Nightwatches  

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First sentence: "Die Nachtstunde schlug. Ich hüllte mich in meine abenteuerliche Vermummung, nahm Puke und Horn zu Hand und schützte mich durch ein Kreuz gegen die bösen Geister geschützt hatte."

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Kunstformen der Natur (1904) by Ernst Haeckel
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Kunstformen der Natur (1904) by Ernst Haeckel

Nachtwachen (English Nightwatches), which appeared late in 1804 bearing the publication date 1805) is a novel published under the pseudonym Bonaventura generally attributed to Ernst August Friedrich Klingemann. The novel presents a harsh indictment of social corruption, of lost values, and of illusory literature. The novel is an example of the German Bildungsroman. For generations scholars have ascribed the text to one of his contemporaries Jean Paul, E. T. A. Hoffmann, Clemens Brentano, F.W.J. Schelling or less Karl Friedrich Gottlob Wetzel.

From the publisher of the Gerald Gillespie translation:

a dark, twisted, and comic novel, one part Poe and one part Beckett. The narrator and anti-hero is not Bonaventura, but a night watchman named Kreuzgang, a failed poet, actor, and puppeteer who claims to be the spawn of the devil himself. As a night watchman, Kreuzgang takes voyeuristic pleasure in spying on the follies of his fellow citizens, and every night he makes his rounds and stops to peer into a window or door, where he observes framed scenes of murder, despair, theft, romance, and other private activities. In his responses, Kreuzgang is cynical and pessimistic, yet not without humor. For him, life is a grotesque, macabre, and base joke played by a mechanical and heartless force. ... Organized into sixteen separate night watches, the sordid scenes glimpsed through parted curtains, framed by door chinks, and lit by candles and shadows anticipate the cinematic. A cross between the gothic and romantic, The Nightwatches of Bonaventura is brilliant in its perverse intensity, presenting an inventory of human despair and disgust through the eyes of a bitter, sardonic watcher who draws laughter from tragedy.

Full text[1]

August Klingemann Die Nachtwachen des Bonaventura [9] Erste Nachtwache Die Nachtstunde schlug; ich hüllte mich in meine abenteuerliche Vermummung, nahm die Pike und das Horn zur Hand, ging in die Finsterniß hinaus und rief die Stunde ab, nachdem ich mich durch ein Kreuz gegen die bösen Geister geschützt hatte.

Es war eine von jenen unheimlichen Nächten, wo Licht und Finsterniß schnell und seltsam mit einander abwechselten. Am Himmel flogen die Wolken, vom Winde getrieben, wie wunderliche Riesenbilder vorüber, und der Mond erschien und verschwand im raschen Wechsel. Unten in den Straßen herrschte Todtenstille, nur hoch oben in der Luft hauste der Sturm, wie ein unsichtbarer Geist.

Es war mir schon recht, und ich freute mich über meinen einsam wiederhallenden Fußtritt, denn ich kam mir unter den vielen Schläfern vor wie der Prinz im Mährchen in der bezauberten Stadt, wo eine böse Macht jedes lebende Wesen in Stein verwandelt hatte; oder wie ein einzig Übriggebliebener nach einer allgemeinen Pest oder Sündfluth.

Der letzte Vergleich machte mich schaudern, und ich war froh ein einzelnes mattes Lämpchen noch hoch oben über der Stadt auf einem freien Dachkämmerchen brennen zu sehen.

[9] Ich wußte wohl, wer da so hoch in den Lüften regierte; es war ein verunglückter Poet, der nur in der Nacht wachte, weil dann seine Gläubiger schliefen, und die Musen allein nicht zu den letzten gehörten.

Ich konnte mich nicht entbrechen folgende Standrede an ihn zu halten:

»O du, der du da oben dich herumtreibst, ich verstehe dich wohl, denn ich war einst deinesgleichen! Aber ich habe diese Beschäftigung aufgegeben gegen ein ehrliches Handwerk, das seinen Mann ernährt, und das für denjenigen, der sie darin aufzufinden weiß, doch keinesweges ganz ohne Poesie ist. Ich bin dir gleichsam wie ein satirischer Stentor in den Weg gestellt und unterbreche deine Träume von Unsterblichkeit, die du da oben in der Luft träumst, hier unten auf der Erde regelmäßig durch die Erinnerung an die Zeit und Vergänglichkeit. Nachtwächter sind wir zwar beide; schade nur daß dir deine Nachtwachen in dieser kalt prosaischen Zeit nichts einbringen, indeß die meinigen doch immer ein Übriges abwerfen. Als ich noch in der Nacht poesirte, wie du, mußte ich hungern, wie du, und sang tauben Ohren; das letzte thue ich zwar noch jetzt, aber man bezahlt mich dafür. O Freund Poet, wer jezt leben will, der darf nicht dichten! Ist dir aber das Singen angebohren, und kannst du es durchaus nicht unterlassen, nun so werde Nachtwächter, wie ich, das ist noch der einzige solide Posten wo es bezahlt wird, und man dich nicht dabei verhungern läßt. – Gute Nacht, Bruder Poet.«

[10] Ich blickte noch einmal hinauf, und gewahrte seinen Schatten an der Wand, er war in einer tragischen Stellung begriffen, die eine Hand in den Haaren, die andre hielt das Blatt, von dem er wahrscheinlich seine Unsterblichkeit sich vorrezitirte.

Ich stieß ins Horn, rief ihm laut die Zeit zu, und ging meiner Wege. –

Halt! dort wacht ein Kranker – auch in Träumen, wie der Poet, in wahren Fieberträumen!

Der Mann war ein Freigeist von jeher, und er hält sich stark in seiner letzten Stunde, wie Voltaire. Da sehe ich ihn durch den Einschnitt im Fensterladen; er schaut blaß und ruhig in das leere Nichts, wohin er nach einer Stunde einzugehen gedenkt, um den traumlosen Schlaf auf immer zu schlafen. Die Rosen des Lebens sind von seinen Wangen abgefallen, aber sie blühen rund um ihn auf den Gesichtern dreier holder Knaben. Der jüngste droht ihm kindlich unwissend in das blasse starre Antlitz, weil es nicht mehr lächeln will, wie sonst. Die andern beiden stehen ernst betrachtend, sie können sich den Tod noch nicht denken in ihrem frischen Leben.

Das junge Weib dagegen mit aufgelößtem Haar und offner schöner Brust, blickt verzweifelnd in die schwarze Gruft, und wischt nur dann und wann den Schweiß, wie mechanisch von der kalten Stirn des Sterbenden.

[11] Neben ihm steht, glühend vor Zorn, der Pfaff mit aufgehobenem Kruzifixe, den Freigeist zu bekehren. Seine Rede schwillt mächtig an wie ein Strom, und er mahlt das Jenseits in kühnen Bildern; aber nicht das schöne Morgenroth des neuen Tages und die aufblühenden Lauben und Engel, sondern, wie ein wilder Höllenbreugel, die Flammen und Abgründe und die ganze schaudervolle Unterwelt des Dante.

Vergebens! der Kranke bleibt stumm und starr, er sieht mit einer fürchterlichen Ruhe ein Blatt nach dem andern abfallen, und fühlt wie sich die kalte Eisrinde des Todes höher und höher zum Herzen hinaufzieht.

Der Nachtwind pfiff mir durch die Haare und schüttelte die morschen Fensterladen, wie ein unsichtbarer herannahender Todesgeist. Ich schauderte, der Kranke blickte plötzlich kräftig um sich, als gesundete er rasch durch ein Wunder und fühlte neues höheres Leben. Dieses schnelle leuchtende Auflodern der schon verlöschenden Flamme, der sichere Vorbote des nahen Todes, wirft zugleich ein glänzendes Licht in das vor dem Sterbenden aufgestellte Nachtstück, und leuchtet rasch und auf einen Augenblick in die dichterische Frühlingswelt des Glaubens und der Poesie. Sie ist die doppelte Beleuchtung in der Corregios Nacht, und verschmilzt den irdischen und himmlischen Strahl zu Einem wunderbaren Glanze.

Der Kranke wieß die höhere Hoffnung fest und entschieden zurück, und führte dadurch einen großen Moment herbei. Der Pfaff donnerte ihm zornig in die Seele und mahlte jezt mit Flammenzügen wie ein Verzweifelnder, [12] [14]und bannte den ganzen Tartarus herauf in die letzte Stunde des Sterbenden. Dieser lächelte nur und schüttelte den Kopf.

Ich war in diesem Augenblicke seiner Fortdauer gewiß; denn nur das endliche Wesen kann den Gedanken der Vernichtung nicht denken, während der unsterbliche Geist nicht vor ihr zittert, der sich, ein freies Wesen, ihr frei opfern kann, wie sich die Indischen Weiber kühn in die Flammen stürzen, und der Vernichtung weihen.

Ein wilder Wahnsinn schien bei diesem Anblicke den Pfaffen zu ergreifen, und getreu seinem Karakter redete er jezt, indem ihm das Beschreiben zu ohnmächtig erschien, in der Person des Teufels selbst, der ihm am nächsten lag. Er drückte sich wie ein Meister darin aus, ächt teufelisch im kühnsten Style, und fern von der schwachen Manier des modernen Teufels.

Dem Kranken wurde es zu arg. Er wendete sich finster weg, und blickte die drei Frühlingsrosen an, die um sein Bette blüheten. Da loderte die ganze heiße Liebe zum letztenmale in seinem Herzen auf, und über das blasse Antlitz flog ein leichtes Roth, wie eine Erinnerung. Er ließ sich die Knaben reichen, und küßte sie mit Anstrengung, dann legte er das schwere Haupt an die hochwallende Brust des Weibes, stieß ein leises, Ach! aus, das mehr Wollust als Schmerz schien, und entschlief liebend im Arm der Liebe.

Der Pfaff seiner Teufelsrolle getreu, donnerte ihm, der Bemerkung gemäß, daß das Gehör bei Verstorbenen [14] noch eine längere Zeit reizbar bleibt, in die Ohren, und versprach ihm in seinem eigenen Namen fest und bündig, daß der Teufel nicht nur seine Seele, sondern auch seinen Leib abfodern würde.

Somit stürzte er fort, und hinaus auf die Gasse. Ich war verwirrt worden, hielt ihn in der Täuschung wahrhaft für den Teufel, und sezte ihm, als er an mir vorüberfahren wollte, die Pike auf die Brust. »Geh zum Teufel!« sagte er schnaubend, da besann ich mich und sagte: »Verzeiht, Hochwürdiger, ich hielt euch in einer Art Besessenheit für ihn selbst, und sezte euch deshalb die Pike, als ein »Gott sei bei uns!« aufs Herz. Haltet mir's diesmal zu Gute!«

Er stürzte fort.

Ach! dort im Zimmer war die Szene lieblicher worden. Das schöne Weib hielt den blassen Geliebten still in ihren Armen, wie einen Schlummernden; in schöner Unwissenheit ahnte sie den Tod noch nicht, und glaubte, daß ihn der Schlaf zum neuen Leben stärken werde – ein holder Glaube, der im höhern Sinne sie nicht täuschte. Die Kinder knieten ernst am Bette, und nur der jüngste bemühete sich den Vater zu wecken, während die Mutter, ihm schweigend mit den Augen zuwinkend, die Hand auf sein umlocktes Haupt legte.

Die Szene war zu schön; ich wandte mich weg, um den Augenblick nicht zu schauen, in dem die Täuschung schwände.

[15] Mit gedämpfter Stimme sang ich einen Sterbegesang unter dem Fenster, um in dem noch hörenden Ohre den Feuerruf des Mönchs durch leise Töne zu verdrängen. Den Sterbenden ist die Musik verschwistert, sie ist der erste süße Laut vom fernen Jenseits, und die Muse des Gesanges ist die mystische Schwester, die zum Himmel zeigt. So entschlummerte Jakob Böhme, indem er die ferne Musik vernahm, die Niemand, ausser dem Sterbenden hörte.

[16] Zweite Nachtwache Die Stunde rief mich wieder zu meiner nächtlichen Handthierung; da lagen die öden Straßen, wie zugedeckt vor mir, und nur dann und wann flog ein Wetterleuchten luftig und rasch durch sie hin, und weit, weit in der Ferne murmelte es drein wie unverständlicher Zauberspruch.

Mein Poet hatte das Licht ausgelöscht, weil der Himmel leuchtete und er dies leztere für wohlfeiler und poetischer zugleich hielt. Er schauete hoch droben in die Blitze hinein, im Fenster liegend, das weiße Nachthemd offen auf der Brust, und das schwarze Haar struppig und unordentlich um den Kopf. Ich erinnerte mich an ähnliche überpoetische Stunden, wo das Innere Sturm ist, der Mund im Donner reden, und die Hand statt der Feder den Blitz ergreifen möchte, um damit in feurigen Worten zu schreiben. Da fliegt der Geist von Pole zu Pole, glaubt das ganze Universum zu überflügeln, und wenn er zulezt zur Sprache kommt – so ist es kindisch Wort, und die Hand zerreißt rasch das Papier.

Ich bannte diesen poetischen Teufel in mir, der am Ende immer nur schadenfroh über meine Schwäche aufzulachen pflegte, gewöhnlich durch das Beschwörungsmittel der Musik. Jezt pflege ich nur ein paarmal gellend ins Horn zu stoßen, und da geht's auch vorüber.

[17] Überall kann ich allen denen, die sich vor ähnlichen poetischen Überraschungen wie vor einem Fieber scheuen, den Ton meines Nachtwächterhorns als ein ächtes antipoeticum empfehlen. Das Mittel ist wohlfeil und von großer Wichtigkeit zugleich, da man in jetziger Zeit mit Plato die Poesie für eine Wuth zu halten pflegt, mit dem einzigen Unterschiede, daß jener diese Wuth vom Himmel und nicht aus dem Narrenhause herleitete.

Mag dem indeß sein, wie ihm wolle, so bleibt es doch heut zu Tage mit der Dichterei überall bedenklich, weil es so wenig Verrückte mehr giebt, und ein solcher Überfluß an Vernünftigen vorhanden ist, daß sie aus ihren eigenen Mitteln alle Fächer und sogar die Poesie besetzen können. Ein rein Toller, wie ich, findet unter solchen Umständen kein Unterkommen. Ich gehe deshalb auch nur jetzt blos noch um die Poesie herum, das heißt, ich bin ein Humorist worden, wozu ich als Nachtwächter die meiste Muße habe. –

Meinen Beruf zum Humoristen müßte ich hier freilich wohl zuvor erst darthun, allein ich lasse mich nicht darauf ein, weil man es überhaupt jezt mit dem Berufe selbst so genau nicht nimmt, und sich dagegen mit dem Rufe allein begnügt. Giebt es doch auch Dichter ohne Beruf, durch den bloßen Ruf – und somit ziehe ich mich aus dem Handel.

Eben flammte ein Bliz durch die Luft, da schlichen drei an der Kirchhofsmauer hin wie Karnevalslarven. Ich rief sie an, doch war's schon wieder Nacht rings um, und ich sah nichts, als einen glühenden Schweif und ein paar [18] [20]feurige Augen, und zu dem fernen Donner murmelte eine Stimme in der Nähe, wie zu einer Don Juans Begleitung: »Thu was deines Amtes ist, Nachtrabe; aber mische dich nicht ins Geisterwerk!«

Das war mir doch etwas zu arg, und ich warf meine Pike dahin wo die Stimme her kam; eben blizte es wieder – da waren die drei in Luft zerronnen, wie Makbeths Hexen.

»Erkennt ihr mich nicht für einen Geist an;« – rief ich noch zornig hinterdrein, in der Hoffnung daß sie's vernähmen – »und doch war ich Poet, Bänkelsänger, Marionettendirekteur und alles dergleichen Geistreiches nach einander. Ich möchte doch Eure Geister gekannt haben im Leben – wenn ihr anders wirklich bereits daraus seid! – ob sich der Meinige mit ihnen nicht hätte messen können; oder habt ihr einen Zusatz von Geist erhalten nach eurem Tode, wie wir das Beispiel bei manchen großen Männern erfuhren, die erst nach ihrem Tode berühmt wurden, und deren Schriften durch das lange Liegen an Geist gewannen; gleich dem Weine der mit dem zunehmenden Alter geistreicher wird.« –

Jezt war ich der Wohnung des exkommunizirten Freigeistes bis auf einige Schritte nahe gekommen. Aus der offenen Thür legte sich ein matter Schein in die Nacht hinein, und floß oft seltsam mit dem Wetterleuchten zusammen, auch murmelte es vernehmlicher von den fernen Bergen herüber, wie wenn das Geisterreich sich ernstlich ins Spiel zu mischen gedächte.

[20] Auf der Hausflur war der Todte, der üblichen Sitte gemäß, offen ausgestellt, um ihn her brannten wenige ungeweihte Kerzen, weil der Pfaff, teuflischen Andenkens, die Weihe verweigert hatte. Der Verstorbene lächelte in seinem festen Schlafe darüber, oder über seinen eignen thörichten Wahn, den das Jenseits widerlegt hatte, und sein Lächeln glänzte wie ein ferner Wiederschein vom Leben über die starren vom Tode verfestigten Züge.

Durch eine lange, wenig erleuchtete Halle, schaute man in eine schwarz behängte Nische; dort knieten unbeweglich die drei Knaben und die blasse Mutter vor einem Altare – die Gruppe der Niobe mit ihren Kindern – in stummes angstvolles Gebet versunken, um Leib und Seele des Verstorbenen dem Teufel, dem der Pfaff sie zugesprochen, zu entreißen.

Der Bruder des Abgeschiedenen allein, ein Soldat, hielt im festen sichern Glauben an den Himmel und an seinen eigenen Muth, der es mit dem Teufel selbst aufzunehmen wagte, Wache an dem Sarge. Sein Blick war ruhig und erwartend, und er schaute abwechselnd in das starre Antlitz des Todten und in das Wetterleuchten, das oft feindlich durch den matten Schein der Kerzen zuckte; sein Säbel lag gezogen auf der Leiche, und glich mit seinem wie ein Kreuz gestalteten Griffe einer geistlichen und weltlichen Waffe zugleich.

Übrigens herrschte Todtenstille rings um, und außer dem fernen Murren des Gewitters und dem Knistern der Kerzen vernahm man nichts.

[21] So bliebs, bis in einzelnen ernsten Schlägen die Klocke Mitternacht ankündigte; – da führte plözlich der Sturmwind hoch oben in den Lüften die Gewitterwolke wie ein nächtliches Schreckbild herüber, und bald hatte sie ihr Grabtuch am ganzen Himmel ausgebreitet. Die Kerzen um den Sarg verlöschten, der Donner brüllte zürnend, wie eine aufrührerische Macht herunter und rief die festen Schläfer auf, und die Wolke spie Flamme auf Flamme aus, wodurch das starre blasse Antliz des Todten allein grell und periodisch beleuchtet wurde.

Ich sah jezt, daß der Säbel des Soldaten durch die Nacht blizte, und dieser sich muthig zum Kampfe rüstete.

Es währte auch nicht lange – die Luft warf Blasen auf, und die drei Makbeths Geister waren plötzlich wieder sichtbar, wie wenn der Sturmwind sie beim Scheitel herangewirbelt hätte. Der Blitz beleuchtete verzogene Teufelslarven und Schlangenhaar, und den ganzen höllischen Apparat.

Mich faßte in dem Augenblicke der Teufel bei einem Haare, und als sie die Gasse herauffuhren, mischte ich mich rasch unter sie. Sie stuzten, wie wenn sie auf bösen Wegen gingen, über den vierten ungebetenen der zu ihnen stieß. »Nun zum Teufel! Kann der Teufel auch auf guten Wegen gehen!« rief ich wildlachend aus. »Drum laßt euch nicht irren, daß ich euch auf bösen antreffe. Ich bin eures Gleichen, Brüder, ich mache mit euch Gemeinschaft!« – [22] [24]Das brachte sie wahrhaftig in Verlegenheit. Der Eine stieß ein »Gott sei bei uns!« aus, und kreuzte sich, was mich Wunder nahm, weshalb ich ausrief: »Bruder Teufel fall nicht so hart aus dem Karakter, ich möchte sonst beinahe an dir selbst verzweifeln und dich für einen Heiligen halten, zum mindesten für einen Geweihten. – Überlege ich's indeß reiflicher, so muß ich dir wohl eher Glück wünschen, daß du endlich auch das Kreuz verdauet hast, und von Haus aus ein eingefleischter Teufel, dich dem Scheine nach zu einem Heiligen ausbildetest!«

An der Sprache mochten sie es endlich weg haben, daß ich nicht einer ihres Gleichen wäre, und sie fuhren alle drei auf mich ein, und sprachen nun gar in einem ächt klerischen Tone von Exkommuniziren, u.d. gl. wenn ich sie in ihrer Handthierung stören würde.

»Sorgt nicht,« erwiederte ich, »ich habe bisher wahrlich an den Teufel nicht geglaubt, doch seit ich euch gesehen, ist er mir klar worden, und ich bin gewiß, daß ihr zunftfähig seid. Macht eure Sachen ab, denn mit der Hölle und der Kirche kann's kein armer Nachtwächter aufnehmen.«

Dahin fuhren sie, ins Haus hinein. Ich folgte bedenklich nach.

Es war ein furchtbares Schauspiel, Blitz und Nacht wechselten Schlag auf Schlag. Jezt war es hell und man sah das Handgemenge der drei um den Sarg und das Blitzen des Säbels in der Hand des eisenfesten Kriegsmannes, dazwischen schauete der Todte mit seinem blassen [24] starren Gesichte unbeweglich wie eine Larve. Dann war es wieder tiefe Nacht, und nur fern, im Hintergrunde der Nische ein matter Schimmer und die knieende Mutter mit den drei Kindern rang im verzweifelnden Gebet.

Es ging alles still und ohne Worte zu; aber jezt krachte es auf einmal zusammen, wie wenn der Teufel die Oberhand erhielte. Die Blitze wurden sparsamer und es blieb längere Zeit Nacht. Nach einem Weilchen indeß fuhren zwei rasch zur Thür heraus, und ich sah es durch die Finsterniß bei dem Leuchten ihrer Augen – sie trugen wirklich einen Todten mit sich fort.

Da stand ich, in mich hineinfluchend vor der Thür; auf der Flur war es ganz finster, keine Seele regte sich, und ich glaubte auch dem wackeren Kriegsmanne, zum mindesten, den Hals gebrochen.

In diesem Augenblicke flammte ein heftiger Blitz, mit dem sich die Gewitterwolke völlig entlud, und blieb, gleichsam wie eine aufgepflanzte Fackel, eine zeitlang in der Luft, ohne zu verlöschen. Da sah ich den Soldaten wieder ruhig und kalt am Sarge stehen, und die Leiche lächelte wie zuvor – aber, o Wunder! dicht neben dem lächelnden Todtenantlitze grinsete eine Teufelslarve, und der Rumpf fehlte zum Ganzen, und ein purpurrother Blutstrom färbte das weiße Sterbegewand des schlafenden Freigeistes. –

Schaudernd wickelte ich mich in meinen Mantel, vergaß es, zu blasen und die Stunde abzusingen und floh meiner Hütte zu.

[25] Dritte Nachtwache Wir Nachtwächter und Poeten kümmern uns um das Treiben der Menschen am Tage, in der That wenig; denn es gehört zur Zeit zu den ausgemachten Wahrheiten: Die Menschen sind wenn sie handeln höchst alltäglich und man mag ihnen höchstens wenn sieträumen einiges Interesse abgewinnen.

Aus diesem Grunde erfuhr ich denn auch von dem Ausgange jener Begebenheit nur Unzusammenhängendes, das ich eben so unzusammenhängend mittheilen will.

Über den Kopf zerbrach man sich am meisten die Köpfe, war es doch kein gewöhnlicher, sondern ein wahrhaftes Teufelshaupt. Die Justiz, der es vorgelegt wurde, wies die Sache von sich, indem sie äußerte, daß die Köpfe eben nicht in ihr Fach schlügen. Es war in der That ein böser Handel und man gerieth sogar in Streit darüber, ob man gegen den Soldat criminaliter verfahren, indem er einen Todschlag begangen, oder ihn vielmehr kanonisiren müße, weil der Erschlagene der Teufel. Aus dem leztern entsprang wieder ein neues Übel; es wurde nemlich in mehreren Monaten keine Absolution mehr begehrt, weil man den Teufel jezt geradezu läugnete und sich auf den in Verwahrung genommenen Kopf berief. Die Pfaffen schrien sich von den Kanzeln heiser und behaupteten ohne weiteres, daß ein Teufel [26] auch ohne Kopf bestehen könne, wovon sie Beweisgründe, aus ihren eigenen Mitteln, anzuführen, erböthig wären.

Aus dem Kopfe selbst konnte man in der That nicht ganz klug werden. Die Physiognomie war von Eisen; doch ein Schloß, das sich an der Seite befand, führte fast auf die Vermuthung, daß der Teufel noch ein zweites Gesicht unter dem ersten verborgen hätte, welches er vielleicht nur für besondere Festtage aufsparte. Das Schlimmste war, daß zu dem Schlosse, und also auch zu diesem zweiten Gesichte, der Schlüssel fehlte. Wer weiß was sonst für fruchtbare Bemerkungen über Teufelsphysiognomien hätten gemacht werden können, da hingegen das erste nur ein bloßes Alltagsgesicht war, das der Teufel auf jedem Holzschnitte führt.

In dieser allgemeinen Verwirrung und bei der Ungewißheit, ob man ein ächtes Teufelshaupt vor sich habe, wurde beschlossen, daß der Kopf dem Doktor Gall in Wien zugesandt würde, damit er die untrüglichen satanischen Protuberanzen an ihm aufsuchen möchte; jezt mischte sich plötzlich die Kirche ins Spiel, und erklärte daß sie bei solchen Entscheidungen als die erste und lezte Instanz anzusehen sei, sie ließ sich den Schädel ausliefern, und wie es bald darauf hieß, war er verschwunden, und mehrere der geistlichen Herren wollten in der Nachtstunde den Teufel selbst gesehen haben, wie er den ihm fehlenden Kopf wieder mit sich nahm.

Somit blieb die ganze Sache so gut, wie unaufgeklärt, um so mehr, da der einzige, der allenfalls noch einiges [27] Licht hätte geben können, jener Pfaff nemlich, der das Anathema über den Freigeist aussprach, an einem Schlagflusse plötzlich Todes verfahren war. So sagte es wenigstens das Gerücht und die Klosterherren; denn den Leichnam selbst hatte kein Profaner gesehen, weil er, der warmen Jahrszeit wegen, schnell beigesetzt werden mußte.

Die Geschichte ging mir während meiner Nachtwache sehr im Kopfe herum, denn ich hatte bis jezt nur an einen poetischen Teufel geglaubt, keinesweges aber an den wirklichen. Was den poetischen anbetrifft, so ist es gewiß sehr schade, daß man ihn jezt so äußerst vernachlässiget, und statt eines absolut bösen Prinzips, lieber die tugendhaften Bösewichter, in Ifland- und Kotzebuescher Manier, vorzieht, in denen der Teufel vermenschlicht, und der Mensch verteufelt erscheint. In einem schwankenden Zeitalter scheut man alles Absolute und Selbstständige; deshalb mögen wir denn auch weder ächten Spaß, noch ächten Ernst, weder ächte Tugend noch ächte Bosheit mehr leiden. Der Zeitkarakter ist zusammengeflikt und gestoppelt wie eine Narrenjacke, und was das Ärgste dabei ist – der Narr, der darin stekt, mögte ernsthaft scheinen. –

Als ich diese Betrachtungen anstellte, hatte ich mich in eine Nische vor einen steinernen Crispinus gestellt, der eben einen solchen grauen Mantel trug, als ich. Da bewegten sich plözlich eine weibliche und eine männliche Gestalt dicht vor mir und lehnten sich fast an mich, weil sie mich für den Blind- und Taubstummen von Stein hielten. [28] [30]Der Mann ließ es sich recht angelegen sein im rhetorischen Bombast, und sprach in einem Athem von Liebe und Treue; das Frauenbild dagegen zweifelte gläubig, und machte viel künstlichen Händeringens. Jezt berief sich der Mann keklich auf mich, und schwur er stehe unwandelbar und unbeweglich wie das Standbild. Da wachte der Satyr in mir auf, und als jener die Hand gleichsam zur Betheuerung auf meinen Mantel legte, schüttelte ich mich boshaft ein wenig, worüber beide erstaunten; doch der Liebhaber nahms auf die leichte Achsel, und meinte der Quader unter dem Standbilde habe sich gesenkt, wodurch es das Gleichgewicht in etwas verlohren.

Er verschwur jezt nacheinander in zehn Karaktern aus den neuesten Dramen und Tragödien seine Seele, wenn er jemals treulos; zulezt redete er gar noch in der Manier des Don Juan, dem er diesen Abend beigewohnt hatte, und schloß mit den bedeutenden Worten: »dieser Stein soll als furchtbarer Gast erscheinen bei unserm nächtlichen Mahle, meine ich's nicht redlich.«

Ich merkte mir's und hörte nun noch wie sie ihm das Haus beschrieb, und eine geheime Feder an der Thür, wodurch er diese öffnen könne, zugleich auch die Mitternachtstunde zum Gastmale festsezte.

Ich war eine halbe Stunde früher auf dem Plaze, fand das Haus, die Thür, nebst der geheimen Feder, und schlich leise mehrere Hintertreppen hinauf bis zu einem Saale, auf dem es dämmerte. Das Licht fiel durch zwei Glasthüren; ich nahete mich der einen, und erblickte ein [30] Wesen in einem Schlafrocke am Arbeitstische, von dem ich anfangs zweifelhaft blieb, ob es ein Mensch oder eine mechanische Figur sey, so sehr war alles Menschliche an ihm verwischt, und nur bloß der Ausdruck von Arbeit geblieben. Das Wesen schrieb, in Aktenstöße vergraben, wie ein lebendig eingescharrter Lapländer. Es kam mir vor als wollte es das Treiben und Hausen unter der Erde schon im Voraus, über ihr, kosten, denn alles Leidenschaftliche und Theilnehmende war auf der kalten hölzernen Stirne ausgelöscht, und die Marionette saß, leblos aufgerichtet, in dem Aktensarge voll Bücherwürmer. Jezt wurde der unsichtbare Drath gezogen, da klapperten die Finger, ergriffen die Feder und unterzeichneten drei Papiere nach einander; ich blickte schärfer hin – es waren Todesurtheile. Auf dem Tische lagen der Justinian und die Halsordnung, gleichsam die personifizirte Seele der Marionette.

Tadeln konnte ich's nicht; aber der kalte Gerechte kam mir vor wie die mechanische Todesmaschine, die willenlos niederfällt; sein Arbeitstisch wie die Gerichtsstäte, auf der er in einer Minute mit drei Federzügen drei Todesurtheile vollstreckt hatte. Beim Himmel hätte ich die Wahl zwischen beiden, lieber wäre ich der lebende Sünder, als dieser todte Gerechte.

Noch mehr ergriff es mich, als ich sein wohlgetroffenes in Wachs bossirtes Konterfei ihm unbeweglich gegenüber sitzen sah, als wäre es an einem leblosen Exemplare nicht genug, und eine Doublette nöthig, um die todte Seltenheit von zwei verschiedenen Seiten zu zeigen.

[31] Jezt trat die Dame von vorhin ein, und die Marionette zog die Mütze ab, und legte sie ängstlich erwartend bei sich hin. »Noch nicht schlafen gegangen?« sagte jene, »was führen Sie für ein wildes Leben! die Phantasie ewig angespannt!« – »Phantasie?« fragte er verwundert, »was meinen Sie damit? Ich verstehe die neuen Terminologien so selten, in denen Sie jezt reden.« – »Weil Sie sich für nichts Höheres interessiren; nicht einmal für das Tragische!« – »Tragisch? Ei allerdings!« antwortete er selbstgefällig, »sehen Sie hier, ich lasse drei Delinquenten hinrichten!« – »O weh, welche Sentiments!« – »Wie? Ich dachte Ihnen eine Freude damit zu machen, weil in den Büchern die Sie lesen, so viele ums Leben kommen. Deshalb habe ich auch, um Sie zu überraschen, die Hinrichtungen an Ihrem Geburtstage festgesezt!« – »Mein Gott! Meine Nerven!« – »O weh, Sie bekommen den Zufall jezt so häufig, daß mir jedesmal bang im Voraus wird!« »Ach ja, Sie können leider dabei nicht helfen. Gehen Sie nur, ich bitte, und legen Sie sich schlafen!«

Das Gespräch war zu Ende, und er ging, indem er sich den Schweiß von der Stirn trocknete. Ich beschloß in dem Augenblicke teuflisch genug, ihm noch, wo möglich, diese Nacht seine Frau in die hochnothpeinliche Halsgerichtsordnung auszuliefern, damit er Macht über sie erhielte.

Es währte nun auch gar nicht lange, als mein Mars zu seiner Venus schlich. Mir fehlte zum Vulkan, da ich von Natur hinkte, und nicht zum Besten aussah, eben wenig mehr, als das goldne Nez, indeß beschloß ich, in Ermangelung dessen, einige goldene Wahrheiten und Sittensprüchlein [32] anzuwenden. Anfänglich ging es ganz leidlich zu; mein Bursche sündigte blos an der Poesie durch eine zu materielle Tendenz seiner Schilderungen; er malte einen Himmel voll Nymphen und sich neckender Liebesgötter an den Betthimmel unter dem er zu ruhen gedachte, den Weg dahin bestreute er mit Vexirrosen, die er zahlreich in zierlichen Redefloskeln von sich warf, und die Dornen die ihm dann und wann die Füße verwunden wollten, umging er durch leichte frivole Wendungen.

Als der Sünder sich nun aber so in ein poetisches Element versezt, und die Moral völlig, dem Geiste der neuesten Theorien gemäß, abgewiesen hatte, der grünseidne Vorhang vor der Glasthür herabrollte, und das Ganze ein Gardinenstück zu werden begann, wandte ich rasch mein antipoeticum an, und stieß gellend in das Nachtwächterhorn, worauf ich mich auf ein leeres Piedestal, das für die Statue der Gerechtigkeit, die bis jezt noch in der Arbeit, bestimmt war, schwang, und still und unbeweglich stehen blieb.

Der furchtbare Ton hatte die beiden aus der Poesie, und den Ehemann aus dem Schlafe geschreckt, und alle drei eilten plözlich zu gleicher Zeit aus zwei verschiedenen Thüren.

