament gemacht, begraben, in Himmel und an die Gestirn kommen; auch was ihr für ein Lobspruch und Lehrsermon gehalten worden — durch Lycostlienem Psellinoros Andro- pediacum.

2 Auch seine Titel haben etwas Fischart'sches. Ich will nur zwei derselben anführen, die mir vorgelegen haben. Über andere cf. Goedeke: Geschichte der deutschen Dichtung VII p. 238. „Ein gründlicher Bericht vom Schnackischen Katzen- Veite. Als einem wercklichen und würklichen Aben- theure bein Kohlenberge im Voigtlande. Welcher zu Zeiten kunterbunte Sprünge vorgenommen hat, und noch nimmt, eine Alefantzerei über die ander treibet und sich so mürrisch geberdet als kein Klauss Narre oder Hans Klauert jemahlen gethan hat. An den Tag gegeben von Steffen Läusepeltzen, aus Ritt-mier-ins-DorfT. Im Jahre Meine FraV hat aVCh eine aber Die Ist Lange nit so gross (Eine Mütze meine ich). Gedruckt im itzigen Jahre (1665. 88 Bl. 8)." — Dann „Satyrus Etymologicus, Oder der Reformirende und Informirende Rüben-Zahl: Welcher in hundert nach- dencklichen und neuerfundenen eines und seines Namens Derivationibus sampt einer wackeren Compagnie der possirlichsten, und wahrhafftigsten Hi- storien, von gedachtem Schlesischen Gespcnste, nebenst anderen beygebrach- ten köstlichen raritäten und argutien kützlich, kürt z lieh und nützlich vorstellet, sampt dem sonderbahren Anhange, der kleine Blocks-Berg ge- nannt. M. Johannes Praetorius M. L. C. Zetlingä-Palav-Marcoita. Im Jahr ICh mVss so ein gVter Mann seyn aLs DV seyn mVst (1672) 552 S. 8."


426 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


mologicus der Name Rübezahl viel zu schaffen. Er hat für denselben eine erstaunliche Menge von „Derivationes^ der abenteuerlichsten Art. Bringt er doch das Wort mit ,,Tribut^ahls^' (p. 189), mit ^^Hurbezaha^^ oder ,, Uriae Bet- saba^^ (p. 361) in Zusammenhang. Hält er doch sogar den Rübezahl für identisch mit dem ,,gRohe Te.^eV^ (p. 353), den Ablasskrämer , den man in das Gebirge verbannt hätte, weil er nicht genug Geld für den Papst aufbringen konnte, und an anderer Stelle mit ^^dern Rädelsführer aller Cal- vinisten ThodoRUs BEZA}'- Auch mit anderen Worten spielt er nach Fischarts Art. Das Weib hat nach ihm seinen Namen von der Weichheit , obgleich es hartfellig sei: „/a beim Schlapper mente oder potB Veiten}'- ruft er p. 1 aus, ,^ivenn ich mein Urtheil davon feilen soll, so sage ich: revelle das Fell von der Vettel , so wird sie nicht dickhäutig, sondern wohlgefällig , depelle pelles ex pellici- bns, et non erimt tilterius felleae, sed nielleae et bellae,. nee ernnt Bella im Felde, da man sich mi krempelt.'^ Das Wort .^Katzen Veite^^ leitet er von ^^na^od [prno) und ^^^ae&Mv^^ oder von ^^qiiasi Gasten Scheit^', von ^^Katsen Brei und Klat- schen Weide^^ ab. Mit grosser Virtuosität bildet er Neolo- gismen. So führt er uns einen „krummpticklichten, dick- beinigten, Pfennig silchtigen^ Leiitbetrie glichen, fatilschling- lichten DiebspVötsigten^ Krammer-Foix'-'- vor. Dass er hie und da auch Aufzählungen vorbringt , sehen wir ausser an diesem Beispiel auch an folgendem : Die Ware, die er feilbietet, sagt er, sei nichts anders als „Kunst reformirte Augen oder Brillen, Fressäxte oder Messer, Kniffquartiere oder Schneiden, Nadel-Schilde oder Fingerhüte^ Bartputser oder Scheermesser , Suppenschöpper oder Löffel, Stichlinge oder Nadeln, Knippernutmgte Schneidlinge oder Scheeren^ Hutgewirr allerhand Kopff'-G eschirr und bunde Bänder ^ Faust-Kercker oder Händschgen, Schnuppdiebe oder Liecht- pulsen, Wammes - Schlösser oder Hacken und Schlingen'^ und es folgen noch 38 Substantiva.

Dass solche Eigentümlichkeiten direct unter Fischarts Einfluss stehen, dürfte nicht ausgeschlossen erscheinen,


Kapitel III. Das Groteske bei Fischart. 427

da Prätorius in seinem Rübezahl (1672) ein Stück aus der Praktik abdruckte. Freilich wusste er nicht den Namen des Verfassers dieses Abschnitts. — Im siebzehnten Jahr- hundert war überhaupt der Name des grotesken Satirikers bald vollständig verschollen, ,,die Schlesier kannten ihn fast gar nicht^', sagt p. 170 Vilmar in seinem Artikel in Ersch und Gruber's Encyclopädie ,^und nur eine einzige leise Anspielung bei Andreas Gryphius ^ lässt wenigstens annehmen, dass er den Titel der Geschichtsklitterung vom Hörensagen kannte. Martin Zeiler, dem sonst die ganze Litteratur zu Gebote steht, und der das Podagrammische Trostbüchlein citiert , wusste den Namen des Verfassers so wenig wie Justus George Schottel, w^elcher den Titel der Geschichtsklitterung in seiner berühmten „Ausführ- lichen Arbeit von der deutschen Hauptsprache" in weg- werfender Weise anführt. . . . Joh. Balthasar Schuppius, der Antipode der Schlesier, kennt den Ausschreiber und Nachahmer Fischarts, Steinberger, und äussert als ein naher Geistesverwandter sein grosses Behagen an ihm ; von Fischart hat er keine Ahnung. Morhof weiss gar nichts, Neumeister sehr wenig von ihm, und erst Vin- cenz Placcius brachte in seinem Theatrum Anonymorum et Pseudonymorum den Namen Joh. Fischarts als den Ver- fasser des Grandgusiers auf den grösseren litterarischen Markt.

So ist es kein Wunder, dass wir im 17. Jahrhundert in Deutschland eigentlich keine rechten Vertreter des Gro- tesken mehr finden. Der baroke Stil ^ , der damals auf- kommt und sich auch in Bizarrerien auszeichnet, ist mit dem grotesken nicht zu verwechseln. Das Gesuchte, Ge- schraubte und Gezierte, das ihn besonders kennzeichnet^ ist von der überschäumenden KraftiüUe des Grotesken w^eit entfernt. Das Groteske finden wir in Deutschland,.


1 über ihn sowie über einige anderen deutschen Schriftsteller cf. nächstes Kapitel.

2 Über Wendel Dietterlin aus Strassburg (noch aus dem Ende des 16. Jhdts.), der ihn in der Kunst anwendet, cf. III 1.


428 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, nur noch in den Satiren gewisser durch ihre urwüchsige Munterkeit sich besonders auszeichnender Kreise.


Kapitel IV. Die iVusläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils.

Während in Deutschland und Frankreich die Reli- gionsstürme tobten , hatte man sich in Italien kaum aus dem religiösen Indifferentismus herausrütteln lassen. Der Italiener hatte Wichtigeres zu thun, als sich darüber den Kopf zu zerbrechen , ob bei Luther oder beim Papst die Seele ihr Heil suchen sollte. Er sonnte sich lieber im strahlenden Lichte des Altertums, las und kostete die grie- chischen und lateinischen Schriftsteller und lächelte über die Thoren, die sich im Norden um nichtssagender Glau- bensformeln willen das Leben vergällten. Wenn er aber einerseits seine helle Freude am klassischen Altertum hatte, so verurteilte er doch anderseits streng diejenigen, die in ihrer Verehrung so weit gingen, dass sie sich aus den alten Sprachen und antiken Sitten ein Idol zurecht zim- merten.

Wir haben schon früher gesehen^ dass die maca- ronische Poesie auf burleske Weise diese Tendenz der Renaissance verhöhnte. Die Vertreter des Humanismus hatten aber in ihrem Wesen, wie auch bereits hervorge- hoben (I 3, p. 120), lächerliche Eigenschaften genug, um auch die Karikatur gegen sich zu entfesseln. So war denn schon seit dem 15. Jahrh. der in öder Vielwisserei, Kleinkrämerei und Zitatensucht aufgehende , die Gegen- wart vollständig verkennende , nur die lateinische Gram- matik anbetende Pedant der Gegenstand des derbsten Spottes geworden. Grotesken Ausdruck verleiht bereits


Kapitel IV, Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils.

429

Pontano (142G geb.) in seinem Dialog Charon^ der Ka- rikatur des pedantischen Grammatikers. Noch in der Un- terwelt beschäftigt sich Pedanus, so heisst der Gelehrte, mit den kleinlichsten Quisquilien aus dem Altertum ; in- ständig bittet er Mercur ja nicht zu A^ergessen, seinen eh- maligen Schülern einige hochwichtige Nachrichten mitzu- teilen, die er aus Virgils höchsteigenem Munde so eben erfahren habe : so, dass es nicht richtig sei, dass Acestes dem Aeneas drei Weinkrüge gegeben habe ; er habe ihm vielmehr Amphoren geschenkt ; die Dauer des Lebens des- selben Acestes habe der Mathematiker Hipparch ganz ge- nau ermitteln können, er habe 124 Jahre, 11 Monate, 29 Tage, 3 Stunden, 2 Minuten und ^j^ Secunde ^ gelebt ; die sehr wichtige Frage, ob Aeneas mit dem rechten oder dem linken Fusse den Boden Italiens berührt habe , könne er nun dahin entscheiden , dass er mit den zwei Füssen zu gleicher Zeit auf das Gestade gesprungen sei.

Gerade diejenigen Männer, welche die hingehendste Verehrung für das Altertum hegten , konnten die Aus- wüchse derselben nur verdammen. So hatte denn nicht weniger alsPontanus^ auch Erasmus die geistlosen An- beter des Altertums grotesk verspottet.

In seinem Dialoge Ciceronianus "^ hat uns Erasmus das groteske Bild eines Gelehrten entworfen, der aus lau- ter Schwärmerei für Cicero mager und melancholisch, ein wirklicher Schatten von dem, was er früher gewesen, ge- worden ist. — Er schläft und isst kaum, er trinkt Wasser^ lebt von Gemüse und ciceronianischer Prosa. Sein Haus ist vom Speicher bis zum Keller gefüllt mit Bildern von Cicero und dessen Werken. Er sieht, hört, träumt nur Cicero. Er schätzt Cicero so sehr, dass er lieber ein voll- kommener Ciceronianer als ein Consul, ein Papst, ja selbst ein Heiliger sein möchte. Nichtsdestoweniger ist er ein


1 Johannis Joviani Pontani Opera Basileae 1556 Vol. II p. 1128 fr. ^ momenta duo ac semiatomum.

3 Des. Erasmi Roterodami Dialogus Ciceronianus Lugduni Batavorum ex officina Johannis ^laire 1643.


430 Dritter Teil: Die Zeit nach Kabelais.


A^ollkommener Esel, und der Name des von ihm verehrten Meisters beweist es selbst, da jedesmal, wenn er ihn an- ruft, das Echo schalkhaft erwidert one (öve). — In Italien war der Pedant am unleidlichsten und so erklärt es sich, dass in zahlreichen italienischen Schriften des 16. Jahrh. sein Bild uns nimmer wieder, und oft in grotesker Ver- zerrung, entgegentritt. Niccolö Franco, der in einer seiner Episteln über die Pedanten ^ hergezogen war, wel- che nichts andres als Repertorien, Vocabularien, Metriken und Anleitungen über den Briefstil zu schreiben wüssten, lässt in dem zweiten seiner Dialoghi piacevoli, wie Pon- tano, einen Pedanten in der Hölle auftreten. Am Ufer des Acheron angelangt bittet er Charon ihn noch nicht sofort mit den andern Seelen vor Pluto's Richterstuhl zu führen. Denn er müsse zuerst eine kleine „Oratio" mem.orieren, um sie vor Pluto zu halten. Nachdem er die Erlaubnis dazu erhalten hat, überlegt er sich zunächst lange hin und her, ob seine Rede im ^fienns demonstrativtim, deliberati- vttni'-^ oder ^Jttdiciale^^ gehalten werden soll. Hat er sich end- lich entschlossen, das ^^genus demonstrativtim'- zu wählen, erinnert er sich daran, dass ,,le parti de V officio de l'oratore'^ fünf sind^ die .^Inventio, dispositio, elocutio, memoria'- und proniinciatio'- . Dann sucht er nach den ^^colores rhetorici'^ und schmiedet endlich seine Rede zusammen mit ^^Exordium, Nar ratio, divisio, conflrmatio'-- und ^coticliisio'-'- . — Aber nicht bloss nach dem Tode, sondern sogar in dem Moment, wo die Gedanken am ehesten sich mit andern Dingen beschäf- tigen mussten, sogar im Sterben, erinnert sich der Pedant stets an Cicero. So gibt uns Ludovico Domenichi das Bild eines Pedanten , der im Moment des Ertrinkens noch ausruft: „O Gott, was hältst Du von unserm Cicero ? Wie sorgt er um seine Freunde!" 2


1 Le pistole vulgari. Risposta della Lucerna ediz. di Venezia 1542 f. 192 V. Die Ausgabe habe ich mir nicht verschaffen können. Ich stütze mich auf Graf: Attraverso 11 Cinquecento. I pedanti p. 175/176.

2 Facezie del Domenichi ediz. di Venezia 1599 p. 319. Auch hier stütze ich mich auf G r a f 1. c. p. 172.


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 431

Der Pedant ist aber nicht bloss in seinem Denken vollstrindig vom Altertume beeinfiusst , sondern auch in seiner Sprache. Wir sehen dies an manchen in der Zeit erschienenen Büchern. Sei es, dass wir die L e t i 1 o g' i a des Bettino Triccio^ aufschlagen, sei es, dass wir die H y p n e r o t o m a c h i a des C o 1 o n n a - durchblättern , der sich seiner geliebten Polia zu Liebe Poliphilo nennt, überall gewahren wir dieselbe geschmacklose Mischung von lateinischen und italienischen Wörtern ^. So gefiel sich denn auch die Satire darin , diese Redeweise recht krass zu beleuchten. Wie in den E p i s t u 1 a e o b s c u- r o r u m v i r o r u m das Mönchslatein , so wurde in den verschiedenen italienischen Komödien des 16. Jahrhunderts, in welchen der Pedant eine Rolle spielte ^, sein mit latei- nischen Wörtern gespicktes Italienisch karikiert. Uns


1 über denselben cf. Ferrari: Camillo Scroffa e la poesia pedan- tesca. Giornale storico della letteratura italiana vol. 19. 1892 p. 324.

2 Die älteste Ausgabe vom Jahre 1467 (Treviso). Zwei andere Aus- gaben aus 1499 und 1545 zitiert G e n t h e 1. c. p. 86.

•^ Sie erregte häufig den Unwillen der Pfleger eines guten Stils. Fer- rari 1. c. p. 330 zitiert die Worte von Giovanni Filoteo Achillino, der in seinen „Annotazioni della Volgar lingua a, c. 42" aus dem Jahre 1536 sagt: „Non giä voglio che troppo affettato si prononci o scriva, come fanno molti, che per mostrar o parer dotti, anzi per farsi adorare, scrivono o prononciano un tanto affettato volgare, come del Poliphilo e detto, o vero come quel gentiluomo quando in villa al suo contadino disse: — Agricola, abbreviamo €Sto sostcntacolo, ch'e nimio prolisso. — Altra fiata quella muliere pexata at- trahe gli oculi mei — II che mi provoca a riso, per l'ostentazione ch'in cosi fatte genti vcggio. „In Frankreich herrschte, wie bekannt, ein ganz ähnlicher Stil. cf. Gacchi de Cluses' Trialogue nouveau aus 1524, in dem sich Sätze finden wie „Cancellant ses candides mains et elevant aux sideres ses yeux saphirins madidcs et irriques de ses deffluentes et lucides larmes". Solche Sätze provozierten die Satire Rabelais' im Limusiner Schüler. Noch später wurde diese pedantische Redeweise verspottet. So erzählt INIontaigne (c. XXIV der Essais') von einem seiner Freunde, welcher einen Pedanten, mit dem er sich unterhielt, verspottete, indem er begann „ä contrefaire un Jargon de galimathias, propos sans suitte, tissu de pieces rapportees, sauf qu'il estoit souvent entrelarde de mots propres ä leurs disciples".

^ Über dieselben cf. 1. c. Ferrari, und Graf: Attraverso il Cinque- cento p. 171 ff.: I Pedanti.


432 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais,

kommt CS grotesk vor, aber nach den uns vorliegenden Pro- ben des damals wirklich gesprochenen Stils (cf. Anm. p.431), dürfen wir, wie p. 145 bei den „Dunkelmilnnerbrielen", in ihnen meistens nur Ansätze zur grotesken Satire erkennen. Besonders lächerlich nimmt sich die gelehrte Sprache des Pedanten aus, wenn er verliebt ist und von seiner Ge- liebten eine überschwängliche Beschreibung zu geben ver- sucht. So hören wir im Pedanten des Francesco Belo, einer Komödie aus dem Jahre 1529, den Prudentio das Lob seiner Livia singen, dieser ,,Mendiila inellijhia e mo- rigerosa Livia, vero speculo di ptilchritiidiite et di exem- plare virtii"^ von welcher er sagt „totiens quotiens ine iimnenioro qtiei membricolri e ßavi capegli, elli ocelli glcmchi, coi super cilii leni biforcati , col petttiscolo niveo, Vera cassula et arcula ove che'l nostro corctilo si latita, et lo hanelito de qiiella boccula roscicula che fiata tin' aura tina flagrantia uno odore inanneo che ttUto nie leti- fica et che io contemplo quella fenestrula, statim divengo im metamorphoseo^' ^.

Höchst wahrscheinlich würde die schöne Livia ihren Geliebten ebenso wenig verstanden haben , wie im M a- r e s c a 1 c o des Pietro Aretino (1533) der Schuljunge den Pedanten, als er in gravitätischem Tone von den ,,copule niatrimonali'^ spricht. Der Junge fragt ihn , da er das Wort ^fopiila^^ nicht versteht: „corne domine? de le scro- fule?^'- Und der Pedant wiederholt: ^Jo dico , coptile^^ . Aber der Junge hat noch nicht begriffen : „Che cosa sono po- ciile?^' ,,Sono congiungimenti conitigi" , erwidert der Pe- dant, der nicht einmal merkt, wie der Junge sich verspricht. Und voller Unschuld fragt ihn der Junge : Mangiasene egli il sabato, domine ? Nun geht aber dem Pedanten die Geduld aus, und zornig erwidert er : „C/?^ sabbato o vener e^ io ragionava con esso del copularsi con la femina, perche la copula carnale e il primo articulo de le divine leggiy

1 Act. II. Scene 5 dei* Comödie El Pedante 1529. 2 ed. in Rom, Va- lerie Dorico et Loygi fratelli Bresciani nel MDXXXVIII. Ich zitiere nach Ferrari 1. c. p. 326, da ich die Schrift selbst nicht einsehen konnte.


