Sex Life in England  

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"It was Henry Thomas Buckle who was the first to realise the value of a critical study of the influence of nature upon individuals and peoples. One glance at the map of Europe shows most clearly how the peculiar position of England must have influenced the character of the English." --Sex Life in England

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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.
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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.

Sex Life in England by Iwan Bloch. Published in English by Falstaff Press.

Original titles:

  • Englische Sittengeschichte (früher: Das Geschlechtsleben in England) (zwei Bände, 1912, unter dem Pseudonym Eugen Dühren).

From the publisher:

Originally published in German 1903, this classic on the on the history of sexual behavior in England is a detailed study of England's more esoteric sexual history, including debaucheries of court life, sexual quackery, perversions and usual practices, with the theme that repression of normal sexual urges leads to such outlets. It has numerous bibliographical references drawn from historical memoirs, literature, the press, etc., dealing with such topics as prostitution, homosexuality, sadism, masochism, flagellation and other sexual perversions.

Bibliographical details:

Bd.1: Die beiden Erscheinungsformen des Sexuallebens. Die Ehe und die Prostitution. Bd. 2 u. 3: Der Einfluss äusserer Faktoren auf das Geschlechtsleben in England.

Contents

Complete English text[1]

Full German text of the second and third part

Das Geschlechtsleben * *

  • * * in 6ngl and

mit besonderer Beziehung auf London.


Von

Dr. Eugen Dfihren.


\


m.

Der Einfluss äusserer Faktoren

auf das Geschlechtsleben in England.

(Fortsetzung und Schluss).


-^"^


Berlin NW. 7. flQ. Cilientbal, Verlag

1903.


Studien zur Geschichte

des

menschlichen (Geschlechtslebens.

IV.

Das Geschlechtsleben in England

mit besonderer Beziehung auf London


von


Dr. Eugen Dfihren.


England, with all thy faults, I love thee still."

Cowper.


Dritter Teil.

Der €inflii$$ äusserer Taktoren auf das tiesAlecfttsleben in England

(Fortsetzung und Schluss).



Berlin NW. 7. ffi. Cütentbal, Verlag.


1903.


LAME L:c:«\RY. STANFORD UN1VERSITT


Alle Rechte vorbehalten.



Vorrede.

Mit dem vorliegenden dritten Bande ist ein Werk, in welchem ich die Hauptzüge der Sittengeschichte Eng- lands nach den Quellen zu schildern versucht habe, zum Abschlüsse gelangt. Da ein solches Unternehmen in der Art seiner Anlage und Ausführung bisher ohne Vor- bild ist, so darf ich wohl die Nachsicht der Kritiker billigerweise in Anspruch nehmen und mit dem noch- maligen Hinweise mich begnügen, dass es sich hier um die Frucht einer vierjährigen ernsten, ehrlichen, quellen- kritischen Forschung handelt, deren auf so verschiedene Gebiete sich erstreckender Gegenstand: die englische Sittengeschichte (im umfangreichsten Sinne des Wortes) naturgemäss eine nicht lückenlose Darstellung erfahren konnte. Für ernsthafte Verbesserungen, aufrichtige Kritiken wird der Verfasser daher stets dankbar sein. Nach den mir in grosser Zahl zugegangenen schrift- lichen und mündlichen Aeusserungen des Beifalls und der Anerkennung darf ich hoffen, dass das nun vollendete Werk, dessen dritter Band insbesondere an Umfang die beiden ersten beträchtlich übertrifft, und eine noch bei weitem grössere Fülle des Materials als jene ent- hält, eine dauernde Bereicherung der kulturgeschicht- lichen Litteratur darstellt.


— VI —

Was die am Schlosse beigegebene Bibliographie betrifft, so empfahl es sich, den grössten Teil derselben, besonders die auf die Flagellomanie, Kunst, erotische Litteratur und Bibliophilie and Biblio- graphie sich beziehenden Schriften, in den Text selbst einzuschalten. Man wird also eine genaue Bibliographie der Erotika z. B. im zehnten Kapitel, welches die Litteratur behandelt, finden, ebenso die der anderen Gegenstände in den betreffenden Kapiteln.

In der am Schlüsse beigegebenen Bibliographie sind daher nur die in sämtlichen drei Bänden häufiger benutzten Schriften zusammengestellt worden.

Dankbar muss ich zum Schlüsse der gelegentlichen Nachweisungen und Mitteilungen gedenken, mit welchen Herr stud. jur. Erich Bogeng mich bei der Arbeit an diesem dritten Bande gefördert hat.

Berlin W, den 26. April 1903.

Der Verfasser.



Inhaltsübersicht.

Zweites Buch.

Der Einfluss äusserer Faktoren auf das Geschlechtsleben in England.

(Fortsetzung und Schluss).


Siebentes Kapitel.

Die Homosexualität, der Sadismus, Masochismus und andere sexuelle Perversitäten.

Seite 3— 1H

1. Homosexualität. Seite 3—64

Paederastie in England nicht so sehr verbreitet wie in anderen Ländern — Abscheu des englischen Volkes gerade vor diesem Laster — Strafen — Geschichtliches über die Männerliebe in England — Marlowe's „EduaTd II" — Die Homosexualität im 17. Jahrhundert — Der „Mollies* Club" — Grosse Verbreitung der Paederastie im 18. Jahrhundert — Ursachen — Effeminatio — Das Küssen der Männer untereinander — Knabenbordelle — Ge. heime paederastische Klubs — Der Paederastenklub in der „Traube" bei Cläre Market — Die männlichen Wöchnerinnen von Clement '8 Laue — Ein Paederastenklub in Exeter — Prozesse gegen Paeder- asten — Die Päderastie im 19. Jahrhundert — Der „Vere Street


— VIII —

Club" — Treiben desselben — Die Paederasten aus der Vera Street am Pranger — Die Paed erastie um 1330 — Prediger Greenfield — ProzesB Fischer gegen Colonel Grant — Paederastie in Schott- land — Treiben der Londoner Paederasten um 1Ö50 — Die „Tommies" „Margeries" und „PoofB" — Die Paederasten .Eli/n Edwards", „Fair Eliza" und „Betsy H." — Schilderung der modernen Paederastie in London — Der „Mary Ann" — Bolton und Park — Homos ex ualitäl in den Colleges — Der Prozess Oskar Wilde — J. A. Symonds — Der Androgyne Lord Cornbury — Zur Ge- schichte der Tribadie in England — Eint Episode aus Grammon t 's Memoiren — Die Tribadie um 1750 — Geheime tribadische Klubs — Tribadie in der Neuzeit — Hermaphroditen. Viragines, Wcibei- niänner u.a. — Moll Cutpurse — Mary Read — Die Ritterin d'Eon — Adrian und Rornemann Über englische Viraginität.

2. Sadismus und Masochismu» Seile 61—100

Für den Sadismus praedisponiereude Elemente im Englischen Nationalcharakter — Das Boxen — Die Freude an öffentlichen Hinrichtungen — Englische Hinrichtungshiibitnes — Ein englischer Sadist reist zur Hinrichtung dcsDamiens nach Paris — George Selwyn's Freude an Hinrichtungen — James Boswell — Ein moderner „Amateur Hangmau" — Die Goneourts über einen eng- lischen Sadisten — Versteigerung von Hinrichtuugsrcl'quion — Sadistische Verbrecher — Das „Ungeheuer" (der Mädchenstecher Williams) — Was Archenholtz und Forster über ihn be- richten — Ein englischer Girard — Der sadistische Priester Carroll — „Jack the Ripper" — Sadismus in der englischen Erotik des 19. Jahrhunderts — „The Pleasures o( Cruelty" — Analyse dieser Schrift — Andere sadistische Schriften — Der Masochismus — Die „Petticoat Pensioucrs" — Die Strangulation aus Wollust — Der Fall Kotzwara — Masocuistische Litteratur.

3. Ander« sexuelle Perversitäten.

Seite 100—114

Exhibitionismus — Die „posture-woman" — Sitte in Coventry

— Ein Haarfetischist — KostSImfetisehisteo — Rolle der Neger

in London — Vorliebe der Damen für Araber — Scatologie in

England — Merkwürdige Hliutigkeit des Incestes in England —





— IX —

Der Prozess gegen Major Weir — Die Geschichte von Sawney ßeane — Der Incest in der Litteratur — Incestroman — Die Onanie und ihre Litteratur.


Achtes Kapitel.

Theater, Musik und Tanz.

Seite 115—234 Allgemeines über das Theater und seine Beziehungen zum -Geschlechtsleben — Der englische Puritanismus und die Bühne — Geschichtliches über das englische Theater — Die „Miracle Plays 11 und „Morels" des Mittelalters — Die englischen Komödianten — LTnsittlichkeit der englischen Bühne im 17. Jahrhundert — Erstes Auftreten von Schauspielerinnen — Maskierung der Zuschauerinnen

— Theaterprostitution — Die Orangenmädchen — Rochester's „Sodom" — Die Komödien der Bestaurationszeit (Wycherley, €ongreve, Farquhar u. A.) — Collier's Schrift gegen das Theater — Klage der Jury von Middlesex — Covent Garden und Drury Lane im 18. Jahrhundert — Galanterien des englischen Theaters im 18. Jahrhundert — Samuel Foote — Das „Sen- sationsdrama 11 des 19. Jahrhunderts — Die Theaterplakate — Scene aus einem Vorstadttheater — Obscönitäten in den Theatern — Die „Penny Theatres" — Theaterprostitution — Die „Salons", der Theater — Schilderungen der Prostitution in denselben.

Musik und Erotik — Eigenartige Musikleidenschait der Eng- länder — Drastische Beispiele — Die italienische Oper — Das Kastratenwesen — Die deutschen Komponisten in London — Die „Music Halls", eine englische Spezialität — Das Musikschiff auf der Themse — Die Musikhäuser im 17. Jahrhundert — Des 18. und 19. Jahrhunderts — Das „Tingel-Tangel" eine englische Schöpfung

— Die schwarzen Sänger in den Vari6t6s — Schilderungen Lon- doner Musikhallen (Thackeray u. A.) — Obscöne Lieder fast in allen Musikhallen — William West Hauptverfasser solcher Lieder- bücher — Strassenmusik und Strassengesang in London — Die Altenglische Ballade — Die „Minstrels" — Geschichte der eng- lischen Ballade — Thomas D'Urfey— Die „Balladen weiber"

— Obscöner Charakter der Bänkelsängerlieder — Verschiedene Schriftsteller über dieselben — Die „Cries of London".


— X —

Der Tanz — Zur Geschichte desselben in England — Erotische Tänze im Mittelalter — Gesellschaftstänze des 18. und 19. Jahr- hunderts — Das Ballett — Mme Sall6 — Die PaTisot, del Caro und Miss de Camp — Das Ballett im „Royal Circus" — Galanterien des Balletts — Fanny Elssler — Der „Mondsch ein- tanz" der Cerito — Die modernen Prachtballetts — Tanz und Prostitution — Die „tanzenden" Prostituierten — Erotische Bälle in Bordellen.

Die Spezialitätentheater — Pantomimen — Zirkuswesen — Anfänge desselben im 18. Jahrhundert — Die Amazonenkämpfe in Figg's Amphitheater — Thomas Johnson, der „irische Tartar"

— Der Zirkusreiter Sampson — Price, Coningham und Wildman — Astley's Zirkus — Trapezktins tierinnen — Andere Öffentliche Lustbarkeiten — Volksfeste im Zeitalter der Elisabeth

— Die grossen Jahrmärkte — Die Bartholomäus-Messe — Die FiguT des „Punch" — Geschichte desselben — Der 1. Mai und der Valentinstag — Die Probenächte in Wales — Exkursions-Annoncen

— Das Schwingen von Weibern' — Andere merkwürdige Gebräuche.


Neuntes Kapitel

Die KllDSt. Seite 235—819

Kunst und Erotik — Zur Geschichte der obscönen Darstellungen in der Kunst — Altertum — Renaissance — Aretino's Figuren in Frankreich und England — Verkauf derselben in England im 17. Jahrhundert — Weitere Geschichte derselben in England — Obscöne Bilder zu den „Pleasures of Love — Zu Cleiand's be- rühmtem erotischen Romane — Die grossen Künstler des Obscönen

— Hogarth — Die obscöne Karikatur — James Gillray — H. F. Gravelot — Thomas Rowlandson — Seine Auffassung des Geschlechtlichen — Charakteristik seiner Zeichnungen — Lebens- geschichte — Seine erotischen Bilder — Seine Bedeutung als Sitten- schilderer — Isaak und George Cruikshank — George Morlandund John Raphael Smith — Richard Newton — H. K. Browne — G. A. Sala's Flagellationsskizzen — Kampf gegen das Nackte in der Kunst — Mrs. Grundy und Horsley

— Die Praeraphaeliten — Aubrey Beardsley's Auffassung des Erotischen.

Obscöne Spielkarten und Tabaksdosen — Obscöne Photo- graphieen — Obscöne Bilder in Bordellen.


— XI —

Zehntes Kapitel.

Die Litteratnr. Seite 320—473

Allgemeiner Charakter der englischen erotischen Litteratur — Hoheit des Ausdrucks — Vergleich mit den französischen Erotica

— Erotischer Wortschatz der Engländer — Langer Titel der eng- lischen Erotica — Zur Geschichte der englischen erotischen Litteratur

— Aus dem Mittelalter: Chaucer — Zeitalter Shakespeare's

— Ben Jonson — Die Liebe bei Shakespeare — Grobe Erotik der Restauration — Rochester — Seine Lyrik — Seine Satire — Sein Drama „Sodom" — Analyse dieser Schrift — Nach- ahmungen — Die übrigen Erotiker der Restauration — Die obscöne Satire — William King's „Toast" — John Cleland und seine „Memoire of a Woman of Pleasure" — Das beste englische Eroticum

— Bibliographie — Analyse dieser Novelle — Nachahmungen — Andere Erotica dieseT Zeit — JohnWilkes — Seine Persönlich- keit — Sein „Essay on Woman" — Bibliographie — G. A. Stevens

— Seine „Lecture on Heads" — Seine „Adventures of a Speculist"

— S. J. Pratts „Pupil of Pleasure" — Andere Erotica von 1780 bis 1810 — Die Erotik im 19. Jahrhundert — Edward Sei Ion

— Sein Leben, seine Autobiographie und seine erotische Schriften („The New Epicurean", „Phoebe Kissagen" u. a.) — Thomas Buckle und seine angebliche Sammlung von Flagellationsschriften

— G. H. Stock, ein Flagellationsschrifts teuer — G. A. Sala's „Mysteries of Verbena House" — Erotische Zeitschriften.


Elftes Kapitel.

Bachhandel, Blbliophilie und Bibliographie.

Seite 474-512 Hohes Älter und grosse Verbreitung der Bücherliebhaberei in England — Zur Geschichte derselben bis zum 18. Jahrhundert — Leihbibliothek- und Antiquariatswesen — J. Lackington's „Musentempel" — Pikante Lektüre in Leihbibliotheken — Berühmte Verleger erotischer Schriften — E. Curll — R. Griffiths — - G. Peacocke und W. Holland — Der Handel mit obseönen Büchern im 19. Jahrhundert — Vertrieb auf dem Lande — Ein- führung in die Schulen — Verkauf bei Rennen — Anfertigung und Verkauf obseöner Bilder durch Kriegsgefangene — Verleger von


_ xn —

Eroticiß im 19. Jahrhundert — Sudbury, Brookes, Wes* r J. Duncombe, J. Aßcham, White, Dickenson — William Dugdale — J. C. Hotten — Berühmte Erotobibliomanen — Ueber das Sammeln erotischer Bücher — Frederick Hankey, der Typus eines modernen Bibliophilen — James Campbell — W. S. Potter — Der grosse Bibliograph und Bibliophile Pisa nus Fraxi — Leben — Seine drei Musterwerke — Betrachtung der Arbeitsmethode von Pisanus Fraxi — Sein Stil und seine um- fassende Bildung — Seine vorbildliche Beurtheilung des Erotischen.


Zwölftes Kapitel.

Soziologische Theorieen.

Seite 518—526

Bedeutung der sexual-socialen Theorieen in England —

ThomasMorus 1 Utopia — - Schriften über Polygamie (L y s e r u. A.)

— Mandeville's* Theorie des Lasters — Seine Verteidigung der Huren — Malthus und der Malthusianismus — Geschichte des- selben in England — Eine malthusianische Scene — Der Neo- Malthusianismus — Mrs. Beasant u. A. — Sexualmystik — Die englische Kirche und das Sexualleben — Dixon's Enthüllungen

— Die „Army of the Lord" in Brighton.

Bibliographie Seite 528—585

Druokfehler Seite 586.


Zweites Buch (Schluss).


Der Einfluss äusserer Faktoren


auf das


Geschlechtsleben in England.


D Uhren, Das Gesohleohtoleben in England.***


Siebentes Kapitel.


Die Homosexualität,

der Sadismus, Masochismus und

andere sexuelle Perversitäten.

1. Homosexualität.

Obgleich, wie wir sehen werden, die englische Sittengeschichte interessante Materialien und Beispiele für das Vorkommen der gleichgeschlechtlichen Liebe oder Homosexualität (Uranismus, Päderastie und Tribadie 1 ) liefert, so soll doch nach den Erfahrungen von Pisanus Fraxi*) die Zahl der Homosexuellen in England in Vergleichung mit derjenigen der anderen, besonders romanischen Länder eine sehr geringe sein.


  • ) Der englische Terminus technicus für Homosexualität ist

„sexual inversion" oder „homosexuality." Die Päderastie heisst gewöhnlich „sodomy", seltener „pederasty". Der Päderast heisst auch „bugger", (gleich dem französischen „bougre" von der päderastischen Sekte der „Bulgaren" im 11. Jahrhundert abgeleitet), oder „catamite", der effeminirte passive Päderast wird auch mit dem Namen „miss Nancy" (vergl. H. Bau mann „Londinismen" Berlin 1887, S. 109) oder „madge cove" (vergl. John Bee „Sports- man's Slang, A new dictionary of terms etc." London 1825, S. 5) bezeichnet. Andere Bezeichnungen weiter unten.

  • ) Pisanus Fraxi „Index librorum prohibitorum," London

1877, S. XXXIV.

1*


— 4 —

Havelock Ellis wagt über die Zahl der englischen Homosexuellen keine bestimmteren Angaben zu machen und erklärt selbst eine Schätzung derselben unter den höchst kultivierten Elementen des Mittelstandes auf 5% für „kühu" 1 ), so dass er uns mit Recht schliesslich in völliger Unwissenheit über die angebliche grosse Frequenz, der Homosexualität in England belässt. Wäre diese- wirklich vorhanden, dann würde auch eine genauere Schätzung möglich sein.

Sicher ist, dass überhaupt unter den germanischen Völkern die Homosexualität weniger verbreitet ist, ais- unter den südeuropäischen Nationen (Romanen und Süd- slaven). Gegenüber den früheren übertriebenen Angaben ist eine Stelle in der neuerdings vom „Wissenschaftlich- humanitären Komitee" anlässlich der Anschuldigungen gegen Krupp veröffentlichten „Erklärung" 2 ) bedeutsam, jn welcher dieses Komitee, das sicherlich über die Zahl fler Homosexuellen in Deutschland auf das genaueste orien- tiert ist, von „1500 ihm bekannten" Homosexuellen spricht. Da anzunehmen ist, dass das Komitee, welches den reform- bedürftigen § 175 des Reichsstrafgesetzbuchs (Bestrafung des, homosexuellen Verkehrs mit Gefängnis) gänzlich abge- schafft wissen will, den grössten Teil der in Deutsch- land lebenden Homosexuellen für seine Bestrebungen herangezogen hat, so ist daraus wenigstens der Schluss erlaubt, dass bei einer Bevölkerung von 55 Millionen die wirkliche Zahl der Homosexuellen in Deutschland eine verschwindend geringe ist, wobei auch die von Havelock Ellis hervorgehobene Thatsache berück-

  • ) Havelock Ellis „Studies in the Psychology of Sex^

Sexual Inversion" Philadelphia 1901, S. 80.

") Abgedruckt u. a. in der „Welt am Montag" No. 48 vom. 1. Dezember 1902.


I


— 5 —

^ichtigt werden muss, dass die Grossstädte Sammelplätze für grössere Vereinigungen von Homosexuellen bilden, «die zum Teil aus der Provinz dorthin kommen.

Auch in England lässt sich wie in anderen germa- nischen Ländern eine gelegentliche Zunahme der Homo- sexualität in bestimmten Kreisen beobachten. Es handelt sich dann jedesmal um die Wirkung äusserer Ein- flüsse, seien diese nun höfische Corruption (wie zur Zeit Karls IL) oder gewisse Ausartungen der Mode, wie sie uns im 18. Jahrhundert entgegentreten. Solche Zeiten wie sie z. B. Rochester's berüchtigtes Päde- rasten-Drama „Sodom" sehr anschaulich schildert, sind einer förmlichen epidemischen Verbreitung homosexueller X^efühlsrichtungen ausserordentlich günstig, die bald nur leise, nur unbestimmt in weiteren Kreisen zu Tage treten, bald aber mächtiger sich regen und zu völliger Perversion der natürlichen Empfindungen führen können. Diese Genesis- der Homosexualität, welchen eine nur «ehr geringe Zahl von Fällen sogenannter „angeborener" konträrer Sexualempfindung gegenübersteht, lässt sich bei der Mehrzahl der Homosexuellen nachweisen. l ) Nur durch ein Erworbensein dieser Perversion durch psychische Contagion und Verführung ist die unleugbare plötzliche Zunahme der Homosexualität in gewissen Terioden einer grösseren Corruption des Hof- und Ge- «ellschaftslebens oder zu Zeiten einer effeminierten Mode- und Kunstrichtung zu erklären, welche die Differenzen zwischen den Geschlechtern verwischt, in der psychisch- hermaphroditischen Vorstellung eines „dritten Geschlechts**

l ) Vergl. darüber die näheren Darlegungen von J. Black „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia sexuaHfl. Mit Vorrede voa "■Geh. Medicinalrath Prof. Dr. A. Eulenburg", Dresden 190». Teil I, S. 214 ff.



schwelgt oder auch statt der Anbetung der Weibes- schönheit diejenige des Mannes einführt.

In England dürfte ausserdem noch die eigenartige Einrichtung der „Clubs", die nur von Männern frequen- tiert werden, der Entwickelung homosexueller Bezieh- ungen einigen Vorschub leisten. Vielleicht kommt auch der in England so stark kultivierte gymnastische Sport in Betracht, in ähnlicher Weise wie derselbe von den alten Griechen als ursächliches Moment für die Ent- stehung der Homosexualität betrachtet worden ist.

Auf der anderen Seite haben wir ein starkes Hinder- nis für eine grössere Verbreitung der Homosexualität in England in dem Umstände zu erblicken, dass wohl kein Volk die Bethatigung dieser Perversität mit solchem Widerwillen betrachtet und so streng verurteilt, wie das englische. Archenholtz bemerk!: „Da das englische Frauenzimmer so schön, und der Hang sich mit ihm zu vergnügen, so gemein ist, so übersteigt auch der Ab- scheu dieser Insulaner gegen die Päderastie alle Grenzen. Der Versuch wird mit dem Pranger und mehreren Jahren Gefängnis bestraft, die wirklich begangene That mit dem Galgen. Die Pilori ist so gut wie der Tod." 1 )

Dieser Abscheu kommt sogar bisweilen in erotischen Schriften zum Ausdruck. So ist es bezeichnend, dass die Herausgeberin des „Voluptarian Cabinct", Mary Wilson, in der Vorrede zum dritten Bande des Werkes, der eine Uebersetzung von Mirabeau's, ,,Ie Ridean leve" enthält, bemerkt, dass sie sich erlaubt habe, eine päd- erastische Szene des Originals durch eine Flagellations-

'] J. W. v.Ar chenaoltz „England und Italien- Leipzig 1787, Bd. II, S. 267; veigl. iiui'h dessen „AnnJeo der britischen Oe- ichichte" Hamburg 1791 Bd. V, S. 862.


szene zu ersetzen. „Es ist sehr zu bedauern, dass einige der besten französischen Werke durch Beschreibungen der sokratischen Liebe entstellt sind. Aber es ist noch mehr zu beklagen, dass solche Ideen sogar in unsere Sprache übertragen werden. Ich spreche nicht nur mit den Gefühlen einer Frau über diesen Gegenstand, sondern würde auch als Mann es für höchst verbrecherisch halten, Lehren zu verbreiten, deren Annahme von so verderb- lichen Folgen hegleitet ist." 1 )

Allerdings schreibt dies eine — Bordellwirtin, die a priori die Männerliebe als ihrem Geschäfte schädlich, verdammen muss.

Doch bekunden schon die ausserordentlich strengen Strafen, dass die Päderastie in England als ein höchst fluchwürdiges Verbrechen betrachtet wird. „Numa Praetorius" hat im ersten Bande des Jahrbuches für sexuelle Zwischenstrafen die betreffenden Bestimmungen des heutigen englischen Strafgesetzbuches zusammen- gestellt 1 ) Danach wird unterschieden 1. Buggery (wider- natürliche Unzucht) und zwar aj Sodomie (jedoch nur immissio penis in anum damit gemeint, aber ohne Rück- sicht, ob zwischen Personen gleichen, oder verschiedenen Geschlechts begangen), b) Bestialität, Hierauf steht lebenslängliches Zuchthaus (!1) bei vollendeter, Zuchthaus bis zu 10 Jahren hei versuchter That; 2., blosse unzüchtige Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts (mutuellc Onanie, beischlafähn-

1 \ i.il'I. i'isanu6Fraii,,lJalenaliboruro taeendorum" London 1B8B 8. SM— «97.

r ) Nunia Praetorius „Dio strafrechtlichen Bestimmungen gegen den gleichgeschlechtlichen Verkehr" in: „Jahrbuch für sesu- eUc Zwischen* trafen" herausgegeben von Dr. M. Hirsehfeld, Leipzig 1S93 Bd. I, S. 142.


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— 9 —

Nach Havelock Ellis soll der zweite normannische

König von England, William Rufus (1087—1100)

„unzweifelhaft homosexuell" gewesen sein. 1 ) Welche

Beweise er dafür hat, sagt er nicht. Deshalb muss

die Behauptung mit Vorsicht aufgenommen werden. 2 )

Ein anderer der Homosexualität verdächtiger eng- lischer König war Eduard IL (1307—1327), der des vertrauten Umganges mit seinen Günstlingen, insbeson- dere mit dem Franzosen Gaveston beschuldigt wird. 8 ) €hristopher Marlowe hat in seinem berühmten Drama „The troublesome reign and lamentable death of Edward the Second" (London 1593) dieses Verhältnis dargestellt. In der That kann man sich aus der Lektüre des Dramas leicht überzeugen, dass der Dichter mit Bewusstsein den homosexuellen Charakter der Beziehungen zwischen dem König und Gaveston hervorgehoben hat. So lässt er letzteren 4 ) gleich am Anfange (Akt I, Szene 1) sagen:

Ja, London! Da bist des Verbannten Auge Was der erstandnen Seel T Elysium! Nicht, dass ich diese Stadt und Menschen liebte, Nur, weil sie ihn birgt, der so teuer mir — Den holden König! Lieg' ich ihm am Busen, So mag die ganze Welt mir feindlich sein!

aselbst spricht er von dem „weichen König" und terisiert seine Liebe zu schönen Knaben folgender-



i Havelock Ellis a. a. 0. S. 22.

-') Vielleicht finden sich nähere Angaben in dem Werke von man „The reign of William Rufos and the accession of ry 1". Oxford 1882, 2 Bände. ~ Tergl. Ellis a. a. 0. S. 22; W. P. Dodge „Piers Gare- Dndon 1898.

Die Citate sind der Uebersetzung des Dramas von Robert a in seinem „Altenglischen Theater" Leipzig (Bibliographisches dt) Bd. I S. 161—280 entnommen.


— 10 —

Musik und Poesie sind seine Lust.

Drum lall' ich nachts ihn ein mit welschen Masken,

Komödien, mit Gekos' und Mummenschanz,

Und tags, sobald er sich ergehet, sollen

Als Nymphen schmucke Pagen ihn zerstreu'n,

Aul grünem Plan, als Satyrn, meine Diener

Mit Bocksbeinsprttngen alte Tänze winden.

Hier soll ein schöner Knabe, dessen Haar

Vom Wasser, das er netzt, vergoldet scheint,

Dianen gleich in einem Springquell baden,

Um seine nackten Arme Perlenschnüre,

In Händen tändelnd einen Oelzweig, der

Reizvoll verbirgt, wonach das Auge lüstert.

Und Jsabella, die Gemahlin des Königs, klagt, dass der König ihr seine Liebe zu Gunsten des Gaveston ent- zogen habe (Akt I Scene 2):

Denn keinen Blick mehr hat mein Herr für mich,

Der ganz im Banne Gavestons nur lebt.

An seinem Halse hängt er, kost die Wang' ihm,

Lacht ihm in's Auge, flüstert ihm in's Ohr, —

Indessen mir sein Stirnerunzeln sagt:

Was willst du noch, du, neben Gaveston!

was Mortimer I. zu der Frage veranlasst:

Wie seltsam. Welcher Zauber that's ihm an?

Eduard selbst bekennt sich offen zu seiner schmählichen Liebe (Akt I Scene 5):

Wenn nur ein Winkel für mich übrig bleibt, Um meinen liebsten Gaveston zu herzen!

und hat sich während einer Trennung wie ein Mann

nach der Geliebten nach Gaveston gesehnt (Akt H Scene 2):

Denn wie dereinst die Freier Danae's, Als sie im eh'rnen Thurm gefangen sass, Nur mehr nach ihr verlangten, mehr sie liebten So gings auch mir! wie viel süsser ist Des Wiedersehens Glück, als meinem Herzen Das Scheiden bitter und bedrückend war.


— 11 —

Lancaster nennt zwar den Gaveston „sein (des- Königs) Mignon" (Akt I, Scene 5), was die Königin be- stätigt (ebendaselbst):

Denn nie hat Zeus auf Ganymed die Liebe, Wie er auf diesen Gaveston gehäuft.

Aber es geht aus anderen Aeussernngen der Königin (ebendaselbst) :

Ist's nicht genug den König zu verderben,

Indem du seiner Lüste Kuppler bist,

Mus8t du auch Schande häufen auf sein Weib?

deutlich hervor, dass Gaveston dem Könige auch andere männliche Geliebten zuführte, wie er denn selbst ebensowenig als der König als originär homosexuell geschildert wird. Wie der König vor der Entstehung seiner Leidenschaft für schöne Männer und Knaben sein Weib innig geliebt hat, so bestehen bei Gaveston heterosexuelle Neigungen fort. Marlowe hat sein Liebesverhältnis mit der Nichte des Königs (Akt II, Scene 1) ausführlich geschildert, und der König selbst will den Günstling mit ihr vermählen (Akt II, Scene 2). Es kann also aus des Dichters Schilderung keineswegs auf sogenannte „angeborene" Homosexualität bei Eduard II. geschlossen werden.

Dass Marlowe (1564 — 1593) selbst, wie Havelock Ellis annimmt, homosexuelle Neigungen hatte, ist uner- wiesen. Thatsache ist nur, dass er mit Vorliebe die Bordelle frequentierte und zahlreiche leidenschaftliche Liebesverhältnisse mit Weibern hatte 1 ), wie er dann auch zuletzt wegen einer Soldatendirne, der er nachstellte,


  • ) Pro 1 ss hat die sonstigen Schandthaten, die man Marlowe

zur Last legt, als Erfindung nachgewiesen (a. a. 0. S. 144 ff.)


— 12 —

-erstochen worden sein soll '). Das schliesst natürlich nicht -aus, dass er gelegentlich auch der gleichgeschlechtlichen Liebe gefröhnt hat

Mit anscheinend grösserem Rechte stand vor Marlowe ein anderer englischer Dichter des 16. Jahr- hunderts in dem Rufe, homosexuellen Neigungen zu huldigen. Es ist dies Nicholas Udall (f 1557), der Verfasser der ersten englischen Komödie „Ralph Royster Doyster." In dem ihm gewidmeten Artikel des „Dictionary of National Biography" wird mitgeteilt, dass er als Lehrer in Eton wegen seiner Vorliebe für die Austeilung von körperlichen Züchtigungen an die Knaben berüchtigt war. Tu ss er berichtet, dass er einst von Udall 53 Hiebe wegen eines geringen oder gar keinen Ver- gehens bekam. Es handelte sich dabei wohl um mit "Sadismus verknüpfte Homosexualität. Denn im Jahre 1541 wurde Udall wegen widernatürlicher Unzucht •angeklagt und bekannte seine Schuld vor Gericht. Er wurde aus Eton entfernt und kurze Zeit eingekerkert. Diese Affäre scheint seinen Ruf nicht wesentlich beein- trächtigt zu haben, denn er erhielt später die Vikar- stelle in Braintree und stand bei Eduard VI. und der Königin Maria in hoher Gunst. Ersterer verlieh ihm eine Präbende in Windsor, letztere ernannte ihn zum Direktor von Westminster School.*)

Nach Ellis soll auch Richard Barnfield, ein Lyriker zur Zeit der Elisabeth, in seinen Gedichten leidenschaftliche homosexuelle Neigungen kundgegeben haben, so dass der Inhalt dieser an seine Freunde


') Vergl. H. Taine „Geschichte der englischen Litteratur" JLeipzig 1878, Bd. I S. 878.

•) Vergl. H. Ellis a. a. 0. S. 28.


■^


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gerichteten Lieder selbst bei toleranten Zeitgenossen- Anstoss erregte. Barnfield, der ein Gutsbesitzer in Shropshire war, starb anscheinend als Hagestolz. 1 )

Unter den homosexuellen Persönlichkeiten dea 17. Jahrhunderts wird besonders König Jakob 1 (1603 — 1625) genannt, auf den der Spruch geprägt wurde; „Bex fuit Elisabeth, nunc est regina Jacobus" *), und den Havelock Ellis als einen unzweifelhaften Urning bezeichnet 8 ). Nach Becker's und Weber'a Angaben in ihren Werken über Weltgeschichte soll Jakob stets ein ausserordentliches Wohlgefallen an schönen jungen Männer gefunden und seine Günstlinge nach dieser Richtung ausgewählt haben 4 ). Auf die Homosexualität Jakobs I spielt H. A Schaufert in seinem Lustspiel „Schach dem König" (Wien 1869) an r in welchem geschildert wird, wie der König sich durch die Schönheit eines als Jüngling verkleideten Mädchens bestechen lässt

In einer höchst seltenen englischen Schrift aus dem Jahre 1643, die auf Veranlassung des Parlamentes ver- öffentlicht wurde und die Laster verschiedener Priester brandmarken sollte, wird unter No. 94 gegen John Wilson, Vikar in Arlington (Sussex) die Beschuldigung erhoben, dass er „in der tierischesten Weise mehrere Male den Versuch machte, mit Nathaniel Browne,. Samuel Andrews und Robert Williams, Angehörigen seines Kirchspiels, Päderastie zu treiben und durch


s ) VergL H. Ellis a. a. 0. S. 28.

  • ) Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Leipzig 1900 Bd. ü r

'») H. Ellis a. a. 0. S. 22.

  • ) VergL Moll „Konträre Sexualempfindung - . 3. Auflage.

8. 112— 118.


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Ueberredong und Gewalt sie tu dieser abscheulichen Sünde verleitete, damit, wie er sich nicht schämte zu gestehen, sie seine 18 vollmachten. Auch habe er er- ldärt, dass er lieber den Akt mit Männern als mit Weibern ausübe, um die Schande und Gefahren zu ver- meiden, die oft aus der Erzeugung von Bastarden ent- sprängen. Ferner habe er den Versuch der Sodomie mit einer Stute gemacht und öffentlich be- behauptet, dass Päderastie keine Sünde sei." 1 )

Die Zeit der Restauration, deren Ausschweifungen auf geschlechtlichem Gebiete ich im zweiten Bande dieses Werkes (S. 1 — 87) geschildet habe, musste eben vermöge dieser Zügellosigkeit in sexueller Beziehung auch -der Ausbreitung der Päderastie sehr günstig sein. Wir erfahren denn auch aus zahlreichen Anspielungen aus der zeitgenössischen Litteratur, wie gross die Frequeuz päde- rastischer Verhältnisse unter Karl II. war. Vor allem hat Rocfrester mit seinem berüchtigten Päderasten- Drama „Sodom", welchem weiter unten (in Kapitel 10) ^ine ausführliche Besprechung gewidmet wird, eine furchtbare Satire auf das wirkliche Treiben der Päderasten zu seiner Zeit geliefert, die bezeichnender Weise den homosexuellen Geschlechtsakt als ein neues Raffinement gegenüber den bis zum Ueberdrusse genossenen hetero- sexuellen Liebesfreuden auffasst.

Die Zahl der Homosexuellen hatte sich in der zweiten


') „The First Century of Scandalous, Malignant Priests etc.", London 1643. Vergl. Pisanus Fraxi „Centuria librorum abscon- ■ditorum" London 1879 S. 40—41. — Am 6. Dezember 1640 wurde Atherthon, Bischof von Waterford, in Dublin wegen Päderastie hingerichtet. Vergl. „The Crimes of the Clergy etc. with an Appendix, entitled the Scourge of Ireland", London 1823 S. 25. Dasselbe Schicksal traf 1640 den Päderasten J. Childe, ibidem.


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Hälfte des 17. Jahrhunderts so sehr vermehrt, dass sie sich sogar zu eigenen Klubs vereinigen konnten. Jeden- falls ist der erste dieser Klubs am Ende des 17. Jahr- hunderts nachweisbar. Er hiess: „The Mollies Club" Edward Ward berichtet darüber in seiner 1709 er- schienenen Geschichte der Londoner Klubs: „Es giebt eine besondere Rotte von Kerlen in der Stadt, die sich „Mollies" (Effeminati, Weichlinge) nennen und die so sehr alles männlichen Betragens bar und aller männ- lichen Kraft beraubt sind, dass sie sich lieber fUr Weiber halten und alle kleinen Eitelkeiten nachahmen, welche die Sitte dem weiblichen Geschlecht beilegt, indem sie ganz nach Art der Weiber sprechen, gehen, schwatzen, schreien, schelten und sonst weibliches Gebahren nach- äffen. In einer gewissen Taverne der City, deren Ab- zeichen ich nicht nennen will, weil ich kein Odium auf das Haus laden möchte, haben sie feste und beständige Zusammenkünfte. Sobald sie dort zusammengekommen sind, ergehen sie sich gewöhnlich in echt weiblichem Geschwätz und veranstalten all den impertinenten Klatsch (Tittle Tattle), wie ihn eine lustige Gesellschaft echter Frauen liebt. Darauf verkleideten sie einen ihrer Brüder oder vielmehr „Schwestern" (nach ihrem weib- lichen Jargon), indem sie ihm ein Nachtgewand anlegte* und eine Taffet-Haube aufsetzten, damit er eine Frau darstelle und ein (zu diesem Zwecke vorhandenes künst- liches) Kind gebäre, das nachher getauft wurde, während ein zweiter Mann mit einem grossen Hute als Land- hebamme, ein dritter als Amme fungierte und alle übrigen die unziemlichen Gäste einer Taufe bildeten. Jeder musste zur weiteren Förderung des unanständigen Vergnügens von einem „Gatten" und Kindern reden und


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die Tugenden der ersteren und das Talent der letzteren rühmen, oder auch als „Witwe" seiner Trauer über den Verlust des Gatten Ausdruck geben. So äfft Jeder in seiner Weise die kleinen Schwachheiten der Weiber nach, die beim Kaffee schwatzen, um dadurch die natür- lichen Neigungen (des Mannes) zum schönen Geschlecht zu ersticken und die Begierde auf unnatürliche Befleckung zu lenken. Sie setzten diese Praktiken fort, bis sie von einigen Agenten der Reformgesellschaft entdeckt und aus ihrem Schlupfwinkel vertrieben wurden r so dass mehrere von ihnen öffentlich bestraft wurden, was glücklicher Weise ihren skandalösen Orgien ein Ende machte. ul )

Die mit der Restauration beginnende Ausbreitung der Päderastie hielt auch im 18. Jahrhundert an, wo sie durch einige Ausartungen der Mode besonders begünstigt wurde. Der Kulturhistoriker darf die durch Mode und Sitte gegebenen Ursachen der Depravation nicht ver- nachlässigen, und muss jene verhängnisvolle Wechsel- wirkung zwischen jener und dem Geschlechtsleben deutlich hervorheben. Wie die Mode einen sexuellen Ursprung hat, so wirkt sie ihrerseits auch wieder auf die geschlechtlichen Verhältnisse ihrer Zeit zurück, um ihnen den ihr eigentümlichen Charakter aufzuprägen.

In Band II (S. 245—247) ist bereits die Ver- weichlichung und Effemination der Männer durch die Mode des 18. Jahrhunderts geschildert worden. Es ist sehr bezeichnend, dass in einer gegen die Päderastie gerichteten Schrift jener Zeit dieser weibische Luxus in


') „The History of the London Clubs etc. By the Author of the London Spy, Printed by J. Detton, Near Fleet Street 1709" Neudruck, London o. J. S. 28—29.


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der Kleidung als eine Ursache der Neigung zur wider- natürlichen Unzucht gegeisselt wird. Der Verfasser sagt : „Ich bekenne, dass kein Zeitalter etwas so Perverses hervorbringen kann, wie es die gegenwärtige Kleidung der Männer ist, die sich „pretty Fellows" nennen. Ihre Haartracht insbesondere bedarf nur noch einer Reihe von Nadeln, um sie völlig zu Weibern zu machen. Das läsät sich leicht erklären, da sie so sanft als möglich vor einander zu erscheinen pflegen, und alle Männlichkeit diesem unnatürlichen Betragen diametral entgegengesetzt ist Daher können sie gar nicht genug die Kleidung des Geschlechts, welches sie darstellen, nachahmen. Durch alles dies ist die gegenwärtige Tracht unserer jungen Herren höchst gemein und unziemlich. Es ist schwer, bei der heutigen Kleidung einen Gentleman von einem Bedienten zu unterscheiden. Der Schuh mit dem niedrigen Absätze ist ein Emblem ihres niedrigen Geistes; die grosse Schnalle darauf ist die Höhe der Affektation- Die silberfarbige, ganz mit Spitzen besetzte Weste mit einem gewöhnlichen blauen Rock wie eine Livree, hat etwas so ärmlich Perverses, dass es mich geradezu em- pört Ich schäme mich, wenn ich sie den laufenden Bedienten nachäffen sehe, beschwert mit einem grossen eichenen Stocke, der sich eher für einen Gerichts- diener als für einen Gentleman eignet Aber das Un- erträglichste ist das vorn in die Höhe gestrichene und hinten zusammengelegte Haar mit einem Kamm darin, als wenn es gerade eine Coiffüre empfangen sollte. Ja, man hat mir erzählt, dass einige unserer „Tip top Beaus" gefältelte Hauben auf dem Kopf tragen, um ihn noch weiberähnlicher zu machen, so dass „Master Molly" weiter nichts zu thun braucht, als in seine Haube zu

Dühren, das Geschlechtsleben in England. *** 2


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schlüpfen, um als fahrendes Weib zu gelten, abgesehen von seinem klaglichen Gesicht Aber selbst dieses kann durch Schminke verbessert werden, welch letztere jetzt ebenso sehr von unseren Herrchen gebraucht wird, wie von den Damen in Frankreich.

Es giebt nichts Amüsanteres als ihre neumodischen Scherzhüte (Joke Hats), die lächerlich geckenhaft sind. Aber sie im Ball- oder Gesellschaftskostüm, nämlich in einem verschiedenfarbigen seidenen Bock zu sehen, steigert meine Aversion zu ihrer vollen Höhe. Sie sollten lieber gleich ein Frauenkleid und einen Unterrock an- ziehen, als die Sache so klein zu hacken oder nur zur Hälfte auszuführen."

Dann geisselt der Verfasser die damals sehr ver- breitete Unsitte, dass die Männer sich unter ein- ander küssen, welcher er mit Recht eine ursächliche Bedeutung für die Entstehung homosexueller Neigungen beimisst

„Von allen Gebräuchen, welche die Effemination mit sich gebracht hat, ist keiner hassenswerter, vorherrschen- der und verderblicher als das Küssen der Männer unter einander. Diese Mode wurde von Italien, der Mutter und Pflegerin der Päderastie herüber- gebracht, wo der Herr öfter mit seinem Pagen ein Liebesverhältnis anknüpft als mit einer schönen Dame. Und nicht nur in jenem Lande, sondern auch in Frank- reich, welches ersteres nachahmt, ist die Pest verbreitet, und die Frauen in den Klöstern entbrennen in ver- brecherischer Liebe zu einander, auf eine für die Be- schreibung zu unanständige Weise. Ich muss insoweit die Partei meiner eigenen Landsmänninnen ergreifen, dass ich behaupte oder wenigstens die Hoffnung aus-


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spreche, dass sie von dieser Beschuldigung' nicht getroffen werden. Aber ich mnss gestehen, dass ich im höchsten Grade entsetzt bin, wenn ich zwei Damen sich zn ein* ander neigen und in einer lasciven Weise wiederholt einander küssen sehe. Doch immer noch nicht so ent- setzt, als wenn ich zwei widrige Barschen jedes Mal, wenn sie sich treffen, einander begeifern, sich die Hand drücken und andere indecente Liebkosungen sich geben sehe. Und obgleich viele würdige Gentlemennnr der Sitte wegen dies ebenfalls thun müssen, wird doch das Land nicht eher von jenen Schändlichkeiten befreit werden, als bis dieser unmännliche, unnatürliche Gebrauch beseitigt worden ist. Denn er ist der erste Einlass (inlet) zu der abscheulichen Sünde der Päderastie. — Unter diesem Vorwande machen feile Catamiten ihre perversen Anerbietungen sogar auf offener Strasse. Auch giebt es nichts Abstossenderes als den Anblick eines Paares von Männern, welche sich küssen und begeifern in dem Grade, wie täglich auf unserem volkreichsten Plätzen geschieht und natürlich ohne dass man ihnen einen Vorwurf daraus machen kann, da sie ja die Entschuldigung dafür haben: Das ist jetzt Mode! Verfluchte Model Von Italien mit anderen widernatür- lichen Lastern herübergebracht. Haben wir nicht genug eigene Sünden, um sie auch noch durch diejenigen fremder Völker zu vermehren und so das Mass unserer Schändlichkeiten voll und uns noch mehr für das gött- liche Gericht reif zu machen?" 1 )

x ) Satan's Harvest Home, or the Present State of Whorecraft, Adultery, Fornication, Procuring, Pimping, Sodomy, and the Game at Flatts, and other Satanic Works, daily propagated in this good Protestant Kingdom. Collected from the Memoirs of an intimate Comrade of the Hon. Jack S . . n . . r etc. London 1749 S. 50 ff.

2*


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Sehr richtig wird in dieser bemerkenswerten Schil- derung die Effemination der Männer und ihr Küssen untereinander, wie es die Mode Vorschrieb, nicht etwa als ein generelles Symptom der Homosexualität äufge- f asst, so dass man z. B. aus dem Nachweise, dass irgend eine Persönlichkeit diese Mode mitgemacht hat, einen bändigen Schluss auf deren homosexuelles Empfinden ziehen könnte, was ausdrücklich zurückgewiesen wird, sondern es wird nur die Begünstigung der Verbreitung gleichgeschlechtlicher Neigungen durch jene Unsitte be- tont. Nur unter diesem Gesichtspunkte kann letztere als ein Massstab für das Vorhandensein urnischer Liebe in einer bestimmten Zeit betrachtet werden. Es geht also nicht an — wie man dies vielfach in den Schriften Homosexueller findet — die einfache Thatsache, dass Männer in weibischer Kleidung erscheinen oder sich küssen, als Symptom ihrer Homosexualität hinzustellen. Wohl aber begünstigt eine solche Mode die Entwickelung derartiger Neigungen und gestattet vor allem den bereits vorher urnischen Individuen, ihre Gefühle auch ungeniert und straflos öffentlich zu bethätigen.

Jedenfalls muss die innige Begrüssungsart der Männer solche unangenehmen Folgen gehabt haben. Denn schon am Ende des 18. Jahrhunderts war sie nicht mehr ge- bräuchlich. A. v. Schütz bemerkt: „Nur unter Manns- personen ist die Umarmung nicht im Gebrauch, und man würde sich dadurch dem Gelächter aussetzen, da man ausser einer Verbeugung und Händedruck keine andern Höflichkeits- und Freundschaftsbezeugungen kennt" *) Nach Bornemann wurde am Anfange des 19. Jahr-


  • ) v. Schütz „Briefe über London" S. 122.


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hunderte jener Zusammenhang zwischen Küssen und Homosexualität deutlich erkannt „Der Freundschafts- kuss unter Männern wird, als hinneigend zu in England äusserst verabscheueten Sünden, durchaus vermieden." 1 ) Als Amirau in „London wie es ist" den Doktor mit Umarmung und Euss begrüssen will, hielt jener ihn sanft zurück und begnügte sich, ihm die Hand zu reichen und kräftig zu schütteln. „Ich bitte, Freund", sprach er ruhig, „gewöhne Dir ab, Deines gleichen zu küssen. In England ist nicht Sitte, dass sich die Männer küssen. Das gebürt nur den Weibern.'* 2 )

Die Ausbreitung der Päderastie im 18. Jahrhundert dürfte mit jener Unsitte in einem nicht zufälligen Zu- sammenhang stehen. Sie bekundet sich in der Ein- richtung von veritablen Knabenbordellen und der Existenz mehrerer geheimer paederastischer Klubs.

Aus den Prozessberichten des Gerichtshofes Old Bailey, namentlich der Jahre 1720 bis 1730, ergiebt sich, dass es eigene Bordelle für Päderasten gab, in denen Knaben sich ihren männlichen Liebhabern pro- stituierten. Darüber finden sich merkwürdige Einzel- heiten in einer wahrscheinlich in Paris gedruckten seltenen Schrift „A Free Examination into the Penal


') W. Bornemann „Einblicke in England und London im Jahre 1818" Berlin 1819 S. 179.

9 ) „London wie es ist u. s. w. Von Santo Domingo". Leipzig 1826 S. 15. — Thackeray bemerkt: „In Sbadwell, Higgons, Congreve und den komischen Dichtern ihrer Zeit, (allen die Gentlemen, begegnen sie sich, einander in die Arme: „hör* Jack, ich muss Dich herzen" heisst es: „Bei Gott, George, Harry, ich muss Dich küssen, mein Junge! Und in ähnlicher Weise begrttssten die Dichter ihre Brüder. Man küsst sich nicht mehr unter den literarischen Herren, ich bezweifle, ob man sich mehr liebt" England's Humoristen, Hamburg 1854, S. 79.


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Statutes, XXV Henr. VIII, cap. 6. and V Eliz., c. 17., addrest to Both Houses of Parliament by A. Pilgrim. London 1833".»)

Ueber geheime päderastische Klubs berichten mehrere Schriftsteller des 18. Jahrhunderts. So erzählt uns Arche nholtz 8 ) die Geschichte eines solchen, der sich in einem Wirtshause nahe dem Cläre Market in London zu versammeln pflegte.

„Im Oktober 1794 erhielt das Polizeigericht der Strasse Bowstreet zu London einen anonymen Brief, in welchem gemeldet wurde, dass jeden Montag Abend sich ein Klub yon Männern zu den abscheulichsten und widernatürlichsten Zwecken versammle, und dass dieser Klub in einem Wirtshaus, die Traube genannt, nahe bei Cläre Market gehalten werde. Ferner ward gemeldet, dass die Mitglieder dieses Klubs fast alle Diebe und falsche Münzer wären.

Die Mitglieder des Polizeigerichts hielten es für Pflicht, die Wahrheit dieser Angabe zu untersuchen. Sie sandten daher zwei Polizeirichter an dem nächst- folgenden Montag nach diesem Hause, mit dem Auftrage, sich unter die Mitglieder des Klubs zu mischen,

Diese kamen dahin, blieben eine Zeit lang da und sahen den Abscheulichkeiten zu, welche vor ihren Augen vorgingen.

Eierauf sandte der Polizeirichter Bond an dem mächstfolgenden Montage die Polizeiwache nach dieser Versammlung. Diese sprengte die Thflr auf, besetzte


J ) Pißanus Fraxi „Index librorum prohibitoxum" Londom 1877 S. XXXIV.

  • ) „Originalztige aus dem Charakter englischer Sonderlinge"

Leipzig 1796 S. 158—160 (nach Archenholta).


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Fenster und Thfire, um das Entwischen dieser Unmenschen zu verhüten und bemächtigte sich derselben.

Beim Eintritt der Wache in das Zimmer fand die- selbe zwei Kerls in Weiberkleidern, mit Muffen und breiten Schawls, mit Weiberhauben nach der neuesten Mode in Form eines Turbans, mit seidenen Schürzen u. s. w- bekleidet Beide waren weiss und rot geschminkt und tanzten zusammen ein Menuett in der Mitte des Saales, während die übrigen in den unanständigsten Stellungen rund herum an der Wand sich befanden.

Alle, 18 an der Zahl, wurden in Verhaft genommen und am folgenden Morgen in den Weiberkleidern, in denen man sie gefunden hatte, vor das Polizeigericht gebracht und ausgefragt Es fand sich, dass ein jeder dieser Männer in dem Klub einen Weibernamen hatte, unter welchem er den übrigen Mitgliedern dieser schänd- lichen Gesellschaft bekannt war, z. B. Lady Golding, Gräfin Papillon, Miss Fanny u. s. w.

Es versammelte sich vor dem Hause des Polizei- richters eine ausserordentliche Menge Volks, welches die Gefangenen zu ermorden drohte. Die Gefangenen wurden je zwei und zwei aneinander gefesselt, und alle miteinander an einer Kette befestigt So führte man sie nach dem Gefängnisse unter Begleitung einer starken Wache von Soldaten, welche die Gefangenen vor der Wut des Pöbels schützen sollte. Indess war sie doch nicht vermögend, diesen zu hindern, dass er nicht Steine und Kot auf dem ganzen Wege nach den Verbrechern warf."

Ein anderer Urningsklub hielt um 1785 in Clements- lane nahe der Kirche im Strand seine Zusammenkünfte ab. Obgleich auch hier die schlimmsten geschlechtlichen Ausschweifungen vorkamen, war doch bei der Entdeckung


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ein sehr komisches Moment wirksam, welches mehr die Heiterkeit als die Wut des Pöbels erweckte. Man be- traf die Päderasten nämlich gerade dabei, wie sie ihren im Kindbett liegenden „Weibern" zu essen gaben, während die neugeborenen Kinder durch grosse Puppen dargestellt wurden ! Die männlichen Wöchnerinnen spielten ihre Rolle so gut, dass eine derselben in ihrem wahren Charakter dem Scharfblicke der Polizei verborgen blieb und als Frau entlassen wurde. 1 )

Zur selben Zeit existierte in der Stadt Exeter eine päderastische Vereinigung, welcher Männer von Rang und Besitz angehörten. Auch sie wurden bei ihren Orgien entdeckt, und es wurde gegen fünfzehn Mitglieder der Prozess eingeleitet, der freilich mit ihrer Freisprechung endete. Jedoch war die erbitterte Volksmenge so sehr von ihrer Schuld überzeugt, dass sie ohne Respekt vor ihrem Range die einzelnen in effigie verbrannte. 2 )

Einen dritten Beweis für die grosse Verbreitung der Päderastie im 18. Jahrhundert liefern die zahlreichen Prozesse gegen Päderasten. In „Satans Harvest Home" heisst es: „Früher war die Päderastie ein unserem Volke fast unbekanntes Laster. Und in der That sollte man glauben, dass da, wo es so engelhaft schöne Frauen giebt, eine so hässliche Verirrung niemals sich der Phantasie aufdrängen könnte. Jetzt dagegen sind unsere Gerichtszeitungen häufig mit den Verbrechen dieser tierischen Individuen angefüllt, und obgleich viele Exempel statuirt worden sind, haben wir allen Grund zu der Befürchtung, dass noch mehr unentdeckt ge- blieben sind und dass dieses abscheuliche Laster von


  • ) The Phoenix of Sodom etc." London 1818 S. 27.

•) Ibidem.


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Tag zu Tag mehr Wurzel fasst" Die grosse Mehrzahl der gerichtlichen Prozesse richtete sich gegen Personen der niederen Volksklassen, was wohl aus der geringeren Vorsicht, mit welcher diese zo Werke gingen, sich er- klären lässt. Jetzt mussten auch wiederholt Männer von höherem Range sich wegen Päderastie vor Gericht verantworten. Relativ häufig endete die Verhandlung mangels genauer Beweise mit Freisprechung.

Den Verlauf eines solchen Päderasten-Prozesses schildert uns Archenholtz: „Zwei Engländer, Leith und Drew, wurden der Päderastie angeklagt, oder wie es nach dem englischen Formular hiess: „des abscheu- lichen, verfluchten Verbrechens, das unter Christen nicht genannt werden kann." Die Richter waren so behutsam bei der, delikaten Sache, die zufolge der Gerichtsordnung durch deutliche umständliche Erklärungen erörtert werden muss, alle Frauenzimmer sowie alle Jünglinge aus dem Gerichtshof zu entfernen. Die Beweise der Kläger waren wie bei solchen Scenen gewöhnlich, sehr unvoll- kommen; die Verklagten hingegen leugneten die That und stellten Zeugen auf, die ihre Neigung gegen das weibliche Geschlecht beschworen. Sie wurden nun als unschuldig freigelassen." 1 )

Bekannte Prozesse dieser Art waren die gegen Briggs und Bacon im Jahre 1790 2 ), gegen den Schau- spieler Samuel Foote 8 ) den wir bezeichnender Weise früher als Liebhaber des schönen Geschlechts und -eifrigen Bordellbesucher kennen gelernt haben 4 ), gegen

  • ) J. W. v. Archenholtz „Brittische Annalen" Bd. III

S. 13 (Jahr 1789).

  • ) ibidem, Bd. V. S. 150.

») Archenholtz „England und Italien 14 , Bd. II, S. 268.

  • ) Vergl. Bd. II dieses Werkes S. 182-183.


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Lehrer an den Colleges wegen päderastischer Angriffe anf ihre Schüler wie z. B. gegen den Reverend Dr. Thistlethwayte und Mr. Swinton vom Wadham College in Oxford 1 ), endlich gegen andere gesellschaft- lich hochstehende Persönlichkeiten wie Mr. Beckford, Richard Heber, Grey Bennet, Jocelyn, Bischof von Clogher, Bankes und Baring Wall. 2 )

In Mrs. Manley's „Atalantis" (S. 723) wird Sir William Cowper als Päderast bezeichnet, in der Schrift „The Crimes of the Clergy" (London 1823) werden Lord Conrtney (S. 230), der nach Frankreich floh, John Fenwick, Vikar von Bryall in Northumber- land (S. 8), der 1797 nach Neapel floh, der Methodisten- prediger John Holland alias Dr. Sannders (S. 124), der Earl of Leicester (S. 230), Sandelands, Rektor von Five Fields Chapel, Chelsea (S. 223), Kapitän Sawyer, der wegen „indecenter Vertraulichkeiten mit Männern" verurteilt wurde, n. A. als Päderasten genannt.


Die Geschichte der Päderastie in England im 19. Jahrhundert beginnt mit der Entdeckung der be- rüchtigten „Vere Street Coterie", die im ersten Decen- nium des Jahrhunderts in einem Gasthause der Vere Street bei Cläre Market in London ihr Unwesen trieb, wie denn die Gegend des Cläre Market hauptsächlich


') Darüber berichtet die Schrift „A. Faithful Narrative of the Proceedings in a late Affair between the Rev. Mr. John Swinton r and Hr. George Baker etc. To which iss prefix'd, A. Particular Account of the Proceedings against Robert Thistlethwayte, Late Doctor of Diyinity etc. for a eodomitical attempt upon Mr. W. French, Commoner of the same College.* 1 London 1739, 8°, 32 S»

  • ) P. Fraxi „Index" S. 340.


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von solchen päderastischen Vereinigungen bevorzugt worden zu sein scheint. 1 )

Ein ausführlicher Bericht aber den Päderastenklub der Vere Street findet sich in folgendem seltenen Buche, von welchem ein Exemplar im Britischen Museum vor- handen ist:

„The Phoenix of Sodom, or the Vere Street Coterie. Being an Exhibition of the Gambols Practised by the Ancient Lechers of Sodom and Gomorrah, em- bellished and improved with the Modern Refinements in Sodomitical Practices, by the members of the Vere Street Coterie, of detestable memory. Sold by J. C o o k, at *) And to be had at all the Bookseilers,

1813. Holloway, Printer, Artilleiy Lane, Tooley Street" (gr. 8°, 71 Seiten).

Diese Schrift wurde von einem Advokaten Holloway (wohnhaft 6, Richmond Buildings, Soho) verfasst, wahr- scheinlich einem Verwandten des Druckers. Sie ist zum Nutzen und zur Verteidigung von James Cook,. dem Besitzer des Gasthaus zum Weissen Schwan in Vere Street, Cläre Market verfasst, wo der Päderasten- klub sich versammelte. Cook war, während er im Newgate- Gefängnis sass, von einem Anwalt Wooley unter dem Vorwande, ihn „durchzubringen", arg geschröpft worden und hatte auch in anderer Beziehung, wie Holloway meinte, als Sündenbock dienen müssen. Es scheint,, dass Cook des Hauptverbrechens nicht schuldig war nnd sein Vergehen sich darauf beschränkte, sein Hau»


s ) Baker („Stories of the Streetß of London", London 1889 8. 154) nennt den Cläre Market „the once notorious haunt of vice."

  • ) Hier scheint eine Stelle für Cook's genauere Adresse frei-

gelassen worden zu sein, die er vieUeicht selbst ausfüllen sollte.


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für diesen Zweck hergegeben zu haben. In der Hoffnung auf Milderung der Strafe erbot er sich zur Angabe der Namen der vornehmen und reichen Besucher seines Hauses. Aber das erbitterte die Richter noch mehr, und er wurde sogleich zum Pranger verurtheilt Wären Cook's Enthüllungen zugelassen worden, so würden ohne Zweifel viele Männer von Rang compromittiert worden sein. Denn „selbst Männer im Priesterrock sind von der Kanzel zu der Kloake der Infamie in der Vere Street und anderen Orten ähnlichen Lasters herabgestiegen." *)

Einrichtung und Treiben in dem Lokal des Vere Street -Klubs werden von dem Verfasser der oben- genannten Schrift folgendermassen geschildert:

„Das in Frage stehende berüchtigte Haus war in «iner für die Zwecke, denen es diente, höchst geeigneten Weise eingerichtet Ein Zimmer war mit vier Betten versehen ; ein anderes war als Damenankleidezimmer ein- gerichtet, mit einem Toilettentisch und jedem Zubehör, wie Schminke u. s. w. Ein drittes Zimmer hiess die Kapelle, wo die Trauungen stattfanden, bisweilen zwischen «in „weiblichen" Grenadier von sechs Fuss Höhe und einem „petit maitre," der noch nicht halb so gross war wie seine „geliebte Frau!" Diese Hochzeiten wurden mit allem falschen Schein von Brautjungfern und Braut* führern gefeiert, und die „Brautnacht" wurde oft von zwei, drei oder vier Paaren in demselben Zimmer und vor den Augen der anderen absolviert. So unglaublich diese Thatsacbe erscheint, kann sich doch der Leser auf ihre Richtigkeit verlassen. — Der obere Teil des


  • „The Phoenix of Sodom etc." S. 27.


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Hauses war für die Kerle bestimmt, welche beständig* für gelegentliche Besucher zur Verfügung standen, welche alle Anlockungen, die in einem Bordelle von weiblichen Prostituierten aufgeboten werden, in Anwendung brachten,, wobei der einzige Unterschied in dem Mangel an Decenz bestand, der zwischen den verworfenen Männern und verderbten Weibern zu Tage tritt. — Man konnte Männer vornehmen Standes und angesehener Berufe mit Burschen niederster Sorte in oder supra lectum sehen. Aber die Vollziehung eines solchen abscheulichen Aktes war dennoch bei weitem erträglicher als die höchst wider- wärtige Unterhaltung, welche denselben begleitete und die, wie Cook uns erklärt, zum Teil so obscön war, dass er sie weder schriftlich noch mündlich wiedergeben könne. Es scheint, dass viele dieser Burschen ver- heiratet sind und dass sie oft, wenn sie zusammen sind, ihre Frauen, die sie „Tommies" nennen, lächerlich machen und sich rühmen, sie zu Akten gezwungen zu haben, die zu ekelhaft sind, um sie zu nennen. Ein Beispiel muss ich anfahren, weil die Geschichte unseres Landes einen Präcedenzfall kennt, der einen Peer des Reiches und seine infame Genossin an den Galgen brachte. Ich meine Lord Audley's Fall, der der Vergewaltigung und des päderastischen Missbrauches seines eigenen Weibes überführt wurde. *) Der Fall, den ich berichte, wurde in Vere Street von dem Gatten selbst vielen der Besucher erzählt, wobei die Genossin seiner Schuld gegen- wärtig war und sich an der Erzählung beteiligte, als ob es ein verdienstlicher Akt gewesen wäre. Dieses unglückliche Weib war so tief gesunken, dass sie häufig


  • ) Vergl. über diesen Fall Bd. I dieses Werkes S. 174—175*


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sich diesem Akte als einem durchaus zulässigen unter- warf! Der elende Bursche, von dem hier die Bede ist, ist einer von den drei Verworfenen, die in demselben Hause der City zusammen wohnen. Einer von ihnen ist unter dem Beinamen „Venus" bekannt

Die Mehrzahl dieser Reptile scheint fictive Namen anzunehmen, obgleich dieselben meist wenig zu ihrem Berufe passen. Zum Beispiel ist „Kitty Cambric" ein Kohlenhändler, „Miss Seiina" ein Bote bei einem Polizei- bfireau, die „schwarzäugige Leonore" ein Trommler, die „hübsche Harriet" ein Schlachter, „Lady Godina" ein Kellner, die „Herzogin von Gloucester" der Bediente eines Gentleman, die „Herzogin von Devonshire" ein Grobschmied und „Miss Süsslippe" ein Landkrämer. — Es ist eine allgemein verbreitete und sehr natürliche Ansicht, dass diese Leidenschaft vorherrschend effeminierte Individuen zum Gegenstande hat. Aber dies scheint nach Cook's Bericht eine falsche Annahme zu sein und das Gegenteil liegt in vielen Fällen so greifbar am Tage, ' dass Fanny Murray 1 ), Lucy Cooper*) und Kitty Fisher 8 ) jetzt von einem athletischen Bootsmann, von einem herkulischen Kohlenträger und einem tauben Schmied dargestellt werden. Das letztere dieser Unge- heuer hat zwei Söhne, beide sehr schöne junge Männer, die, wie er sich rühmt, völlig so verderbt sind wie er selbst.

Das ist nur ein Teil des gewöhnlichen Bestandes des Hauses. Aber die gelegentlichen Besucher waren

  • ) Vergl. über diese berühmte Hetäre Bd. IL dieses Werkes

S. 145.

  • ) Vergl. ebendaselbst S. 146.

•) Ebendaselbst S. 148.


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zahlreicher und, wenn möglich, noch lasterhafter, weil sie eine höhere Stellung im Leben einnahmen. Und „diese Damen" haben, wie die wirklichen Damen, ihre Lieblingsmänner. Einer von diesen war White, ein Trommler der Garde, der vor einiger Zeit wegen eines verabschennngswfirdigen Verbrechens mit einem Fähnrich Hebden hingerichtet wurde. 1 ) White war als all- gemeiner Liebling sehr bewandert in den Geheimnissen der fashionablen Mitglieder des Klubs, aber welche er unmittelbar vor seiner Hinrichtung einen sehr ausführ- lichen schriftlichen Bericht erstattete, dessen Wahrheit er bis zu seinen letzten Augenblicken behauptete. Aber es ist unmöglich, denselben wirklich wiederzugeben, denn die Person, welche denselben in Gegenwart eines richter- lichen Beamten aufnahm, sagte, dass die Erzählung ihn so krank machte, dass er nicht habe weiterschreiben können." 2 ) Cook erzählt ferner, dass ein Gentleman ans einem respektablen Hause der City häufig zu einem Gasthaus-Bordell kam und mehrere Tage und Nächte dort blieb, während welcher Zeit er sich gewöhnlich mit acht, zehn und bisweilen einem Dutzend verschiedener Knaben und Männer vergnügte! 8 )

Der Sonntag war der grosse, allgemeine Tag der Rendez- vous, zu welchem viele Teilnehmer oft aus grosser Ent- fernung, bis zu 30 Meilen von London, herreisten, um an der Festlichkeit und den eleganten Vergnügungen


  • ) Der Fähnrich John Newball Hepburn, nicht

„Hebden", und Thomas White würfen im Dezember 1810 in Old Bailey eines am 27. Mai desselben Jahres begangenen un- natürlichen Verbrechens überführt, schuldig befunden und beide zum Tode verurteilt.