»Der steinerne Gast« rief der Liebhaber schaudernd, indem er mich erblickte;« Ah, meine Gerechtigkeit!« der Ehemann, »ist sie endlich fertig geworden; wie unerwartet hast du mich dadurch überrascht, Liebchen!« – »Reiner Irrthum«, sagte ich, »die Gerechtigkeit liegt noch immer drüben beim Bildhauer, und ich habe mich nur [33] provisorisch auf das Piedestal gestellt, damit es, bei besonders wichtigen Gelegenheiten, nicht ganz leer sey. Es bleibt zwar immer mit mir nur ein Nothbehelf, denn die Gerechtigkeit ist kalt wie Marmor, und hat kein Herz in der steinernen Brust, ich aber bin ein armer Schelm voll sentimentaler Weichlichkeit, und gar dann und wann etwas poetisch gestimmt; indeß, bei gewöhnlichen Fällen für das Haus mag ich immer gut genug seyn, und wenn es Noth thut, einen steinernen Gast abgeben. Solche Gäste haben das für sich, daß sie nicht mitessen und auch nicht warm werden, wo es Schaden bringen könnte, dagegen die andern leicht Feuer fangen, und es dem Hausherrn vor der Stirn heiß machen, wie mir das Beispiel nahe liegt.«

»Ei, ei, mein Gott, was ist denn das?« stammelte der Ehemann.

»Daß die Stummen zu reden anfangen, meinen Sie? das fließt aus der Frivolität des Zeitalters. Man sollte nie den Teufel an die Wand malen. Unsere jungen Herren von Welt setzen sich aber darüber hinaus, und mißbrauchen dergleichen bei schwachen Seelen, um sich von der heroischen Seite zu zeigen. Da habe ich nun meinen Mann beim Worte genommen, ob ich gleich eigentlich nicht hieher gehöre, sondern draußen auf dem Markte stehe im grauen Mantel als heiliger Crispinus von Stein.«

»Du Gott, was soll man davon denken!« fuhr jener beängstet fort,« es ist gar nicht in der Ordnung, und ein unerhörter Fall!«

[34] »Für den Rechtsgelehrten gewiß! dieser Crispinus war nemlich ein Schuster, legte sich aber aus besonderer Frömmigkeit und einem wirklichen Überflusse von Tugend auf die Dieberei, und stahl das Leder, um den Armen Schuhe daraus zu machen. Was läßt sich da entscheiden, reden Sie selbst! Ich sehe keinen andern Ausweg, als ihn zuerst zu hängen, und nachher zu kanonisiren. Aus ähnlichen Gründen müßte man z.B. gegen Ehebrecher verfahren, die bloß um den Hausfrieden aufrecht zu erhalten, gegen die Gesetze verstoßen; der animus ist hier offenbar ein löblicher, und darauf kommts doch hauptsächlich an. Wie manche Frau würde nicht ihren Mann zu Tode quälen, wenn nicht ein solcher Hausfreund sich einfände, und aus reiner Moralität zum Schurken würde. Hier stehe ich eigentlich an meinem Thema, und wir können nun in Gottes Namen die hochnothpeinliche Halsgerichtsordnung aufschlagen. – Doch ich sehe daß die Inquisiten bereits beide in Ohnmacht liegen; da müssen wir im Prozesse eine Pause machen!«

»Inquisiten?« fragte der Ehemann mechanisch. »Ich sehe keine, die dort ist meine Ehehälfte!« –

»Schon gut, wir wollen für's erste bei ihr stehen bleiben. Ehehälfte! Ganz recht! das heißt: das Kreuz oder die Qual in der Ehe – und wahrhaftig das ist schon eine exemplarische Ehe, wo dieses Kreuz nur die Hälfte ausmacht. Seyd Ihr nun, als die zweite Hälfte, der Ehesegen, so ist Eure Ehe wirklich ein Himmel auf Erden.«

»Der Ehesegen!« sagte jener mit einem tiefen Seufzer.

[35] »Keine sentimentale Randglosse, lieber Freund, werfen wir hier vielmehr einen Blick auf den zweiten Inquisiten, der ebenfalls aus Schrecken, über den steinernen Gast, in Ohnmacht liegt. Wenn wir Personen von Rechtswegen, Milderungsgründe aus moralischen Prinzipien herleiten dürften, so mögte ich schon sein Defensor seyn, und wollte wenigstens die Strafe des Köpfens, die die Carolina über ihn verhängt, von ihm abwenden; zumal da bei solchen Schächern das Köpfen doch nur in effigie angewandt werden kann, weil bei ihnen, ernstlich genommen, von einem Kopfe nie die Rede ist!« –

»Die Karolina sollte auf einmal so grausam geworden seyn!« sagte jener ganz konfus. »Vorhin schauderte sie doch noch, als ich vom Hinrichten sprach!« –

»Ich verdenke es Euch nicht« antwortete ich, »daß ihr beide Karolinen mit einander verwechselt; denn Eure lebende Karolina ist, als Ehekreuz und Folter, leicht mit der hochnothpeinlichen zu vertauschen, die ebenfalls keinen Himmel voll Geigen abhandelt. Ja fast möchte ich behaupten, eine solche eheliche sey noch viel ärger als die kaiserliche, indem in dieser wenigstens in keinem einzigen Falle von lebenslänglicher Folter die Rede ist.« –

»Aber mein Gott, das kann doch nicht so fort gehen!« sagte er auf einmal wie zu sich kommend. »Man weiß nicht so recht mehr, ob man wacht oder träumt; ja ich hätte Lust mich zu betasten und zu zwicken, blos um zu sehen, ob ich wachte oder schliefe, wenn ich nicht darauf schwören wollte, vorher wirklich den Nachtwächter gehört zu haben!« –

[36] »Ei mein Gott!« rief ich aus. »Jezt erwache ich; Ihr habt mich beim Namen gerufen, und es ist noch mein Glück, daß ich mich gerade nicht zu hoch befinde, etwa auf einem Dache, oder in einer dichterischen Begeisterung, um mir jezt beim Herabfallen den Hals zu brechen. So aber stehe ich glücklicherweise nicht höher, als hier die Gerechtigkeit stehen soll, und da bleibe ich noch menschlich und unter den Menschen. Ihr starrt mich an, und könnt Euch nicht darin finden; doch will ich's Euch sogleich lösen. Ich bin Nachtwächter hier, und zugleich Nachtwandler, wahrscheinlich weil sich beide Funktionen in Einer Person vorstehen lassen. Wenn ich nun als Nachtwächter mein Amt verrichte, so kommt mir oft die Lust an als Nachtwandler mich auf scharfe Spitzen, wie auf Dachspitzen oder andere kritische Stellen in dieser Art zu begeben; und so bin ich denn auch wahrscheinlich hier auf das Piedestal der Themis gekommen. Es ist eine verzweifelte Laune, die mich noch um den Hals bringen kann; indeß fügte es sich doch oft, daß ich dadurch die guten Einwohner dieser Stadt auf eine eigene Weise vor Diebstählen gesichert habe, eben weil ich in alle Winkel zu kriechen pflege, und das gerade die unschädlichsten Diebe sind, die ihr Handwerk nur draußen herum an den Läden mit Brechstangen exerciren. Dieser Punkt glaub ich, entschuldigt mich; und somit gehe es Euch wohl!«

Ich entfernte mich, und ließ den Ehemann und die andern beiden, die nun auch wieder zu sich gekommen waren, erstaunt zurück. Wie sie nachher sich noch mit einander unterhalten haben, weiß ich nicht.

[37] Vierte Nachtwache Zu den Lieblingsörtern, an denen ich mich während meiner Nachtwachen aufzuhalten pflege, gehört der Vorsprung in dem alten gothischen Dome. Hier sitze ich bei dem dämmernden Scheine der einzigen immer brennenden Lampe und komme mir oft selbst wie ein Nachtgeist vor. Der Ort lädt zu Betrachtungen ein; heute führte es mich auf meine eigene Geschichte, und ich blätterte, gleichsam aus Langerweile, mein Lebensbuch auf, das verwirrt und toll genug geschrieben ist.

Gleich auf dem ersten Blatte sieht es bedenklich aus, und pagina V handelt nicht von meiner Geburt, sondern vom Schatzgraben. Hier sieht man mystische Zeichen, aus der Kabbala und auf dem erklärenden Holzschnitte einen nicht gewöhnlichen Schuhmacher, der das Schuhmachen aufgeben will, um Gold machen zu lernen. Eine Zigeunerin steht daneben, gelb und unkenntlich und das Haar struppig um die Stirn gezauset; sie unterrichtet ihn im Schatzgraben, giebt ihm eine Wünschelruthe und zeigt auch genau den Ort an, wo er in drei Tagen einen Schatz heben soll. Ich habe heute blos die Laune mich bei den Holzschnitten in dem Buche aufzuhalten, und somit gehe ich zum

zweiten Holzschnitte über. Hier ist der Schuhmacher wieder, ohne die Zigeunerin; sein Gesicht ist diesmal dem Künstler schon weit [38] ausdrucksvoller gelungen. Es hat kräftige Züge und zeigt an, daß der Mann nicht blos bei den Füssen stehen geblieben, sondern ultra crepidam gegangen ist. Er ist ein satirischer Beitrag zu den Fehlgriffen des Genies, und macht es einleuchtend, wie derjenige, der ein guter Hutmacher geworden wäre, einen schlechten Schuhmacher abgeben muß, und auch im Gegentheile, wenn man das Beispiel auf den Kopf stellt. – Das Lokale ist ein Kreuzweg, die schwarzen Striche sollen die Nacht anschaulich machen und das Zikzak am Himmel einen Blitz bedeuten. Es ist klar, ein anderer ehrlicher Mann von Handwerke liefe bei solchen Umgebungen davon; unser Genie aber läßt sich nicht stören. Er hat bereits aus einer Vertiefung eine schwere Truhe gehoben; und ist auch schon darüber aus gewesen, sein erobertes Schatzkästlein zu öffnen. Doch, o Himmel, sein Inhalt ist wohl nur allein für den kuriosen Liebhaber ein Schatz zu nennen – denn ich selbst befinde mich leibhaft in dem Kästlein, und zwar ohne alle fahrende Habe, und schon ein ganz fertiger Weltbürger.

Was mein Schatzgräber für Betrachtungen über seinen Fund angestellt hat, davon steht nichts auf dem Holzschnitte, weil der Künstler die Grenzen seiner Kunst nicht im mindesten hat überschreiten wollen.

Dritter Holzschnitt Hier ist ein gewiegter Kommentator von Nöthen. – Auf einem Buche sitze ich, aus einem lese ich; mein Adoptiv-Vater beschäftigt sich mit einem Schuhe, scheint aber zugleich eigenen Betrachtungen über die Unsterblichkeit Raum zu geben. Das Buch worauf ich [39] sitze, enthält Hans Sachsens Fastnachtsspiele, das woraus ich lese, ist Jakob Böhmens Morgenröthe, sie sind der Kern aus unserer Hausbibliothek, weil beide Verfasser zunftfähige Schuhmacher und Poeten waren.

Weiter mag ich nicht im Erklären gehen, weil in dem Holzschnitte von meiner eigenen Originalität zuviel die Rede ist. Ich lese also lieber das hiezugehörige

dritte Kapitel für mich in der Stille. Es ist von meinem Schuhmacher, der so weit es ging, meinen Lebenslauf selbst fortgeführt hat, verfaßt, und hebt so an:

»Wunderlich wird mir gar oft zu Muthe, wenn ich den Kreuzgang betrachte.« – Es war nemlich dem Gebrauche gemäß, der Ort wo ich gefunden, bei meiner Taufe, zu mir Gevatter geworden. – »Über einen gewöhnlichen Leisten kann ich ihn nicht schlagen, denn es ist etwas Überschwengliches in ihm, etwa wie in dem alten Böhme, der auch schon früh über dem Schuhmachen sich vertiefte und ins Geheimniß verfiel. So auch er; kommen ihm doch ganz gewöhnliche Dinge höchst ungewöhnlich vor; wie z.B. ein Sonnenaufgang, der sich doch tagtäglich zuträgt, und wobei wir andern Menschenkinder eben nichts Absonderliches zu denken pflegen. So auch die Sterne am Himmel und die Blumen auf der Erde, die er oft unter einander sich besprechen und gar wundersamen Verkehr treiben läßt. Hat er mich doch neulich über einen Schuh gar konfus gemacht, indem er mich anfangs über die Bestandtheile desselben befragte, und als ich ihm darauf Rede und Antwort gegeben [40] hatte, plözlich über jede einzelne Substanz Aufklärung verlangte, immer höher und höher sich verstieg, erst in die Naturwissenschaften, indem er das Leder auf den Ochsen zurück führte, dann gar noch weiter bis ich mich zulezt mit meinem Schuhe hoch oben in der Theologie befand und er mir grad heraus sagte daß ich in meinem Fache ein Stümper sei, weil ich ihm darin nicht bis zum lezten Grunde Auskunft geben könnte. Ebenfalls nennt er die Blumen oft eine Schrift, die wir nur nicht zu lesen verständen, desgleichen auch die bunten Gesteine. Er hoft diese Sprache noch einst zu lernen, und verspricht dann gar wundersame Dinge daraus mitzutheilen. Oft behorcht er ganz heimlich die Mücken oder Fliegen wenn sie im Sonnenschein summen, weil er glaubt sie unterredeten sich über wichtige Gegenstände, von denen bis jezt noch kein Mensch etwas ahnete: Schwazt er den Gesellen und Lehrburschen in der Werkstatt dergleichen vor und sie lachen über ihn, so erklärt er sie sehr ernsthaft für Blinde und Taube, die weder sähen noch hörten, was um sie her vorginge. Jezt sizt er Tag und Nacht bei'm Jakob Böhme und Hans Sachs, welches zween gar absonderliche Schuhmacher waren, aus denen auch zu ihrer Zeit niemand klug werden konnte. –

Soviel ist mir sonnenklar; ein gewöhnliches Menschenkind ist dieser Kreuzgang nicht, bin ich doch auch auf keine gewöhnliche Weise zu ihm gekommen.

Nie wird mir der Abend aus dem Sinne kommen, als ich unmuthig über meinen wenigen Verdienst hier auf dem Dreifuße eingeschlummert war; – daß es gerade ein Dreifuß sein mußte, soll, wie man mir sagt, nicht ohne [41] Einfluß gewesen sein – es träumte mir wie ich einen Schaz fände in einer verschlossenen Truhe, doch gebot man mir diese Truhe nicht eher zu öffnen, bis ich erwacht sein würde. Das war alles so deutlich und selbst verständig, indem Traum und Wachen sich ganz klar von einander unterschieden, daß es mir nie wieder aus dem Kopfe wollte, und ich zulezt mit einer Zigeunerin Bekanntschaft machte, um den Versuch wirklich anzustellen.

Es ging alles in der Ordnung; ich hob die Truhe die ich im Traume gesehen, besann mich zuvor, ob ich wirklich wachte, und öffnete sie dann; aber statt des Goldes was ich erwartete, hatte ich dieses Wunderkind aus der Erde gehoben.

Anfangs war ich wohl etwas betreten darüber, weil solch ein lebendiger Schaz zum mindesten von einem todten begleitet sein muß, wenn ein Übriges dabei heraus kommen soll, und der Bube war mutternakt, und lachte noch dazu darüber, als ich ihn darauf ansah. Als ich mich besonnen hatte, nahm ich indeß die Sache tiefer und hatte meine eigenen Gedanken dabei, weshalb ich meinen Schaz sorgsam nach Hause trug.«

So weit mein ehrlicher Schuhmacher, als ich plözlich durch eine sonderbare Erscheinung unterbrochen wurde. Eine große männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt, schritt durch das Gewölbe, und blieb auf einem Grabsteine stehen. Ich schlich mich leise hinter eine Säule, wo ich ihr nahe war, da warf sie den Mantel von sich, und ich erblickte hinter schwarzen tief über die [42] [44]Stirne herabtretenden Haaren ein finsteres feindliches Antlitz mit einem südlichen blasgrauen Kolorit.

Ich trete immer vor ein fremdes ungewöhnliches Menschenleben mit denselben Gefühlen hin, wie vor den Vorhang hinter dem ein Shakspearsches Schauspiel aufgeführt werden soll; und am liebsten ist es mir, wenn jenes so wie dieses ein Trauerspiel ist, wie ich denn auch neben dem ächten Ernst nur tragischen Spaß leiden mag, und solche Narren wie im König Lear; eben weil diese allein wahrhaft kek sind und die Possenreißerei en gros treiben und ohne Rücksichten, über das ganze Menschenleben. Die kleinen Wizbolde und gutmüthigen Komödienverfasser dagegen, die sich nur blos in den Familien umhertreiben, und nicht, wie Aristophanes, selbst über die Götter sich lustig zu machen wagen, sind mir herzlich zuwider, eben so wie jene schwachen gerührten Seelen, die statt ein ganzes Menschenleben zu zertrümmern, um den Menschen selbst darüber zu erheben, sich nur mit der kleinen Quälerei beschäftigen, und neben ihrem Gefolterten den Arzt stehen haben, der ihnen genau die Grade der Tortur bestimmt, damit der arme Schelm, obgleich geradebrecht, doch mit dem Leben zulezt noch davon gehen kann; als ob das Leben das Höchste wäre, und nicht vielmehr der Mensch, der doch weiter geht als das Leben, das grade nur den ersten Akt und den inferno in der divina comedia, durch die er, um sein Ideal zu suchen, hinwandelt, ausmacht. –

Mein Mann, der hier nahe vor mir auf dem Grabsteine kniete, einen blankgeschliffenen Dolch, den er aus einer schön gearbeiteten Scheide gezogen, in der Hand, schien [44] [46]mir ächt tragischer Natur zu sein, und fesselte mich in seine Nähe.

Feuerlärm hatte ich eben nicht Lust zu machen, im Falle er etwas Ernsthaftes unternehmen würde, eben so wenig wollte ich als Vertrauter in der Koulisse stehen, um im fünften Akte bei dem Stichworte zu rechter Zeit bereit zu sein, meinem Helden den Arm zu halten; denn sein Leben kam mir vor gleichsam wie die schön gearbeitete Scheide in seiner Hand, die in der bunten Hülle den Dolch verbarg, oder wie der Blumenkorb der Kleopatra, unter dessen Rosen die giftige Schlange lauschte, und wo das Drama des Lebens sich einmal so zusammengestellt hat, muß man die tragische Katastrophe nicht abwenden wollen.

Ich hatte einen König Saul, als ich noch Marionettendirekteur war, dem er aufs Haar glich; auch in allen seinen Manieren – grade solche hölzerne mechanische Bewegungen, und einen so steinernen antiken Stil, wodurch sich Marionettentruppen vor lebenden Schauspielern auszeichnen, die heut zu Tage auf unsern Theatern nicht einmal auf die rechte Weise zu sterben verstehen.

Es war schon alles dicht bis zum Niederfallen des Vorhangs beendigt, da blieb dem Manne plötzlich der schon zum Todesstoße aufgehobene Arm erstarrt, und er kniete wie ein steinernes Denkbild auf dem Grabsteine. Zwischen der Dolchspitze und der Brust, die sie durchschneiden sollte, war kaum noch eine Spanne weit Raum, und der Tod stand ganz dicht an dem Leben, doch schien die Zeit aufgehört zu haben und nicht mehr fortrücken [46] zu wollen und der eine Moment zur Ewigkeit geworden zu sein, die auf immer alle Veränderung aufgehoben.

Mir wurde es ganz unheimlich, ich sah erschrocken hinauf nach dem Zifferblatte der Kirchenuhr, auch hier stand der Zeiger still und grade auf der Mitternachtszahl. Ich schien mir gelähmt und rings um war alles unbeweglich und todt; der Mann auf dem Grabe, der Dohm mit seinen starren hohen Säulen und Monumenten und den umher knieenden steinernen Rittern und Heiligen, die unbeweglich auf eine neue hereinbrechende Zeit und ein Fortschreiten in derselben, wodurch sie entfesselt würden, zu harren schienen.

Jezt war's vorüber, das Räderwerk der Uhr machte sich Luft, der Zeiger rückte fort, und der erste Schlag der Mitternachtsstunde hallte langsam durch das öde Gewölbe. Da schien, wie durch das Anziehen des Uhrwerks, der Mann auf dem Grabe wieder Bewegung zu erhalten, der Dolch rollte rasselnd auf dem Steine hin, und zerbrach.

»Verwünscht sei die Starrsucht,« sagte er kalt, wie wenn er's schon gewohnt wäre, »sie läßt mich nie den Stoß vollführen! –« Damit stand er, wie, wenn nichts weiter vorgefallen wäre, auf, und wollte sich wieder entfernen.

»Du gefällst mir,« rief ich, »es ist doch Haltung in deinem Leben, und ächte tragische Ruhe. Ich liebe die große klassische Würde im Menschen, die viel Worte haßt, wo [47] viel gethan werden soll; und ein solcher salto mortale, wie der, zu dem du eben bereit warst, ist doch nichts kleines, und gehört zu den Forcestücken, die man, bis zulezt, aufspart.« –

»Kannst du mir zu dem Sprunge verhelfen,« sagte er finster, »so ist's gut; sonst bemühe dich nicht weiter in Lobsprüchen und Bemerkungen. Über die Kunst zu leben ist mehr als zuviel geschrieben, doch suche ich noch immer einen Traktat, über die Kunst zu sterben, vergeblich; und ich kann nicht sterben!« –

»O besäßen doch dieses dein Talent manche von unsern beliebten Schriftstellern!« rief ich aus, »Ihre Werke könnten dann immerhin Ephemeren bleiben, wären sie selbst doch unsterblich, und könnten ihre ephemerische Schriftstellerei ewig fortsetzen, und bis zum jüngsten Tage beliebt bleiben. Leider aber kommt für sie die Stunde nur zu früh, in der sie und ihre Eintagsfliegen mit ihnen sterben müssen. – O Freund, könnte ich dich doch in diesem Augenblicke zu einem Kozebue erheben, dieser Kozebue ginge dann nie unter, und selbst am Ende aller Dinge lägen noch seine lezten Werke in dem Hogarthschen Schwanzstücke, und die Zeit könnte ihre lezte Pfeife die sie da raucht, mit einer Szene aus seinem lezten Drama anbrennen, und so begeistert, in die Ewigkeit übergehen!«

Der Mann wollte jezt still abtreten, und ohne, wie ein schlechter Akteur, noch zum Schlusse eine gewaltige Tirade zu machen; ich aber hielt ihn bei der Hand, und sagte: »Nicht so eilig, Freund, ist es doch nicht nöthig, da [48] du immer Zeit hast, so lange nur überhaupt von der Zeit selbst die Rede sein kann; denn aus deinen Worten zu schließen, halte ich dich für den ewigen Juden, der, weil er das Unsterbliche lästerte, zur Strafe schon hier unten unsterblich geworden ist, wo alles um ihn her vergeht. Du siehst finster, du einziger Mensch, dessen Leben der Zeiger der Zeit, der als ein scharfes, nie im Morden innehaltendes Schwerdt, auf dem Zifferblatte umherfliegt, nimmer durchschneiden soll, und der nicht eher vergehen kann, als bis ihr eisernes Räderwerk selbst zertrümmert. Nimm die Sache von der leichten Seite; denn es ist doch spaßhaft und der Mühe werth, dieser großen Tragikomödie der Weltgeschichte bis zum lezten Akte als Zuschauer beizuwohnen, und du kannst dir zulezt das ganz eigne Vergnügen machen, wenn du am Ende aller Dinge über der allgemeinen Sündfluth auf dem lezten hervorragenden Berggipfel als einzig Übriggebliebener stehst, das ganze Stück, auf deine eigene Hand, auszupfeifen, und dich dann wild und zornig, ein zweiter Prometheus, in den Abgrund zu stürzen.«

»Pfeifen will ich,« sagte der Mann trozig, »hätte mich nur der Dichter nicht selbst mit ins Stück verflochten als handelnde Person; das verzeih ich ihm nimmer!«

»Um so besser!« rief ich, »da giebt es wohl gar noch zu guter lezt eine Revolte im Stücke selbst, und der erste Held empört sich gegen seinen Verfasser. Ist das doch auch in der, der großen Weltkomödie nachgeäfften kleinen nicht selten, und der Held wächst am Ende dem Dichter über den Kopf, daß er ihn nicht mehr bezwingen kann. – O ich hätte wohl Lust deine Geschichte anzuhören, [49] du ewig Reisender, um darüber mich auszuschütten vor Lachen; wie ich denn oft bei einer ächten ernsten Tragödie brav zu lachen pflege, und im Gegentheile beim guten Possenspiele dann und wann weinen muß, indem das wahrhaft Kühne und Große immer zugleich von den beiden entgegengesetzten Seiten aufgefaßt werden kann!« –

»Ich verstehe dich, Spaßvogel,« sagte der Mann! »Bin auch gerade jezt wild genug um zu lachen, und dir meine Geschichte zu erzählen. Doch, beim Himmel, laß dir keine ernste Miene dabei entwischen, sonst machst du mich in dem Augenblicke stumm!« –

»Sorge nicht, Kamerad, ich lache mit,« antwortete ich, und jener sezte sich unter eine steinerne, am Grabe betende Ritterfamilie, und hub an:

»Es ist, du wirst mir's zugeben, verdammt langweilig, seine eigene Geschichte von Perioden zu Perioden, so recht gemüthlich, aufzurollen; ich bringe sie deshalb lieber in Handlung, und führe sie als ein Marionettenspiel mit dem Hanswurst auf; da wird das Ganze anschaulicher und possirlicher.

Zuerst giebt es eine Mozartsche Symphonie von schlechten Dorfmusikanten exekutirt, das paßt so recht zu einem verpfuschten Leben, und erhebt das Gemüth durch die großen Gedanken, indem man zugleich bei dem Gekrazze des Teufels werden mögte. – Dann kommt der Hanswurst, und entschuldigt den Marionettendirektor, weil er es wie unser Herrgott gemacht, und [50] die wichtigsten Rollen den talentlosesten Akteuren anvertraut habe; er leitet grade daraus aber auch wieder das Gute her, daß das Stück rührend ausfallen müsse, eben wie es bei großen tragischen Stoffen der Fall sei, die durch kleine gewöhnliche Dichter bearbeitet würden. Über das Leben und den Zeitkarakter macht er die höchst albernen Bemerkungen, daß beide jezt mehr rührend als komisch seyen, und daß man jezt weniger über die Menschen lachen als weinen könne, weshalb er denn auch selbst ein moralischer und ernsthafter Narr geworden, und immer nur im edlen Genre sich zeige, wo er vielen Applaus bekäme.

Darauf treten die hölzernen Puppen selbst auf; zwei Brüder ohne Herzen umarmen sich, und der Hanswurst lacht über das Zusammenklappern der Arme, und über den Kuß, wobei sie die steifen Lippen nicht bewegen können. Der eine hölzerne Bruder bleibt im Marionettenkarakter, und drückt sich unendlich steif aus, macht auch lange trockene Perioden, worin gar kein Leben hinein kommen will, und die deshalb Muster im prosaischen Style abgeben. Die andere Puppe aber möchte gern einen lebendigen Akteur affektiren, und spricht hin und wieder in schlechten Jamben, reimt auch wohl gar zu Zeiten die Endsylben, und der Hanswurst nikt dabei mit dem Kopfe, und hält eine Rede über die Wärme des Gefühls in einer Marionette, und über den eleganten Vortrag bei tragischen Gedichten. – Darauf geben sich die Brüder die hölzernen Hände und gehen ab. Der Hanswurst tanzt ein Solo zur Zugabe, und dann redet im Zwischenakte Mozart wieder durch die Dorfmusikanten.

[51] Jezt gehts weiter. Zwei neue Puppen treten auf, eine Kolombine mit einem Pagen, der den Sonnenschirm über sie ausspannt; die Kolombine ist die prima donna der Gesellschaft, und ohne Schmeichelei das Meisterstück des Formenschneiders. Wahrhaft griechische Konture, und alles an ihr ins Ideale hinübergearbeitet. Der eine Bruder kommt, derjenige, der vorher in Prosa sprach; er erblickt sie, schlägt sich auf die Stelle des Herzens, redet darauf plözlich in Versen, reimt alle Endsylben, oder bringt die Assonanz in A und O an, daß die Kolombine darüber erschrickt, und mit dem Pagen davon läuft. Jener will ihr nachstürzen, rennt aber, weil der Marionettendirektor hier ein Versehen macht, sehr hart gegen den Hanswurst, der nun, aus dem Stegreife, eine sehr boshafte satirische Rede hält, worin er ihm darthut, daß es seinem Schöpfer – dem Marionettendirektor nemlich – nicht gefalle, ihm die Dame zu bestimmen, und daß dadurch eben das Stück recht toll und komisch werden würde, indem ein melancholischer Narr die possirlichste Person in einem Possenspiele abgäbe. – Die andere Puppe stößt Flüche aus, lästert sogar in Verzweiflung auf den Direktor, wobei den Zuschauern vor Lachen die Thränen aus den Augen stürzen. Zulezt faßt sie aber doch noch Hoffnung die Dame wiederzufinden, und beschließt wenigstens das ganze Theater zu durchsuchen. Der Hanswurst begleitet sie.

Im dritten Akte erscheint die Kolombine wieder, und thut sehr schön mit der andern Brudermarionette, sie singen auch ein zärtliches Duett mit einander, und wechseln sodann die Ringe, worauf ein alter geschäftiger Pantalon mit Musikanten ankommt, die viel lustige Musik [52] [54]abspielen, wobei man nur allein die Töne nicht hört, was auf die Zuschauer einen sonderbaren Eindruck macht. Zulezt wird bei der stummen Musik getanzt, und der Pantalon macht recht gute Bemerkungen über sein musikalisches Gehör, vertheidigt auch das Mährchen, daß die Töne am Nordpole gefrören, und nur im warmen Süden wieder aufthaueten und hörbar würden. Das Alles ist so sonderbar, daß man schlechterdings nicht weiß, ob man's ernsthaft oder lustig nehmen soll; einige gescheute Leute unter den Zuschauern halten's gar für toll.

Als jene beiden ersten endlich zu Bette gegangen sind, kommt der Hanswurst mit dem andern Bruder wieder. Dieser spricht, wie er weite Reisen von einem Pole zum andern gemacht, und doch die Kolombine nicht gefunden, weshalb er verzweifeln und sich ums Leben bringen wollte. Der Hanswurst öffnet eine Klappe an der Brust der Marionette und findet wirklich jezt zu seinem Erstaunen ein Herz darin, worüber er besorgt wird und in der Angst mehrere gescheute Ideen bekommt, z.B. daß Alles in dem Leben, sowohl der Schmerz wie die Freude, nur Erscheinung sei, wobei nur blos das ein böser Punkt, daß die Erscheinung selbst nie zur Erscheinung käme, weshalb die Marionetten es denn auch niemals ahneten, daß man sie zum Besten hätte und blos zum Zeitvertreibe mit ihnen spielte, sondern sich vielmehr sehr ernsthafte und bedeutende Personen dünkten. – Er will ihm darauf das Wesen einer Marionette selbst begreiflich machen, konfundirt sich aber beständig dabei, und steht nach einer langen sehr drolligen Rede wieder am Ende da, wo er anfing. – Nun lachte er in der Stille hämisch ins Fäustchen und geht ab. –

[54] Im vierten Akte treffen die beiden Brüder zusammen, und indem der mit dem Herzen redet, werden plötzlich die stummen Töne aus dem vorigen Akte hörbar, und begleiten die Worte, worüber der Bruder ohne Herz ganz konfus wird. Arlequin kommt nun auch dazu und spottet über die Liebe, weil sie keine heroische Empfindung sei, und nicht für das allgemeine Beste benuzt werden könne. Er fordert auch den Direktor auf, sie für die Folge ganz abzuschaffen, und reine moralische Gefühle bei seiner Truppe einzuführen. Zulezt dringt er auf eine Revision des Menschengeschlechts und auf einige höchstnöthige Weltreparaturen; besteht auch sehr trozig darauf zu wissen, weshalb er den Narren eines ihm unbekannten Publikums abgeben müsse.

Nun wird eine tragische Situation sehr schlecht ausgeführt. Die schöne Kolombine erscheint nemlich, und als der Bruder ohne Herz sie dem andern als seine Gemahlin vorstellt, fällt dieser ohne ein Wort zu sagen, höchst ungeschickt, mit dem hölzernen Kopfe auf einen Stein. Jene beiden laufen fort, um Hilfe zu senden; der Hanswurst aber hebt ihn auf und indem er ihm die blutige Stirn abwischt, bittet er ihn ganz gelassen, daß, weil es keine Dinge an sich gäbe, er sich den Stein, so wie die ganze Geschichte lieber aus dem Kopfe schlagen möge. Auch lobt er den Direktor, daß er das griechische Fatum abgeschaft und dafür eine moralische Theaterordnung eingeführt habe, nach der Alles zulezt sich gut auflösen müsse.

Der lezte Akt ist nun gar zum Todtlachen. Erst werden alberne Walzer gespielt, um die Gemüther zu besänftigen; dann erscheint die Marionette mit dem Herzen, [55] und beweiset der Kolombine durch Syllogismen und Sophismen, daß der Direktor die Puppen vertauscht, und sie, in einem Irrthume, seinem Bruder zur Gemahlin gegeben, da sie doch dem komischen Ausgange des Stücks gemäß, ihm selbst gehöre. Die Kolombine scheint ihm zu glauben, will aber doch aus Moralität und Achtung gegen den Marionettendirektor es nicht gehabt haben, worauf er in Verzweiflung geräth und kurze Anstalt sie zu entführen macht. Sie stößt ihn verächtlich zurück, da gebehrdet er sich wie ein Rasender, rennt die hölzerne Stirn gegen die Wand, und wendet die Assonanz in U an. Zulezt stürzt er fort, und schleudert nur noch den schönen Pagen aus dem zweiten Akte, der eben schlaftrunken, im Nachtkleide, vorübergehen will, in das Zimmer, das er hinter sich zuschließt.