Kapitel IV. Die Ausläufer der «grotesken Satirc und des {Grotesken Stils. 433

inio de le humane, e perche la couciipiscenza adiillera, e le hiunane leggi^ e le divinc^ la sna : volli dive la Eccel- lentissima^ Eccellentia de la Ecccllente sua Signoria deslina sta scra a la incarnationc del matrimonio il tiio padrone'^ ^

In den meisten Fällen ist es nicht folgenschwer, ob die thörichten Redensarten des Pedanten verstanden wer- den oder nicht. Viele Gedanken spricht er ja nicht aus. Aber es kann auch manchmal verhängnisvoll für ihn werden, dass er sich in einer sonst von den Men- schen nicht verstandenen Sprache ausdrückt. So kommt ihm kein Mensch zu Hülfe, als er in Giordano Bruno's Komödie ,,i 1 Candelaio"^ plötzlich, wie er um zehn Dukaten bestohlen wird , ausruft : ^,Olä, olä, cqiui, cquä, aghUo, agiiito, tenetelo, tenetelo, al involatore, al stirrep- tore, al fiire, ampntator di marsiipij et incisor di crinnene!^' Niemand versteht, was ein ,, st u^reptor^^ ist, und voller Ver- wunderung fragt man ihn nachher, weshalb er denn nicht das gewöhnliche Wort ^^ladro'-^ gebraucht hätte. Der Pedant lebt nur im Altertum, und so ist seine Antwort ganz selbstverständlich : Latro, e' sassinator di strada, in qua vel ad quam latet. Ftir, qiii fiirtim et snbdole coine costiii mi ha fatto, qiii et subreptor dicitnr ä snhtns rapiendo vel quasi rependo , per che sotto specimine di hnoino da bene nii ha decepto'-'. —

Dieser tolle Gelehrtenjargon sollte aber nicht bloss in Komödien hie und da karikiert werden. Die Satire des- selben hatte, als Giordano Bruno schrieb, schon einer ganz neuen poetischen Gattung das Leben gegeben. Um die thörichte Sprache des Pietro Giunteo Fidentio da Montagnana 3 zu satirisieren, hatte Camillo Scroffa


1 II Marescalco ... — Ich benutze die Ausgabe: Quattro comedie del divino Pietro Aretino . . . novellamente ritornate per mezzo della stampa, a luce, a richiesta de conoscitori del lor valore. MDLXXXVIII p. 7 fi".

2 Act. III p. 54: II Candelaio Bd. I in der Ausgabe „le opere ita- liane di Giordano Bruno ristampate da Paolo de Lagarde, Gottinga 1888".

^ „Pedante vero e reale che grottescamente si pompeggiava nell' adiet- tivo di glottocrisio" cf. Ferrari 1, c. p. 317.

Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 28


434 Dritter Teil: Die Zeit nach Kabelais.

aus Vicenza (geb. c. 1526, gest. 1565) die „Elegie e c a n- tici'^ des ,,pedante appa ssionat o ^ geschrieben, und gab sie unter dem Namen des Pedanten selbst heraus. Die Gedichte gefielen so sehr, dass Scroffa's Zeitgenossen und Nachkommen in Fidentio nicht bloss irgend einen Pedanten erkannten, sondern überhaupt den Typus des- selben. Und die Poesie, welche ihn zum Helden erhoben hatte, nahm den Namen ^^poesia fidenmana^ oder ^pedan- tesca'-^ überhaupt an^. In seinen Gedichten satirisiert Scroffa nicht bloss die pedantische Sprache des Gelehrten, son- dern zugleich auch die den Pedanten damals nachge- schrieene Sittenlosigkeit. Der Schulpedant Fidenzio Glot- tocrisio ist bis über die Ohren in socratischer Liebe zu seinem Schüler Camillo Strozzi entflammt und preist in einer Reihe von überschwänglichen Sonetten und Capituli's, in einem lateinisierten Italienisch die unvergleichlichen Eigen- schaften seines Geliebten. So singt er z. B., um nur eine Probe zu geben ^i

,,Le ttimidule geniile, i nigerrimi Occhj , il viso peralbo et candidissimo, L'exigiia bocca, il naso decentissimo , II niento che ini da dolor i acerriini: II lacteo collo, i crimili, i dexterrimi Menibri, il bei corpo symmetriatissinio Del niio Camillo, il lepor venustissimo, I costiuni modesti et integerrimi,

1 Die ersten Drucke erschienen zwischen 1550 und 1560 unter obi- gem Titel.

2 cf. Ferrari 1. c. p. 317 ff. — Über den Unterschied zwischen die- ser poesia fidenziana und der poesia maccheronica cf. oben p, 121 Anm. 1.

^ Sonett III bei Gent he 1. c. p. 182. — Genthe druckt 28 Sonette und 2 Capituli ab. Was die Liebe des Fidentio zu seinem Schüler be- trifft, so hält sie Ferrari merkwürdigerweise für grösstenteils platonisch: „sembra per metä o in tutto platonico. Ciö non iscema, accresce la sa- tira, perche lo Scroffa sapeva bene che a questo platonismo pochi avrebbero badato o avrebbero inteso nel peggior senso, sapendosi l'uso vero dei pe- danti, al quäle di straforo sembra che accenni pure il Belo e per il quäle il Ruspoli doveva poi maudarli tutti quanti in Sodomia: ci avessero pur badato sarebbe cosi apparso ancora piü buffo" (p. 332).


Kapitel IV. Die Ausläufer der <,'rotesken Satire und des grotesken Stils. 435

D'ora in ora nii Jan st CainüUpJiilo Ch'io iion ho nitro bcn, altre Ictitic Che la soave lor rcmniisceutia, Non fu iicl nostro lepido Poliphilo Di Polia Sita tatita concnpiscetitia, Otiaitta in tue dt st rare alte divitie.

Er liebt ihn so sehr, dass er über diese Leidenschaft seine liebsten Autoren vergisst, „Ovidio, Maron, Flacco et Te- rentio^'. Er ruft die Musen vom Parnass herunter, auf dass sie die Schönheit seines Geliebten preisen. Und er versteigt sich zu den begeistertsten Äusserungen. Ilions Brand hat viel von sich reden lassen, aber der Brand, •den dieser Sohn der Venus in ihm entfacht hat, über- steigt alle Erwartungen. Warum gewährt der grausame Knabe nicht alle seine Bitten? Warum kommt er nicht in die Schule, wo er das Scepter schwingt? Wie die Nacht trotz alles von den Sternen ausgehenden Lichtes ■dunkel ist, weil die Sonne fehlt, so ist auch seine Schule, da Camillo sie nicht besucht, öde und leer. Ach, warum Icommt er nicht? Er vergeht ja zu Asche vor Sehnsucht! Und es ist unbegreiflich, dass er seine Liebe nicht erhört. Er sollte ihm doch dankbar sein, dass er, der gelehrteste Mann des Jahrhunderts, ihn durch seinen Gesang unsterb- lich mache. Als aber alle seine Liebeswerbungen nichts nützen, da läuft dem biedern Schulmeister die Galle über, xmd er verlangt nach der Peitsche:

Darnmi qua quella scittice, irnpitdente,

Jo ti färb veder che cosa importi

Che tti non vogli al preceptor stipporti!'^

(Sonett. XXVL Genthe 1. c. p. 19L)

Und seine Sonettensammlung schliesst mit einer begeister- ten Lobeserhebung jener ,,dolce^ cara, joconda et pre.mosa Jerula" ^ um derentwillen die Schüler fehlerlose Extempo- ralien schreiben.

Noch andere zahlreiche Gedichte in pedanteskischer Sprache erschienen nach denjenigen des Camillo Scroffa.


436 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais,


Da sie uns nicht vorgelegen haben *, müssen wir uns begnügen auf die zwei wichtigsten hier hinzuweisen, auf das Itinerario in lingua pedantesca^ von Gio- vanni Maria Tarsia (aus 1574) und auf die Hippo- creivaga musa invocataria des Antonio M a r i a G a r o f a n i aus 1580. In dem ersten dieser Gedichte spielt ein Junge Costanzo, den der Pedant in einer Fischerhütte gefunden hat, dieselbe Rolle wie Camillo in den Cantici des Fidenzio. Nach vielen lächerlichen Abenteuern ge- langt der Pedant nach Pisa, wo ihm von seinen Schülern allerhand Schabernack gespielt wird. Im andern Gedichte, welches sich als ^xantico ertidito e preceptorio^^ einführt, scheint nach dem, was Graf sagt, der Gelehrtenjargon sehr stark karikiert zu sein. Der Pedant, sagt er, bietet uns ein tolles Mischmasch von mythologischen Namen, von Fabeln und allen möglichen klassischen Reminis- cenzen ^.

Viel lebenskräftiger als die pedanteskische Poesie,, die nur zeitweilig zur Blüte gelangte, blieb ihre Schwester, die maca ronische Dichtkunst. Einer der berühmtesten macaronischen Dichter des ausgehenden 16. Jahrhunderts,. Bartholomaeus BoUa (f 1570) aus Bergamo, welcher die grösste Zeit seines Lebens in Deutschland zubrachte und sich selbst als einen ,,virtmi ad risum riatiun" be- zeichnet^ hat auch einiges Groteske. Die Titel seiner Schriften zeigen schon an, dass ihm die Übertreibungen vertraut waren. Hauptsächlich zeigt folgender Titel seine Begabung für grotesken Stil: „Nova Novoriun Novissinia^ sive poemata stylo niacaronico conscripta, quae facüint


1 Gent he giebt eine grosse Liste derselben, cf, p. 91. Ich will diese Nomenclatur hier nicht wiederholen.

2 Auch Scroffa hatte den Pedanten seine Reise beschreiben lassen im Viaggio a Mantova. — Über die Parodien des Petrarca bei Fidentio cf. Ferrari 1. c. p. 333.

3 Übrigens ist noch recht Vieles unbekannt. Graf sagt: Molta poesia pedantesca giace inedita e sconosciuta nelle biblioteche, e moltissima n'ebbe a produrre il Cinquecento,


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 437

crepare lectores et saltare capras ob nimiiun risuru, res mmiqtiniii antca visa, composita et jam de novo iiutgiia diligentia revisata et angmentata per Bartolomaeuni Bol- Inni Bergamasciiin, Poetarnni Apoll ineni, et nostro saecnlo alternni Coccaiinn. Accesseriint ejiisdern auctoris pocniata Italica, sed ex valle Bcrgamascortun. Stanipatur in Stanipata Stampatortun. 1670. 12" ^. Leider ist uns dieses Werk nicht zu Gesicht gekommen, welches nach dem Titel zu urteilen höchst wahrscheinlich Groteskes enthielt. — Wenn auch das folgende von Delepierre ^ her- ausgegebene Werk zeigt, dass auch in anderen Schritten Bolla sich von seiner Vorliebe für Übertreibungen leiten liess, so enthält es doch eigentlich kaum etwas Groteskes: ^, Thesaurus Proverbiornm Italico-Bergamascorum rarissi- morum et garhatissimornni, nnnqnani antea stantpatornni, in gratiani MelancJioliain ftigientitmi, Italicae linguae amantiiini, ad aperiendiim ocnlos editoriini. A Bartolomaeo Bolla Bergamasco viro incoinparabili et alegriani per inare et terram sectante, Accessernnt doctunenta aliquot nioralissima, et oninis generis personis tttilissima^ ^. Er widmet diese Schrift dem Landgrafen Moritz von Hessen, den er einen Fürsten ohne Gleichen nennt, einen Fürsten, in dessen Brust die tiefste Gelehrsamkeit, die wahre mili- tärische Kunst und Courtoisie, ,,et hiunanitas incredibilis habitant et simm nidnm fecertmt oinnes virtiites" . Wenn €S drei solcher Fürsten in Europa gäbe, so könnte man getrost den Grosstürken über die Achsel ansehen. Die Satire ist in dieser Schrift direct und wendet sich gegen die Philosophen und Künstler, welche, statt das Leben zu ^-eniessen, den allerhöchsten Himmel erklettern und die


1 Eine ältere Ausgabe aus dem Jahre 1604, 8^, erwähnt B u r i Bib. Inst. B. LI p. 456, wo die Worte nur bis „ob nimium risum'" geho^i. cf. G e n t h e 1. c. p. 142.

2 Delepierre: Macaroneana andra ov verum nouveaux melanges de litterature macaronique, Londres 1862, p. 52.

«^ Die erste Ausgrabe erschien 1605 in Frankfurt.


438 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

geheimnisvollsten der geheimsten Geheimnisse erforschen i. Am hellsten tritt aber Bolla's Talent zum Grotesken in seinem Lob des Käse ,,de Casei stupendis laudibus^ hervor. Die dem Käse hier angedichteten Vorzüge über- springen kühn alle Grenzen der Möglichkeit. Die Philo- sophie des Aristoteles, sagt Bolla gleich am Anfang, ist unvollkommen, da sie nichts vom Käse sagt. Der Käse ist im menschlichen Leben von ganz unglaublicher Wichtig- keit. Er verscheucht die Melancholie und verhindert alle Krankheiten; er erhöht die Weisheit der Menschen; Plato und Aristoteles wären, v^ie bekannt, ganz stumpfsinnige Kerle gewesen, wenn der Käse ihren Verstand nicht ge- schärft hätte. Der Käse macht den Menschen tapfer, ja unbesiegbar. Hector wäre nie getötet worden, ,,si Casetim in scarsella liabiiisset" — und eine Menge anderer Bei- spiele erhärten diese Thatsache. Auch hängt das Glück in der Liebe vom Genuss des Käse ab. Paris erhielt die Helena, weil er so grossen Geschmack an limburger Käse fand. — Der Käse ist die Ursache der Grösse Roms, denn als Romulus die Bevölkerung Roms vermehren wollte, that er es, indem er die Jungfrauen der Nachbarschaft zu Parmesaner Käse einlud. Darauf verliebten sie sich in. die römischen Jünglinge und konnten nicht mehr von ihnen getrennt werden. — Ja, der Käse thut das Unglaublichste,, er hindert die Leute am Sterben. Hätte Kassandra Käse gegessen, so wäre sie nie getötet worden, deshalb müsse man einen bekannten Virgilischen Vers so ändern: Sola mihi tales Ca se o s (statt Casus) Cassandra canebat, u. s. w. 3.


1 montare super coelos coelorum et investigare secretissima secretis* simorum.

2 Admirabiles conclusiones de Casei stupendis laudibus quas lieroice defendebit Bartholomaeus Bolla, dictus il Bergamasco, praeside Baccho, in- geniorum illuminatore et allegriarum inventore, Caseique devotissimo Servi- tore. Disputatio tenebitur in Academia Caseamantium. Cujus Insigne est Vacca, quae est mater lactis et avia casei sive formagi Hollandi. Anno MDCLXVIII, abgedruckt in Theologische Sammelbände 21, Nr. 46.

2 Noch ein anderes Loblied von Bolla erwähnt Genthe p. 285. Der


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 439

Ausser Bolla scheint auch Cesare Orsini Verkehr mit den macaronischen Musen gepflogen zu haben. Nach den Titeln seiner Schriften zu urteilen — ich kenne sie nur aus Genthe 1. c. p. 145 (f. — handelt es sich auch hier um tolle Lobeserhebungen. In des ^^Magistri Stoppmi^ — das ist der ihm von den macaronischen Musen verlie- hene Name — ^^Poetae Pon^anensis Capriccia Maccironica'-^ aus dem Jahre 1638 finden wir acht grössere Gedichte, welche die Titel tragen : „1) de inalitiis Putanariim, 2) Lan- des de arte rohhandi, 3) de laudihus ignorantiae, 4) de latidibus Passiae, 5) de latidibics Bosiae, 6) de laii- dihiis anibüionis, 7) Gatt am Bosam a inilite interfectani deplorat, 8) Lainentatio de Podagra et Chiragra}'- Alsdann folgen p. 145 ^^Contentio triiirn poetarmn, Ni.^mus, Berthol- dins et Drias, Epigramrnata^^ und ^^Liber Elegiarttin^^ . In einer andern Ausgabe folgen, wie Flögel sagt i, in einem Anhang mehrere Gedichte, von denen er zur Probe eines zitiert, in welchem Orsini sich über die Dichter lustig macht. Er schildert sie als vom heiligen Feuer der Be- geisterung bis zum Verrücktwerden entflammte Leute, die nichts Anderes thun als seufzen und Ströme von Thränen vergiessen, die nicht essen und nicht schlafen, sondern wie Salamander im Feuer wohnen und wie Ka- mäleons von reiner Luft leben.

Zu Bolla und Orsini gesellt sich als dritter im Bunde dieser späteren italienischen Macaroniker der Sicilianer Zanclaio, der in einem mit unflätigen Derbheiten ver- brämten Gedichte über die Laster und Fehler der mensch- lichen Gesellschaft herfällt und ihr Ratschläge zur bes-


Titel ist bezeichnend: „Colbii Neuschlossiani 1 a u d e s. In quibus Colbii seu Mazzae circumstantiae omnes r.ccuratissime describentur et lectores ad cachinnationes sforzantur et coguntur". Die Verse, die er zitiert, enthalten aber nichts Groteskes, sondern erzählen die lächerliche Sitte, mit wel- cher man diejenigen zu vexieren pflegte, die zum ersten Mal nach Neuschloss kamen. Ob das Gedicht in der obenerwähnten Sammlung „Nova novorum novissima" enthalten war, lässt sich nach Flögel p. 180 nicht deutlich er- sehen. Genthe zitiert nach Flögel.

1 Flögel: Geschichte des Burlesken, 1794, p. 133.


440 Dritter Teil : Die Zeit nach Rabelais.

seren Lebcnstührung erteilt. Der Titel des von Delepierre herausgegebenen Gedichtes ^ lautet: ,,Cittadinus, Mac- caronice metrificatus ov verum de piacevoli conver- santis costumantia sermones breviuscoli trentaquinque Auetore Parthenio Z a n c 1 a i o Siciliano. Opus bellum ad mores optimos imparandos benevolentiam accopezzandam, amicitiam accrescendam, malinconiam disterrandam etc. etc. Cum Tabulis et Abbaco — Messanae, ex typ. Jacobi Mathaei Superiorum permissu 1647. Es beginnt mit einer recht derben ,,Purgatio Miisae a Parnnssicolis injiiriatae'^. Unter den Ratschlägen, die der Dichter über die Art sich im Winter zu kleiden giebt, findet sich die Aufzählung sechs und dreissig verschiedener Kleidungsstücke^ welche neun Verse in Anspruch nimmt.

Viel kräftiger als in diesen spätmacaronischen Wer- ken, die im Grunde genommen nur sehr spärliche An- sätze zum Grotesken enthalten, ist die groteske Satire noch in einigen italienischen Schriften aufgeblüht. Auch hier nimmt die Satire ihren Ausgangspunkt vom Alter- tum her. In dem Gedichte des Pisaners Girolamo A m e 1 u n g h i , genannt ,,// gobho da Pisa^' ^ behandelt sie die Revanche der Giganten für die ihnen von den Göttern des Olymp beigebrachte Niederlage. Die Be- schreibung der Waffen der Riesen steht im Vordergrunde. Sie enthält ganz abenteuerliche Übertreibungen. Wenn von einigen Riesen gesagt wird, dass sie einen Schiffs- anker oder einen Wallfischknochen oder die Todessichel als Waffen trugen^ so ist das nur ein recht bescheidener Anfang. Da muss man erst den Osiris sehen, der auf dem Rücken den gefrorenen Nil und die gefrorene Etsch trägt, um gegebenen Falls das Feuer zu löschen. Da muss man sich den Cronagraffe ansehen, der sich aus


1 Delepierre: Macaroneana andra. p. 155 ff.

2 Er legte sich selber den Namen Forabosco bei. Übrigens ist sein Gedicht nur die spätere Redaction eines schon 1547 herausgegebenen Ge- dichtes „la Gigantea von Benedetto Arrighi. cf. darüber Ginguene: Hi- stoire litteraire d'Italie, Bd. 5, p. 558 ff.