■) „The Phoenix of Sodom" S. 10-14.

  • ) ibidem S. 17.


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mit Grenadieren, Bedienten, Kellnern, Trommlern und der ganzen Brnt der Catainiten in menschlicher Ge- stalt vom Kehricht von Sodom bis zum Unrat von Go- morrah, teilzunehmen. 1 )

Pisanus Fraxi teilt nach einer Tageszeitung aus jener Zeit die näheren Einzelheiten der Entdeckung jenes Päderastenklubs und der Verhaftung seiner Mit- glieder mit. 9 ) Die Existenz einer solchen Vereinigung konnte nicht ganz verborgen bleiben. Die Polizeibeamten von Bow Street hatten schon lange vor der wirklichen im Juli 1810 erfolgten Auflösung Verdacht geschöpft. Ueber letztere wird in einem Journal der Zeit berichtet: „Um 11 Uhr am letzten Sonntag Abend wurden drei Ab- teilungen der Patrouille in Begleitung von Konstablern von Bow Street zu diesem Zwecke ausgeschickt. Das Geheimnis war so sehr gewahrt worden, dass der Gegen- stand der Razzia selbst dann noch allen unbekannt war, ausser den Vertrauten des Herrn Read, welche die be- treffenden Abteilungen führten. Die Recherchen waren vollständig erfolgreich." — Dreiundzwanzig Individuen wurden verhaftet und nach der Wache von St Clement'» Danes gebracht, von wo sie in Kutschen am Montag Morgen zwischen zehn und elf Uhr zum Verhör nach Bow Street transportiert wurden, inmitten einer „rasen- den Volksmenge, die zum grössten Teil aus Frauen be- stand", und die so ergrimmt und aggresiv war, dass die Gefangenen „nur mit der grössten Schwierigkeit vor der Ermordung geschützt werden konnten."

Vor dem Middlesex Gericht in Clerkenwell fand am Sonnabend, den 22. September, gegen sieben von ihnen,

l ) „The Phoenix of Sodom" S. 22

  • ) F. Fraif „Index librorum prohibitorum" S. 833—888.


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nämlich William Arnos, alias Sally Fox, den Gast- wirt James Cook, Philipp Kett, William Thom- son, Richard Francis, James Done und Robert Aspinal die Verhandlung statt Alle worden schuldig befanden. Arnos, der schon zwei Mal vorher wegen ähnlicher Vergehen verurteilt worden war, wurde zu drei Jahren Gefängnis und zur Schaustellung am Pranger auf dem Haymarket, gegenüber Panton Street verurteilt Aspinal, der weniger aktiv gewesen zu sein schien als die übrigen, erhielt ein Jahr Gefängnis, alle anderen zwei Jahre Gefängnis und Prangerstehen an demselben Orte.

Der Prangerscene gestaltete sich zu einem fürchter- lichen Martyrium für die unglücklichen Verurteilten. Eine Zeitung giebt davon die folgende Schilderung:

„Der Abscheu, den alle Gesellschaftsschichten über die verabscheuenswerten Handlungen dieser Elenden empfanden, veranlasste viele Tausende, als Zuschauer bei ihrer Bestrafung gegenwärtig zu sein. In einer frühen Stunde wurde Old Bailey förmlich blockiert und das Gedränge des Pöbels um 12 Uhr, machte der Thätigkeit des Gerichts ein Ende. Die Läden von Lud- gate Hill bis zum Haymarket waren geschlossen und die Strassen mit Leuten besetzt, welche die Verbrecher vor- beipassieren sehen wollten. Vier von ihnen waren vom Korrektionshanse am Mittwoch Abend nach Newgate überführt worden, wo sich Cook und Arnos zu ihnen gesellten, so dass alle zusammen den Weg nach dem Platze der Strafe antreten konnten.

Kurz nach zwölf Uhr setzten sich die „Munitions- wagen" von den benachbarten Marktplätzen aus in Be- wegung. Sie bestanden aus einer Reihe von Karren,

D Uhren, Das Geschlechtsleben in England.*** 8


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die von Schlächterjungen gezogen wurden, welche vor- her Sorge getragen hatten, sie mit dem Abfall und Dung aus ihren Schlachthäusern zu füllen. Auch, eine Anzahl von Hökern wurden in Bereitschaft gesetzt, die Körbe mit Aepfeln, Kartoffeln, Rüben, Kohlstrünken und Anderen Gemüsearten zusammen mit den Überresten von Hunden und Katzen auf dem Kopfe trugen. Alle diese Dinge wurden der Bevölkerung zu einem hohen Preise verkauft, die keine Kosten scheuten, um sich mit dem nötigen Material zum Bewerfen zu versorgen.

Eine Anzahl Fischweiber waren mit stinkenden Flundern und den bereits mehrere Tage faulenden Ein- geweiden anderer Fische zur Stelle. Diese wurden jedoch nicht verkauft, da ihre Eigentümerinnen, mit Leib und Seele bei der Sache, erklärten, dass sie sie für „ihren eigenen Gebrauch" zu behalten wünschten.

Um halb ein Uhr kamen die Sheriffs und City- Vorsteher mit mehr als hundert berittenen und mit Pistolen bewaffneten Konstablem und mit hundert Poli- zisten zu Fuss an. Diese Mannschaft wurde nach dem Old Bailey Yard beordert, wo ein Wagen, der gelegent- lich für den Transport Gefangener von den Londoner Gefängnissen zu den Galeeren benutzt wurde, für die Aufnahme der Verbrecher bereit stand. Der Wagen wurde von zwei Pferden gezogen, welche von zwei mit einem Paar Pistolen bewaffneten Männern geführt wurden. Die Thore von Old Bailey wurden geschlossen und alle Fremden entfernt. Die Verbrecher wurden dann herausgebracht und auf den Wagen gesetzt Arnos schlug ein Gelächter an, weshalb er von seinen Leidensgefährten getadelt wurde. Sie sassen alle auf- recht im Wagen, anscheinend sehr gefasst. Aber als


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-sie nach oben blickend die Zuschauer oben auf den .Hänsern gewahrten,, schienen sie doch von Furcht und .Schrecken ergriffen zu werden. In dem Augenblick, als -die Kirchenuhr halb eins schlug, wurden die Thore ge- öffnet Der Pöbel versuchte in demselben Augenblick mit Gewalt hereinzudringen, wurde aber zurückgedrängt. •Ein grosses Aufgebot der Polizei, ungefähr 60 Offiziere, bewaffnet und beritten wie oben beschrieben, eröffneten -den Zug mit den Vorstehern der City. Dann folgte der von ungefähr 40 Offizieren und Sheriffs eskortierte Wagen. Der erste den Verbrechern dargebrachte Gruss -war eine Salve von Schmutz und eine Serenade von Zischen, Zurufen und Verwünschungen, wodurch sie ge- nötigt wurden, sich mit dem Angesicht auf den Boden /des Wagens zu werfen. Der Pöbel, insbesondere die -Weiber, hatten grosse Mengen Strassenkot aufgehäuft, .am den Gegenständen ihrer Indignation einen warmen Empfang zu bereiten. Diese Depots sahen an vielen Stellen wie Pyramiden von Patronen auf einem Schiess- platze aus. Sie waren bald erschöpft, und als der Wagen das alte, einst dem berüchtigten Jonathan Wild, ge- hörige Haus . passierte, glichen die Gefangenen einem Schmutzpfuhl entstiegenen Bären. Der Schmutzregen hielt während der Fahrt zum Haymarket an. Bevor sie noch den halben Weg zum Orte ihrer Ausstellung zu- rückgelegt hatten, waren sie schon nicht mehr als menschliche Wesen erkennbar. Wenn der Weg noch länger gewesen wäre, würde der Wagen vollkommen über ihnen mit Unrat angefüllt worden sein. Der Gastwirt, der etwas abseits von den übrigen sass, ein grosser, starker Bursche, konnte sich nicht so leicht wie die anderen kleineren Männer verbergen. Daher, und auch weil er


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sehr bekannt war, wurde er mit doppelter Wut bom- bardiert. Tote Katzen und Hunde, Abfalle, Kartoffeln, Rüben u. s. w. regneten von allen Seiten auf ihn nieder, wobei seine anscheinend männliche Haltung ihm beson- dere Verwünschungen eintrug, und nur das Weiterfahren des Karrens seine sofortige Ermordung verhinderte. Um ein Uhr wurden vier von ihnen an einem neuen Pranger ausgestellt, welcher eigens für diesen Zweck angefertigt wurde. Die beiden übrigen, Cook und Arnos genossen die Ehre, allein am Pranger zu stehen. Sie wurden demgemäss auf dem Wagen nach der St. Martins-Wache zurückgebracht. Bevor sie den Platz des Prangers er- reichten, waren ihre Gesichter durch Schläge und Kot völlig entstellt und beim Besteigen (des Prangers) sahen sie wie ein Dreckhaufen aus. Etwa 50 Weiber erhielten die Erlaubnis, sich im Kreise herumzustellen und be- warfen sie unaufhörlich mit Schmutz, toten Katzen, faulen Eiern, Kartoffeln und mit Blut, Abfall und Dünger enthaltenden Eimern, die von einigen Schlachtern vom St. James's Markt herbeigebracht worden waren. — Diese Verbrecher wurden sehr roh behandelt, aber da sie vier waren, hatten sie nicht so sehr zu leiden, als wenn ihre Zahl eine geringere gewesen wäre. Nach Ablauf der Stunde wurden sie wieder auf den Wagen gesetzt und durch St. Martins Lane, Compton Street und Holborn zum Gold Bath Fields-Gefängnis transportiert, wobei sie während der Fahrt ähnlich begrüsst wurden, wie auf ihrem Wege von Newgate. Als sie vom Pranger ent- fernt wurden, wurden die Schlachtergesellen und die Weiber, die so aktiv gewesen waren, reichlich mit Brannt- wein und Bier bewirtet, wofür das Geld durch eine an Ort und Stelle veranstaltete Sammlung beschafft wurde.


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Wenige Minuten später wurden die beiden Letzten, Cook (der Gastwirt) und Arnos (alias Fox) zum Be- treten des Prangers genötigt. Cook hielt die Hand vors Gesicht und beklagte sich über die schon erhal- tenen Schläge und Arnos jammerte in gleicher Weise und zeigte einen grossen Ziegelstein, den man ihm ins Gesicht geworfen hatte. Der Untersheriff verkündete ihnen, dass das Urteil vollstreckt werden raüsste, und zögernd gingen sie hinauf. Cook sagte nichts, aber Arnos erklärte beim Anblick der Vorbereitungen in der feierlichsten Weise seine Unschuld, bekam aber von allen Seiten Zurufe zu hören, dass er überführt worden sei und in einigen Minuten glichen sie beide einem Kothaufen und ihre Gesichter wurden noch mehr ver- letzt als die der vier anderen. Cook bekam mehrere Schläge ins Gesicht und eine eigrosse Beule über der Augenbraue. Arnos' beide Augen wurden vollständig verklebt, und als sie losgebunden wurden, war Cook beinahe ohnmächtig und man musste ihnen beiden herunter und auf den Wagen helfen, worauf sie auf demselben Wege nach Newgate zurückgebracht wurden, ebenso „begrüsst" wie bei ihrer Hinfahrt. Cook lag wieder auf dem Wagensitz, aber Arnos lag mitten im Schmutz, bis ihre Einfahrt in Newgate die Elenden vor den weiteren Wutausbrüchen des erbittertsten Pöbels, den wir je gesehen haben, schützte. Als sie am Ende von Catherine Street, Strand, vorbeikamen, stand ein Kutscher auf seinem Wagen und versetzte Cook fünf oder sechs Hiebe mit seiner Peitsche.

Es ist für die Sprache unmöglich, auch nur an- nähernd die allgemeinen Schimpfworte wiederzugeben, mit welchen diese Monstra auf ihrem Wege über-


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schüttet wurden. Es war für sie ein Glück, dass das Wetter trocken war, da sie sonst erstickt wären. Von dem Augenblick an, wo der Wagen sich in Bewegung* setzte, begann die Wut des Pöbels sich in wahren Schauern von Dreck und Eot zu ergiessen. Ehe der Wagen Templebar erreichte, waren die Elenden so dick mit Unrat bedeckt, dass kaum eine Spur der mensch- lichen Gestalt übrig blieb. Sie wurden gefesselt und so hingesetzt, dass sie sich nicht hinlegen und höchstens ihre Köpfe durch Bücken vor dem Hagel schützen konnten. Dies war jedoch nur in geringem Maasse möglich. Einige von ihnen wurden durch Ziegelsteine im Gesichte verletzt und bluteten stark. Die Strassen, die sie pas- sierten, hallten wieder von dem allgemeinen Geschrei und den Verwünschungen des Pöbels."

Auch derjenige, welcher ein staatliches Einschreiten gegen die Verbreitung der Päderastie billigt, wird dennoch solche Scenen, wie die eben geschilderte, die ja durch die staatlichen und gerichtlichen Behörden selbst provoziert wurde, aufs schärfste verdammen und kann nur darin einen freilich recht zweifelhaften Mil- derungsgrund erblicken, dass das Prangerstehen mit seinen widerwärtigen und rohen Begleiterscheinungen auch bei anderen Verbrechen eine bis in die ersten Decennien des 19. Jahrhunderts in England übliche Strafe war, die den Verbrecher völlig der Wut des Pöbels preisgab. — Jedenfalls waren schon um 1830 die Strafe gegen die Päderastie bedeutend mildere ge- worden. Adrian bemerkt: „Das Laster (der Päderastie), macht hier reissende Fortschritte und ich hörte mehr- mals öffentliche Verhandlungen deshalb vor den Ge- richten. So wurde ein Mann, der einen Knaben hinter


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die St Giles-Kirche gelockt hatte, aufgefangen, überfährt und zu sieben Monaten strenger Haft verurteilt. Ein Tapeziergeselle, der Frau und Kinder hatte, und einen seiner Arbeitsgenossen zu berühren versuchte, erhielt eine zwölfmonatliche Gefängnisstrafe, obgleich ihm alle seine Bekannten das beste Zeugnis gaben. Drei Knaben, welche desselben Lasters angeklagt wurden , mussten auch acht Monate in abgeschlossene Haft wandern." 1 )

Noch einige andere Skandale aus jener Zeit ver* dienen eine Erwähnung.

Mr. Greenfield, einer der angesehensten Prediger in Edinburgh, hatte, wie viele schottische Geistliche mit kleinem Einkommen, dasselbe durch Gründung eines Pensionates für junge an der Universität studierende Männer vermehrt. Man betraf ihn bei widernatürlichem Geschlechtsverkehr mit einigen dieser Jünglinge. Wegen des Ansehens der Beteiligten wurde die Sache vertuscht, weil die That angeblich auf Geisteskrankheit zurückzu- führen sei Greenfield legte sein Amt nieder und brachte den Best seines Lebens in Zurückgezogenheit unter nomineller Aufsicht zu. SeineFamilie veränderte ihren Namen in den der Mutter: Butherfurd. Der Sohn, ein schottischer Advokat wurde später Richter am obersten Gerichtshofe und erhielt den Titel eines Lord Butherfurd. 8 )

Der letzte Earl von Findlater und Seafield starb um 1820; er war ein Mann von Talent und Bildung. Als aber seine sonstigen eigentümlichen Neigungen be- kannt geworden waren, musste er den grössten Teil seines Lebens auf dem Kontinent zubringen, wo er


') Adrian „Skizzen aus England", Frankfurt a. M. 1888. Bd. II S. 11.

  • ) P. Fraxi „Index" S. 340.


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ihnen leichter Befriedigung verschaffen konnte. Nach Beinern Tode erlosch der Titel Fin diäter, dagegen ging derjenige eines Earl von Seafield auf den Colonel Grant über. Fast das gesamte Vermögen war aber einer sächsischen Familie, namens Fischer, insbesondere einem jungen Manne aus derselben, der ihm zuerst als Page und später als Privatsekretär gedient hatte, ver- macht worden. Die Verwandten des Earl verweigerten die Auszahlung dieser Legate, so dass die Fischer bei den schottischen Gerichtshöfen auf Zahlung klagen mussten. Letztere wurde von den Verwandten deshalb verweigert, weil das Legat „ob turpem causam 41 zu Stande ge- kommen sei. Der Prozess dauerte einige Zeit, und zwei Kommissionen wurden nach Sachsen geschickt, um den Thatbestand festzustellen. Aber der Skandal, dass eine vornehme Familie einem Verwandten aus pekuniären Gründen ein solches Schandmal aufzuladen suchte, war so gross, dass Freunde sich ins Mittel legten und ein Vergleich zu Stande kam, durch welchen die Fischer die grosse Summe von 60000 Pfund, fast ihre ganzen Ansprüche, ausbezahlt bekamen. 1 )

Einige Jahre später musste Mr. Grosset Muirhead, ein Grossgrundbesitzer in Lanarkshire bei Glasgow, wegen plderastischer Vergehen aus dem Lande fliehen. 2 )

Mr. John Wood, ein Edinburgher Advokat, der in der besten Gesellschaft verkehrte und als Philanthrop ein grosses Ansehen genoss, verwendete einen grossen Teil seiner Zeit auf die Förderung von Schulen und brachte mehrere Jahre lang täglich einige Stunden in denselben als Lehrer zu. Er wurde dabei ertappt, dass

  • ) ibidem S. S41.

•) ibidem.


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er verbrecherische Praktiken mit seinen Schälern vor* nahm. Er benutzte einen ihm zugehenden Wink und floh nach Amerika, von wo er niemals zunickkehrte. 1 )

Hiemach scheint die Päderastie besonders in Schott- land zahlreiche Liebhaber gefunden zu haben. Nach dem englischen Gerichtsarzt Taylor ist ferner die sokratische Liebe in der englischen Grafschaft Lanca- shire ausserordentlich häufig. Sowohl in Manchester als auch in Liverpool vergeht kaum eine Gerichtssession, ohne dass ein oder mehr solche Fälle zur Verhandlung kommen. Vielfach kommen auch Fälle bei englischen Seeleuten vor. 9 )

Das Treiben der Londoner Päderasten am Beginne der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird sehr an- schaulich in einer um 1850 oder 1860 erschienenen Schrift „Yokel's Preceptor" geschildert, in dem Ab- schnitte »Einige Worte über Margeries, die Art, diese tierischen Wesen und ihre Schlupfwinkel u. s. w. kennen zu lernen. u

„Die in den letzten Jahren in der Hauptstadt be- obachtete Zunahme dieser Ungeheuer in Menschengestalt* die man gewöhnlich „Margeries", „Pooffs" u. s. w. nennt, macht für die Sicherheit des Publikums ihre ge- nauere Kenntnis notwendig. Die gegen diese Elenden verhängte Strafe ist lange nicht streng genug, und ehe nicht das Gesetz gegen sie mit äusserster Strenge zur Anwendung gebracht wird, kann man nicht auf Ver- nichtung dieser Bestialität hoffen. Die Kerle werden zu gut bezahlt, da sie hauptsächlich, wie es allgemein


  • ) ibidem S. 341-842.

2 ) „Untrodden Fields of Anthropology" Bd. II, S. 856.


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bekannt ist, von ihren reichen Kumpanen unterhalten werden, um sich auch nur ein Jota um ein paar Monate Gefängnis zu kümmern. Warum ist der Pranger ab- geschafft worden? Würde der für solche Bestien nicht sehr heilsam sein ? kann man sie denn überhaupt genug der öffentlichen Erniedrigung und Strafe preisgeben? Der Leser möge es glauben, dass es eine Thatsache ist, dass diese Ungeheuer wirklich genau wie die Huren die Strassen auf und ab laufen und nach einer Gelegenheit sich umsehen.

Ja, der Quadrant, Fleet Street, Holbora, der Strand u. s. w. sind reichlich voll von ihnen! Vor noch nicht langer Zeit hing man sogar in den Fenstern mehrerer respektabler Gasthäuser in der Nachbarschaft von Charingf Cross Zettel aus, mit der Inschrift: „Nehmt euch vor Päderasten in Acht!"

Sie versammeln sich gewöhnlich bei den Bilder- läden und sind an ihrem effeminierten Aussehen, ihrer modischen Kleidung u. s. w. erkennbar. Wenn sie jemanden sehen, in* dem sie einen Fang vermuten, so stecken sie ihre Finger in einer eigentümlichen Weise unter ihre Rockschösse und bewegen sie dort Das ist ihre Methode, ihren Dienst anzubieten.

Sehr viele von ihnen treiben sich in den Salons und Logen der Theater und in den Kaffeehäusern u. s. w. umher.

Wir könnten viele Beispiele der ekelhaft bestialischen Praktiken dieser Elenden erzählen, wollen aber nicht die Zeit des Lesers für ein so abstosscndes Thema in Anspruch nehmen, können uns jedoch nicht enthalten, ein oder zwei Anekdoten hier wiederzugegeben.



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Der Quadrant wird von einer grossen Zahl der berächtigsten Pftderasten besucht, die bei Tag und Nacht dort in ähnlicher Weise wie die Prostituierten ihre Beute suchen. Einer von ihnen fährte den Beinamen „Die schöne Elise 14 (Fair Eliza). Dieser Bursche wohnt in Westminster und hat eine Maitresse, die sich nicht scheut von dem Ertrag seiner ekelhaften Thätigkeit zu leben. Ein anderer Kerl, genannt „Betsy H — ", der den Strand, Fleet Street und St. Martins-Court auf und ab geht, ist ein sehr berüchtigter und höchst schamloser Päderast Häufig sieht man ihn auch in Vari6t6s, wo* er obscöne Gedichte deklamiert. Sein Vater war ein notorischer Männerkuppler; er selbst ist mehrere Male im Gefängnis gewesen, aber setzt trotzdem sein viehische» Treiben fort

Viele Individuen dieser Art haben dem Schauspieler- beruf angehört und haben in der Gesellschaft Ansehen: genossen. Wir könnten die Namen von mehreren nennen, wollen sie aber aus Mitleid verschweigen. Ein reicher Theaterdirektor soll mit einem seiner Schauspieler der- artige Beziehungen unterhalten haben, und es ist all- gemein bekannt, dass ein anderer Schauspieler, der in einem Zirkus jenseits der Themse französische Rollen darstellte, auch einer von derselben abscheulichen und widerwärtigen Brüderschaft war." *)

Ob der unter dem Beinamen „Fair Eliza" erwähnte Päderast mit dem homosexuellen Schauspieler Elizä Edwards, über den Tarnowsky nach dem englischen


3 ) „Yokel's Preceptoi: or, More Sprees in London etc. London (o. J.) Printed and Published by H. Smith, 87, Holywell Street, Strand." S. 5 ff.


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Arzt Taylor Näheres berichtet 1 ), identisch sei, ist mir nicht bekannt.

Eine Schilderung der Päderastie in London vor etwa 20 Jahren ist in einer 1881 erschienenen Schrift „The Sins of the Cities of the Piain; or The Recollec- tions of a Mary-An. With short Essays on Sodomy and Tribadism" London 1881 (4°, 95 S.) enthalten. Der Verfasser bemerkt im Anhang, dass, als er an einem sonnigen Nachmittage im November 1880 durch Leicester Square ging, seine Aufmerksamkeit besonders durch einen effeminiert aussehenden hübschen Burschen gefesselt wurde, der vor ihm herging, ab und zu in die Ladenfenster sah, dann aber wieder um sich blickte, um die Passanten auf sich aufmerksam zu machen. Dieser effeminierte Jüngling, Namens Jack Saul, ist ein „Mary Ann" wie die Volksbezeichnung für Päderasten in neuerer Zeit auch lautet. Seine Abenteuer und Praktiken werden dann erzählt, so dass das Werk recht interessante Enthüllungen über das übrigens kein es wegs auf das eigene Geschlecht beschränkte Treiben der Päderasten bringt. Insbesondere beschäftigt sich der Verfasser offenbar nach persönlicher Kenntnis mit den 1874 verhafteten vornehmen Päderasten Bolton und Park, die als Damen verkleidet zahlreiche Liebes- abenteuer mit Männern hatten, vor Gericht mit einem blauen Auge davonkamen und später in Lissabon ihr Treiben fortsetzten. 2 )

Eine Ergänzung zu der in diesem Buche ent-


  • ) £. Tarnowsky „Die krankhaften Erscheinungen des

Geschlechtssinnes". Berlin 1886. S. 15—16.

  • ) Vergl. auch „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" 1900.

Bd. II, S. 63.


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haltenen Darstellung des modernen Urningtnms in Loa- don bilden F. R6mo's Schilderungen, ebenfalls ans dem Anfange der 80iger Jahre. 1 )

Vielleicht beruht auch die folgende Stelle aus Johannes Schlafs „das dritte Reich 44 (1900 S. 73) auf eigener Beobachtung. Er sagt in einer Schilderung des Dächt] ich en London: „Da waren alte Herren, welche mit jungen Soldaten, die für ein Pfund Sterling schon ein übriges zu thun bereit waren, schönen, strammen, rotblütigen Jungen, Verhältnisse anknüpften, und weiss der Teufel, was noch alles für Raritäten."

Wie in anderen Ländern, so sind auch in England die Convikte, Colleges und Alumnate Brutstätten der päderastischen Unzucht, in welchen zahlreiche Indi- viduen für ihr ganzes Leben Einflüssen dieser Art unter- liegen! die manchmal bereits vor der Pubertät auf sie eingewirkt haben und viele dauernd in diese Richtung der Befriedigung ihres Geschlechtstriebes drängen. In einem Artikel der „New Review" vom Juli 1893 („Our Public Schools, their Methods and Morals") vergleicht der anonyme Verfasser die Moral in den grossen englischen Erziehungsanstalten mit den Zuständen in Sodom und Gomorrah*), und W. F. Stead sagt in der „Review of Reviews" vom 15. Juni 1895: „Wenn man jedermann im Gefängnis steckte, der sich der Vergehungen Oscar Wilde's schuldig gemacht bat, so würde eine sehr überraschende Auswanderung von den Schulen zu Eton und Harrow, Rugby und Winchester nach


') F. R6mo „La vie galante en Angle terre". Paris 1887. S. 14—15; 8. 260—261.

  • ) Vergl. „Jahrbuch ftir sexuelle Zwischenstufen" Bd. III

S. 494.


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den Gefängnissen in Pentonville und Holloway statt- finden ... Bis dahin lässt man Knaben in öffentlichen Schulen ungestraft Gewohnheiten nachhängen, die sie, wenn sie die Schule verlassen, der Zwangsarbeit über- liefern würden." 1 )

Gegenüber den verhältnismässig milden Strafen, die um die Mitte des Jahrhunderts den Päderasten zudiktiert wurden, hat sich in den letzten Decennien wieder eine rtrengere Beurteilung solcher Delicte geltend gemacht, wie einige Prozesse ans neuester Zeit lehren. So soll am 5. Juli 1886 ein 17 jähriger Bursche, John Osborne, •der von einem jungen Manne Namens Marlin g, unter -der Drohung, ihn eines unnatürlichen Verbrechens zu bezichtigen, Geld und eine wertvolle Uhr erpresst hatte, -vom Zentral-Kriminalgericht in London zu lebensläng- licher Zuchthausstrafe verurteilt worden sein! (?)*)

Der berühmteste Sensationsprozess dieser Art war der gegen den Dichter Oscar Wilde im Jahre 18%. *) In Wilde, der, wie sein jüngst in. Berlin aufgeführtes Drama „Salome" bewies, ein bedeutendes dichterisches Talent besass, verkörperte sich ganz besonders eine


l ) ibidem S. 506.

  • ) ibidem S. 565.
  • ) Vergl. den ausführlichen Nekrolog von NumaPraetorius

im „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" Bd. III, S. 265—274; ferner 0. Sero „Der Fall Wilde und das Problem der Homo- sexualität" Leipzig 1896; Uandl „Der Wilde-Prozess", in: Die •Zeit, Wien, 15. Juni 1895 No. 87; H.Rebell „Defense d'Oskar Wilde" in: Hercure de France 1895; Tybald in: Echo de Paris vom

29. Mai 1895; Paul Adam, „L'assaut malicieux" in: Revue blanche

vom 15. Mai 1895; Henry de R6gnier „Souvenirs sur Oscar Wilde" in: Revue blanche vom 15. Dezember 1895; W. F. Stead in der: •Review of Reviews vom 15. Juni 1895 S. 491—492; Notiz in: Jahr- buch für sexuelle Zwischenstufen III S. 550 und 608; Bernstein in: Die neue Zeit 1895 No. 32 und No. 34; Havelock Ellis

  • . a. 0. S. 212.


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einer ausschliesslich ästhetischsn Betrachtung des Lebens huldigende Richtung der neueren englischen Dichtung. Dieses moderne Aesthetentum tritt in seinen Schriften, besonders dem Romane „Picture of Dorian Gray" deutlich zu Tage 1 ). Es scheint, dass Wilde, der verheiratet war, aus ähnlichen Gründen wie die alten Griechen die Vorliebe für die Bethätigung homosexueller Neigungen in sich entwickelte. Zu Anfang des „Dorian Gray" schildert er die Liebe des Malers Hallward zu dem Jünglinge Dorian Gray, welche Zuneigung „ganz ideal und geistig, rein künstlerisch ästhetisch verklärt gehalten, aber nichts destoweniger homosexuell" ist (Gaulke). In dieser idealen Form schilderte der Dichter sie auch seinen Richtern: „Die Liebe, die in unserem Jahrhundert ihren Namen nicht nennen darf, die Zuneigung eines Älteren Mannes zu einem jüngeren, wie sie zwischen Pavid und Jonathan bestand, wie sie Plato zur Grund- lage seiner Philosophie machte und wie wir sie in den Sonetten Michelangelos und Shakespeare^ finden — jene tiefe geistige Neigung, die ebenso rein wie vollkommen ist und die grössten Künstler zu ihren bedeutendsten Werken begeistert hat — jene Liebe wird in unserem Jahrhundert so missverstanden, dass sie mich vor die Schranken des Gerichts geführt hat Aber dennoch ist sie schön und hoheitsvoll, die edelste Form jedweder .Zuneigung. Sie ist nur geistig, und sie besteht allein zwischen einem älteren Mann und einem jüngeren, wenn der ältere geistvoll ist und der jüngere noch seine un- berührte, frische Hoffnungs- und Lebensfreudigkeit be- sitzt Dass es so sein muss, will die Welt nicht ver-


') Vergl. J. Gaulke „Oskar Wilde's „Dorian Gray"'* in: Jahrbuch ffir sexuelle Zwischenstufen Bd. III S. 275—291.


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stehen. Sie höhnt und stellt bisweilen den an den Pranger, der sie ausübt."

Leider hatte, wie schon im alten Hellas, diese Theorie bei der Umsetzung in die Wirklichkeit Schiff* brach gelitten, da eine rein aesthetische Auffassung des Sexuellen unmöglich ist und ebensowenig eine wirklich edle Männerfreundschaft irgendwelche geschlechtliche Beimischung verträgt. „Numa Prätorius" kann nicht leugnen, dass Wilde das „Leben eines Genusssexualen geführt und seiner Sinnlichkeit allen freien Lauf ge- lassen habe." Er verkehrte in aristokratischen Kreisen, wo er mit jungen Männern zweifellos sexuelle Be- ziehungen anknüpfte. Auch mit männlichen Prostituierten liess er sich ein. Sein Verhältnis mit dem 20 jährigen Lord Douglas führte auf die Denunciation des Vaters des Letzteren die Verhaftung Wilde's herbei, der hier- auf im Jahre 1895 wegen der Vornahme unzüchtiger Akte mit Männern zu zwei Jahren Zwangsarbeit ver- urteilt wurde. Nach Verbüssung dieser Strafe begab sich der unglückliche, von allen seinen Freunden im Stich gelassene Dichter nach Paris, wo er am 7. De- zember 1900 starb.

Wenn auch Wilde nicht von jeder Schuld frei- gesprochen werden kann, so muss zugegeben werden, dass die Strafe überaus hart war und keineswegs dem Vergehen des Angeklagten entsprach. Diese Zweck- losigkeit von Gefängnisstrafen bei homosexuellen und anderen sexuellen Delikten beleuchtet ein neuerer Autor in eingehender Weise. 1 ,)


  • ) J. Bloch „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia

sexualis" Dresden 1902 und 1903 Bd. I S. 254; Bd. II S. 868—373.


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Auch der Arzt und Schriftsteller John Addington Symonds, der bekannte Renaissanceforscher und Mit- arbeiter an Havelock Ellis* Werke über Homosexu- alität, soll trotz seiner Heirat homosexuelle Neigungen bekundet haben. *) Das vorzügliche Kapitel in dem Buche von Ellis über die Homosexualität in Griechenland rührt ganz von ihm her. Nähere Aufschlüsse über die Per- sönlichkeit Symonds gibt Horatio Brown in seiner Biographie desselben. 9 )

Nach dem folgenden Bericht im „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" 8 ) scheint auch der Marquis von Anglesey homosexuelle Neigungen zu haben oder doch mindestens im hohen Grade effeminiert zu sein.

„Die soeben von der schönen jungen Marquise von Anglesey angestrengte Ehescheidungsklage erregt nichts weniger als Verwunderung. Man hat es ja schon seit langem erwartet, dass die Lady, die sich bereits während der Flitterwochen von ihrem Gatten trennte, sich bemühen würde, ihre volle Freiheit zurückzugewinnen. Die geborene Miss Chetwynd, Tochter von Sir George Chetwynd und der Marquise von Hastings, zählte erst achtzehn Lenze, als sie vor zwei Jahren dem da- maligen Earl of Urbridge die Hand zum Lebensbunde reichte. Das fein geschnittene, von goldroten Haarmassen umrahmte Gesicht der jungen Aristokratin gilt mit seinen grossen veilchenblauen Augen für eines der schönsten in ganz England. Auf die von zahlreichen Bewerbern umschwärmte Miss Chetwynd machte das fast sanft


l ) Moll „Konträre Sexualempfindung" 3. Aufl. S. 143.

  • ) H. Brown „The Life and Letters of J. A. Symonds*

London 1894.