Nach einer kurzen Pause erscheint er wieder mit der Bruder-Marionette, die einen gezogenen Degen in der Hand hält, und nach einer kurzen steifen Tirade, erst den Pagen, dann die Kolombine und endlich sich selbst niederstößt. Der Bruder steht ganz stier und dumm unter den drei hölzernen Puppen, die rings umher auf der Erde liegen; dann greift er, ohne ein Wort weiter zu sagen, ebenfalls nach dem Degen, um auch sich selbst, zu guter lezt, hinterherzusenden; doch in diesem Augenblicke reißt der Drath, den der Direktor zu starr anzieht, und der Arm kann den Stoß nicht vollführen und hängt unbeweglich nieder; zugleich spricht es wie eine fremde Stimme aus dem Munde der Puppe und ruft: ›Du sollst ewig leben!‹ –

[56] Nun erscheint der Hanswurst wieder um ihn zu besänftigen und zu trösten, führt auch unter andern, als er es gar zu arg macht, ärgerlich an, wie albern es sei, wenn es einer Marionette einfiele über sich selbst zu reflektiren, da sie doch blos der Laune des Direktors gemäß, sich betragen müsse, der sie wieder in den Kasten lege, wenn es ihm gefiele. Dann sagt er auch manches Gute über die Freiheit des Willens und über den Wahnsinn in einem Marionettengehirne, den er ganz realistisch und vernünftig abhandelt; alles das um der Puppe zu beweisen, wie toll es eigentlich von ihr sei dergleichen Dinge sehr hoch zu nehmen, indem alles zulezt doch auf ein Possenspiel hinausliefe, und der Hanswurst im Grunde die einzige vernünftige Rolle in der ganzen Farce abgäbe, eben weil er die Farce nicht höher nähme als eine Farce.«

Hier hielt der Mann einen Augenblick inne, und sagte dann in recht lustig wilder Laune: »Da hast du das ganze Fastnachtsspiel, worin ich selbst den Bruder mit dem Herzen dargestellt habe. Ich finde es übrigens recht wohl gethan, seine Geschichte so in Holz zu schnizzen und abzuspielen, man kann dabei recht boshaft sein, ohne daß die Moralisten etwas dagegen einwenden, und es eine Lästerung heißen dürfen. Auch erscheint alles recht erhaben unmotivirt, wie es doch in den ursprünglichen Verhältnissen wirklich ist, obgleich wir albernen Menschen im Kleinen gern motiviren mögen, dagegen unser Director es gar nicht thut, und keine Rechenschaft giebt, weshalb er so manche verpfuschte Rolle, wie ich z.B. eine bin, in seinem Fastnachtsspiele nicht ausstreichen will. O schon seit vielen Menschenaltern habe ich mich bestrebt aus dem Stücke herauszuspringen, und dem Direktor [57] zu entwischen, aber er läßt mich nicht fort, so pfiffig ich es auch anfangen mag. Das Überdrüßigste dabei ist die Langeweile, die ich immer mehr empfinde; denn du sollst wissen, daß ich hier unten schon viele Jahrhunderte als Akteur gedient habe, und eine von den stehenden italienischen Masken bin, die gar nicht vom Theater herunterkommen.«

»Ich hab's auf alle Weise versucht. Anfangs gab ich mich bei den Gerichten an, als großen Bösewicht und dreifachen Mörder; sie untersuchten's und thaten endlich den Ausspruch: ich müsse leben bleiben, indem sich aus meiner Defension ergäbe, wie ich nicht in bestimmten und ausdrücklichen Worten den Mord beauftragt, und er mir nur höchstens als eine geistige Handlung zuzurechnen sei, die nicht vor ein forum externum gehöre. Ich verwünschte meinen Defensor, und die Folge war ein leichter Injurienprozeß, womit man mich laufen ließ.«

»Darauf nahm ich Kriegsdienste, und versäumte keine Schlacht; doch zeichnete das Schicksal meinen Namen auf keine einzige Kugel, und der Tod umarmte mich auf der großen Wahlstätte unter tausend Sterbenden, und zerriß seinen Lorbeerkranz, um ihm mit mir zu theilen. Ja ich mußte nun gar in dem verhaßten Drama eine glänzende Heldenrolle übernehmen, und verwünschte knirschend meine Unsterblichkeit, die mir auf allen Seiten in den Weg trat.«

»Tausendmal sezte ich den Giftbecher an die Lippen, und tausendmal entstürzte er der Hand, ehe ich ihn leeren [58] konnte. Zu jeder Mitternachtsstunde trete ich, wie die mechanische Figur an dem Zifferblatte einer Uhr, aus meiner Verborgenheit hervor, um den Todesstoß zu vollführen, gehe aber jedesmal, wenn der lezte Schlag verhallt ist, wie sie, zurück, um so fort ins Unendliche wieder zu kehren und abzugehen. O wüßte ich nur dieses immerfort sausende Räderwerk der Zeit selbst aufzufinden, um mich hinein zu stürzen und es auseinander zu reißen, oder mich zerschmettern zu lassen. Die Sehnsucht diesen Vorsaz auszuführen bringt mich oft zur Verzweiflung; ja ich mache selbst wie im Wahnsinne tausend Plane es möglich zu machen – dann schaue ich aber plözlich tief in mich selbst hinein, wie in einen unermeßlichen Abgrund, in dem die Zeit, wie ein unterirdischer nie versiegender Strom dumpf dahin rauscht, und aus der finsteren Tiefe schallt das Wort ewig einsam herauf, und ich stürze schaudernd vor mir selbst zurük, und kann mir doch nimmer entfliehen.« –

Hier endete der Mann, und in mir stieg die heiße Sehnsucht auf, dem armen Schlaflosen das wohlthätige Opium mit eigener Hand zu reichen, und ihm den langen süßen Schlaf, nach dem sein heißes überwachtes Auge vergeblich schmachtete, zuzuführen. Doch fürchtete ich, daß in dem entscheidenden Augenblicke sein Wahnsinn von ihm weichen könnte, und er, sterbend, das Leben, eben um der Vergänglichkeit willen, wieder liebgewinnen mögte. O, aus diesem Widerspruche ist ja der Mensch geschaffen; er liebt das Leben um des Todes willen, und er würde es hassen, wenn das, was er fürchtet, vor ihm verschwunden wäre.

[59] So konnte ich nichts für ihn thun, und überließ ihn seinem Wahnsinn und seinem Schicksale.

[60] Fünfte Nachtwache Die vorige Nachtwache währte lange, die Folge war, wie bey Jenem, Schlaflosigkeit, und ich mußte den hellen prosaischen Tag, den ich sonst meiner Gewohnheit gemäß, wie die Spanier, zur Nacht mache, durchwachen, und mich in dem bürgerlichen Leben und unter den vielen wachen Schläfern langweilen.

Da konnte ich nun nichts bessers thun, als mir meine poetisch tolle Nacht in klare langweilige Prosa übersetzen, und ich brachte das Leben des Wahnsinnigen recht motivirt und vernünftig zu Papiere, und ließ es zur Lust und Ergözlichkeit der gescheuten Tagwandler abdrucken. Eigenlich war es aber nur ein Mittel mich zu ermüden, und ich wollte es in dieser Nachtwache mir vorlesen, um nicht zum zweitenmale mit der Prosa und dem Tage mich einlassen zu müssen.

Das geschieht denn auch nun jezt ganz plan, wie folget:

»Don Juans Vaterland war das heiße glühende Spanien, in dem Bäume und Menschen sich weit üppiger entfalten und das ganze Leben ein feurigeres Kolorit annimmt. Nur er allein schien wie ein nordischer Felsen in diesen ewigen Frühling versezt zu sein, er stand kalt und unbeweglich da und nur dann und wann lief ein Erdbeben unter ihm hin, daß sie erschraken, und es ihnen unheimlich in seiner Nähe wurde.

[61] Sein Bruder Don Ponce dagegen war jungfräulich mild, und wenn er sprach, blüheten seine Worte in Blumen auf und schlangen sich um das Leben, durch das er wie durch einen grün verhüllten Zaubergarten hinwandelte. Alle liebten ihn; Juan haßte ihn nicht, aber sein Ausdruck war ihm zuwider, weil er nichts ruhig und groß zu nehmen wußte, sondern alles durch überladene Verzierungen verkleinerte, und überall seine bunten Schnörkel zuvor anpinseln mußte, um sich die Dinge gefällig zu machen, wie schlechte Poeten, die die üppig reiche Natur noch zum zweitenmale auszuschmücken versuchen, statt eine neue selbstständige, durch eigene Kraft zu erschaffen.

Ohne Theilnahme lebten sie bei einander, und wenn sie sich umarmten, so schienen sie wie zwei erstarrte Todte auf dem Bernhard Brust gegen Brust gelehnt, so kalt war es in den Herzen, in denen weder Haß noch Liebe herrschte; nur Ponce hielt ihre unbeweglich lächelnde Maske vor das Gesicht und verschwendete viel freundliche Worte bei einem reinen angenehmen Vortrage ohne genialische Härten und herzliche Rohheit. Juan wurde dann nur spröder und zurückstoßender und dieser strenge Norden wehete feindlich in den milden Süden daß die erkünstelten Blumen schnell entblätterten.

Das Schicksal schien sich zu erzürnen über die Gleichgültigkeit zweier verwandten Herzen, und es warf tückisch Haß und Aufruhr zwischen sie, damit sie, die die Liebe verschmäht hatten, als zornige Feinde sich einander nähern möchten. –

[62] Es war zu Sevilla als Juan untheilnehmend einem Stiergefechte beiwohnte. Sein Blick schweifte von dem Amphitheater ab, über die über einander emporsteigenden Reihen der Zuschauer, und haftete weniger bei der lebenden Menge als den bunten phantastischen Verzierungen und den gestickten Teppichen die die Balustraden bedeckten. Endlich wurde er auf eine einzige noch leere Loge aufmerksam, und er starrte mechanisch dahin, wie wenn hier erst der Vorhang des wahren Schauspiels für ihn sich heben würde. Nach einer langen Pause erschien eine einzelne ganz in schwarze Schleier gehüllte hohe weibliche Gestalt, und hinter ihr ein bildschöner Page, der durch den ausgespannten Sonnenschirm sie vor der Hitze schüzte. Sie blieb unbeweglich auf der Tribune stehen, und eben so unbeweglich stand ihr Juan gegenüber; es war ihm als wenn das Räthsel seines Lebens hinter diesen Schleiern verborgen wäre, und doch fürchtete er den Augenblick wenn sie fallen würden, wie wenn ein blutiger Bankos Geist sich daraus erheben sollte.

Endlich war der Moment gekommen, und wie eine weiße Lilie blühete eine zauberische weibliche Gestalt aus den Gewändern auf, ihre Wangen schienen ohne Leben und die kaum gefärbten Lippen waren still geschlossen; so glich sie mehr dem bedeutungsvollen Bilde eines wunderbaren übermenschlichen Wesens, als einem irdischen Weibe.

Juan fühlte zugleich Entsetzen und heiße wilde Liebe, es verwirrte sich tief in ihm, und ein lauter Schrei war die einzige Äusserung die seinem Munde entfuhr. Die Unbekannte [63] blickte rasch und scharf nach ihm hin, warf in demselben Augenblicke die Schleier über, und war verschwunden.

Juan eilte ihr nach, und fand sie nicht. Er durchstrich Sevilla – vergeblich; Angst und Liebe trieben ihn fort und wieder zurück, doch aber erschien ihm oft in einzelnen schnell vorüberfliegenden Sekunden der Augenblick in dem er sie finden würde eben so entsezlich als erwünscht; er bemühete sich diese Ahnung nur ein einzigesmal festzuhalten um sie zu begreifen, aber sie rauschte jedesmal wie ein nächtlicher Traum schnell an ihm vorüber, und wenn er sich besann war es wieder dunkel und Alles in seinem Gedächtnisse ausgelöscht. –

Dreimal hatte er ganz Spanien durchkreiset, ohne das blasse Antlitz wieder zu treffen, das tödtlich und liebend zugleich in sein Leben zu schauen schien; endlich trieb ihn ein unwiderstehliches Heimweh nach Sevilla zurück; und der erste der ihm dort begegnete, war Ponce.

Beide Brüder schienen vor einander zu erschrecken, denn beide waren einander fremd bis zum Räthsel geworden. Juans Härte war verschwunden und er stand ganz in Flammen wie ein Vulkan, durch dessen tausendjährige Schichten das innere Feuer sich mit einemmale Luft machte; aber in seiner Nähe schien es jezt nur um so gefährlicher. Ponces ehmalige Milde dagegen war zu Sprödigkeit geworden, und er stand kalt neben dem glühenden Bruder da, aller falscher Flitter war von seinem Leben abgefallen, und er glich einem Baume der seines vergänglichen Frühlingsschmuckes beraubt, die nackten [64] [66]Äste starr und verworren in die Lüfte ausstreckt. – So entzündet derselbe Blizstrahl einen Wald daß er tausend Nächte hindurch den Horizont beleuchtet, indeß er flüchtig über die Heide hinfährt und nur die spärlichen Blumen versengt daß sie verdorren und keine Spur zurücklassen.

Kalt höflich bat Ponce Don Juan ihn zu seiner Wohnung zu begleiten, damit er ihm seine Gemahlin vorstellen könne. Juan folgte mechanisch. Es war eben die Zeit der Siesta; die Brüder traten in einen von dichtem Weinlaube umhüllten Pavillon – da ruhete an einem marmornen Denksteine eben die blasse Gestalt schlummernd und unbeweglich, neben dem steinernen Genius des Todes, dessen umgestürzte Fackel ihre Brust berührte. Juan stand starr und eingewurzelt, die finstere Ahnung stieg rasch vor seinem Geiste auf und verschwand nicht wieder, und wurde furchtbar deutlich, wie das sich plözlich auflösende Räthsel des Oedipus. Dann verließen ihn die Sinne, und er sank bewußtlos auf den Stein nieder.

Als er wieder erwachte, fand er sich allein, und nur der stumme ernste Jüngling war bei ihm zurük geblieben. Sturm und Aufruhr im Innern, stürzte er hinaus ins Freie. –

Und alles war um ihn her verwandelt und anders worden; die alte Zeit schien sich wiederzugebähren, und das graue Schicksal erwachte aus seinem tiefen Schlafe, und herrschte wieder über Erde und Himmel. Eine Furie verfolgte ihn, wie den Orestes, auf jedem Schritte, und hob oft tückisch das Schlangenhaar, und zeigte ihm ihr schönes Antliz. –

[66] Ponce mußte auf längere Zeit Sevilla verlassen, da schlich Don Juan aus seiner tiefen Verborgenheit hervor, wie ein lichtscheuer Verbrecher. In seiner Seele war alles fest und entschieden, doch floh er seinen eigenen Umgang, um dem dunkeln Gefühle keine Worte zu geben, und sich nicht gegen sich selbst erklären zu müssen. So suchte er, gegen sich geheimnißvoll, Ponces Landgut auf, und trat in Donna Ines Zimmer; sie erkannte ihn rasch, und die weiße Rose blühete zum erstenmale roth und glühend auf, und die Liebe belebte Pygmalions kaltes Wunderbild. Die Abensonne brannte durch Laub und Blüthen, und Ines schob kindlich schuldlos den Wangenpurpur dem Himmelsfeuer zu, das sie anstrahlte: dann ergriff sie bebend die Harfe, und wie Juan ihr Spiel mit der Flöte begleitete, hub das verbotene Gespräch ohne Worte an, und die Töne bekannten und erwiederten Liebe. So bliebs bis Juan kühner wurde, die mystische Hieroglyphe verschmähete, und die schöne geheimnißvolle Sünde in heller Rede offenbarte. Da schwand die Dämmerung vor der Unschuldigen, sie schien erst jezt wie durch einen feindlichen Fackelglanz alles um sich her zu erkennen, und nannte zum erstenmale schaudernd und erschrocken den Namen »Bruder!«

Die Sonne ging in demselben Augenblicke unter, und das eben noch gefärbte Antliz war schnell wieder blaß wie zuvor.

Juan verstummte; Ines zog die Klocke, und eben jener Page, schön wie der Liebesgott, trat in das Zimmer. – Juan entfernte sich ohne ein Wort zu reden.

[67] Es war schon ganz finster draußen im Walde, er schritt gedankenlos vor sich hin, plözlich stand Don Ponce dicht vor ihm, rasch zog er den Dolch und führte wild den Stoß, – jezt kam er zur Besinnung; der Dolch stekte tief in dem Stamme eines Baumes, und nur seine Phantasie hatte den Brudermord begangen.

Ponce kehrte endlich zurück, aber Ines gedachte der Stunde nicht gegen ihn, und verhüllte Liebe und Vergehen tief in ihre Brust. Juan haßte den Tag, und lebte von jezt an nur in der Nacht, denn was in ihm vorging war lichtscheu und gefährlich. Sobald es finster wurde wandelte er jedesmal von dem Orte seines Aufenthalts hin nach Ponces Landgute, und blikte nach Ines Fenstern, doch wenn der Morgen wieder grauete, entfernte er sich wild und grollend. Einmal sah er Ines und den Pagen beim Lichtscheine, und seine Phantasie schuf ein Mährchen, wie Ines ihn, des Jünglings wegen, zurückgesezt habe, und nur diesem die süßen Stunden der Nacht heimlich weihe; da schwur er in wilder Eifersucht dem schönen Knaben den Tod, und beschloß die erste Gelegenheit zur Ausführung zu ergreifen. – Das Licht auf ihrem Zimmer erlosch nicht, er wähnte den Pagen noch immer an ihrer Seite, harrte bebend vor Wuth und Liebe bis zur Mitternachtsstunde, dann schlich er, seiner nicht mehr mächtig, ein halb Wahnsinniger, hervor bis zur Thür des Hauses und fand sie nur angelehnt. Mit ungewissen wankenden Schritten ging er vor sich hin, und kam vor Ines Zimmer – ein rascher Druck, und es war geöffnet.

Da lag die Blasse wieder wie an dem Sarkophage, das [68] Nachtgewand war nur leicht um sie her gewunden, und in das Saitenspiel, das sie, noch schlummernd, an die Brust lehnte, schlangen sich braune Lockenkränze. Juans Lippen entfuhr unwillkührlich der Name seines Bruders, da glaubte er plözlich in der Schlafenden die Furie zu erblicken, die zwischen ihnen beiden aufgestiegen, und die Locken die das schöne Antliz umwallten, schienen sich in Schlangen zu verwandeln. Dann war sie aber wieder das Weib seiner Liebe, und er sank, außer sich, zu ihren Füßen nieder, und drükte seine heißen Lippen in ihre Brust. Sie taumelte erschrocken empor, erkannte ihn beim Scheine des Nachtlichts, stieß ihn mit heftiger Kraft von sich, und ihr Blik drückte Schauder und Entsezen aus.

Der einzige Blick zerschmetterte ihn, doch erhob sich schnell sein böser Dämon, und er stürzte fort, bewußtlos was er thun wollte – ein blutiger Vorsatz lag dunkel vor seiner Seele.

Von dem Geräusche erweckt taumelte der Page schlaftrunken aus einem Zimmer im Vorsaale, er ergriff ihn und sagte rasch: »Deine Gebietherin verlangt nach dir, sie will in die Frühmesse!« Der Page rieb sich die Augen, er blikte ihm nach, und sah noch wie er in Ines Zimmer verschwand. Das Schicksal hatte die Katastrophe tückisch vorbereitet; Don Juan fand des Bruders Schlafgemach, riß ihn aus dem ersten Schlummer, und rief ihm die Untreue seines Weibes zu. Ponce fuhr rasch auf und wollte Erklärung, aber er zog ihn heftig mit sich fort, und drükte ihm nur auf dem Wege seinen Dolch in die Hand; dann schob er ihn in das Zimmer.

[69] Es war todtenstill um Don Juan, er stand furchtbar einsam in der Nacht, und suchte zähneklappernd in dumpfer Angst die eben weggegebene Waffe. Jezt entstand ein Geräusch und die Thür flog wie von selbst aus den Angeln.

Da wurde das schrekliche Nachtstück beleuchtet. Der schöne Knabe lag schon im festen Todesschlummer auf dem Boden, und aus Ines Brust floß der purpurrothe Strom, und haftete auf dem schneeweißen Schleier wie vorgestekte Rosen.

Juan stand starr wie eine Bildsäule; Ines blikte ihn fest an, aber die blasse Lippe blieb geschlossen und enthüllte nichts, dann senkte sich der tiefe Schlaf sanft über ihre Augen.

Als sie starb erwachte erst Ponce, und er schien jezt zum erstenmale zu lieben, weil er die Liebe verlohr, und ein liebendes Herz zu fühlen, um es zu durchbohren. Er vermählte sich still wieder mit Ines.

Don Juan stand stumm und wahnsinnig unter den Todten.

[70][72] Sechste Nachtwache Was gäbe ich doch darum, so recht zusammenhängend und schlechtweg erzählen zu können, wie andre ehrliche protestantische Dichter und Zeitschriftsteller die groß und herrlich dabei werden, und für ihre goldenen Ideen goldene Realitäten eintauschen. Mir ists nun einmal nicht gegeben, und die kurze simple Mordgeschichte hat mich Schweiß und Mühe genug gekostet, und sieht doch immer noch kraus und bunt genug aus.

Ich bin leider in den Jugendjahren und gleichsam im Keime schon verdorben, denn wie andere gelehrte Knaben und vielversprechende Jünglinge es sich angelegen sein lassen immer gescheuter und vernünftiger zu werden, habe ich im Gegentheile stets eine besondere Vorliebe für die Tollheit gehabt, und es zu einer absoluten Verworrenheit in mir zu bringen gesucht, eben um, wie unser Herrgott, erst ein gutes und vollständiges Chaos zu vollenden, aus welchem sich nachher gelegentlich, wenn es mir einfiele, eine leidliche Welt zusammen ordnen ließe. – Ja es kommt mir zu Zeiten in überspannten Augenblicken wohl gar vor, als ob das Menschengeschlecht das Chaos selbst verpfuscht habe, und mit dem Ordnen zu voreilig gewesen sei, weshalb denn auch nichts an seinen gehörigen Platz zu stehen kommen könne, und der Schöpfer bald möglichst dazu thun müsse die Welt, wie ein verunglücktes System auszustreichen und zu vernichten. –

[72] Ach, diese fixe Idee ist mir übel genug bekommen, und hätte mich selbst beinahe einmal um mein Nachtwächteramt gebracht, indem es mir in der letzen Stunde des Säkulums einfiel mit dem jüngsten Tage vorzuspuken und statt der Zeit die Ewigkeit auszurufen, worüber viele geistliche und weltliche Herren erschrocken aus ihren Federn fuhren und ganz in Verlegenheit kamen, weil sie so unerwartet nicht darauf vorbereitet waren.

Drollig genug machte sich die Szene bei diesem falschen jüngsten Tages Lerm, wobei ich den einzigen ruhigen Zuschauer abgab, indeß alle Anderen mir als leidenschaftliche Akteurs dienen mußten. – O man hätte sehen sollen was das für ein Getreibe und Gedränge wurde unter den armen Menschenkindern und wie der Adel ängstlich durch einanderlief, und sich doch noch zu rangiren suchte vor seinem Herrgott; eine Menge Justiz – und andere Wölfe wollten aus ihrer Haut fahren und bemüheten sich in voller Verzweiflung sich in Schaafe zu verwandeln, indem sie hier den in feuriger Angst umherlaufenden Wittwen und Waisen große Pensionen aussezten, dort ungerechte Urtheile öffentlich kassirten und die geraubten Summen wodurch sie die armen Teufel zu Bettlern gemacht hatten, sogleich nach Ausgang des jüngsten Tages zurück zu zahlen gelobten. So manche Blutsauger und Vampyre denunciirten sich selbst als Hängens und Köpfens würdig und drangen darauf, daß noch in der Eile hier unten ihr Urtheil an ihnen vollzogen würde, um die Strafe von höherer Hand von sich abzuwenden. Der stolzeste Mann im Staate stand zum erstenmale demüthig und fast kriechend mit der Krone in der Hand und komplimentirte mit einem zerlumpten Kerl [73] um den Vorrang, weil ihm eine hereinbrechende allgemeine Gleichheit möglich schien.

Ämter wurden niedergelegt, Ordensbänder und Ehrenzeichen eigenhändig von ihren unwürdigen Besitzern abgelöset; Seelenhirten versprachen feierlich künftighin ihren Heerden neben den guten Worten noch obendrein ein gutes Beispiel in den Kauf zu geben, wenn der Herrgott nur diesesmal es noch beim Einsehen bewenden ließe.

O was kann ichs beschreiben wie das Volk vor mir auf der Bühne in und durcheinander lief und in der Angst betete und fluchte und jammerte und heulte; und wie jeglicher Maske auf diesem zusammengeblasenen großen Balle, die Larve von dem Antlitze fiel und man in Bettlerkleidern Könige und umgekehrt, in Ritterrüstungen Schwächlinge und so fast immer das Gegentheil zwischen Kleid und Mann entdeckte.

Es freute mich daß sie lange vor übergroßer Angst das Zögern der himmlischen Kriminaljustiz gar nicht bemerkten, und die ganze Stadt Zeit hatte, alle ihre Tugenden und Laster aufzudecken und sich gleichsam vor mir, ihrem lezten Mitbürger, völlig zu entblößen. Das einzige geniale Stückchen verübte ein satirischer Bube, der schon vorher aus Langerweile entschlossen war in das neuen Säkulum nicht mit hinüberzuwandern, und jezt in der letzten Stunde des alten sich erschoß, um den Versuch zu machen ob in diesem Indifferenzmomente zwischen Tod und Auferstehen, das Sterben noch auf einen Augenblick möglich sei, damit er nicht mit der ganzen [74] [76]übergroßen Lebenslangeweile in die Ewigkeit ohne weiteres hinübermüsse.

Außer mir gab es übrigens nur noch eine ruhige Person, und zwar den Stadtpoeten, der aus seinem Dachfenster trotzig in das Michel Angelos Gemälde hinabschauete, und auf seiner poetischen Höhe auch das Weltende poetisch nehmen zu wollen schien.

Ein Astronom nahe bei mir merkte endlich an, daß dieser große actus solennis sich doch etwas zu lange verzögere und daß das feurige Schwerdt im Norden, statt des Gerichtsschwertes auch wohl nur als ein bloßer Nordschein zu nehmen sei. In diesem entscheidenden Momente, da schon einige von den Schächern die Köpfe wieder empor recken wollten, hielt ichs für nüzlich, sie wenigstens während einer kurzen erbaulichen Rede noch in ihrer Zerknirschung festzuhalten zu suchen, und ich hub folgender Gestalt an:

»Theuerste Mitbürger! Ein Astronom kann in diesem Falle nicht als ein kompetenter Richter angesehen werden, indem ein so wichtiges Phänomen, das über uns am Himmel heraufzuziehen scheint, keinesweges wie ein unbedeutender Komet berechnet werden kann, und nur einmal während der ganzen Weltgeschichte erscheint; laßt uns darum unsere feierliche Stimmung nicht so leichtsinnig aufgeben, sondern vielmehr einige für unsern Standpunkt wichtige und zweckmäßige Betrachtungen anstellen.

Was liegt uns wohl am Weltgerichtstage näher als ein [76] Rückblick auf den unter uns wankenden Planeten, der nun mit seinen Paradiesen und Kerkern mit seinen Narrenhäusern und Gelehrten Republiken zusammenstürzen soll; laßt uns deshalb in dieser lezten Stunde, da wir die Weltgeschichte abschließen wollen, nur kurz und summarisch überschauen, was wir, seit dieser Erdball aus dem Chaos hervorgestiegen, auf ihm getrieben und ausgeführt haben. Es ist seit Adam her eine lange Reihe von Jahren – wenn wir nicht gar die Zeitrechnung der Chineser als die gültige annehmen wollen – was haben wir aber darin vollbracht? – Ich behaupte: Gar Nichts!

Staunet mich nicht so an; der heutige Tag ist eben nicht dazu eingerichtet sich wichtig zu machen, und es thut Noth daß wir uns über Hals und Kopf noch ein wenig mit der Bescheidenheit zu beschäftigen suchen.

Sagt mir, mit was für einer Mine wollt ihr bei unserm Herrgott erscheinen, ihr meine Brüder, Fürsten, Zinswucherer, Krieger, Mörder, Kapitalisten, Diebe, Staatsbeamten, Juristen, Theologen, Philosophen, Narren und welches Amtes und Gewerbes ihr sein mögt; denn es darf heute keiner in dieser allgemeinen Nationalversammlung ausbleiben, ob ich gleich merke, daß mehrere von euch sich gern auf die Beine machen möchten um Reisaus zu nehmen.

Gebt der Wahrheit die Ehre, was habt ihr vollbracht, das der Mühe werth wäre? Ihr Philosophen z.B. habt ihr bis jezt etwas Wichtigers gesagt, als daß ihr nichts zu sagen wüßtet? – das eigentliche und am meisten einleuchtende Resultat aller bisherigen Philosophien! – Ihr Gelehrten, [77] was hat eure Gelehrsamkeit anders bezwekt als eine Zersezung und Verflüchtigung des menschlichen Geistes um zulezt mit Muße und einfältiger Wichtigkeit an das übriggebliebene caput mortuum euch zu halten. – Ihr Theologen, die ihr so gern zur göttlichen Hofhaltung gezählt werden möchtet, und indem ihr mit dem Allerhöchsten liebäugelt und fuchsschwänzt, hier unten eine leidliche Mördergrube veranstaltet und die Menschen statt sie zu vereinigen in Sekten auseinander schleudert und den schönen allgemeinen Brüder- und Familienstand als boshafte Hausfreunde auf immer zerrissen habt. – Ihr Juristen, ihr Halbmenschen, die ihr eigentlich mit den Theologen nur eine Person ausmachen solltet, statt dessen euch aber in einer verwünschten Stunde von ihnen trenntet um Leiber hinzurichten, wie jene Geister. Ach nur auf dem Rabensteine reicht ihr Brüderseelen vor dem armen Sünder auf dem Gerichtsstuhle euch nur noch die Hände und der geistliche und weltliche Henker erscheinen würdig neben einander! –

Was soll ich gar von euch sagen, ihr Staatsmänner, die ihr das Menschengeschlecht auf mechanische Prinzipien reduzirtet. Könnt ihr mit euern Maximen vor einer himmlischen Revision bestehen, und wie wollt ihr, da wir jezt in einen Geisterstaat überzugehen im Begriffe sind, jene ausgeplünderten Menschengestalten placiren, von denen ihr gleichsam nur den abgestreiften Balg, indem ihr den Geist in ihnen ertödtetet, zu benuzen wußtet. – O, und was drängt sich mir nicht noch alles auf über die einzeln stehenden Riesen, die Fürsten und Herrscher, die mit Menschen statt mit Münzen bezahlen, und mit dem Tode den schändlichen Sklavenhandel treiben. –

[78] O es hat mich toll und wild gemacht, und wie ich die Erdenbrut jezt vor mir herum kriechend erblicke mit ihren Verdiensten und Tugenden, so mögte ich nur auf eine Stunde bei diesem allgemeinen Weltgerichte der Teufel sein, blos um euch eine noch kräftigere Rede zu halten! –

Die feierliche Handlung zögert noch immer, wie ich sehe, und es wird euch zur Bekehrung noch Raum gegeben, so betet und heult denn, ihr Heuchler, wie ihr es kurz vor dem Tode zu machen pflegt, wenn ihr euer verpfuschtes Leben nicht besser anzuwenden wißt, und unfähig geworden seid, länger zu sündigen.

Hinter Euch liegt die ganze Weltgeschichte wie ein alberner Roman, in dem es einige wenige leidliche Karaktere, und eine Unzahl erbärmlicher giebt. Ach, euer Herrgott hat es nur in dem einzigen versehen, daß er ihn nicht selbst bearbeitete, sondern es euch überlies daran zu schreiben. Sagt mir, wird er es jezt wohl der Mühe werth halten, daß verpfuschte Ding in eine höhere Sprache zu übersetzen, oder muß er nicht vielmehr, wenn er es in seiner ganzen Seichtigkeit vor sich liegen sieht, es im Ingrim zerreißen, und euch mit euren ganzen Planen der Vergessenheit überantworten? Ich seh's nicht anders ein! denn ihr alle, wie ich euch hier erblicke, könnt ihr wohl mit Recht auf den Himmel oder die Hölle Anspruch machen? Für jenen seid ihr zu schlecht, für diese zu langweilig! –

Die Gerichtsanstalten ziehen sich noch in die Länge, doch rathe ich euch werdet nicht etwa beruhigter, rafft [79] euch vielmehr zusammen, um, bis es unter uns kracht, noch einige hübsche Fortschritte in der Zerknirschung gemacht zu haben. Ich will mit den triftigsten Gründen losbrechen: der Herr verschonte einst Sodom und Gomorra um eines einzigen Gerechten willen, doch könntet ihr frech genug sein zu folgern, daß er einiger leidlich Frommen wegen einen ganzen Erdball voll Heuchler bei sich beherbergen werde. Thue jemand unter euch auch nur einen einzigen vernünftigen Vorschlag, wohin man euch plaziren soll! Schon der seelige Kant hat es euch dargethan, wie Zeit und Raum nur bloße Formen der sinnlichen Anschauung sind; nun wißt ihr aber daß beide in der Geisterwelt nicht mehr vorkommen; jezt bitte ich euch, die ihr nur allein in der Sinnlichkeit lebt und webt, wie wollt ihr Raum finden, da wo es keinen Raum mehr giebt? – Ja, was wollt ihr gar beginnen, wenn es mit der Zeit zu Ende geht? Selbst auf eure größten Weisen und Dichter angewandt, bleibt die Unsterblichkeit zulezt doch auch nur ein uneigentlicher Ausdruck, was soll sie für euch arme Teufel bedeuten, die ihr keine andere Handlung ausgeübt habt, als die, mit Waaren, und keinen andern Geist kennt, als den Weingeist, durch den eure Poeten ein Analogon von Begeisterung in sich hervorbringen. – Da gebe nur jemand einen leidlichen Rath; ich wenigstens weiß beim Teufel nicht, wo ich mit euch hin soll!« –

Hier bemerkte ich eine Unruhe in der Versammlung vor mir, und hörte auch ganz deutlich, wie einige junge Freigeister, welche jezt Synonyma mit Geistlosen sind, keklich behaupteten, daß das ganze nur ein falscher Lerm gewesen. Der eine aus der Versammlung hatte auch bereits [80] wieder seine Krone aufgesezt, und der erste Rathsstand, der sich selbst vorhin denunciirte, äußerte erboßt: daß es strenge Ahndung verdiene mit einer ganzen respectiven Stadt Komödie zu spielen, und daß man sich an mich als den ersten Lermstifter halten müsse.

Ich gab jezt klein zu, und bat nur noch, indem ich mich an den Mann mit der Krone wandte, um einen Augenblick Gehör; worauf ich folgendes bemerkte: »Wie ein solches Gerichtstagansagen, selbst wenn es blos blinder Lerm, doch von einigem Nutzen sein könne, und es sogar zu wünschen wäre, daß durch physikalische Experimente und einige Centner Beerlappenmehl, um von den Anhöhen und Thürmen damit herabzublitzen, regelmäßig, von Staats wegen, ein solcher Vorspuk gemacht werden mögte, damit der Mann mit der Krone, der in keinem Falle allwissend, dann und wann dadurch eine allgemeine Staatsrevision veranstalten, und den Staat selbst in puris naturalibus mit allen seinen Gebrechen erblicken könnte, da er ihm sonst nur immer in Galla und täuschend durch die Staatsschneider oder Beschneider, die Günstlinge und Räthe ausgeschmükt, vorgeführt würde. Ja, ich trüge selbst darauf an, mir als erstem Erfinder dieses Staatsexperiments ein Patent über meine Erfindung auszufertigen, bloß um die Nebensporteln die an einem solchen pseudojüngsten Tage vorfielen, als z.B. die Seegenswünsche der vielen wieder emporgeholfenen armen Teufel, die Flüche der gestürzten Heiligen u.d.g. in meinen Säkel zu ziehen.«

Ja ich wagte zulezt, durch die Todtenstille um mich her kühner gemacht, zu bemerken, »wie ich selbst heute [81] schon eine solche Revision durch meinen Feuerlärm veranstaltet hätte, und es nicht übel gerathen sei gleich jezt an eine mäßige Reparatur zu gehen, und das verschobene Staatsgebäude wieder leidlich durch einige Ämterentsetzungen, Hinrichtungen u.s.w. einzurücken.«

Keiner redete, als ich ausgesprochen, ein Wort, und der Mann schob die Krone auf dem Haupte hin und her, als wenn er mit sich unschlüssig wäre; das endliche Resultat war indeß, daß meine Erfindung als unanwendbar verworfen wurde, und ich aus höchster Gnade nur als ein Narr angesehen werden, und für diesesmal noch mit der Amtsentsetzung gegen mich innegehalten werden solle.