Kapitel IV. Die Ausläufer der <^'rotosken Satire und des jijrotesken Stils. 441

ausgehöhlten Porphyrsäulen Armschienen verfertigt, als Stiefel die Säulen des Hercules angezogen und als Helm sich den ausgeleerten Etna aufgesetzt hat. Da muss man vor dem gewaltigen Geraster staunen, der aus der grossen ausgehöhlten Pyramide sich ein Pustrohr gemacht hat, vermittelst dessen er Berge — er trägt deren stets eine ganze Menge in seiner Jagdtasche — statt Kugeln an den Himmel wirft. Da muss man den Galigaster bewundern, welcher den Thurm des Nimrod, den er mit einer Unmasse A^on Felsen angefüllt hat, einem Elephanten auf den Rücken stellt; oder gar den Lästrygon, der em grosses Loch in einen Magnetberg gebohrt, selbst hineingeschlüpft und sich die Kuppel des florentiner Doms auf den Kopf gesetzt hat. Der tollste Riese ist aber Crisperion. Während er im Ardennerwalde sechzig Jahre im tiefsten Schlummer ver- sunken liegen bleibt, ist auf seinem Kopf allmählich ein Wald entstanden, in welchem man Rehe, Hirsche, Eber, Bären und Löwen herumlaufen sieht. Der Riese erwacht erst, als er einen König hört, der mit seinen Rittern in dem Walde jagt. Da erhebt er sich ganz betäubt; der Wald fällt auf den Boden, und Alles, was darin ist, geht zu Grunde. Als Waffen gebraucht er nichts Anderes als seine Nägel. Sie sind aber so stark, dass er damit den Ossa und Pelion entwurzeln kann.

Wie die Gigantea ins Grosse, so übertreibt die N a- n e a ins Kleine. Die Zwerge, Pygmäus an der Spitze, sind von Jupiter dazu ausersehen, ihm gegen die Gigan- ten zu helfen. Allerdings ein seltsamer Gedanke, wenn man sich die Waffen dieser Kobolde ansieht. Die Rüstung des Anführers besteht aus mit Wachs angeklebten Schup- pen, sein Helm ist eine Erbsenhülse. Sein Schild eine dünne Schale und seine Lanze ein Schilfrohr. — Ganz derselben Art sind die Waffen der Krieger. Der eine trägt als Dolch einen Wespenstachel, der andere als Rü- stung eine Froschhaut, ein dritter als Schild ausgeleerte Kranicheneier. Nichtsdestoweniger siegen diese Zwerge im Verein mit den Göttern über die Riesen.


442 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

In einem dritten, im Jahre 1012 mit diesen zwei zusammen herausgef:^ebenen Gediehte ,,1 a G u e r r a d e i mos tri soll Las ca (1503 — 1583) eine bizarre Beschrei- bung der Ungeheuer gegeben haben, welche gegen Zwerge und Götter ins Feld ziehen i. Aber Ginguene, dem ich die Notiz über die früheren verdanke, geht hier nicht des Näheren auf die Beschreibung ein 2. — Wie der Stil dieser Schriften beschaffen war, kann ich nicht sagen, da sie mir nicht zu Gesichte kamen. Einige Eigentümlichkeiten des grotesken Stils, wenn auch keine groteske Satire finden wir hie und da in der Z u c c a des Florentiners Doni (f 1574)^. In diesem merkwürdigen Mischmasch von allerhand Sentenzen, Sprüchwörtern, Bons Mots, Anec- doten, Fabeln, Schwänken und Allegorien finden wir von Zeit zu Zeit die im grotesken Stil so häufigen Aufzählun- gen. So w^enn er vom Inhalt seiner Zucca folgenden Ab- riss giebt: ,,Tavola per Sommaria, scritta dal Doni ovvero Registro della Bticca, colma di chiacliiere, frappe, cliimere, gofferie, argtUie, filastrocole, castelli in aria, saviesse fredde, caldi aggiramenti et lambiccamenti di cervello^ Fanfalncole , sentenze decke et hiigie alluminate, Girelle,, ghiribism, pappolate, farfalloni, capricci^ frascherie, grillig Anfanamenti, viluppi, Novelle sciocche; Cicalerie tediose^ Parabole, scommesse,proverbi attraversati, baie, tresche, Jiti- mori, fiioti stomacchosi, farnetichi, passerotti^ et altre Gi-


1 Sie ist 1548 erschienen. Der Autor nennt sich selber Aminta, doch dürfte dies ein Pseudonym sein. Dass darunter Lasca zu verstehen sei, glaubt Ginguene nicht, cf. p. 565.

2 Er erzählt nur, wie der Dichter den Kampf, der nunmehr folgen soll, ankündigt, und deutet an, dass die Ungeheuer Sieger bleiben und die Götter zwingen in der Gestalt von Tieren auf der Erde herumzuirren. Es- wird dann nachher ausgeführt, wie die Ungeheuer die Regierung an sich rissen und erklärt, weshalb seit dieser Zeit so viele Sturmwinde, Über- schwemmungen und Hungersnöte auf der Welt herrschen. — Über die Frage, ob das Gedicht wirklich von Lasca ist und über die Veranlassung des Ge- dichtes cf. Ginguene V p. 565.

3 La Zucca del Doni fiorentino, divisa in cinque libri di gran valore, sotto titolo di poca consideratione. In Venetia MDCVII,


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 445

randolc et ston'c dclla prescnte Ici^gcnäa per noji dir libro, poche dette a lempo c nssai fiior di proposito." An an- derer Stelle (p. 84) werden uns bei der Beschreibung eines grossen Festes alle am Zug teilnehmenden Damen, 50 an der Zahl, namentlich aufgeführt, und zwar nicht bloss mit ihrem eigenen Namen, sondern auch mit demjenigen ihres Mannes. Wortspielereien finden wir p. 268. Den Spuren des Doni ^ folgt, wie er selber gesteht, S p e 1 1 a (geb. zu Pavia 1559) in seinem satirischen Buch ,,La Sag- gia e Dilette de! (?) Pazzia" ^. Mir lag nur die deutsche Übersetzung vor. Der Titel derselben ist flu- den gro- tesken Stil charakteristisch: ,,Sapicns stiiltitia. Die kluge Narrheit. Ein Brunn dess Wollnstes. Ein Mutter der Frewden. Ein Herrscherin aller guten Hunioren. Von An- tonio Maria Spelta, Poeta Regio, Historico et Oratore. Hiebevor snm ojfterrnaln, cum censiira, verbessert aufge- legt. Zu einer Defension und Beschirnihd aller Freiiod und Mutigen Persohnen und su einer i^iderfechtung der zuviel Klug und Hirnsinnigen Köpffen. Ein Moral- und Lehrbüchlin handelt von suvieler Sorgfältigkeit und die- net SU einem underricht allen und jede Standes Leuthen. Ist anjetso nun ausser der ital. Sprach, Lehm und Lustes wegen, bestes Vermögens, in die Teutsche versetzt durch Georg Friedr. Messer Schmidt. Strassburg bei Joh. Carolo 1615 J' Ebenso charakteristisch ist der Titel des zweiten Teiles: „Die Lustige Narrheit. Ein Auffenthalt der Stüts- köpffigen und Fantastisierenden : ein Trost der Hasir- und


1 Unter seinen Lehrmeistern nennt er auch den Tomniaso Garzoni. Er ist 1549 in der Romagna geboren. Sein Buch „L'Hospitale dei Pazzi in- ciirabili" ist nicht grotesk. Es ist vielmehr eine symbolische Satire, wie die deutschen Narrenbiicher. Einige groteske Züge dürften dagegen in dem schmählichen Werke des Giov. Fr. Lazzarelli zu finden sein (f 1694), der in seiner „Cicceide leggitima 1692" seinen Collegen Anighini auf die scheusslichste Weise lästert, indem er ihn als eine nur aus Schamgliedern bestehende Person schildert, von der Minute der Empfängnis bis in den Kahn des Charon mit Schimpfereien verfolgt, nur um ihm zu beweisen, dass er ein „Coglione" sei.

2 So der Titel nach Fl ö gel: Gesch. d. Korn. Litt. 1785 II p. 216


444 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Schisccninsircudcn: ein Linier der Fdutcisteri. Von Ant. Mar. Spelt a Poeta Peg; histo; und Oratore hiebevorn in den Trink gegeben. Zu Nutz der Lappen, und zu Behiilffe der Gecken. Mit angehengter Wut- und Tollsinniger Narr- heit der Larvirten Butten; und Narrheit der Uneinsammen, und Unfreundlichen Brüdern. Auss dem Italienischen Teilt seh gemacht, durch G. F. M. A/'

Eine groteske Satire ist das Buch nicht zu nennen. Im ersten Teile ergeht sich der Verfasser über den Ur- sprung und Fortgang der Narrheit, über ihren Nutzen in der Jugend, in der Freundschaft, im Ehestand, im Krieg, im Staat u. s. w. ; im zweiten Teile zieht er dann ge- gen die Narrheit der einzelnen Stände zu Felde , aber nicht indem er sie übertreibt, sondern indem er sie uns so, wie sie nach seinem Dafürhalten in der Wirklichkeit besteht , vorführt. Dagegen finden wir im Stile von Zeit zu Zeit Aufzählungen, die an diejenigen der gro- tesken Satiren erinnern. So heisst es z. B. in dem sehr lebhaft geschriebenen 3^^" Kapitel des 2. Teiles (p. 20) von den Schülern : Sie scheinen sich nicht ein bitslin mit den Füssen überlaut mi rauschen, bu tosen und mi schivätsen. Ja , ivann schon Meister Schulhaass auff dem Stul sitzt und ablisst, schewen sich nicht dem Coricaeo eins an ein Ohr zu geben. N asten, fressen, stossen Küchlin in die Bücher, den Kopff under den Tisch ; achtens nicht mit dem Virgilio und Cicerone, dass eins ttnd siüey zu spielen: mit Nüssen zu gaukeln; Schiff lein und Vögelein, auss dem Papier zu machen, Fliegen zu haschen, dieselben in die scharnitzel zu schliessen, zu btimmeln, Grillen zu fan- den, dieselben in der Schul singen zu machen ; Pfeiffhol- der und Schröter mit sich in die Schule zu bringen^ den Mucken die Flüttichen abzureisen find dann hernach auff Wächsin Papierlein zu kleiben. Schewen sich nicht mit surren .und schnüren umbzugehen: mit schnüren allwegen, was mit sich in dem Garnier in die Schul zu tragen, damit Mann zeit vertreibe ; ist jhr gebrauch mit den Lippen auff dem Blätlin zu pfeiffen. Holder und Schleebüchsen mit


Kapitel IV. Die Ausläufer der f^rotesken Satire und des grotesken Stils. 445

Butragcn, dar durch mit RubciiscJiiiit.^liji zu scJiicsseii, Kii- chern diircli die Feder -Rohr und Federst engel ztc blasen^ Eichhör iilciit mit sich mi ket scheu, RaucJitiifeleiu, Kertztin, und Rarkettin breuuendt ztc macheu tiud abzulasse^i : Mit dem Virgilio, quadripartitam Ptotouiei zu spielen^ auffdass mau jJiu nicht lehruen dörffe; das Meister Hämmcriiu zu agirn , den Neuudeustein zu mehen , under dem Hiitlin dass Kochens zu machen ; Biernenhäfeu oder auch Ocpjfel- häfen zu machen, einander die Bücher zu Verstössen, Crcut.z aiijf den Tisch oder die Bänck zu schnitzeln, Löcher durch die Tische zu bohren^ den commilitonen Kirsenstiele, Blitzen und Pßaumenstein entgegenzuwerffen ; offt hinauss ad lo- cum SU heischen, ein wenig sich er tust im und iiieder keh- rend dass Hembd herauss.zuhenken uiui Socij garsten Insiegel zu weisen ; Feygenblätter an.zuhencken , Kletten anzusetzen , Bech au ff den Stul .zu streichen , damit der Präceptor behencken bleibe, anstatt der Lectionen den Roll- lüagen, die Gärtner Zunfft, ScJiimpff' und Ernste ScJiäffe- reien, die Gedichte von der Melusinen^ Item von den alten Rittern und dergleichen Gaukelwerken zu lesen, einander Geschichte und Märlein zu erzählen, beruffen einander nach Vollender Schule aiff die Spielplätze und thun viel tau send andere Fantaseyen und NarreyenJ'

Diese deutsche Uebersetzung führt uns wiederum in das Land zurück, das in Fischart einen so glänzenden Ver- treter des grotesken Stils gefunden hatte. Deutschland Hess sich von Italien in einer besonderen Gattung beeinflussen, welche im Anschluss an die kurz vorher erwähnten ita- lienischen Macaroniker besser hier behandelt werden mag.

Die maca ronische Dichtung hatte am Anfang des 16. Jahrhunderts noch keine Vertreter in Deutschland ^


^ über die macaronische Poesie in Deutschland cf. namentlich Oscar Schade im Weimarischen Jahrbuch v. Hoffmann v. Fallersleben und Schade II p. 407—464, IV p. 355—382 — einige Notizen bei Goedeke. Ge- dichte, in welchen alle AVörter mit denselben Buchstaben anfangen, wie z. B. Petri Porcii poetae praestantissimi Pugna Porcorum Poema Macaroni- cum cujus carminis singula verba incipiunt per litteram P. Antwerpen 1530,


44ß Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Nur hie und da kamen bei diesem oder jenem macaroni- sche Scherze vor. Im Narrenschiff' meint Brant 52, 34, in der Ehe heisse es oft ,,criininor te, kratznor a te!' , Murner schreibt im Ketzerkalender den wunderschönen Vers: ^Gal- gihfis in J2aiiii;is Kreioruin itagere beinis^'-. In den Katzi- pori kam der bekannte Vers vor ,Jaiii jacet in dreck is, qiii modo Gcillns eratJ^ Das älteste grössere Stück, das wir kennen, ist ein kurzer Pasquill aus der zweiten Hälfte der vierziger Jahre des 16. Jahrhunderts „Pasqnillns auf den protestierenden Krieg seit 1546'^ , der nichts grotesk- satirisches enthält. Einige Jahre später finden wir maca- ronische Brocken in einigen Fastnachtspielen und Schwän- ken von Hans Sachs aus den Jahren 1552, 1554, 1556. Fischart kannte bei seiner fabelhaften Belesenheit sehr wohl den Folengo — eine Stelle im ersten Kapitel der •Geschichtsklitterung bezeugt es — und hat selber einige Nuttelverse (Nudelverse) — so übersetzt er zutreffend die miacaronischen Verse — in seinem Gargantua gedichtet. So finden wir einen Pentameter in der Trunkenlitanei, einige entsetzliche Verse im 24. Gap. und mehrere macaronische


haben, trotzdem sie sich als macaronische bezeichnen, nichts Macaronisches an sich. G e n t h e bemerkt es p. 159 schon, und druckt dieses Gedicht ebenso wie die im 16. Jhdt. wieder abgedruckte ecloga de calvis von Hug- bald von St. Amand, wo alle AVörter mit c anfangen, nur der Seltenheit halber ab. Solche Spielereien sind im 16; Jhdt. unter den Humanisten häufig. So haben wir von Nicolaus Mamesanus ein Schriftchen über die Jagd, wo jedes Wort mit e beginnt; und eine andere Schrift, wo die AVörter mit p anfangen. Ebenso von H, Härder (f 1683) eine Schrift, wo die "Wörter mit c (canum cum caltis certamen) und eine andere, wo die "Wörter mit p an- fangen (Papa Pareius 1690) u. s. w. Dazu gehören Gedichte von Christianus Pierius (mit M, P, C), das Certamen Catholicum cum calvinistis von Mar- tinus Hanconius Frinus (f 1607) u. s. w. — Wenn aber alle diese Gedichte auch nicht macaronisch sind, so ist in ihrer übertriebenen Spielerei mit Buchstaben doch ein an das Groteske erinnernder Zug nicht zu verkennen. Die Allitteration wird bis zur schwindelndsten Höhe getrieben. Ausser -diesem speziellen Zug finden sich freilich die sonstigen Eigentümlichkeiten des Grotesken nicht. Die Gedichte haben auch nichts Satirisches. Es sind blosse Spielereien. — Höchstens finden sich im Gedichte über die Kahlen .auch inhaltliche Übertreibungen.


Kapitel IV. Die Ausläufer der /grotesken Satire und des grotesken Stils. 447

Stellen in der Rede des Janotus de Bragmardo. Das sind aber nur vereinzelte Scherze , noch keine wirkliche Gat- tung. Das erste wirklich macaronische deutsche Ge- dicht ist erst im Jahre 1593 gedruckt worden. Es ist die Floia, cor tum versicale de Flois, swarti- bus illis dericulis, quae Minschos lere omnes, Mannos, Weibras, Jungfras etc. behüpperc et spitzibus suis snafflis sneckere et bitere solent, Auetore Griphaldo Knickknackio €x Flolandia (mehrfach ed. ; das erste Mal 1593). ^ — Wie Genthe p. 166 sagt, ist der darin herrschende deutsche Dialect das in der Umgegend von Hamburg gesprochene Holsteinische. Ueber den Inhalt des Gedichtes , welches nach Art der macaronischen Gedichte Virgilische Verse parodiert, (es beginnt mit dem Vers : Angla ßoosque canmn) verweise ich auf Genthe p. 166 ff. Satirisch ist es nicht. Es laufen aber manche groteske Übertreibun- gen unter. So erklärt der Dichter v. 71 ff., dass weder auf der Erde noch in der Luft ein Tier lebe, welches so hochgesinnt und kühn sei, als der winzige Floh, denn er fürchte weder Kaiser noch Könige noch Patriarchen noch Kardinäle, und zwinge selbst den Papst, wenn er ihn beisse, das Crucifix aus den Händen zu werfen. Die Form ist das bunteste, haarsträubendste Gemisch von lateinischen und niederdeutschen Wörtern mit lateinischen Endungen. Die souveräne Willkür , mit welcher die Sprache in den macaronischen Gedichten gehandhabt wird, tritt hier viel toller auf als in den italienisch macaronischen Gedichten. An der dort häufigen Wortfülle fehlt es dagegen. Grosse Aufzählungen finden sich nicht. ^ Wir finden höchstens


1 Gedruckt bei Genthe 1. c. p. 333. Das Gedicht ist auch ins Hoch- deutsche übertragen worden, 1869 unter dem Titel: Flochia seu Gedichtum versicale de Flochis Schwarzis illis Thiericulis qui omnes fere IMenschos, Weibras, Jungfras, Kindros etc. behupfere, spitzibus suis Schnabilibus ste- chere et beissere solent. Auetore Greisholdo Knickknockio Flachlando (ed. Sabellicus, Halle 1879, 82; auch Schade 1. c. II p. 437 ff.).

2 Grössere Fülle und Vorliebe für Alliteration scheint ein anderes^ mir freilich nur dem Titel nach bekanntes Gedicht zu haben: „Cortum Car- men de Rohtrockis atque Blaurockis hie in Brunswicensium finibus liggen-


448 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

solche wie : ,,Hic kvcßuut , slccktiut , biliinl , kitihint'^ oder p. 3:54:

,ße ivaltrü unsere^ rtickit, Jatikitqtie, kijitqtie, hisequitiir ßoosqtic, folit in corpore verum Gripere ctini tcntat, bhitiini sibi gripit in Jiiitiun." Auch Wortspiele und onomatopoetische Ausdrücke fehlen i. Reich ist dagegen an solchen ein viel später (1657) entstan- denes^ aus dem Kreise lustiger, zechender Brüder hervor- gegangenes Gedicht, welches den Titel trägt ,,Delineatio summorum capitum Lustitudinis studenticae in non- nullis Academiis usitatae'* ^ ^^(j eine Beschreibung des wüsten Sauflebens an deutschen Universitäten bietet. Von Satire ist in demselben keine Spur zu finden ; der Ver- fasser scheint sich vielmehr auf der feuchtfröhlichen Kneipe, auf welcher unheimlich viel getrunken, gesungen, gebrüllt, auf Bänken und Stühlen herumgetanzt, mitunter auch poussirt und geküsst wird , recht wohl zu befinden. Er stimmt mit in die Lieder ein, welche gesungen werden: ,,Er sets das Gläslein an sein Mund! Run dari nella Run dari da dari da, run dari da dari da. Sein Sachen all hat er auch recht aus dari rund dari nella, Rund dari da dari da, rund dari da dari da! Isla propinavi Munser tibi proxime du must Atque bescheiden thun. Rund dari da dari da ii. s. w.'^

p. 326. Er jubelt, wenn die Musiker zu spielen anfangen und wie- derholt fortwährend den Vers :

^jTant tari tant tari tant, tant tari taut tari tant!^^

p. 325, 328, 329 oder wenn der Tanz beginnen soll, jauchzt er :

„ü/a falala falala, Speltnanni spellite dantBurn Ha falala falala, ha falala falala!^'-


tibus qui omnes fere minsclios wandrentes beplundrunt, berohfunt, besteh- lunt, atque suis scharpis swertis steckunt atque schlagunt. Auetore Hennino Schelemio Breuwwenburgensi 1600.