») Bd. in S. 543—544. D Uhren, Das Geschlechtsleben in England.*** 4


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zu nennende Wesen des Earl einen so günstigen Ein- druck, dass sie ihm vor allen andern Freiern den Vorzug gab. Sie ahnte aber nicht, in welchem Masse ihr Er- wählter einem verzärtelten, excentrischen Weibe glich und dass er alle Launen und Schwächen eines solchen besass. In der That hat der jetzt 25 jährige Nobleman, der bald nach seiner Eheschliessung durch den Tod des Vaters fünfter Marquis von Anglesey wurde, das Aus- sehen einer schönen Frau in Männerkleidung. Seiden- weiche dunkle Locken umgeben ein rosiges Gesicht mit weichen, sympathischen Zügen. Um blasser und inter- essanter zu erscheinen, verschmäht er weder die Puder- schachtel 4ioch bleichmachende Toiletten - Wasser. Er ist immer stark parfümiert, und seine zarten schlanken Finger sind mit Bingen überladen. Man sieht ihn bei seinen Promenaden durch Piccadilly oder auf den Pariser Boulevards meist mit einem schneeweissen, schleifen- geschmückten Pudel unter dem Arm, der ebeuso wie sein Herr nach Patchouli und L'eau d'Espagne duftet . . • An dem adeligen Krösus ist eigentlich eine Serpentin- tänzerin verdorben. Die Lieblingszerstreuung des Herrn Marquis besteht nämlich darin, sich auf wirklichen — Spezialitätenbühnen als Imitator der graziösen Loi'e Füller zu produzieren."

In ähnlicher Weise soll nach Spitzka 1 ) der unter der Königin Anna lebende englische Gouverneur von New York, Lord Cornbury, ein schrecklicher Wüstling, trotz seiner hohen Stellung in Weiberkleidern koket-


  • ) Spitzka in: Chicago medical Review 20. August 1881

zitiert nach v. Krafft-Ebing „Psychopathia sexualis" 10. Aufl., Stuttgart 1899 S. 275.


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tiefend und mit allen Allüren der Courtisane in den Strassen herumgegangen sein.


Eines der frühesten Dokumente aber homosexuelle Praktiken zwischen Weibern (Tribadie) findet sich in dem am Ende des 16. Jahrhunderts von Sir Philip Sidney verfassten Schäferroman „Arkadia". Es heisst dort von zwei mit einander zu Bett gehenden Prinzessinnen:

„Sie schmückten das Bett mit ihren schönsten Kleidern, so dass es in dieser Nacht das Lager der Venus übertraf. Dann liebkosten sie einander mit zärtlichen, obgleich keuschen Umarmungen und süssen, wenn auch kalten Küssen. Es schien, als ob der Liebesgott mit ihnen ohne Pfeil spielte oder dass er, seines eigenen Feuers müde, dahin kam, um sich zwischen ihren süssatmeaden Lippen zu erfrischen." 1 )

An dem üppigen Hofe Karls IL fand auch die les- bische Liebe einen günstigen Boden für ihre Verbreitung. Es scheint, dass besonders von einer bestimmten Hof- dame Verlockungen dieser Art ausgegangen sind. Dies war Miss Hobart. Hamilton 9 ) berichtet in den „Me- moiren des Grafen Grammont":

„Miss Hobart war von einem damals in England noch unbekannten Charakter, wie auch ihre Gesichts- züge in einem Lande auffallend erscheinen mussten, wo es die Ausnahme bildet, wenn man jung und nicht einiger- massen hübsch ist. Sie hatte einen guten Wuchs, in ihrer Miene lag viel Entschlossenheit, sie besass einen gebildeten Geist, doch ohne die gehörige Vorsicht. Ihre


  • ) Taine a. a. 0. Bd. I 8. 264.
  • ) „Memoiren des Grafen Grammont" Deutsche Ausgabe,

Leipzig 1858 S. 189; 8. 196—197; 8. 209.

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Phantasie war bei grosser Lebhaftigkeit etwas ungezügelt und ihre sehr feurigen Blicke nahmen nicht ein. Ihr Herz war zärtlich, aber man behauptete, nur zu Gunsten des schönen Geschlechts.

Miss Bagot zog zuerst ihre Sorgfalt und Zärtlichkeit auf sich und erwiderte sie barmlos und ohne Arg; da sie aber bald gewahrte, all' ihre Freundschaft genüge der Innigkeit einer Hobart nicht, so uberliess sie diese Eroberung der kleinen Nichte der Gouvernante, welche sich dadurch sehr geehrt fühlte.

Bald verbreitete sich das wahre oder falsche Ge- rücht von dieser Seltsamkeit am Hofe. Man war dort so unkultiviert, von dieser Verfeinerung des Geschmacks in zärtlichen Neigungen, wie sie das alte Griechenland kannte, niemals gehört zu haben, und man bildete sich ein, die erhabene Hobart sei mit ihrem Sinn für die Schönen etwas ganz andres, als sie scheine.

Wegen dieser neuen Begabung fingen die Spott- liederchen an, ihr Komplimente zu machen, und auf Grund der Sticheleien zogen sich ihre Gefährtinnen von ihr zurück

Als die Damen eines Tages zu Pferde gewesen waren, stieg Miss Tempi e bei der Bückkehr von dem galanten Spazierritte bei Miss Hobart ab, um sich mit Hülfe der Erfrischungen von der Anstrengung zu erholen. Doch ehe sie sich daran machte, bat sie um Erlaubnis,, ihre Wäsche wechseln zu dürfen, d. h. in ihrer Gegen- wart sich zu entkleiden. Man war weit entfernt, ihr diesen Wunsch abzuschlagen. „Ich wollte es Ihnen eben anbieten", sagte Miss Hobart, „Sie sind in dieser Tracht zwar reizend wie ein Engel ; aber es geht nichts.


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über frische Wäsche und Bequemlichkeit! Sie glauben nicht", setzte sie, sie umarmend, hinzu, „welchen Ge- fallen Sie mir thun, liebe Tempi e, wenn Sie sich hier ganz wie zu Hause benehmen; besonders entzückt mich dieser Sinn für Reinlichkeit. Sie sind in dieser Hinsicht, wie in mancher andern, sehr verschieden von dieser kleinen Närrin, der Jennings. Haben Sie wohl be- merkt, wie alle Gecken am Hofe sie wegen ihres Teints bewundern, der vielleicht nicht einmal ganz natürlich ist, und wegen so mancher Tollheiten, die allerdings bei ihr Natur zu sein scheinen, die man aber für geistreich ausgiebt Ich habe mit ihr nicht genug verkehrt, um ihren Geist entdecken zu können; wenn es aber damit nicht besser steht, als mit ihren Füssen, so hat er nicht viel zu sagen. Man hat mir hübsche Dinge von ihrer Unreinlichkeit erzählt. Keine Katze soll das Wasser so fürchten wie sie. Was denken Siel Sie wäscht sich nie ganz zur Erfrischung, sondern spült nur gerade ab, was man zu sehen bekommt, Brust, Gesicht und Hände!" Das behagte der Temple noch besser als das Konfekt, und um keine Zeit zu verlieren, entkleidete die Hobart sie vor Ankunft des Kammermädchens! Anfangs machte das Fräulein einige Umstände, weil sie einer Dame von ihrer Stellung bei Hofe diese Last nicht zumuten wollte; allein sie wehrte sich umsonst; die Hobart zeigte ihr, dieser kleine Dienst mache ihr Ver- gnügen. Als das Schmausen vorüber und Miss Temple entkleidet war, sprach die Wirtin: „gehen wir in das Badezimmer, wir können dort plaudern, ohne durch einen langweiligen Besuch gestört zu werden". Sie willigte ein, und Beide setzten sich auf ein Ruhebett. „Sie sind noch zu jung, meine liebe Temple;" sprach jene, „als


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dass Sie den schändlichen Charakter der Männer über- haupt kennen sollten u. s. w."

Hierauf wird sehr anschaulich geschildert, wie Miss Hobart der jungen Temple die Männer im denkbar schlechtesten Lichte darstellt, um sie dadurch desto ge- fügiger und hingebender für die Liebe zu Frauen, ins- besondere zu sich selbst (Miss Hobart) zu machen. Be- sonders wird Rochester von ihr mit den schwärzesten Farben gemalt. Dieses ganze Gespräch wird aber von einem Kammermädchen belauscht und Rochester hinter- bracht, der durch Killegrew und in Gegenwart der Temple der Hobart die Leviten lesen lässt. Dabei sagt Killegrew u. a. zu ihr: „Ihre Neigungen und Leidenschaft für die junge Temple sind ausser ihr selbst vor Niemand mehr ein Geheimnis; denn, wie Sie auch ihrer Unschuld nachstellen, man lässt ihr die Ge- rechtigkeit widerfahren, zu glauben, sie würde Sie be- handeln, wie Lady Falmouth einst gethan — wenn das arme Mädchen überhaupt ahnte, was Sie von ihr wollen. Ich rate Ihnen also, die Dinge nicht weiter zu treiben gegen ein Wesen, das zu sittsam ist, um es Ihnen zu gestatten; ferner empfehle ich Ihnen, Ihr Kammermädchen wieder in Dienst zu nehmen, um ihrem anstössigen Gerede ein Ende zu machen. Sie sagt überall, sie sei schwanger, schreibt Ihnen die Ursache zu (sie) und klagt Sie der gröbsten Undankbarkeit bei leerem Verdacht an. Sie sehen wohl, dass ich diese Dinge nicht erfinde; damit Sie jedoch nicht zweifeln r dass ich die Nachrichten aus ihrem Munde habe, sage ich Ihnen: sie hat mir von Ihrem Gespräch im Bade- zimmer erzählt, wie Sie dort Skizzen von allen Hof- männern entwarfen, und wie sie endlich dem schönsten


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Mädchen ein so unpassendes Koupletzuwendeten — wie dann die arme Temple in die Falle ging, die Sie ihr nur gestellt, um ihre Reize durch den Angenschein kennen zn lernen/ 4

Ans dem 18. Jahrhundert berichtet der Verfasser von „Satans Harvest Home" (London 1749) über die Londoner Tribaden. Die lesbische Liebe fährte damals den Namen „Game at Fiats", womit wohl eine eigen- tümliche Art des geschlechtlichen Verkehrs zwischen Weibern bezeichnet werden sollte. Diese „neue Art der Sünde", die unter Frauen von Stande sehr verbreitet sei, werde sowohl in Twickenham als in der Türkei geübt

Hüttner erwähnt das Vorkommen homosexueller Praktiken in Weiblichen Kostschulen *) und Archen- holtz macht sogar Mitteilungen über die Existenz ge- heimer tribadischer Klubs. 8 )

„Da in London Ueppigkcit und Wollust keine an- deren Grenzen als die der Möglichkeit kennen, so giebt es auch hier Frauenzimmer, die allem vertrauten Um- gange mit dem männlichen Geschlechte entsagen, und sich bloss zu dem ihrigen halten. Solche Frauenzimmer werden Tribaden genannt. Sie formieren auch kleine Sozietäten, die man Anandrinische Gesellschaften heisst wovon Mrs. Y . . . 4 ), eine vor einigen Jahren berühmte


») „Sa tan' s Harvest Home u S. 51.

  • ) „Dazu kommt noch, dass man diese unerfahrenen Geschöpfe,

die noch ganz Sinnlichkeit Bind, ohne Aufsicht beieinander seyn lässt, vorzüglich um die Zeit, da sie im Bett seyn sollten, wo sie sich dann mit dem Lesen schlüpfriger Romane, oder andern die Sinne noch mehr empörenden Belustigungen, die man nicht ohne Erröten nennen kann, und welche die ersten Quellen der Gesundheit des Geistes und Körpers vergiften, beschäftigen." Hüttner „Sittengemälde von London" S. 183—184.

8 ) J. W. v. Archenholtz „England" Bd. I, S. 269-270.

4 ) Es ist dies wohl Mrs. Yates vom Drury Lane-Theater (t H87).


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Schauspielerin der Londoner Bühne, eine Vorsteherin war. Hier bringen diese Tribaden ihre unreinen Opfer, aber ihre Altäre sind nicht würdig jenes Hains, wo sich Dioneus Tanben gatten, sondern verdienen, dass eine dicke Finsternis sie vor den Augen der Menschen verdecke. a

Am 6. Juli 1777 wurde in London eine Frau zu 6 Monaten Kerker verurteilt, die sich, als Mann ver- kleidet, schon drei Mal mit verschiedenen Frauen ver- heiratet hatte. 1 )

Gegenwärtig ist nach Havelock Ellis die Tribadie besonders unter den Londoner Theaterdamen und Prosti- tuierten verbreitet Ein Freund machte ihm über die betreffenden Verhältnisse in den grossen Theatern und Singhallen Londons die folgende Mitteilung:

„Leidenschaftliche Freundschaften zwischen Mädchen, von den unschuldigsten Beziehungen bis zu den ausge- bildetsten Formen lesbischer Liebe, sind unter dem Bühnenpersonal sehr häufig, sowohl bei den Schau- spielerinnen, wie auch bei den Choristinnen und Ballet- tänzerinnen, die wohl besonders dazu neigen. Das Durcheinander in den Ankleideräumen, in denen die eng zusammengepferchten Mädchen oft stundenlang Pausen abwarten müssen, aufgeregt und unbeschäftigt, giebt reichliche Gelegenheit zur Entwickelung solcher Spiel- arten des Gefühls. In fast allen Theatern findet mau einen Kreis von Mädchen, die von den anderen gemieden werden oder sich von ihnen isolieren und die für ein- ander die grenzenloseste Anhänglichkeit zeigen. Die meisten kokettieren auch gern mit dem anderen Ge- schlecht, aber ich kenne ein paar unter ihnen, die nie


a )P. Mantegazza „Anthropologisch-kulturhistorische Stadien über die GeBchlechtsverhältnisse des Menschen" Jena o. J. S. 98.


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mit einem Manne sprechen and nie ohne ihre bestimmte Freundin zn sehen sind, die sie, wenn sie einem anderen Theater angehört, abends am Ausgange erwarten. Aber nur selten gehen diese Verhältnisse sehr weit. Das englische Mädchen der Unter- und Mittelklasse ist — mag es nun seine Unschuld verloren haben oder nicht — völlig von konventionellen Vorstellungen beherrscht. Unwissenheit und Konvention halten sie davon ab, die logischen Eonsequenzen dieser Perversität zu bethätigen. In den höheren Klassen der Gesellschaft (und in der feineren Prostitution) wird die Perversität voll entwickelt gefunden, weil hier eine grössere Freiheit des Handelns und eine viel grössere Vorurteilslosigkeit besteht." 1 )

Man ersieht aus dieser Schilderung, dass diese homo- sexuellen Neigungen grösstenteils eine zufällige Veran- lassung haben und auf die oben erwähnten Gelegenheits- ursachen zurückgeführt werden können. Ebenso steht es mit der Tribadie der Prostituierten. Auch diese ist nicht angeboren, sondern meist nur ein Ersatz der fehlenden oder verloren gegangenen Liebe zum Manne. Derselbe Gewährsmann von Ellis bemerkt über die Homosexualität unter den Londoner Prostituierten: „In London liegen die Dinge viel weniger auf der Hand und die Erscheinung ist viel weniger häufig, sicher aber nicht ganz selten. Eine gewisse Zahl bekannter Prostituierten steht im Kufe dieser Neigung, ohne dass ihr Verhalten in ihrem Gewerbe deshalb dadurch beeinflusst würde- ich kenne keine einzige Prostituierte, die ausschliesslich lesbische Praktiken treibt, ich habe jedoch Andeutungen


  • ) H. Ellis und J. A. Symondß „Das konträre Geschlechts"

gefthl" deutsch von H. Karella, Leipzig 1816, S. 191.


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gehört, als gäbe es ein oder zwei solche abnorme Wesen. Einmal habe ich gehört, wie eine fashionable Kokette im Corinthian Klub (einem von Prostituierten höheren Ranges besuchten Lokal) in den Saal rief, sie ginge mit einem Mädchen nach Hause, und niemand zweifelte daran. Ein anderes Weib der gleichen Sorte hat eine kleine Klientel von Frauen, die ihre Photographien kaufen. In den tieferen Schichten der Prostituierten ist das alles sehr selten. Man findet hier oft Weiber, die einfach nie von solchen Dingen gehört haben, ausser von Päderastie. Sie sind gewöhnlich entsetzt, wenn sie davon hören; sie betrachten es dann als einen Teil der „französischen Bestialität" Natürlich hat jedes Mädchen ihre Freundin, mit der sie manchmal schläft, aber das bedeutet in der Regel nicht mehr als bei allen anderen Mädchen. 1 )

An die männlichen und weiblichen Homosexuellen reihen sich die nicht seltenen seelischen und körper- lichen Zwitter, die Viragines, Hermaphroditen» Weibmänner u. s. w. an, alle jene Individuen, deren Neigungen, ohne ausgesprochen hetero- oder homosexuell zu sein, bald nach dieser, bald nach jener Richtung überwiegen bezw. in beiden sich bethätigen.

Solch eine »Männin u schildert schon Butler in seinem „Hudibras** (17. Jahrhundert) *):

Dann schloss die Heldin den Triumph, Bei welcher auf des Gaules Rumpf Im Doppeladler, Stciss an Steiss, Der Ueberwundene im Schweiss


M ibidem S 3üC».

  • ) Samuel Butlers „Hudibras" übersetzt von J. Eiselein

Freiburg i. R i$l5. S. 119— ISO.


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Des Angesichts von seiner Brust

Die Spindel wacker drehen musst';

Und ward er müde oder faul,

So gab sie eines ihm aufs Maul.

Bings um Bie trabten vom und hinten,

Lakaien, Zofen und Bedienten,

Auch gute Läufer in Kamaschen

Und Tross in vielen Equipaschen.

Sie trugen Fackellichter vor

Der stolzen Männin hoch empor,

Die, Sporo gleich und Päpstin Hanne,

Die Bolle trieb vom Weibe und Manne.

Butler hatte zu seiner Zeit zahlreiche Vorbilder für die Gestalt einer solchen Yirago. Dahin gehört z. B. die unter Karl I. lebende Räuberin Moll Cut- purse, die keinen Geschmack an Putz und den sonstigen Beschäftigungen ihres Geschlechtes fand, sich als Mann kleidete und so ihre Diebereien und Raubanfälle in der Nähe von London ausführte *). Einst traf der berüchtigte Räuber Thomas Rumbold (hingerichtet 1689) einen anderen Berufsgenossen, der ihm seine Börse abforderte. Es entspann sich ein Kampf, in dem Rumbold Sieger blieb. Als er den Gegner an Händen und Füssen ge- fesselt hatte, um seine Taschen zu untersuchen, war er bei Oeffnung seines Rockes erstaunt, in dem angeblichen Manne ein Weib zu finden. Die Virago erzählte ihm,, dass sie die Tochter eines Waffenschmiedes sei. „In meiner Jugend wollte mich meine Mutter zur Nadel an* halten, aber alle ihre Ermahnungen scheiterten an meinem kriegerischen Sinn. Mit der Küche mochte ich


s ) £. Whitehead „Leben, Thaten und Schicksale der merk- würdigsten englischen Räuber und Piraten u. s. w." Deutsch von J. Sporschil, Leipzig 1834, Teil I, S. 93—96.


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mir nie etwas zu schaffen machen, sondern hielt mich beständig in dem Laden meines Vaters auf, und freute mich die kriegerischen Instrumente, welche er verfertigte, zu handhaben; mein Hauptergötzen aber war es, wenn ich ein scharfes, schönes Schwert schwingen konnte." Mit zwölf Jahren nahm sie heimlich Fachunterricht, verheiratete sich mit fünfzehn Jahren mit einem Gast- wirte, lebte aber in unglücklicher Ehe. Von Zeit zu Zeit unternahm sie als Mann verkleidet von ihrem Gast- hause aus Ausflüge, um auf der Landstrasse zu rauben 1 ).

In interessanter Weise, ebenfalls wie bei der eben erwähnten Amazone infolge äusserer Einflüsse hatte sich die Viraginität bei der englischen Seeräuberin Maria Bead (Anfang des 18. Jahrhunderts) entwickelt Sie war von ihrer Mutter systematisch als Knabe erzogen worden und musste sich später als Page bei einer fran- zösischen Dame verdingen. Hierdurch bildete sich mit den Jahren der männliche Hang Maria's immer mehr aus, und sie liess sich schliesslich als Matrose auf einem Kriegsschiffe anwerben. Trotzdem war sie zweifellos heterosexuell, da sie sich in einen Soldaten „leidenschaft- lich" verliebte, den sie auch heiratete. 2 )

Eine sehr berühmte Rolle als Mannweib oder besser Weibmann spielte während der siebziger und achtziger des 18. Jahrhunderts der bekannte Chevalier d'äon, der sich lange Zeit in England aufhielt. Ueber ihn, der in Wirklichkeit männlichen Geschlechts war, habe ich in meinem Werke über den Marquis de Sade (S.Auf- lage S. 197 — 202) ausführlichere Mitteilungen gemacht.


') ibidem Teil I, S. 186-189. «) ibidem Teil II, S. 75-81.


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Als Ergänzung füge ich hier noch einige auf den Aufenthalt in England sich beziehende Thatsachen hinzu.

d'Eon wurde in England allgemein für eine Frau gehalten. Nur v. Archenholtz, der sich zur Zeit, wa die d'^on-Affaire den grössten Staub aufwirbelte, in England aufhielt, giebt die Möglichkeit zu, dass der Chevalier wirklich ein Mann gewesen sei, da er in eine Freimaurerloge aufgenommen worden sei. Er berichtet weiter: „Er (d'Eon) machte bekannt (1777), dass er an einem gewissen Tage sein Geschlecht beweisen würde.

Er bestimmte Ort und Stunde, und zwar in einem grossen Kaffeehause der City zur Börsenzeit, um desto mehr Menseben zu versammeln. Der Zulauf war auch unglaublich. D'Äon erschien in völliger französischer Uniform, als Hauptmann von der Kavallerie, mit dem Ludwigskreuz behangen. Er redete die Versammlung an und versicherte, er sei hier, um seine Mannheit allen Zweiflern zu beweisen, wobei er entweder seinen Degen oder seinen Stock gebrauchen würde. Niemand meldete sich, und der Ritter ging triumphierend nach Hause." 1 )

Später produzierte sich d'Eon thatsächlich als Fechter. „d'Eon gab im Januar (1793) in Ranelagh ein förmliches Fechterschauspiel, wobei diese sonderbare Person, jetzt im 67. Jahre ihres Alters, im Kostüme der Minerva ganz gewappnet, geziert mit einem Helm und einem Federbusch, erschien. Sie focht hier mit einem andern Franzosen, narffens Sainville, einem grossen Fechtkünstler, und zeigte ausserordentliche Ge- schicklichkeit. Die Neuheit des Schauspiels hatte eine Menge Menschen von Rang und Ansehen herbeigezogen,

') J. W. v. Archenholtz „England 4 Bd. U, S. 108—118,. S. 117—123.


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Der Kampfplatz war auf einer dazu errichteten Bühne. Es fand sich eine Engländerin, Miss. Bäte man, eine junge schöne Dame, die auch für die Fechtkunst Leiden- schaft bekam und eine Schülerin der d'täon wurde. — Sie waren die vertrautesten Freundinnen." l )

Hannah More machte die von ihr laugst er- sehnte Bekanntschaft des Chevalier d'£on bei einem Diner und war von seiner oder nach ihrer Meinung, vielmehr ihrer Unterhaltungsgabe, Witz, Bildung und heiteren Laune entzückt. Letztere zeigte sich besonders, wenn er ein oder zwei Flaschen Burgunder getrunken hatte. Hannah More fand es höchst lächerlich, dass dieses weibliche Wesen sich mit dem General Johnson aufs eingehendste über militärische Fragen unterhielt und bisweilen an die Zeit erinnerte „quand j'etais colonel «Tun tel rögiment". Doch kam diese fromme Dame zu dem Ergebnis, dass „ein d'^on genug sei". 2 )

Auch in englischen Eroticis spielt der Chevalier <Tlilon eine Rolle. So wird z. B. in den „Adventufes of an Irish Smock" (London ca. 1785) erzählt (S. 51—53), wie eine Kurtisane von dem „Chevalier, Madame d'^on" 4in Geständnis über sein wahres Geschlecht erhält.

Adrian, ein Schriftsteller aus den ersten De- zennien des 19. Jahrhunderts, ist der Meinung, dass «das englische Weib von Natur leichter zur Viraginität neigt als andere. Ihm fiel der „weite soldatenmässige Schritt" der meisten englischen Frauen auf. „Wenn


') J. W. v. Archenholtz „Britische Annalen" Bd. XI, S. 426—427, vergl. auch v. Schütz „Briefe über London" S. 50-52.

  • ) Josse „George Selwyn" and bis contemporaries" Bd. I,

S. 288; vergl. ferner über dfäon „Geschichte der Päpstin Johanna" n. s. w. von M. J. A. L., Leipzig 1788, 8. 52—61; J. Larwood „The Story of the London Parks" London 1881, S. 436—488.


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man zwei Engländerinnen spazieren gehen sieht, glaubt man immer die Trommel und den Korporal voran- schreiten zn sehen, so gleich, so gemessen, so takt- mSssig ist ihr eher männlich kräftiger, als weiblich zierlicher Schritt" 1 )

Bornemann konstatiert nm dieselbe Zeit diese Viraginität nur als Ausnahme bei einem „freilich nicht kleinen Teil" der englischen Frauen und hebt als Er- scheinungen derselben namentlich wildes Reiten, Fahren» und Jagdschwärmen heryor. „Hier gefallen sich viele Ladies nur gar zu sehr in dem Sprächlein : je toller, je besser! und nehmen kecklich es auf mit Braus und Saus, Regen und Sonnenbrand. Ein echt modischer Gentleman hingegen reitet nicht gern, ohne einen tüch- tigen Schirm mitzufahren, die Sonne wie den Regen Ton sich abzuwehren. Master will eine zärtliche, Mistress eine eiserne Natur affektieren. Bewunderung suchen beide im Verkehrten." *)

Unter den eigentlichen „Hermaphroditen" erlangte Bob Bussicks, ein Viehtreiber in St. John Street, London (f 1792) in der zweiten Hälfte des 18. Jahr- hunderts eine gewisse Berühmtheit. Er war ein sehens- wertes Original von London 8 ). Selbst diesen Wesen ist eine eigene, höchst obseöne Schrift „Letters from Laura and Eveline ; giving an aecount of their Mock — Marriage, Wedding Trip etc." (London 1883) gewidmet. Laura und Eveline sind beide Hermaphroditen, die so- wohl aktiv als auch passiv im Geschlechtsverkehr thätig


x ) Adrian a. a. 0. Bd. II, S. 16.

  • ) W. Borne mann „Einblicke in England und London im

Jahre 1818" Berlin 1819, 8. 194—195. •)John Bee a. a. 0. 8. 88.


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sein können. Sie erzählen die Ereignisse bei und nach ihrer Hochzeit mit den von ihren „übergeschlechtlichen" Fähigkeiten ausserordentlich erbauten Gatten. Auch eine zu ihren Ehren in einem Londoner pornologischen Klub von Männern und Frauen gefeierte Orgie wird in der obscönsten Weise am Schlüsse dieser Hermaphro- diten-Novelle geschildert.


2. Sadismus und Masochismus.

In der Einleitung zum ersten Bande dieses Werkes (S. 8 ff.) habe ich die Eoheit und Brutalität als Züge des englischen Nationalcharakters gekennzeichnet Diese Ausführungen sind mir verdacht worden, obgleich sie sich auf völlig unparteiische Beobachter und ebenso begeisterte Freunde des freien Englands stützen, wie der Verfasser dieses Werkes einer ist. v. Archen- holtz, Macaulay, Taine stimmen darin völlig über- ein. Taine weist nach, dass die alte Eoheit der Angel- sachsen noch. bei ihren heutigen Nachkommen fortlebt, wie sie sich im Boxen, den wilden Tierhetzen, dem brutalen und übermässigen Gebrauche der Ruthe u. a* äussert. x ) Auch Macaulay erkennt an, dass der Grund- ton des englischen Charakters während vieler Menschen- alter derselbe geblieben ist, wenn wir ihm auch gerne zugeben, dass die Zivilisation viele Auswüchse der früheren Brutalität beseitigt hat. 2 ) Aber so rohe Ein- richtungen wie das Prangerstehen, von dem wir oben


  • ) Taine a. a. 0. Bd. I, S. 368.

') Macaulay „Geschichte Englands" Bd. II, S. 158.


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eine bezeichnende Schilderung mitgeteilt haben 1 )) die öffentliche Auspeitschung, 2 ) blutige Gefechte 8 ) und Boxen dauerten bis tief in das 19. Jahrhundert fort. Alle ausländischen Beobachter von Lichtenberg bis auf den neuesten Schilderer von England, Steffen, haben uns die widerwärtigen Eindrücke geschildert, welche sie von dem speciflsch englischen Sport der Pugilistik oder des Boxens empfingen. So schreibt Lichtenberg in einem Briefe an J. C. Dieterich vom 15. Februar 1775: „Vorgestern Morgen boxten sich zwey Kerle am unteren Ende der Strasse, worin ich wohne; gleich beym Anfang schlug der eine den andern so mit der Faust, dass er gleich todt darnieder fiel. Den Todten habe ich weggetragen, aber das Stiergefecht selbst nicht mit angesehen." 4 ) Eine andere Box-Szene beschreibt er in einem anderen Briefe vom 28. Sep- tember 1775. 6 )


x ) „Wenn der Verbrecher an den Pranger gestellt ward, hatte er von Glück zu sagen, wenn er unter einem Schauer von Ziegel- stücken und Pflastersteinen sein Leben rettete; wenn er an der Karre öffentlich ausgestellt ward, drängte der Haufe an ihn heran und bat den Henker, dem Burschen so viel zu geben, dass er heule." Macaul ay a. a. 0. Bd. II, S. 158—159; vergl. auch Archenholtz „England" I, 91.

  • ) „Oentlemen unternahmen an Gerichtstagen Vergnügungs-

touren nach Bridewell, um zu sehen, wie die schlechten Weiber, welche Hanf kratzten, gestäupt wurden" Macaul ay ibidem II, 159.

s ) „Kämpfe, im Vergleich mit welchen der Boxerkampf ein verfeinertes und menschliches Schauspiel gewährt, gehörten zu den Lieblingsvergnügungen eines grossen Teiles der Stadt; grosse Hänfen versammelten sich, um zu sehen, wie Gladiatoren sich mit tätlichen Waffen in Stücke hackten und jauchzten vor Ver- gnügen, wenn einer der Kämpfenden einen Finger oder ein Auge verlor." ibidem.

4 ) „Lichtenbergs Bri efe. Herausgegeben von Albert Leitzmann und Carl Schüddekopf." Leipzig 1901, Bd. L, S 219

  • ) ibidem Bd. [, S. 229.

Dtthren, Dos Geschlechtsleben in England.*** 5


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Hüttner sah im Sommer 1802 in Wimbledon bei London eine Boxefei „zwischen dem Juden Elias und dem berüchtigten Schläger Tom Jones, wo, nach einem fürchterlichen Gefecht von 20 Minuten, der Jude dem Jones einen Hieb hinter das Ohr versetzte, der ihn zu Boden stürzte." l ) Noch um 1830 gaben Boxer Vorstellungen in den kleineren Theatern, besonders in in dem der Catherine Street, Strand. Eine derartige pugilistische Darbietung in letzterem Theater schildert Adrian höchst anschaulich in dem „Die Boxer" be- titelten Kapitel seiner „Skizzen aus England", aus welchem man die unglaubliche Roheit des an diesen Kämpfen sich begeisternden Publikums ersehen kann. 2 ) In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das Boxen von der Polizei verboten. „Allein ein Preis- gefecht zwischen zwei vertierten Menschen wird immer bekannt, stark besucht, beklatscht und mit Wetten ge- ehrt. Der Anblick ist höchst widerlich. Ist der Spectakel aus, so wird das Resultat in den Zeitungen bekannt gemacht. Die Presse glorificirt so eine der ärgsten nuisances. Dem Fremden diene zur Notiz, dass hier summarisch arretiert wird, wenn die Polizei dem Vcr- gnügenspectakel dieser Art auf die Spur und noch zur rechten Zeit auf dem Platze ankömmt." 8 ) Trotzdem die strafrechtliche Verfolgung des öffentlichen Boxens noch heute fortbesteht, hat sich der Geschmack daran beim


_*) J. C. Hüttner „Englische MisceUen" Tübingen 1802, Bd. VI, S. 149.

  • ) Adrian „Skizzen aus England" Frankfurt a. M. 1830,

Teil I, S. 294—800.

•) J. Gambihler „Handbuch für Reisende nach London" München 1844, S. 142-148.


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englischen Publikum bis zum heutigen Tage er- halten. 1 )

Schon diese Thatsachen belehren uns über die ausserordentlich starke Entwickelung sadistischer In- stinkte im englischen Volke. Noch merkwürdigere Bei- träge zur Geschichte des Sadismus in England d. h. der wollüstigen Freude an den Leiden und Schmerzen des Nebenmenschen liefern aber die öffentlichen Hinrichtungen, welche seit alter Zeit in England eine ungeheuere Anziehungskraft, einen unheimlichen Zauber auf die grosse Volksmenge ausgeübt haben, welche nie- mals eine solche Gelegenheit vorübergehen liess, ohne sich mit wollüstigen Schauern echt sadistischer Natur zu erfüllen.

„Es ist eine geheime Lust," sagt ein neuerer Autor, „welche bei den öffentlichen Hinrichtungen unzählige Menschen zu den grauenvollen Schauspiele hinzieht, es ist eine starke geschlechtlich nuancierte Aufregung, welche sich ihrer während derselben bemächtigt. Dies ist das entsetzliche Thema der berüchtigten Romane des Marquis de Sade, die aber nicht blosse Phantasie sind, sondern die Wirklichkeit wiederspiegeln". 2 )

Diese Freude am Töten und Foltern tritt im fröhlichen alten England zu deutlich hervor, als dass sie einer näheren Schilderung bedürfte. Man denke nur an Marlowe's und Shakespeare's Dramen, auch an Ford, Massinger u. A., in welchen sich der grausame


  • ) Vergl. G. Steffen „Aus der FunfmiUionenstadt" S. 201.

VergL über die Geschichte der Pugilistik in England PierceEgan „Boxiana, or Sketches of ancient und modern Pugilism" London 1824, 4 Bände.

  • ) Iwan Bloch „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia

sexualis" Dresden 1903, Bd. II, S. 48.

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wollüstige Geist der Zeit in einzelnen Scenen er«  schrecklich spiegelt Wir wollen nur einige Beispiele für diesen Hinrichtnngsfanatismns aus der neueren Zeit mitteilen.