Damit indeß ein ähnlicher Lerm nicht wieder für die Folge zu besorgen, so wurden durch eine Kabinetsordre die von Samuel Day erfundenen watchmanns noctuaries eingeführt, wodurch ich von einem singenden und blasenden Nachtwächter auf einen stummen reduzirt wurde 1, wobei man zum Grunde anführte, daß ich durch mein Blasen und Rufen mich den Nachtdieben verriethe, und es deshalb als unzweckmäßig abgeschafft werden müsse.

Die Tagdiebe waren so mit einemmale meiner Aufsicht entzogen, und ich wandle jezt stumm und traurig durch die öden Straßen, um in jeder Stunde meine Karte [82] in die Nachtuhr zu schieben. O es ist unglaublich, was seitdem der Schlaf befördert ist, und wie so mancher, der bei seinen geheimen Sünden nichts als den jüngsten Tag fürchtete, seitdem meine Gerichtsposaune zerbrochen ist, ruhig und fest in seinen Kissen liegt.

[83] Siebente Nachtwache Ich bin einmal auf meine Tollheiten gekommen; nun ist aber mein Leben selbst die ärgste von allen, und ich will diese Nacht, da ich mir doch durch Blasen und Singen die Zeit nicht mehr vertreiben darf, in der Rekapitulation desselben fortfahren.

Ich bin schon oft daran gegangen vor dem Spiegel meiner Einbildungskraft sizend, mich selbst leidlich zu portraitiren, habe aber immer in das verdammte Antliz hineingeschlagen, wenn ich zulezt fand, daß es einem Vexirgemälde glich, das von drei verschiedenen Standpunkten betrachtet, eine Grazie, eine Meerkaze und en face den Teufel dazu darstellt. Da bin ich denn über mich verwirrt geworden, und habe als den lezten Grund meines Daseins hypothetisch angenommen, daß eben der Teufel selbst, um dem Himmel einen Possen zu spielen, sich während einer dunkeln Nacht in das Bette einer eben kanonisirten Heiligen geschlichen, und da mich gleichsam als eine lex cruciata für unsern Herrgott niedergeschrieben habe, bei der er sich am Weltgerichtstage den Kopf zerbrechen solle.

Dieser verdammte Widerspruch in mir geht so weit, daß z.B. der Papst selbst beim Beten nicht andächtiger sein kann, als ich beim blasphemiren, da ich hingegen wenn ich recht gute erbauliche Werke durchlese, mich der boshaftesten Gedanken dabei durchaus nicht erwehren [84] [86]kann. Wenn andere verständige und gefühlvolle Leute in die Natur hinauswandern um sich dort poetische Stifts- und Thaborshütten zu errichten, so trage ich vielmehr dauerhafte und auserlesene Baumaterialien zu einem allgemeinen Narrenhause zusammen, worinn ich Prosaisten und Dichter bei einander einsperren möchte. Ein paarmale jagte man mich aus Kirchen weil ich dort lachte, und eben so oft aus Freudenhäusern, weil ich drin beten wollte.

Eins ist nur möglich; entweder stehen die Menschen verkehrt, oder ich. Wenn die Stimmenmehrheit hier entscheiden soll, so bin ich rein verloren.

Dem sei wie ihm wolle, und meine Physiognomie falle häßlich oder schön aus, ich will ein Stündchen treulich daran kopiren. Schmeicheln werde ich nicht, denn ich male in der Nacht, wo ich die gleissenden Farben nicht anwenden kann und nur auf starke Schatten und Drucker mich einschränken muß.

Mir gaben zuerst einige poetische Flugblätter einen leidlichen Namen, die ich aus der Werkstätte meines Schuhmachers fliegen ließ; das erste enthielt eine Leichenrede die ich niederschrieb als diesem ein Knäblein geboren wurde, und ich erinnere mich nur noch blos an den Anfang, der ohngefähr so lautete:

»Da kleiden sie ihn ein für seinen ersten Sarg, bis der zweite fertig worden, an dem seine Thaten und Thorheiten eingegraben sind; so wie man Fürstenleichen erst in einen provisorischen Sarg einzulegen pflegt, bis sie dann später den zinnernen in die Gruft hinabtragen, der würdig [86] mit Trophäen und Inschriften verziert ist, und den Leichnam zum zweitenmale einsargen. – Traut auch, ich bitte euch, dem Lebensscheine und den Rosen auf den Wangen des Knaben nicht; das ist die Kunst der Natur, wodurch sie, gleich einem geschikten Arzte, den einbalsamirten Körper eine längere Zeit in einer angenehmen Täuschung erhält; in seinem Innern nagt doch die Verwesung schon, und wolltet ihr es aufdecken, so würdet ihr eben die Würmer aus ihren Keimen sich entwickeln sehen, die Freude und den Schmerz, die sich schnell durchnagen daß die Leiche in Staub zerfällt. Ach nur da er noch nicht gebohren war lebte er, so wie das Glück allein in der Hoffnung besteht, sobald es aber wirklich wird, sich selbst zerstört. Jezt steht er nur noch auf dem Paradebette, und die Blumen die ihr auf ihn streut sind Herbstblumen für sein Sterbekleid. In der Ferne rüsten sich auch schon ringsum die Leichenträger, die seine Freuden und ihn selbst hinwegführen wollen, und die Erde bereitet schon seine Gruft für ihn, um ihn zu empfangen. Überall strecken nur der Tod und die Verwesung gierig ihre Arme nach ihm aus, ihn nach und nach zu verzehren, um zulezt wenn seine Schmerzen, seine Wonne, seine Erinnerung und sein Staub verwehet ist, vom Morden müde auf seiner leeren Gruft auszuruhen. Seine Asche hat die Natur dann schon längst wieder zu neuen Todtenblumen für neue Sterbende verbraucht.« –

Das Übrige von der Rede habe ich vergessen. Sie meinten das Ganze sei nicht übel und nur blos die Überschrift ein Fehler, indem offenbar statt Geburtstage, Sterbetage stehen müsse; so wurde es dann auch bei vorkommenden Kinderleichen gebraucht. –

[87] Ein debütirender Autor hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, da er sich erst überhaupt durch seine Werke bekannt machen muß; hingegen ein schon aufgetretener und einmal applaudirter, blos durch seinen Namen seine Werke berühmt macht; indem die Menschen es nimmer sich überreden können, daß große Poeten und große Helden ihre Stunden haben, in denen sie schlechtere Werke und schlechtere Handlungen ans Licht fördern als die schlechtesten anderer höchst alltäglicher Erdensöhne. Höhe und Tiefe sind nie ohne einander, auf der Fläche dagegen, ist der Sturz nicht zu befürchten.

Mich verfolgte indeß das Glück ordentlicherweise und ich erhielt fast mehr Reime zusammenzuflicken als Schuhe, so daß wir das alte Hans Sachsische Aushängeschild über unserer Werkstatt wieder herstellen, und zwei für den Staat wichtige Künste amalgamiren konnten. Dazu erhielt ich für ein Gedicht fast mehr bezahlt als für einen Schuh, weshalb der alte Meister das lose Handwerk neben dem Brodhandwerke ungeneckt einherwandeln und meinen delphischen Dreifuß neben seinem gemeinnüzigen stehen lies.

Als eine vernünftige Anordnung der Vorsehung betrachte ich es übrigens, daß manche Menschen in einen engen erbärmlichen Wirkungskreis und zwischen vier Mauern eingesperrt sind, wo in der dumpfen Kerkerluft ihr Licht nur matt und unschädlich aufflammen kann, so daß man höchstens dabei erkennt, daß man sich in einem Kerker befindet; da es im Gegentheile in der Freiheit wie ein Vulkan auflodern würde, um Alles ringsum in Brand zu stecken. – Bei mir fing es wirklich jezt schon an zu [88] sprühen und zu funkeln, indeß konnten nichts weiter als poetische Leuchtkugeln zum Vorschein kommen, um das Terrain zu rekognosciren, aber keine Bomben um zu zersprengen und zu verheeren. Eine furchtbare Angst ergriff mich oft, wie einen Riesen, den man als Kind in einen niedrigen Raum eingemauert, und der jezt empor wächst und sich ausdehnen und aufrichten will, ohne es im Stande zu sein, und sich nur das Gehirn eindrücken, oder zur verränkten Misgestalt in einander drängen kann.

Menschen dieses Schlages, wenn sie empor kämen würden feindseelig sich äußern, und als eine Pest, ein Erdbeben oder Gewitter unter das Volk fahren, und ein gutes Stück von dem Planeten aufreiben und zu Pulver verbrennen. Doch sind diese Enakssöhne gewöhnlich gut postirt, und es sind Berge über sie geworfen wie über die Titanen, worunter sie sich nur grimmig schütteln können. Hier verkohlt sich ihr Brennstoff allmählig, und nur selten gelingt's ihnen sich Luft zu machen, und ihr Feuer zornig aus dem Vulkane gen Himmel zu schleudern.

Ich brachte das Volk indeß schon durch mein bloßes Feuerwerkern in Aufruhr, und die flüchtige satirische Rede eines Esels über das Thema: warum es überhaupt Esel geben müsse, machte gewaltigen Lerm. Ich hatte bei Gott wenig Arges dabei gedacht, und das Ganze bloß aufs Allgemeine bezogen; aber eine Satire ist wie ein Probirstein, und jedes Metall das daran vorüberstreicht läßt das Zeichen seines Werthes oder Unwerthes zurück; so gings auch hier – der *** hatte das Blatt gelesen, und alles [89] genau auf sich passend gefunden; weshalb man mich ohne weiteres in den Thurm sperrte, wo ich Muße hatte immer wilder zu werden. Dabei gings mir übrigens mit meinem Menschenhasse wie den Fürsten, die den einzelnen Menschen wohlthun, und sie nur in ganzen Heeren würgen.

Endlich ließ man mich los, als die fremde Zahlung aufhörte, denn mein alter Meister war Todes verfahren, und ich stand nun mutterallein da in der Welt, als wäre ich aus einem andern Planeten herabgefallen. Jezt sah ich's recht, wie der Mensch als Mensch nichts mehr gilt, und kein Eigenthum an der Erde hat, als was er sich erkauft oder erkämpft. O wie ergrimmte ich, daß Bettler, Vagabunden und andere arme Teufel, wie ich einer bin, das Faustrecht sich nehmen ließen, und es nur den Fürsten zugestanden, als zu ihren Regalen gehörig, die es nun im Großen ausüben; konnte ich doch wahrlich kein Stükchen Erde finden, um mich darauf niederzulassen, so sehr hatten sie jede Handbreit unter sich zertheilt und zerstückelt, und wollten schlechterdings von dem Naturrechte, als dem einzigen allgemeinen und positiven nichts wissen, sondern hatten in jedem Winkelchen ihr besonderes Recht und ihren besonderes Glauben; in Sparta besangen sie den Dieb, je kunstfertiger er zu stehlen verstand, und nebenan in Athen hingen sie ihn auf.

Zu etwas mußte ich indeß greifen um nicht zu verhungern, hatten sie doch alles freie Gemeingut der Natur bis auf die Vögel unterm Himmel und die Fische im Wasser an sich gerissen, und wollten mir kein Fruchtkorn zugestehen ohne gute baare Bezahlung. Ich wählte das erste [90] beste Fach, worin ich sie und ihr Treiben besingen konnte, und wurde Rhapsode wie der blinde Homer, der auch als Bänkelsänger umher ziehen mußte.

Blut lieben sie über die Maaßen, und wenn sie es auch nicht selbst vergießen, so mögen sie es doch für ihr Leben überall in Bildern, Gedichten und im Leben selbst gern fließen sehen; in großen Schlachtstücken am liebsten. Ich sang ihnen daher Mordgeschichten und hatte mein Auskommen dabei, ja ich fing an mich zu den nüzlichen Mitgliedern im Staate, als zu den Fechtmeistern, Gewehrfabrikanten, Pulvermüllern, Kriegsministern, Ärzten u.s.w., die alle offenbar dem Tode in die Hand arbeiten, zu zählen, und bekam eine gute Meinung von mir, indem ich meine Zuhörer und Schüler abzuhärten, und sie an blutige Auftritte zu gewöhnen mich bemühete.

Endlich aber wurden mir doch die kleineren Mordstücke zuwider, und ich wagte mich an größere – an Seelenmorde durch Kirche und Staat, wofür ich gute Stoffe aus der Geschichte wählte; ließ auch hin und wieder kleine episodische Ergözlichkeiten von leichteren Morden, als z.B. der Ehre, durch den tückischen guten Ruf, der Liebe, durch kalte herzlose Buben, der Treue, durch falsche Freunde, der Gerechtigkeit, durch Gerichtshöfe, der gesunden Vernunft, durch Zensuredikte u.s.w. mit einfließen. Da aber war es vorbei, und es wurden in kurzen mehr denn funfzig Injurienprozesse gegen mich anhängig gemacht. Ich trat auf vor Gericht als mein eigener advocatus diaboli; vor mir saßen an der Tafelrunde ein halb Duzend mit den Gerechtigkeitsmasken vor dem [91] Antlize, worunter sie ihre eigene Schalksphysiognomie und zweite Hogarthsgesichtshälfte verbargen. Sie verstehen die Kunst des Rubens, wodurch er vermittelst eines einzigen Zuges ein lachendes Gesicht in ein weinendes verwandelte, und wenden sie bei sich selbst an, sobald sie sich auf die Gerichtsstühle niederlassen, damit man diese nicht für arme Sünderstühlchen anzusehen geneigt sein möchte. – Nach einer strengen Verwarnung, die Wahrheit auf die mir vorgelegten Anklagen zu sagen, hub ich so an:

»Wohlweise! Ich stehe hier als beschuldigter Injuriant vor Ihnen, und alle corpora delicti sprechen wider mich, worunter ich auch Sie selbst zu zählen fest willens bin, indem man corpora delicti nicht nur als die Gegenstände aus denen man auf ein bestimmtes Verbrechen schließen kann, z.B. Brechstangen, Diebsleitern u.d. gl. sondern auch als die Leiber selbst in denen das Verbrechen wohnt, ansehen könnte. Nun aber wäre es nicht übel gerathen, daß Sie selbst nicht nur als gute Theoretiker die Verbrechen kennen lernten, sondern sie auch als brave Praktiker auszuüben verständen, wie denn schon manche Dichter sich ernstlich beklagen, daß ihre Rezensenten selbst, nicht einen einzigen Vers zu machen im Stande wären, und doch über Verse richten wollten; – und was würden Sie, Wohlweise, zu entgegnen haben, wenn Ihnen, der Analogie gemäß, ein Dieb, Ehebrecher oder irgend ein anderer Hundsfott dieses Gelichters, über den Sie richten wollten, eine ähnliche Nuß aufzuknacken gäbe und sie nicht für kompetente Rezensenten in ihrem Fache anerkennen wollte, weil sie in praxi selbst noch gar nichts prästirt.

[92] Die Gesetze scheinen auch in der That hierauf hinzudeuten, und eximiren Sie als Gerichtspersonen in manchen Fällen von den Verbrechen, wie Sie denn z.B. ungestraft erwürgen, mit dem Schwerdte um sich schlagen, mit Keulen niederhauen, verbrennen, säcken, lebendig begraben und viertheilen und foltern dürfen; – lauter grobe Missethaten, die man keinem andern als nur Ihnen hingehen läßt. Ja auch in kleineren Vergehungen, und namentlich in dem Falle, worin ich mich jezt als Inquisit hier befinde, sprechen Sie die Gesetze frei, so erlaubt Ihnen die lex 13. § 1. und 2. de iniuriis geradezu diejenigen zu injuriiren, die Sie selbst wegen Injurien in Ihrem Gerichtsgarn gefangen halten.

Es ist unglaublich welche Vortheile aus dieser Einrichtung für den Staat fließen könnten; würden nicht z.B. eine Menge Verbrechen mehr zu Tage gefördert werden können, wenn respektive Gerichtsherren in eigner Person die Lusthäuser besuchten, und die Lust vollzögen, um die Inkulpirten sogleich ohne weiteres zu überführen; wenn sie ebenfalls als Diebe sich unter die Diebe mischten, blos um ihre Kameraden hängen zu lassen; oder wenn sie selbst den Ehebruch vollzögen, um die etwanigen Ehebrecherinnen und solche die Lust und Liebe zu diesem Verbrechen haben und als schädliche Mitglieder des Staates zu betrachten sind, kennen zu lernen.

Guter Himmel, das Wohltätige einer solchen Einrichtung ist so klar, daß ich gar nichts weiter hinzufügen mag, und bloß dieses unmaßgeblichen Vorschlags halber meine Lossprechung verdient hätte.

[93] Ich gehe indeß zu meiner Vertheidigung selbst über, Wohlweise! Mir ist hier eine iniuria oralis und zwar nach der Unterabtheilung β eine gesungene Injurie zur Last gelegt. Ich dürfte schon hier einen Grund der Nullität der Anklage finden, indem Sänger offenbar sich zu der Kaste der Dichter zählen, und es diesen leztern, eben weil sie nach der neuern Schule keine Tendenz bezwecken, erlaubt sein müsse in ihrer Begeisterung zu injuriiren und blasphemiren so viel sie nur wollten. Ja es dürfte einem Dichter und Sänger schon deshalb dies Verbrechen nicht zugerechnet werden, weil die Begeisterung der Trunkenheit gleichzusezen ist, die ohne weiteres, wenn der Trunkene sich nicht culpose in diesen Zustand versezt hat, welches offenbar bei einem Begeisterten nicht anzunehmen ist, indem die Begeisterung eine Gabe der Götter, von der Strafe befreit. – Indeß will ich meine Vertheidigung noch bündiger formiren, und verweise sie deshalb auf die Schriften unserer vorzüglichsten neuern Rechtslehrer, in denen es bündig dargethan ist, daß die Gerechtigkeit schlechterdings nichts mit der Moralität zu schaffen habe, und daß nur eine die äußern Rechte verlezende Handlung als ein Verbrechen V.R.W. imputirt werden könne. Nun aber habe ich nur moralisch injuriirt und verwundet, und weise deshalb die Klage vor diesem Gerichtshofe als unzulänglich ab, indem ich als moralische Person unter dem foro privilegiato einer anderen Welt stehe.

Ja, da nach Weber über Injurien im ersten Abschnitte pag. 29 an denjenigen Personen die auf das Recht auf Ehre Verzicht gethan haben, keine Injurie begangen werden kann, so darf ich auch der Analogie gemäß folgern [94] daß ich Sie da Sie als Icti und Gerichtspersonen schlechthin von der Moralität sich losgesagt haben, hier an offener Gerichtsstätte mit allen möglichen moralischen Injurien überhäufen darf; ja, wenn ich Sie kalte gefühllose unmoralische, obgleich wohlweise und gerechte Herren zu nennen wage, so ist das vielmehr als eine Apologie als Injurie zu halten, und ich weise schlechthin jede von hier ausgehende gerichtliche Ansprüche als unzulänglich ab.« –

Hier hielt ich inne und alle sechs sahen sich eine Weile an ohne zu dezidiren; ich wartete ruhig. Hätten sie mir als Strafe das Wippen, das Trillhaus, den spanischen Mantel, Schmäuchen, Riemschneiden oder gar das Aufreißen des Leibes, welches in Japan für sehr ehrenvoll gehalten wird, zuerkannt, mich würde es gefreuet haben, gegen die Bosheit die der erste Rechtsfreund und Vorsizer verübte, als er den Ausspruch that, daß mir schlechterdings das Verbrechen nicht zugerechnet werden könnte, indem ich zu den mente captis zu zählen sei und mein Vergehen als die Folge eines partiellen Wahnsinns betrachtet werden müsse, weshalb man mich ohne weiteres an das Tollhaus abzuliefern habe.

Es ist zu arg, ich mag heute nicht weiter rekapituliren, und will mich schlafen legen.

[95] Achte Nachtwache Die Dichter sind ein unschädliches Völkchen, mit ihren Träumen und Entzückungen und dem Himmel voll griechischer Götter, den sie in ihrer Phantasie mit sich umhertragen. Bösartig aber werden sie sobald sie sich erdreisten ihr Ideal an die Wirklichkeit zu halten, und nun in diese, mit der sie gar nichts zu schaffen haben sollten, zornig hineinschlagen. Sie würden indeß unschädlich bleiben, wenn man ihnen nur in der Wirklichkeit ihres freien Pläzchen ungestört einräumen und sie nicht durch das Drängen und Treiben in derselben eben zum Rückblik in sie zwingen wollte. Für den Maasstab ihres Ideals muß alles zu klein ausfallen, denn dieser reicht über die Wolken hinaus und sie selbst können sein Ende nicht absehen, und müssen sich nur an die Sterne als provisorische Grenzpunkte halten, von denen indeß wer weiß wie viele bis heute unsichtbar sind und ihr Licht sich noch auf der Reise zu uns herab befindet.

Der Stadtpoet auf seinem Dachkämmerchen gehörte auch zu den Idealisten, die man mit Gewalt durch Hunger, Gläubiger, Gerichtsfrohne u.s.w. zu Realisten bekehrt hatte, wie Karl der Große die Heiden mit dem Schwerdte in den Fluß trieb, damit sie dort zu Christen getauft würden. Ich hatte mit dem Nachtraben Bekanntschaft gemacht und lief wenn ich meine Karte als einen Zeitschein in die Nachtuhr geschoben hatte, oft zu ihm hinauf, um seinem Gähren und Brausen zuzuschauen, [96] wenn er dort oben als begeisterter Apostel mit der Flamme auf dem Haupte gegen die Menschen zürnte. Sein ganzes Genie konzentrirte sich auf die Vollendung einer Tragödie, worin die großen Geister der Menschheit deren Körper und bloße äußere Hülle sie gleichsam nur erscheint, die Liebe, der Haß, die Zeit und die Ewigkeit als hohe geheimnißvolle Gestalten auftraten, durch die statt des Chors ein tragischer Hanswurst, eine groteske und furchtbare Maske, hinlief. Der Tragiker hielt das schöne Antliz des Lebens mit eiserner Faust unverrückt vor seinen großen Hohlspiegel, worinn es sich in wilde Züge verzerrte und gleichsam seine Abgründe offenbarte in den Furchen und häßlichen Runzeln die in die schönen Wangen fielen; so zeichnete er's ab.

Es ist gut, daß es viele nicht begriffen, denn in unserm Lorgnetten Zeitalter sind die größesten Gegenstände so entrükt worden, daß man sie höchstens nur noch in der Ferne undeutlich durch die Vergrößerungsgläser erkennt; dagegen die kleinen recht gründlich kultivirt werden, weil Kurzsichtige in der Nähe um so schärfer sehen. –

Er hatte das Ganze bereits beendigt, und hoffte daß die Götter die er dabei angerufen, sich ihm diesmal wenigstens als ein goldener Regen offenbahren würden, durch den er seine Gläubiger, den Hunger und die Gerichtsdiener von sich verscheuchen könnte. Heute war der Tag an dem das imprimatur des wichtigsten Zensors, des Verlegers, hatte einlaufen müssen, und mich trieb die Neugierde zu ihm hinauf und die Sehnsucht ihn in dem fröhlichen Gelage der Erdengötter zu erblicken. – Ist es nicht [97] traurig daß die Menschen ihre Freudensäle so fest verschlossen halten und durch Geharnischte 2 bewachen lassen, vor denen der Bettler, der sie nicht bestechen kann, erschrocken zurückweicht!

Ich stieg keuchend in den hohen Olymp hinauf und öffnete den Eingang; aber statt eines Trauerspiels, das ich nicht erwartet hatte, fand ich ihrer zwei, das rükgehende vom Verleger, und den Tragiker selbst der das zweite aus dem Stegereife zugleich gedichtet und als Protagonist 3 aufgeführt hatte. Da ihn der tragische Dolch gemangelt, so hatte er in der Eile, was bei einem improvisirten Drama leicht übersehen werden kann, die Schnur die dem auf der Retourfuhre begriffenen Manuscripte als Reisegurt gedient, dazu auserwählt, und schwebte an ihr als ein gen Himmel fahrender Heiliger, recht leicht und mit abgeworfenem Erdenballast über seinem Werke.

Es war übrigens in der Stube ganz still und fast schauerlich; nur ein paar zahme Mäuse, spielten als einzige Hausthiere friedlich zu meinen Füssen und pfiffen, entweder aus guter Laune, oder aus Hunger; für das leztere schien beinahe eine dritte zu entscheiden, die sehr eifrig an der Unsterblichkeit des Dichters, seinem retourgegangenen opere posthumo, nagte.

»Armer Teufel, sagte ich zu ihm hinaufblickend, ich weiß nicht ob ich deine Himmelfarth komisch oder [98] ernsthaft nehmen soll! Drollig bleibt es allerdings, daß du als eine Mozartsche Stimme in ein schlechtes Dorfkonzert mit eingelegt bist, und eben so natürlich daß du dich daraus weggestohlen; in einem ganzen Lande von Hinkenden wird eine einzige Ausnahme als ein seltsames verschrobenes lusus naturae verlacht, eben so würde in einem Staate von lauter Dieben die Ehrlichkeit allein mit dem Strange bestraft werden müssen; es kommt Alles in der Welt auf die Zusammenstellung und Übereinkunft an, und da nun deine Landsleute nur an ein abscheuliches kreischendes Geschrei statt des Gesanges gewöhnt sind, so mußten sie dich eben deines guten gebildeten Vortrags wegen zu den Nachtwächtern zählen, wie ich denn deshalb auch einer geworden bin. O die Menschen schreiten hübsch vorwärts und ich hätte wohl Lust meinen Kopf nach einem Jahrtausende nur auf eine Stunde lang in diese alberne Welt zu stecken; ich wette darauf ich würde sehen wie sie in den Antikenkabinetten und Museen nur noch das Frazzenhafte ab zeichneten und nach einem Ideale der Häßlichkeit strebten, nachdem sie die Schönheit längst als eine zweite französische Poesie für fade erklärt hätten. Den mechanischen Vorlesungen über die Natur wünschte ich auch beizuwohnen in denen es gelehrt wird wie man eine Welt mit geringem Aufwande von Kräften vollständig zusammenstellen kann, und die jungen Schüler zu Weltschöpfern ausgebildet werden, da man sie jezt nur zu Ichsschöpfern anzieht. Guter Gott was müssen nach einem Jahrtausend nicht für Fortschritte in allen Wissenschaften gemacht sein, da wir jezt bereits so weit sind; man muß dann, Naturreparirer, eben so häufig wie jezt Uhrmacher haben; Korrespondenzen mit dem Monde führen, von dem wir heutiges [99] Tages schon Steine heraberhalten; Shakspearsche Stücke in den untersten Klassen als Exercitien ausarbeiten; die Liebe, die Freundschaft, die Treue, wie jezt den Hanswurst, schon nicht mehr auf den Theatern dulden; Tollhäuser nur noch für Vernünftige aufbauen; die Ärzte als schädliche Mitglieder des Staates ausreuten, weil sie das Mittel gegen den Tod aufgefunden; und Gewitter und Erdbeben so leicht veranstalten können, wie jezt Feuerwerke. – Armer schwebender Teufel, wie würde es da mit deiner Unsterblichkeit aussehen, und du hast wohlgethan daß du dich rasch aus dem Staube machtest.« –

Ich wurde aber plözlich in meiner guten Laune gerührt, so wie ein heftig Lachender zulezt in Thränen ausbricht, als ich in einen Winkel blikte, wo seine Kindheit gleichsam als die einzige Freude und zugleich als die einzige zurückgebliebene Möbel dem Erblaßten stumm und bedeutend gegenübergestellt war; es war ein altes verwittertes Gemälde, auf dem die Farben schon halb verlöscht, so wie dem Aberglauben nach auf den Portraiten Verstorbener die Wangenröthe verfliegt. Es stellte den Poeten dar, wie er als ein freundlicher lächelnder Knabe an der Brust seiner Mutter spielte; ach das schöne Antliz war seine erste und einzige Liebe und sie war ihm nur sterbend untreu geworden. Hier in dem Bilde lachte die Kindheit noch um ihn, und er stand in dem Frühlingsgarten voll geschlossener Blumenknospen, nach deren Dufte er sich sehnte und die ihm nur als Giftblumen aufbrachen und den Tod gaben. Ich mußte mich schaudernd abwenden als ich die Kopie, den lächelnden umlokten Kindskopf, mit dem jezigen Originale dem schwebenden Hypokratischen Gesichte verglich, das [100] schwarz und schreklich wie ein Medusenhaupt in seine Jugend schauete. Er schien noch in der lezten Minute den lezten Blik auf das Gemählde geworfen zu haben, denn er hing dagegen gekehrt und die Lampe brannte dicht davor wie vor einem Altarblatte. – O die Leidenschaften sind die tückischen Retouschirer, die den blühenden Rafaelskopf der Jugend mit den fortschreitenden Jahren auffrischen und durch immer härtere Züge entstellen und verzerren, bis aus dem Engelshaupt eine Höllenbreugelische Larve geworden ist. –

Der Arbeitstisch des Dichters, dieser Altar des Apoll, war ein Stein, denn alles vorräthige Holz, bis auf den abgelöseten Rahmen des Gemäldes, war längst bei seinen nächtlichen Opfern zur Flamme verzehrt. Auf diesem Steine lagen das rükgekehrte Trauerspiel, der Mensch überschrieben, und zugleich der Absagebrief des Poeten an das Leben; dieser lautete so:

»Absagebrief an das Leben Der Mensch taugt nichts, darum streiche ich ihn aus. Mein Mensch hat keinen Verleger gefunden weder als persona vera noch ficta, für die lezte (meine Tragödie) will kein Buchhändler die Druckkosten herschießen, und um die erste, (mich selbst) bekümmert sich gar der Teufel nicht, und sie lassen mich verhungern, wie den Ugolino, in dem größten Hungerthurme, der Welt, von dem sie vor meinen Augen den Schlüssel auf immer in das Meer geworfen haben. Ein Glück ist's noch daß mir so viel Kraft übrig bleibt, die Zinne zu erklimmen und mich hinabzustürzen. Ich danke dafür, in diesem meinem Testamente, dem Buchhändler, der ob er gleich meinem [101] Menschen nicht forthelfen wollte, mir doch wenigstens die Schnur in den Thurm hinabwarf, an der ich in die Höhe kommen kann.

Ich denke es ist lustig droben, und eine gute freie Aussicht; besser ist's in alle Wege, selbst wenn ich nichts sehen sollte, als hier unten, denn ich weiß nichts mehr darum; – aber der alte Ugolino tappte, vor Hunger blind geworden, in seinem Thurme umher, und war sich seiner Blindheit bewußt und das Leben kämpfte noch gewaltig in ihm, daß er nicht untergehen konnte.

Ach ich habe zwar, wie er, in meinem Kerker auch noch mit holden Knaben getändelt, die ich einsam in der Nacht erzeugte und die um mich her spielten als eine blühende Jugend und goldene helle Träume; in ihnen die ich hinterlassen wollte, schloß ich mich warm an das Leben; – aber sie haben auch sie verstoßen, und die hungrigen Thiere, die sie mit mir einsperrten, haben sie zernagt, daß sie mich nur noch in der Erinnerung umgaukeln.

Mag's sein; die Thür ist fest hinter mir zugeworfen, und das leztemal, daß sie sie öffneten, war's nur um den Sarg meines lezten Kindes hereinzutragen; – ich hinterlasse nun nichts, und gehe dir trozig entgegen, Gott, oder Nichts!« –

Dies war die lezte zurükgebliebene Asche von einer Flamme, die in sich selbst ersticken mußte. Ich sammelte sie, und so viele Reliquien von dem Menschen ich den hungrigen Mäusen noch entreissen konnte, sorgfältig, indem ich mich gewaltsamerweise zum Erben der Hinterlassenschaft einsezte.

[102] Bringt mich der Himmel unverhofft einmal in eine bessere Lage, so gebe ich das Trauerspiel: der Mensch, so zernagt und unvollständig es auch ist, auf meine Kosten heraus, und vertheile die Exemplare gratis unter die Menschen. Für jezt will ich nur etwas vom Prologe des Hanswurstes mittheilen. Der Poet entschuldigt sich in einer kurzen Vorrede darüber, daß er den Hanswurst in eine Tragödie einzuführen wagte, mit eigenen Worten folgendermaßen:

»Die alten Griechen hatten einen Chorus in ihren Trauerspielen angebracht, der durch die allgemeinen Betrachtungen die er anstellte, den Blick von der einzelnen schrecklichen Handlung abwendete und so die Gemüther besänftigte. Ich denke es ist mit dem Besänftigen jezt nicht an der Zeit, und man soll vielmehr heftig erzürnen und aufwiegeln, weil sonst nichts mehr anschlägt, und die Menschheit im Ganzen so schlaff und boshaft geworden ist, daß sie's ordentlicherweise mechanisch betreibt, und ihre heimlichen Sünden aus bloßer Abspannung vollführt. Man soll sie heftig reizen, wie einen asthenischen Kranken, und ich habe deshalb meinen Hanswurst angebracht, um sie recht wild zu machen; denn wie, nach dem Sprichworte, Kinder und Narren die Wahrheit sagen, so befördern sie auch das Furchtbare und Tragische, indem jene es unschuldig hart vortragen, und diese gar darüber spotten und Possen damit treiben. Neuere Ästhetiker werden mir Gerechtigkeit wiederfahren lassen.« –

Das was ich noch von dem Manuscripte mittheilen will, lautete so:

[103] »Prolog des Hanswurstes zu der Tragödie: der Mensch Ich trete als Vorredner des Menschen auf. Ein respektives zahlreiches Publikum wird es leichter übersehen, daß ich meiner Handthierung nach ein Narr bin, wenn ich für mich anführe, daß nach Doktor Darwin 4 eigentlich der Affe, der doch ohnstreitig noch läppischer ist als ein bloßer Narr, der Vorredner und Prologist des ganzen Menschengeschlechts ist, und daß meine und Ihre Gedanken und Gefühle sich nur blos mit der Zeit etwas verfeinert und kultivirt haben, obgleich sie ihrem Ursprunge gemäß doch immer nur Gedanken und Gefühle bleiben, wie sie in dem Kopfe und Herzen eines Affen entstehen konnten. Doktor Darwin, den ich hier als meinen Stellvertreter und Anwald aufführe, behauptet nämlich, daß der Mensch als Mensch einer Affenart am mittelländischen Meere sein Dasein verdanke, und daß diese blos dadurch daß sie sich ihres Daumenmuskels so bedienen lernte, daß Daumen und Fingerspitzen sich berührten, sich allmählig ein verfeinertes Gefühl verschaffte, von diesem in den folgenden Generationen zu Begriffen überging und sich zulezt zu verständigen Menschen einkleidete, wie wir sie jezt noch täglich in Hof- und anderen Uniformen einherschreiten sehen.