1 Die einzige Stelle „et knickknack spelunt" ist nicht von Belang.

2 ed. Genthe 1. c. p. 323 ff.


Kapitel TV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des «grotesken Stils. 449

oder auch mit Variationen: ^^FaUlufalilalilafiilila lila lila!^'

p. 327. In solchen onomatopoetischen Ausrufen liegt der Haupt- witz des Gedichtes. Nirgends ist diese Spezialität des macaronisch - grotesken Stils so ausgebeutet worden wie hier. Der wüste Lärm einer schon im letzten Stadium der Fidulität taumelnden Exkneipe hallt in den Versen wieder :

^^Hirr Hirr hirr, Bniheis, Bruhcis hirr hirr hasa Brtiheis, Hirr hasa, hirr hasa Jiirr, hirr hasa hirr hasa hirr! Bim Biin kirr, kirr, kirr, Bniheis, Bruheis hasa hriihcis, Bin, rti, Wii, Irii^ srtt. Bin, rti, Wu, Im, srtir^ p. 329. Nachher, auf der Strasse, geht der Skandal erst recht los. Die Fenster werden eingeworfen :

,^Hey klink klank, klink klank, pattilo ne parcite vitro. Hey klink klank, klink klank, hcy klini klank klini klank

p. 331. Noch andere macaronisch - deutsche Gedichte sind Er- zeugnisse studentischer Laune. Sie gehören ins Ende des 17. Jhdts. Zuerst das Certamen Studiosorum cum vigilibus nocturnis, aus dem Jahre 1689 ^ In derben, jeder Regel spottenden, selbst macaronisch unrichtigen Versen beschreibt das Gedicht eine Schlägerei zwischen Studenten und Nachtw^ächtern, welche zum grössten Jubel des Bruders Studio mit der Niederlage der Vertreter der Ordnung endigt. Die Onomatopöen des vorigen Gedichtes finden sich hier nicht wieder. Und doch bot sich dem Verfasser Gelegenheit, solche anzubringen, als er die Stu- denten den Nachtwächter andonnern lässt : ,,Trnt:z tibi! Tritt. 2 aliis ! Jn hni ! Trnt:2 ornnihns istis !^' Aber er fährt ruhig weiter fort :

j^Ac iterando niagis 'Ju hni!' clamoribns altis Cuncta movent Degornmqne citant Stridore vicinos. Auch Aufzählungen fehlen, denn als solche können Verse wie :


1 ed. Schade 1. c. II p. 444. Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 29


450 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

,,Hcii, Fctrc, bei'ss, kratz, stich, sttipf, qiioniodocmnqtic zu-

kommcsV nicht gelten. Das einzige Merkmal des grotesken Stils ist die souveräne Willkür , mit welcher mit der Sprache umgesprungen wird. — Das andere studentische macaroni- sche Gedicht findet sich in einer komischen Dissertation, die den langatmigen grotesken Titel führt: „Curiöse In- augural-Disputation von dem Recht, Privilegiis und Praerogativen der atheniensischen Professoren - Purschen wider die Bürger-Pursche und Communitäter, w^elche unter dem Praesidio des durch und durch gelahrten, und er- schrecklich gestudirten Herrn Horribilii Prustii Renomisti, Professoren-Pursorum p. t. Vicarii etc. etc. pro gradu Pro- fessoren-Purschico, Privilegiisque in hac Dignitate rite ca- pessendis in CoUegio subterraneo i. e. Studentenkeller, horis anteet pomeridianis zur öffentlichen Ventilation dar- gestellet Coecius Tappius Schlingschlangschlorum. Athen, gedruckt sub Prelo auff Kosten der Professoren-Pursche. In Diebus Canicularibus 5. Bogen in 4 i.

Der Anfang dieser Dissertation hat nichts Groteskes. Die Vorzüge der Professoren - Purschen vor den übrigen Studenten werden noch nicht grotesk beleuchtet; es wird nur auseinandergesetzt, welche Vorteile diese im Hause des Professors wohnenden und an seinem Tische speisen- den Studenten gemessen. Grotesk ist dagegen die Co- roUaria oder Zugabe, 17 Thesen, die zur näheren Erör- terung aufgestellt werden und in denen untersucht wer- den soll, ob die Gründer der Universitäten oder ,,der hei- lige Papst, als aller Universitäten und Studenten Gross- vater den Unterschied der Professoren-Pursche und Com- munitäter" etc., wirklich beabsichtigt habe , ob der Floh eines Professoren - Purschen höher springe als der eines gewöhnlichen Studenten, ob ein junges Mädchen, das in der Dunkelheit von einem Studenten geliebkost werde, merken könne, ob es ein Professoren-Pursche oder ein


1 über diese Schrift cf. O. Schade 1. c. p. 447 ff.


Kapitel IV. Die Ausläufer der ^'rotesken Satire und des fjrotesken Stils. 451

gewöhnlicher Pursche gewesen sei, endlich ob die ,,Pro- fessoren-Piirschlichkeit und Pennal-Piitserei einander nä- her veri£andt als Geschwister Hnrkinder'-' u. s. w. Nach einem 21 Strophen langen Lied ,, eines partheiischen Poeten Nagelnencs Trainnlied über dem Atheniensischcn Profes- sor enp7ir sehen" folgt endlich das macaronische Gedicht unter dem Titel ,, Triumphierendes Prosit, so den Herren Professoren - Purschen als sie ihr Recht in einer solennen Disputation erhalten zurufet Bacchus, CoUegii sub- terranei Director et p. t. Decanus.'^ Sie mögen es sich nun gut ergehen lassen , viele lustige Lieder anstimmen und bis in die tiefe Nacht hinein beim Schmause saufen; Bier, lange Pfeifen und Taback werden ihnen niemals fehlen. Sollten sie Geld brauchen^

,,Ne modo sorgatis, nam scitis vivere Credit Optinms hie semper vestrum Cnrator et Hiilfay So mögen sie denn ein sorgenloses, lustiges Leben führen: „Trinkit e cum gan.sis et ne quid bleibat in Humpis In Naglnm Danmi postremam giessite gnttam .^" Nach dem Essen macht Skandal auf der Strasse , hauet auf die Steine, dass die Funken sprühen,

^Rnfite juch jnch hei! cum Degis IzritBite fi3 fas, Donec frühmorgens tandem post Betta gehatis ! Sic ergo vobis commendo Lnsticitatem .'" Warum in diesen Gedichten die macaronische Sprache ge- braucht wird, erfahren wir nicht. Dagegen sagt uns der Verfasser der zwei in den ersten Jahren des 18. Jahrhun- derts verfassten Rhapsodien ad brautsuppam 1, warum


1 Sie sind von O. Schade herausgegeben worden. Die erste 1. c. II p. 454 — 464 unter dem Titel: „Rhapsodia versu heroico -macaronico ad Brautsuppam in nuptiis Butschkio-Denickianis, praesentata a scholae Dres- densis Petri alumno"; die zweite 1. c, IV p. 356 — 377: „Rhapsodia andra versu heroico-macaronico ad Brautsuppam in Hochzeita Stollio-Jungiana praesentata a . . . w. o." „Beide Gedichte sind von einem und demselben Dichter, er erwähnt beim Beginne der zweiten die erste als durchaus von ihm geschrieben. Sie scheinen erst im achtzehnten Jahrhundert verfasst und zwar in den eisten Jahren desselben. . . . Sie stammen höchst wahrschein-


452 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

er gerade diesen Jargon anwende. Er hat beobachtet, dass verschiedene Männer, ,^schnelli erucccktiqtie Gernüthv' der- artiges sehr gerne lesen, verlegen und drucken, und dass verschiedene ,,vornehmi Patroni'^ sie besser bezahlen als andere. Deshalb schreibt er macaronisch ,,iindc qiieinn nianchos hilarcs mihi schaffcre Tagosy Dass gewisse pe- dantische ,,Schulfüchse'^ ihm vorhalten , ein solcher ge- mischter barbarischer Stil zieme sich nicht für einen ge- lehrten Mann, setzt ihn nicht weiter in Verlegenheit. Wer ein so barbarisches Urteil vorbringe, sei selber ein Barbar. Habe doch ein gottesfürchtiger und gelehrter Mann, Petrus von Dresden i, deutsche Wörter in seinen lateinischen Kir- chenhymnen gebraucht, ohne dass die Kirche ein solches Verfahren irgendwie als Sünde gebrandmarkt hätte. Er und seine Gesinnungsgenossen bekennen sich als Petrus' Schüler, ja, sie haben sogar noch mehr gethan als Petrus. Während derselbe nur

^^Sprachartim Wörtra diiarimi In binos stiidiiit Zeilorttm einschliessere Reimos : Nos binas Sprachas in Wortuni einbringinms ttntnn.'^ Die macaronische Sprache ist in der That in diesen Hoch- zeitscarmina mit grosser Virtuosität gehandhabt. Grotesk satirisch sind die Gedichte aber nicht zu nennen. Nur an einer Stelle schlägt der Dichter den grotesken Ton an. In der Rede, welche bei der Hochzeit gehalten wird, als der Braut die Hochzeitsgeschenke übergeben werden, scheint sich der Dichter über die in Deutschland so sehr belieb-


lich aus Leipzig. . . ." (Schade 1. c. II p. 453/4) . . . Die Brautsuppe war das früher insgemein gebräuchliche Frühstück, zu dem sich Tags nach der Hochzeit die Gäste noch einmal im Brauthause, in dem die Hochzeit ge- halten worden war, einstellten und wobei natürlich das junge Ehepaar nicht fehlen durfte. . . . Oder es geschah auch wol, dass die junge P'rau den Gästen, die am Tage zuvor bei der Trauung und der darauf folgenden Mahl- zeit erschienen waren, eine sog. Brautsuppe ins Haus schickte", cf. Schade 1. c. II p. 355.

1 Dieser Petrus Dresdensis ist ein Dichter aus dem Ende des 14. und Anfange des 15. Jhdts., dem die Kirchenlieder „In dulci Jubilo" und. „Puer natus in Betlehem" zugeschrieben werden.


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils, 453

ten devoten Ausdrücke von Verehrung lustig machen zu

wollen. Er thut es , indem er sie toll übertreibt. Die

Braut wird folgendermassen angeredet (II. Rhapsodie v.525):

,,WoIcd!a, cJirbara, miilta Ehrä et virtntc bcgabta

Vi'rgo BraitUi, tibi idinscJniiit ex corde getretio

HocJi et licoledli, vesti, nmltinn reverendi

Atqitc hoch- et grossachtbari et hoch imiltniuquc galaJwti,

Hoch et iL'ol'weisi nee non hoch i£olqiie beuarnti

Atqiie hoch- et ns^olerfahrni kiinstmnqiie belobti

Hevvi Patronique niei hoch rmtlttiinqtte geehrti

Segmun atqtie Geliickinn

Ad 11 eiianfang entern Ehest andnmy

Sonst ist der Inhalt dieser Gedichte nicht grotesk satirisch ^ Dagegen bietet die Form derselben einiges für uns Be- merkenswerte. An Aufzählungen sind sie zwar nicht reich. Im Vergleich zu dem , was wir gewohnt sind, hört sich das Ständchen recht traurig an , welches die Musiker (v. 434 ft.) mit nur folgenden Instrumenten bringen : ,,. . . . Violinis atqne Posattnis, Zinkis, Hnbaris, Klarinis atqtie Fagottist Längere Aufzählungen als diese linden wir nicht. Auch an onomatopoetischen Ausdrücken sind die Gedichte arm. Wir hören nur einmal die Trompeten und Pauken (v. 660):

^^Trarara sonant troinbae et Pankae plidirünunbnm.- Dagegen hat der Dichter Vorliebe für Gleichklang und haupt- sächlich für Alliteration. Ein hübsches Beispiel ist die Beschwörungsformel, die der Mann aussprechen muss, um sich in der Ehe vom ,, Eifer fernzuhalten. Er muss Wein ausspeien und folgende Worte dabei reden : ^ßifrus in eifrentein sie Eifriun misspeiitnr Eifro}^ (v. 568)


1 Die beiden Gedichte sind begeisterte Lobeserhebungen des Ehe- standes. Das erste zeigt an dem Beispiele einer liederlichen Dirne und eines gewissenlosen Lumpes, in welche Widerwärtigkeiten und Gefahren diejenigen geraten, die aus Angst vor den Beschwerden und Sorgen des Ehestandes nicht heiraten, um ihren niedern Lüsten zu fröhnen. Das zweite Gedicht lobt den Ehestand als den besten und glücklichsten und schildert eingehend die bei den Hochzeiten damals üblichen Gebräuche.


4r)4 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Am Ende des Verses gebraucht der Dichter hc'lufig die AlHteration. Neben ,,Gcsprücha Gch'öriim^' und ,,Gerichta Geschniackum^^ v. 547 ff., lesen wir v. 550, 551 ,,Gesichtra Gcsichtwn" und „teporeqiie tacttim'^. Besonders beliebt ist die Alliteration mit W. Malerisch sind die Verse, in denen das Umsichgreifen des Feuers geschildert wird :

,,Feiirumqiie per omnes Disjecturn Winklos Windo blasente Geivaltam Contimio schnellam niillo leschente genoinnit. Das Wort „Weinutn alliteriert sei es mit „Weihri^^ , sei es mit „WorW , sei es mit „Wilpröttim" . Oft alliterieren mehrere Wörter im selben Verse :

Cum Sttibae Deckä et Dacho qtioqiie dissüiere (I. v. 182) At jam qiiae qtiales quantaeque niihiqtie meoqtie (II. v. 305) Qui Liehst mnliehü quo Liebst am liebere cuset (v.361) u.s.w. Während, wie wir sehen, die macaronische Poesie in Deutschland noch sehr spät^ gepflegt wurde, hat sie in


1 Schade druckt noch 1. c. IV p. 378 ff. ein kurzes macaronisches Hochzeitsgedicht aus dem Jahre 1718 ab. Dasselbe enthält aber nichts gro- teskes. Endlich zitiert Seh. noch aus den 40er Jahren unseres Jahrhunderts einen macaronischen Scherz, der sich in einem sog. Postbüchel aus Wien befinden soll. In diesem Stile, meint er, werden noch hie und da, auch auf Universitäten, bei Gelagen lustige Sermone gehalten, wol auch mit Küchen- oder hechingischem Latein untermischt, Spiele augenblicklicher Laune, die mit dem Gelächter der Zuhörer, das sie erregt, wieder verhallen". — Groteske Wortbildungen, nicht macaronische Verse, haben wir in Bide- manns Werk „Otia litteraria varia argumenti in 8^. Lipsiae 1751". Da findet sich ein Kapitel „de latinitate macaronica", wo er eine Definition des- Stiles giebt, die hauptsächlichsten macaronischen Schriftsteller zitiert, und mit 12 griechischen Versen endigt, mit erfundenen unendlich langen Wör- tern, welche Crusius (in Poemat. liv. II p. 62) lateinisch wiedergegeben hat (cf. Delepierre Macaroneana andra p, 148/9). Es ist eine Invective^ in welcher die falschen Christen und Heuchler unter folgenden Namen be- zeichnet sind : „Candidavestigeri, faciesimulanteseveri, pulchroperotumidi^ missapecunifices, quotidie Christocrucifigi, idolicolentes, connubisanctifugae,. clammeretrilegae, versidolopelles, totorbiperambulotechnae, alticaballequites,, fraudipecunilegae, fictoculosancti, mentexitiosiserentes, sanguinicrudibibae^ pectorecelidoli, bombardagladiofunhastaflammiloquentes, bibliasacrifugae, de- sipidiscioli, nigradeonati, crassaetenebraestudiosi, mentebonaprivi, tartareryn- nipetae".


Kapitel IV, Die Ausläufer der grotesken Satire und des jijroteskcn Stils, 4^5

Frankreich ausser in den schon behandelten Gedichten, ei«^entlich keine Vertreter mehr s^efunden \ Nichtsdesto- weniger scheint man jenseits der Vogesen auch noch spät Gefallen an den Werken der Makaroniker Italiens gefunden zu haben. Dies bezeugt eine im Jahre 160G herausgegebene ,,Histoire macaronique de Merlin Coccaie, prototype de Rabelais (ed. Bibliophile Jacob, Paris 1859)" '^. Für uns ist sie ganz besonders aus dem Grunde interessant, weil sie nicht eine genaue und getreue Wiedergabe des uns bekann- ten Baldus von Cipada, sondern eine in vielen Punkten ab- weichende, die Vorlage sehr erweiternde und überbietende Bearbeitung zu sein scheint. Im 2. Teil der ,,bibliotheque po^tique^' sagt schon Viollet le duc von ihr: ,,elle m'a

^ Freilich kommen hie und da noch macaronische Verse vor. Picot, „Le monologue dans l'ancien theätre fran^ais" (Romania 15, 16) zitiert aus dem „cartier de mouton" vom Jahre 1545 die Verse: „Or, vos oues qui soupatis | Prio vos qui escoutatis | ouurant grant horreillibus. Ego mostrabo lardibus | de bene grasse vivendy" u. s. \v. ; ferner aus „La vie de tres haute et tres puissante Madame Gueline" vom Jahre 1550: „Quaeritur utrum capones | Vel galinae meliores ] Sint in brocca quam in poto | Cum herbis, soupa et lardo | Nunc videbitis quomodo | Nostri doctores friandi | Disputate pro soulardi | Et semper in opinando | De galina mixta lardo j." Auch aus früheren Zeiten haben wir ähnliche Proben, cf. Picot 1. c. Übrigens nennt auch Schade 1. c. II p. 424 den Janus Caecilius Frey, einen Deutschen von Geburt, vom Kaiserstuhl am Rheine (f 1631), der erst Philosoph, dann Mediziner, auch der macaronischen Muse im „Recitus veritabilis super terribili Esmeuta Paysanorum de Ruello" seinen Tribut entrichtet. Er macht auch auf die französisch-macaronischen Verse aufmerksam, die sich bei ISIoliere in dessen Malade imaginaire am Schlüsse und zur Schilderung des Doctorexamens und der Promotion des Bacalaureus Argan finden: „Savantissimi doctores ] medi- cinae professores | qui hie assemblati estis, | et vos, alti messiores, | senten- tiarum facultatis | fideles executores | chirurgiani et apothicari | atque tota compagnia aussi, | salus honor et argentum ] atque bonum appetitum".

2 Von wem sie ist, weiss man nicht. Der Herausgeber sagt, man habe an Chappuis gedacht, der auch eine „traduction des mondes Celestes, terrestres et infernaux" von Doni geschrieben, an Roland Brisset, sieur du Jardin, Über- setzer des Dicromene von Grotto und der Alcee von Ongaro; dann an Jacques de Fonteny, Übersetzer der Bravacheries du capitaine Spavente von Fran^ois Andreini, an Pierre Larivey, Übersetzer der Nuicts de Straperole, an Xoel du Fall; an Robert Angot, sieur de l'Esperonniere, der in seinen Gedichten Manches von Merlin Cocca'i hat. cf. „nouveaux satires et exercices gaillards du temps ed. 1637"'.