In der geschlechtlich so sehr ausschweifenden Epoche der Restauration wohnten die Kavaliere den Hinrichtungen und scheusslichsten Folterungen zu ihrem Vergnügen bei. Selbst Damen kamen, um sich an diesen grausamen Scenen zu weiden. „Der gute Evelyn beklatschte, die Höflinge besangen sie; sie waren so tief gesunken, ihr Gefühl so ertötet, ihre Sinne, ihre Nerven so abgestumpft, dass sie keinen Ekel empfanden, bei Dingen von denen sich jedes menschliche Gefühl mit Abscheu abwendet' 41 ) Manche gingen noch weiter. Als der Oberst Turner den Rechtsgelehrten JohnCoke vierteilen sah, mussten auf sein Geheiss die Henkersknechte einen anderen Verurteilten Hugh Peters herbeiführen und der Scharf- richter, sich die blutigen Hände reibend, ihn fragen, ob die Arbeit nach seinem Geschmacke war. Sehr be- zeichnend ist, dass diese grausamen Adligen vom Blut- gerüst zu den ausschweifendsten Orgien eilten, 3 ) was die geschlechtliche Grundlage ihrer Grausamkeit aufs schlagendste beweist 8 )

Im 18. Jahrhundert war Tyburn, der Londoner Hinrichtungsplatz ein wahrer Volksbelustigungsort Zu diesem Schauspiele mietete man sich lange im voraus Plätze wie zu einem Hahnenkampf oder Preisboxen. Kein Montag verging ohne eine Hinrichtung. Oft wurden bis zu 15 Verurteilte zugleich ins Jenseits befördert,


  • ) H. Taine a. a. 0. Bd. IL, S. 18.
  • ) ibidem S. 19.
  • ) Vergl. hierüber auch Mrs. Manley's „Atalantis" S. 672»


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was den Zulauf stets gewaltig steigerte Tom Browne erwähnt ans dem Jahre 1709, dass ein alter Advokat in Holborn seine Clerks an jedem Hinrichtnngstage be- urlaubte, damit sie sich den Spass ansehen könnten. 9 ) Lady Hamilton machte sich ein besonderes Vergnügen daraus, in Neapel den Hinrichtungen des greisen Prinzen Caraccioli, des Arztes Cirillo u. a. zuzusehen 8 ). Thackeray sagt: „Hundert Jahre zurück, und das Volk wälzt sich hin in Scharen, um den letzten Akt eines Strassenräubers zu sehen und Spässe darüber zu machen. Swift lacht ihn aus und rät ihm grimmig für ein weisses holländisches Hemd zu sorgen und sich ein schwarzes oder rotes Band auf die weisse Kappe setzen zu lassen, lustig auf den Karren zu steigen. Gay ward zu den schönsten Balladen und poetischen Erheiterungen durch denselben Helden angeregt." 4 )

Unrecht hat er aber, wenn er weiter bemerkt: „Kämen sie jetzt (1850) mit einem gezogen, der da sterben sollte, die Fenster würden sich schliessen, die Einwohner, krank vor Abscheu, die Häuser verriegeln."

Dennoch bis in die letzten Decennien haben Hinrichtungen in England ein äusserst beliebtes Schau- spiel für den englischen Pöbel gebildet Schlesinger giebt davon folgende charakteristische Schilderung. 5 )

„Sie fragen nach unseren Volksfesten? — sagte einmal eine fein gebildete englische Dame, die lange

') Vergl. J. Rodenberg „Studienreisen in England" Leipzig 1872, S. 289.

■) W. Thornbury „Haunted London" London 1880, 8. 874.

") „Geschichte der Lady Emma Hamilton" Leipzig 1816, 8. 118.

4 ) Thackeray „Englands Humoristen" 8. 108—109.

6 )M. Schlesinger „Wanderungen durch London" Berlin 1852 Bd. I, 8. 164.


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auf dem Continente gereist war, und die grellen Schatten- seiten ihres Vaterlandes nicht mit dem Schleier blinder Zärtlichkeit zu verhüllen liebt — „Sie wollen wissen,, wo unsere Volksfeste abgehalten werden? Unsere Kirch- weihen, unsere Winzerfeste, unsere Fastnachtsschwänke, die in Ihrem sonnigen Lande das Volk mit Wein und Lust und Tanz berauschen? Vor Newgate, mein Herr, wenn gerade ein Mensch gehenkt wird, oder in Horse- monger lane, oder sonst auf einem schönen Platze vor dem Criminalgefängnisse einer unserer Grafschaften. Da ist ein Treiben und ein Leben von Tagesanbruch an bis zum Augenblicke, wo der Henker seine grässliche Pflicht gethan hat, gegen das Ihr Jahrmarktsleben in den Hintergrund tritt Die Fenster der Umgebung werden für teures Geld vermietet, Schaugerüste auf- geschlagen, Buden mit Esswaren und Getränken in der nächsten Nähe aufgepflanzt; Bier und Branntwein gehen zu vollen Preisen ab; meilenweit kommen sie gelaufen, geritten und gefahren, um das menschenschänderische Schauspiel zu sehen; und in vorderster Reihe die Frauen, meine Landsmänninnen, nicht etwa bloss die Weiber ärmerer Klassen, auch feine, zarte blonde Locken- köpfe. 0, es ist schändlich, aber es ist wahr. Und unsere Zeitungen haben nachträglich die traurige Pflicht, deren sie kein echter Engländer entheben würde, die letzten Zuckungen des Unglücklichen mit der haarsträubenden Genauigkeit eines Physiologen zu re- gistrieren."

Diese durchaus nicht übertriebene Schilderung traf bis in die neueste Zeit nicht nur auf Hinrichtungen in den grossen Städten, sondern auch auf dem Lande zu» J. Bloch erwähnt in seinem oben genannten Werke


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eine hierauf sich beziehende Auslassung von Holtzendorf f in dessen vorzüglichem Buche über die Zwecklosigkeit der Todesstrafe:

„Eine sonst ruhige und anständige Landbevölkerung zeigte sich bei kleinstädtischen Hinrichtungen von der schlimmsten Seite, so dass man behaupten dürfte, die Vollstreckung von Todesurteilen bezeuge nicht nur die bereits vorhandene Ausartung verdorbener Menschen, sondern verderbe auch bessere Elemente. Dymond bezeugt von einer in der kleinen Stadt Chelmsford voll- zogenen Hinrichtung, dass unter der herbeigeströmten Landbevölkerung „ein wahrer Carneval der Aus- schweifung" geherrscht habe. Dem Henker war in der Nacht vor der Hinrichtung ein Festessen in einem Wirtshause gegeben worden, um ihn dabei seine Hin- richtungsgeschichten erzählen zu lassen. Aus dem Um- kreise von zwanzig englischen Meilen kamen die Landr leute herbei. Junge Männer und Mädchen vern- ein igten sich dabei zu Picknicks." 1 )

Deutlicher als durch die letztere Thatsache kann die Verknüpfung dieser grausamen Freude an Hinrichtungen mit geschlechtlichen Motiven nicht zum Ausdruck gebracht werden. Hierdurch charakterisiert sich jene Neigung als ein specifisch sadistische.

Unter dem Einflüsse solcher Schauspiele und deren häufiger Wiederholung entwickelten sich einzelne Indi- viduen zu wahren Hinrichtungshabitufes. Sogar Personen von Rang und Ansehen fanden sich unter diesen englischen Hinrichtungsfanatikern.

In den „Originalzügen aus dem Charakter englischer


  • ) J. Bloch „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia sexualis"

Dresden 1903, Bd. II, S. 49—50.


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Sonderlinge" 1 ) heisst es: „Eine andere, ebenso ausser- ordentliche Wollast gewährt der Anblick hingerichteter Missethäter dem Ritter S . . ., der sonst ein wegen seines Charakters allgemein geschätzter Mann ist. Das Vergnügen einer Exekution hat in seinen Augen ganz unnennbare Beize, die eine unerklärbare Gewalt über ihn haben. Einer seiner Freunde machte ihm deshalb Vorwürfe; der Ritter entschuldigte sich und ging eine Wette ein, der nächsten Hinrichtung nicht beizuwohnen, welches er sonst nie unterliess. Der Tag erschien, allein mit ihm fand sich auch der unwiderstehliche Drang ein, sein Lieblingsvergnügen zu gemessen — er ritt nach Tyburn (dem Richtplatze) und bezahlte die Wette.

Als der Königsmörder Damiens in Paris von Pferden zerrissen wurde 8 ) reiste S . . . bloss deswegen dahin und erkaufte sich vom Scharfrichter die Freiheit, das Blutgerüst mit besteigen zu dürfen, damit er die grässliche Scene in der Nähe genau sehen könne. Er sah sie — und reiste dann sogleich nach England zurück."

Dasselbe erzählt Archenholtz, dem wohl der obige Bericht entnommen ist 8 )

Höchstwahrscheinlich ist dieser Ritter S . . . identisch mit George Selwyn 4 ), einem der merkwürdigsten Hinrichtungshabituös des 18. Jahrhunderts. Bei diesem


  • ) Leipzig 1796—1798 S. 48.
  • ) Vergl. die ausführliche Schilderung dieses grauenvollen Er-

eignisses in meinem „Marquis de Sade" 3. Auflage S. 251—257, wo auch noch andere Persönlichkeiten genannt weiden, die während dieser Hinrichtung ihre sadistischen Gelüste befriedigten.

•) Archenholtz „England" Bd. III, 8. 89—90.

  • ) Vergl Aber seine Persönlichkeit Bd. II dieses Werkes S. 166 ff.


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Lebemann tritt die geschlechtliche Grundlage dieser leidenschaftlichen Begierde nach dem Anblicke von Hinrichtungen um so bedeutungsvoller hervor, als er von Natur äusserst gutmütig und sanft war und an harmlosen Spielen mit Kindern ein überaus grosses Vergnügen fand. Er verbrachte nach Rodenberg ebenso viel Zeit in Tyburn als in dem fashionablen Klub bei White's 1 ). Vorher pflegte er sich mit wollüstiger Neugierde über alle Einzelheiten des begangenen Mordes, das Benehmen des Verbrechers während seines Prozesses, im Kerker zu unterrichten und studierte dann bei der Hinrichtung mit grösstem Eifer sein Verhalten Angesichts des Todes. Die schauderhaftesten Einzelheiten bei einem Selbst- morde oder Morde, das Aussehen des entstellten Leich- nams, der Anblick Sterbender waren Gegenstände seines lebhaftesten Interesses und gewährten ihmeineschmerzlich- rätselhafte Wonne. Horace Walpole erzählt zahl- reiche Anekdoten über diese seltsamen Gelüste seines Freundes. Als der erste Lord Holland im sterben lag, wollte Selwyn als vertrauter Freund ihn durchaus sehen. „Wenn Mr. Selwyn das nächste Mal wieder vorspricht," sagte Lord Holland zu seinem Diener, „lass' ihn herein; wenn ich dann noch am Leben bin, werde ich mich freuen, ihn zu sehen und wenn ich tot bin, wird er erfreut sein, mich zu sehen." Am Tage der Hinrichtung von Damiens drängte er sich in sehr einfacher Kleidung direkt an das Schaffott heran, so dass er von einem französischen Edelmann für einen Henker gehalten wurde, der ihn fragte: „Eh bien, mon- sieur, etes-vous arrivö pour voir ce speetacle?" — „Oui,


] )*J. Rodenberg , .Studienreisen in England*' S. 2S9.


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monsieur." — „Vous etes bourreau?" — „Non, non f monsieor, je n'ai pas cette honneur, je ne suis qu'un amateur." 1 )

Sir Nathaniel Wraxall erzählt diese Geschichte etwas anders. „Selwyn's nervöse Reizbarkeit," sagt er, „und leidenschaftliche Begierde, den Menschen beim Sterben zu beobachten, brachte ihn in manche lächerliche, tadelnswerthe Situationen. Er wohnte allen Hinrichtungen bei, bisweilen, um der allgemeinen Aufmerksamkeit zu entgehen, als Weib verkleidet. Man hat mich versichert, dass er 1756 (1757) ausdrücklich zu dem Zwecke nach Paris reiste, um Zeuge der letzten Augenblicke von Damiens zu sein, der unter den schrecklichsten Martern wegen seines Attentats gegen Ludwig XV. vom Leben zum Tode gebracht wurde. Als er sich durch die Menge hindurch zu nahe ans Schaffot drängte, wurde er von einem der Scharfrichter zurückgewiesen. Aber nachdem er demselben mitgeteilt hatte, dass er allein wegen dieser Hinrichtung die Reise von London nach Paria gemacht habe, gebot der Mann sofort dem Volke Platz zu machen, indem er ausrief: „Faites place pour mon- sieur; c'est un Anglais, et un amateur." 8 )

Die Freunde Selwyn's huldigten zum Teil selbst diesem eigentümlichen Sport und ermunterten so auch ihrerseits den Letzteren darin. So schreibt Gilly Williams 8 ) an Selwyn: „Harrington's Pförtner wurde gestern verurteilt. Cadogan und ich haben bereits Plätze bei Braziers bestellt und ich hoffe, dass Pfarrer


  • ) J. H. Jesse „George Selwyn and his contemporaries." Lon-

don 1882 Bd. I, S. 5, 7, 10- 12. f ) ibidem S. 12. 8 )Vergl. über ihn Bd. II dieses Werkes S. 170 u. ö.


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Digby zeitig genug kommen wird, um auch mit Zeuge von der Partie zn sein. Ich setze voraus, dass wir auch Ihrer Ehren Gesellschaft haben werden, wenn Ihr Magen für ein so einfaches Gericht nicht allzu verwöhnt ist."

Ein anderer Freund, Henry St John, beginnt einen Brief an Selwyn mit der Erzählung, wie er und sein Bruder einer Hinrichtung beiwohnten. „Wir ge- nossen den vollen Anblick von Mr. Waistcott, als er den Galgen mit einer weissen Kokarde am Hut bestieg." Er spricht von einer Hinrichtung ungefähr so wie man heute von einer Fasanenjagd redet „Ich hoffe, sie haben zu guten Zeitvertreib auf der Place de Gröve gehabt, um noch Notiz von der Hinrichtung eines so notorischen Schurken wie Lady Harrington's Pförtner zn nehmen. Mais laissons Ja ce discours triste, und sprechen wir von der lebendigen und munteren Welt" l >

Auch James Boswell, der berühmte Biograph von Samuel Johnson war ein solcher Hinrichtungshabituäi Er spricht im Leben Johnson's gelegentlich von Mr. Akerman, dem Aufseher von Newgate, als von seinem „geschätzten Freunde 1 ' 9 ), wozu Mr. Croker bemerkt: „Dass Mr. Boswell den Aufseher von Newgate seinen „geschätzten Freund" nennt r hat viele Leser in Ver- legenheit gesetzt, aber abgesehen von seinem natürlichen Verlangen, die Bekanntschaft aller hervorragenden, be- merkenswerten oder selbst berüchtigten Persönlichkeiten zu machen, brachte ihn wahrscheinlich seine seltsame


x ) E. S. Roscoe and Helen Clergue „George Selwyn,. hiß Letters and his Lifo" London 1899, 8. 17—18; vergl. ferner Timbs „Curiosites of London" S. 744.

  • ) J. Boswell „The Life of Samuel Johnson" London o. «L

(G. Boutledge) S. 881.


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Neigung, Hinrichtungen beizuwohnen, in näheren Verkehr mit dem Aufseher von Newgate." 1 ) Boswell trug einen eigenen Anzug von „Hinrichtungs-Schwarz", um in der Nähe des Schaffotts mit Anstand erscheinen zu können. 2 )

In der neueren Zeit scheint es ebenfalls noch solche Hinrichtungs- Amateurs in England zu geben. Hector France 8 ) berichtet von einem englischen Baronet, der mehrere Jahre lang die von Mördern benutzten Messer und Dolche und die Stricke Gehängter sammelte, darauf später noch stärkere Emotionen suchte, indem er selbst den Henker spielte. Dieser Mann war in Essex unter dem Spitznamen „Amateur Hangman tt bekannt. Eines Tages war der Henker verhindert, eine Hinrichtung zu vollziehen, der Baronet erbot sich sofort, dies an seiner Stelle zu thun. Er fand seitdem Geschmack daran und bat bei jeder Hinrichtung die Sheriffs der Grafschaft, ihm das Amt des Henkers zu übertragen, welches er ohne Entgelt und mit aristokratischer Eleganz ausübte, .sichtlich zu seinem grössten Vergnügen. Er brachte so kurz nacheinander mit seltener Geschicklichkeit drei Mörder, zwei Vatermörder, zwei Gatten- und vier Kinder- mörder, sowie zwei Giftmischerinnen vom Leben zum Tode. Besonderen Genuss schien er beim Hängen der Frauen zu empfinden, wobei ein eigentümliches grausames Lächeln auf seinem Antlitz erschien. Dieser Gentleman, der den echt französischen Namen Sir Claude deCrespigny hatte, war Mitglied des vornehmen „Army and Navy Club", vor dem er sich eines Tages wegen


  • ) Jesse a. a. 0. Bd. IV. 8. 83.
  • ) J. Roden berg a. a. 0. S. 289.

») Hector France „En Police-Court" Paris 1891, S. 249— 250.


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seiner anrüchigen Thätigkeit verantworten musste, und sich so gut verteidigte, dass der Club ihn auch ferner als Mitglied behielt

Ueber einen anderen, ähnlichen englischen Sadisten berichten die Gebrüder Gonconrt in ihrem Tagebuch. 1 )

In einem Auktionsraum des Euston Road in London wohnte Hector France einer Versteigerung von Stricken bei, womit die Verurteilten aufgeknüpft worden waren. Jeder Strick enthielt eine Etikette des Henkers Mar* wood mit einer Bezeichnung des Verbrechens, Datum der Hinrichtung und Namen des Hingerichteten. Man konnte sich so je nach seinem Geschmacke eine Er- innerung an eine Giftmischerin, einen Erwürger und einen Vatermörder verschaffen. Besonders wurden die Stricke der wegen Ermordung ihrer Frauen Gehängten begehrt. Zahlreiche Gentlemen und junge poetische Misses machten sich den Besitz dieser zweifelhaften An- denken streitig. Eine alte Jungfer kaufte sich eine ganze Kollektion davon Am meisten verlangt wurden diejenigen Teile des Strickes, die den Hals des Ver- brechers umschnürt hatten. *)

Unter den eigentlichen sadistischen Verbrechern verdient aus dem Ende des 17. und Anfange des 18. Jahrhunderts der Eäuber Tom Dorbel eine Er- wähnung. Nachdem er bereits verschiedene Baubthaten begangen hatte und mit Mühe dem Galgen entgangen war, that er bei einer Dame in der Ormond-Strasse zu London Lakaiendienste. Einst sandte ihn diese Frau nach Bristol, um ihre Nichte wieder nach London zu geleiten. Als er auf der letzten Station mit ihr allein

  • ) Vergl. „ßtude sur la Flagellation" Paris 1900 S. 178—180.

■) H. France a. a. 0. S. 248—249.


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im Wagen war, missbrauchte und verletzte er sie auf die schändlichste Weise und befriedigte an der Schwer- verletzten seine tierische Lust, um dann unter Mitnahme aller ihrer Wertsachen zu entfliehen, wurde aber ergriffen und den 23. März hingerichtet. 1 )

Die berühmte Hetäre Miss Annabella Parsons wurde einmal von einem Sadisten vergewaltigt und mit einem Federmesser an den Genitalien verletzt. („Briefe des Herzogs von C. u. s. w. Frankfurt und Leipzig 1770. S. 272).

Eines der frühesten Beispiele eines sogenannten „Mädchenstechers" war das sogenannte „Ungeheuer", «in Mann namens Williams, der im April und Mai des Jahres 1790 die Strassen von London unsicher machte.

„Der merkwürdigste Tribunal-Vorfall des Jahres 1790," erzählt Archenholtz 8 ), „war der Prozess des sogenannten Ungeheuers, das eine unglaubliche Anzahl Frauenzimmer freventlich verwundet hatte. Es erschienen als Klägerinnen im Gerichtshofe auf einmal Lady Wal- pole, Mrs. Bourney, Mrs. Smyth, Mrs. Blany, Mrs. Ne wman, Miss Porter mit ihren beiden Schwestern, Miss Toussaint, Miss Godfrey, zwei Misses Bou- ghano und viele andere geringere Personen weiblichen Geschlechts, die alle entweder unter den Händen des Ungeheuers geblutet hatten, oder deren Kleider doch durch Dolchstiche verwundet worden waren. Das Indi- viduum hiess Remrick Williams. Sein Prozess be- schäftigte am 8. Juli den Gerichtshof in der Old-Bailey, der grossenteils mit Frauenzimmern angefüllt war. Die Älteste Miss Porter erschien als Klägerin. Ihr Sach-


') C. Whithead a. a. 0. Bd. I, S. 861—865.

  • ) J. W. ▼. Archenholtz „Britische Annalen" Bd. V,S. 175

bis 188.


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walter Pigot rief die Aufmerksamkeit des Tribunals auf, die merkwürdigste Sache anzuhören, die je eine Klage veranlasst hätte. Er sagte: „Ich muss Ihnen eine Szene in Erinnerung bringen, die so neu in den Jahrbüchern des Menschengeschlechts ist, eine Szene so unerklärbar, so unnatürlich, dass man zur Ehre der menschlichen Natur sie nicht, als möglich geglaubt haben würde, noch jetzt glauben könnte, wenn die Beweise derselben nicht von solcher Art wären, dass die Sinne die Ueberzeugung bewirken müssten." Dieses Wesen, angeklagt wegen eines Verbrechens ohne Namen, dessen mögliche Existenz kein Gesetzgeber je geahnt hatte, «in menschenähnliches Geschöpf, das allein und isoliert unter dem Menschengeschlecht steht, verdient auch, nach seiner körperlichen Form bezeichnet zu werden. Es ist fünf und einen halben Fuss lang und von magerer Leibesgestalt. Das Gesicht sehr schwarzbraun und länglich, dazu eine lange Nase und Wildheit im Blick. Das Haar natürlich kraus, und die Gesichtszüge nicht unregelmässig. Er wurde aber, nicht wie ein nach Mädchenblut gieriger Tiger, sondern wie ein „Verderber von Kleidern" angeklagt und behandelt, aber schliesslich wurde Bemrick Williams dazu verurteilt, für jede Klage zwei Jahre in Newgate zuzubringen, im ganzen sechs Jahre. Nach Ablauf derselben muss er für seine nachherige gute Aufführung 400 Pfund Sterling Bürg- schaft stellen. 4 '

Weitere Ergänzungen zu dieser .Mitteilung, in sehr skeptischem Sinne, giebt GeorgForster, der sich zu jener Zeit in London aufhielt Er spricht in seinen Tagebüchern unter dem 12. Mai 1790 von dem „Un- geheuer" (The Monster, der Frauenstecher).


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„Seit vier Wochen spricht ganz London von dem Ungeheuer; die Zeitungen sind voll davon; die Theater- dichter unterhalten das Volk davon auf den Bühnen; die Damen fürchten sich davor; der Pöbel sieht jeden Vorübergehenden schärfer darauf an, ob er nicht in ihm das Ungeheuer entdecken könne; alle Wände sind mit Ankündigungen und Darbietungen einer Belohnung für denjenigen, der das Ungeheuer greifen wird, beklebt; freiwillige Subskriptionen sind eröffnet worden, um es fangen zu lassen; Mrs. Smith, eine Dame du bon ton, hat es mit einem Pistol hinters Ohr geschossen, — es hat sich verkleidet, geht in vielerlei Gestalten umher, verwundet schöne Frauenzimmer mit einem eigens er- fundenen Instrument, mit Haken in Blumensträussern verborgen, mit Packnadeln u. s. f. — und dieses Un- geheuer ist nichts mehr und nichts weniger als — ein Unding, womit man die müssigen Einwohner von London amüsiert. Ein Taschendieb, der vermittelst eines Instru- mentes die Taschen umzukehren und auszuleeren gelernt hatte, konnte vielleicht eine Dame verwundet haben, indem er dieses Kunststück an ihren Taschen probierte; dieser unbedeutende Zufall war hinreichend , um eine ganze Geschichte von einem Ungeheuer darauf zu gründen, welches gegen weibliche Schönheit wütete, und eine Verschwörung zwischen mehreren Geschöpfen dieser Art wahrscheinlich zu machen, die aus Bosheit oder Rache, oder verkehrtem Geschmacke, das ganze Geschlecht oder doch den schöneren Teil desselben vernichten sollte." 1 )

Nach der von Archenholtz ausführlich mitgeteilten


  • ) Briefe und Tagebücher GeorgForsters von seiner Reise

am Niederrhein, in England und Frankreich im Frühjahr 1790. Herausg. von A. Leitzmann, Halle 1893 S. 224—225.


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Gerichtsverhandlung und vor allem nach zahlreichen analogen Fällen unserer Zeit dürfen wir aber wohl die Sichtigkeit der ersten Erklärung annehmen und liegt für uns kein Grund zum Zweifel vor. In ergötzlicher Weise schildert Archenholtz die temporäre wohlthätige Wirkung des Auftretens dieses Mädchenstechers auf die öffentliche Moral.

„Die nächtlichen Strassen-Szenen der Wollustjäger und der Lustmädchen, die hier viel weiter wie in Paris getrieben wurden, erlitten durch das bekannte Unge- heuer einen starken Stoss; denn kein Mann von Galan- terie durfte sich, so bald es finster war, selbst einem ehrbaren Mädchen nähern, um sie anzureden. Die Schönen flohen; sogar die Priesterinnen der Venus, die auf den Strassen die Opfernden erwarten, hielten mit ihren traulichen Seden zurück, aus Furcht, auf das Ungeheuer zu stossen. Die „peri patetischen" Leiden- schaften verschwanden; die Ordnung der Dinge wurde umgekehrt und nur diejenigen Mannspersonen waren gegen einen so bösen Argwohn gesichert, die unter dem „Schutz eines Frauenzimmers zur Abendzeit die Strassen betraten". Lady Wallace trug aus Furcht vor dem Ungeheuer immer eine geladene Pistole bei sich. 1 )

Ein wahrer „englischer Girard", dessen Fall mit dem des berüchtigten französischen Jesuiten Girard*) eine frappante Aehnlichkeit darbietet, war der Geistliche Scoolt, der mit der Tochter des Aufsehers Reddic obscöne Bücher las, sie ins Theater und zuletzt ins Bordell führte, wo er sie alle Arten der Wollust kennen


') Archenholtz „Britische Ann alen" Bd. V, S. 882— 883; S. 868.

  • ) Vergl. über die Skandalaffäre Girard-Cadiere mein

Werk fiber den „Marquis de Sade" 3. Aufl. S. 66—67.

D ah reu, Dm Geschlechtsleben in England.**» 6


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lehrte, bis er sie endlich schmählich im Stiche Hess, nachdem er ihr, wie einst Girard der Katharina Cadiöre ein Abtreibemittel gegeben hatte. 1 )

Nicht ganz hierher gehört die am 9. Juli 1824 vollbrachte Thatdes katholischen Priesters Joh n C arr oll in Ballymore, da derselbe später als irrsinnig erkannt wurde. Er hatte bereits bei mehreren Leuten „den Teufel ausgetrieben", indem er auf ihrem Leibe herumsprang! Am Freitag, den 9. Juli 1824 begab er sich in das Hans des Nagel- schmiedes Thomas Sinnot. Zufällig fing dessen Kind, ein hübsches kleines Mädchen von drei oder vier Jahren, welches in dem Zimmer, in dem Carroll sich aufhielt, im Bette lag, an zu schreien. Er erklärte sofort, dass das Kind vom Teufel besessen sei, sprang in das Bett und auf den Leib des armen Kindchens! Als der Vater des armen Wurmes bei dessen Jammergeschrei sein Kind befreien wollte, hielten einige zufällig anwesende Fana- tiker, unter anderen die eigene Mutter des Kindes ihn zurück, ja letztere war dem Priester bei der Ausübung seiner schändlichen Zeremonien behülflicbü Sie musste ihm ein Fass mit Wasser und Salz holen, dessen Inhalt er über das blutende und bewusstlose Kind ausschüttete, und als das Wasser sich mit dem strömenden Blute ver- mischte, schrie er fanatisiert: „Seht das Wunder! Ich habe Wasser in Blut verwandelt!!" Dann drehte er das Fass so scharf um, dass der Hals des Kindes stranguliert und so das unglückliche Wesen von seinen Leiden erlöst wurde. Mit dem Befehl, dass Niemand das Kind bis zu seiner Bückkehr berühren dürfe, verliess er das Haus- Zwei Aerzte erklärten Carroll für geisteskrank, und er wurde in einer Irrenanstalt interniert Die fana-

») Archenholtz „Britische Annalen" Bd. XIII, S. 155—156.


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tischen Zuschauer waren aber jedenfalls nicht geistes- krank und liefern einen traurigen Beweis für den sa- distischen Untergrund des religiösen Fanatismus, wie er in ähnlicher Weise in der Geschichte des Gekreuzigten von Wildisbuch zu Tage trat 1 )

Cor vi n*) berichtet aus den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts von einem Kindermädchen in London, welches gestand, dass sie für die Tötung von Kindern und Tieren keine anderen Beweggründe habe, als das seltsame, wahnsinnige Vergnügen, welches sie dabei genösse. Sie war befriedigt, wenn sie die Todesqualen sehen konnte. Sie hatte ihrer vermeintlich angeborenen Neigung zu Totschlag jahrelang vor der Entdeckung ihrer Verbrechen gefröhnt und ihr im Geheimen viele Opfer gebracht.

Nach der im allgemeinen gut orientierten Verfasserin 4er „Memoiren einer Säugerin" kommen Lustmorde in England relativ häufig vor, wofür sie mehrere Beispiele Anführt 8 ). Am bekanntesten wurde in den neunziger Jahren der „Jack the Kipper" genannte unbekannte Lustmörder, welcher das East End unsicher machte, und in dem später ein geisteskranker Student erkannt worden sein soll.

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass im Laufe des


x ) Vergl. „Atrocious Acts of Catholic Priest* etc. . . . Fana- -ticiflm! Cruelty! Bigotryü The Particulars of the horrible Murder of Catherine Sinnott etc. by the Eev. John Carroll etc., Under Pretence of performing a Miracle, by casting xlevüs out of the child Which took place at Killinick, in the -County of Wexford, on Friday, July 9, 1824 etc." London o. J. 14 S. — Auszug bei Pisanus Fraxi „Index" S. 100—102.

  • ) Cot vi n „Die Geissler" 8. Auflage, Zürich o. J. S. 841.
  • ) „Memoiren einer Sängerin" Bucarest o. J. (Neudruck)

Bd. n, S. 191.

6*


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19. Jahrhunderts die halb- und ganzerotische Literatur in England einen ihr früher in diesem Umfange we- nigstens fremden sadistischen Charakter annahm. Der beste Kenner dieser verhängnisvollen Metamorphose,. Pisanns Fraxi, bemerkt darüber: „Es ist offenbar,, dass die Schriftsteller der Gegenwart sich von den ver- derblichen, blutdürstigen, widernatürlichen Doktrinen des- Marquis de Sade haben beeinflussen lassen und den Cynismus, die Grausamkeit und die ungeheuerliche Lascivität nachgeahmt haben, die den charakteristischen Zug seiner Werke ausmachen und die, wie zugestanden werden muss, er mit Meisterhand handhabte. So ist der Charakter der englischen erotischen Dich- tung von Grund aus verändert worden und hat seinen gesunden Ton (wenn ein Buch dieser Art gesund genannt werden kann) gänzlich verloren." 1 )

Zweifellos wurde diese sadistische Tendenz der neueren englischen Erotik durch das den Engländern überhaupt eigene Sensationsbedürfnis, das uns in allen Lebensverhältnissen entgegentritt, bedeutend gefördert. Schon Smollett lässt Herrn Melopoyn im „Roderick Ran dorn" erst dann pekuniäre Erfolge in der Schrift- stellerei erzielen, als er dieses aufregende Gebiet betritt „Ich habe mir manches gute Mahl mit einem Ungeheuer gewonnen; ein Raub hat mir oft viel eingebracht; aber ein Mord zu rechter Zeit Hess mich niemals im Stiche." *)

Einige Specimina solcher neueren englischen sadisti- schen Romane mögen an dieser Stelle genannt werden^


  • ) P. Fraxi „Catena librorum tacendorum" London 1886

S. XLII-XLin.

  • ) „Abenteuer Roderick Random's. Von TobiaB Smollet"

Ans dem Englischen fibersetat. BraanBchweig (Westermann) 1839 Teil IV S. 59.


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deren Lektüre in der That für das Stadium des Einflusses des Marquis de Sa de auf die Phantasie der Verfasser Solcher Erotika recht lehrreich ist

Die berüchtigte Schrift dieser Art führt den Titel „The Pleasures of Cruelty" (die Wonnen der Grausam- keit) und wird direkt als eine „Fortsetzung" der „Justine und Juliette" des Marquis de Sade bezeichnet. Es ist mir davon nur ein Neudruck bekannt 1 ), das Werk muss -aber schon vor 1880 erschienen sein. Denn in dem dritten Bande der in diesem Jahre erschienenen erotischen .Zeitschrift „The Pearl" (III, S. 169—176) findet sich eine Episode „The Sultan's Reverrie. An Extract f rom the Pleasures of Cruelty." (in dem erwähnten Neudruck Bd. II, S. 32—52). Pisanus Fraxi scheint diese Schrift, die ein würdiger Nachfolger des Marquis de Sade ver- fasst hat, nicht gekannt zu haben, da sie in den drei Bänden seiner Bibliographie nicht erwähnt wird. Sie gehört aber in der That zu den krassesten Nachahmungen der „Justine und Juliette", die offenbar auf einer ein- gehenden Lektüre des letzteren Werkes beruht, wie auch aus der Erwähnung einzelner Szenen desselben <7 B. Bd. III S. 8) hervorgeht und wie die folgende kurze Analyse der Schrift beweist

Sir Charles Dacre, ein reicher Baronet und einer der lustigen Kumpane Georgs IV. ist bereits mit 38 Jahren ein völlig blasierter Lebemann und ein körper- liches Wrack. Er sucht seinen abgestumpften Sinnen vergeblich an den Spieltischen und in den Bordellen


  • ) „The Pleasures of Cruelty being a sequel to the

teading of Justine et Juliette by the Marquis de Sade" Paris et London 1898, 8 Bände, kl. 8°.