Das Ganze hat sehr viel für sich; finden wir doch nach Jahrtausenden noch hin und wieder auffallende Annäherungen und Verwandschaften in dieser Rüksicht, ja [104] ich glaube bemerkt zu haben, daß manche respektive und geschäzte Personen sich ihres Daumenmuskels noch jezt nicht gehörig bedienen lernten, wie z.B. manche Schriftsteller und Leute die die Feder führen wollen; sollte ich darin nicht irren, so spricht das sehr für Darwin. Auf der andern Seite finden wir auch manche Gefühle und Geschicklichkeiten in dem Affen, die uns offenbar bei dem salto mortale zum Menschen entfallen sind, so liebt z.B. eine Affenmutter noch heutiges Tages ihre Kinder mehr als manche Fürstenmutter; das einzige was dies widerlegen könnte, wäre noch, wenn man anführen wollte daß diese sie, eben aus übergroßer Liebe vernachläßigte um das zu bezwecken, was jene nur etwas schneller durch das Erdrücken ihrer Jungen erreicht.

Genug ich bin mit Doktor Darwin einverstanden, und thue den philanthropischen Vorschlag, daß wir unsere jüngeren Brüder, die Affen in allen Welttheilen, höher schäzen lernen, und sie, die jezt nur unsere Parodisten sind, durch eine gründliche Anweisung, den Daumen und die Fingerspizen zusammen zu bringen, so daß sie mindestens eine Schreibfeder führen können, zu uns herauf ziehen mögen. Ist es doch besser mit dem ersten Doktor Darwin die Affen für unsere Vorfahren anzunehmen, als so lange zu zögern bis ein zweiter gar andere wilde Thiere zu unsern Adscendenten macht, welches er vielleicht durch eben so gute Wahrscheinlichkeitsgründe belegen könnte, da die meisten Menschen, wenn man ihnen das Untertheil des Gesichts und den Mund, mit dem sie die gleissenden Worte verschwenden, verdekt, in ihren Physiognomien eine auffallende Geschlechtsähnlichkeit besonders mit Raubvögeln, als z.B. Geiern, [105] Falken u.s.w. erhalten, ja da auch der alte Adel seine Stammbäume eher zu den Raubthieren, als Affen hinaufführen kann, welches, ausser ihrer Vorliebe zur Räuberei im Mittelalter, auch noch aus ihren Wappen erhellet, in denen sie meistentheils Löwen, Tieger, Adler und andere dergleichen wilde Thiere führen. –

Das Gesagte mag hinlänglich sein, um meine Person und Maske vor der jezt aufzuführenden Tragödie: Der Mensch, zu rechtfertigen. Ich verspreche einem respektiven Publikum zum Voraus daß ich spashaft sein will bis zum Todtlachen, der Dichter mag es noch so ernsthaft und tragisch anlegen. – Was soll es auch überhaupt mit dem Ernste, der Mensch ist eine spashafte Bestie von Haus aus und er agirt blos auf einer grössern Bühne als die Akteure der kleinern in diese große wie in Hamlet eingeschachtelten; mag er's noch so wichtig nehmen wollen, hinter den Koulissen muß er doch Krone, Zepter und Theaterdolch ablegen, und als abgetretener Komödiant in sein dunkles Kämmerchen schleichen, bis es dem Direktor gefällt eine neue Komödie anzusagen. Wollte er sein Ich in puris naturalibus oder auch nur im Nachtkleide und mit der Schlafmüze zeigen, beim Teufel jedermann würde vor der Seichtigkeit und Nichtsnuzigkeit davon laufen; so behängt er's aber mit bunten Theaterlappen und nimmt die Masken der Freude und Liebe vor das Gesicht, um interessant zu scheinen, und durch das innen angebrachte Sprachrohr die Stimme zu erhöhen; dann schaut zulezt das Ich auf die Lappen herab, und bildet sich ein sie machten's aus, ja es giebt wohl gar andere noch schlechter gekleidete Ich's, die den zusammengeflikten Popanz bewundern und lobpreisen; denn [106] beim Lichte besehen ist doch die zweite Mandandane 5 auch eine nur künstlicher zusammengenähte, die eine gorge de Paris vorgestekt hat um ein Herz zu fingiren, und eine täuschender gearbeitete Larve vor den Todtenkopf hält.

Der Todtenkopf fehlt nie hinter der liebäugelnden Larve, und das Leben ist nur das Schellenkleid das das Nichts umgehängt hat, um damit zu klingeln und es zulezt grimmig zu zerreißen und von sich zu schleudern. Es ist Alles Nichts und würgt sich selbst auf und schlingt sich gierig hinunter, und eben dieses Selbstverschlingen ist die tückische Spiegelfechterei als gäbe es Etwas, da doch wenn das Würgen einmal inne halten wollte eben das Nichts recht deutlich zur Erscheinung käme, daß sie davor erschrecken müßten; Thoren verstehen unter diesem Innehalten die Ewigkeit, es ist aber das eigentliche Nichts und der absolute Tod, da das Leben im Gegentheile nur durch ein fortlaufendes Sterben entsteht.

Wollte man dergleichen ernsthaft nehmen, so mögte es leicht zum Tollhause führen, ich aber nehme es blos als Hanswurst, und führe dadurch den Prolog bis zur Tragödie hin, in der es der Dichter freilich höher genommen und sogar einen Gott und eine Unsterblichkeit in sie hineinerfunden hat, um seinen Menschen bedeutender zu machen. Ich hoffe indeß das alte Schicksal, unter dem bei den Griechen selbst die Götter standen, darin abzugeben, und die handelnden Personen recht toll in einander zu verwirren, daß sie gar nicht klug aus sich werden, und [107] der Mensch sich zulezt für Gott selbst halten, oder zum mindesten wie die Idealisten und die Weltgeschichte, an einer solchen Maske formen soll.

Ich habe mich jezt so ziemlich angekündigt, und kann das Trauerspiel nun allenfalls selbst auftreten lassen mit seinen drei Einheiten, der Zeit – auf die ich streng halten werde, damit der Mensch sich gar nicht etwa in die Ewigkeit verirrt – des Orts – der immer im Raume bleiben soll – und der Handlung – die ich so viel als möglich beschränken werde, damit der Oedipus, der Mensch, nur bis zur Blindheit, nicht aber in einer zweiten Handlung zur Verklärung fortschreite.

Gegen die Maskeneinführung habe ich mich nicht gesperrt, denn je mehr Masken über einander, um desto mehr Spaß, sie eine nach der andern abzuziehen bis zur vorlezten satirischen, der hypokratischen und der lezten verfestigten, die nicht mehr lacht und weint – dem Schädel ohne Schopf und Zopf, mit dem der Tragikomiker am Ende abläuft. – Auch gegen die Verse habe ich nichts einwenden wollen, sie sind nur eine komischere Lüge, so wie der Kothurn nur eine komischere Aufgeblasenheit.

Prologus tritt ab. –«

[108] Neunte Nachtwache Es freut mich daß ich in den vielen Dornen meines Lebens doch wenigstens Eine blühende volle Rose fand; sie war zwar so von den Stacheln umschlungen, daß ich sie nur mit blutiger Hand und entblättert hervorziehen konnte; doch aber pflükte ich sie, und ihr sterbender Duft that mir wohl. Diesen einen Wonnemonat unter den übrigen Winter- und Herbstmonden verlebte ich – im Tollhause. –

Die Menschheit organisirt sich gerade nach Art einer Zwiebel, und schiebt immer eine Hülse in die andere bis zur kleinsten, worin der Mensch selbst denn ganz winzig stekt. So baut sie in den großen Himmelstempel an dessen Kuppel die Welten als wunderheilige Hieroglyphen schweben, kleinere Tempel mit kleinern Kuppeln und nachgeäfften Sternen, und in diese wieder noch kleinere Kapellen und Tabernakel, bis sie zulezt das Allerheiligste ganz en miniature wie in einen Ring eingefaßt hat, da es doch ringsum groß und mächtig um Berge und Wälder schwebt, und in der glänzenden Hostie, der Sonne, am Himmel emporgehoben wird, daß die Völker davor niederfallen. In die allgemeine Weltreligion, die die Natur mit tausend Schriftzeichen geoffenbart hat, schachtelt sie wieder kleinere Volks- und Stammreligionen für Juden, Heiden, Türken und Christen; ja die leztern haben auch daran nicht genug, sondern schachteln sich noch von neuem ein. – Eben so ist es mit dem allgemeinen Irrhause, [109] aus dessen Fenstern so viele Köpfe schauen, theils mit partiellem, theils mit totalem Wahnsinne; auch in dieses sind noch kleinere Tollhäuser für besondere Narren hineingebaut. In eins von diesen kleinern brachten sie mich jezt aus dem großen, vermuthlich weil sie dieses für zu stark besezt hielten. Ich fand es indeß hier gerade wie dort; ja fast noch besser, weil die fixe Idee der mit mir eingesperrten Narren meistens eine angenehme war.

Ich kann meine Mitnarren nicht besser darstellen, als wenn ich gerade den Augenblick wähle wo ich sie dem besuchenden Arzte vorführen mußte, was dann und wann geschah, weil mich der Aufseher des Instituts meiner unschädlichen Narrheit halber zum Vize-und Unteraufseher ernannt hatte. Ich that es das leztemal unter folgender Rede:

»Herr Doktor Öhlmann, oder Olearius – wie Sie denn ihren Namen vor Dissertationen und Programmen, durch eine todte Sprache in die Unsterblichkeit übersetzen – wir laboriren zwar alle mehr oder minder an fixen Ideen; nicht nur einzelne Individuen, sondern ganze Gemeinheiten und Fakultäten, von denen z.B. viele der lezteren neben dem Vertriebe der Weisheit auch einem bloßen Huthhandel obliegen, wodurch sie sogar nicht weise Häupter, bloß vermöge des leichten Aufdrückens eines solchen Huthes aus ihrer Fabrik in weise umzusetzen glauben; ja ihn oft selbst auf einen bloßen Rumpf schlagen und so scheinbar Philosophen bilden, weil die Gesichter der lezteren vor übergroßem Spekuliren sich ohnedies gewöhnlich tief unter die Huthkrempe zu verkriechen pflegen. – Ich habe der vielen Beispiele halber, [110] die sich hier meinem Gedächtnisse aufdrängen, den Faden des Perioden verlohren, und reiße ihn lieber ganz ab, um von neuem anzuheben.«

Öhlmann schüttelte hier seinen Doktorhut, wie wenn er daran zweifelte, daß man dem meinigen eine Doublette von diesem erhandelten Exemplare jemals verabfolgen lassen würde.

»Sie schütteln, fuhr ich fort, weil mich der Himmel blos zu einem Narren kreirt hat, und nicht späterhin der Kaiser zum Doktor? doch beseitigen wir das für jezt noch und reden von meiner Tollheit und den Mitteln ihr abzuhelfen, lieber zulezt.

Hier No. 1. ist ein Beleg zur Humanität, der mehr als alle Schriften darüber gilt; ich kann nie an ihm vorübergehen, ohne mich an die größten Helden der Vorzeit, einen Curtius, Coriolan, Regulus und dergleichen zu erinnern. Sein Wahnsinn besteht darin, die Menschheit zu hoch und sich selbst zu niedrig anzuschlagen; deshalb behält er, im Gegensaze schlechter Poeten, alle Flüssigkeiten bei sich, weil er befürchtet durch ihre Freilassung eine allgemeine Sündfluth herbeizuführen. Ich ergrimme oft, wenn ich ihn betrachte, darüber, daß ich sein eingebildetes Vermögen nicht in der That besize – wahrlich ich thät's, ich nähme die Erde als meinen pot de chambre in die Hand, daß alle Doktoren untergingen, und nur ihre Hüthe in Menge oben schwämmen. Es ist ein großer Gedanke – der arme Teufel faßt ihn nicht, denn sehn sie nur wie er da steht und sich quält, und den Athem zurükhält, blos aus reiner Menschenliebe, und [111] wenn wir ihm jezt von dieser Seite nicht Luft verschaffen, so ist er des Todes. Mein recipe sind Feuersbrünste, ausgetrocknete Ströme mit stillstehenden Mühlen und vielen Hungrigen und Durstigen an den Ufern. Eine Radikalkur, denke ich, soll die Hölle des Dante abgeben, durch die ich ihn jezt alle Tage führe, und die er zu verlöschen sich ernstlich vorgesezt hat. – Seines ursprünglichen Handwerks nach, soll er ein Poet gewesen sein, der seine Flüssigkeiten in keinen Buchladen ableiten konnte.

No. 2 und 3 sind philosophische Gegenfüßler, ein Idealist und ein Realist; jener laborirt an einer gläsernen Brust, und dieser an einem gläsernen Gesäße, weshalb er sein Ich niemals sezt, was jenem eine Kleinigkeit ist, ob er gleich dagegen die moralische Anschauung vermeidet, und darum die Brust sorgfältig bedeckt.

No. 4. sizt hier blos deswegen weil er in der Bildung um ein halbes Jahrhundert zu weit vorausgeschritten ist; es wandeln noch einige von der Art frei herum, die man aber, wie billig, alle auch für toll hält.

No. 5. hielt zu verständige und verständliche Reden, deshalb haben sie ihn hieher geschickt.

No. 6. ist aus der Verrüktheit den Scherz eines Großen als Ernst zu nehmen, verrükt geworden.

No. 7. hat sein Gehirn versengt, dadurch daß er sich zu hoch in die Poesie verstieg, und

[112] No. 8 dadurch, daß er bei vernünftigen Tagen es mit der Rührung in seinen Komödien zu übermäßig betrieb, seine Vernunft gänzlich weggeschwemmt. Jener glaubt jezt als Flamme zu brennen, so wie im Gegentheile dieser als Wasser dahin fließt. Ich habe dann und wann versucht die widerstreitenden Elemente durch einen gegenseitigen Kampf zu verzehren, aber das Feuer fiel dann so heftig über das Wasser her, daß ich

No. 9, der sich für den Weltschöpfer hält, herbeirufen mußte, um sie wieder von einander zu scheiden.

Diese letzte Nummer hält oft höchst wunderliche Selbstgespräche, und Sie können jezt eben einem zuhören, wenn sie anders Geduld dazu haben.

Monolog des wahnsinnigen Weltschöpfers »Es ist ein wunderlich Ding hier in meiner Hand, und wenn ichs von Sekunde zu Sekunde – was sie dort ein Jahrhundert heißen – durch das Vergrößerungsglas betrachte, so hat sich's immer toller auf der Kugel verwirrt, und ich weiß nicht ob ich darüber lachen oder mich ärgern soll – wenn beides sich nur überhaupt für mich schickte. Das Sonnenstäubchen, das daran herumkriecht, nennt sich Mensch; als ich es geschaffen hatte, sagte ich zwar der Sonderbarkeit wegen es sei gut – übereilt war das freilich, indeß ich hatte nun einmal meine gute Laune, und alles Neue ist hier oben in der langen Ewigkeit willkommen, wo es gar keinen Zeitvertreib giebt. – Mit manchem was ich geschaffen, bin ich freilich noch jezt zufrieden, so ergözt mich die bunte Blumenwelt mit den Kindern die darunter spielen, und die fliegenden [113] Blumen, die Schmetterlinge und Insekten, die sich als leichtsinnige Jugend von ihren Müttern trennten und doch zu ihnen zurückkehren um ihre Milch zu trinken und an der Mutter Brust zu schlummern und zu sterben. 6 – Aber dies winzige Stäubchen, dem ich einen lebendigen Athem einbließ und es Mensch nannte, ärgert mich wohl hin und wieder mit seinem Fünkchen Gottheit, das ich ihm in der Übereilung anerschuf, und worüber es verrükt wurde. Ich hätte es gleich einsehen sollen, daß so wenig Gottheit nur zum Bösen führen müsse, denn die arme Kreatur weiß nicht mehr, wohin sie sich wenden soll, und die Ahnung von Gott, die sie in sich herumträgt, macht daß sie sich immer tiefer verwirret, ohne jemals damit aufs Reine zu kommen. In der einen Sekunde, die sie das goldene Zeitalter nannte, schnizte sie Figuren lieblich anzuschauen und baute Häuserchen darüber, deren Trümmer man in der andern Sekunde anstaunte und als die Wohnung der Götter betrachtete. Dann betete sie die Sonne an, die ich ihr zur Erleuchtung anzündete und die, mit meiner Studierlampe verglichen, sich wie das Fünkchen zur Flamme verhält. Zulezt – und das war das ärgste – dünkte sich das Stäubchen selbst Gott und bauete Systeme auf, worin es sich bewunderte. Beim Teufel! Ich hätte die Puppe ungeschnizt lassen sollen! – Was soll ich nur mit ihr anfangen? – Hier oben sie in der Ewigkeit mit ihren Possen herumhüpfen lassen? – Das geht bei mir selbst nicht an; denn da sie sich dort unten schon mehr als zuviel langweilt und sich oft vergeblich bemüht in der kurzen Sekunde ihrer Existenz die [114] Zeit sich zu vertreiben, wie müßte sie sich bei mir in der Ewigkeit, vor der ich oft selbst erschrecke, langweilen! Sie ganz und gar zu vernichten thut mir auch leid; denn der Staub träumt doch oft gar so angenehm von der Unsterblichkeit, und meint, eben weil er so etwas träume, müsse es ihm werden. – Was soll ich beginnen? Wahrlich hier steht mein Verstand selbst still! Lasse ich die Kreatur sterben und wieder sterben, und verwische jedesmal das Fünkchen Erinnerung an sich selbst, daß es von neuem auferstehe und umherwandle? Das wird mir auf die Länge auch langweilig, denn das Possenspiel immer und immer wiederholt, muß ermüden! – Am besten ich warte überhaupt mit der Entscheidung bis es mir einfällt einen jüngsten Tag festzusetzen und mir ein klügerer Gedanke beikommt. –«

»Was das für ein verruchter Wahnsinn ist – fiel ich ein, als Nro. 9 inne hielt. – Wenn ein vernünftiger Mensch dergleichen vorbrächte, würde man es wahrlich konfisziren.« –

Öhlmann schüttelte den Kopf und machte einige bedeutende Anmerkungen über Gemüthskrankheiten überhaupt.

Der Weltschöpfer, der bei seiner Rede einen Kinderball in der Hand hielt und jezt mit ihm an zu spielen fing, fuhr nach einer Pause fort.

»Wie die Physiker sich jezt über die veränderte Temperatur wundern, und neue Systeme darüber aufstellen werden. Ja diese Erschütterung bringt vielleicht Erdbeben [115] und andere Erscheinungen zuwege, und es giebt ein weites Feld für die Teleologen. O das Sonnenstäubchen hat eine erstaunliche Vernunft, und bringt selbst in das Willkührlichste und Verworrenste etwas systematisches; ja es lobt und preiset oft seinen Schöpfer eben deshalb weil es davon überrascht wurde daß er eben so gescheut als es selbst sei. – Dann treibt es sich durch einander und das Ameisenvolk bildet eine große Zusammenkunft und stellt sich fast an, als ob etwas darin abgehandelt würde. Lege ich jezt mein Hörrohr an, so vernehme ich wirklich etwas und es summen von Kanzeln und Kathedern ernsthafte Reden über die weise Einrichtung in der Natur, wenn ich etwa den Ball spiele und dadurch ein paar Duzzend Länder und Städte untergehen und mehrere von den Ameisen zerschmettert werden, die sich ohnedas seitdem sie die Kuhpocken erfunden haben nur zu viel vermehren. O seit einer Sekunde sind sie so klug geworden, daß ich mich hier oben nicht schneuzen darf, ohne daß sie das Phänomen ernsthaft untersuchen. – Beim Teufel! da ist es fast ärgerlich Gott zu sein, wenn einen solch ein Volk bekrittelt! – Ich möchte den ganzen Ball zerdrücken!« –

»Sehen Sie nur, Herr Doktor, – fuhr ich fort als der Weltschöpfer endete – wie grimmig der Kerl es auf die Welt angelegt hat; es ist fast gefährlich für uns andere Narren, daß wir den Titanen unter uns dulden müssen, denn er hat eben so gut sein konsequentes System wie Fichte, und nimmt es im Grunde mit dem Menschen noch geringer als dieser, der ihn nur von Himmel und Hölle abtrennt, dafür aber alles Klassische rings umher in das kleine Ich, das jeder winzige Knabe ausrufen kann, [116] wie in ein Taschenformat zusammendrängt. Jeder vermag jezt aus der unbedeutenden Hülse, wie es ihm beliebt, ganze Kosmogonien, Theosophien, Weltgeschichten und dergleichen, samt den dazu gehörigen Bilderchen herauszuziehen. Groß und herrlich ist das allerdings; wenn nur das Format nicht so klein wäre! – Schon Schlegel hat es sehr auf die kleinen Bilderchen abgesehen, und ich muß gestehen daß mir eine große Iliade in Sedez herausgegeben, nimmer behagen will – das heißt den ganzen Olymp in eine Nußschale packen, und die Götter und Helden müssen sich entweder zum verjüngten Maasstabe bequemen, oder ohne Gnade das Genik brechen!« –

»Sie sehen mich an, Herr Doktor, und schütteln zum zweitenmale den Kopf! Ja, ja sie haben es getroffen; das Alles gehörte zu meiner Tollheit und im vernünftigen Zustande bin ich grade der entgegengesezten Meinung!«

»Lassen Sie uns den Weltschöpfer verlassen! –

Hier Nro. 10 und 11 sind Belege zur Seelenwanderung; der erste bellt als Hund und diente ehmals am Hofe; der zweite hat sich aus einem Staatsbeamten in einen Wolf verwandelt. Man kommt auf eigene Gedanken bei ihnen.

Nro. 12, 13, 14, 15 und 16 sind Variazionen über denselben Gassenhauer, die Liebe.

Nro. 17 hat sich über seine eigene Nase vertieft. Finden sie das sonderbar? Ich nicht! Vertiefen sich doch oft [117] ganze Fakultäten über einen einzigen Buchstaben, ob sie ihn für ein α oder ω nehmen sollen.

Nro. 18 ist ein Rechenmeister, der die lezte Zahl finden will.

Nro. 19 denkt über einen Diebstahl nach, den der Staat an ihm beging; – das darf er aber nur im Tollhause.

Nro. 20 ist endlich mein eigenes Narrenkämmerchen. Treten Sie immer herein und schauen Sie sich um, sind wir doch vor Gott alle gleich und laboriren blos an verschiedenen fixen Ideen, wo nicht an einem totalen Wahnsinn bloß mit kleinen Nuanzen. – Das dort ist ein Sokrates Kopf dem Sie die Weisheit, so wie jenem Skaramuz, die Narrheit an der Nase ansehen. Dies Manuscript enthält eigenhändige Parallelen von mir über beide, und ist zu Gunsten des Narren ausgefallen. – Nicht wahr der Fleck müßte kurirt werden? Es ist überhaupt die verstockteste Seite an mir daß ich alles Vernünftige abgeschmackt, so wie vice versa finde – ich kann mich der Grille gar nicht erwehren!

Oft zwar habe ich es versucht die Weisheit mit den Haaren an mich zu reißen, und habe deshalb privatim mit allen drei Brodfakultäten Umgang gepflogen, um mich demnächst öffentlich, nach einem kurzen akademischen Musenbeilager, als eine heilige Dreizahl zum Besten der Menschheit einsegnen zu lassen, und mit den drei übereinandergestülpten Doktorhüten einherzuschreiten. O dachte ich bei mir selbst; könntest du dann nicht blos durch leichten unbemerkbaren Hutwechsel als [118] ein Proteus in praktischer und theoretischer Hinsicht umherwandeln! Über die kürzeste Heilungsmethode der Krankheiten in Dissertationen verkehren, und den Kranken selbst auf dem kürzesten Wege von seinem Übel entbinden! Den Sterbenden, nach rasch vertauschtem Hute, als Rechtsfreund umarmen und sein Haus bestellen, und endlich blos durch übergeworfenen Mantel als Himmelsfreund ihm den rechten Weg zum Himmel zeigen. Wie in einer Fabrik durch verschiedene Maschinen, ließe sich auf diese Weise durch verschiedene Hüte ein Höchstes und Leztes erreichen. Und welch ein Überfluß an Weisheit und Gelde – eine erwünschte Kombination der beiden entgegengeseztesten Güter, eine höchste Idealisirung der Zentaurennatur im Menschen, wo das wohlgesättigte Thier unten, den höhern Reiter kek einherstolziren läßt. –

Doch ich fand bei näherer Ansicht Alles eitel, und erkannte in aller dieser gepriesenen Weisheit zulezt nichts anders als die Decke die über das Mosesantlitz des Lebens gehängt ist, damit es Gott nicht schaue.

Sie sehen wohin das führt, und es ist eben meine fixe Idee, daß ich mich selbst für vernünftiger halte als die in Systemen deducirte Vernunft, und für weiser als die docirte Weisheit.

Ich möchte wahrlich mit Ihnen zu einer medizinischen Berathschlagung mich verbinden, bloß um zu überlegen, wie dieser meiner Narrheit beizukommen sei, und welche Mittel man dagegen anwenden könnte. Die Sache ist von Wichtigkeit, denn sagen Sie, wie kann man [119] gegen Krankheiten sich auflehnen wollen, wenn man selbst, wie Sie wissen, mit dem Systeme nicht im Reinen ist, ja wohl gar das für Krankheit hält, was höhere Gesundheit ist, und umgekehrt.

Ja, wer entscheidet es zulezt, ob wir Narren hier in dem Irrhause meisterhafter irren, oder die Fakultisten in den Hörsälen? Ob vielleicht nicht gar Irrthum, Wahrheit; Narrheit, Weisheit; Tod, Leben ist – wie man vernünftigerweise es dermalen gerade im Gegentheile nimmt! – O ich bin inkurabel, das sehe ich selbst ein.«

Der Doktor Öhlmann verordnete mir nach einigem Nachsinnen viele Bewegung und wenig oder gar kein Denken, weil er meinte, daß mein Wahnsinn, gerade wie bei andern eine Indigestion durch zu häufigen physischen Genuß, durch übertriebene intellektuelle Schwelgerei entstanden sei. – Ich ließ ihn gehen!

Für meinen Wonnemonat im Tollhause spare ich ein anderes Nachtstück auf.

[120] Zehnte Nachtwache Das ist eine wunderliche Nacht; der Mondschein in den gothischen Bogen des Dohmes erscheint und verschwindet wie Geister – an der Laterne des Thurmes klettert ein Nachtwandler herum, mit einem Säuglinge im Arme, es ist der Klökner; sein Weib schaut aus der Luke, händeringend, aber stumm wie das Grab, daß der schlafende Wanderer, der sicher, wie der sorglose Mensch, die gefährlichsten Stellen zurüklegt, nicht beim Rufe seines Namens erwachend und schwindelnd mit dem Knaben in das tiefe Grab hinunterstürze. – Gegenüber in der Vorstadt bricht ein Dieb in einen Pallast; aber es ist mein Revier nicht, und ich bin zum Stummsein verdammt; so mag er einbrechen! – Ganz in der Ferne ist leise kaum vernehmbare Musik, wie wenn Mücken summen, oder Koch zur Nacht auf der Mundharmonika phantasirt; und oben am Horizont auf dem Eisspiegel der Wiese drehen sich leicht und luftig Schlittschuhläufer, und tanzen den Baseler Todtentanz zu der Trauermusik. –

Alles ist kalt und starr und rauh, und von dem Naturtorso sind die Glieder abgefallen, und er streckt nur noch seine versteinerten Stümpfe ohne die Kränze von Blüthen und Blättern gegen den Himmel. Die Nacht ist still und fast schrecklich und der kalte Tod steht in ihr, wie ein unsichtbarer Geist, der das überwundene Leben festhält. Dann und wann stürzt ein erfrorner Rabe von dem [121] Kirchendache, und ein Bettler ohne Dach und Fach kämpft mit dem Schlummer, der ihn so süß und lockend, in die Arme des Todes legen will, wie den leichtsinnigen Fischer die Nixe mit Gesang in die Wellen einladet. –

Soll ich den Tod betrügen um das Bettlerleben? Beim Teufel ich weiß es ja nicht was besser ist – Sein, oder Nichtsein! – O die dort mit dem nachgeahmten Süden in ihren Schlafkammern, und dem gemahlten Frühling an den Wänden, wenn draußen der wirkliche erstarret ist, werfen die Frage nicht auf, und sie bereiten sich selbst die Natur, wie ein leckeres Gericht auf ihren Tafeln, zu und genießen sie gern nippend und in unterbrochenen Pausen, damit sie im Geschmack bleiben. Aber dieser Vogelfreie ruht der alten Mutter noch unmittelbar an der Brust, die eigensinnig und launisch, wie jede Alte, bald ihre Kinder erwärmt und bald sie erdrückt. – Doch nein, du Mutter bist ewig treu und unveränderlich, und bietest den Kindern Früchte in dem grünen Laube das sie beschattet, und Flammen und die Erinnerung an dich, wenn du schlummerst; aber die Brüder haben den Joseph verstoßen, und verschließen tückisch die Gaben, die du ihm, wie den andern Kindern reichst. – O die Brüder sind es nicht werth, daß Joseph unter ihnen wandle! Er mag entschlummern!

Da ist das Gesicht schon starr und kalt, und der Schlaf hat die Bildsäule seinem Bruder in die Arme gelegt; ich will sie hier aufrichten, daß sie wie ein Schreckbild, wenn die Sonne aufgeht, in den Tag schaue. – O mörderischer Tod, der Bettler hatte noch eine Erinnerung an das Leben [122] und die Liebe – die braune Locke seines Weibes hier unter den Lumpen auf der Brust; du hättest ihn nicht würgen sollen, – und doch –

Der Traum der Liebe Die Liebe ist nicht schön – es ist nur der Traum der Liebe der entzückt. Höre mein Gebet, ernster Jüngling! Siehst du an meiner Brust die Geliebte, o so brich sie schnell die Rose, und wirf den weißen Schleier über das blühende Gesicht. Die weiße Rose des Todes ist schöner als ihre Schwester, denn sie erinnert an das Leben und macht es wünschenswerth und theuer. Über dem Grabhügel der Geliebten schwebt ihre Gestalt ewig jugendlich und bekränzt und nimmer entstellt die Wirklichkeit ihre Züge, und berührt sie nicht daß sie erkalte und die Umarmung sich ende. Entführe sie schnell die Geliebte, Jüngling, denn die Entflohene kehrt wieder in meinen Träumen und Gesängen, sie windet den Kranz meiner Lieder und entschwebt in meinen Tönen zum Himmel. Nur die Lebende stirbt, die Todte bleibt bei mir, und ewig ist unsre Liebe und unsre Umarmung! –

Horch! – Tanzmusik und Todtengesang – das schüttelt lustig seine Schellen! Rüstig, immer zu; wer den andern übertäubt, führt die Braut heim. Schade nur, ich sehe zwei Bräute, eine weiße und eine rothe – zwei Hochzeiten, zu der einen im untern Stockwerk heulen die Klageweiber ihre Weise; einen Stock höher pfeifen und geigen die Musikanten, und die Decke über dem Todtenkämmerlein und dem Sarge bebt und dröhnt vom Tanze.

[123] Erklärt mir doch den nächtlichen Spuk!

Lenore reitet vorüber – die weiße Braut hier in der stillen Hochzeitkammer, liebte den Jüngling der droben walzt; und, das ist Lebensweise, sie liebte, er vergaß, sie erblaßte, und er entglühte für eine rothe Rose, die er heute heimführt, indem man diese wegträgt. –

Das ist die alte Mutter der weißen Braut, am Sarge – sie weint nicht; denn sie ist blind – auch die weiße weint nicht und schlummert und träumt sehr süß. –

Da stürmt der Hochzeitszug noch tanzend die Stiegen herab – und der Jüngling steht zwischen zwei Bräuten. Er erblaßt doch ein wenig. Still! Die blinde Mutter erkennt ihn am Gange. – Sie führt ihn zum Brautbette der schlummernden Braut.

»Sie hat sich früher niedergelegt zur Hochzeitnacht, als du, erweck sie nicht, sie schläft so süß, aber deiner hat sie gedacht bis zum Schlummer. Das ist dein Bild auf ihrem Herzen. – O zieh die Hand nicht so erschrocken zurük von der kalten Brust; die Nacht ist die längste wo der Frost am bittersten ist, und sie liegt einsam im Brautbett', ohne den Bräutigam!« –

Sieh! Da hat der Schrecken die rothe Rose auch erblaßt und der Jüngling steht zwischen den zwei weißen Bräuten. – Fort, fort, das ist Weltlauf. O wenn ich doch blasen und singen dürfte.

[124] Jezt schwebt die Leiche hin durch die Gassen, und der Laternenschein still hinterdrein an den Wänden, wie wenn der vorüberwandelnde Tod sich dem schlummernden Leben nicht verrathen wollte. Der gefrorene Boden knirscht unter den Fußtritten der Leichenträger – das ist der heimliche tückische Brautgesang! – Und sie bergen sie in ihr Kämmerlein.

Aber nahe dabei singen und brausen noch Jünglinge, und verschwenden das Leben, und die Liebe und die Poesie in einem kurzen raschen Rausche, der am Morgen verflogen ist – wo ihre Thaten, ihre Träume, ihre Hoffnungen, ihre Wünsche, und alles um sie her nüchtern geworden und erkaltet ist. –

Im Nonnenkloster der heiligen Ursula war noch spät in der Nacht ein unruhiges Treiben. Die Klocke schlug dann und wann leise und dumpf an, wie wenn man träumend stürmen hört, und an den Kirchenfenstern, deren Bogen über die Mauer herabschaueten, flog oft ein ungewöhnlicher aber schnell wieder verlöschender Lichtglanz auf. Ich ging einsam um die Mauer herum, die wie ein geweiheter Zauberkreis die heiligen Jungfrauen umschließt. – Plözlich stieß ich auf jemand im Mantel – was ich von ihm erfuhr, gehört in die folgende Winternacht; was ich that, noch in diese. –

Der Pförtner an der äussern Mauer war ein alter tiefsinniger Menschenhasser, der mir herzlich zugethan war, als einem Gegenstande, den er mit seinem Zorne nach Belieben überschütten konnte. Ich besuchte ihn oft zur Nacht um seiner Galle Luft zu machen; auch jezt ging [125] ich zu ihm. Er saß in seiner Hütte bei einer Lampe, in der Gesellschaft eines schwarzen Vogels dem er eine Kappe über den Kopf gezogen hatte, und mit ihm in Unterredung war.

»Kennst du das Wesen – sprach der Pförtner – dessen Antliz tückisch lacht, wenn die vorgehaltene Larve Thränen vergießt, das Gott nennt, wenn es den Teufel denkt, das im Innern, wie der Apfel am todten Meere, giftigen Staub enthält, indeß die Schaale blühend roth zum Genuß einladet, das durch das künstlich gewundene Sprachrohr melodische Töne von sich giebt indem es Aufruhr hineinruft, das wie die Sphynx nur freundlich lächelt, um zu zerreissen, und wie die Schlange bloß deshalb so innig umarmt, um den tödlichen Stachel in die Brust zu drücken? – Wer ist das Wesen, Schwarzer?«

»Mensch!« krächzte das Thier auf eine unangenehme Weise.