456


Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


pant fort pcit exacte, antmit que fcn ai pii jiigerj^ Auch der bibliophile Jacob bemerkt „Sans donte cette tradiic- tion n'est pas scriitmlctiscment litleralej^ Ob die Über- arbeitung der Vorlage auf den Uebersetzer zurückgeht, ist freilich nicht ohne weiteres zu entscheiden. Wir wissen, dass im Jahre 1530 eine von Folengo vielfach veränderte Ausgabe des Baldus erschien, die sog. Cipadense ^. Por- tioli meint nun (III p. CXIV), diese Ausgabe enthalte mehr Einzelheiten, die Scenen seien in ihr häufig belebter und farbenreicher, anderseits sei auch die frische, harmonische, klare Darstellung der Toscolana in ihr ,,diluvata, stem- per ata nella sovrabhondansa di imitili particolari." Diese Beschreibung passt, wie wir sehen werden, ganz genau auf die Uebersetzung, so dass man schon a priori ver- muten könnte, der französische Baldus beruhe auf der Ci- padense. Leider können wir eine Vergleichung beider Werke nicht vornehmen. Es ist, wie Portioli sagt, heute nur noch ein einziges Exemplar der Cipadense aufzutrei- ben, das sich bei Don Francesco Sartori, Pfarrer von Cam- pese, befinden soll. Aber schon eine Vergleichung der kurzen von Portioli p. CXIV angeführten Stelle aus der Cipadense , einerseits mit der Toscolana , anderseits mit dem französischen Baldus legt die Vermuthung nahe, dass die französische Übersetzung auf der Cipadense beruht 2.

1 Die stets wieder abgedruckte Ausgabe des Baldus ist die sog. Toscolana; sie ist 11 mal herausgegeben worden. Dagegen ist die Cipadense nur einmal herausgegeben worden. Freilich ist die sog. Boselliana aus dem Jahre 1555 ein Abdruck davon. — Auch die Ausgaben der Moscheide zei- gen grosse Verschiedenheiten. Die Ausgabe Portiolis zählt 1139, die bei Genthe 1354 Verse.

2 Man vergleiche: Toscolana p.82Mac.II: Ergo scolam Baldus lae-

tanter pergere coepit.


Cipadense III car. 24: Ergo scholam B. nisi non

ultroneus ibat. Nam quis erat tanti seu

mater sive pedantes, Qui tam terribilem possit

forzare putinum.


Übersetzung III p.43: Bälde n'alloit jamais ä

l'eschole que malgre

s oy. et ne falloit penser que

la mere ou austre maistre

d'escolle peust forcer un.

tel enfant.


Kapitel IV. Die Ausläufer der j^'rotesken Satire und des j,'rote.sken Stils. 457


Für uns ist die Frage von untergeordneter Bedeutung. Mögen wir es mit einer genauen Übersetzung der Cipa- dense, die ihrerseits die Toscolana erweitert hätte, oder mit einer selbständigen französischen Bearbeitung der Tos- cohma zu thun haben, jedenfalls liegt uns eine im gro- tesken Sinne verfahrende Arbeit vor , welche etwa nach Art von Fischarts Geschichtsklitterung ihre Vorlage er- weitert, vergröbert und überbietet. Die grösste Hinzufü- gung ist die des 2. Buches. Dasselbe ist vollständig neu. Es erzählt weitläulig, wie am französischen Hofe nach Guy,


Inque tribus niagnum {)ro- fectuin fecerat annis.

lam quoscunque libros velociter ipse legebat.


Sed mox Orlandi nasare Volumina coepit.


Non species numeros non casus atque figuras,

Non doctrinalis versa- minc tradere menti.


Fecit de norma scartoz- zos mille Donati,

Inque Pirottinum librum salcicia coxit.


wie in der Toscolana.

Ut quoscunque libros le- geret nostriquc Maro- ni s.

Descriptas guerras fcrtur recitasse pedanto.

At mox Orlandi nasare Volumina coepit.


wie in der Toscolana.


Non hinc non illic non hoc non i 1 1 o c et altras.

Mille pedanto r um tra- dere bajas, totidenque fusaras.

Fecit de cujus Donati deque Perotto

Scartozzüs ac sub prunis salcizza cosivit.


Ce ncanmoins en trois ans on le veid tant avance aux lettres qu'il retenait par coeur tous les livres qu'il lisait et recita en un jour tout l'Eneide de Virgile devant son maistre par coeur, tant les guerres descrites par cet auteur hii plai- soient: Mais apres qu'il eut mis le nez dedans les gestes de Roland, 11 quitta lä incontinent les regles du Compost, il ne se soucia plus des espe- ces, des nombres, descas ny des figures et ne feit plus d'estat d'apprendre le Doctrinal ni ces dif- ferences de hinc, i 1- 1 i n c, hoc, i 1 1 o c, et autres telles sophisti- ques ou fanfrelucheries des Pedans.

II feit des torcheculs de son Donat et de son Perrot et de la couver- ture en feit cuire des saucisses sur le gril.


458 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

welcher die Tochter des Königs entführt hat, gesucht wird^ wie die beiden Liebenden Guy und Balduine nach Cipade kommen und bei Berthe Panade Aufnahme finden, wie dann Guy Balduine verlässt, um sich ein Reich zu erobern oder nach dem heiligen Grab zu wallfahren, wie endlich die schon schwangere Balduine den Berthe heiratet und nachher selbst ihr Kind Baldus aufzieht. Bei Merlin Coccai starb sie dagegen.

Noch eine Menge anderer Hinzufügungen haben wir im französischen Baldus. So z. B. im 22. Buch die vier Seiten lange Episode, aus welcher wir erfahren, wie die Stadt Cipada dazu kam, einen Dichter als den ihrigen be- trachten zu dürfen, ferner die Episode des Gilbert (p. 232) und seinen Gesang, ebenso die Taschenspielerkünste des Boccal am Ende des 13. Buches. Neu ist das mit Witzen aller Art gewürzte Mahl der Helden. Erst nach fünf Seiten knüpft die Übersetzung wieder an das von M. XIV Er- zählte, an Cingars Auseinandersetzungen über die Astro- nomie an 1. Auch im Einzelnen erweitert und übertreibt der französische Baldus. Mit besonderem Vergnügen werden die Parodien des klassischen Altertums verschärft. Ein einziger Satz Folengo's ,,Laeditiir interdum, qtiovis deus, alter ab altro" veranlasst p. 10 eine grössere burleske Schilderung des liederlichen Lebens der Götter auf dem Olymp. Vulcan beklagt sich über Mars und schilt die Venus eine Hure. Juno ist auf Ganymed eifersüchtig. Die Göttinnen klagen den Priapus an, weil er nackt den Nym-


1 Auch ganz Geringfügiges ist geändert worden. Im französischen Bal- dus kämpft Baldus p. 327 mit den Teufeln; in der Vorlage sind sie verschwun- den, als er es thun will. In M. XXI p. 137 haben die Helden einen Marsch von drei Tagen hinter sich. Merlin sagt von fünf Tagen. Die Stelle, wo von den Wirten die Rede ist, befindet sich viel später im frz. als im ital. Baldus. p. 412 schiebt die Übersetzung eine Satire der Höflinge ein, wäh- rend in M. XXII p. 156 sich nichts derartiges vorfindet. Der frz. Baldus schiebt gerne klassische Anspielungen ein, so p. G7 in Bezug auf Tognazzo : Quiconque desirait avoir un conseil de Caton, alloit incontinent trouver Tognazze. p. 72: Der Podestä träumt, dass er ein anderer Camillus ist, p. 74: Baldus wird mit einem neuen Catilina verglichen.


Kapitel IV. Die Ausläufer der jjrotesken Satire und des grotesken Stils. 459

phen nachlaufe. Während die Vorlage nur erzählt, Charon habe auf den Ruf des Baldus nicht gehört, weil die Seelen, die über den Fluss setzten, so furchtbaren Lärm schlugen^ giebt der französische Baldus eine den Charon burlesk verhöhnende Ursache dafür an. Charon, heisst es p. 42(3, habe nur deshalb auf Baldus' Ruf nicht reagirt, weil er in eine Nymphe verliebt sei , die nach langem Weigern ihm schliesslich eine Nacht versprochen hatte: „// cstoit pour lors aiix attentes, taut fol et estoiirdi, preposaiit son plaisir charnel ä choses serieiiscs" u. s. w. — Demselben Geiste entspringt auch die Bemerkung, der alte Aeolus habe den Baldus nicht sehen können ,,estant desja devenu vieil et ayant besoing de limettes^\ Am liebsten bringt der französische Baldus Anzüglichkeiten hinein. Merlin Coccai hatte erzählt, dass die Buhlerin ihr Zauberbuch an ihrer Brust versteckt hielt. Der Franzose sagt ,pn le troiiva Cache entre ses ciiisses^^^. Auch die Geburt des Baldus wird uns in extenso beschrieben.

Es ist aber nicht bloss die burleske und zotige An- lage des Baldus, welche die französische Bearbeitung übertrumpft ; sie übertreibt durchweg ihre Vorlage, Wenn Merlin Coccai von der Kuh des Zambellus einfach sagte: ,,De qua non tnodicam sinnehant lUilitatem'^ , so meint die französische Bearbeitung: „Cest ceste vache, des plus illustres et plus renonimees qui soient au denieiirant du monde, delaquelle Cipade estoit ordinairement garnie de ses fromages^' etc. Vom Tode des Tognazzo sagte Merlin p. 216 ganz schlicht: ,,Ac ita finivit campari vita Cipadae'^. Die Übersetzung schmückt aus (p. 169): „et pour ces coups tomba par terre la forteresse de Cipade, celuy qui estoit le plus grarid de tous les sages, la reputation de Cipade, qui avoit este six fois Coiisul, le grand sous- tien de raison cheut par terre, et le pillastre fort et f ernte fut renverse saus dessus dessous'^. — Die Übersetzung begnügt sich nicht damit zu sagen, die Tiere schrien, son-


1 p. 206 findet sich auch eine hinzugefügte zotige Stelle.


4<>0 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

dern gebraucht p. 367 nach echt grotesker Art, onoma- topoetische Ausdrücke, um dieses Geschrei so drastisch als möghch zu schildern: ,,le boeiif resonne heti, heu, le mastin dit bau bau . . . Vasne dit hm hart, hin han^'. Auch groteske Zahlbestimmungen schiebt die ,, Überse- tzung'* hinein. So erzählt sie, dass Merlin, der die Helden in der Höhle Vulcans trifft, ihnen sagt, es wären jetzt 100 Jahre, 6 Monate, 8 Tage und 14 Stunden, dass er sie erwarte. Mit einer Beschreibung der V^orzüge der Frau begnügt sie sich nicht. Sie macht daraus zugleich eine Satire des Mannes. Die Frau versteckt sich, heisst es p. 107, nicht in den tiefen Wald, um über die Vorüber- gehenden herzufallen, sie zu berauben und zu töten. Sie verkehrt nicht im Gerichtshofe, wo man die Waisenkinder, die Armen und die unglücklichen Wittwen noch viel mehr bestiehlt, schindet und misshandelt, als im Walde. Die Frau stürzt die jungen Leute nicht in Ausschweifungen und schändet die Mädchen nicht, sie treibt keinen Wucher, erklettert nachts die Fenster nicht, noch treibt sie Alche- mie oder Falschmünzerei; wenn sie einem Heere folgt, geht sie nicht auf Plünderung aus; das sind alles die hehren und heiligen Thaten des Mannes, dem Gott ein erhabenes Herz, viele Klugheit, Scharfsinn und Einsicht gegeben hat. Trotz dieser begeisterten Lobrede auf die Frau, verschärft der französische Baldus an anderer Stelle die Behauptung Coccai's, eine Frau könne durch ihre List ein ganzes Reich zerstören, indem er hinzufügt: „Die Frau hat einen ehernen Schädel, der so hart ist, dass die gesammte Artillerie des Mailänder Schlosses, die ge- sammte Artillerie des Herzogs von Ferrara nicht einmal ein winziges Härchen auf ihrer Nase erschüttern könnten" ^.


1 Eine genauere Vergleichung wäre sehr erwünscht: Die Übersetzung scheint an mehreren Stellen die allgemein gehaltenen Satiren auszulassen, so auch z. B. p. 149; VII Mac. p. 191 — 196: die Satire der Mönche. Es fehlt auch die Stelle über Luther und Erasmus (M. p. 206; Übersetzung p. 160). — Es fehlen die erfundenen chaldäischen Namen, dafür werden die Namen von 8 Bauern angeführt, von denen jeder eine verschiedene Meinung über


Kapitel IV, Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 401

Wenn Coccai's Werk am Anfang des 17. Jahrhunderts in den Teilen, in denen es gegen das Rittertum loszieht, weniger angezogen haben mag, so ist doch ganz geAviss anzunehmen, dass die Teile, welche das klassische Alter- tum verspotteten, recht grossen Anklang fanden. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war man der ewigen Nachahmung des Altertums, wie sie in der Pl^iade und später in Malherbe's Werken hervortrat, satt und müde geworden. Wie etwa ein Jahrhundert vorher in Italien, so machte sich jetzt in Frankreich in einigen Kreisen eine Reaction gegen den Klassicismus geltend. Gerade wie Merlin Coccai und seine Freunde in der macaronischen Sprache das klassische Latein burlesk verhöhnten, so ver- spottete S c a r r o n (1610 — 166o) in seinem Typhon und seiner travestierten Aeneis auf burleske Art das klassische Altertum. So w^erden im Typhon die Götter zu gemeinen und trivialen Menschen umgestempelt; Bac- chus ist ein widriger Schlemmer und Trunkenbold ge- worden, welcher Ambrosia und Nektar als fade Limonade verachtet, dagegen Mainzer Käse und guten Burgunder als beste Mittel zum Widerstand gegen die Riesen em- pfiehlt. Mars ist in einen rohen Landsknecht umgewan- delt, und die Musen erscheinen, wie wir in der Einleitung schon sahen, als langweilige Blaustrümpfe. Zur Verstär-


das Messer des Zambello äussert. Die Übersetzung übergeht die Anrufung mantuanischer Familien (bei Folengo p. 118), ebenso des Dichters Verspot- tung der Thorheit eitler Greise (Mac. V 139 — 141). — Der Schluss ist sehr abgekürzt. Auch wird nicht erzählt, wie die Helden es machen, um am Cer- berus ohne Gefahr vorüberzugehen. Endlich ist von den einzelnen Dichtern av;ch nicht die Rede. — Die Büchereinteilung ist ganz anders als in der Vorlage. Das Ende des 5. Buches der Übersetzung entspricht z. B. dem Anfang des 4. Buches bei Coccai. Ausgelassen sind z. B. : die Rede des Pineton, die Antwort des Baldus, seine Klagen im Gefängnis, Vieles ist geändert: Die Gestalten des Gilbert und Boccal treten in der Übersetzung viel später auf. Gilbecco heisst im franz. Baldus Beitrasse; Mafelinus heisst Beftet (M. XX p. 108, franz. Bald. p. 361); Luca Philippus heisst Pasquin (M. XXI p, 142, franz. Bald. p. 396); die ganze Episode ist übrigens verschieden; die Buhlerin Musolina heisst Pandrague.


462 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

kung der Wirkung gebraucht Scarron häufig den Ana- chronismus; so lässt er z. B. die Hekuba den kleinen Astyanax die Geschichte der schönen Melusine, der Peau d'Ane und des Fierabras erzählen, und den Anchises Hymnen nach der Melodie von Landerirette componieren. Dies sind alles burleske Züge. Wenn man aber Morillot's Buch über Scarron und das Burleske Glauben schenken sollte, müsste man zur Ansicht kommen, dass auch die grotesken Züge nicht ganz fehlen. Scarron, sagt -er, hat den Grundcharakter seiner Helden nicht modificiert, er hat den Aeneas nicht gottlos und Juno barmherzig ge- schildert, im Gegenteil, er hat einige der vorspringendsten Züge ihrer Gestalt besonders betont, um eine Karikatur daraus zu machen, er verfährt nach Art jener Zeichner, welche sich damit unterhalten, bekannte Bilder abzuzeich- nen, indem sie einige Züge, die im Original gut sind, übertreiben und durch das Missverhältniss, in welches sie sie bringen, lächerlich machen. ,,Ainsi les personnages de VE neide sont repris par Scarron avec b eaucoup de V er it e (!), niais aussi avec un tres vif sentiment du ridicide qiii les rend gr ot esques (?) sans leur öter leun ressemblance. Tons tonibent dn haut de leur grandeur dpique, mais toiis (?), il faut bien l'avouer, tombent du cöte oü ils penchaient dejä}^ Dass letzteres nicht richtig ist, brauchen wir nur durch einen Hinweis auf die Bei- spiele des Anchises und der Hekuba anzudeuten. Aber auch die von Morillot zitierten Beispiele grotesker Kari- katuren erscheinen mir nicht unserem Begriff des Gro- tesken zu entsprechen, es sind nur einfache Karika- turen. So die Venus, die ihren Sohn so sehr liebt, dass sie jeden Augenblick in Thränen ausbricht, sogar aus Freude über sein gutes Aussehen oder über seine Kunst schöne Verbeugungen zu machen. Oder der fromme Aeneas, der nun bigott ist und alle möglichen Riten be- folgt. Selbst die Karikatur des alten Charon ist nicht toll genug, um grotesk genannt zu werden. Virgil hatte von ihm gesagt : „Portitor horrendus . . . terribili squalore . . .


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des {i^roteskcn Stils. 463

cui plurima inento Canities inculta jacct . . . Sordidtis ex humeris nodo dcpcndet mnicUis . . . Jam senior, sed cntda deo viridisqiie senectiis'^ . Scarron beschreibt den alten Fährmann in den Versen :

,ßo}i visage est coqiie de noix,

II se peigne avec ses cinq doigts,

De la siieiir qtie son front Site,

Dans son menton harhn re^ne

Se fait de crasse nn deini doigt ;

Dans le menton qtii la re<;oit

Cette chasse est perpetnelle

Et s'etend jnsqn' ä la nianielle.


Qiioiqne carcasse decharnee II est fort, tont maigre qii'il esP' i. Und doch konnte Scarron, wenn er wollte, den grotesken Ton sehr wohl treffen. Freilich in seinen kleineren Ge- dichten, den Oden, Elegien, Episteln und eigentlichen Sa- tiren ist er zum grössten Teil burlesk. Dafür haben wir aber in den ,,Boutades du Capitaine Matamore eine echt groteske Satire -.

Hier wird die Renommiersucht bramarbasierender Kapitäne ebenso toll satirisiert, wie die Eroberungssucht der Könige in der Gestalt des Picrochole bei Rabelais. In seinen Stanzen erzählt der aufgeblasene Geck, zu ihrem Unglück hätten sich die Götter an ihm vergriffen, er hätte


1 cf. Morillot 1. c.

2 Was den Roman comique betritft, so gehört derselbe weder zur grotesken noch zur burlesken Gattung. Das hindert freilich nicht, dass hie und da groteske Züge sich darin vorfinden. So z. B., wenn von dem hirn- verbrannten Dichter Roquebrune, der in poetischer Begeisterung das ganze Haus zu wecken imstande ist, erzählt wird, er habe sich vorgenommen einen Roman in 5 Teilen — jeden Teil in 10 Bänden — zu schreiben, welcher die Cassandre, Cleopatre, Polexandre und Cyrus in Schatten stellen solle, oder wenn von Frl. de la Rappiniere berichtet wird, sie sei so mager, trocken und dürr, dass sie jedesmal Feuer fange, wenn sie ein Licht mit den Fin- gern auslösche, oder von Melle Bouvillon, sie sei so dick, dass sie alle Wagen, in die sie hineinsteige, zum Umfallen bringe.