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von Brüssel, Wien and Paris nene Reize zuzuführen. Er bittet daher eines Tages Madame Josephine, eine be- rüchtigte Kupplerin, in deren Hanse er gerade weilt, ihm neue sexuelle Genüsse zu verschaffen. Sie erbietet sich, ihn gegen ein Honorar von 500 Pfund völlig zu verjüngen. Das könne aber nur mit Hülfe seiner Töchter — Sir Charles ist Vater dreier Töchter, Maud, Alice nnd Flora, im Alter von 18, 17 und 15 Jahren — geschehen und zwar dadurch, dass er sie auf jede denkbare Weise vergewaltige und martere und demütige und so gleich- zeitig durch den Gedanken stimuliert werde, dass er sein eigenes Fleisch und Blut beschimpfe. Zur Ausführung dieser echt sadistischen Phantasien begeben sie sich, um vor der Polizei sicher zu sein, auf türkisches Gebiet und zwar auf das asiatische Ufer des Bosporus, wo sie ein Haus mieten, in welchem eine völlig abgelegene „Folter- kammer" mit Geissein, Ruthen, Ketten und anderen Straf- instrumenten eingerichtet wird. Nebenbei kann Sir Charles an einem in der Nähe gelegenen See dem Angel- und Jagdsport huldigen.

In dem nun folgenden ersten Teile „The Torture Chamber" (I, 9 — 68) werden die scheusslichsten sadisti- schen Szenen, die der Vater und Madame Josephine mit den drei Mädchen vornehmen, geschildert; letztere müssen ebenfalls sich aktiv daran beteiligen. Eingeflochten ist die von Madame erzählte Episode der Vergewaltigung und grausamen Misshandlung eines deutschen Mädchens durch einen französischen Wüstling (I, 29-39). In diesem ersten Teile spielt hauptsächlich die Flagellation und Paedication eine Rolle. In der zweiten Szene (I, 69—84) wird Maud von ihrem eigenen Vater zu Tode gepeitscht!


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Hierauf reist Sir Charles nach Konstantinopel, am „neue Opfer" zu beschaffen, an denen er seine sadistischen Gelöste befriedigen kann: das Thema des zweiten Teiles Sir Charles entdeckt in Konstantinopel vier verwaiste Mädchen, Töchter eines griechischen Kaufmanns, der vor kurzem sein ganzes Vermögen verloren hatte und an der Cholera gestorben ist. Die Mädchen, Haidße. Veneria, Sophia und Melissa (24, 17, 13 und 10 Jahre alt), werden von dem Wüstling auf sein Schloss gelockt und alsbald den ärgsten sadistischen Akten unterworfen, an denen sich auch Lucidora, eine ehemalige Harems- insassin und jetzige Helfershelferin der Madame Jose- phine beteiligt, und die sich nicht näher wiedergeben lassen, grösstenteils aber Nachahmungen ähnlicher Szenen aus de S ade 's „Justine und Juliette" sind. Auch hier sind wieder verschiedene laseive Episoden eingestreut, so der Bericht über einen sadistischen Sultan (ET, 32—52), über Katharina IL (II, 62 - 66), über eine Engländerin* die ihre Tochter zum Objekt ihrer sadistischen Gelüste macht (II, 78—103), über einen Vater, der aus ähnlichen Gründen seine Tochter flagelliert (II, 112— 119) l )

Im dritten Teile erscheint ein neuer Sadist auf der Bildfläche, der Graf de Bonvit aus Paris, welcher an den „Seances" von Sir Charles, Josephine und Lucidora teilnimmt und mit ersterem sehr drastische Gespräche über verschiedene Punkte der Ars amandi führt, wobei auch wieder Geschichten von den sexuellen Exzessen Heinrichs IV. (III, 28 — 58) und von den Liebes-


') Diese Episode ist unter dem Titel „Die Wonnen der Grau- samkeit Szeno zwischen Vater und Tochter im Walde, von einem versteckten Zeugen belauscht" (Chemnitz?, o. J. kl. 8°, 8 S.) ins Deutsche übersetzt worden.


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abenteuern einer belgischen Nonne (HI, 66 — 11 1), erzählt werden.

Am Schlüsse des dritten und letzten Bandes sind die „Opfer" bereits zn aktiven begeisterten Sadisten geworden und Madame Josephine wird nach Paris ge- schickt, um neue aktive und passive Teilnehmerinnen dieses Sadistenklubs zu holen.

Eine weitere sadistische Schrift ist „Revelriesl and Devilries! or Scenes in the Life of Sir Lionel Heythorp, ßt. etc." (London 1867, 8°, 123 S. mit 7 obscönen kolorierten Kupfern, und einem Frontispiz). Vier Ox- forder Gelehrte und ein Offizier, deren Namen Pisanus Fraxi kennt, aber nicht nennen will, hatten sich zur Abfassung dieses obscönen Produkts vereinigt! Jeder schrieb eine Geschichte, die sie dann zu einer kontinuier- lichen Erzählung in drei Kapiteln verschmolzen. — In dem Werke ist viel von Flagellation die Rede, neben anderen höchst abstossenden Episoden, unter denen die grässlichste der Besuch einer Irrenanstalt ist, bei dem die erotischen Idiosynkrasien der Irren in der krassesten Weise geschildert werden. Das Ganze schliesst mit dem Kapitel „A Night in the Borough", einer so obscönen Orgie, wie sie vom Marquis de Sade, selbst in seinen wildesten Phantasien nicht geträumt wurde.

„The Inutility of Virtue" (London 1830, 12°, 72 S.) schildert in autobiographischer Form die Abenteuer einer Opernsängerin, die in Neapel geboren ist. Auf ihrer Reise nach Rom, wo sie sich mit dem Grafen Torso verheiraten will, fällt sie in die Hände eines Briganten, von dem sie vergewaltigt wird. Später heiratet sie einen


») P. Fraxi „Catena" S. 181.


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Mann, den sie liebt und dem treu bleiben will. Aber trotz ihrer guten Absichten und ihrer wiederholten Versiche- rungen der Treue, wird sie die Beute jedes Mannes, mit dem sie in Berührung kommt Alle diese Abenteuer sind sehr ordinär. — Das Buch ist wohl keine Ueber- setzung aus dem Französischen, wie auf dem Titel an- gegeben wird, scheint aber doch seinem Ursprünge nach ■auf eine französische Quelle zurückzugehen. Wenn auch Grausamkeit und Blutdurst, in welchen der „ joli Marquis" schwelgte, weniger ausgesprochen sind, so erinnern «loch die in der vorliegenden Schrift erzählten Abenteuer Ausserordentlich an die in der „Justine" des Marquis 4e Sade entwickelte Idee von dem ewigen Unglück der Tugend. Auch fällt die Titelheldin der „Justine" wie unsere Sängerin gleich am Anfang in die Hände von Briganten.

Ein berüchtigtes Produkt sadistischer Phantasie ist auch „The Bomance of Lust" (London 1873, 8°, 4 Bände). Auch dieses Sotadicum stammt aus der Feder mehrerer Verfasser und enthält verschiedene Erzählungen, die von einem berühmten Sammler erotischer Bilder und Kunstobjekte in einen zusammenhängenden Rahmen gebracht wurden. Dies geschah auf einer Reise nach Japan. *)

Die „Romanoe of Lust", welche die Liebesabenteuer des jungen Charles schildert, enthält nach Pisanus Fraxi Scenen, welche durch die obscönsten Kapitel der ^, Justine" nicht übertroffen werden. 2 )

Echt sadistische Gedanken werden auch in der „Ex- perimental Lecture by Colonel Spanker" (London 1878)


  • ) Vergl. P. Fraxi „Catena" S. 188.
  • ) ibidem S. 185.


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entwickelt, von welcher Schrift im zweiten Bande dieses Werkes (S. 447 — 449) eine kurze Analyse gegeben worden ist. Diese Schrift ist eine Apotheose der Wonnen, welche aus der psychischen und physischen Grausamkeit entspringen.

„Das Gefühl der Wollust kann nur durch zwei Dinge erregt werden, nämlich erstens dadurch, dass wir glauben, dass der Gegenstand unserer Liebe sich unserem Schön- heitsideal nähert oder zweitens dadurch dass wir diese Person möglichst starke Sensationen fühlen sehen. Kein Gefühl ist aber lebhafter als das des Schmerzes, seine Erschütterung ist wirklich und gewiss. Er leitet nie irre wie die Komödie der Wollust, die von Weibern ewig gespielt, aber niemals wirklich gefühlt wird. 1 ) Derjenige, welcher auf eine Frau den stärksten Eindruck hervorbringen, der die weibliche Organisation bis zum äussersten in Aufregung und Vibration versetzen kann,, wird auch sich selbst den höchsten Grad sinnlichen Ge- nusses verschafft haben."

Mit Recht bemerkt ein englischer Bibliophile 9 ), dass- diese Sätze die Quintessenz der ganzen Philosophie ent- halten, die der Marquis de Sa de so ausführlich in seinen berüchtigten Werken entwickelt hat, wo er in seinen wilden Phantasien von blutigen Orgien, Phlebotomie, Vivisektion und Torturen aller Art in Verbindung mit Gotteslästerung so viel Wert auf die moralische De- mütigung der Opfer legt. Demgemäss werden auch in der


  • ) Man ersieht aus dieser Bemerkung, dass es schon vor

Lombroso Leute gab, die Anhänger der (übrigens unhaltbaren) Theorie waren, dass das Weib keine oder nur sehr geringe Wollust- empfindungen habe.

«) ibidem S. 247—248.


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„Experimental Lecture" einer sensitiven, feinerzogeneir jungen Dame die scheusslichsten Martern auferlegt. In „Justine und Juliette" schliesst die grosse Zahl der bei den Orgien auftretenden Individuen und der Morde jeden Gedanken an Realität aus, während in der „Experimental Lecture" die ganze Aktion so methodisch und sorgfältig ins Werk gesetzt wird, dass wir thatsächlich an die Wirklichkeit der geschilderten Vorgänge glauben. 1 )

Der Masochismus, d. h. das sexuell betonte Er- leiden von Schmerz und Demütigung tritt im englischen Geschlechtsleben am meisten bei der passiven Flagel- lation hervor 2 ). Im allgemeinen neigt aber der englische Charakter mehr zu sadistischen Handlungen. Doch sind Spuren masochistischer Empfindungsweise — abgesehen


  • ) „Are we thus to believe," sagt der oben erwähnte Biblio-

phile, „that we daily rub Shoulders with men who take a Beeret delight in torturing weak and confiding women, and by so doing can produce erection and consequent emission ? Experience proves this to be so, and we could unfortunately quote *everal recent cases whexe girls have been tied up to ladders, strapped down to sofas,. and brutally flogged, either with birch rods, the bare hand, the buckles-end of a strap, and even a bunch of keys! Some have. been warned beforehand that they will be beaten tili „the blood comes," peenniary rewards being agreed upon, others have been cajoled into yielding up their limbs to the bonds, and gags by the promise that it is „only a piece of fun u . Once fairly helpless in the Lands of the flageUating libertine, woe betide them 1 These cowards are bent on inflicting the greatest amount of agony possible, and their pleasure is in proportion to the damage done. They seem sometimes at that moment like devils unchained, and howl with delight almost as loudly as the poor girl cries ont in. pain. And yet immediately their paroxysm is over, they will treat their wretcbed victim with the utmost kindness, and buttoning op their frock-coats, appear once more as affable, kind gentlemen, for they are all gentlemen by birth who indulge in this awful mania." P. Fraxi, „Catena" S. 248. — Ueber das sadistische Moment in der FlageUomanie vergl. Bd. II dieses Werkes S. 368—370.

®) Vergl. das ausführliche Kapitel „Die Flageliomanie" in Bd. II dieses Werkes S. 336—481.


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yon der mittelalterlichen Ritterzeit — auch in der eng- lischen Sittengeschichte nachweisbar. So gab es im 16. und 17. Jahrhundert Leute, die Schwefel und Urin verschluckte d, um ihre Damen zu gewinnen, wie dies z. B. in Middleton's „Dutch Courtezan" geschildert wird. 1 ) Drastisch schildert Butler im „Hudibras" den Weibessklaven und masochistischen Schwächling:

Wenn Hulda im Besitze dann Das Wams verklopft dem guten Mann, Ihn unter ihre Schürze bringt Und sklavisch ihr zu dienen zwingt; Wenn sie als schwerer Alp ihn reitet Und wie ein Wechselbalg begleitet 9 )} Wenn er aufs Haupt geschlagen wird Und Recht samt Obermacht verliert; So ist er straks verdammt wie Mädel Zum Hörn, zum Bocken und Spinnrädel; Denn wo das Weib den Ehmann schlagt Er Zweifels ohne Hörner trägt.')

Diese Stelle scheint Addison vor Augen gehabt zu haben, der in seinem „Zuschauer" wiederholt auf die „Weibermänner 41 , wie er die Sklaven des Weibes nennt, zu sprechen kommt. Mit Recht aber sucht er diese Masochisten nicht blos in der Ehe, sondern, wie er geistreich sagt, auch in den „Vorstädten der Ehe" und kennt eine „Sklaverei gefälliger Maitressenhalter und unentschlossener Liebhaber" und „Beispiele genug von übermütigen, stolzen, unbändigen und eigensinnigen Männern, welche alle insgeheim Erzsklaven ihrer Weiber •oder Maitressen sind." Ja, nach ihm sind sogar die

  • ) Taine a. a. 0. I, 864.

') Gemeint ist damit das zeitweilige Annehmen eines männ- lichen Wesens seitens der Frau.

') Butler's Hudibras übersetzt J. Eiselein S. 121.


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Weisesten und Tapfersten aller Zeiten Weiberm&nner gewesen. 1 ) Höchst ergötzlich wird im 129. Stück da» „Schicksal Freymanns, eines Sklaven seiner Frau" ge- schildert *)

Die „Petticoat Pensioners", von denen der Ver- fasser von „Satans Harvest Home" um 1750 erzählt,, scheinen auch eine Art von Masochisten gewesen zu sein, die sich weiblichen Rou6s prostituierten. „Was die Menschheit am meisten mit Erstaunen und Ver- wunderung erfüllt, ist ein neues Laster, welches iü kühner Weise von Frauen von Rang und Schönheit ein- geführt worden ist Diese haben die Ordnung der Dinge umgekehrt, die Männer zu Frauen gemacht und begannen sehr vergnügt, öffentlich ihre Geliebten zu halten. Dass Damen im Stande der Ehe und auch der Witwenschaft sich noch ein privates Nebenvergnügen erlauben, ist eine Freiheit, die sie seit undenklicher Zeit genossen haben. Dass aber die Schönen, und zwar solche im jungfräulichen Stande, sich Männer in eigenen Wohnungen halten und sie öffentlich in ihren Equi- pagen besuchen, das sind Vorrechte, die unseren Vor* fahren unbekannt waren." 8 )

Ein bekannter Masochist des 18. Jahrhunderts war der Lebemann Tracey. 4 ) Seine Maitresse, die Bordell- wirtin Charlotte Hayes, 6 ) beherrschte ihn vollkommen. Er liess sich von ihr alles bieten und duldete in skla- vischer Unterwürfigkeit jede Untreue ihrerseits. Ja, sie


  • ) Auszug des Englischen Zuschauen nach einer neuen Uebcr-

setsung. Berlin 1782 Bd. in S. 107.

  • ) Ibidem S. 286—291.
  • ) „Satan's Harvest Home etc". London 1749 8. 15.

4 ) Vergl. über ihn Bd. II dieses Werkes S. 183. ö ) Vergl. über sie Bd. I S. 257—261.


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regalierte auf seine Kosten ihre diversen Liebhaber in 4er Shakespeare- oder Rosentaverne, wo Tracey ihr Kredit gegeben hatte. Sie verstand es, durch ihre ele- gante und wollüstige Kleidung immer wieder auf ihn zu wirken, aber dann ihre Gunst nur gegen hohen Entgelt <ffir jede Stunde eine Guinee) zu gewähren. So verlor -er durch sie in kurzer Zeit sein ganzes ungeheures Vermögen und starb früh. 1 )

Ein anderer Masochist erregte im Jahre 1791 durch •sein eigentümliches Ende grosses Aufsehen in London, da sein Tod eine direkte Folge seiner masochistischen Phantasien war. Diese Affäre des Musikers Kotz- warra ist, da sie durchaus beglaubigt ist, so interessant, •dass wir etwas ausführlicher darauf eingehen wollen.

Hören wir zunächst den Bericht von J. W. von Archenholtz.*) „Es ereignete sich in London ein sehr sonderbarer Zufall, der einen Criminal-Process ver- anlasste. Es lebte allda ein Musikus, Namens Kotz- warra aus Prag, ein Mann von besondern musikalischen Talenten, der auf dreizehn Instrumenten spielte und auf «inigen sich als ein grosser Virtuose gezeigt hatte. Ich habe ihn selbst gekannt und oft seine Talente be- wundert. Die berühmten Tonkünstler Bach und Abel, die sich in England so viel Ruhm erwarben, hielten ihn in Behandlung des Contre-Basses für einzig in Europa; •auch hatte er auf diesem Instrument alle Nebenbuhler in London, Paris und Venedig verdunkelt Die vor- gedachten Tonkünstler riefen ihn auch oft in den Jahren 1769 und 1770 zu ihren grossen Concerten in Hanover


  • ) Vergl. „Le8 S6rails de Londres" S. 15.
  • )J. W. v. Archenholtz „Brittische Annalen auf das Jahr

1791" Hamhurg 1798 Bd. VII S. 38—41.


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Sqare, wo sie ihn fürstlich belohnten. Dieser Mann aber vernachlässigte bald seine Talente und ergab sich einem lfiderlichen Leben. Er wurde ein Wollüstling der ersten Grösse und sann immer auf künstliche Ver- mehrung der sinnlichen Gefühle. Man hatte ihm ge- sagt, dass ein Gehangener durch den mehr raschen Umlauf des Bluts und die Ausdehnung gewisser Gefässe einige Minuten lang eine sehr angenehme Sensation hätte. Nach Aussage von Zeugen hatte er auch schon oft dieses Experiment gemacht, und zwar beständig bei Lustmädchen, die er sodann immer für den dabei geleisteten Beistand bezahlt hatte. Um dies wieder zu thun, ging er im September auch zu einem Lustmädchen ohnweit Coventgarden, und bat sie, ihn aufzuknüpfen, aber nach fünf Minuten den Strick wieder herunter zu lassen. Das arme Mädchen wollte sich anfangs zu diesem sonderbaren Spass nicht ver- stehen; durch Zureden und Geld gelang es ihm jedoch, sie dahin zu bringen.

Sie hing ihn auf, befestigte den Strick an der Thür und liess ihn nach, als die vorgeschriebenen fünf Minuten vorbei waren. Eotzwarra aber gab kein Lebenszeichen von sich, und obgleich man alle Hilfs- mittel anwandte, so blieb er tot. Das Mädchen, Su- sanna Hill, wurde als eine Mörderin eingezogen, infolge des Ausspruchs der bei dem Leichname hinzu- gerufenen Geschworenen, die von 5 Uhr nachmittags bis 2 Uhr des Morgens zusammen blieben, um ihr Urteil durch „wilful murder 41 (vorsätzlicher Mord) zu bezeichnen. Sie stritten sich darum 9 Stunden lang und glaubten endlich durch ihren strengen Ausspruch die Mitwirkung solcher Mädchen bei ausschweifenden


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Wollüsten als Beispiel bestrafen zn müssen. Das arme Mädchen mnsste also in der Old-Bailey auf Tod nnd Leben den Kriminalprozess ausstehen, der jedoch nicht zn ihrem Nachteil aasfiel, weil die Handlang von den Richtern nicht als ein Mord, sondern als ein unvor- sätzlicher Todschlag betrachtet wurde und auch so ver- nünftigerweise angesehen werden musste. Sie kam daher sogleich los, mit Erinnerungen eines besseren Lebenswandels. Die dabei aufgedeckten Umstände waren so ausserordentlich, für die Schamhaftigkeit so beleidigend und für die Moralität so gefährlich, das» die Richter nicht allein alle im Tribunal anwesenden Frauenzimmer ersuchten, sich zu entfernen, sondern auch befahlen, dass die Protokolle des Prozesses nebst allen dazu gehörigen Papieren verbrannt werden sollten."

Diese berühmte Affäre nebst anderen ähnlichen Beispielen wird in einer seltenen, höchst interessanten englischen Broschüre jener Zeit: „Modern Pro- pensities; or, An Essay on the Art of Strangling, etc. Dlustrated with several Anecdotes. With Memoire of Snsannah Hill, and a Summary of Her Trial at the Old-Bailey, on Friday, September 16, 1791, On the Charge of Hanging Francis Kotzwara, At her Lod- gings Vine Street, on September 2. London: Printed for the Author; and sold by J. Dawson, No. 12, Red- Lion Street, Holborn; at No. 18, New Street, Shoe Lane, and No. 20, Paternoster Row [Price One Shilling]" (8°, 46 S. und Titelbild, welches Susan nah Hill dar- stellt, wie sie den Strick um Eotzwarras Hals legt).

Susannah Hills Aussage, die in dieser Schrift abgedruckt ist, lautet: „Dass am Nachmittage des 2. Sep- tember, zwischen l und 2 Uhr, ein Mann, den sie nie


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gesehen hätte und der mit dem Toten identisch ge- wesen sei, in das Hans, wo sie wohnte, gekommen sei, da die Thfir nach der Strasse offen gewesen sei Er fragte sie, ob sie mit ihm trinken wolle. Sie habe Porter verlangt, er Brandy mit Wasser, nnd ihr Geld gegeben, um beides zu holen, sowie zwei Schillinge für Hammel- nnd Kindfleisch, welches sie ebenfalls kaufte. Einige Zeit nachher gingen sie in ein hinteres Zimmer, wo mehrere höchst indezente Handlungen vorgenommen wurden. Insbesondere verlangte er von ihr, dass sie ihm genitalia abscinderet, und zwar in zwei Teile. Aber sie weigerte sich, das zu thun. — Dann sagte er, er möchte gern ffinf Minuten lang gehängt werden* und be- merkte, während er ihr Geld für den Strick gab, dass dies seine Wollust steigern und den gewünschten Effekt herbeiführen würde. Sie brachte dann zwei schmale Stricke und legte sie ihm um den Hals. Er zog sich dann an der hinteren Zimmerthür empor, einer Stelle, wo er sehr niedrig hing und zog die Eniee zusammen . . . Nach fünf Minuten schnitt sie ihn ab, er fiel sofort wf den Boden. Sie hielt dies für eine Ohnmacht und rief eine gegenüberwohnende Nachbarin zu Hilfe . . . Die Angeklagte wurde freigesprochen."

Der Herausgeber des „Bon Ton Magazine" bespricht in der No. 31 vom September 1793 im Anschlüsse an die eben erwähnte Broschüre, deren Titelbild reproduziert wird, ebenfalls den Fall Eotzwarra und schliesst die folgende Abhandlung über die „Wirkungen zeit- eiliger Strangulation auf den menschlichen örper" daran an.

„Die Strangulation Eotzwarra's, obgleich sie -wunderlich verhängnisvoll auslief, hat die Praxis der

D Uhren, Das Geschlechtsleben in England **". 7


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tierischen Suspension nicht ganz beseitigt Die Schöne, welche jenem exzentrischen Liebhaber Beistand bei der Operation leistete, sagte ans, dass er einige Augenblicke vor seinem Ende thatsftchlich gewisse Anzeichen auf- gewiesen habe, welche in deutlicher Weise den guten Effekt dieser Prozedur bewiesen . . .

Nachdem diese Aussage dem verliebten Gegenstande unseres Bildes, einem reichen Einwohner von Bristol mitgeteilt worden war, der, trotzdem er in den geheimen Angelegenheiten der Venus des Beistandes bedarf, dennoch ein Mann von grossem öffentlichen Ansehen ist, ent- 8chloss er sich, das Mittel mit grösserer Vorsicht zu versuchen. Demgemäss kam er am Anfang des vorigen Monats nach der Hauptstadt, zu diesem speziellen Zwecke, und wandte sich sogleich an ein schönes Freudenmädchen in Charlotte-street, indem er ihr offen seine Impotenz bekannte und die Methode mitteilte, um das Uebel zu beseitigen, damit er ihre liebliche Person voll geniessen könne. Um ihre Bereitwilligkeit zu erzwingen, wurde das nie fehlschlagende Argument „Gold" reichlich in Anwendung gebracht, und da er bereits mit einem stimulierenden Strick versehen war, fing man sogleich die Prozedur an."

Er stieg auf einen kleinen Stuhl, befestigte die Schleife an einem Luftrohre, warf das andere Ende über einen Kreuzbalken und befestigte es mit Hülfe seiner schönen Genossin in einer solchen Weise, dass keinerlei Gefahr vorhanden war. Der kleine Stuhl wurde dann entfernt und unser Held hing derart, dass er gerade mit den Füssen den Boden berührte. Schon nach einer halben Minute zeigten sich die stimulierenden Wirkungen dieser eigenartigen Prozedur in deutlichster Weise. Aber


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plötzlich erschienen auch bei ihm bedrohliche Symptome, <üe das Mädchen zur schleunigen Befreiung ihres sonder- baren Liebhabers veranlassten. Um ihn gänzlich zum lieben zurückzubringen, bedurfte es aber noch der Assistenz der Gesellschaft für die Wiederbelebung Er- trunkener! x )

Weitere Mitteilungen über die beim Aufhängen -empfundene Wollust finden sich in dem Werke von Bloch, der auch über zu ähnlichen Zwecken konstruierte , f Aufhänge-Apparate" der Berliner Masseusen berichtet. *)

Neuerdings scheint der Masochismus in England weitere Verbreitung zu finden als früher, wie besonders aus dem Aufkommen masochistischer Schriften geschlossen werden darf. Unter diesen sei als Prototyp die Er- zählung „Gynecocracy, a narrative of the adventures and psychological experiences of Julian Robinson (after- wards Viscount Ladywood). Under petticoat rule, written by himself" (Paris und Rotterdam 1893, 3 Bände) hervorgehoben, welche Schrift neuerdings auch ins Deutsche 8 ) und Französische 4 ) übersetzt wurde. Sie behandelt die planmässige Erziehung eines jungen Adligen zu einem Masochisten, welches dadurch erreicht wird, •dass ihn seine französische Erzieherin, eine sehr strenge junge Dame, unter Beihülfe ähnlich „energischer" Ladies und Kammerzofen in Weiberkleider steckt und ihm den


>) The Bon Ton Magazine Bd. III S. 242 ff. (No. 31, Sep- tember 1793).

  • ) Iwan Bloch „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia

sexualis. Teil II, S. 178.

  • ) „Die Herrschaft des Unterrockes oder 3 Jahre Sklave einer

JVau. Von einem jungen Edelmanne. 1898. Milwaukee, Club der Bibliophilen (8», IV, 112 8.) Schlechte Uebersetzung.

«) „Gynecocratie" Paris 1900.

7*


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Geschmack an den ekelhaftesten masochistischen Proze- duren (Lambitns ani, Essen aus dem Nachttopf u. dgL mehr) beibringt, die sie in raffinierter Weise mit den ihm gewährten geschlechtlichen Genüssen zn verbinden weiss.


3. Andere sexuelle Perversitäten.

Eine in England überaus verbreitete geschlechtliche Perversität soll nach den Angaben der Verfasserin der „Memoiren einer Sängerin" (Bd. II, S. 188) der Exhibitionismus sein d. h. die Entblössung diskreter Teile coram publico zum Zwecke der eigenen sexuellen Erregung. Diese Neigung hat augenscheinlich in England im 18. Jahrhundert eine besondere Spezialität von Prostituierten gezüchtet, die sogenannten „posture-girls" 1 ) und „posture-women". Eine solche „Posituren-Macherin" hat Hogarth auf der dritten Platte von „The Rake's Progress" (Der Weg des Liederlichen) dargestellt, welche ihre Reize in einer sehr merkwürdigen Weise zur Schau stellte.

Lichtenberg berichtet darüber in seiner Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche:

„Die Mamsell, die da im Vordergrunde ihre Toilette zu machen scheint, ist ein unter dem Namen der Posituren -Macherin (the posture-woman) sehr berüchtigtes Mensch der damaligen Zeit. Sie hiess, wie Tusler versichert, Aratine (vielleicht Aretine). Eigentlich kleidet sie sich aus. Sie ist willens ihre Künste zu zeigen, und sich zu dem Ende in der Tracht des Huhns mit der Gabel in der Brust, als lebendiges Gericht,

  • ) Vergl. über diese bereits Bd. II dieses Werkes 8. 863—364.

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auf die Tafel bringen zu lassen. Die Schüssel, die dort zur Thfire hereingebracht wird, und in welche der Pavian, der sie bringt, hinein leuchtet, um das Schau- spiel anzukündigen, wird die Drehbühne sein, auf welcher sie figurieren wird. Das ist allerdings abscheulich. Aber würde der Mensch viel dadurch gewinnen, wenn er der Fähigkeit beraubt würde, so unter das liebe Rindvieh hinab zu sinken ? Dass sich in den Schmutz winkeln der grossen Städte hier und da ein Ungeziefer erzeugt, das in solchen Bestialitäten sein Vergnügen findet, macht der menschlichen Natur bei weitem nicht so viel Schande, Als ihr das Urteil des inneren Richters Ehre macht, der unbestechlich in der Brust von Millionen wohnt, und jenes Ungeziefer mit ewiger Infamie belegt ... Es ist wahr, es ist eine schändliche Geschichte. Aber es ist nicht bloss der Wille der Gesellschaft, das gerupfte Hühnchen auf der Schüssel zu trillen, sondern zugleich der Wille des Hühnchen selbst sich trillen zu lassen. Es weiss sich noch gross damit, es lebt darin und schafft sich Federn an davon." l )

Bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts war das Städtchen Coventry in England nach Lichtenberg der einzige Punkt in Europa, wo sich ein ganz nacktes Weib öffentlich zeigen durfte. Hier musste einer alten Sitte gemäss alle Jahre, an einem gewissen Tage, ein nacktes Mädchen durch die Hauptstrasse reiten und nachher in demselben Zustande mit dem Bürgermeister speisen. Die Chronik versichert, dass die Stadt noch


  • ) „G. C. Lichtenberg^ ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche" Göttingen 1796, Bd. III, S. 152—155,


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nie in Verlegenheit gekommen sein soll, dieser alten Sitte Genüge zu thun. *)

Beispiele von sexuellem Fetischismus finden sich ebenfalls mehrfach in der Sittengeschichte Englands. So- erzählt Archenholtz den Fall eines Haarf etischisten : „Ich habe einen Engländer gekannt, der ein recht- schaffener liebenswürdiger Mann war, allein einen höchst bizarren Geschmack hatte, der, wie er mich oft ver- sicherte, tief in seiner Seele lag. Das grösste Vergnügen, das nur allein seine Sinne berauschen konnte, war, die Haare eines schönen Weibes zu kämmen. Er unterhielt eine reizende Maitresse bloss zu diesem Zwecke. Liebe und Treue kam hierbei in keine Betrachtung, er hatte es blos mit ihren Haaren zu thun, die sie in den ihm gefälligen Stunden entnadeln musste, damit er darin mit seinen Händen wühlen konnte. Diese Operation ver- schaffte ihm ein höchst möglichsten Grad körperlicher Wollust." *)

In der „Venus School-Mistress" wird von einem bejahrten Herrn erzählt, der durch den Anblick einea Muffes sehr stark geschlechtlich erregt wurde, und sich mit demselben am ganzen Körper streicheln Hess, auch, den Anblick einer Dame mit ihren Händen im Muffe sehr goutierte. 8 )

Einem Kostümfetischismus wird in der erotischen Schrift „The Battles of Venus" (London 1760) das Wort geredet, indem der, Verfasser den Verkehr mit einem


  • ) Eros, Stuttgart 1849 Bd. II, S. 120.
  • ) J. W. v. Archenholtz „England und Italien." Ersten

Bandes zweiter Teil. Leipzig 1785 S. 448—449.

•) „Venus School-Mistress" S. 54.


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elegant gekleideten Weibe dem mit einer femina denu- data bei weitem vorzieht.

Aach der Kassenfetischismus *) hat in England zahl- reiche Anhänger und Anhängerinnen gefunden. Im ersten Bande dieses Werkes (S. 262—263) wurde bereits be- richtet, wie die Negerin Harriot in London eine grosse Schar von vornehmen Liebhabern nm sich versammelte. Hogarth hat auf dem Kupferstich „The Discovery" ebenfalls diese Rolle der Negerin als Liebhaberin ver- anschaulicht, wenn sie auch auf diesem Bilde eine un- freiwillige ist. In der Erklärung dieses Bildes von Lichtenberg heisst es darüber: „Wie die schwarzen Schönen weisse Männer zu bezaubern wissen, beweisen die Stammbäume der zahlreichen farbigen Leute (gens de couleur) oder Mulatten in Westindien. Auch ausserhalb Westindien sollen zuweilen vornehme Lieb- haber den schwarzen Damen vor den weissen den Vorzug geben, aus mehreren Gründen, unter .andern auch des- wegen, weil westfälischer Pumpernickel zuweilen ein Leckerbissen ist für verwöhnte Gaumen." 2 )

Adrian berichtet von der Vorliebe gewisser Londoner Damen für Araber. Er sah bei seinem Aufenthalte in London häufig solche Söhne der Wüste an den Strassenecken stehen und ganz das Benehmen weiblicher Prostituierter nachahmen. Eiü Kenner be- lehrte ihn über den Zweck dieser Provokationen:

„Unsere Sprache ist nicht reich an anständigen Ausdrücken für das Unanständige. Die Londoner Damen haben manchmal sonderbare Launen — ich verstehe


') Vgl. über denselben J. Bloch a. a. 0. Bd. II, S. 260—262.

  • ) „G. C. Lichtenberg' s Erklärung der Hogarthischen

Kupferstiche" Göttingen 1816, Lieferung 12, S. 188-139.


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darunter nicht die ehrsamen Hausfrauen der Cityleute oder die Ehrsamkeit wenigstens scheinbar achtenden Frauen der Vornehmen, sondern in wunderlichen Ver- hältnissen lebende, von Reichen unterhaltene oder ver- nachlässigte, in ihren Grundsätzen etwas laxe Damen, welche diese dem Vernehmen nach in materieller Hin- sicht kräftige kleine Bronze -Gestalten sehr liebens- würdig finden. Wenn Ihr einmal Zeit habt, ein Viertel- stündchen in der Nähe eines solchen geputzten Sohns der Wüste zu verweilen, so werdet Ihr einen treuen Diener oder ein verschwiegenes und verschmitztes Zöf- chen an ihm vorübergehen und ein Zeichen geben sehen, worauf der Beturbante scheinbar nachlässig der ver- mittelnden Person nachgeht und deren Befehle entgegen- nimmt oder sogleich an den bestimmten Ort folgt"

Adrian erfuhr weiter, dass auch die Londoner Päderasten eine eigentümliche Vorliebe für diese Araber zeigten, die ihnen gegenüber auch als wirkliche männ- liche Prostituierte auftraten. 1 )

Dass auchkoprolagnistische und scatologische Neigungen 9 ) den Engländern nicht ganz fremd sind, beweisen manche Stellen in Butler's „Hudibras", eine Schrift des 18. Jahrhunderts „The Benefit of farting explained" (zitiert von Grey in den Anmerkungen zu „Hudibras" Ausgabe von 1764 Bd. n, S. 72) und der Umstand, dass noch neuerdings ein reicher englischer Bibliophile dieses Thema für sich bearbeiten und als


  • ) Vergl. Adrian „Skizzen aus England" Frankfurt a. M.