»Der Schwarze spricht weiter kein Wort – sagte der Pförtner – aber er beantwortet deshalb doch jede meiner Fragen auf das treffendste. – Geh schlafen, Schwarzer!«

Der Vogel rief noch dreimal Mensch aus, und sezte sich dann, wie wenn er tiefsinnig nachdächte in eine finstere Ecke – er schlummerte aber nur.

»Sie spielen Begrabens im Kloster – fuhr der Alte fort – willst du nicht zuschauen? Eine keusche Urselinerinn ist heute Mutter geworden; – in der Legende wäre 's freilich als ein Wunder aufgezeichnet; aber, so sehr haben sie [126] [128]Gott in die Karte geschauet, daß sie heutiges Tages an keine Wunder mehr glauben. Die heilige Jungfrau wird diese Nacht lebendig eingescharrt. – Ich lasse dich ein; sieh's zum Zeitvertreibe an!« –

Er nahm die Schlüssel, die Angel pfiffen, und ich ging über Gräber durch den Kreuzgang. Fackelglanz flog oft rasch über die Monumente, auf denen steinerne Jungfrauen betend schlummerten, mit künstlich abgeformten Gesichtern, indeß drunten die Originale schon die Masken abgeworfen hatten. –

Ich stellte mich hinter einen Pfeiler, drunten war eine offene gemauerte Gruft – ein einsames Entkleidungskämmerchen für den abgehenden Menschen – im Kämmerchen brannte eine blasse Todtenlampe und auf einem hervorragenden Steine befand sich ein Brod, ein Krug Wasser, ein Kruzifix und ein Gebetbuch. In der über die Gruft gebaueten Kirche herrschte tiefe Stille unter den Heiligen, die von den Wänden herabschaueten, nur wenn dann und wann ein Windstoß durch das Orgelwerk fuhr, heulte eine Pfeife unangenehm.

Der Zug ward endlich durch die Säulen sichtbar – viele schweigende Jungfrauen und in der Mitte die wandelnde Braut des Todes. Der ganze Akt hätte für einen poetisch weichlich gestimmten Zuschauer etwas Schauder erregendes, eben durch die fast mechanisch schrekliche Weise auf die er vollzogen wurde, gehabt, so wie denn die tragische Muse, je weniger Händeringens sie macht, um so mehr erschüttert. Mein Gemüth indeß, (das einem mit Vorsatz widersinnig gestimmten Saitenspiele [128] [130]gleicht, auf dem daher niemals in einer reinen Tonart gespielt werden kann, wenn nicht anders der Teufel einmal ein Konzert darauf ankündigt) wurde wenig ergriffen, und es kam im Grunde nichts weiter als ein toller Lauf durch die Skala zuwege, der ohngefähr durch die folgenden Töne ging und in einer Disharmonie stehen blieb:

Lauf durch die Skala »Das Leben läuft an dem Menschen vorüber, aber so flüchtig daß er es vergeblich anruft ihm einen Augenblick Stand zu halten, um sich mit ihm zu besprechen, was es will, und warum es ihn anschaut. Da fliehen die Masken vorüber, die Empfindungen, eine verzerrter wie die andere. Freude steh mir Rede – ruft der Mensch – weshalb du mir zulächelst! Die Larve lächelt und entflieht. Schmerz laß dir fest ins Auge schauen, warum erscheinst du mir! Auch er ist schon vorüber. – Zorn, warum blickst du mich an – ich frage es, und du bist verschwunden.

Und die Larven drehen sich im tollen raschen Tanze um mich her – um mich der ich Mensch heiße – und ich taumle mitten im Kreise umher, schwindelnd von dem Anblicke und mich vergeblich bemühend eine der Masken zu umarmen und ihr die Larve vom wahren Antlize wegzureißen; aber sie tanzen und tanzen nur – und ich – was soll ich denn im Kreise? Wer bin ich denn, wenn die Larven verschwinden sollten? Gebt mir einen Spiegel ihr Fastnachtsspieler, daß ich mich selbst einmal erblicke – es wird mir überdrüssig nur immer eure wechselnden Gesichter anzuschauen. Ihr schüttelt – wie? steht kein Ich [130] im Spiegel wenn ich davor trete – bin ich nur der Gedanke eines Gedanken, der Traum eines Traumes – könnt ihr mir nicht zu meinem Leibe verhelfen, und schüttelt ihr nur immer Eure Schellen, wenn ich denke es sind die meinigen? – Hu! Das ist ja schrecklich einsam hier im Ich, wenn ich euch zuhalte ihr Masken, und ich mich selbst anschauen will – alles verhallender Schall ohne den verschwundenen Ton – nirgends Gegenstand, und ich sehe doch – – das ist wohl das Nichts das ich sehe! – Weg, weg vom Ich – tanzt nur wieder fort ihr Larven!«

Jezt steigt die Nonne in die Gruft hinab. O endet doch das Spiel daß ich's erfahre ob's eigentlich auf Scherz oder auf Ernst hinausläuft. Folgt doch noch auf dem lezten Wege der Braut des Todes eine Maske – es ist der Wahnsinn. Die Larve lächelt heimlich – ob dahinter das wahre Antliz schaudert, oder verzückt ist – wer sagt es mir?

Zwar mauern sie, der Braut zur Gesellschaft, eine Schlange ein – den Hunger – die sich ihr bald um die Brust schlingen, und bis zum Ich fortnagen wird. Wenn dann die lezte Maske auch verschwindet, und das Ich mit sich allein ist – wird es sich wohl die Zeit vertreiben? –

Nun klopfen die Hämmer der Freimaurer dumpf durch das Gewölbe, und ein Stein nach dem andern fügt sich in das Gewölbe der Gruft. Jezt erblicke ich nur noch durch eine kleine Lücke beim Lampenschein das heimliche Lächeln der Begrabenen – jezt blos ein wenig sich durchstehlenden Schimmer -- nun ist alles verdeckt, und die lebenden Todten singen zur guten Nacht ein ernstes miserere über dem Haupte der Begrabenen. –

[131] Den Pförtner fand ich als ich zurückkehrte, wie gewöhnlich mit seiner alten finstern Maske beisammen. – »Hassest du jezt die Menschen?« fragte er.

»Ich bin fast mit mir allein – sagte ich – und hasse oder liebe eben so wenig als möglich! Ich versuche zu denken, daß ich nichts denke, und da bringe ich's zulezt wohl so weit auf mich selbst zu kommen!« –

»Nimm den Wurm mit – fuhr der Alte fort, und hob die Decke über einem schlummernden Kinde – ich mag ihn nicht bei mir behalten, denn ich habe noch Anfälle von Menschenliebe, wo ich ihn leicht im Wahnsinn ersticken könnte!«

Ich nahm den Knaben in die Arme, und das noch träumende Leben versöhnte mich wieder mit dem erwachten.

»Sie haben mir das Kind übergeben es fortzuschaffen – sprach der Pförtner – denn sie dulden nichts Männliches unter sich die frommen Jungfrauen, ausser in den Gemählden, für die Einbildungskraft; die Mutter des Knaben sahest du eben begraben, such jezt seinen Vater auf, oder schleudre den Bürger in die Welt, es hat keine Gefahr mit der Menschenbrut, sie geht nicht unter.«

»Ich kenne den Vater!« antwortete ich, und ging aus der Hütte. Draußen stand der Unbekannte im Mantel und hielt mich fest. – »Die Braut ist begraben – dies ist dein Sohn!« mit diesen Worten legte ich ihm den Knaben in die Arme, und er drükte ihn stumm ans Herz.

[132][134] Eilfte Nachtwache Folgendes ist ein Bruchstück aus der Geschichte des Unbekannten im Mantel. Ich liebe das Selbst – drum mag er selbst reden!

»Was ist denn die Sonne?« fragte ich eines Tages meine Mutter, als sie den Sonnenaufgang von einem Berge beschrieb. »Armer Knabe, du verstehst es nimmer, du bist blind geboren!« antwortete sie gerührt und fuhr sanft mit der Hand über meine Stirn und meine Augen.

Ich glühete – die Beschreibung hatte mich entzückt; zwischen den Menschen und meiner Liebe zu ihnen lag eine Scheidewand – wenn ich die Sonne nur einmal erblicken könnte, glaubte ich, würde sie schwinden und ich mich eines nähern Umgangs mit meiner Mutter erfreuen dürfen. –

Meine Phantasie arbeitete von jezt an heftig, der sehnsuchtsvolle Geist strebte gewaltsam den Körper zu durchbrechen und in das Licht zu schauen. Dort lag das Land meiner Ahnung, das Italien voll Wunder der Natur und Kunst.

Sie sprachen viel von Nacht und Tag, für mich gab es nur eins, einen ewigen Tag, oder eine ewige Nacht – sie meinten es sei die letztere! –

[134] Ich saß in meinem Dunkel, und die wunderbare große Welt ging in meinem Geiste auf, aber die Beleuchtung fehlte, und ich stieg nun an dem Leben herum, wie an einem himmelhohen Felsen, mit verbundenen Augen; ich fühlte die seidene Wange der Blume, trank ihren Duft – aber ich träumte, die Blume selbst sei unendlich schöner als ihr Duft und ihre seidene Wange.

Ein lebhafter wunderbarer Traum ließ mich in einer Nacht das Licht erblicken, und es war es wahrlich; aber als ich erwachte, bemühete ich mich vergeblich den Traum wieder hervorzurufen.

Um diese Zeit stieg die Musik wie ein lieblicher Genius in meinen dunkeln Kerker, und schlang um ihre Saiten die zarten Blumenkränze der Poesie. Es war heiliger Boden den ich jetzt betrat – das erste Italien meiner Sehnsucht.

Der Engel der zwischen den beiden Musen wandelte und sie mir zuführte, war ein Mädchen, die himmlische Madonna hatte ihm ihren irdischen Namen hinterlassen. – Maria war mit mir von gleichem Alter, und sie entzückte den blinden Knaben durch ihre Lieder und Töne, und rief die Liebe und die Hoffnung aus ihren Träumen auf, daß sie zum erstenmale hell um sich schauten, und als die beiden schönsten Vestalen in das Leben traten.

Marie war eine elternlose Waise, und meine Mutter hatte, als sie sie zu sich nahm, ein feierliches Gelübde geleistet, das Kind dem Himmel zu weihen, wenn ich jemals das Licht erblicken würde. Jezt sehnte ich mich wieder [135] nach der Sonne, denn sie entführte mir Marie und ihre Gesänge.

Bald darauf hörte ich öfter von einem Arzte reden, von dessen Kunst man sich viel zu meinem Vortheile versprach. – Ich wankte zwischen entgegengesetzten Gefühlen – die Liebe zur Sonne und zu Marie war gleich heftig in meiner Seele. Fast mit Gewalt mußte man mich dem Arzte entgegenführen. –

Er gebot mir Ruhe – und meine Brust hob sich stürmischer. Ich stand an den Pforten des Lebens, gleichsam um zum zweitenmale geboren zu werden. Jetzt empfand ich einen heftigen Schmerz an meinen Augen; ich schrie auf, denn mein Traum kehrte zu mir zurük – ich sah Licht! – Tausend blizende Strahlen und Funken – ein rascher Blick in den reichsten Schaz des Lebens.

Die vorige Nacht umgab mich dann wieder. Es war eine Binde um meine Augen gelegt, und ich durfte erst nach und nach in die neue Welt eingehen.

Nichts von den Zwischenräumen – man zeigte mir nur wenige Gegenstände, und kein lebendiges Wesen, außer dem Arzte, nahte sich mir, bis dieser mich endlich für stark genug hielt das Größeste zu ertragen.

Er führte mich in die Nacht hinaus, über meinem Haupte in der unermeßlichen Ferne brannten die Sternbilder, und ich stand unter den tausend Welten wie ein Trunkener, Gott ahnend, ohne seinen Namen auszusprechen. – Vor mir ragten die alten Ruinen einer vorigen [136] [138]Erde, die Berge, finster und rauh in die Nacht empor, ein mattes Wetterleuchten aus wolkenloser Luft spielte um ihre Häupter. Wälder ruhten tief und verhüllt zu ihren Füßen und schüttelten nur leise ihre schwarzen Wipfel. Der Arzt stand ernst und still neben mir – einige Schritte weiter regte es sich wie eine verschleierte Gestalt. –

Ich betete! –

Plötzlich veränderte sich die Szene; über die Berge schienen Geister heraufzuziehen, und die Sterne erblaßten wie vor Schrecken, und hinter mir deckte sich ein weiter Spiegel auf – das Weltmeer. –

Ich bebte, denn ich glaubte Gott nahe sich.

Und auf die Erde drückten sich die Nebel und verhüllten sie sanft – aber am Himmel zogen die Geister mächtiger heran, und wie die Sterne verlöschten, flogen goldene Rosen über die Berge empor in den blauen Himmel, und ein zauberischer Frühling blühete in der Luft – immer mächtiger und mächtiger – jetzt wogte ein ganzes Meer herüber, und Flamme auf Flamme brannte in die Himmelsfluthen.

Da stieg über den Fichtenwald, in tausend Strahlen wiederleuchend, wie eine entzündete Welt die ewige Sonne empor!

Ich schlug beide Hände vor die Augen, und stürzte zu Boden.

[138] Als ich wieder erwachte, da schwebte der Gott der Erde in den Lüften, und die Braut hatte alle ihre Schleier zerrissen, und enthüllte ihre höchsten Reize dem Auge des Gottes. –

Überall war Heiligthum – der Frühling lag wie ein süßer Traum an den Bergen und auf den Fluren – die Sterne des Himmels brannten als Blumen in dem dunkeln Grase, aus tausend Quellen stürzte das Lichtmeer herab in die Schöpfung, und die Farben stiegen darin wie wunderbare Geister auf. Ein All von Liebe und Leben – rothe Früchte und blühende Kränze in den Bäumen, und duftende Gewinde um Hügel und Berge – in den Trauben brennende Diamanten – die Schmetterlinge als fliegende gaukelnde Blumen in den Lüften – Gesang aus tausend Kehlen, schmetternd, jubelnd, lobpreisend – und das Auge Gottes aus dem unendlichen Weltmeere zurükschauend und aus der Perle im Blumenkelche.

Ich wagte den Ewigen zu denken!

Plözlich rauschte es hinter mir – neue Schleier fielen von dem Leben – ich schaute rasch zurük und sahe – ach zum erstenmale! das weinende Auge der Mutter!

O Nacht, Nacht, kehre zurük! Ich ertrage all das Licht und die Liebe nicht länger!

[139] Zwölfte Nachtwache Es geht nun einmal höchst unregelmäßig in der Welt zu, deshalb unterbreche ich den Unbekannten im Mantel hier mitten in seiner Erzählung, und es wäre nicht übel zu wünschen daß mancher große Dichter und Schriftsteller sich selbst zur rechten Zeit unterbrechen möchte, so auch der Tod in der rechten Stunde das Leben großer Männer – Beispiele liegen nahe.

Oft erhebt sich der Mensch wie der Adler zur Sonne und scheinet der Erde entrückt, daß Alle dem Verklärten in seinem Glanze nachstaunen; – aber der Egoist kehrt plözlich zurük und statt den Sonnenstrahl wie Prometheus geraubt zu haben und zur Erde herabzuführen, verbindet er den Umstehenden die Augen, weil er glaubt es blende sie die Sonne.

Wer kennt den Sonnenadler nicht, der durch die neuere Geschichte schwebt! –

Was übrigens meinen Unbekannten betrifft, so gebe ich nach romantischem Stoffe hungernden Autoren mein Wort, daß sich ein mäßiges Honorar mit seinem Leben erschreiben ließe – sie mögen ihn nur aufsuchen und seine Geschichte beenden lassen. –

In dieser Nacht war grosser Lerm. Aus der Hausthür eines berühmten Dichters flog eine Perücke und hinter [140] drein eilte ihr Besizzer, so daß es zweideutig war, ob er dem vorausfliehenden Gute nachseze, oder vielmehr nachgesezt werde. Ich hielt ihn dieser Zweideutigkeit halber fest, und ließ ihn beichten. –

»Mein Freund! – sagte er – Ich seze der Unsterblichkeit nach, und werde von ihr nachgesezt! Er selbst wird es wissen, wie schwer es ist berühmt zu werden, wie noch unendlich schwerer aber zu leben; man klagt in allen Fächern über Überhäufung, so auch in dem Fache des berühmt und lebendig seins, dazu beschwert man sich über so manche in beiden Fächern angestellte schlechte Subjekte, daß man niemandem mehr auf sein Wort glauben will. Mir besonders hat man große Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und ich habe es durchaus zu nichts bringen können. Sage er selbst, was soll ein Mensch der nicht schon im Mutterleibe eine Krone auf dem Haupte trägt, oder mindestens, wenn er aus dem Eie gekrochen, an den Ästen eines Stammbaums das Klettern lernen kann, in dieser Welt anfangen, wenn er weiter nichts mitbringt, als sein naktes Ich und gesunde Glieder. Ich kenne nichts einfältigeres in der Zeit worin wir einmal leben, und wo die Ämter, die Würden, die Ordensbänder und Sterne schon früher fertig sind, als der, der sie tragen oder bekleiden soll. Möchte ein armer Teufel, der nicht mindestens bei seiner Geburt gleich in einen warmen Rock fahren kann, nicht lieber wünschen als ein Stumpf aus seiner Mutterleibe hervorzugehen, angestaunt und gespeiset zu werden? Ich denke er versteht mich Kamerad!

Ich hab's auf alle Weise versucht mich fortzubringen, aber immer vergeblich; bis ich endlich fand ich habe [141] Kants Nase, Göthens Augen, Lessings Stirn, Schillers Mund, und den Hintern mehrerer berühmter Männer; ich machte darauf aufmerksam und fand Eingang, ja man fing an mich zu bewundern. Jetzt trieb ich's weiter, ich schrieb an große Geister um alten abgelegten Trödel, und das Glück wollte mir so wohl, daß ich jetzt in Schuhen einherschreite in denen einst Kant eigenfüßig ging, am Tage Göthens Hut auf Lessings Perücke setze, und zu Abends Schillers Schlafmütze trage, ja ich ging noch weiter, ich lernte weinen wie Kotzebue und niesen wie Tiek, und er glaubt nicht welchen Eindruck ich oft dadurch zuwege bringe, die Kreatur wohnt nun einmal im Leibe, und hat es mit diesem lieber zu thun, als mit dem Geiste; es ist keine Spiegelfechterei, wenn ich ihm erzähle, daß jemand vor dem ich einst wie Göthe mit verkehrt gesetztem Hute und in die Rockfalten verborgenen Händen einherwandelte, mir die Versicherung gab, das amüsire ihn mehr, als Göthens neueste Schriften. – Man zieht mich seitdem an die vornehmsten Tafeln und ich befinde mich wohl dabei. –

Nur heute fuhr ich übel, denn als ich einen bekannten großen Geist, der öffentlich bedeutend auftritt, in seinen vier Pfählen belauschen wollte, behandelte er mich als einen Dieb, ohnerachtet das was ich ihm in der Eile mit den Augen entwandte, nicht eben sehr rühmenswerth war.«

Er setzte sich nach diesen Worten Lessings Perücke wieder auf das Haupt und machte dabei noch folgenden Sarkasmus:

[142] »Freund was hat man von dieser Unsterblichkeit, wenn nach dem Tode die Perücke unsterblicher ist, als der Mann der sie trug? – Vom Leben selbst will ich nicht einmal reden, denn während seines Daseins stolzirt nur der sterblichste Schlucker unsterblich einher, während man nach dem Genius, wo er sich blicken läßt, mit Fäusten ausschlägt – erinnere er sich an das Haupt das vor mir in dieser Perücke steckte! Gute Nacht!« –

Ich ließ den Narren laufen. –

Auf dem Gottesacker trieb sich ein junger Mensch herum im Mondenschein, ich konnte ganz nahe an ihn kommen und er bemerkte mich nicht, weil er beschäftigt war durch heftiges Gestikuliren und Deklamiren sich in eine mäßige Verzweiflung zu bringen – das Mittel ist probat, und ich kannte wirklich einen Frühprediger der durch nichts zu Thränen zu bewegen war, außer wenn er sich selbst sehr heftig reden hörte; – es gelang ihm allmälig damit, ja er zog zulezt ein Pistol und sezte es sich verschiedene male an die Stirn, bis er endlich eine solche Höhe erreicht hatte, daß er kühn genug war es abzudrücken – es versagte, und bei der heftigen Bewegung entfiel ihm ein falscher Haarzopf. Da die Sache mir zulezt doch etwas mißlich vorkam, so sprang ich hinzu, und überreichte ihm den Entfallenen unter einer für die Lage passenden Anrede. Er mochte's noch in der ersten Hitze für einen Dolch halten und brachte einige ernsthafte wiewohl vergebliche Stöße damit zu Stande.

Ich suchte ihn durch die Bemerkung, daß tragische Situationen durch komische Nüancen, wie z.B. durch einen [143] dem König Lear im Affekte entfallenen Haarbeutel u.d.g. gestört würden, zu sich zu bringen, und es gelang mir in so weit, daß er sich auf den Grabhügel niedersetzte, und sich dazu verstand den falschen Haarzopf von mir wieder anheften zu lassen. Während des Geschäftes versuchte ich es ihn durch eine Apologie des Lebens zu bekehren, die er ruhig anhören mußte, weil ich ihn bei den Haaren dazu hielt.

Apologie des Lebens »Bei Gott, das Leben ist doch schön! – Und was vermag Sie nur, junger Mensch, daß sie es leichtfertig wie diesen Haarzopf von sich schleudern wollen? – Fassen Sie das Band; ich will während des Wickelns so kurz als möglich ihnen einige Schönheiten zu entwickeln suchen. –

Was giebt es auf der Erde das Sie im Himmel – wenn anders außer dem Lufthimmel über uns noch ein zweiter, oder gar mehrere existiren sollten – besser erwarten könnten? – Finden Sie nicht hier unten Alles leidlich eingerichtet? Wissenschaften, Kultur und Sitten sind im schönsten Flore und wandern recht modern einher; der allgemeine Staat ist, wie Holland, mit Kanälen und Gräben durchschnitten, worinn alle menschliche Fähigkeiten geschickt abgeleitet und vertheilt werden, damit nicht zu fürchten steht, daß sie auf einmal in zu großer Vereinigung das Ganze überschwemmen möchten. Es giebt Menschen, die so vortheilhaft placirt sind, daß man sie als recht gute Hammer und Zangen betrachten kann, und die doch deshalb keinesweges an ihrer Unsterblichkeit Abbruch leiden; sehen sie nur diesen Koloß der Menschheit an, wie alles sich an ihm regt und arbeitet [144] und verkehrt, der erste klettert über den zweiten hinauf, und über diesen wieder ein dritter, wie die Äquilibristen, dieser trägt Erfindungen, jener Systeme mit sich in die Höhe, und es kann nicht fehlen, daß dies Menschengeschlecht, das auf seinen eigenen Schultern immer höher kommt, oder sich, wie Münchhausen, bei seinem eigenen Zopf emporzieht, zuletzt sich bis in den Himmel verklettert, und es ganz unnöthig wird an einen zweiten zu denken. – Hält der Zopf nur an diesem Menschheitskopfe und ist kein falscher, wie der, an dem ich wickele, was ist es denn noch nöthig auf einem andern Wege als auf diesem sich in eine höhere Welt zu versetzen.

Was denken Sie auch dort zu gewinnen, Freund? Bessere Gesetze etwa? Für unsere hienieden spricht das Alter! Bessere Sitten? Wir sind darin so empor gestiegen, daß wir fast daraus hinausgekommen und über ihnen stehen! Bessere Verfassungen? Haben sie nicht, wie auf einer Landkarte die verschiedenen Farben, eine Menge vor sich liegen? Gehen Sie nach Frankreich, Freund, wo die Verfassungen mit den Moden wechseln, da können sie alle der Reihe nach anpassen, aus einer Monarchie in die Republik, und aus dieser wieder in eine Despotie fahren; sie können dort groß und klein, kurz nach einander, und zuletzt wieder ganz gewöhnlich sein, was doch immer für die Menschheit am interessantesten bleibt.

Freund, gegen den Menschenhaß giebt es trefliche Mittel; ja ich habe das Exempel gehabt, daß ein gutes Gericht mich selbst einst vom Selbstmorde abbrachte, und ich gesättigt ausrief: »das Leben ist doch schön!« Wie andere den Kopf oder das Herz, so nehme ich den Magen [145] für den Sitz des Lebens an; an allem was je Großes und Vortrefliches in der Welt geschah, ist meistentheils der Magen Schuld. Der Mensch ist ein verschlingendes Geschöpf, und wirft man ihm nur viel vor, so giebt er in den Verdauungsstunden die vortreflichsten Sachen von sich, und verklärt sich essend und wird unsterblich.

Welche weise Einrichtung des Staats dahero, die Bürger – wie die Hunde die man zu Künstlern ausbilden will – periodisch hungern zu lassen! Für eine Mahlzeit schlagen die Dichter wie die Nachtigallen, bilden die Philosophen Systeme, richten die Richter, heilen die Ärzte, heulen die Pfaffen, hämmern, klopfen, zimmern, ackern die Arbeiter, und der Staat frißt sich zur höchsten Kultur hinauf. Ja hätte der Schöpfer den Magen vergessen, behaupte ich, so läge die Welt noch so roh da wie bei der Schöpfung, und sei jezt nicht der Rede werth.

Was denken Sie nun aber von jenem Leben, in das Sie diese innere Seele aller Bildung nicht mit hinüber nehmen, und wo sie nur geistig hineindringen wollen! – Reißen Sie sich nicht los, ich schlinge jezt erst die Schleife, wodurch ich ihr Haar wieder mit dem Zopfe verbinde! – Freund, der Geist ohne Magen gleicht dem Bären, der träg an seinen eigenen Pfoten saugt. Er ist nur der Schatzmeister dieses in ihm hängenden Säkels, und schneiden Sie ihm diesen ab, so ist's um ihn gethan. Giebt es eine Seelenwanderung, woran ich nicht zweifle, und fahren die abgeschiedenen Geister, wie denn das nicht unwahrscheinlich ist, eben so gut in Blumen und Früchte u.s.w. als in Thiere – wo liegt denn noch anders dieser Verbindungskanal der Geister, als in dem sie verschlingenden[146] Magen, durch ihn steigen sie, nachdem das animalische wieder abgegangen ist, verflüchtigt in den Kopf empor, und es liegt so am Tage, daß wir die größten Weisen, einen Plato, Hemsterhuis, Kant u.s.w. blos durch behagliches Hineinessen in uns aufnehmen können.

Denken Sie hier an Beispiele: Göthe, der den Hans Sachs, die Romantiker und Griechen in sich vereinigt, ist ein so guter Esser, als Dichter, und hat wahrscheinlich diese Geister vorweggespeiset; Bonaparte mag den Julius Cäsar zu sich genommen haben, und nur der Geist des Brutus scheint dort noch ungegessen sich irgendwo aufzuhalten. –

Wie ist es möglich, Freund, daß Sie diesem Magen und diesem Leben entsagen, und überhaupt aus dieser künstlichen Maschine, in der Sie tausend Räder drehn und treiben, heraus fliegen wollen? Wie viele Bühnen liegen nicht um Sie her, auf denen Sie als Held agiren können! Schlachtfelder, Almanache, Litteraturzeitungen, das größere und das kleinere Theater« –

»Ich stehe am Hoftheater« – fiel der junge Mensch ein, indem er eine Danksagungsverbeugung für den wieder angehefteten falschen Zopf machte. – »Das Pistol ist übrigens ungeladen, und ich suchte mich nur hier am Grabe durch mäßiges Rasen in den Karakter eines Selbstmörders zu versetzen, den ich morgen darzustellen habe. Nüchternheit ist das Grab der Kunst! Ich fahre in die Leidenschaften möglichst hinein, wie in Schlachthandschuhe, ich spiele meine Karaktere mit Gefühl, und bin [147] wenigstens, wie die größten Meister, auf einen Tag geizig, wenn ich einen Geizigen, oder toll, wenn ich einen Tollen dargestellt habe.

Dahin ging er, und ließ mich fast abgeschmakt und lächerlich da stehn. »O falsche Welt!« rief ich grimmig aus – »an der nichts mehr wahrhaft ist, selbst bis auf die Haarzöpfe deiner Bewohner, du leerer abgeschmackter Tummelplatz von Narren und Masken, ist es denn nicht möglich auf dir zu einiger Begeisterung sich zu erheben!«

Es war mir, wie wenn ich mich jezt in der Nacht unter dem zugedeckten Monde, weit ausdehnte, und auf großen schwarzen Schwingen, wie der Teufel über dem Erdball schwebte. Ich schüttelte mich und lachte, und hätte gern alle die Schläfer unter mir mit eins aufgerüttelt, und das ganze Geschlecht im Negligée angeschaut, wo es noch keine Schminke, falsche Zähne und Zöpfe und Brüste und Hintere auf- – und an- – und umgelegt, um den ganzen abgeschmakten Haufen boshaft auszupfeifen.

[148] Dreizehnte Nachtwache Ich stieg den Berg hinauf am Ausgange der Stadt – es war die Tag- und Nachtgleiche des Frühlings, und draußen lag die alte Fee, die Erde, und kochte ihre mitternächtlichen Zauberkräuter, um am Morgen nach abgeworfenem Silberhaare und ausgeglätteten Runzeln, schön umlockt und bekränzt als eine junge Nymphe aufzustehen, und ihre neugebornen Kinder an dem schwellenden Busen zu tragen. – Unten im Thale blies ein Hirte das Alphorn, und die Töne sprachen so lockend von einem fernen Lande, und von Liebe und Jugend und Hofnung; ich dichtete zu ihrer Begleitung folgenden

Dithyrambus über den Frühling. »Du erscheinst, und erschrocken flieht dein finsterer Bruder, und die Schilde und Panzer, worin er gewaffnet dastand, rasseln durcheinanderstürzend und zerbrechen; und siehe erröthend in Morgengluth tritt die junge Erde hervor, wie eine blühende Jungfrau; und du küssest die Geliebte, Jüngling, und schlingst ihr den Brautkranz in die Locken. Da sinkt der letzte Glätscher und das erstarrte Element wird frei, und fließt still dahin zwischen Blumen und überwölkt von grünen Gebüschen, die Berge halten ihre Sennenhütten hoch in die blaue Luft, und an ihren Abhängen kleben die gefleckten Heerden. Blumen blühen und träumen Liebe, und die Nachtigall singt sie in den Gesträuchen. Die Bäume schlingen ihre Zweige in duftige Kränze, und reichen sie zum Himmel [149] empor; der Adler steigt betend in den Sonnenglanz auf, wie zu Gott, und die Lerche wirbelt ihm nach, jubelnd über der geschmückten Erde. Jeder duftende Kelch wird zu einer Brautkammer, jedes Blatt ist eine kleine Welt, und alles saugt Leben und Liebe an dem heißen Herzen der Mutter! – Nur der Mensch –«

Hier verstummte plözlich das Alphorn, und der lezte Ton und das lezte Wort verhallten langsam und sterbend.

»Hast du nur bis zu diesem Worte geschrieben, Mutter Natur? Und in wessen Hand überlieferst du die Feder zur Fortsetzung? – Kannst du es nimmer lösen, warum alle deine Geschöpfe träumend glücklich sind, und nur der Mensch wachend dasteht und fragend – ohne Antwort zu erhalten? – Wo liegt der Tempel des Apollo – wo ist die Stimme, die einzig antwortende? Ich höre nichts, als Wiederhall, Wiederhall meiner eigenen Rede – bin ich denn allein?

Allein! ruft die hämische Stimme. Mutter, Mutter, warum schweigst du? – O du hättest das letzte Wort in der Schöpfung nicht schreiben sollen, wenn du dabei abbrechen wolltest. Ich blättere und blättere in dem großen Buche, und finde nichts, als das eine Wort über mich, und dahinter den Gedankenstrich, wie wenn der Dichter den Karakter, den er vollführen wollte, im Sinne behalten, und nur den Namen hätte mit einfließen lassen. War der Karakter zu schwierig zur Ausführung, warum strich der Dichter nicht auch den Namen aus, der jetzt allein dasteht, sich anstaunt, und nicht weiß, was er aus sich selbst machen soll.

[150] Schlag das Buch zu, Name, bis der Dichter bei Laune ist, die leeren Blätter, vor denen du nur als Titel stehst, vollzuschreiben!« – –

An dem Berge, mitten in das Museum der Natur, hatten sie noch ein kleines für die Kunst gebaut, wohinein jetzt mehrere Kenner uns Dilettanten mit brennenden Fackeln zogen, um bei dem sich bewegenden Lichtscheine die Todten drinnen möglichst lebendig sich einzubilden. Ich habe auch dann und wann meine Kunstlaunen, aus mehr oder minderer Bosheit, und trete oft gern aus der großen Kunstkammer in die kleine, um zu sehen wie der Mensch, auch ohne den Haupttheil alles Lebens, das Leben selbst, einblasen zu können, doch recht artig etwas bildet und schnitzt, wovon er nachher meint, es gehe noch über die Natur.

Ich folgte den Kennern und Dilettanten!

Und vor mir standen die steinernen Götter als Krüppel ohne Arme und Beine, ja einige gar mit fehlenden Häuptern; das Schönste und Herrlichste, wozu die Menschenmaske sich je ausgebildet hatte, der ganze Himmel eines großen gesunkenen Geschlechts, als Leichnam und Torso wieder ausgegraben aus Herkulanum und dem Bette der Tiber. Ein Invalidenhaus unsterblicher Götter und Helden, hineingebaut zwischen eine erbärmliche Menschheit.

Die alten Künstler, die diese Göttertorsos gedacht und gebildet hatten, zogen verhüllt vor meinem Geiste vorüber. –

[151] Jezt kletterte ein kleiner Dilettant von den Anwesenden an einer medicäischen Venus ohne Arme, mühsam hinauf, mit gespiztem Munde und fast thränend, um, wie es schien, ihr den Hintern, als den bekanntlich gelungensten Kunsttheil dieser Göttin, zu küssen. Mich ergrimmte es, weil ich in dieser herzlosen Zeit nichts weniger ausstehen kann, als die Frazze der Begeisterung, wozu sich manche Gesichter verziehen können, und ich bestieg erzürnt ein leeres Piedestal, um einige Worte zu verschwenden.