464 Dritter Teil : Die Zeit nach Rabelais.

sie aber so ordentlich an einander gerieben, dass sie seit der Zeit bucklig und missgestaltet seien. Herkules hätte ihm zuerst etwas anhaben wollen, da sei er aber so wü- tend geworden, dass sein Körper wie zu Feuer geworden sei: ,,Desortc qii' ä mcs yetix sa force ftU sotimise Et je le ßs hrfiler dans sa propre chemise'^. Darauf sei der Himmel selbst gekommen, um ihn zu töten, aber sobald er sein kriegerisches Antlitz erblickt, habe er angefangen, so fürchterlich zu laufen, dass er seit der Zeit aus Angst immer noch laufe und sich unaufhörlich im Kreise bewege. — Andern Göttern geht es ebenso schlimm. Dem Vulcan, der ihm von hinten den Kopf zerschmettern will, zerschlägt er die Hüfte. Dem Amor durchbohrt er mit einer stählernen Gabel die Augen. Und als der Tod selbst kommt, da heisst es mit echt grotesker Fülle und in kolossaler Übertreibung, die sich vor keiner, auch noch so absonderlicher Detailmalerei scheut: ,,Mais venire! j'dcorchai cette engeance cruelle, J'arrachai ses pownons, ses tripes, ses hoyatix, Son diaphragme, ses nerfs, ses chevetix, sa cervelle, Ses veines, ses sotircils, ses levres, ses naseatcx^ Ses membranes, son fiel, sa rate, ses visceres, Sa langiie, son larynx, ses flbres, ses arteres^ Ses maiidits liganients, son coenr pernicieiix ,

Ses oreüles, ses yeux, Son foie, ses tendons, ses reins, ses ventricules, Ses glandeSj son nonibrü, ses organes vitaux Ses niMScles, ses boiidins, sa chair, ses poumictdes ; Bref, je ne Itii laissai, parbleu, rien que les os Et je la niis enfin, en si panvre postiire, Qiie je la ßs alors teile qu'on la figure}^ Noch in einer zweiten ^^entree potir le Mataniore^^ rühmt sich derselbe ungeheuerlich: ,,Tch allein'^, sagt er, „bin der Schöpfer der ganzen Natur. Die Götter sind meine Unter- thanen. Der Mensch ist meine Creatur, die Hölle meine Sklavin und durch mich sind die verdammten Geister zu ewigen Qualen verurteilt. Ich allein bin der Urquell aller


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 405

Dinge und ihr einziger Trieb; durch mich allein setzt sich die , »Ordnung der Dinge" in Bewegung. Ich habe aus dem Nichts dieses weite Weltall gezogen" i.

An anderer Stelle lesen wir (Morillot 1. c. p. 280): ,,Die Hölle ist mein Keller und der Himmel mein Speicher, das Weltall ist meine Kammer und der Mond meine Fackel . . . Die Erde ist mein Bett, das Gras meine Matratze, die Felsen mein Kopfkissen, die Blätter meine Betttücher, meine Bettvorhänge sind der Schleier der Nacht; mein Betthimmel ist das blaue, sternbesäete Himmelszelt; die Pfeiler meines Bettes sind die Weltpole,

j^et mon pot ä pisser les ahimes de Voude^^ '^. Ein vortreffliches Gegenstück zu diesem furchtbaren Ka- pitän Matamoros haben wir in den nicht minder entsetz- lichen Hauptleuten Horribilicribrifax und D a r a- diridatumdarides des Zeitgenossen von Scarron, des Schlesiers Andreas Gryphius (1616 — 1663) -^ — Welche hohe Meinung haben diese edeln Herren nicht von ihrem Wert! Man höre nur, wie Horribilicribrifax von Donnerkeil, Herr auf Blitzen und Erbsass auf Car- thaunenknall seinen Pagen empfängt, als derselbe ihm die Nachricht bringt, der Kaiser habe Friede geschlossen ohne ihn: ^^Tritt mir aus den Augen, denn ich er surfte mich


1 Die einzige Ausgabe ist diejenige von 1646: „Les Boutades du Capitan Matamore et ses comedies, Sommaville et Quinet in 8^ 1647. Einige Auszüge hat wiegen der Seltenheit der Ausgabe Morillot 1. c. im Appen- dice p. 414 ff. abgedruckt, cf. auch p. 285.

2 Groteske Züge finden wir auch in dem auf dem spanischen Stücke Francisco de Rojas' Donde hay agravios no hay zelos, Hy Arno criado beruhenden Lustspiel Scarron's „Jodelet ou le maitre valet". Die im spa- nischen Stück vorkommenden komischen Personen werden hier geradezu grotesk. Den Helden wird eine lächerliche Emphase in den Mund gelegt, cf. Oeuvres de Scarron 1737 vol. VIT, cf. auch Morillot I.e. p. 276. Doch kommen auch sehr viele parodistische Stellen darin vor: Die Stanzen „soyez nettes nies dents" sind eine Parodie der lyrischen ISIonologe der Zeit und der Corneille so theuern Apostrophen. Die Worte der Beatrix: „Pleurez, pleurez mes yeux, l'honneur vous le commande", sind eine Parodie der Worte von Chimene: „Pleurez, pleurez, mes yeux, et fondez-vous en eau".

3 Deutsche Dichter des 17. Jhdts. 4. 1870. Schneegans, Gesch. d. grot. Satire. 30


4f)() Dritter Teil : Die Zeil nach Kabelais.

mt Tode, ILO icJi iiiicli recht erbüterc, Vinto äalV ira calda e bolleiite, dallo sdegno arrabiato, so erwische ich den Stephanstiirvn zu Wien bei der Spitzen nnd drück ihn so hart darnieder, si forte in terra, dass sich die ganze Welt mit ihm umkehret, als ein KegelkanV^ (p. 214). Man darf es ihm auch glauben, denn er hat in seinem Leben gar wunderbare Thaten vollbracht. Als er einst einen Hirschen verfolgt, den der König von Persien nicht anhalten kann, wirft er ihm sein Jagdhorn nach; das fliegt ihm just zum Hintern hinein, „itnd iveil das Wild im vollen Fartzen "war, gab es ein so 'wunderlich Getane, dass alle Hunde herzugelaufen kamen und den Hirschen anhielten^^ (p. 217). Ein solcher Mann erlaubt natürlich Keinem ihm zu nahe zu treten. Rivalen duldet er nicht. Als er deshalb er- fahren hat, dass Sempronius sich untersteht, seine Ge- danken da „einzuquartieren, wo er allein Winterlager halten^^ soll, ruft er voller Wut aus: „Welch Bellerophon, RinocerotCy Olivir, Palmerin, Roland, Galmy Perer mit dem silbernen Schlüssel, Tristrant, Pontus dürfen sich unterstehen nur dergleichen Sachen zu gedenken, schweige denn ins Werk zu setzen. Ich erbasiliske mich ganz und gar, die Haare vermedusieren sich in Schlangen, die Augen erdrachen sich, die Stirne benebelt sich mit donnerspeienden Wolken. Die Wangen sind Aetna und Montgibello. Die Feuerfunken stieben mir aus dem Munde wie aus dem Heckelberge, der Hals starret wie der Thurm zu Babel, es blitzet mir im Hertzen nicht anders, als wenn tausend Hexen W^etter darinnen gemacht hätten u. s. w." — Und seine Zärtlichkeit der Geliebten gegenüber nimmt dieselben kolossalen Dimensionen an. Er will ihr die Krone von Trapezunt, von Mohrenland, von Egypten, von Persien innerhalb eines Monats, drei Tagen und zwei Stunden und vielleicht in quaesto giorno zu Füssen legen ^ (P. 216).

1 Man beachte die groteske Zeitbestimmung, ebenso vorher die gro- tesken Wortbildungen „erbasilisken, vermedusieren, erdrachen", übrigens auch die Namen der beiden Helden selbst.


Kapitel IV, Die Ausläufer der j^rotesken Satire und des grotesken Stils, 4(57

Nicht bescheidener ist sein Kamenide Capitän Dari- diridatumdarides. Es gruselt uns, wenn wir ihn selbst sein eigenes Lob singen hören: ,^Blitz^ Feuer, ScJnoefely Donner^ Salpeter, Blei und etliche viel Millionen Tonnen Pnlver sind nicht so mächt ii( als die wenigste Reflexion, die ich mir über die reverberation meines Unglücks mache. Der grosse Chach Sesi von Persien erbittert, wenn ich auf die Erden trete. Der türkische Kaiser hat mir etliche mal durch Gesandten eine Ojferte von seiner Krön gethan. Der weltberühmte Mogul schät.^t seine retrenchemente nicht sicher für mir. Africa habe ich vorlängst meinen Came- raden sur Beute gegeben. Die Prinzen in Europa, die etwas mehr courtese haben, halten Freundschaft mit mir, mehr aus Furcht als wahrer affection. Und der kleine verleckerte Bärnhäuter Rappschnabel, ce bougre, ce larron^ -ce menteur, ce flls de Putainc, ce traitre, ce faquin, ce brutal, ce bourreau, ce Cupido darf sich unterstehen, seine Schuh an meinen Lorbeerkränzen abzuwischen u. s. w.^' p. 203. Wenn er dem Palladius, der ihm im Wege steht, jetzt begegnete, hätte er sich seiner schnell entledigt, er würde ihn ganz einfach bei der äussersten Zehe seines linken Fusses ergreifen, dreimal um den Hut schleudern und danach in die Höhe werfen, dass er mit der Nase an dem grossen Hundstern sollte kleben bleiben. Und sein Diener Cacciadiavolo würde dem Rivalen ins Gesicht speien, ohne Zweifel würde er alsdann sofort zu Asche und Staub verwandelt werden.

Solche Herren sind die würdigen Nachkommen des Baldus von Cipada und seines Freundes Fracassus. Das Pochen auf die brutale Kraft , die Renommage des Hau- degens, dessen höchstes Ideal das wüste Dreinhauen ist, hallt in den Worten dieser Kapitäne des 17. Jahrhunderts, ebenso wie in den Reden der Faustritter des 16. wieder. Die Zeit der Verherrlichung des Abenteuerlebens , unter w^elcher Form und unter welchem Namen es auch auf- treten möge, ist unwiderruflich dahin ! Hatte doch selbst Spanien, das Land, wo am längsten die Ritterromane ge-


46.S Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

blüht, WO die Leidenschaft für solche Dichtungen so stark und so gefahrdrohend geworden war, dass 1553 verboten wurde, sie in den amerikanischen Besitzungen zu drucken, zu verkaufen oder zu lesen, ja wo 1555 die Reichsstände sogar begehrten, dieses Verbot möge auf Spanien selbst ausgedehnt und alle vorhandenen Drucke der Ritterro- mane öffentlich verbrannt werden, hatte doch selbst dieses die Ritterbücher vergötternde Spanien, am Anfang des 17. Jahrhunderts, nach dem Erscheinen des Don Quixote dem in seiner Stahlrüstung glänzenden, federbuschumwall- ten und lanzenschwingenden Helden auf ewig Lebewohl gesagt. Cervantes hatte für Spanien das vollbracht^ was Rabelais für Frankreich und Pulci für Italien. Wie jene dem Bänkelsängerepos und dem Prosaroman , so hat er dem spanischen Ritterromane den Garaus gemacht.

Die Satire bei Cervantes trägt auch ein groteskes Gewand. Um die Thorheit seiner Landsleute zu verspotten^ welche in ihre Lieblingsromane so vernarrt waren, dass sie die in denselben erzählten Geschichten, so abenteuer- lich und unmöglich sie oft auch waren, für wirklich hiel- ten, erdichtet der geistvolle Spanier eine Gestalt, welche diese Modekrankheit bis zur tollsten Tollheit übertreibt. Don Quixote liest Ritterromane mit solcher Leidenschaft, dass er darüber fast die Ausübung der Jagd und die Ver- waltung seines Vermögens vergisst ; er ist in das Lesen so versunken, dass er ganze Nächte und ganze Tage nichts Anderes thut , als sich immer tiefer und tiefer hineinzu- lesen, bis er schliesslich vom wenigen Schlafen und vielen Lesen nur von solchen Dingen phantasiert, wie er sie in seinen Büchern findet als „Bezauberungen und Wortwechsel, Schlachten, Ausforderungen, Wunden, Artigkeiten, Liebe, Qualen und unmöglichen Tollheiten^' i. Und in diese fin- gierte Welt träumt er sich bald so hinein, ,,dass er auf den seltsamsten Gedanken kommt, den jemals ein Thor auf der Welt ergriffen hat ; es schien ihm nämlich nützlich und


1 Ich zitiere nach der Ti eck 'sehen Übersetzung:.


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 469

nötig sowohl zur Vermehrung seiner Ehre, als zum Besten seiner Republik ein irrender Ritter zu werden und mit Rüstung und Pferd durch die ganze Welt zu ziehen, um Abenteuer aufzusuchen und alles das auszuüben, was er von den irrenden Rittern gelesen hatte, alles Unrecht auf- zuheben und sich Arbeiten und Gefahren zu unterziehen, •die ihn im Ueberstehen mit ewigem Ruhm und Namen schmücken" und ihm gewiss die Krone eines Kaisers von Trapezunt einbringen würden. So macht er sich denn aus einer elenden Haube einen Helm mit einem Visier aus Pappe, findet nach vier Tagen unausgesetzten Nach- denkens für seinen elenden Klepper den Namen Rozinante, sinnt acht Tage lang über den Namen, den er sich selbst geben will, und da jeder fahrende Ritter vor Liebe zu €iner holden Prinzessin vergehen muss, welcher er die im Kampfe überwundenen Riesen zuschickt, damit sie nach ihrem Wohlgefallen mit ihnen schalte und walte, so macht er flugs aus einem gewöhnlichen Bauernmädchen des be- nachbarten Dorfes, für das er einmal geschwärmt hatte, eine holde Prinzessin mit dem musikalisch fremdtönenden und bezeichnenden Namen der Dulcinea von Toboso. — Die gewöhnlichsten, alltäglichsten Begebenheiten verwan- delt seine Einbildungskraft sofort in Ritterabenteuer. Eine blende Schenke, zu welcher er Abends gelangt, nimmt in seiner Phantasie die Gestalt eines hohen Kastells an, mit seinen vier Thürmen, mit Gesimsen von glänzendem Silber, mit Zugbrücken und Burggraben. Zwei liederliche Dirnen, -die sich vor der Thüre umhertreiben , hält er sofort für zwei schöne anmutige Jungfrauen, die sich vor dem Thore des Schlosses in der Frische ergehen. Der Schweinehirt, der ins Hörn stösst, um seine Schweine zusammenzurufen, wird ihm sogleich zum Zwergen, der auf den Zinnen der Burg mit der Trompete das Zeichen giebt, dass sich ein Ritter dem Kastelle nahe. Den schelmischen Wirt hält er für den Castellan und bittet ihn sogar um die Gnade, von ihm zum Ritter geschlagen zu werden. Bekannt sind endlich seine Abenteuer mit den Windmühlen, die er für


470 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Riesen hält und mit den Galeerensclaven , die er für «ge- knechtete Edelleute ansieht.

Wenn wir aber in Don Quixote ^ ein glänzendes Zeug- nis grotesker Satire haben, so fehlen doch dem spanischen Werke durchweg die Eigentümlichkeiten des grotesken Stils. Die atemlosen Aufzählungen, das willkürliche Spie- len mit der Sprache, die abenteuerlichen Wortbildungen und verwegenen Kalauer vermissen wir durchaus.

In Spanien hat überhaupt der groteske Stil, und wenn wir von Cervantes absehen, die groteske Satire keine Hei- mat gefunden. Die Satire bewegt sich lieber im Geleise des Horaz oder des Juvenal und Martial ; so in den Schrif- ten des Bartolome de Argensola, des Barahona de Soto, des Gregorio Murillo, des Castillejo, des Andres Rey de Astieda ; bei Quevedo^ photographiert sie lieber die Fehler, die sie verspottet, so in der Pragmatica vom Jahre 1600,. wo er uns eine ganze Liste der verbotenen Ausdrücke giebt, welche er aus der Unterhaltung und Correspondenz gebannt wissen möchte, oder in der Origen y defini- ciones de la Necedad, wo er wiederum Skizzen nach der Natur aufnimmt, oder im Buscaron, welches in der Art der Novela picaresca das Leben der Taugenichtse be- schreibt. Grotesk ist weder Quevedo's libro de todas cosas, noch seine Cartas del Cavallero de la Tenaza. Quevedo's gravitätischer und kalter Hohn, seine exacte und präcise Sprache erinnern durchaus nicht an das jo- viale, phantasievolle, tolle Wesen eines Rabelais oder Fi- schart. Höchstens könnte man in den Traumgesichtern Quevedo's hie und da an das Groteske streifende Züge finden. So wenn er uns z. B. einen Exorcisten vorführt^ der sich vergebens Mühe giebt, aus dem Leibe eines Al-


1 Der „Berger extravagant" von Sorel, in welchem der Verfasser die Romane seiner Zeit verfolgt, bietet manche Ähnlichkeiten mit Don Quixote I: Lysis, dem die Romane den Kopf verdreht haben, ist ähnlich wahnsinnig wie der Hidalgo de la Mancha; die andern Gestalten entsprechen auch den. Cervantes'schen (die dicke Catharine = Dulcinea; Carmelon = Sancho).

2 cf. Merimee: Vie et oeuvres de F. de Ouevedo.


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 471

guazils einen Teufel auszutreiben ; der Teufel möchte gerne weg, denn die Hölle ist ein herrlicher Aufenthaltsort für ihn im Vergleich zum Körper eines Alguazils. Ebenso finden wir in seinen Angriffen gegen den Kultismus manch- mal groteske oder karikierende Züge. Ein Dichter, heisst es in dem „vernünftig gewordenen Glücke", deklamiert unter anderem eine im kultistischen Jargon mit lateinischen Brocken vollgepfropfte cancion, deren Sinn so dunkel ist, dass man seine eigene Hand nicht mehr sieht , dass die Zuhörer Laternen und Wachslichter anzünden müssen, und eine Menge von Fledermäusen und Eulen , in der Meinung es sei Nacht, herbeigeflattert kommen. Diesen Ton schlägt aber Quevedo selten an. Während Rabelais die Thorheit des Latinisierens in der Muttersprache da- durch verspottet, dass er den Limusiner in einem die Wirk- lichkeit übertreibenden Jargon sprechen lässt, sagt uns Quevedo direct in seiner ,,Aguja de navegar cultos" es sei nichts leichter als Kultist zu werden, man brauche nur ein Paar Wörter auswendig zu lernen, wie ,,fulgorcs, arrogar, joven, presiente, candor, constrnye, nietrica ar- monia u. s. w. Und in der ,, feinen Lateinrednerin'S der ciilta Latiniparla, einem Pamphlet, in welchem Quevedo ein Verzeichnis geschmackloser Redensarten giebt , aus denen Damen lernen könnten, wie man ein halblateinisches Spanisch üibrizieren könne, in diesem Pamphlet führt er uns eine Kultistin vor , von welcher er selbst sagt , sie spreche palestra und nicht riiia, estttpos und nicht espanto, supUnidades und nicht dndosa, ingredientes und nicht cn- trantes, inestima tmd nicht tristeza. Freilich unterlaufen auch hier karikierende Bemerkungen. Die Latinistin, heisst es, trägt bei sich immer einen Macrobius oder Plutarch, wie andere Damen ein Schoosshündchen ; wenn andere sich mit Stickerei beschäftigen, macht sie Kommentare, Glossen, Schollen zu Plinius u. s. w. — Aber das sind nur Einzelheiten, wie sie bei jedem Satiriker vorkommen können. Sie erlauben uns nicht Quevedo deshalb schon als grotesken Satiriker anzusehen. Es dürfte demnach


472 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabehns.

gewagt sein, mit M(5rimee von Quevedo's ,,instinct du gro- tesqtte" zu sprechen ^ Hätte Quevedo die Kultistin so ge- zeichnet, wie sein Landsmann D. Matias de Retiro den Vertreter der alten Schule auf spanischen Universi- täten, so könnte man sein Verfahren grotesk nennen. In dieses letzteren ,,Metrificatio scolastica (ed. 1794 in der Madrider Zeitschrift, „el Corresponsal de Censor Carta V.) haben wir ein Pendant zum Limusiner Schüler. Der y^Licenciado Duron de testa^^ will lateinisch das Lob der guten alten Zeit singen, die es mit dem Studieren nicht zu ernst nahm ; er bringt es aber nur zu einem entsetzlichen macaronischen Kauderwelsch. Ihm ist die neue Art Phi- losophie zu treiben ein Greuel:

,,Ista quid ensenat doctrüia cxtranca Tobis?