1888 Bd. II, S. 8—10.

  • ) Vergl. über diese die ausführliche Abhandlung von J. Bloch

'„Beitrage zur Aetiologie der Psychopathia sexualis" Bd. II, S. 222 bis 248.


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Schrift herausgeben Hess. Diese nur in 20 Exemplaren gedruckte, nicht in den Handel gebrachte Schrift hat den Titel: „An Essay on wind, with curions anecdotes of eminent petenrs, etc. Written for the edification of windbonnd ladies and gentlemen" (Paris, Quantin, 1877,

  • •, 100 S.). 1 )

Auf die Scatologie in England kommt Octave Uzanne in einer geistreichen Rezension von Swin- bnrne's „A Study of Ben Jonson" (London, 1889 8°), zn sprechen 9 ), wo Swinburne in Beziehung auf die scato- logischen Epigramme Ben Jonson's sagt, dass es bedauer- lich sei, dass ein so grosser Schriftsteller die Koprologie kultiviert habe, die doch eigentlich eine Spezialität der Franzosen sei Hierzu bemerkt Uzanne: „Outre que cette insistance k agiter la mattere n'indique pas une d&icatesse olfactive aussi sensible que les premiers mots l'auraient pu faire supposer, IL Swinburne trouverait-il beaucoup d'teri- Tains anglais, du XV e au XVIII e siöcle, qui n'aient pas f ait le plongeon dont il parle, et lui serait-il bien difficile de citer meme de nos jours, des ecrivains anglais-ohl •ceux-lä de la „baser sort" — qui s'y baignent k plaisir ou s'y vautrent par metier?*' Er zitiert dann u. a. der- artige Stellen aus Shakespeare, Swift und Smollett und schliesst: „Les Anglais, au surplus, le savent bien, •qu'ils n'ont pas besoin de chercher en France ni ailleurs, puisqu'ils sont la „Merry England", et que s'il faut en croire de petita papiers imprimte qui circulent parmi les couches profondes des lecteurs de la Grande-Bretagne


  • ) VergL J. Lemonny er (Gay) „Bibliographie des ouvrages

xelatifs a l'amour etc." 4me Edition, Lille 1897 Tome IV, p. 172.

  • ) Vergl. „Le liyre moderne" Jahrgang 1890 Bd.I, S. 148—149.


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ä l'insu, sans doute da grand poöte, Fhomme heureux est celui qni se dälecte „in the smell of his own Farts." —

Trotz dieser Abwehr gründet sich Swinburne's Urteil wohl auf die unbestreitbare Tatsache, dass vor- züglich die Franzosen und Italiener rein scatologische Dichtungen haben, wie ein flüchtiger Blick in die „Bibliotheca scatologica" lehrt. Als Gegenstand poetischer Verherrlichung kommt Venus Cloacina bei den ger- manischen Völkern kaum vor.

In einer merkwürdigen Häufigkeit kommt die Blutschande, der Incest, in England vor. Die erschreckende Frequenz derselben in den unteren Volks- klassen wird von mehreren Beobachtern 1 ) auf das Zu- sammenschlafen sämtlicher Familienmitglieder in einem Zimmer und die nicht seltene Benutzung eines und des- selben Bettes durch Vater und Tochter, Mutter und Sohn, Bruder und Schwester zurückgeführt.

Indem bezüglich der zahlreichen Incestfälle auf die genannten Autoren sowie auf v. Archenholtz*) ver- wiesen sei, mögen hier nur die beiden berüchtigtsten Fälle aus früherer Zeit angeführt werden.

Der eine betrifft den Bürgermeister Thomas Weir in Edinburgh, dessen Prozess in das Jahr 1670 fällt. Man findet die näheren Mitteilungen in einer sehr seltenen Broschüre:

„Ravillac Redivivus etc. To which is Annexed An Account of the TryaJ of that most wicked Pharisee,


  • ) Jouy, „L'Hermite de Londres Bd. I, S. 820; H. France,

„Lob Va-Nu-Pieds de Londres" S. 40—52; derselbe, „Les Nuit& de Londres« 1 S. 275; ders., „En Police-Court" S. 221 ff. (La Fa- milie de Loth.)

  • ) Archenholtz, „Britische Annalen" Bd. V, S. 850.


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Major Thomas Weir, who was Executed for Adul- teiy, Incest and Bestiality. In which Are many Ob- servable Passages, especially relating to the present Affairs of Church and State. In a Letter from a Scottish to an English Gentleman. London, Printed by Henry Hills, 1678. tf (K1.-4 , 78 S.)

Weir, der während der Rebellion Bürgermeister von Edinburgh war, hatte sich durch grosse Grausam- keit gegen die Anhänger der königstreuen Partei aus- gezeichnet und hatte durch Heuchelei und Verstellung 1 den Ruf eines sehr gottesffirchtigen Mannes erlangt Nach einem Leben voll Schandthaten , Morden und un- natürlichen Lüsten wurde er in seinem 70. Lebensjahre von tiefer Reue ergriffen und legte vor dem Lord Abbotshall, damals dem Stadtkommandanten von Edinburgh, ein offenes Geständnis ab. Am 9. April 1670 fand auf Grund dieses Geständnisses, welches nach Erklärung der Gerichtsärzte bei gesundem Ver- stände gemacht worden war, die öffentliche Gerichts- verhandlung gegen Weir und seine Schwester statt. Hier wurde das Geständnis Weirs wieder verlesen, nämlich, dass er erstens seine Schwester Jane Weir bereits im Alter von 10 Jahren vergewaltigt und später häufig mit ihr im Hause des Vaters geschlechtlich ver- kehrt hatte und zuletzt mit ihr in einem Hause in Edin- burgh viele Jahre hindurch im Incest gelebt hatte, dass ör zweitens mit einer Stieftochter Margaret Bourdon» der Tochter seiner verstorbenen Frau Mein, sexuellen Verkehr gepflogen habe, dass er drittens bei Lebzeiten seiner genannten Frau häufig Ehebruch mit verheirateten und unverheirateten Frauen, insbesondere mit Bessy Weems, seinem Dienstmädchen, die er 20 Jahre im


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Hanse hatte, getrieben habe, dass er viertens seinen Hurereien, Ehebrüchen nnd Incesten anch noch die widernatürliche Sünde der Bestialität hinzugefügt habe, indem er bei Stuten nnd Kühen schlief, besonders aber «eine Stute, auf welcher er nach New-Mills geritten war, geschlechtlich missbraucht habe.

Hierauf worden die Zengen vernommen, welche in •eingehender, hier nicht näher wiederzugebender Weise, die Wahrheit dieser Thatsachen unter genauer Schilderung der einzelnen Situationen, in denen sie den Verbrecher betroffen hatten, bekundeten, woraus sich die üeberein- stimmung mit seiner eigenen Aussage ergab.

Natürlich spielte in der Aussage der Schwester des Weir auch der Teufel eine Rolle.

Beide wurden zum Tode verurteilt Thomas Weir wurde am Montag, den 11. April 1670 auf einem Pfahl zwischen Edinburgh und Leith erwürgt und sein Körper verbrannt, JaneWeir am folgenden Tage auf dem Grasmarkt in Edinburgh durch den Strang vom Leben zum Tode befördert.

Weir war intim befreundet mit dem „Ravillac Kedivivus" derselben Broschüre, dem Prediger James Mitchel, der den 18. Januar 1678 wegen seines An- griffs auf den Erzbischof von St Andrews hingerichtet wurde. Beide waren Covenanters, und eine sehr heftige, politisch interessante Satire „To the Memory of Mr. James Mitchel" richtet sich unter Hervorhebung der geschlechtlichen Verbrechen insbesondere gegen diese ihre Eigenschaft:

O-y-es O-y-es Covenanters

Pilthy, Cruel, lying Kanters

Come here, and see youx murdering Hartyr

Sent to Hell i' th'Hangmans Garter;


I

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Tour sealing Witnesses we hear

Are Hr. James Mitchel, and Major Weit:

One with his hand, but bad no pith,

Th'other your Wiyes know well wbere with,

Wbich makea them sign, and sighing say,

Welßh can bnt Preact, but Weir could pray.

It's thifl that all Religion shames,

To give Hella Vices Heavenly names.

Then Devils, then cast off your Masks,

Marder, and Wboredom are your Taste,

Wbich yon to all the World proclame,

Boasting, and glorying in yonr shame,

And say yoar Covenant doth allow

This, Hangre yonr Baptismal vow,

And that the holy Oath doth bind yon

To leaye such holy Seed behind yon.

For at, and after your long prayers,

Yon lye together pairs by pairs,

And every private Muting-place,

Is a Bawdy-honse of Grace;

Yon shew it is your loving Natures,

To be Bweet fellow-feeling Creatnrea.

Bnt to prophane yonr Holy Order

With Inceat, Buggery, and Murder,

Is plainly to proclaim you Devüs,

And horrid Crimes to be no evüs.

Has James Mitchel lay four year

In Giffald's House with Major Weir,

And fiom bis Ghostly Father learns

To lye with Women, and get no Barns,

The Mystery of the Tribe, a Trick

Makes all the Women mad Fanatick,

And now they both in Hell are met,

Wbere for your Company they wait.

Then All your measure, and post on

To yonr deserv'd Damnation.

Go Whore, and Bugger, Kill and Pfay,

Till every Dog shall haye his day;


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Or go together to Hell in Troops,

Else atrive for new Grassmarket-loops.

He that Whores best, und Murders most,

Of him the Sect ßhall always boast

And put him, as they've put Mas James

Among their Saints, and Martyrs Names. ')

Das grässlichste Bild eines durch Generationen hin- durch getriebenen Incestes entrollt die Geschichte des unter Jakob I. von Schottland lebenden Räubers Sawney Beane, die noch heute im Volksmunde fortlebt:

Sawney Beane war der Sohn eines Teichgräbers in der schottischen Grafschaft Eastlothian. Er zeigte früh lasterhafte Neigungen und entlief als Jüngling mit einer ebenso verderbten Frauensperson. Sie verbargen sich in einer Hohle der Einöde von Galloway, die eine halbe Stunde lang und sehr breit war und so nahe an der See lag, dass die Flut oft tief hineindrang. Der Eingang hatte eine Menge Krümmungen und Windungen, die in das Innere der Höhle führten. Von diesem Schlupfwinkel aus begannen Beane und sein Weilb ihre Räubereien, wobei sie, um einer Entdeckung vorzubeugen, jede Person ermordeten, die sie beraubt hatten. Da die


») Vergl. P. Fraxi, „Centuria" S. 59—61. — Abbildungen des Wohnhauses Von Thomas WeiT in der Bow in Edinburgh finden sich in Chambers' „Minor Traditions of Edinburgh" 1888, in Wils on s „Memorials of Edinburgh in the Olden Time." E. 1848. 180 Jahre lang war das Haus verrufen und wurde von niemandem bewohnt. Jetzt nimmt der Neubau einer Kirche die Stelle ein. Vergl. „Minstrelsy of the Scottish Border" 1810 Bd. II, S. 58; „Notes and Queries" 5th Series Bd. II, S. 278; R. Chambers „Domestic Annais of Scotland". Edinb. 1858. Bd. II, S. 832* W. Scott, „Letters on Demonology etc." London 1880. S. 829,

  • ) Vergl. „Sawney Beane u in: C. Wh it ehe ad „Leben, Thatenj;

und Schicksale der merkwürdigsten englischen Räuber und Piraten 1 ' Leipzig 1834 Tl. I S. 25—80.


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Beschaffung der Nahrang sehr schwierig war, so be- schlossen sie von — Menschenfleisch zu leben. Zn diesem Zwecke schleppten sie die Leichname der von ihnen Ermordeten in ihre Höhle, zerstückelten sie nnd salzten sie ein. Anf diese Weise lebten sie unter Raub nnd Mord fort, bis sie acht Söhne nnd sechs Töchter, achtzehn Enkel nnd vierzehn Enkelinnen, sämt- lich Früchte der Blntschande, hatten. Alle diese nahmen an den schändlichen Mordthaten teil. Obgleich das Verschwinden so vieler Menschen schon seit Jahren genane Nachforschungen seitens der Behörde in der immer menschenleerer werdenden Gegend veranlasst hatte, gelang es doch erst sehr spät, den Aufenthaltsort dieser blutschänderischen Kannibalen zu entdecken. Beim Betreten der Höhle „bot sich ihnen ein Anblick dar, wie man ihn wohl auf der ganzen Welt nie gehabt hat. Füsse, Arme, Schenkel, Hände von Männern, Weibern und Kindern hingen in Reihen, wie Stücke getrockneten Rindfleisches. Andere menschliche Glieder waren ein- gesalzen, während eine grosse Menge Geldes, sowohl Gold als Silber, Ringe, Kleider und unermesslich viele andere Artikel teils in Haufen aufgeschichtet lagen, teils an der Wand der Höhle hingen. Die ganze grau- same Familie wurde ergriffen, die Ueberreste von Men- schen im Strande begraben und die grosse Beute samt den Gefangenen nach Edinburgh geschafft. Dieses ebenso seltene als furchtbare Schauspiel lockte eine zahllose Menschenmenge herbei, um eine so blutbefleckte und unnatürliche Familie zu sehen, welche innerhalb fünf- undzwanzig Jahren zu siebenundzwanzig Männern und und einundzwanzig Frauen herangewachsen war."

Schon am folgenden Tage wurde die ganze Familie,


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ohne jedes gerichtliche Verhör, auf die grausamste Weise vom Leben zum Tode gebracht Den Männern worden die Eingeweide herausgerissen, Hände und Ffisse abge- hauen, nnd man liess sie verbluten. Die Frauen wurden verbrannt Sie alle starben, ohne die geringste Spur von Reue zu zeigen und stiessen bis zum letzten Augen- blicke die schrecklichsten Verwünschungen aus.

Man muss gestehen, dass sowohl der Fall des Thomas Weir als in noch höherem Grade die Ge- schichte des Sawney Beane und seiner Familie ein merkwürdiger Beweis dafür sind, dass selbst die wilden Phantasien eines de Sade bisweilen durch die Wirk- lichkeit erreicht, wenn nicht überboten werden.

Auch in der englischen Litteratur hat der Incest Verwendung gefunden. Das berühmteste Beispiel ist John Ford's „Giovanni and Annabella", die ungeheuer- liche Tragödie der geschlechtlichen Liebe zwischen Geschwistern, in welcher der Dichter nicht vor der Thatsache der Schwängerung Annabellas durch ihren Bruder Giovanni zurückscheut und uns im letzten Akte noch eine schauerlich schöne Liebesszene zwischen beiden darstellt, die mit der Erdolchung der Schwester durch den Bruder endet 1 )

Wohl das grässlichste Specimen eines Incest-Romana stellen die 1874 in 2 Bänden in London erschienenen „Letters from a Friend in Paris 44 dar, in welchen sich buchstäblich eine blutschänderische Szene an die andere reiht. Der Schauplatz dieser Briefe ist Frankreich. Der Verfasser derselben und Held der Erzählung ist ein


') Vergl. PtöIbs a. a. 0.) Bd. II, S. 15—18 (daselbst auch nähere Angaben über das Motiv des Incestes in der Weltliteratur) und H. Taine a. a. 0. Bd. I, S. 897—899.


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Photograph, der durch einen Freund, mit dem er päde- rastischen Verkehr pflegt, Zutritt zn einer Familie erhält, deren eine Tochter der genannte Freund heiraten soll, nachdem unser Held dieselbe bereits genossen hat Diese nette Familie beteht aus Vater, Mutter, zwei Töchtern und einem Sohn, die in völligem unterschiedslosen Incest mit einander leben und bereitwillig den Photographen als Genossen ihrer Orgien aufnehmen. Später verheiratet dieser sich ebenfalls und bekommt eine Tochter, die er naturlich im frühen Alter in die Mysterien der Venus einfuhrt, nachdem sie bereits von der eigenen Mutter einigen Unterricht darin erhalten hat! Zuletzt ver- heiratet er sie mit seinem eigenen natürlichen Sohn und bewirkt so eine Heirat zwischen Bruder und Schwester. Neben Incest spielt die Päderastie eine Hauptrolle in diesem eines Marquis de Sa de würdigen Produkte einer verderbten Phantasie.

Zum Schlüsse sei die ubiquitäre Onanie erwähnt, über die auch in England eine sehr grosse Litteratur 1 ) existiert, und deren sich hier wie in allen anderen Ländern die Kurpfucher zu Zwecken der Reklame und Ausbeutung in weitestem Masse bemächtigen, indem sie alle möglichen und unmöglichen Uebel daraus ableiten


') Aus dem 18. Jahrhundert seien nur genannt: „Erononia, or the Misusing of the Marriage-bed by Er and Onan, to which is added Letten of advice, about a weighting of conscience, viz. of defiling himself." London 1724, 8° — „Ononia, or the heinous sin of seif Pollution/' London 1724, 12° — „Ononia, or the Heinous sin of seif Pollution, and all its frightful consequence in both sexes. The 12 th edition," London 1727 — „A Supplement to the Ononia, or the Heinous sin of seif Pollution.' 1 — Ibidem „Ononia examinated and detected, bv Philo-Castitatis. The second edition. 1724, 12° — „Onanism display'd." London 1726, 12« — .

Du b reu, Du Geschlechtsleben in England."* 8


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und mit Vorliebe dieses Laster benutzen, um ihre markt- schreierischen Künste anzupreisen, was teils durch die Zeitungen, teils durch den Passanten in die Hand ge- drückte Zettel 1 ) geschah, deren masslos übertreibender Inhalt ans einigen von Ryan mitgeteilten Beispielen ersehen werden kann. 9 )


  • ) Vergl. darüber £. D (Ihren, „Das Geschlechtsleben in

England" Bd. II, S. 316 ff.

  • ) M. Ryan „Prostitution in London" London 1889 S. 12—18.


Achtes KapiteL


Theater, Musik und Tanz.


Das Theater als Ort der Darstellung menschlicher Charaktere nn:l Leidenschaften hat sich auch der Vor- führung der mannichfaltigen Erscheinungen und Be- ziehungen der menschlichen Liebe nicht entziehen können. Bevorzugte das eigentliche Drama, die Tragödie, mehr die idealen Seiten derselben, so finden wir im Lustspiel, der Komödie, dem Satirdrama, der Posse, den weltlichen Mysterien iL a. mit ihrem mehr realistischen Charakter vornehmlich die niedere, sinnliche, derbkomische Seite, das eigentliche „Geschlechtliche" als beliebten Gegenstand der Darstellung. Man denke nur an die Lust- spiele des „ungezogenen Lieblings der Grazien", Aristo- phanes, an die mittlere und neuere attische Komödie, an Plaut us, an die mimischen Spiele der Körner, die in späterer Zeit so frech profanierten Mysterien und Mirakelspiele des Mittelalters.

Die christliche Kirche verdammte daher von vorn- herein alles Theaterwesen, selbst recht unschuldige Aeusserungen heidnisch froher Lebenslust in demselben

8*


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als „Schale der Unreinheit" (Cyprianus) oder als „Arsenal der Prostitution" (Hieronymus). 1 )

In demselben Sinne erklärten die englischen Puri- taner des 17. und 18. Jahrhunderts die allerdings in Beziehung auf geschlechtliche Dinge sehr wenig zurück- haltenden Lustspiele der Restaurationsepoche für Er* Zeugnisse einer unchristlichen, heidnischen Gesinnungs- art Noch Thackeray sagt: „Ich bilde mir ein, des armen Congreve's Theater ist ein Tempel heidnischer Lust und Mysterien, die nirgends anders als unter Heiden erlaubt sind. Ich fürchte, das Theater bewahrt jene alte Ueberlieferung und Verehrung, wie sich die Maurer ihre geheimen Zeichen und Gebräuche von Tempel 2u Tempel fibermacht haben. Wenn der lockere Held im Lustspiel die Schöne entfahrt und hohnlachend den alten Geck bestraft, dass er das junge Weib besitzt i wenn in der Ballade der Dichter seine Geliebte Rosen sammeln heisst, so lange sie darf und sie vor der alten Zeit und ihrer ewigen Flucht warnt; im Ballet, wenn der ehrliche Corydon seiner Phyllis den Hof macht,. Unter dem Gitterwerk der pappenen Hütte, und über den Kopf des Grosspapa's, der in seinen roten Strümpfen gefällig eingeschlummert ist, hinweg mit ihr liebäugelt und sie, verfahrt von dem Locken des rosigen Jünglings, hervorkommt an die Lampenreihe, wo dann, einer auf des andern Fussspitze schwebend, jener pas ausgeführt wird, den Sie alle kennen, und der nur durch das Er- wachen des alten Grosspapa's, wenn er sein Schläfchen bei der Papphütte beendet hat, unterbrochen wird.


x ) Vergl. die lehrreiche Darstellung bei P. Dufour „Histoire 4e la Prostitution." Brüssel 1861. Bd. III, S. 125 ff.


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wohin er aber gefällig zurückkehrt und eines weiteres Schlummers geniesst, im Fall den jungen Leuten ein encore wird; wenn Harlekin strahlend in Jugendkraft and Gewandtheit, schimmernd in Gold und tausend Farben über die Häupter zahlloser Gefahren wegsetzt, durch seinen Sprung die Kehlen in Schrecken gesetzter. Biesen in den Staub bringt und glänzend und unerschrocken alle Fährlichkeiten niedertanzt; wenn Mr. Punch, der gottlose, alte Rebell, jedes Gesetz bricht und widerlich triumphierend verlacht, seinen Gesetzesmann hinter's Licht führt, sich mit dem Gerichtsdiener rauft, sein Weib auf den Kopf schlägt und den Henker hängt, — sehen Sie nicht in der Komödie, im Liede, im Tanz, in des kleinen lumpigen Punch Puppenschau, — den heidnischen Einspruch ?" *)

Zweitens musste das Auftreten von Schauspielern weiblichen Geschlecht einen gewissen Einfluss auf den Charakter der Darstellung ausüben, natürlich wiederum besonders anf dem Gebiete des Lustspiels, der Posse und Pantomime, wo nur zu leicht das Erscheinen des weiblichen Elementes auf der Bühne Beziehungen ge- schlechtlicher Natur zwischen diesem und den männlichen Zuschauern herstellte. Hierzu kam noch, dass schon früh Demimondänen die Bretter benutzt zu haben scheinen, um schnell sich der Oeffentlichkeit bekannt zu machen und ihre Reize besser zur allgemeinen Schau stellen zu können. „Die eigentlichen unterhaltenen Frauen", sagt Heinrich Heine in den „Französischen Zuständen", „die sogenannten femmes entretenues, empfinden die gewaltigste Sucht, sich auf dem Theater

i) W. M. Thackeray „Englands's Humoristen".' Hamburg 1864, S. 66—67.


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zu zeigen, eine Sucht, worin Eitelkeit und Kalkül sich vereinigen, da sie dort am besten ihre Körperlichkeit zur Schau stellen, sich den vornehmen Lüstlingen be- merkbar machen und zugleich auch vom grösseren Publikum bewundern lassen können.

Drittens war das Theater schon im Altertum und ist es zu einem grossen Teile noch heute ein beliebter Tummelplatz der Prostitution. An den Thoren und der Umgebung der antiken Theater und Circasse lauerten die niederen Lustmädchen auf ihre Beute, im Innern der Theater boten die Vertreterinnen der feineren Demimonde ihre Reize feil. 1 ) Dieselbe Thatsache lässt sich noch heute feststellen.

In England weist das früheste Theaterwesen von vornherein zahlreiche solche Beziehungen zum Sexuellen, einen Zug des Derben, Brutalen, Lüsternen auf. Die theatralischen Spiele des „merry old England" sind „rohe Bacchanalien, bei denen der Mensch sich die Zügel schiessen lässt, und die als Verkörperung des natürlichen Lebens erscheinen." *) Dies galt selbst von den kirch- lichen Mysterien, den „Miracle- Plays", die zuerst im JL2. Jahrhundert aufgeführt wurden, noch mehr von den seit der Mitte des 15. Jahrhunderts aufkommmenden Moralitäten, den „Morals."*) Vorzüglich schildert Taine, wie überall bei diesen Volksschauspielen die alte, aus- gelassene heidnische Lust durchbricht 4 )


>) Dufoux a. a, 0. III, S. 132.

  • ) Taine a. a. 0. Bd. I, S. 288.

•j J. Sehen „Geschichte der englischen Lttteratur" 2. Ajufl. Leipzig 1874 S. 57.

4 ) Taine a. a. 0. Bd. I, S. 238—240. Vergl. über diese mittelalterlichen Schauspiele in England auch A~ Moeller-Bruck „Das Variete' 1 . Berlin 1902. S. 117-119; S. 121—128.


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Es war dies in England in einem viel höheren Grade der Fall als in den anderen germanische" Ländern. Daher wurden die sogenannten „englischen Komödianten", welche im 16. Jahrhundert nach Deutschland kamen, besonders wegen der .sexuellen Freiheit ihrer Aufführungen und ihres Dialoges berüchtigt. Der Realismus und Naturalismus der Darstellung wurde von ihnen auf die Spitze getrieben. So trugen sie z. B. kleine Spritzen mit rotem Saft unter den Kleidern, um Wunden überzeugend darzustellen l ). Das sensationelle Element, welches auch für das heutige englische Theater so charakteristisch ist, die möglichst starke Wirkung auf die Sinne trat schon in dem Spiele dieser englischen Komödianten hervor, in dem Mord und Totschlag, Hin- richtungen, Martern, Duelle, Schlachten, glänzende Prozessionen, Feuersbrünste, Musik, Gesang, Trommel- und Trompetenschall die dargestellte Handlung würzten. Vor allem aber arbeiteten diese Schauspieler auf die „niederste Befriedigung sinnlicher Triebe durch geradezu unzüchtige Possen hin". 2 ) E. Devrient sagt über diese englischen Komödien: „Oft erscheint es unbegreiflich — wir mögen uns den Zustand der Sitte jener Zeit noch so roh denken — wie es möglich gewesen, dass Frauen und Mädchen unter den Zuschauern, bei der grenzen- losen Frechheit und verbuhlten Lüsternheit der Scene haben ausdauern können, welche der Pickelhäring oder Hanswurst mit seiner Frau oder der Zofe spielte; die


  • ) W. Schere r „Geschichte der Deutschen Litteratur" 7. Aufl.

Berlin 1894 S. 312.

.. t).W. Rudeck „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland" Jena 1897 S. 295.


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pöbelhaften Beden und schamlosen Handgreiflichkeiten übersteigen allen Glauben." *)

Rudeck teilt eine sehr interessante gereimte Schilderang des Eindrucks einer englischen Komödie von Marx Mangold aus dem Jahre 1597 mit, in der es heisst :

„Da war nun weiter mein Intent,

Zu sehen das englische Spiel,

Davon ich hab gehört so viel.

Wie der Narr drinnen, Jan genennt,

Hit Possen war so excellent:

Welches ich auch bekenn fürwahr,

Dass er damit ist Meister gar.

Verstellt also sein Angesicht,

Dass er kein'm Menschen gleich mehr sieht.

Auf tölpisch Possen ist sehr geschickt,

Hat Schuh', der keiner ihn nicht drückt.

In eein'n Hosen noch ein'r hätt Platz,

Hat dran einen ungeheuren Latz . . .

Den Springer ich auch loben soll,

Wegen seines hohen Springen

Und auch noch anderer Dingen:

Höflich ist in all seinen Sitten,

Im Tanzen und all seinen Tritten.

Dass solch'8 fürwahr ein Lust zu sehen,

Wie glatt die Hosen ihm anstehen,

Welche mit Fleiss so zugerichtet,

Dass man was zwischen Beinen sieht:

Darnach etwan pflegen zu schauen

Gelüstige Weiber und Jungfrauen.

Wie denn eine am Fenster stand,

Die solches nicht verbergen kunnt:

So g'nau drauf s Gesicht wandt', dass man spürt,

Dass sie bestürzt war und verführt ....


  • ) E. Devrient „Geschichte der Schauspielkunst" Leipzig

1848. Bd. I S. 191.


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Denn nicht alle, versteht mich recht, Hinein zu diesem Spiele gehen, Die lustigen Komödien zu sehen, Oder der Musik und Saitenspiel Zu Gefallen, sondern ihr'r viel Wegen des Narren groben Possen Und des Springers glatten Hosen. 1 )

Nicht selten findet man in diesen englischen Schau- spielen in typisch sadistischer Weise eine Verbindung von Mord und Wollust. Im dritten Akte der von Tieck übersetzten Tragödie „Von Tito Andronico und der hof- färtigen Kaiserin 41 fordert die Kaiserin ihre Söhne auf, •die ihr verbasste Andronica zu notzüchtigen:

„Und ihr, meine lieben Söhne, ich weiss, dass ihr grosse Lust zur Buhlerei habt, derhalben übergebe ich sie euch, gehet mit ihr an die grausamsten Orte dieses Waldes (sie befinden sich auf der Jagd) und gebrauchet beide eure Lust genugsam an ihr und richtet sie also zu, dass sie keinem Menschen gleich ist; werdet ihr aber ein Erbarmen mit ihr haben, so gedenket, dass mein Zorn weit über euch ergrimmen und nicht viel gutes bedeuten wird."

Die Söhne gehen mit Andronico ins Holz. Inzwischen will die Kaiserin mit Morian buhlen:

„Mein getreuer Buhle, lass dich nicht Wunder nehmen und sei nicht so zornig, denn ich hätte Lust alleine zu spazieren, will aber alsbald mit dir zum Kaiser gehen. Aber mein herzlieber Buhle, wir sind jetzt gar alleine in diesem schönen lustigen Walde, derhalben lass mich von dir ergötzt werden und mache mir Freude."

Im vierten Akt treten die beiden Söhne der Kaiserin wieder auf, „welche zuvor mit der Andronico in den

  • ) Ru deck a. a. 0. S. 296.


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fieser Sinnenreiz, dieses feile, buhlerische Treiben, -dieses wirre Durcheinander von Verwechslungen und Ueberaschungen, dieser tolle Carneval der Soupers und Rendezvous, diese Schamlosigkeit der Scenen, der fast bis zu physischen Demonstrationen gesteigerte gemeine •Cynismus, die zweideutigen Lieder, die schlüpfrigen Witze und Anspielungen, die bei „lebenden Bildern" hin und her geworfen wurden — es ist klar, dass diese -dramatisierte Orgie jene nach Liebesintriguen haschen- den Wüstlinge gewaltig reizen und packen musste. Und -obendrein sanktionierte das Theater ihre Sitten. Durch alleinige Darstellung des Lasterhaften wurden ihre Laster autorisiert. Die Dichter stellen als Regel auf, •dass alle Frauen feile Dirnen, alle Männer rohe Wüst- linge sind. Unter ihren Händen wird die Ausschweifung ^twas Selbstverständliches, ja noch mehr, Sache des guten Tones, sie wird gelehrt. Rochester und Karin konnten innerlich erbaut das Theater verlassen, noch mehr als früher in der Ueberzeugung bestärkt, dass Tugend nur eine Maske ist, die Maske abgefeimter Schurken, die sich teuer verkaufen wollen. 1 )

Die Beziehungen der Geschlechter konnten auf der Bühne um so realistischer dargestellt werden, als seit 1660 die Frauen in England zuerst auf der Bühne auf- traten 9 ), die bald an Verwegenheit im Ausdruck nicht hinter den männlichen Schauspielern zurückblieben, auch in frechster Weise ihre Reize öffentlich feilboten, oft vom Bordell auf die Bühne und von der Bühne ins Bordell oder in den Harem des Königs kamen wie


>) Taine a. a. 0. Bd. I, S. 82—88.

») G. Hill „Woman in English Life" Bd. I, S. 276; S. 281.


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z. B. die berühmte Neil Gwynn, deren Namen Thackeray als Symbol der Zuchtlosigkeit der Schau«  bflhne wählt 1 )

Die galanten Cavaliere vergnügten sich oft mit den Schauspielerinnen im „green room" auf so unanständige Weise, dass die Königin Anna sich später genötigt sah, eine Verordnung zu erlassen „that no person of what quality soever presume to go behind the scenes or come upon the stage either before or during the acting of any play 11 '). Auch verbot sie den weiblichen Zuschauern, Masken im Theater zu tragen.

Es war nämlich Sitte, dass die Damen, die da» Theater besuchten, sich maskierten, weil Sprache und Handlung der Stücke so obscön waren, dass keine Frau sie ohne Erröten und Verletzung des Anstandsgefühles anhören konnte. Aber dieses eigenartige Auskunfts- mittel, die Prüderie mit der Frivolität zu vereinigen, gab Veranlassung zu den ärgsten Missbräuchen, da sich häufig Frauen sehr zweifelhaften Charakters unter der Maske verbargen und die männlichen Zuschauer an«  redeten und anlockten.

Ein eigentümliches Contingent der Theaterprostitution der Restaurationszeit stellten die an den Eingängen der Theater ihre Ware feilbietenden Verkäuferinnen von Apfelsinen dar, die sogenannten „orange girls a , meist jugendliche Geschöpfe, deren z. B. in den Memoiren Grammont's häufig gedacht wird. 8 )

Wenn in Wycherleys, Congreves, Farquhara und anderer Dichter Lustspielen die frechste geschlecht-


') Vergl. Thackeray a. a. 0. S. 64. «) G. Hill a. a. 0. I, 278,


•) Vergl. darüber auch Sang er „History of Prostitution"» New York 1859. S. 801.


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liehe Zügellosigkeit natürlicher Art sich breit machte und ihre komische Mose einer „wilden, entzügelten Lai's" mit „Wein und Geist funkelnden Augen" glich {Thackeray), so scheute sich der berüchtigte Koch est er nicht, in seinem Drama „Sodom" (vergl. über dieses Kapitel 10) auch die unnatürlichen Genüsse der Liebe gewissermassen bühnenfähig zu machen.