»Junger Kunstbruder! – redete ich ihn an. – Der göttliche Hintere liegt Ihnen zu hoch, und Sie kommen bei Ihrer kurzen Gestalt nicht hinauf, ohne sich den Hals zu brechen! Ich rede aus Menschenliebe, denn es thut mir leid, daß Sie sich unter Lebensgefahr versteigen wollen. Wir sind seit dem Sündenfalle, vor dem Adam bekanntlich, nach der Versicherung der Rabbinen, seine hundert Ellen maß, merklich kleiner geworden, und schwinden von Zeit zu Zeit immer mehr, so daß man in unserm Säkulo vor allen solchen halsbrechenden Versuchen, wie der vorliegende ist, ernstlich warnen muß. Was wollen Sie überhaupt bei der steinernen Jungfrau, die in diesem Augenblicke zu einer eisernen für Sie werden würde, wenn ihr nicht die ächten Arme zum Umschlingen fehlten; denn mit den ergänzten hat es keine Noth, sie dienen nicht einmal zu einer Berlichingensfaust, und gleichen nur den angehefteten hölzernen, an den Körpern zerschossener Soldaten. O Freund, was die Kunstärzte der neuern Periode auch immer heilen und flicken mögen, sie bringen doch die von der tückischen Zeit verstümmelten Götter, wie z.B. diesen daliegenden Torso, nicht[152] wieder auf die Beine, und sie werden immer nur als Invaliden und emeriti hier in Ruhe gesezt verbleiben müssen. Einst, als sie noch aufrecht standen, und Arme und Schenkel und Häupter hatten, lag ein ganzes großes Heldengeschlecht vor ihnen im Staube; jezt ist das umgekehrt, und sie liegen im Boden, während unser aufgeklärtes Jahrhundert aufrecht steht, und wir selbst uns bemühen leidliche Götter abzugeben.

Kunstfreund, wohin sind wir gekommen, daß wir es wagen, diese großen Göttergräber aufzuwühlen, und die unsterblichen Todten ans Licht zu ziehen, da wir doch wissen, wie hart bei den Römern die bloße Verletzung der Menschengrüfte verpönt war. Freilich achten Aufgeklärte diese Verstorbenen jezt geradezu für Götzen, und die Kunst ist nur noch eine heimlich eingeschlichene heidnische Sekte, die an ihnen vergöttert und anbetet – aber was ist es auch mit ihr, Kunstfreund? Die Alten sangen Hymnen und Aeschylus und Sophokles dichteten ihre Chöre zum Lobe der Götter; unsere moderne Kunstreligion betet in Kritiken, und hat die Andacht im Kopfe, wie ächt Religiöse im Herzen.

Ach, man soll die alten Götter wieder begraben! Küssen Sie den Hintern, junger Mann, küssen Sie, und damit gut!

Auf der andern Seite, Freund, wollen Sie nicht mehr anbeten, so sollen Sie auch nicht weiter auf Kosten der Natur bewundern; denn der Menschwerdung dieser Götter widersetze ich mich standhaft. Sie haben die Wahl; entweder beten, oder begraben! –

[153] Nicht so aufgeschaut, Lieber! Führen Sie die Natur, die ächte meine ich, wo möglich in Person einmal in diesen Kunstsaal, und lassen Sie sie reden. Beim Teufel, sie wird lachen über die komische Menschenmaske, die ihr so abgeschmackt wie der Popanz in Horazens Briefe an die Pisonen erscheinen muß.

Lassen Sie sie sprechen, ob sie jemals zu dieser Zehe diese Nase, zu diesem Munde jene Stirn, zu die ser Hand jenen Hintern wirklich geschaffen haben würde; – ich wette sie würde verdrießlich werden, wenn Sie ihr so etwas einreden wollten! Dieser Apoll wäre vielleicht ein Krüppel, hätte sie ihn von der kleinen Zehe fortgesetzt, dieser Antinous ein Thersites und jener tragische gewaltige Laokoon gar eine Art von Kaliban, wenn nach Naturgesetzen alles reformirt werden sollte. Ja was möchte dann wohl aus dieser Minerva werden, die jetzt bis zum höchsten Punkte des Ideals hinaufgearbeitet vor Ihnen steht, indem nämlich das Haupt an ihr defekt ist, worin der weise Geist thront, der nach Geisterart sich unsichtbar gemacht hat.

Diese Minerva ohne Kopf erregt überhaupt noch in weit größerem Maaße meine Aufmerksamkeit, als der Agamemnon mit verhülltem Haupte, in dem bekannten Gemälde des Timanthes. So wie dieser nämlich den Künstlern die Regel gegeben hat, den höchsten unendlichen Schmerz nur errathen zu lassen, so scheint jene dasselbe in Hinsicht auf die Urschönheit anzudeuten. Unsere modernen richten sich auch danach, und ihre Köpfe sind in doppelter Hinsicht nur als Surrogate von Köpfen anzusehen, und stehen da oben nur gleichsam wie die [154] Knöpfe auf Thürmen, zum bloßen Schlusse der Gestalt. – Die Alten backten, wie jener Prometheus dort im Winkel, ihre Menschen zwar auch aus Thon, aber sie schufen den Sonnenfunken mit hinein; – wir spielen mit dem Feuer nicht gern, aus Furcht vor Gefahr, und lassen deshalb den Funken weg; – ja es giebt jetzt sogar eine allgemeine Feuerpolizei – eine Zensur und Rezensur – die schnell genug jedwede Flamme, die emporlodern will, erstickt. So kann denn der Sonnenfunken bei uns nicht aufkommen. Weise Einrichtung des Staates, der lieber gute brauchbare Maschienen, als kühne Geister unter seinen Bürgern duldet, der den Fuchs selbst zum Balge herauspeitscht, um den Balg zu benutzen, der die Hände und Füße, als dauerhafte Dreh- und Tretemaschienen, höher anschlägt, als die Köpfe seiner Landeskinder. – Der Staat hat, wie der Briareus, nur einen einzigen Kopf, aber hundert Arme von Nöthen – und damit gut!« –

Ich endete erschrocken, denn bei dem täuschenden Fackelglanze schien sich der ganze verstümmelte Olymp umher plözlich zu beleben; der zürnende Jupiter wollte sich aufrichten von seinem Sitze, der ernste Apoll griff nach dem Bogen und der klingenden Leier, mächtig bäumten sich die Drachen um den kämpfenden Laokoon und die sinkenden Söhne, Prometheus formte mit den Stümpfen seiner Arme Menschen, die stumme Niobe schützte das jüngste ihrer Kleinen vor den herabstrahlenden Sonnenpfeilen, die Musen ohne Hände, Arme und Lippen regten sich durcheinander, wie wenn sie sich bemüheten die alten verklungenen Lieder zu singen und zu spielen – aber es blieb alles still ringsum, und schien nur noch heftige zuckende Bewegung auf einem Schlachtfelde; [155] – nur tief im Hintergrunde stand, ohne Beleuchtung, starr und versteinert ein Furienchor, und schaute finster und schrecklich dem Gewühle zu.

[156] Vierzehnte Nachtwache Kehre mit mir zurück ins Tollhaus, du stiller Begleiter, der du mich bei meinen Nachtwachen umgiebst. –

Du erinnerst dich noch an mein Narrenkämmerchen, wenn du anders den Faden meiner Geschichte – die sich still und verborgen, wie ein schmaler Strom, durch die Fels- und Waldstücke, die ich umher aufhäufte, schlingt – nicht verloren hast. In diesem Narrenkämmerchen lag ich, wie in einer Höle der Sphynx, mit meinem Räthsel eingeschlossen, und war fast auf dem glücklichen Wege, mich wahrhaft zur Tollheit, als dem einzigen haltbaren Systeme, zu bekennen, eben weil ich täglich Gelegenheit hatte die Resultate dieser allgemeinen Schule, mit denen der einzelnen zu vergleichen.

Ich will etwas ausholen! sagen die Schriftsteller, wenn sie vom Eie einer Sache anheben wollen, ich muß mich auch dazu bequemen, da ich in dieser Nacht das einzige Nachtigallenei meiner Liebe auszubrüten gedenke; denn um mich her schlagen die Nachtigallen in allen Büschen und Gezweigen, und verbinden sich, wie ein Chor, zu einem einzigen Liebesgesange.

Ich spielte einst aus Ingrimm über die Menschheit auf einem Hoftheater den Hamlet, als Gastrolle, um Gelegenheit zu haben, mich gegen das schweigend dasitzende Parterre eines Theils meiner Galle zu entledigen. An diesem [157] Abende trug es sich zu, daß die Ophelia aus ihrem Vexirwahnsinne Ernst machte und förmlich toll vom Theater ablief. Es gab gewaltigen Lärm, und wie andere Direktoren sich mit dem Einstudieren der Rollen zu beschäftigen pflegen, so bemühete sich dagegen der anwesende seine Prima Donna mit aller Anstrengung aus der gespielten herauszustudieren; – doch vergeblich, die mächtige Hand des Shakespear, dieses zweiten Schöpfers, hatte sie zu heftig ergriffen, und lies sie zum Schrecken aller Gegenwärtigen nicht wieder los. Für mich war es ein interessantes Schauspiel, dieses gewaltige Eingreifen einer Riesenhand in ein fremdes Leben, dieses Umschaffen der wirklichen Person zu einer poetischen, die jetzt vor den Augen aller Vernünftigen, auf Kothurnen ernsthaft auf- und abging, und abgerissene Gesänge, wie wunderbare Geistersprüche, hören ließ. So sehr man auch mit den bündigsten Gründen in sie drang zur Vernunft zurückzukehren, so heftig protestirte sie dagegen, und es blieb zuletzt kein anderes Mittel übrig, als sie ins Tollhaus zu schicken.

Zu meinem nicht geringen Erstaunen traf ich hier wieder mit ihr zusammen. Ihr Kämmerchen stieß dicht an das meinige, und ich hörte sie täglich den Holzschuh und Muschelhut ihres Geliebten besingen. Ein Kerl wie ich, der aus Haß und Grimm zusammengesetzt ist, und nicht wie andere Menschenkinder seiner Mutter Leibe, sondern vielmehr einem schwangern Vulkane entbunden zu sein scheint, hat für Liebe und dergleichen wenig Sinn; und doch beschlich mich hier im Tollhause so etwas, es äußerte sich zwar anfangs nicht in den gewöhnlichen Symptomen, als Vorliebe für Mondschein, poetischen [158] Andrangs zum Kopfe und dergleichen; sondern vielmehr in dem heftigen Bestreben zur Errichtung einer Narrenpropaganda und einer ausgebreiteten Kolonie von Verrückten, um sie zum Schrecken der andern vernünftigen Menschen plözlich anlanden zu lassen.

Dies tolle Gefühl indeß, das sie Liebe nennen, und das wie ein Flicken vom Himmel auf diese dürre Steppe der Erde heruntergefallen ist, fing doch am Ende auch bei mir an es ernstlicher zu nehmen, und ich machte zu meinem eigenen Entsetzen mehrere Gedichte in Versen, schaute auch in den Mond, und sang gar zu Zeiten mit, wenn draußen um das Tollhaus her die Nachtigallen pfiffen. Ich habe wahrhaft einmal einige Rührung an einem sogenannten melancholischen Abende verspürt; ja ich konnte in gewissen Stunden aus einem Loche meiner Kaukasushöle schauen, und weniger denken als nichts. – Auch Betrachtungen habe ich in diesem Zeitpunkte meiner Schreibtafel einverleibt, von welchen ich doch hier einige für gefühlvolle Seelen ausheben will.

An den Mond Sanftes Antlitz voll Gutmüthigkeit und Rührung; denn beides mußt du in dir vereinen, weil du nicht einmal am Himmel den Mund aufreißest, weder zum Fluchen, noch zum Gähnen, wenn tausend Narren und Verliebte ihre Seufzer und Wünsche zu dir hinaufrichten, und dich zu ihrem Vertrauten erkiesen; so lange du auch schon um die Erde herumgelaufen bist, als ihr Begleiter und Cicisbeo, so hast du dich doch beständig als ein treuer Confident gehalten, und man findet kein einziges Beispiel in der Weltgeschichte bis zu Adam hin, wo du [159] unwillig geworden wärest, die Nase gerümpft, oder einige hämische Mienen angenommen hättest, ob du gleich diese Seufzer und Klagen schon tausend und abermaltausend male wiederholen hörtest. Noch immer bist du gleich aufmerksam, ja man sieht dich so oft gerührt das Wischtüchlein einer Wolke vorhalten, um deine Thränen dahinter zu verbergen. Welchen bessern Zuhörer könnte sich ein seine Werke vorlesender Dichter wählen, als dich, welchen innigern Vertrauten ich, der ich hier im Tollhause mich liebend verzehre. Wie blaß du bist, Guter, wie theilnehmend, und zugleich wie aufmerksam auf alle, die noch in diesem Augenblicke außer mir stehen, und dich anschauen! Deine gutmüthige Miene könnte man leicht für Einfalt halten, besonders heute, wo dein Antlitz zugenommen hat und recht rund und genährt anzuschauen ist; aber du magst zunehmen, wie du willst, ich lasse mich dadurch in deinem Antheile nicht täuschen, bleibst du doch immer der Alte, und nimmst auch wieder ab, und verzehrst dich – ja verhüllst du nicht gar, wenn dich die Rührung überwältigt, dein Gesicht, wie der weinende Agamemnon, daß man nichts von dir sieht, als den vor Gram kahlen Hinterkopf! – Leb wohl, Trauter, Guter!

An die Liebe Weib, was willst du von mir, daß du dich an mich hängst? Hast du mir auch schon ins Gesicht geschaut? – Du mit deinem Lächeln und deinen holden liebäugelnden Mienen, und ich, mit all dem Grimme und Zorne im Medusenantlitz! – Traute, überleg es, wir geben ein gar zu ungleiches Paar ab. Laß mich los, beim Teufel! ich habe nichts mit dir zu schaffen! Du lächelst wieder und [160] hältst mich fest? Was soll die vorgehaltene Göttermaske, mit der du mich anblickst? Ich reiße sie dir ab, um das dahintersteckende Thier kennen zu lernen; denn in der That, ich halte dein wahres Gesicht nicht für das reizendste. – Himmel, das wird immer ärger, ich girre und schmachte ganz erbärmlich – willst du mich völlig rasend machen! Weib, wie kannst du nur Gefallen daran finden auf einem so kreischenden Instrumente, wie ich bin, spielen zu wollen! Die Komposizion ist für einen Fluch gesetzt, und ich muß ein Liebeslied dazu absingen. O laß mich fluchen und nicht in so schrecklichen Tönen schmachten! hauche deine Seufzer in eine Flöte, aus mir schallen sie wie aus einer Kriegstrommete, und ich rühre die Lermtrommel, wenn ich girre. – Und nun gar der erste Kuß – o das andere ließe sich noch überstehen, wie alles, was sich blos in der Sprache und in Tönen umhertreibt, und es wäre mir immer noch erlaubt heimlich etwas anderes dabei zu denken – aber der erste Kuß – ich habe niemals geküßt, aus Abscheu gegen alle rührende und zärtliche Heuchelei – Unhold, wüßte ich daß du mich dazu verleiten könntest, ich böte meine letzte Kraft auf, und schüttelte dich von mir!


In solchen und dergleichen Fragmenten habe ich mich abgearbeitet, und mich ordentlich methodisch auszuschreiben gesucht, wie mancher Dichter, der seine Gefühle so lange auf dem Papiere von sich giebt, bis sie zuletzt alle abgegangen sind, und der Kerl selbst ganz ausgebrannt und nüchtern dasteht.

Es schlug indeß alles fehl bei mir, ja die Symptome wurden immer kritischer, und ich fing gar an in mich[161] vertieft umherzuwandern, und fühlte mich fast human und kleinlaut gegen die Welt gestimmt. Einmal meinte ich gar, sie könnte doch wohl die beste sein, und der Mensch selbst wäre etwas mehr, als das erste Thier darauf, ja er habe einigen Werth und könne vielleicht gar unsterblich sein.

Als es so weit gekommen war, gab ich mich selbst verloren, und betrieb es jetzt ganz so langweilig und alltäglich wie ein anderer Verliebter. Ich entsetzte mich schon nicht mehr, wenn ich versifizirte, ja ich konnte auf eine längere Zeit gerührt bleiben, und gewöhnte mich an manche Ausdrücke, die ich sonst gar nicht in den Mund genommen hätte. Jetzt ließ ich den ersten Liebesbrief vom Stapel laufen, den ich hier sammt dem andern Briefwechsel zu Erbauung anhänge:

Hamlet an Ophelia Himmlischer Abgott meiner Seele, reizerfüllteste Ophelia! Dieser Eingang zwar, mit dem ich meinen ersten Brief an dich überschrieb, als wir noch blos auf dem Hoftheater uns zum Vergnügen der Zuschauer liebten, könnte dich vielleicht täuschen, und es dir einreden wollen, als ob ich noch eben so wie damals an einem fingirten Wahnsinn und allen den metaphysischen Spitzfündigkeiten, die ich von der hohen Schule mitbrachte, laborirte. – Aber laß dich dadurch nicht täuschen Abgott, denn ich bin für diesesmal wirklich toll – so sehr liegt alles in uns selbst und ist außer uns nichts Reelles, ja wir wissen nach der neuesten Schule nicht, ob wir in der That auf den Füßen, oder auf dem Kopfe stehen, außer daß wir das erste durch uns selbst auf Treu und Glauben [162] angenommen haben. – Es ist dies ein ganz verwünschter Ernst, Ophelia, und du sollst nicht etwa glauben, daß ich es als Persiflage von mir gebe. – Ach, wie ist es alles jetzt verändert in deinem armen Hamlet – diese ganze Erde, die ihm sonst wie ein verödeter Garten voll Dornen und Disteln, wie ein Sammelplatz voll pestilenzischer Ausdünstungen vorkam, hat sich jezt vor ihm in ein Eldorado verwandelt, in einen blühenden Garten der Hesperiden; er war einst so frei und kerngesund, als er sie haßte, und ist jetzt ein Sklav und fast krank, da er sie liebt. – Theuerste – ich wollte daß ich Verhaßteste sagen könnte, es gäbe dann doch wenigstens nichts, was mich an diesen dummen Ball fesselte, und ich könnte ganz froh und lustig mich von ihm hinunterstürzen in das ewige Nichts – also leider Theuerste! ich sage jetzt nicht mehr wie vormals zu dir: Geh in ein Nonnenkloster! denn ich bin toll genug zu glauben, wenn der Mensch liebe, so sei der Narr etwas, ob er gleich deshalb doch immer nur dem Tode rascher entgegen geht, und dieser ihm, bis sie sich beide endlich treffen und fest und ewig umarmen; es sei dies nun an dem Steine wo der heilige Gustav entschlummerte, auf dem Gerüste wo die schöne Maria blutete, oder an irgend einem noch bessern oder schlechtern Orte.

Ich weiß gewiß, der böse Feind schwebt hohnlachend über der Erde, und hat die Liebe, als eine bezaubernde Maske, auf sie herabgeworfen, um die sich jezt alle Menschenkinder reißen, sie auf eine Minute lang vorzuhalten. Sieh, auch ich habe sie leider gefaßt, und minaudire mit dem Todtenkopfe recht zärtlich hinter ihr, und habe beim Teufel Lust das Menschenkind mit dir fortzupflanzen. [163] O wäre die verwünschte Larve nicht, es hätten dann die Erdensöhne hienieden gewiß dem jüngsten Tage einen Possen gespielt durch ein Gesez gegen die Bevölkerung, damit unser Herrgott, oder wer sonst zulezt den Erdball noch einmal anschauen will, ihn zu seiner Verwunderung von Menschen durchaus entvölkert gefunden hätte.

Doch laß mich endlich zu dem Punkte kommen, den ich leider, so sehr ich mir auch Mühe gebe, nicht umgehen kann – zu meiner Liebeserklärung!

Zorniger, wilder, menschenfeindlicher hat es in mir seit meiner Geburt nicht ausgesehen, als in diesem Augenblicke, wo ich es dir aufgebracht hinschreibe, daß ich dich liebe. dich anbete, und daß ich nach dem Wunsche dich zu hassen und zu verabscheuen, keinen sehnlichern hege, als das Geständniß deiner Gegenliebe zu vernehmen. Bis dahin dein

liebender Hamlet.

Ophelia an Hamlet Liebe und Haß steht in meiner Rolle, und zulezt auch Wahnsinn – aber sage mir was ist das alles eigentlich an sich, daß ich wählen kann. Giebt es etwas an sich, oder ist alles nur Wort und Hauch und viel Phantasie. – Sieh da kann ich mich nimmer herausfinden, ob ich ein Traum – ob es nur Spiel, oder Wahrheit, und ob die Wahrheit wieder mehr als Spiel – eine Hülse sitzt über der andern, und ich bin oft auf dem Punkte den Verstand darüber zu verlieren.

[164] Hilf mir nur meine Rolle zurücklesen, bis zu mir selbst. Ob ich denn selbst wohl noch außer meiner Rolle wandle, oder ob alles nur Rolle, und ich selbst eine dazu. Die Alten hatten Götter, und auch einen darunter, den sie Traum nannten, es mußte ihm sonderbar zu Muthe sein, wenn es ihm etwa einfiel sich für wirklich halten zu wollen, und er doch immer nur Traum blieb. Fast glaube ich der Mensch ist auch solch ein Gott. Ich möchte gern mich auf einen Augenblick mit mir selbst unterreden, um zu erfahren, ob ich selbst liebe, oder nur mein Name Ophelia – und ob die Liebe selbst etwas ist, oder nur ein Name. – Sieh, da suche ich mich zu ereilen, aber ich laufe immer vor mir her und mein Name hinterdrein, und nun sage ich wieder die Rolle auf – aber die Rolle ist nicht Ich. Bring mich nur einmal zu meinem Ich, so will ich es fragen, ob es dich liebt.

Ophelia.

Hamlet an Ophelia Grübele dergleichen Dingen nicht so tief nach, Theure, denn sie sind so verworrener Natur, daß sie leicht zum Tollhause führen könnten! Es ist Alles Rolle, die Rolle selbst und der Schauspieler, der darin steckt, und in ihm wieder seine Gedanken und Plane und Begeisterungen und Possen – alles gehört dem Momente an, und entflieht rasch, wie das Wort, von den Lippen des Komödianten. – Alles ist auch nur Theater, mag der Komödiant auf der Erde selbst spielen, oder zwei Schritte höher, auf den Brettern, oder zwei Schritte tiefer, in dem Boden, wo die Würmer das Stichwort des abgegangenen Königs aufgreifen; mag Frühling, Winter, Sommer oder Herbst die Bühne dekoriren, und der Theatermeister Sonne oder Mond hineinhängen, oder hinter den Koulissen [165] donnern und stürmen – alles verfliegt doch wieder und löscht aus und verwandelt sich – bis auf den Frühling in dem Menschenherzen; und wenn die Koulissen ganz weggezogen sind, steht nur ein seltsames nacktes Gerippe dahinter, ohne Farbe und Leben, und das Gerippe grinset die anderen noch herumlaufenden Komödianten an.

Willst du aus der Rolle dich herauslesen, bis zum Ich? – Sieh dort steht das Gerippe und wirft eine Handvoll Staub in die Luft und fällt jezt selbst zusammen; – aber hinterdrein wird höhnisch gelacht. Das ist der Weltgeist, oder der Teufel – oder das Nichts im Wiederhalle!

Sein oder Nichtsein! Wie einfältig war ich damals, als ich mit dem Finger an der Nase diese Frage aufwarf, wie noch einfältiger diejenigen, die es mir nachfragten, und wunder glaubten was hinter dem Ganzen steckte. Ich hätte das Sein erst um das Sein selbst befragen sollen, dann ließe sich nachher auch über das Nichtsein etwas Gescheutes ausmitteln. Ich brachte damals noch die Unsterblichkeitstheorie von der hohen Schule mit, und führte sie durch alle Kategorien. Ja, ich fürchtete wahrlich den Tod der Unsterblichkeit halber – und beim Himmel mit Recht, wenn hinter dieser langweiligen comedie larmoyante noch eine zweite folgen sollte – – ich denke es hat damit nichts zu sagen!

Darum, theure Ophelia, schlag dir das alles aus dem Sinne, und laß uns lieben und fortpflanzen und alle die Possen mittreiben – blos aus Rache, damit nach uns noch Rollen auftreten müssen, die alle diese Langweiligkeiten [166] von neuen ausweiten, bis auf einen lezten Schauspieler, der grimmig das Papier zerreißt und aus der Rolle fällt, um nicht mehr vor einem unsichtbar dasizenden Parterre spielen zu müssen.

Liebe mich kurz und gut, ohne weiteres Grübeln!

Hamlet.

Ophelia an Hamlet Du stehst einmal als Stichwort in meiner Rolle, und ich kann dich nicht herausreißen, so wenig wie die Blätter aus dem Stücke, worauf meine Liebe zu dir geschrieben ist. So will ich denn, da ich mich aus der Rolle nicht zurücklesen kann, in ihr fortlesen bis zum Ende und zu dem exeunt omnes, hinter dem dann doch wohl das eigentliche Ich stehen wird. Dann sage ich dir, ob außer der Rolle noch etwas existirt und das Ich lebt und dich liebt.

Ophelia.


Hinter diesem Briefwechsel trat nun unser Wortwechsel ein, und jeder nachfolgende Wechsel, von den Blicken, Küssen und dergleichen an, bis zum Selbstwechsel.

Nach wenigen Monaten war das Stichwort zu einer neuen Rolle geschrieben. – Ich war doch fast glücklich in der Zeit, und spürte in dem Tollhause zuerst einige Menschenliebe, so daß ich ernsthaft über Planen brütete mit den Narren um mich her Plato's Republick zu realisiren. Doch da strich der Traumgott wieder alles aus!

Die Ophelia wurde immer blasser und vernünftiger, [167] obgleich der Arzt meinte, der Unsinn sei bei ihr im Steigen; aber es war der Moment, wo ein großer Sinn in ihn eintrat. –

Es stürmte wild um das Tollhaus her – ich lag am Gitter und schaute in die Nacht außer der am Himmel und auf Erden nichts weiter zu sehen war. Es war mir, als stände ich dicht am Nichts und riefe hinein, aber es gäbe keinen Ton mehr – ich erschrack, denn ich glaubte wirklich gerufen zu haben, aber ich hörte mich nur in mir. Ein Bliz, ohne nachfolgenden Donnerschlag, flog pfeilschnell, aber still durch die Nacht, und der Tag erschien und verschwand rasch in ihr, wie ein Geist. Neben mir auf der einen Seite rasselte ein Wahnsinniger schrecklich mit seinen Ketten, auf der anderen hörte ich Ophelia abgerissene Stücke ihrer Balladen singen, doch wurden die Töne oft Seufzer, und zulezt schien mir alles eine große Disharmonie, zu der die rasselnden Ketten die begleitende Musik abgaben. Es dünkte mich, als entschliefe ich. Da sah ich mich selbst mit mir allein im Nichts, nur in der weiten Ferne verglimmte noch die letzte Erde, wie ein auslöschender Funken – aber es war nur ein Gedanke von mir, der eben endete. Ein einziger Ton bebte schwer und ernst durch die Öde – es war die ausschlagende Zeit, und die Ewigkeit trat jetzt ein. Ich hatte jezt aufgehört alles andere zu denken, und dachte nur mich selbst! Kein Gegenstand war ringsum aufzufinden, als das große schreckliche Ich, das an sich selbst zehrte, und im Verschlingen stets sich wiedergebar. Ich sank nicht, denn es war kein Raum mehr, eben so wenig schien ich emporzuschweben. Die Abwechselung war zugleich mit der Zeit verschwunden, und es herrschte eine fürchterliche [168] ewig öde Langeweile. Außer mir, versuchte ich mich zu vernichten – aber ich blieb und fühlte mich unsterblich! –

Hier vernichtete sich der Traum in seiner eigenen Größe und ich erwachte tiefaufathmend – das Licht war erloschen, ringsum tiefe Nacht; nur Ophelien hörte ich leise ihre Balladen singen, wie wenn sie jemand damit in den Schlaf wiegte. Ich tappte an den Wänden aus meiner Kammer, neben mir schlichen draußen durch die Finsterniß noch Wahnsinnige und zischelten leise.

Ich öffnete Opheliens Thür, sie lag blaß auf ihrem Lager, bemüht ein todtes eben geborenes Kind an ihrer Brust in den Schlaf zu lullen; neben ihr stand ein irres Mädchen und legte den Finger auf den Mund, wie wenn sie mir Stille zuwinkte.

Jezt schläft es! sagte Ophelia und blickte mich lächelnd an, und das Lächeln war mir, wie wenn ich in ein aufgeworfenes Grab schaute. – Gottlob, es giebt einen Tod, und dahinter liegt keine Ewigkeit! sprach ich unwillkührlich.

Sie lächelte fort und flüsterte nach einer Pause, wie wenn die Sprache sich allmälig in Hauche auflösen und leise verschwinden wollte: Die Rolle geht zu Ende, aber das Ich bleibt, und sie begraben nur die Rolle. Gottlob daß ich aus dem Stücke herauskomme und meinen angenommenen Namen ablegen kann; hinter dem Stücke geht das Ich an! – Es ist nichts! sagte ich schüttelnd. – Sie fuhr kaum hörbar fort: Dort steht es schon hinter den Koulissen und wartet auf das Stichwort; wenn nur der [169] Vorhang erst ganz nieder ist! – Ach, ich liebe dich! das ist die lezte Rede im Stücke, und sie allein will ich aus meiner Rolle zu behalten suchen – es war die schönste Stelle! Das Übrige mögen sie begraben! –

Da fiel der Vorhang und Ophelia trat ab – niemand klatschte und es war, als ob kein Zuschauer zugegen wäre. Sie schlief schon ganz fest mit dem Kinde an der Brust, und beide waren nur sehr blaß und man hörte keine Athemzüge, denn der Tod hatte ihnen seine weiße Maske schon aufgelegt. –

Ich stand stürmisch aufgereizt neben dem Lager und in mir machte es sich zornig Luft, wie zu einem wilden Gelächter – ich erschrack, denn es wurde kein Gelächter, sondern die erste Thräne, die ich weinte. Nahe bei mir heulte noch einer; – doch war es nur der Sturm, der durch das Tollhaus pfiff.

Als ich aufblickte, standen die Wahnsinnigen in einem Halbkreise um das Lager her, alle schweigend, aber seltsam gestikulirend und sich gebärdend; einige lächelnd, andere tief nachsinnend, noch andere den Kopf schüttelnd, oder starr die weiße Schlummernde und das Kind betrachtend; – auch der Weltschöpfer war darunter, aber er legte nur bedeutend den Finger auf den Mund.

Es ward mir fast bange in dem Kreise!

[170] Funfzehnte Nachtwache So sehr es auch die tägliche Erfahrung lehrt, daß man an allen Plätzen Narren duldet, so aufgebracht war man doch darüber, daß ich den Versuch angestellt hatte, sie fortzupflanzen, und mir wurde darüber sogar zur Strafe mein Narrenkämmerchen aufgesagt.

Ach es war mir recht traurig, als ich von meinen Brüdern Abschied nehmen sollte, um wieder unter die Vernünftigen zu laufen und wie nun die Thür des Tollhauses hinter mir in das Schloß rasselte, stand ich ganz einsam da und suchte melancholisch den Gottesacker auf, wo sie die Ophelia hingetragen hatten. O hätte ich nur mindestens einen Laertes auffinden können, um mit ihm an dem Grabe mich herumzuschlagen, denn ich hatte aus dem Tollhause einen verstärkten Haß gegen alle Vernünftige mitgebracht, die mit ihren platten nichtssagenden Physiognomien, jezt wieder um und neben mir wandelten.

Ein Reicher und ein Bettler haben den Vorzug vor anderen gewöhnlichen Menschenkindern, daß sie ihrem Hange zum Reisen vollen Lauf lassen dürfen. Der Reiche schließt sich die Herrlichkeiten der Erde mit dem goldenen Schlüssel in seiner Hand auf; der Arme hat ein Freibillet für die ganze Natur, und er kann die höchsten und schönsten Wohnungen nach Belieben beziehen; heute den Ätna, morgen die Fingalsgrotte; in dieser Woche den [171] Sommeraufenthalt des Weisen am Genfersee, und in der folgenden die köstliche krystallene Halle des Rheinfalles, wo statt der Deckengemälde ihm die Sonne Regenbogen über das Haupt webt, und die Natur seinen Pallast im immerwährenden Zerstören wieder aufbaut.

Zeigt mir einen König, der glänzender wohnen kann, als ein Bettler!

Ich reisete überdies mit dem Vortheile, nirgend um meine Zeche gemahnt zu werden, oder mich für die Nachtmahlzeit bei jemand anderm, als bei der alten Mutter selbst bedanken zu müssen; denn die Erde hatte noch Wurzeln in ihrem Schooße, die sie mir nicht verweigerte, und sie reichte der durstigen Lippe in der dargebotenen Felsenschaale den frischen brausenden Trank des stürzenden Wasserfalls. – Ich war recht froh und frei und haßte die Menschen nach Belieben, weil sie so klein und nichtsnutzig durch den großen Sonnentempel hinschlichen.

Einst hatte ich mich eben von meinem Lager, einem duftenden blumigten Rasen, aufgerichtet, und schaute in die Morgenglut, die wie ein Geist aus dem Meere aufstieg, wobei ich, um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, eine aufgegrabene Wurzel anbiß. Es gehört zur menschlichen Größe in der Nähe erhabener Gegenstände, Nebengeschäfte zu betreiben, z.B. der aufgehenden Sonne, mit der Pfeife im Munde ins Antlitz zu schauen, oder während der Katastrophe einer Tragödie Makkaroni zu speisen und dergleichen; die Menschen haben es darin sehr weit gebracht.

[172] Als ich nun so behaglich da lag, wandelte mich die Laune zu einem Monologe an, den ich folgendergestalt hielt:

»Nichts geht doch über das Lachen, und ich schlage es fast so hoch an, wie andere gebildete Leute das Weinen, obgleich sich eine Thräne leicht zu Tage fördern läßt, blos durch starkes Hinschauen auf einen Fleck, oder durch mechanisches Lesen Kotzebuescher Dramen, ja zuletzt schon durch heftig anhaltendes Lachen allein. Habe ich nicht letzthin einen ziemlich abgezehrten Mann beim Anblick der aufgehenden Sonne häufig Thränen vergießen sehen, und andere standen nahe dabei und rühmten es als ein Zeichen eines gefühlvollen Gemüthes, und weinten zuletzt über den Weinenden. Nur ich trat hinzu, und fragte: Freund, rührt der Gegenstand so heftig? – Nicht doch; sagte jener, aber der Lichtstrahl wirkt nach neuern Beobachtungen, außerdem daß er niesen und weinen zuwege bringt, auch auf das Erzeugen; und ich war in Italien! – Ich verstand den Mann, der der Sonne zu etwas Reellerm ins Auge schaute, als zum bloßen Phantasieren. – Als ich mich lachend umdrehete, schalten die andern mich weinend in sehr harten Ausdrücken; ich lachte über diesen Kontrast noch stärker, und es fehlte wenig, so hätten sie mich aus Rührung gesteinigt! –

Wo giebt es überhaupt ein wirksameres Mittel jedem Hohne der Welt und selbst dem Schicksale Troz zu bieten, als das Lachen? Vor dieser satirischen Maske erschrickt der gerüstetste Feind, und selbst das Unglück weicht erschrocken von mir, wenn ich es zu verlachen [173] wage! – Was beim Teufel, ist auch diese ganze Erde, nebst ihrem empfindsamen Begleiter dem Monde, anders werth als sie auszulachen – ja sie hat allein darum noch einigen Werth weil das Lachen auf ihr zu Hause ist. Es war alles auf ihr so empfindsam und gut eingerichtet, daß es dem Teufel, der sie einst zum Zeitvertreibe sich beschaute, zum Ärger gereichte; um sich an dem Werkmeister zu rächen, schickte er das Gelächter ab, und es wußte sich geschickt und unbemerkt in der Maske der Freude einzuschleichen, die Menschen nahmen's willig auf, bis es zuletzt die Larve abzog und als Satire sie boshaft anschaute. – Laßt mir nur das Lachen mein lebelang, und ich halte es hier unten aus!« –

Hoho! rief es jetzt dicht an meinem Ohre und als ich mich umdrehete, schaute mir ein hölzerner Hanswurst keck und trotzig ins Antlitz. »Er ist mein Patron! sagte ein großer Kerl, der ihn mir entgegenhielt, und neben sich einen großen Kasten stehen hatte. Er hat Talente zum Hanswurst, und ich brauche eben einen, denn der meinige ist mir heute verstorben. Hat er Lust, so schlage er ein; der Posten ist einträglich, und wirft mehr ab, als Wurzeln fressen!« –

Der hölzerne Spaßmacher schaute mich dabei vertraulich an, und ich fühlte mich zu ihm hingezogen, wie zu einem Freunde. »Der Kerl ist in Venedig geschnitzt, – sagte der Puppenspieler wie zur Aufmunterung – und ich wette, er macht seine Sache besser, als irgend ein anderer; schaue er nur, er geht und steht, wie auf lebendigen Beinen, legt die Hand aufs Herz, trinkt und ißt, wenn ich am Faden ziehe, und kann lachen und weinen, [174] [176]wie ein gewöhnlicher Mensch, bloß durch einen leichten mechanischen Druck!« –

Topp! rief ich, und nahm den Kasten auf die Schultern, und die hölzerne Gesellschaft klapperte drinnen unter dem Tragen, wie wenn sie eine französische Revoluzion zum Zeitvertreib aufführte.