Ensenat logicmn sine Barbara nee Baralipton

Tarn facilem claramqiie qnod intellexerit illam

Unus quisqne Saeristaniis.'^ Er eifert auch gegen das Studium der Physik, welches die Neueren, wie er sagt, ohne Metaphysik trieben, was doch eine Thorheit sei. Wie eitel sind auch diejenigen, welche die „ars Botinaria' ^ treiben ! Sie halten sich für gelehrt ,,qiiia de porris sapiunt distingnere nialvas!^^ Wie thöricht und tollkühn sind auch die Astronomen, welche die Sonne zum Stillstehen zu bringen meinen und vor Kometen und Finsternissen keine Angst mehr haben ! Wie


1 Diese Bemerkung findet sich in Merimee's Untersuchung über die Träume Quevedo's. — Nicht grotesk, sondern possenhaft und burlesk sind seine zahlreichen Gedichte, in denen er die Nase einer Coquette, die Mager- keit der senora Notomia, oder die Glatze eines jungen Herrn verspottet. Burlesk ist seine Verspottung der antiken Helden Pyramus und Thisbe, Daphne und Apollo, Hero und Leander, Aeneas und Dido, Orpheus und F.urydice. Den Cid macht er ebenso lächerlich wie den Helden Roland (cf. sein Poema hero'ico de las Necedades y Locuras de Orlando el Enamorado 1635. Abgedruckt Musa IX Urania.) Karl der Grosse und seine Paladine nehmen sich wie wirkliche picareschi aus. Merimee sagt, das Gedicht ent- halte soviele Extravaganzen, dass man ähnliche kaum in der italienischen Litteratur finden könnte. — Auch Lope de Vega's gatomachia dürfte man nicht als grotesk ansehen.


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des <^rotesken Stils. 478

albern sind endlich die Mathematikei-, welche lieber der Vernunft als dem Aristoteles folgen !

Von solchen vereinzelten und nur in lano^en Zwischen- räumen sporadisch erscheinenden vSatiren abgesehen, ha- ben war in der spanischen Litteratur, soviel ich sehe, keine groteske Satire und. noch weniger grotesken Stil.

Ahnlich wäe mit Spanien verhält es sich mit England. Das Renaissancezeitalter, die Zeit der Blüte des Grotesken in Mitteleuropa, hat in England eigentlich keinen grotes- ken Satiriker gezeitigt. Selbst Dunbar (c. 14(30 — 1520), von dem Schipper ^ meint ^ er habe mit Rabelais einige Züge gemein, bietet in seinen Satiren nur recht wenig Groteskes. Der Tanz der sieben Todsünden ist ein alle- gorisch-satirisches Gedicht ; grotesk wäre darin höchstens die Bemerkung, dass die kreischende Sprache der Hoch- landsbewohner selbst dem Teufel so grässlich vorkomme, dass er von dem ,, Gegelb' taub werde. Burlesk ist, wie ten Brink (Geschichte der Englischen Litteratur, II. Band p. 426) mit Recht bemerkt, das Turnier zwischen Schuster und Schneider, grotesk dagegen die Sühne für den Schuster und Schneider. Die Bedeutung der beiden Handwerker erhebt Dunbar bis in den Himmel, indem er verkündet, ihnen sei vor aller Heiligen Thron ein Platz bestimmt, denn sie seien Gott an Ansehen beinahe gleich ; — besserten sie doch durch die Kleider und Schuhe, wxlche die Missge- stalt verdeckten, das, was Gott in seinen Schöpfungen ver- sehen. Grotesk sind ebenfalls die Satiren auf den Abt von Tungland, welcher geprahlt hatte, er wolle von Stir- ling Schloss aus über den Kanal nach Frankreich fliegen, beim ersten Versuch aber fällt und sich das Bein bricht. In einer grotesken Vision, wie Schipper mit Recht p. 237 sagt, malt sich der Dichter in zwei Gedichten die Ver- suche des Abtes aus, gen Himmel empor zu fliegen. Er schildert ihn in dem einen, wie er hoch oben in der Luft


1 Schipper: W. Duiibar, „Sein Leben und seine Gedichte", Berlin 188L


471 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.


in Gestalt eines Greifen einen weiblichen Drachen antriO't und mit ihm im Gewölk den Antichrist erzeugt, im andern, wie er auf seinem Flug von Vogelschwärmen umringt und so misshandelt wird, dass er seine Flügel fallen lassen muss und sich in einem Sumpf verbirgt ^ Wenn L y n d e s a 3' (1490 — 1550) sonst in seinen Satiren sich manchmal von Dun- bar beeinflussen Hess, so hat er den von seinem Vorgänger hie und da angeschlagenen grotesken Ton nicht getroffen, sondern greift direkt die Fehltritte seines Königs an- und verhöhnt auf allegorische Weise die katholische Kirche ^. Groteskes findet man dagegen bei dem geistvollsten Sa- tiriker der damaligen englischen Litteratur, beim witzigen und schalkhaften Skelton (c. 1460 — 1529), dessen humor- volle Lebens- und Weltanschauung, wie ten Brink treffend bemerkt, der des Pfarrers von Meudon ziemlich nahe zu kommen scheint. Zwar ist das Motiv seiner Satire nicht gerade grotesk zu nennen. In seinem dem Sebastian Brant nachgebildeten Gedicht ,,Hofkost*S wo der Dichter auf dem reichgeschmückten Fahrzeuge dieses Namens die dort käuf- liche Waare ,, Gunst" zu erwerben sucht, aber viel zu leiden hat unter der Verfolgung der Freunde Fortunas, verfährt der Dichter allegorisch. Direkt stürmt seine Satire dahin in seinen Schmähgedichten auf den Ritter Garnesch oder in seinem gegen die Geistlichkeit gerichteten Gedicht Colyn Clont, in welchem er über die Üppigkeit, Habgier,, Hochmut und sonstige Laster der Kleriker ein scharfes Gericht hält. In seinem vStile zeigen sich aber manche der uns bekannten Eigentümlichkeiten. So sind ihm keine Schimpfwörter genügend, um Garnesch in den Staub zu ziehen. V^oUer Entrüstung ruft er ihm v. 161 ff. zu:

Thou tode, thoti scorpyone, Thow bawdy babyoite,


1 Die Geburt des Antichrist. Der verkappte Mönch von Tungland.

2 So in der Klage des königlichen Pfaues.

3 Sein Traum ist halb Dante's Göttlicher Komödie, halb Cicero's- Traum des Scipio nachgebildet.


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 475

Thow Moryshe rnaritycore, TIiou rammyschc styiikyng gotc, Tlion foiiic chlor lyshc parote, TliOH grcsly gargonc glayniy, T/ion sivety sloiieu seyniy^ Tlioii nuivrionn, thoii) ruaiLiucut Thou felis stynkyiig serpent, Tlion niokkyshe mannosct.

Ebenso wie in diesem Beispiel neben grossartiger Fülle sich die Vorliebe für Gleichklang und Alliteration zeigt, so auch in den Versen aus Colyn Clout, in welchen er ein drastisches Bild des Predigers entwirft (v. 19 ff.):

Hc er y etil and hc crcketh, He prycth and he peketh. He chydes and hc ch alters^ He prates and he patters, Hc clytters and he clatters, He rnedles and he srnatters, He gloses and he flatters.

Und zahlreiche Beispiele, auch aus andern Gedichten, Hessen sich anführen. Überall tritt uns die tolle und launige, in breiten Redefluss sich ergiessende, lawinenartig eine Vor- stellung nach der andern mit sich reissende, mit Wort und Gedanken spielende Sprachfülle entgegen, die wir von den grotesken Satirikern gewohnt sind i. Dasselbe lässt sich von den andern englischen Satirikern nicht behaupten. Marston ist in seinen krassen, oft cynischen Satiren (1598) zu bitter, als dass er den grotesken Ton treffen könnte, Joseph Hall (1574—1656) hat sich in seinen Schriften den Persius und Juvenal zum Muster genommen. Die zweite Sammlung trägt den charakteristischen Titel ,, Geissei der Niederträchtigkeit' ^ Nur in seinem ^lundus alter et


1 über Skelton cf. ten Brink: Geschichte der englischen Litteratur II 1893 p. 460 ff. — Skeltons Gedichte abgedruckt unter dem Titel: The poetical works of John Skelton ed. by Alex, Dyce. 2 Bde. 1843.


476 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

idem* (c. 1600) betritt er die Bahn der ^robianischen Satire , wenn er die Vorzüge des Landes Crapulia oder Schlampampen mit seinen Provinzen Pamphagonia und Yvronia oder das herrliche Leben der Artocreopolis be- schreibt, wo bei jeder Ratswahl die Bäuche gemessen werden, und wessen Bauch abgenommen hat, die Rats- herrnstelle verliert, dagegen wer fetter geworden ist, hö- her steigt. Bei Shakspere finden wir keine groteske Satire. Nur hie und da treten in seinen Komödien stark karikierte, an das Groteske streifende Gestalten auf, so in ,, Verlorener Liebesmüh'^ der pedantische Schulmeister Ho- lophernes, der Nachkomme der italienischen Pedanten, wel- cher einen entsetzlichen mit lateinischen Brocken gespick- ten, geschmacklosen und gezierten Jargon spricht und in •eitler Selbstverblendung in Aufregung gerät, sobald er in irgend Jemands Äusserungen dem ,,missförmigen Mon- strum Unwissenheit'^ zu begegnen wähnt oder in ,,Viel Lärm um Nichts und ,,Mass für Mass" die Gerichtsdiener Hundsbeer, Stoffel und Einbogen, die in ihrer gross- artigen Dummheit sich selbst die dümmsten Esel nennen und ,, Malefactoren" von ,,Benefactoren" nicht zu unterschei- den wissen. Hie und da entwerfen auch Shakspere's Per- sonen groteske Bilder, wenn sie Jemanden verspotten wol- len. So hat in Troilus und Cressida der giftige Thersites stets groteske Witze bereit, um sich über die griechischen Helden, die ihn misshandeln , lustig zu machen. Einmal behauptet er von Ajax, er habe nicht soviel Witz , dass er damit das Auge der Nähnadel Helenas verstopfen könnte oder er meint, der Verstand der Helden reiche nicht einmal hin, bei einem Überfall die Fliege von der Spinne zu retten, ohne das schwerfällige Schwert zu zie- hen und das Gewebe zu zerhauen, ja sogar Nestors und Ulysses' Verstand wären schon schimmelig gewesen^ ehe


1 Mundus alter et idem. Sive terra australis anteliac semper incognita longis itineribus peregrini Academici nuperrime lustrata. Eine deutsche Übersetzung giebt es auch, cf. Fl o gel II. p. 348.


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 477

ihre Grossväter Nägel auf den Zehen bekamen. Grotesk drückt sich Prinz Heinrich (Heinrich IV I.Teil Act. II. Sc. 4) aus, wenn er vom Heisssporn des Nordens Percy sagt, dass er zum Frühstück einige sechs oder sieben Dutzend Schot- ten schlachte, sich die Hände wasche und zu seiner Frau sage, ,,Pfui über das ruhige Leben, ich brauche Arbeit^', und grotesk ist das Bild, das er uns von Falstaffs sorg- losem Leben in den Tag hinein entwirft , wenn er sagt, nur dann könne er glauben, dass Falstaff sich darum be- kümmere, welche Zeit es sei, wenn die Stunden Gläser von Sekt seien, die Minuten Kapaunen, die Glocken die Zungen der Kupplerinnen , die Zifferblätter die Schilder von liederlichen Häusern und Gottes Sonne selbst eine schöne hitzige Dirne in feuerfarbenem Taft. Ausser in solchen Fällen spielt das Groteske bei Shakspere keine Rolle. Der dickwanstige edle Sir John selbst ist nicht eine groteske, sondern eine possenhafte Figur i, er ist ein genialer Lump , der seine Verkommenheit durch seinen Reichtum an Witz und Laune zu verdecken vermag, aber seine Narrenspossen und Hanswurststreiche überspringen niemals die Grenzen der Möglichkeit ^, noch sind sie in


1 cf. die vortreflFliclie Charakteristik Falstaff's bei Wetz : Shakespeare vom Standpunkte der vergleichenden Litteraturgeschichte I p. 394 ff. Über den historischen Ursprung der Falstaffgestalt cf. ferner Brandl: Skakspere p. 102 ff.

2 In seinen Reden findet sich dagegen von Zeit zu Zeit auch Gro- teskes. So ist seine Lobrede des Sectes ein — wenn auch lange nicht so tolles — Seitenstück zu Rabelais' Lobrede des Bauches. Der Sect ist nach des Ritters Ansicht zu Allem und Jedem fähig, er macht das Gehirn sinnig, schnell und erfinderisch, voll von behenden, feurigen und ergötzlichen Bil- dern 5 seien diese dann der Zunge überliefert, so werde vortrefflicher Witz daraus, er erwärme das Blut und rufe Tapferkeit hervor. Geschicklichkeit in den Waffen sei ohne Sect nichts; auch die Gelehrtheit werde nur durch Sect promoviert und in Gang und Gebrauch gesetzt. Wenn er tausend Söhne hätte, so würde Falstaff ihnen als ersten Grundsatz einschärfen, sie sollten dünnes Getränk abschwören und sich dem Sect ergeben (Heinrich IV 2. Act. 4 Sc. 3). — Bei dieser Gelegenheit möge auf eine Anspielung auf Rabelais bei Shakspere aufmerksam gemacht werden. In „Wie es Euch gefällt" (III 2) sagt Celia, als sie von Rosamunde um recht vieles zu gleicher


478 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

irgend einer karikierenden Tendenz erfunden. Er ist eine durchaus wahre und natürliche Gestalt — und deshalb auch unsterblich. — AVirklich groteske Satiren in grösse- rem Stile tauchen in England, soviel ich sehe, erst viel später auf. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhun- derts ^ erfindet Butler zur Satire des Puritanertums seinen Hudibras. Und er knüpft dabei, wenigstens äusserlich, an frühere groteske Satiren an. Sein Ritter Hudibras und dessen Knappe Ralph sind dem Don Quixote und Sancho Pansa nachgebildet. In ihrem Innern haben sie aber nichts mit einander gemein. Hudibras ist die groteske Karikatur des Puritaners. Schon die äusseren Eigentümlichkeiten jener Sekte treten in seiner Gestalt scharf hervor. Die Einfachheit und Schlichtheit in der Kleidung werden bis zur lächerlichsten Dürftigkeit und zum ekelhaftesten Schmutz verzerrt. Hudibras trägt nur einen Steigbügel und nur einen Sporen ; warum auch zwei Sporen haben? Wenn man die eine Seite des Gaules in Bewegung bringt, so bleibt die andere gewiss nicht zurück. Das Pferd des Ritters ist ein würdiger Nebenbuhler von Don Quixote's Rosinante; es ist einäugig, einige meinen blind, und so steif und mager, dass seine krummen Rippen hoch liegen wie Furchen, und mitten zwischen zweien eine wirkliche Rinne zu laufen scheint. Die Kleidung des Reiters ist bei aller Einfachheit höchst praktisch, denn seine Ho- sen, — nebenbei gesagt, sind sie schon so alt, dass sie die Belagerung von Boulogne (1544) mitgemacht haben, und weiland König Heinrich VIII. waren sie so wohl bekannt, dass einige Geschichtsschreiber meinen , es wären seine eigenen gewesen, — seine Hosen gebraucht er als Pro- viantmagazin, sie sind stets mit Zwieback, Käse und fet- ten Blutwürsten gefüttert ; einen kleinen Übelstand hat dies freilich zur Folge, die Mäuse und Ratten fallen manch-


Zeit gefragt wird, „da musst du mir erst Gargantuas Mund leihen, es wäre ein zu grosses Wort für irgend einen Mund, wie sie heutzutage sind".

^ Der erste Teil erscheint 1663, der zweite 1664, der dritte 1678


Kapitel rV. Die Ausläufer des }:jrotesken Stils und der {^'roleskcn Satirc. 479

mal den Speisevorrat an, und wenn Hudibras dann seine Hand in das eine oder andere Magazin steckt, setzen sie sich tapfer zur Gegenwehr, beissen den Feind blutrün- stig und verlassen die wohlbesetzte Schanze nicht, bis sie mit Sturm herausgeschlagen werden. Aber was fech- ten solche äusseren irdischen Wehen einen so ideal ge- sinnten Ritter, wie Hudibras, welcher berufen ist, die Sün- den aus der Welt zu jagen und das Reich Gottes auf Er- den zu begründen ? Er ist ein Heiliger und weiss es sehr wohl. In die tiefsten Geheimnisse des Himmels ist er ein- geweiht ; er weiss ganz gewiss, in welchem Land das Pa- radies einst prangte, er könnte den Wendekreis angeben, unter welchem es liegt; er kennt den Traum, den Adam träumte, als Eva aus seinen Rippen hervortrat, er weiss, dass Satan hochdeutsch mit ihr sprach , und kann ohne Kommentar und Glossen nachweisen, dass die Schlange vor Adams Fall vier Füsse nebst Klaue und Kralle gehabt hat. Ein solcher Heiliger darf nicht beurteilt werden, wie die übrigen Menschen , und so ist es denn ganz in der Ordnung, wenn der Stallmeister Ralph seinem Herren, der einige Bedenken trägt, einen Eid zu brechen, nach- weist, dass die Heiligen sich sehr wohl einen Meineid bei Gelegenheit erlauben dürfen; Eide sind ja Worte, und Worte sind Wind ; sie A^erhalten sich zu Thaten wie leere Schat- ten zu Wesen. Wenn der Satan die Wahrheit spreche, so oft es ihm diente, so könne man den Frommen nicht verw^ehren, zu lügen, wenn es ihnen nütze, sonst hätte ja der Satan mehr Macht als sie. Wer von seinem inneren Werte so überzeugt ist, der ist zum Weltreformator wie auserkoren. Mit heiligem Eifer zieht denn Hudibras gegen die Sünden der Welt zu Felde. Giebt es ja doch noch so viele Reste des Heidentums, die sammt und sonders ausgemerzt w^erden müssen ! Wie gottlos ist z. B. jene Bärenhetze, die in einem Dorf zum Ergötzen des Volkes abgehalten wird ! Dieser ,,Disputat zwischen Hund und Bär, diese greuliche Fehde, ist ganz gewiss, meint Hudibras, von den Jesuiten angestiftet und wird von schlimmen


480 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Staatsnitcn unterhalten ; es steckt ein machiavellistisches Komplott, ein heimlicher Anschla^r darunter, man will die Wohlgesinnten, denen nichts Böses dabei träume, trennen, und Brüder wider Brüder hetzen, dass sie einander selbst in die Haare geraten und sich zerzausen. Und Ralph^ der Independent, denkt noch schlimmer von der Büren- hetze. Schon allein deshalb sei sie zu verdammen, weil sie in der ganzen heiligen Schrift nirgends erw^ähnt werde; sie sei eine schändliche Versammlung, ein Synodus, der in der Schrift nicht mehr Grund habe, als ,, Synodus classica provincialis oder nationalis, alles lauter creatürliche, von INIenschen erfundene Spinngew^ebe" ; endlich sei die Bären- hetze abgöttisch, denn w^enn die Menschen ihren eigenen Erfindungen^ sie seien Hund oder Bär, oder was sie wol- len, ,,nachhuren"', so sei das nicht weniger heidnisch, wie die Anbetung Bels oder Dagons. Darum fort mit dieser Bärenhetze ! Und denselben Eifer zeigen Hudibras und Ralph bei allen ähnlichen Anlässen. Überall giebt uns der Dichter eine groteske Verzerrung der sophistischen Scheinheiligkeit und düsteren Intoleranz des Puritanertums. Wenn aber die Satire in diesem Werke meist grotesk ^ auftritt, so ist vom grotesken Stile darin nichts zu finden. Dasselbe gilt von einem Werke, das erst viel später das Licht der Welt erblickte, von Swifts Gulliver. Freilich ist der groteske Ton nicht überall getroffen. Ich möchte als echt grotesk nur die Satire der Wissenschaft im 3. Buche


1 Manchmal ist die Satire direkt^ so wenn Butler sagt, die Puritaner fänden sich mit Sünden ab, für die sie passioniert seien, verdammten da- gegen andere, für die sie keine Neigung hätten. Burleskes kommt recht häufig vor. Absichtlich werden die trivialsten Ausdrücke ausgewählt. Es ist ganz besonders die Mythologie, welche in dieses burleske Kleid ge- steckt wird. So heisst es von Phöbus, er habe im Schoosse der Thetis sein Schläfchen gethan und schon verwandle der Morgen, wie ein gesottener Krebs, sein Dunkelbraun in Rot. Burlesk ist auch die Anrufung der Muse. Obgleich es ihm eigentlich einerlei sei, sagt der Dichter, welche Muse er anrufe, so wende er sich doch an die, welche bei Bier und Branntwein schon manchen Dichter veranlasst habe, ganze Stösse von Papier mit Tinte zu beschmieren. Ähnlichen Stellen begegnet man auf Schritt und Tritt.