Im Wirthshause fanden wir das Theater, und schon Leute, die sichs ansehen wollten; der Direktor gab mir einen flüchtigen theoretischen Unterricht in der tragischen sowohl, wie in der komischen Kunst, auch eröffnete er mir zur Zerstreuung eine kleine Seitenthür, wo mein Vorgänger im Hanswurst auf der Streu im Leichentuche lag, und seine Rolle ausgespielt hatte; das Gesicht war recht boshaft verzogen, und jener sagte: Er ist im Lachen verstorben, wodurch er sich hinter der Bühne einen Stickfluß zuzog! –

Ein schöner Tod! erwiderte ich, und wir machten uns nun bereit die hölzerne Treppe zu dirigiren. Mein Gefährte hatte große Force in den Liebhabern und Liebhaberinnen, wovon er diese durch die Fistel sprach. Mein Hauptfach dagegen war der Hanswurst, doch hatte ich auch nebenzu die Könige zu besorgen. Als der Vorhang fiel, umarmte mich der Mann feurig, und sagte daß ich meinem Posten Ehre mache.

Wie theuer einem indeß das Dirigiren zu stehen kommen kann, das hatten wir Gelegenheit auch unter Marionetten zu erfahren; die Sache trug sich folgendergestalt zu:

[176] Wir hatten unsere Bühne in einem kleinen deutschen Dorfe, nahe an der französischen Grenze, aufgeschlagen. Sie gaben drüben grade die große Tragikomödie, in der ein König unglücklich debütirte, und der Hanswurst, als Freiheit und Gleichheit, lustig Menschenköpfe, statt der Schellen, schüttelte. – Wir hatten den unglücklichen Einfall den Holofernes auf das Theater zu bringen, und erhizten dadurch die zuschauenden Bauern so heftig, daß sie die Bühne erstürmten, unter den Schauspielerinnen uns die Judith entführten, und mit ihr und dem abgeschlagenen hölzernen Haupte des Holofernes geradeweges vor das Haus des Schulzen zogen, und nicht weniger als seinen Kopf von ihm forderten. Das in Anspruch genommene Haupt erblaßte, als die Rebellen ihm das blutige hölzerne entgegenhielten, und weil die Sache mir immer bedenklicher schien, so suchte ich ihr rasch eine andere Wendung zu geben. Ich bemächtigte mich des Holoferneskopfes, sprang auf einen Stein, und suchte in der Angst folgende Rede zu Stande zu bringen:

»Lieben Landleute!«

»Schaut dieses hölzerne blutige Königshaupt an, das ich hier hoch emporhalte. Es wurde, als es noch auf dem Rumpfe saß, durch diesen Drath regiert, den Drath regierte wieder meine Hand, und so fort bis ins Geheimnißvolle, wo das Regiment nicht mehr zu bestimmen ist. Dieses Haupt ist ein königliches, ich aber, der an dem Drathe zog, daß es so oder so nickte, oder schüttelte, bin [177] ein ganz gewöhnlicher Kerl, und komme im Staate in gar keine Betrachtung. Wie könntet ihr euch also wohl gegen diesen Holofernes erzürnen, wenn er nickte, oder schüttelte wie ich es wollte? – Ich denke ihr findet meine Rede vernünftig, Landleute! – Doch aber scheint der Zorn über dieses hölzerne Haupt, sich bestimmt auf das Haupt eures Schulzen übertragen zu haben – und das finde ich unbillig. – Ich will mich bildlich auszudrücken suchen: Mein Holofernes spielt nicht nach eurem Willen; wohlan, so schlagt mich, den gemeinen Kerl, auf die Hände, daß mein Minister, der Drath den ich anziehe, eine andere Richtung bekommt, und durch diese wieder der Königskopf anmuthiger und verständiger nicke oder schüttele. Was hat euch dieser arme Kopf gethan, daß ihr so mit ihm umspringt; er ist das mechanischste Ding auf der Welt und es wohnt nicht einmal ein Gedanke in ihm. Fordert doch von diesem Kopfe keine Freiheit, da er selbst nichts Analoges davon in sich enthält. – Auch ist es ein mißliches Ding um das, war ihr Freiheit scheltet, ist es doch nicht das Marionettenspiel allein, was ihr heute gesehen habt, wo dem hölzernen Könige der Kopf ohne weiteren Erfolg vom Rumpfe geschlagen wird, sondern ich habe dergleichen von noch fehlerhafterer Natur in meinem Kasten, wo der Dichter dem Stoffe nicht gewachsen war, und er nach Art politischer Poeten, die Republick an der er dichtete, zu einer Despotie verpfuschte. Ich kann dergleichen vor euch aufführen! – Unrecht bleibt es auch immer solche widernatürliche Strafen zu exerziren, als z.B. da auf das Köpfen zu bestehen, wo sich kein Kopf vorfindet, denn dieser hölzerne ist nur blos für das Auge da, und zum Glück verstehe ich es, ihn wieder auf den Rumpf zu sezen, was nicht in jedem ähnlichen [178] [180]Falle glücken dürfte. Und wehe meinen armen Marionetten, wenn es einmal einem wirklichen Kopfe einfiele, den hölzernen hier in meiner Hand ersetzen zu wollen, und jener nun auf seine Weise nickte und schüttelte, und den Drath ganz abrisse – da könnte eine Posse sich leicht zu einer ernsten Tragödie revolutioniren! – Ich denke, ich habe genug gesagt, Landleute!« –

Die Menschheit ist im Ganzen, wenn sie nicht grade an fixen Ideen leidet, eine ehrliche einfältige Haut, und sie findet sich leicht in das Entgegengesezteste; ja ich glaube sie kann sich, wenn sie heute ein leichtes Band, das sie fesselte, zerrissen hat, morgen mit eben dem Enthusiasmus in Ketten werfen lassen. Einer der droben zuschaut, muß mit dem Volke Mitleid haben. So gaben auch heute meine Bauern das Revoluzioniren gutmüthig wieder auf, und ließen dagegen ihren Schulzen hochleben; leider nur verwandelte sich diese Freude der lebenden Akteurs in bitteres Leid für meine hölzernen.

Wir Direktoren erwachten nämlich in der folgenden Nacht von einem anhaltenden Geräusche, das vom Theater her erschallte; anfangs schoben wir es auf Rollenneid, oder eine unter der Truppe ausgebrochene Kabale, als wir uns aber näher zu unterrichten suchten, fanden wir unten den Schulzen, dem ich eben das Haupt wieder auf dem Rumpfe befestigt hatte, mit dem Holofernes in der Hand, und von Gerichtsdienern begleitet, die die ganze Truppe im Namen des Staates zu Gefangenen machten, weil man sie für politisch gefährlich erklärte. Alle meine Einreden waren vergeblich, und sie zogen vor meinen Augen mehrere Könige und Herren, [180] [182]als den Salomo, Herodes, David, Alexander u.s.w. aus dem Kasten um sie fortzuschleppen. So inkonsequent verfährt der Staat gegen seine eigenen Repräsentanten! – Der lezte Mann war mein Hanswurst; ich erniedrigte mich für ihn fast zu Bitten – allein man that mir kund, daß durch ein strenges Zensuredikt alle Satire im Staate ohne Ausnahme verboten sei, und man sie schon zum voraus in den Köpfen konfiscire. Mit Mühe erhielt ich es nur auf einen Augenblick noch mit ihm abseits zu treten; ich nahm ihn mit mir hinter eine Koulisse, und hier in der Einsamkeit drückte ich unbelauscht seinen hölzernen Mund an den meinigen und vergoß die zweite Thräne, denn er war außer Ophelia das einzige Wesen, das ich in der Welt wahrhaftig geliebt hatte. –

Mein Mitdirektor ging den ganzen darauf folgenden Tag wie ein Träumender umher, und am Abende fand man ihn, weil er die angesagte Tragikomödie nicht schuldig bleiben wollte, auf der Bühne an einer Wolke erhängt.

So traurig endete auch dieses Unternehmen, und ich suchte nun endlich mit Ernst, von den Mühseligkeiten des Lebens ermüdet, mich unter den Menschen um einen soliden Posten zu bewerben. Es geht doch nichts auf Erden über das Bewußtsein nützlich zu sein und einen festen Gehalt zu genießen; – der Mensch ist nicht Kosmopolit allein, er ist auch Staatsbürger! – Das Nachtwächteramt war eben vakant geworden, und ich glaubte mich allenfalls tüchtig ihm mit Ehre vorzustehen. Die Welt ist jezt sehr gebildet und man fordert mit Recht große Talente von jedem einzelnen Bürger. –

[182] Wohl dem der Konnexionen hat – es gelang mir bei dem Diener des Ministers Zutritt zu erhalten, er hatte grade seine gute Stunde, und empfahl mich seinem Herrn; so wurde ich die Staatsleiter immer höher gehoben und ging aus einer Hand in die andere, bis zur obersten Sprosse, wo ich einen Fußfall wagte, und man mir gnädig Hoffnung zum Nachtwächter machte. – Eine nähere Prüfung in der ich darthun mußte, ob ich theils einen gemäßigten Vortrag besäße, um den Monarchen wenn er schliefe nicht aus dem Schlafe zu wecken, theils aber auch einen angenehmen und gebildeten, um in schlaflosen Nächten seinen musikalischen Sinn nicht zu beleidigen, fiel nicht ganz unglücklich aus, und ich hatte die Freude mich, nachdem mir vorher noch weiteres Studium angelegentlich empfohlen war, als Nachtwächter angestellt zu sehen.

[183] Sechszehnte Nachtwache Ich wünschte dieses Ultimatum und Hogarthsche Schwanzstück meiner Nachtwachen, recht deutlich vor Jedermanns Augen ausmahlen zu können; leider aber fehlen mir die Farben in der Nacht dazu, und ich kann nichts als Schatten und luftige Nebelbilder vor dem Glase meiner magischen Laterne hinfliehen lassen.

Wenn ich in der Laune bin Könige und Bettler in eine recht lustige brüderliche Gesellschaft zusammenzustellen, so wandle ich auf dem Kirchhofe über ihre Gräber hin, und denke sie mir, wie sie da unten im Boden friedlich neben einander liegen, im Stande der größten Freiheit und Gleichheit, und nur in ihrem Schlafe satirische Träume haben, und hämisch aus den Augenhölen grinsen. Unten sind sie Brüder, nur oben aus dem Rasen ragt höchstens noch ein moosigter Stein herauf, woran die alten zerschlagenen Wappen des Großen hängen, indeß auf dem Grabe des Bettlers nur eine wilde Blume sproßt, oder eine Nessel. –

Ich besuchte auch in dieser Nacht meinen Lieblingsort, dieses Vorstadtstheater, wo der Tod dirigirt, und tolle poetische Possen als Nachspiele hinter den prosaischen Dramen aufführt, die auf dem Hof- und Welttheater dargestellt werden. Es war eine schwüle drückende Luft, und der Mond schaute nur heimlich zu den Gräbern herab, und blaue Blize flogen dann und wann an [184] ihm vorüber. Ein Poet meinte, die zweite Welt lausche in die untenliegende herunter – ich hielt es nur für äffenden Wiederhall und matten täuschenden Lichtschein, der noch eine Weile dem versunkenen Leben nachgaukelt; wie der abgestorbene faulende Baum noch eine Zeitlang des Nachts zu glänzen scheint, bis er ganz in Staub zerfällt. –

Ich war unwillkührlich an dem Denkmale eines Alchymisten stehen geblieben; ein alter kräftiger Kopf starrte aus dem Steine hervor, und unverständliche Zeichen aus der Kabbala waren die Inschrift.

Der Poet trieb sich eine Zeitlang unter den Gräbern herum, und besprach sich abwechselnd mit auf dem Boden liegenden Schädeln, um sich in Feuer zu setzen, wie er sagte; mir wurde es langweilig, und ich schlief darüber am Denkmale ein.

Da hörte ich im Schlafe das Gewitter aufsteigen, und der Poet wollte den Donner in Musik sezen und Worte dazu dichten, aber die Töne ordneten sich nicht und die Worte schienen zu zersprengen und in einzelnen unverständlichen Sylben durcheinander zu fliehen. Dem Poeten stand der Schweiß auf der Stirne, weil er keinen Verstand in sein Naturgedicht bringen konnte – der Narr hatte das Dichten bisher nur auf dem Papiere versucht.

Der Traum verwickelte sich immer tiefer. Der Poet hatte sein Blatt von neuem ergriffen und versuchte zu schreiben; zur Unterlage diente ihm ein Schädel – er begann wirklich und ich sah den Titel vollendet:

[185] Gedicht über die Unsterblichkeit Der Schädel grinsete tückisch unter dem Blatte, der Poet hatte kein Arg daraus, und schrieb den Eingang zum Gedichte, worin er die Phantasie anrief ihm zu diktiren. Darauf hub er mit einem grausenden Gemälde des Todes an, um zulezt die Unsterblichkeit desto glänzender hervorführen zu können, wie den hellen strahlenden Sonnenaufgang nach der tiefsten dunkelsten Nacht. Er war ganz in seine Phantasieen vertieft und bemerkte es nicht, daß sich um ihn her alle Gräber geöffnet hatten, und die Schläfer unten boshaft lächelten, doch ohne sich zu bewegen. Jezt stand er am Übergange und fing an die Posaunen zu blasen und viele Zurüstungen zum jüngsten Tage zu machen. Eben war er im Begriffe alle Todte zu erwecken, da schien es als ob etwas Unsichtbares seine Hand hielte, und er blickte verwundert auf – und unten in den Schlafkammern lagen sie noch alle still und lächelten, und niemand wollte erwachen. Schnell ergriff er die Feder von neuem und rief heftiger und sezte eine starke Begleitung von Donner und Posaunenschall zu seiner Stimme – umsonst, sie schüttelten nur alle unmuthig unten und wandten sich auf die andere Seite von ihm weg, um ruhiger zu schlafen und ihm die nackten Hinterköpfe zu zeigen. – »Wie, ist denn kein Gott!« rief er wild aus, und das Echo gab ihm das Wort »Gott!« laut und vernehmlich zurück. Jezt stand er ganz einfältig da und käuete an der Feder. »Der Teufel hat das Echo erschaffen!« sagte er zulezt – »Weiß man doch nicht zu unterscheiden ob es bloß äfft, oder ob wirklich geredet wird!«

[186] Er setzte noch einmal rasch an, doch die Schriftzüge kamen nicht zum Vorscheine; da steckte er abgespannt und fast gleichmüthig die Feder hinter das Ohr und sagte monoton: »Die Unsterblichkeit ist widerspänstig, die Verleger zahlen bogenweis und die Honorare sind heuer sehr schmal; da wirft dergleichen Schreiberei nichts ab, und ich will mich wieder in die Dramen werfen!« –

Ich erwachte bei diesen Worten, und mit dem Traume war auch der Poet vom Kirchhofe verschwunden; aber an meiner Seite saß ein braunes Böhmerweib und schien aufmerksam in meinen Gesichtszügen zu lesen. Ich erschrack fast vor der großen gigantischen Gestalt, und vor dem dunkeln Antlize, in das ein seltsam barockes Leben mit eben so grellen Zügen niedergeschrieben schien. »Gieb mir die Hand, Blanker!« sagte sie geheimnißvoll, und ich reichte sie ihr unwillkührlich hin.

Je stärker und sicherer der Mensch sich selbst gefaßt hält, um so läppischer erscheint ihm alles Geheimnißvolle und Wunderbare, vom Freimaurerorden an, bis zu den Mysterien einer zweiten Welt. Ich schauderte heute zum erstenmale etwas, denn das Weib las aus meiner Hand mein ganzes voriges Leben, wie aus einem Buche mir vor, bis hin zu dem Augenblicke, wo ich als ein Schaz gehoben wurde (S. die vierte Nachtwache.) Darauf sagte sie: »Sollst auch deinen Vater sehen, Blanker; schau dich um, er steht hinter dir!« – Ich wandte mich rasch – und der ernste steinerne Kopf des Alchymisten blickte mich starr an. Sie legte die Hand auf ihn, und sagte sonderbar lächelnd: »Der ist's! und ich bin die Mutter!«

Das gab eine tolle rührende Familienscene – die braune [187] Zigeunermutter und der steinerne Vater, der halb aus der Erde hervorragte, als wollte er den Sohn halsen und an die kalte Brust drücken. Um die Familiengruppe zu runden umarmte ich beide, und als ich so mitten inne saß, erzählte das Weib im Bänkelsängervortrage:

»Es war in der Christnacht, als dein Vater den Teufel bannen wollte – er las aus dem Buche, und ich leuchtete dazu mit drei besprochenen Kerzen – unter dem Boden lief es hin, wie wenn die Erde Wellen schlüge, und das Licht brannte blau. Wir hielten jezt an der Stelle, wo dem Himmel entsagt und der Hölle geschworen wird, und blickten uns eine Weile schweigend an. Es ist zur Abwechselung! sagte dann dieser Steinerne und las die Stelle laut und vernehmlich – zwischen uns lachte es leise, wir lachten laut mit, um nicht albern dazustehen. Nun fing es an in der Nacht um uns her sein Wesen zu treiben, und wir merkten, daß wir nicht allein waren. Ich schmiegte mich in dem gezogenen Kreise dicht an deinen Vater, wir berührten zufällig das Zeichen des Erdgeistes, und wurden warm beisammen. Als der Teufel erschien, erblickten wir ihn nur noch mit halb geöffneten Augen – es war grade der Moment in dem du entstandest! – Jener war recht bei Laune und erbot sich Pathenstelle zu vertreten; er mochte ein angenehmer Mann in seinen besten Jahren sein, und ich erstaune über die Ähnlichkeit, die du mit ihm hast; nur siehst du finsterer aus, was du dir noch abgewöhnen dürftest. Als du geboren wurdest, hatte ich soviel Gewissenhaftigkeit dich in christliche Hände zu übergeben, und spielte dich darum jenem Schazgräber zu, der dich erzog. – Das ist deine Familiengeschichte, Blanker!« – [188] [190]Welch ein helles Licht nach dieser Rede in mir aufging, das können sich nur Psychologen vorstellen; der Schlüssel zu meinem Selbst war mir gereicht, und ich öffnete zum erstenmale mit Erstaunen und heimlichem Schauder die lang verschlossene Thür – da sah es aus wie in Blaubarts Kammer, und es hätte mich erwürgt, wäre ich minder furchtlos gewesen. Es war ein gefährlicher psychologischer Schlüssel!

Ich möchte mich selbst, wie ich bin, geschickten Psychologen zur Secirung und Anatomirung vorlegen, um zu sehen ob sie das aus mir herauslesen würden, was ich jezt wirklich las – dieser Zweifel soll übrigens der Wissenschaft selbst nicht zu nahe treten, die ich wahrlich hoch schäze, weil sie es sich nicht verdrießen läßt an einen so hypothetischen Gegenstand, als die Seele ist, Zeit und Mühe zu verschwenden.

Ich mochte einige von den Betrachtungen, die ich über mich selbst in diesem Augenblicke gemacht hatte, laut geäußert haben, denn die Zigeunerin sprach wie ein Orakel: »Es ist größer die Welt zu hassen, als sie zu lieben; wer liebt begehrt, wer haßt, ist sich selbst genug, und bedarf nichts weiter als seinen Haß in der Brust und keinen dritten!«

Die Worte dienten ihr zur Parole, und ich erkannte durch sie, daß sie zu meiner Familie gehöre. – Nach einer Weile sagte sie ganz heimlich: »Ich möchte den Alten da unten in seinem lezten chemischen Prozesse, den er mit sich selbst anstellt, wohl noch einmal sehen; er liegt schon lange im Boden – ob wohl noch was von ihm übrig [190] ist? – Wir wollen's doch anschauen!« – Nach diesen Worten schlich sie über Schädel und Todtenknochen hin nach dem Gebeinhause, kehrte mit Schaufel und Hacke zurück und grub sich still und geheimnißvoll in die Erde.

Ich ließ sie bei der sonderbaren Arbeit allein, denn drüben wandelte einer mit vielen Ausbeugungen und Krümmungen um die Gräber hin, wie wenn er ihm im Wege stehenden Gestalten auswiche; oft schien er zu lächeln, oft aber wandte er sich erschrocken und zitternd ab, und floh einige Schritte, bis er wieder vor einem neuen Gegenstande zurückzubeben schien. – Als ich ihm nahe war, faßte er meine Hand, und sagte tiefaufathmend: »Gottlob ein Lebender! Begleite mich nur bis zu jenem Grabe!« – Ich hielts für Wahnsinn und schritt mit ihm fort, um das Ende zu erwarten, oft drängte er mich, wenn ich einem Grabe zu nahe kam zurück, daß ich die Luft darüber nicht berühren sollte, zulezt aber schien er mehr Muth zu fassen, und ruhte eine Weile zwischen drei großen Monumenten aus; es waren umgestürzte Säulen, und an den Tafeln standen die Namen verstorbener Fürsten.

»Hier können wir etwas verziehen; sagte er, denn über den Gräbern steht nichts als Stein und Denkmal, und drunten im Boden mag höchstens noch eine Handvoll Staub, neben den Kronen und Zeptern zu finden sein; solche großen Herren vergehen schnell, weil sie im Überflusse genießen und schon im Leben eine große Masse erdigter Theile in sich aufnehmen.«

[191] Ich sah ihn erstaunt an, da fuhr er fort: »Ihr haltet mich wohl gar für toll; aber darin irrt Ihr! Ich betrete diese Orte nicht gern, denn ich habe einen wunderbaren Sinn mit auf die Welt gebracht, und erblicke wider meinen Willen auf Gräbern die darunter liegenden Todten mehr oder minder deutlich, nach den Graden ihrer Verwesung 7. So lange der Verstorbene unten noch unversehrt ist, so lange steht für mich seine Gestalt deutlich über der Gruft, und nur wenn der Körper sich mehr und mehr auflöst, verliert sich auch das Bild in Schatten und Nebel, und verfliegt zulezt ganz wenn das Grab leer ist. – Die weite Erde ist zwar ein einziger Gottesacker, aber die Gestalten der Verweseten nehmen eine freundlichere Gestalt an und blühen als schöne Blumen wieder auf; – hier aber stehen sie noch alle deutlich umher und blicken mich an, daß ich erschrocken vor ihnen zurückweiche. Nichts sollte mich auch bewegen diese Stätte zu betreten, wenn mich nicht eine Schäferstunde hier erwartete!«

»Da hätte Euer Liebchen auch einen freundlichern Ort für Euch erwählen sollen!« sagte ich unwillig über seine unbekannte Schöne, als er eine Weile inne hielt.

»Sie ist dazu gezwungen!« antwortete er. – Denn sie hat hier ihre Wohnung aufgeschlagen!«

Jetzt begriff ichs und verstand ihn, als er auf ein fernes Grab deutete – »Dort unten ruht sie – sie starb in der [192] Blüthe, und ich kann nur hier nach ihrem Brautbette wandeln. Sie lächelt mir schon aus der Ferne entgegen, und ich muß eilen; denn seit einiger Zeit wird die Gestalt immer luftiger, und nur das Lächeln um die Lippen ist noch ganz deutlich.« –

»Das ist doch mindestens einmal eine etwas ungewöhnliche Liebschaft, die ich erlebe, – setzte ich hinzu – übrigens ist auf der Erde nichts langweiliger als ein Verliebter!« –

Wir wandelten jetzt weiter fort, und er entwarf mir im Gehen noch flüchtig einige Skizzen von den Inhabern der Wohnungen an denen wir vorbei mußten.

»Dort hat sich ein Hofnarr noch gut gehalten, er steht vollkommen da, bis auf den Spott und die Satire in seinen Minen. – Hier harrt ein Poet der Auferstehung entgegen, aber von ihm selbst ist nur wenig noch dazu vorhanden, denn ich sehe bloß leichten Duft, und muß die Phantasie anstrengen, etwas Gescheutes hineinzufinden. – Da erblicke ich eine Mutter mit dem Kinde an der Brust, und beide lächeln! – (Es erschütterte mich, denn es war grade das Grab der Ophelia!) – Hier liegen ein Finanzier und ein Politiker beisammen, aber an beiden ist schon vieles defekt. – Jenes soll das Grab eines berühmten Geizhalses sein, er hält noch mit der schon verschwindenden Hand den Zipfel seines Leichentuches fest!« –

Jetzt waren wir zur Stelle, und er bat mich ihn zu verlassen; aus der Ferne sah ich nur noch wie er die Luft [193] umarmte und heiße Küsse ausströmte – es war eine recht seltsame Schäferstunde! – –

Indeß hatte die Wahrsagerin das Grab des Vaters gesprengt, und der morsche Sarg hob sich aus dem Boden; neugierig gleitete das Mondlicht an den halb verwitterten Schildern und Verzierungen hinab, und das Kruzifix auf dem Deckel blinkte hell und weiß. Mir war doch ungewöhnlich zu Muthe, als die alte graue Vergangenheit noch einmal sich in der Gegenwart umsah, und die lezte Wiege des Vaters, die ihn in den langen Schlummer wiegte, heraufstieg. Ich zögerte den Deckel zu heben, und redete in der Pause, um mir selbst Muth zu machen, einen Wurm an, den ich ergriff, als er sich eben bei dem Sarge aus dem Boden wühlte:

»Außer den Favoriten und Günstlingen der Großen und Herren, giebt es nur noch ein Völkchen, das es sich recht eigentlich an den Brüsten der Majestät wohl sein läßt; und zu diesem gehörst du, Minirer! Der König ernährt sich von dem Marke seines Landes, und du dich wieder von dem Könige selbst, um die verstorbene Majestät, wie Hamlet sagt, nach einer Reise durch drei oder vier Magen, wieder in den Schooß, oder mindestens in den Bauch ihrer getreuen Unterthanen zu führen. An dem Gehirne wie vieler Könige und Fürsten hast du dich gemästet, du fetter Schmarozer, bis du zu diesem Grade von Wohlbeleibtheit gekommen bist? Den Idealismus wie vieler Philosophen hast du auf diesen deinen Realismus zurückgeführt? Du bist ein unwiderlegbarer Beleg für die reelle Nüzlichkeit der Ideen, da du dich an der Weisheit so mancher Köpfe wacker gemästet hast. – Dir [194] ist nichts mehr heilig, weder Schönheit noch Häßlichkeit, weder Tugend noch Laster; alles umwindest du Laokoons Schlange, und beurkundest deine intensive Erhabenheit an dem ganzen Menschengeschlechte. Wo ist jezt das Auge das so bezaubernd lächelte, oder so drohend gebot – Du Satiriker sizest allein in der leeren Knochenhöle und schauest frech und boshaft um dich, und machst das Haupt zu deiner Wohnung, und zu etwas noch schlechterm, in dem sonst die Plane eines Cäsar und Alexander geboren wurden. Was ist nun dieser Pallast, der eine ganze Welt und einen Himmel in sich schließt; dieses Feenschloß, in dem der Liebe Wunder bezaubernd gaukeln; dieser Mikrokosmus, in dem alles was groß und herrlich, und alles Schreckliche und Furchtbare im Keime nebeneinander liegt, der Tempel gebar und Götter, Inquisitionen und Teufel; dieses Schwanzstück der Schöpfung – das Menschenhaupt! – – die Behausung eines Wurmes. – O was ist die Welt, wenn dasjenige was sie dachte nichts ist und alles darin nur vorüber fliegende Phantasie! – Was sind die Phantasieen der Erde, der Frühling und die Blumen, wenn die Phantasie in diesem kleinen Rund verweht, wenn hier im innern Pantheon alle Götter von ihren Fußgestellen stürzen, und Würmer und Verwesung einziehen. O rühmt mir nichts von der Selbstständigkeit des Geistes – hier liegt seine zerschlagene Werkstatt, und die tausend Fäden, womit er das Gewebe der Welt webte, sind alle zerrissen, und die Welt mit ihnen. – – Auch der Alte hier in seiner Kammer wird schon seine Theaterkleider abgeworfen haben, und dieser boshafte Bube, in meiner Hand, kommt vielleicht eben von dem Kehraus, dem er hier in der väterlichen Behausung beigewohnt hat; – [195] doch mag's sein – ich will ergrimmt in das Nichts schauen, und Brüderschaft mit ihm machen, damit ich keine menschlichen Reste mehr verspüre, wenn es auch mich zuletzt ergreift!«

Ich war jezt stark und wild genug den Deckel zu heben, ob ich gleich fühlte, daß dieser Grimm und Zorn, wie Alles übrige, auch mit zum Nichts gehöre. –

Wie seltsam – als das stille Schlafkämmerchen sich aufthat, in dem ich keinen Schläfer mehr erwartete, lag er noch unversehrt auf dem Kissen, mit blassem ernsten Gesichte und schwarzen krausen Haaren um Schläfe und Stirn; es war noch die abgeformte Büste vom Leben, die hier in dem unterirdischen Museum des Todes zur Seltenheit aufbewahrt wurde, und der alte Schwarzkünstler schien dem Nichts Troz bieten zu wollen.

»So sah er aus, als er den Teufel bannte!« sagte die Wahrsagerin – »Nur haben sie ihm nachher die Hände gefaltet, daß er hier unten wider Willen beten muß!« – – »Und warum betet er denn?« fragte ich zornig – da drüben über uns im Himmelssee funkeln und schwimmen zwar unzählige Sterne, aber wenn es Welten sind, wie viele kluge Köpfe behaupten, so giebt es auch Schädel auf ihnen und Würmer, wie hier unten; das geht so fort durch die ganze Unermeßlichkeit, und der Baseler Todtentanz wird dadurch nur um so lustiger und wilder und der Ballsaal größer – O wie sie alle, die auf den Gräbern umherlaufen, und auf einer tausendfach geschichteten Lava vergangener Geschlechter – wie sie alle nach Liebe wimmern, und nach einem großen Herzen über den Wolken, [196] woran sie mit allen ihren Erden einst ruhen können! Wimmert nicht länger – diese Myriaden von Welten saußen in allen ihren Himmeln nur durch eine gigantische Naturkraft, und diese schreckliche Gebärerin, die alles und sich selbst mit geboren hat, hat kein Herz in der eigenen Brust, sondern formt nur kleine zum Zeitvertreib, die sie umher vertheilt – haltet euch an diese, und liebt und girrt so lange diese Herzen noch zusammenhalten! – Ich will nicht lieben, und recht kalt und starr bleiben, um wo möglich dazu lachen zu können, wenn die Riesenhand auch mich zerdrückt!« –

»Der alte Schwarzkünstler scheint zu meiner Rede zu lachen! Weißt du es etwa besser, Teufelsbanner – und steigt über diesem zertrümmerten Pantheon ein neues herrlicheres auf, das in die Wolken reicht, und in dem sich die kolossalen ringsumher dasizenden Götter wirklich aufrichten können, ohne sich an der niedern Decke die Köpfe zu zerstoßen – – wenn es wahr wäre, so möchte es zu rühmen sein, und es dürfte schon die Mühe verlohnen zu zu schauen, wie mancher unermeßliche Geist auch seinen unermeßlichen Spielraum erhielte, und nicht mehr zu würgen brauchte und zu hassen, um groß zu sein, sondern frei in die Himmel emporsteigen könnte, um dort sein strahlendes Gefieder auszubreiten. – Der Gedanke könnte mich fast erhizen! – Nur alle dürften sie mir nicht erstehen wollen; alle nicht! – Was wollten so viele Pygmäen und Krüppel in dem großen herrlichen Pantheon, in dem nur die Schönheit thronen soll, und die Götter! O man schämt sich dieser Gesellschaft ja oft genug schon auf Erden, wie könnte man den Himmel mit ihnen gemeinschaftlich theilen! – Nur ihr mögt euch [197] aus dem Schlummer erheben, ihr großen königlichen Häupter, die ihr mit den Diademen in der Weltgeschichte erscheint, und ihr begeisterten Sänger, die ihr von den Königlichen entzückt redet und sie verherrlicht! Die andern mögen ruhig schlafen und recht sanft, auch angenehme Träume haben, die gönne ich ihnen von Herzen!« –

»Mit dir, alter Alchymist, möchte ich den Weg schon antreten; nur betteln sollst du mir nicht um den Himmel – nicht betteln – lieber ertroze ihn, wenn du Kraft hast. Die stürzenden Titanen sind mehr werth, als ein ganzer Erdball voll Heuchler, die sich ins Pantheon durch ein wenig Moral und so und so zusammengehaltene Tugend schleichen möchten! Laß uns dem Riesen der zweiten Welt gerüstet entgegengehen; denn nur wenn wir unsere Fahne dort aufpflanzen, sind wir es werth dort zu wohnen! – Laß das Betteln; ich reiße dir die Hände mit Gewalt auseinander!« – –

»Wehe! Was ist das – bist auch du nur eine Maske und betrügst mich? – Ich sehe dich nicht mehr Vater – wo bist du? – Bei der Berührung zerfällt alles in Asche, und nur auf dem Boden liegt noch eine Handvoll Staub, und ein paar genährte Würmer schleichen sich heimlich weg, wie moralische Leichenredner, die sich beim Trauermahle übernommen haben. Ich streue diese Handvoll väterlichen Staub in die Lufte und es bleibt – Nichts!«

»Drüben auf dem Grabe steht noch der Geisterseher und umarmt Nichts!«



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