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satirc und des grotesken Stils. 481

ansehen. Die fiie<»ende Insel, welche durch einen riesigen Magneten in wundersamster Weise dirigiert wird, ist die groteske Verzerrung der übertriebenen Beschäftigung mit der Mathematik und Musik. \^)n Jugend auf werden alle Bewohner dieses Eilands nur in dieser Wissenschaft und Kunst gebildet; und sie sind so begeistert dafür, dass ihr ganzes Leben darin aufgeht. Alles, was sie thun und treiben , muss sich auf diese ihre Lieblingsbeschäftigung beziehen. Ihre Kleider sind mit Figuren von Sonnen, Monden, Sternen verziert und mit J^>ildern von Violinen, Flöten, Harfen, Trompeten, Guitarren geschmückt. Alle Speisen, die ihnen aufgetragen werden, müssen die Form geometrischer Figuren annehmen, die Hammelskeulen die Gestalt gleichseitiger Dreiecke , das Rindfleisch diejenige von Rhomboiden, die Puddings diejenige von Cycloiden u. s. w. In ihre mathematischen Probleme sind sie so ver- tieft, dass sich ihre Frauen in ihrer eigenen Gegenw\art die grössten Freiheiten mit ihren Liebhabern erlauben dürfen — sie merken nichts davon ; ja, sie sind in ihre Grübeleien so versunken, dass, wenn sie nicht Männer aus dem Volke zur Seite hätten, die nicht rechnen können und sie von Zeit zu Zeit durch Klatschen wecken, sie nicht essen, nicht reden und in jede Grube fallen würden.

Von groteskem Stil haben wir aber, wde gesagt, bei Swift keine Spur. Derselbe erlebt hingegen in Sterne 's Tristram Shandy eine verspätete Nachblüte. Man sieht, dass Sterne den Meister des Grotesken, Rabelais, recht fleissig gelesen hat, denn er hat sich einige seiner spe- ziellsten Eigentümlichkeiten ganz zu eigen gemacht. Ge- rade wie sein Vorbild vermeidet er die allgemeinen Re- densai'ten und übertreibt die Präzision bei durchaus neben- sächlichen Dingen. So sagt er nicht etwa ,,mein Vater wurde rot", sondern mein Vater ^.imist Jiavc rcddcned pictorically and scientifically spcakiug six uitole tiitts and a half, if not a füll octave above Ins natural colotir'^. Statt rundweg von Hiobs Geduld zu sprechen, schreibt er von einem Drittel, Viertel, von drei Fünfteln und von

Schnee g ans, Gesch. d. ii"rot. Satirc. 31


482 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais,

der Hälfte von Hiobs Geduld. In Bezug auf die Wunde des Onkels Tobias teilt er uns die nebensächlichsten De- tails mit. Er hatte unsägliche Schmerzen, sagt er, welche aus einer Reihe von Ausschwärmungen des os piibis und des äusseren Randes jenes Teiles des coxendix entstan- den, welcher os ilium genannt wird; beide Knochen wa- ren sowohl durch die unregelmässige Form des Steines, welcher von der Brustwehr absprang, als durch seine Grösse, welche nicht unbedeutend war, jämmerlich zer- trümmert worden ^. — Auch auf andere Eigentümlich- keiten des grotesken Stils stossen wir bei ihm. So ist die Vorliebe für Gleichklang in folgendem Beispiel cha- rakteristisch: ,^of all ihe cants, which are cantcd in this c a nt in g uvrld — thongh the cant of hypocrites rnay bc the licorst — the c ant of criticism is the most toriuenting^^ III 12 u. s. w. 2.

Diese äusserlichen Eigentümlichkeiten stempeln na- türlich Sterne durchaus nicht zu einem grotesken Sati- riker. In seiner ganzen Auffassungsweise und Denkungs- art ist er ein Mann des 18. Jahrhunderts. Er spielt mit diesen Stileigentümlichkeiten, wie eine Katze mit dem Ball; sie sind nicht wie bei Rabelais der Ausfluss seiner satirischen Eigenart. So hat sich denn eine Geschichte der grotesken Satire nur im Vorbeigehen mit ihm zu be- schäftigen. Sie hat ihn nur zu erwähnen, wie sie etw^a Balzac in seinen ^.Contes drolatiques^^ ^ oder Chr. Fr. San- der (geb. 1758) in seiner Nachahmung der Episode des Limusiner Schülers erwähnen würde ^. Nach einem orkan-


1 Ueber Parallelstellen bei Rabelais cf. II. Teil Kap. 1.

2 The Life and Opinions of Tristram Shandy Bd. I p. 42.

3 Auch da sind Rabelais' Slileigentümlichkeiten nachgeahmt. — Über Groteskes in Smolett's Peregrine Pickle cf. Einleitung \>. 54; noch andere groteske Situationen und Witze liessen sich dort und auch sonst in der eng- lischen Litteratur nachweisen, doch haben wir uns hier nur mit der im spe- ziellen Stil sich wiederspiegelnden grotesken Satire zu befassen.

•* cf. Flögel: Geschichte des Burlesken p. 253 „Wie Pantagruel einem Hamburger begegnete, der hochdeutsch sprach, und ein schöner Geist war


Kapitel IV. Die Ausläufer der grotesken Satire und des grotesken Stils. 483

artigen Sturm, der mit furchtbarer Gewalt getobt, fallen noch lange Stunden nachher von den nassen Blättern der Bäume hie und da einzelne Tropfen auf die Erde, und doch lacht die Sonne schon längst am blauen Himmels- zelt. Im 17., im 18 und auch noch manchmal in unserm Jahrhundert treffen hie und da die dem 1(3. Jahrhundert -eigentümlichen Laute unser Ohr. Aber sie klingen fremd und befremdend ^ Im Zeitalter der AUongeperrüke, des Zopfes und des schwarzen Cylinders findet sich Gargantua nicht zurecht. Was soll der ungeschlachte Riese mit einem zimperlichen Marquisdegen, wenn er die schwere Keule zu schwingen gewohnt ist, was soll er mit den engen Kniehosen, wo seiner unentbehrlichen ^^hragnctt&^ ihr ge- l)ührendes Recht nicht würde, was soll er mit w^eissen Glacehandschuhen, die ihn genieren würden, wenn er die Faust ballen wollte? Er ist ein Kind des 16. Jahrhunderts und würde zum Zwerge verkümmern, wenn man ihn in die engen Schranken späterer Jahrhunderte einzwängen AvoUte. Wir lachen nicht mehr wie im 16. Jahrhundert.

(zur Verlachung von Klopstocks sklavischen Anbetern). Pantagruel gelit Abends mit seinen Freunden vor dem Thor spazieren, und begegnet einem etwas sonderbar aussehenden ISIanne. Er grüsst und fragt ihn: Woher kommen Sie, mein Herr? — Von der breitweitströmendeneibebeherrschen- dea Burg des Ham, — Vielleicht haben Sie in Hamburg das Gymnasium frequentiert? — Ja, antwortet er. ich diene den Honigseimsüssererdeträu- felnden kegelzahlhaltenden Jungfrauen imd nenne mich des waldgebüsch- bedämmernden pindusumflügelnden Pegasus schenkelgrossallmächtigen hahn- gleichsporntragenden Reiter u. s. w,

1 z, B. Abraham a Santa Clara. Einige Eigentümlichkeiten des gro- tesken Stils linden sich bei ihm. Für jeden Begriff stehen ihm im Moment silmtliche Synonyma zu Gebote. Um auf das Gedächtnis seiner Lehrer besser einzuwirken, bringt er eine ungeheuere Menge von Beispielen, oft für ganz nebensächliche Dinge. So zählt er z. B. alle Heiligen auf, die an dem Todestage eines Mannes, dessen Leichenrede eben gehalten wird, ge- storben sind. Am ausgesprochensten ist seine A'orliebe für das Wortspiel. Wie bekannt, sind einige derselben später in die Kajnizinerpredigt in Wal- lensieins Lager aufgenommen worden; Der Rheinstrom ist ein Peinstrom worden durch lauter Krieg, und andere Länder sind in lauter Elender ver- kehrt worden u. s. w.


484 Dritter Teil: Die Zeit nach Rabelais.

Für das Burleske haben wir zwar Sinn — denn die Ur- sache des burlesken Lachens wird aus der Welt nicht so leicht schwinden. In unsern Witzblättern, auf unsern Bühnen, in unsern Zeitungen stossen wir oft auf burleske Bilder und Witze der verschiedensten Arten, aber gro- teske Karikaturen und Satiren verschwinden unter der Menge der andern i. Wir könnten sie auch nur in ge- ringen Dosen vertragen. Das unmässige Lachen des Rie- sen wairde unser Trommelfell zu sehr erschüttern. Wir sind ein winziges, nervöses, kränkliches Geschlecht im Vergleich zu jenen gesunden, jovialen, urkräftigen Ge- stalten, die nicht pessimistisch und blasiert vor sich hin- blickten^ sondern mutig und resolut der Zukunft in die Augen schauten. Sie hatten ihre Freude am Leben und konnten lachen; wir verzweifeln nur zu leicht am Da- sein und brins^en es nur zu einem trüben Lächeln.


1 Eine Ausnahme macht höch'^tens die Heidelber^^er Sammlung. Sonst sehe man aber die Sammlungen Grand-Carteret's, Champfleuiy's und Wright's durch, und man wird staunen, dass so wenig groteske Karikaturen sich darin finden. Einige der wenigen haben wir in der Einleitung erwähnt, so das Birnengesicht L. Ph.'s, den dicken Cambaceres, die ungeheuere Xase von Bouginier u. s. w. Die meisten der modernen grotesken Karikaturen betreffen die Mode, z. B. die kolossalen Coift'uren, die zur Zeit Ludwigs XVI. sogar die Höhe des zweiten Stockes erreichen, oder die Krinolinen, die zur Glocke verzerrt werden, und die engen Kleider, die zum geschlossenen Regenschirm werden. In den englischen Karikaturen (cf. AVright) haben wir, soviel ich sehe, nichts, was die tolle Höhe des Grotesken erreichte. Hogarth's Bilder sind eher illustrierte Komödien, so Harlott's Progress. Manchmal sind sie auch Illustrationen grotesker Witze, haben aber selbst nichts groteskes. Sie sind dann derselben Art, wie jene Verspottung zu grosser Pflichttreue in den fliegenden Blättern: Ein während des Badens von einem Hailisch erfasster Buchhalter ruft seinem Kollegen zu: „Herr Müller, ich bitte mich morgen im Bureau zu entschuldigen". Das die Scene darstel- lende Bild hat nichts Groteskes. Grotesk sind dagegen z. B. die Zimmer- einrichtungen passionierter Karten-, Domino-, Würfel- und Schachspieler, wo alles im Zimmer befindliche, Lampen, Blumentöpfe, Pfeifen, Tisch, Uhr, Kaffeekanne, Kleider, Vorhänge, Fussboden die Form der betreffenden Spiele annimmt. Solche Bilder sind aber selten in unsern modernen Witzblättern.


SCHLUSS.

Unsere bisherige Darlegung wird wohl gezeigt haben, dass die groteske Satire mit dem Renaissancezeitalter in Italien einsetzt, im Laufe des 16. Jahrhunderts in Frank- reich und Deutschland ihre Blüte feiert und gegen Ende des Reformationszeitalters allmählich ihrem Verfalle ent- gegengeht. Wir machten am Ende des vorigen Kapitels bereits einige Andeutungen über die Gründe, welche diese Erscheinung bedingen. Nunmehr ist es an der Zeit genau zu untersuchen, weshalb die Entwickelung dieser beson- deren Art A^on Satire gerade in die Zeit der Renais- sance und Reformation fällt. Die Gründe werden naturgemäss in den Kultur Verhältnissen zu suchen sein 1. Denn jede Litteraturgattung ist das getreue Spie- gelbild ihrer Zeit.

Einige der hervorstechendsten Züge des Renaissance- und Reformationszeitalters lassen sich nun unverkennbar in den hervorragendsten Eigentümlichkeiten der grotesken Satire erkennen. Das treibende Motiv unserer Satire ist, Avie wir wissen, die bis zur Unmöglichkeit gesteigerte Übertreibung. Derselbe Zug ins Grosse, Kolossale,

^ ]Meine diesbezüglichen Angaben stützen sich, soweit sie italienische Verhältnisse betreffen, auf Burckhardt: Cultur der Renaissance. Sonst habe ich folgende Schriften zu Rate gezogen: Bourciez: Les moeurs po- lies et la litterature de cour sous Henri II. 1886. Marcks: Coligny I. Bd.; Decrue de Stoutz: La Cour de France 1888: Voigt: Moritz von Sachsen; Bonnefon: Montaigne, l'homme et l'oeuvre 1893; Haus er: Fran9ois de la Neue; De Gouberville: Journal 1553/62, Ausgabe v. Tollemer 1879; Pingau d: Les Saulx-Tavanes 1876; Baum: Theodor Beza; Agrippa d'Aubigne: Mcmoires; Brantöme: Les Vies des dames Galantes de son temps.


480 Schluss.

Übertriebene, Unmögliche erfasste damals alle Men- schen. Der Humanist — um mit dem bedeutendsten Stande zur Zeit der Renaissance zu beginnen — will alles wissen, alles ergründen. Er begnügt sich nicht mit einem Studium, er umfasst alle Wissenschaften. Rabelais ist zugleich Theolog, Professor der Medizin und praktischer Arzt, Philologe und zwar nicht bloss ein vorzüglicher Lateiner und Grieche, der alles Bekannte gelesen und studiert hat, sondern er hat auch hebräische Kenntnisse und zeigt grosse Vertrautheit mit den neueren Sprachen,, daneben verschmäht er es durchaus nicht auf dem Ge- biete der Naturwissenschaften sich zu bilden, oder in. Jurisprudenz mitzusprechen oder über philosophische und pädagogische Fragen nachzudenken. Und w^as er selbst thut, das verlangt er auch von den andern. Eine Über- bürdungsfrage kennt er ebenso wenig wie seine Zeit- genossen. Im Programme des kleinen Gargantua darf dem Lernen keine Stunde am Tage verloren gehen; sogar während der Riese sich anzieht, während er isst und trinkt, wird ihm vorgelesen, ja selbst an dem Orte, w^a man gewöhnlich am ungestörtsten zu sein wünscht i, wie- derholt sein Lehrer mit ihm, was gelesen worden ist^ und erklärt ihm gerade dort die dunkelsten und schwie- rigsten Punkte. Und auf dem Rückwege ins Zimmer treiben sie Astronomie. Nur zu einem ist Rabelais zu vernünftig. Von Astrologie, Magie und Alchimie, den schwarzen Teufelskünsten, denen sich damals soviele, nach dem Vorbilde des Dr. Faust, ergaben, will er nichts wis- sen. Sonst aber ist er ein echter Nachkomme der italie- nischen Humanisten, welche, wie Pico de la Mirandola, mit der natürlichsten Miene von der Welt Vorlesungen ankündigten ^^de omnibiis rebus et quihiisdani aliis^^. Und


1 I Cap. XXIII: „Puis alloit es lieux secrets, faire excretion des digestions naturelles. La son precepteur repetoit ce que avoit este leu, lui exposant les poincts plus obscurs et plus difficiles. Eux, retournans, con- sideroient Testat du ciel . . .".


Schluss. 4S7

mit welchem Eifer wurde damals studiert! Nur die Re- naissance konnte Milnner hervorbrinii^en, wie Pomponius Lact US, der schon vor Ta.£(e mit seiner Lampe vom Es- quilin herabstieg und seinen Hörsaal bereits <i^edräni2,t voll iand, da die jungen Leute schon um Mitternacht herkamen, um sich einen Platz zu sichern. Nur in der Renaissance konnte es geschehen, dass man sich bis zur äussersten Entbehrung anstrengte, um die Schriften der Alten zu sammeln! Stürzte sich doch Papst Nikolaus V. schon als Mönch in Schulden, um Codices zu kaufen oder ab- schreiben zu lassen, wandte der Florentiner N i c c o 1 ö N i c c o 1 i doch sein ganzes Vermögen auf Erwerb von Büchern, sagte doch Andreolo de Ochis (14. Jhdt.), er hätte gerne Haus und Hof, seine Frau und sich selber hergegeben, um seine Bibliothek zti vergrössern!

Diese übertriebene Begeisterung für die Bildung be- schränkte sich aber nicht bloss auf die Gelehrten, Alfons der Grosse von Aragon, König von Neapel, liess sich täglich den Livius erklären, selbst im Lager, während seiner Feldzüge ; bei der Restauration seines Schlosses nahm er den Vitruv zur Hilfe; er hielt den Tag für verloren, an dem er nichts gelesen hatte, und achtete die Gelehrten so hoch, dass er den Giannozzo Mannetti unter den glänzendsten Bedingungen zum Se- kretär nahm und ihm versicherte, sein letztes Brot würde er mit ihm teilen. Franz L von Frankreich, welcher unablässig bemüht w^ar, die bedeutendsten Humanisten an seinen Hof zu ziehen, der keine Kosten scheute, um eine gewaltige Bibliothek zusammenzubringen und an dem von ihm gegründeten College royal den Unterricht unent- geltlich erteilen liess, galt bei seinen Zeitgenossen als der Vater und Wiederhersteller der wahren Bildung. Mit Be- geisterung sagt Robert Estienne von ihm in seiner grie- chischen Vorrede zum Eusebius, dass er beinahe tagtäg- lich und zum Erstaunen Aller sich in Unterredungen mit den gelehrtesten Männern über alle möglichen Wissen- schaften eingelassen. Man erzählt sich von ihm, dass er


48S Schluss.

den Robert vStcphanus in seiner Jiuehdriukerei der rue S^ Jean de Bcauv^ais aufsuchte und sogar einmal zu war- ten geruhte, um den mit der Durchsieht eines Korrektur- bogens beschäftigten Gelehrten nicht zu stören. Budaeus prophezeite ihm wegen seiner Wiederherstellung der klas- sischen Studien ebenso grossen Ruhm ^,quam olirn Romae fiiit Allgusto Parthica signa tanto intervallo in ttrbem retiilisse^^ und die vorzüglichsten Männer seiner Zeit, ein Erasmus, ein Heroet, ein Maret, ein Pasquier, selbst Gas- pard de Tavannes stimmen in dasselbe Lob mit ein.

Und die Bildung erstreckte sich sogar auf Kreise, wo wir sie nicht zu erw^arten gewohnt sind. Selbst rauhe Krieger, die ihr Leben im Zeltlager verbrachten, wie la Noue, fanden Zeit und Lust neben den religiösen Schriften eines Calvin, neben der Bibel und den Kirchen- vätern, neben den italienischen und französischen vSchrift- stellern auch die klassische Litteratur s