Kein Wunder, dass, mit mehr Recht als einst Prynne, am Ende des Jahrhunderts Jeremias Col- lier in einer sehr interessanten Schrift die unsittlichen Zustände der englischen Theater einer scharfen, aber nicht unberechtigten Kritik unterzog. l )

„Da ich überzeugt bin," so beginnt er seine Schrift, „dass nichts in unserer Zeit mehr der Unzucht ver- fallen ist als das Theater und die Spielhäuser, so glaubte ich meine Zeit nicht besser anwenden zu können, als wenn ich gegen dieselben schriebe." Zunächst wendet er sich dann gegen das gottlose Schwören und Fluchen und den Atheismus der Bühne, um dann auf die ge- schlechtliche Korruption zu kommen.

Wollust wird in allen Charakteren und Szenen zum Ausdrucke gebracht, das Laster wird ausgeschmückt! verhätschelt und verherrlicht, damit man es lieben lerne (a. a. 0. S. 141). Ein feiner Herr ist ein hurender, fluchender, schmutziger Atheist (S. 143). Die schönen Damen sind von demselben Schlage wie die Herren (S. 146).

Ein Echo fand die Schrift Colliers kurz nach ihrem Erscheinen in einer im Jahre 1700 von der


  • ) A Short View of the Immorality and Profaneness of the

Xnglisn Stage etc. By Jeremy Collier. 4th edition. London 1699, 8<> (XIV, 288 S.) [Ente Ausgabe 1698].


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Grand Jury of Middlesex eingereichten Klage über die Unsittlichkeit der Theater, worin es heisst, dass die Stücke voll von profanen, wollüstigen, indezenten und unmoralischen Ausdrücken seien. Besonders wird dieser Vorwurf den Aufführungen in Drury Lane, Lincolns Inn-fields und im Beargarden gemacht 1 )

Die beiden grossen Theater des 18. Jahrhunderts sind das Covent Gar den -Theater (erbaut 1733) und das Drury Lane -Theater (erbaut 1663). *) Ersteres diente' mehr musikalischen Darbietungen, auch der Dar- stellung von Pantomimen, während in Drury Lane die Tragödie und Komödie bevorzugt worden. Während der Sommersaison spielte das wesentlich der italienischen und englischen Oper dienende Haymarket-Theater (erbaut 1720) die Hauptrolle. Nicht zu verwechseln damit ist das ebenfalls an der Ecke von Haymarket ge- legene italienische Opernhaus (jetzt „Her Majesty's Theatre", eröffnet 1705.)

Berühmte Schauspieler von Covent Garden waren: Garrick (1746); Charles Kemble (1794); Mrs. Glover (1797), später Fanny Kemble (1829); Ed-

  • ) J. P. Malcolm a. a. 0. Bd. II, S. 110—111.
  • ) Wichtigste Litteratur: H. B. Wheatley, „London Past

and Präsent". London 1891. Bd. I, S. 465-466, S. 526-528; John Haszlewood's „Secret Histoiy of the Greenroom" Bd. II, 8. 67 n. ö.; J. Timbs, „Curiosities of London". A New Edition, London o. J., 8. 780—789; H. ßarton Baker, „The London Stage from 1576 to 1888", London 1892; derselbe, „Stories of the Streets of London". London 1899, S. 164—201. W. Thorn- bury, „Haunted London", London 1880, S. 3C5ff. — Ausserdem bieten die deutschen Schriftsteller über London von Z. v. Uffen- bach (Anfang des 18. Jahrhunderts) bis auf Hüttner (Ende des- selben) sehr interessantes Material über die Londoner Theater- verh&ltnisse, denen vor allem Lichtenberg in seinem neuerdings vollständig herausgegebenen Briefwechsel (s. oben 8. 65) grosse Aufmerksamkeit widmet.


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mund Kean, der hier zuletzt 1833 spielte. In Drurjr Laue traten auf: Neil Gwynn (1666), Barton Booth (1701), Mrs. Siddons (1775), JohnP.Kemblfr (1783), Harriet Mellon (1795), Edmund Kean (1814), in Haymarket : Henderson, Bannister, Ma- thews, Elliston, Liston, Yonng, Miss Feuton, Miss Farren, Edmund Kean, Miss Paton und Mac - ready.

Im Goodman's Fields- Theater, das 1729 er- öffnet wurde, erschien der grosse Garrick zuerst am 19. Oktober 1741 als Richard in.

Diese Vertreter und Vertreterinnen der edlen Schaupielkunst, deren Namen für immer in der Ge- schichte des Theaters glänzen, hoben zwar im all- gemeinen das englische Theaterwesen auf ein hohes Niveau, vermochten aber nicht ganz, jene, wie e& scheint, in England ganz besonders stark entwickelten Faktoren der Inmoralität von dem Theater fernzuhalten. Das englische Theater des 18. Jahrhunderts war immer noch ein allgemeines Rendezvous der galanten Welt, welche die theatralischen Genüsse zum Teil nur als Mittel zu anderen Zwecken benutzte.

Der Verfasser der „Müssiggänger und Taugenichtse in London 41 charakterisiert um 1780 diese Zustände f olgendermassen :

„Das Schauspiel soll nicht nur auf eine anständige Art unterhalten, sondern auch auf eine angenehme Art unterrichten; allein nur selten wird dieser grosse Zweck erreicht, weil das Interesse des Direkteurs sich dem allgemein herrschenden, verdorbenen Geschmack unter- werfen muss. Anders als verdorben kann man ihn nicht nennen, weil der grösste Haufe in Obscönit&ten,


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albernen Farcen und nichtsbedeutenden Operetten sein Wohlbehagen findet . . . Der Müssiggänger verschweigt hier den edelsten Teil seiner Zeit; der Kritiker besucht diese Oertcr nur, um seine alberne Vielwissorey an den Mann zu bringen; der Beutelschneider, tun zu stehlen; der Stutzer um Eroberungen zu machen, oder die Un- schuld zu verführen; Kupplerinnen und Huren wirte, um einfältige Mädchen wegzuschnappen ; und Koquetten und süsse Herrchens, um sich zu präsentieren und zu lieb- äugeln.

Die ganze hier befindliche Versammlung stellt gleichsam die Welt im Kleinen vor, und man kann sie allenfalls in vier Hauptklassen teilen. Zu der ersten Klasse gehören die Vornehmen, die in den Logen sitzen; indessen giebt es auch unter diesen Narren allerley Art und abgeschmacktes Volk genug. Die zweite Klasse geht aufs Parterre, und besteht aus Bürgern und Bürger- weibern, Witzlingen und Kritikern, Gaunern und Stutzern. Die dritte Klasse auf der Gallerie besteht aus Profession- isten, Künstlern, und überhaupt aus der mittleren Gattung des Volkes; zur letzten Klasse endlich gehört der ge- meine Pöbel, der sich durch ärgerliches Geräusch und abscheuliches Getümmel hörbar macht.

Noch stellt sich, so wohl in der Gallerie, als aufs Parterre eine Menge liederlicher Weibspersonen ein; diese versäumen gewiss keinen einzigen Abend das Schauspiel, um alles, was nur irgend einem Fremden ähnlich sieht, in ihre Schlingen zu locken. Ist hier nemlich ein oder andrer Fremde gegenwärtig, so pflanzt Mademoisell sich so nahe bey ihm hin wie möglich, und fängt mit der unverschämtesten Zudringlichkeit eine Unterhaltung an. Findet sie nun ihren Mann, nemlich

D Uhren, Das Geschlechtsleben in England.*** 9


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so einen, der ihr mit Höflichkeit zuvorkommt, lässt sie ihn einen Augenblick, um irgend einer ihrer Gehilfinnen einen Wink zu gebeu, dass sie einen Vogel im Stricke hat. Als dann wird über die fernem Maas- regeln beratschlagt, und nun kommt sie zurück, und unterhält ihn mit dem vertraulichsten Gespräch, so lange das ganze Schauspiel dauert. Ist das Schauspiel zu Ende, so weiss sie es schon so anzustellen, dass sie mit ihm zugleich heraus geht, und zugleich ihr bemaltes Gesieht seinen Blicken begegnen muss.

Will dies noch nicht helfen, und scheint der Fremde gegen alle ihre Reize unempfindlich zu seyn, so sucht sie das Gespräch noch interessanter zu machen, fragt auch wo sein Logis ist, und dann ist sicher sein Weg auch der ihrige. Sie bittet also eine Mietkutsche zu rufen, und sie zu Hause zu begleiten, mit dem Ver- sprechen, dass sie sich den folgenden Abend auf gleiche Art revangieren wolle.

Glückt dies, so ist das Geschäft bereits halb ge- endigt. Sie setzt sich nun neben ihm im Wagen, und hier empfängt er eine Sündflut von Danksagungen und Komplimenten für seine Güte und Gefälligkeit, dass er ihr einen Platz in der Kutsche erlaubt; sie bittet also inständigst tun die Ehre, sie in ihr Hans zu begleiten . . . Ist er nun erst bis dahin, so ist er ihr eine sichere Beute." ')

Die kleineren Theater, wie Goodman's Fields- Theater, in dem Garrick zuerst auftrat, waren ge- fährliche Herde der Immoralität für die gesamte Nachbar-


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achaft. Sir John Hawkins berichtet, dass das letzt- genannte Theater von einem ganzen Kreise von Bagnios umgeben war und der Auktionator Puff in Foote's „Taste" (1752) spielt ebenfalls auf diese Verhältnisse an, und noch 50 Jahre später erwähnt Malcolm mehrere Bordelle in der Nabe dieses Theaters. ')

Manchmal wordeD auch die Einrichtungen vornehmer Bordelle auf die Bühne gebracht. So wurde der be- rüchtigte Besitzer des „Tempels der Gesundheit", Dr. Graham*} im Jahre 1780 in der Posse „The Genius" dem Publikum vorgeführt. Bannister spielte den Graham. Dessen seidene Sophas mit gläsernen Füssen, sein „himmlisches Bett", seine zwei Pförtner in langen prunkenden Röcken und mit ungeheuren gold- verzierten Buten, wie sie an der Thür Zettel verteilten, sogar seine Göttin der Gesundheit wurden von Harlekins parodiert die ebenso des Doktors schlürfenden Gang und lächerliche Verbeugungen karrikierten. Der jüngere Colman und Bannister hatten sich vorher zu dem Tempel der Gesundheit begeben, um des Charlatans Porträt für diesen Zweck aufzunehmen. 8 )

Samuel Foote verschmähte es sogar nicht, das Personal des Havmarkettheators aus den Bordellen zu ergänzen. So engagierte er einmal eine Dirne aus dem Bordell der Charlotte Hayes. 4 )


') H. B. Wheatley a. a. 0. Bd. II, S. 128.

  • ) Vergl. aber ihn B. Dühren „Dan Geschlecht sieben ;

England." Bd. II, 8. 318-326.

  • ) Taornbmy „Haunted London" 103.

') „Les Serails de Loadres" S. 45—46.


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Man kann nicht behaupten, dass Shakespeare^ mächtiger Geist über der englischen Schaubühne des 19. Jahrhunderts schwebt.

Wir sehen die vielfachen Versuche einer Erneuerung des englischen Dramas vereitelt durch die immer stärkere Entwickelung einer schon von altersher dem englischen Volksgeist adäquaten Richtung, die sich mit dem Worte „Sensationsdrama" bezeichnen lässt. Vom Anfange bis zum Ende des Jahrhunderts beherrscht das Sensations- stück die englischen Bühnen. Die möglichst starke Wirkung auf die Sinne wird als Massstab für Güte und Rentabilität eines Dramas betrachtet.

Schon Bornemann konstatiert um 1815 den Niedergang der englischen Komödie und Tragödie und das Vorherrschen der Spektakelstücke. „Die jüngere Zeit hat nur zu sehr die vorgezeichnete rechte Bahn verlassen, und man könnte sagen, bis zu Katzensteigen sich verirret, um sich in kurzweiligen Wortspielen, witzelnden Anfechtungen vergnüglicher Momente und gallsüchtigen Persönlichkeiten, Beifall und Gelächter eines Augenblicks zu erbuhlen; und in empörenden Grässlichkeiten empfehlenden Stoff für die tragische Muse zu suchen ... Da Uebertriebenes so sehr gefällt, so übertreibt denn auch jeder nach Möglichkeit. Ein wieherndes Kreischen, z. B. um Schreck und Entsetzen auszudrücken, mag der rauhen Natur ganz eigentümlich seyn; aber es von der Bühne herab vernehmen zu müssen, und je durchschneidender und anhaltender es gewesen, mit desto mehr Beifall honoriert zu sehen, das will sich denn doch schwer verwürgen lassen. 41 J )


  • ) Bornemann a. a. 0. S. 166—168; S. 170.


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Heute ist diese Sensationslust des englischen Theater- publikums womöglich noch grösser als am Beginne des 19. Jahrhunderts, und es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass ein Stück desto mehr Erfolg hat, je mehr es auf die Entfesselung der niedrigsten Instinkte des Publikums berechnet ist. Die Effekte, die „das Publikum angeln " sollen, sind: bis zum Wahnsinn ver- schrobene und verdrehte Charaktere, sensationelle am liebsten kriminelle — Situationen, einige verwickelte Intriguen — sowie glänzende, höchst vollendest^ Dekorationen und Maschinerien. *)

Eine anschauliche Illustration für das ausschliesslich sensationelle Moment im englischen Theater bieten die jedem Besucher Londons sogleich auffallenden Theater- plakate dar, welche die Mauern, Dächer, Säulen und jede verfügbare freie Fläche bedecken und in grellen Farben, ganz nach Art der Titelumschläge unserer billigen Indianerbücher, den Knalleffekt (meist im wahren Sinne des Wortes) des betreffenden Stückes zur An- schauung bringen. „In diesem Hexensabbat von grellen Farben und traurigen Zeichnungen schiessen, was aus- schweifende Rücksichtslosigkeit betrifft, die Plakate der Londoner Theater den Vogel ab. Sie bedecken oft un- geheure Flächen und führen in meist überlebensgrossen Bildern die charakteristischen Scenen des Theaterstückes vor Augen: süssliche — wenn auch anständige — Liebesscenen im Wechsel mit Mord und Totschlag in allen bekannten Formen, mit Misshandlung von Frauen, hysterischen Anfällen und anderen dramatischen


  • ) Vergl. darüber Gustav E. Steffen „Aus dem modernen

England" Stuttgart 1896 S. 388,


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Krankheiteformen, mit Einbrachen und Polizei - Held en- thaten, u. s. w." 1 )

Wer einen vollen Begriff von dem, was anf einer Londoner Bühne möglich ist, bekommen will, dem empfehle ich dringend den Besuch eines der Vorstadt- theater z. B. des Standardtheater in Shoreditch. Es genügt, sich einen Akt anzusehen. Als ich gegen 9 Uhr abends das erwähnte Standardtheater betrat, nm mir das Schauer- stück „A Life's Revenge" anzusehen, waren gerade zwei sehr wild aussehende Weiber auf der Bühne beschäftigt, unter dem Beifallsgeheul des Publikums ein — Säbel- duell auszufechten. Die Siegerin begnügte sich nicht damit, ihre Gegnerin durch Verwundung kampfunfähig zu machen, sondern sprang ihr nach dem beigebrachten Stich an die Gurgel und würgte sie, nm die ohnmächtig Hinstürzende dann unter dem tobenden Jauchzen der Zuschauer totzustechen. Ueberbanpt war es interessant, das grösstenteils aus Männern, Frauen und Kindern der niedrigsten Volksklassen des East End bestehende Publikum während des Spiels zu beobachten. Die Zu- schauer waren mit Herz und Seele bei der Sache, sie nahmen moralischen Anteil an der Handlung, zischten die Uebelthäter und Schurken aus und spendeten den unschuldig Verfolgten Beifall. Die Liebkosungen, welche die weiblichen Schauspielerinnen ihren Liebhabern zu teil werden Hessen, Hessen an Deutlichkeit nichts zn wünschen übrig. Das Streicheln war mehr ein widerwärtiges Bekrabbeln, die Küsse schallten wie Ohrfeigen durch den Zuhörerraum.

Jedoch haben sich auch die höheren Londoner


  • ) ibidem S. 891.


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Bahnen dieser auf das Sensationelle und Derbe gebenden Richtung nicht ganz entziehen können, und auch hier bleiben die Schauspielerinnen nicht zurück. Schon Goede bemerkt: „Wer es nicht wüsste, dass es den Engländern an guten, hochkomischen Theaterstücken fehlt, würde es leicht an ihren Schauspielerinnen bemerken können, die in die gröbste Materialität des Niedrig- komischen versunken sind. Nie habe icb von Schau- spielerinnen einen so groben, undelikaten Ton gehört, als auf dem Englischen Theater. Dieser ist um so auf- fallender, da er so ganz dem sanften, weiblichen Charakter der Engländerinnen widerstreitet . . Es ist nicht zu leugnen, dass selbst da, wo der Dichter viele Feinheit in eine weibliche Bolle legte, diese unter den Händen der Englischen Schauspielerinnen gemeiniglich ganz verloren geht So ist z. B. die Witwe Belmont in dem „wäy to keep him" eine Bolle, worin eine Schauspielerin, der es nicht an Kunst und natürlicher Grazie fehlt, glänzen könnte; aber Mrs. Jordan macht durch ihre erstaunlich gemeine Diktion, verbunden mit dem Plumpen und Niedrigkomischen ihres übrigen Spieles» aus der feinen graziösen Witwe ein ganz gewöhnliches Weib." *)

Ebenso rügt in späterer Zeit 0. v. Eosenberg den derben und obseönen Ton auf der englischen Bühne: „Mit Becht sagt Voltaire, dass die Sprache der englischen Schauspieler die Sprache der Liederlichkeit und nicht die der höflichen Welt sei. Muralt schreibt die Ver- dorbenheit der englischen Sitten dem Theater und hauptsächlich in London zu. Er behauptet, dass ihm

! ) Chr. A. G. Goede „England, Wales, Irland und Schott- land" 2. Aufl. Dresden 1806. Bd. III, S. 217.


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kein anderes gleiche, dass es eine Sehnte sei, welche die Jagend beider Geschlechter mit dem Laster ver- traut mache nnd es ihr hier nie als solches, sondern als einen Gegenstand des Scherzes darstelle." l )

Zwischen 1830 nnd 1860 war das Unwesen der sogenannten „Penny-Theatres" sehr gross, über welches viele Schriftsteller jener Zeit Klage führen. Ryan nennt diese billigen Theater die „nurseries of yonng thieves and prostitutes* 4 *). Talbot fällt ein ähnliches Urteil über sie nnd geisselt besonders die obseönen Darstellungen anf diesen kleinen Bühnen, durch welche die Jugend völlig verdorben werde. 8 ) Zu diesen verrufenen „Penny - Theatres" gehörten das Victoria- theater in Lambeth, der Bower Saloon, Stangate, die „Rotunda - in Blackfriars Road. 4 )

Eine Eigentümlichkeit der grossen Londoner Theater, besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sind ihre „Salons" (saloons), welche fast ausschliesslich als Tummelplätze der Prostitution bezeichnet werden.

Bornemann schildert seine Eindrücke aus dem Covent Garden-Theatersalon folgendermassen:

„Die kurzen Zwischenakte benutzen wir um in den Conversationssälen uns umzusehen. Ganze Schaaren von Lustinädchen sind hier versammelt, wie denn überhaupt die Theater von solchen Grazien wimmeln. An Nackt- heit und Kleidungsdurchsichtigkeit, bey üppiger Körper- fülle, lassen sie nichts ermangeln. Ihr Benehmen hin-


  • ) 0. v. Rosenberg „Bilder aus London 41 Leipzig 1884.

S. 118.

  • ) Ryan a. a. 0. S. 118.

•) ibidem S. 200.

') H. Barton Baker „The London Stage". London 1892. Bd. II, S. 289-241.


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gegen in diesen Sälen ist sehr bescheiden und verrät keineswegs ihr verrufenes Handwerk. Ein begehrender Blick wird durch artiges Ueberreichen einer sauber gestochenen Charte beantwortet, worin die Schöne mit ihrer Wohnung bekannt macht, und zum Besuch zärtlich «inladet. Im Busen stecken die Charten, duftend nach Kosen und Ambra. Es sind im ganzen reizende Gebilde und Manche ausgezeichnete Schönheiten. Auch nur die höhere Klasse dieser unglücklichen Opfer der Venus vulgivaga giebt sich hier Schau. Ohne Anstoss zu nehmen, lustwandeln mitten unter ihnen Brittische Familien, Mütter und Töchter, Väter und Söhne. Auf reichlichen Abgang der Halbpreis - Billets haben diese Säle, und jene Heldinnen, entschiedenen Einfluss, denn gar viele der jungen Wüst- und alten Lüstlinge be- treten nur Thalien s Hallen zur Auswahl und Augenweide, die, mit der Zeit des Halbpreises, den die Priesterinnen Cytherens ebenfalls zahlen müssen, erst rechten Flor gewinnt. *)

0. v. Rosenberg*) berichtet, dass auch die Theater- räume selbst von den Prostituierten in Anspruch ge- nommen wurden. „Leider ist die Gesellschaft in dem ganzen Hause, ich spreche wieder von Drury-Lane und Coventgarden, sehr gemischt, und oft findet man die Herzogin umringt von Freudenmädchen etc. Die Gallerie ist von den letztern angefüllt und jede hat freies Entrte. Unanständige Scherze mit diesen Dirnen und jungen Leuten aus den ersten und besten Familien scheinen etwas ganz Erlaubtes, und man


l ) Bornemann a. a. 0. S. 162.

  • ) 0. v. Rosenberg a. a. 0. S. 1H— 115.


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geniert sich selbst in diesen Liebkosungen nicht, wenn bekannte Damen es mit ansehen. — In den Zwischen- akten versammelt sich der ganze Tross von öffentlichen Mädchen, alten nnd jungen Libertins in dem grossen Saale, Saloon, der im ersten Range angebracht ist, nnd in welchem Erfrischungen aller Art verkauft werden. Die Wände sind von Spiegelglas, das Zimmer ringsum mit Ottomanen und Sophas besetzt. Hunderte von Kerzen und ein grosser Kronleuchter, an welchem eben so viele Gaslichter brennen, beleuchten diese Scene von Schamlosigkeit und nie gesehener Frechheit"

In den „Doings in London 4 • bemerkt Peregrin zu Mentor, dass er schon sehr viel von dem Treiben im „Drury-Lane Saloon u gehört habe und sich dasselbe gerne ansehen möchte. Mentor fährt ihn alsbald dahin. „Dieser alte Kerl," sagte Mentor, „den Ihr da in Unter- haltung mit dem kleinen Mädchen begriffen seht, ist ein ständiger Besucher des Salons. Viele dieser jungen Geschöpfe werden herbeigeschafft, um seine schreckliche Leidenschaft zu befriedigen.

It's true — 'tis pity; And pity 'tis — 'tis true!

Jedermann muss die allnächtlich in den Salons unserer Nationaltheater vorfallenden unsittlichen Scenen tief beklagen. Ein Mitarbeiter der „Times" bemerkt: „Es ist allgemein bekannt, dass keine anständige Frau einer Vorstellung beiwohnen kann, ohne den anstössigsten Berührungen ausgesetzt zu sein. Nicht nur hat jedes Theater seinen „Salon" für die specielle Be- quemlichkeit der gewöhnlichen Dirnen, sondern letztere machen sich auch in allen übrigen Teilen des Hauses breit. Besonders der zweite und dritte Rang sind ganz.


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von ihnen besetzt. Wir sprechen von der inferioren Moral der Franzosen, aber können wir uns in Bezug auf die äusseren Zustände in unseren Strassen und Theatern mit ihnen vergleichen? Bei ihnen entrichtet das Laster der Tugend seinen Tribut, indem es decent auftritt, bei uns ist das einzige Gegengewicht des Lasters seine äusserste Roheit, die leider durchaus kein aus- reichender Schutz gegen dasselbe ist"

Eine sehr anschauliche Abbildung führt uns diese „Doings in Drury-Lane Saloon" vor Augen. Wir er- blicken einen alten Lebemann, wie er grade ein zierliches kleines Mädchen unters Kinn f asst, und andere Damen der Halbwelt teils sitzend, teils in Begleitung von Gecken umhergehend. 1 )

Weitere interessante Schilderungen der Theatersalon- Prostitution geben Pierce Egan in seinem berühmten „Life in London", wo er uns eine ganze Anzahl solcher Salontypen, die „Brillanten-Fanny", die „hübsche Ellen", die „schwarzäugige Jane", sowie das Treiben der als Kupplerinnen dienenden Obstfrauen vor dem Theater u. a. sehr anschaulich vorführt 2 ), ferner Goede 8 ), Venedey 4 ), R6mo 5 ) u. a.

Glanville, ein Buchhändler unter der Piazza, Covent-Garden veröffentlichte zwei Jahre lang seine


  • ) „Doings in London". S. 99; S. 129.
  • ) P. Egan „Life in London" ed. Hotten, London 1900.

8. 211-217.

■) Goede a. a. 0. Bd. HI, S. 286—287.

  • ) J. Vcnedey „England". Leipzig 1845. Bd. II, S. 587.
  • ) R6mo „La vie galante en Angleterre". S. 280.


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Liste der schönen Besucherinnen des Coventgarden- Salon unter dem Titel „The Fashionable Cypriad" 1 ).


Die Musik, diese „Melodie, zu der die Welt der Text ist" (Schopenhauer), spricht unmittelbarer zum Herzen als jede andere Kunst. Daher spielt sie vor allem in der Liebe von jeher eine höchst bedeutende Bolle, indem sie die Seele für alle erotischen Regungen reiner, aber auch sinnlicher Natur empfänglich macht. Ueber diese Beziehungen der Musik zur Erotik haben sich Dufour*) Günther 8 ), Meibom 4 ) u.a. ausgesprochen. Bei den Römern gab es eine eigene Gattung der mu- sikalischen Prostituierten, die Lyra- und Flötenspieler- innen 5 ), und in der Neuzeit bildete ebenfalls Italien durch seine Opernsänger und Sängerinnen, Kastraten, Geiger, Musiker aller Art, mit welchen es die nord- europäischen Länder überschwemmte, den Ausgangs- punkt einer neuen Art der Prostitution. 6 )

Nirgends hat sich die Leidenschaft für musikalische Genüsse jeder Art stärker entwickelt als in England. Es ist dies um so merkwürdiger als, wie allgemein be- kannt, das englische Volk keinerlei grosse Componisten, ja kaum eine eigene Nationalmusik hervorgebracht hat. Ich erinnere nur an den Auspruch Nietzsche's: „Was aber auch noch am humansten Engländer beleidigt, das

  • ) J. Bee a. a. 0. S. 57.

■) Dufour a. a. 0. Bd. III, S. 137.

») Günther „Kulturgeschichte der Liebe". Berlin 1899.

') Meibom a. a. 0. S. 271.

  • ) J. Jeannel, „Die Prostitution in den grossen Städten im

neunzehnten Jahrhundert". Erlangen 1869. S. 81—82.

6 ) Vergl. die packende Schilderung dieser Zustände bei Barthold „Die geschichtlichen Persönlichkeiten in Jacob Casanova's Memoiren 44 . Berlin 1846. Bd. 1, S. 88-41.


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ist sein Mangel an Musik, im Gleichnis (und ohne Gleichnis — ) zu reden: er hat in den Bewegungen seiner Seele und seines Leibes keinen Takt nnd Tanz, ja noch nicht einmal die Begierde nach Takt und Tanz, nach Musik." 1 )

Letztere Bemerkung ist nur zum Teil richtig. Es fehlt dem Engländer nur das Vermögen eigener musikalischer Produktion. Die „Begierde" ist vorhanden, sogar in einem ungewöhnlichen Masse, aber freilich meist auf sehr zweifelhafte musikalische Genüsse gerichtet Schon Erasmus von Rotterdam erwähnt im „Moriae Enco- raium" diese eigenartige Musikleidenschaft der Eng- länder 2 ). Alle Reiseschriftsteller des 18. und 19. Jahr- hunderts können nicht laut genug ihre Verwunderung über die auesergewöhnlich grosse Rolle, welche die Musik in England spielt, ausdrücken. Aus v. Archen - holtz's Bericht geht deutlich jene Beziehung dieser Musikleidenschaft zur Vita sexualis, auf die oben hin- gewiesen wurde, hervor.

„Nie hatte diese Kunst in England eine glänzendere Epoche. Händeis Gedächtnissfeier, die einer Apotheose nicht unähnlich sieht, die Italienische Oper, die grossen Musiken im Pantheon, alles ist prächtiger als je zuvor, und mit dem Herzog von Buckingham hat sich der Enthu- siasmus auch über Irland verbreitet. Man ist bereits verwöhnt genug, um kein Konzert mehr hören zu wollen, wo das Orchester nicht wenigstens aus 300 Künstlern besteht. Dem Sänger Marchesi zahlten die Entrc-


') Ft. Nietzsche. „Jenseits von Gut und Böse". 4.. Aufl. Leipzig 1895. S. 227.

  • ) Traill a. a. 0. III, 164.


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preneurs der Italienischen Oper für einen Winter 1500 Pfund Sterling, nebst dem Gewinn einer Vor- stellung, freiem Tisch und freier Equipage. Die Mara und die Storace wurden verhältnismässig eben so königlich von diesem Volk von Königen belohnt Noverre erhielt zum erstenmal in England das daselbst ganz ungewöhnliche Zeichen des Beifalls, dass er vom Publikum herausgerufen ward, nachdem Vestris sein neues Ballet, Cupido und Psyche, getanzt hatte. Diese Symptome zeugen von etwas mehr als blosser Mode- sucht; sie bezeichnen uns den Reichen und Grossen, der Langweile hat und die Spannung einiger Augen- blicke nicht teuer genug bezahlen kann; sie schildern die unnatürliche Weichlichkeit, zu welcher die Völker auf der höchsten Stufe der Kultur durch Ueppigkeit und schwelgenden Genuss entarten. Es ist wahr, wir empfinden mit dem Ohr, wie mit dem Auge, Harmonie der Töne wie Harmonie der Farben und Gestalten; das Vollkommene dringt in unsern innersten Sinn und verschmelzt sich mit ihm, gleichviel durch welches äussere Werkzeug es aufgefasst ward. Den- noch sind wir unabhängiger durch das Gesicht als durch das Gehör; denn das Auge erfasst einen mannichfacheren Umfang von bestimmteren Verhältnissen der Dinge, und mit Hülfe dessen dringen wir gleichsam tiefer in ihr Wesen hinein. Die Erschütterungen durch das Gehör sind auch in demselben Masse gröber und unbestimmter, als die durch die Sehnerven, wie das Medium der Luft körperlicher ist als jenes des Lichts.. Dunkle, leiden- schaftliche Gefühle des Tonkünstlers berühren unser Ohr in verschiedenen Folgen von Tönen; dunkle, leidenschaftliche Gefühle widerhallen in unserem Sinn.


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Plato hielt daher die Musik für gefährlich und ins- besondere verbannte er die weiche lydische Tonart ans seiner Bepublik.

Minder strenge als der für Tugend schwärmende Philosoph erkennt unser Zeitalter den Wert einer jeden Leidenschaft und sicher in seiner Abspannung, besorgt es keine gewaltsame Wirkungen von dem Beiz der Musik. Wollüstiges, schmachtendes, hinsterbendes Girren, vorgetragen und mit dem Silberton eines Ent- mannten; mehr braucht es nicht, um ohnmächtige Nerven zu einem schnell vorüberfliehenden Entzücken zu kitzeln." *)

Jouy, 2 ) Adrian, 8 ) v. Rosenberg 4 ) machen eben- falls interessante Mitteilungen über die ausserordentlich entwickelte Neigung der Engländer für Musik und Ge- sang. Und zwar ist dieselbe bei den unteren Klassen in eben demselben Masse vorhanden wie in den höheren. Goede sagt: „Vorzüglich bemerkt man eine beinahe leidenschaftliche Vorliebe für Musik unter der roheren Volksklasse. Jeder noch so unreine Leyerton auf einer Londoner Strasse lockt den englischen Pöbel aus allen Schlupfwinkeln herbei, und in wenig Augenblicken sieht sich der wandernde Musikant von einem Haufen schmutziger Zuhörer umgeben, die mit freudigem Ent- zücken die Harmonieen seines Instruments in sich ziehen." 6 ) Archenholtz erzählt ein drastisches Bei-


  • ) J. W. v. Archenholtz, „Britische Annalen". Bd. III,

8. 195-197

B ) Jouy. „L'Hermite de Londres". Bd. u£ S. 162.

•) Adrian a. a 0. II, 59.

4 ) v. Rosenberg a. a. 0. S. 66.

5) Goede a. a. 0. III, 155—156.


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spiel hierfür. Ein gewöhnlicher Soldat in Norwich hungerte mehrere Tage, um so das Geld für ein Kon- zert zu sparen, welches er anhören wollte. 1 )

Da England keine eigenen hervorragenden Kompo- nisten, Musiker und Sänger hervorgebracht hat, so stellten sich früh fremde Künstler ein, für die sich hier natürlich ein reiches und einträgliches Feld ihrer Thätig- keit eröffnete.

Vor allem kamen die beiden am meisten für Musik begabten Nationen in Betracht: die Italiener und die Deutschen.

Die erste italienische Oper wurde den 9. April 1705 auf dem Heumarkt eröffnet (Italian Opera House); am 6. April 1847 kam eine zweite hinzu (Royal Italian Opera, Covent Garden), welche mit der „Semiramide" (Titelrolle von der Grisi gesungen) eröffnet wurde. 2 ) Beide Opern haben den Staat sehr grosse Summen gekostet, da die Honorare der Sänger und Sängerinnen ganz kolossale waren. „Das reiche Grossbritaunien," sagt Barthold, „gewährte andere Vorzüge, eine höhere Geltung in der Gesellschaft^ welche Theaterprinzessinnen in gewisser Ebenbürtigkeit betrachtete, daher mehr als eine Primadonna eine hochadelige Heirat schloss, und sich in den vornehmsten Kreisen bewegte; ferner über- schwengliche Jahrgehalte. Farinelli erhielt im Jahre 1734 2500 Pfund, ehe er nach Spanien ging; die be- rühmte Faustina Bordoni zog oft für einen einzigen Abend, ausser reichen Geschenken ihrer Gönner und Gönnerinnen, *1 600 Pfund! Die Aufnahme in der höheren


  • ) Archenholtz a. a. O. Bd. V, S. 386—387.
  • ) Timbß „CuriositieB of London", S. 788—789.


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Gesellschaft machte Sänger und Sängerinnen in Georgs II. Zeit sogar zu politischen Personen, und in ähnlicher Weise wie in Byzanz, versteckten sich die Partei- bestrebungen der Whigs und Tories hinter dem Wett- eifer der gefeierten Theaterheldinnen. Beide Parteien teilten sich in die Verfechtung des Talents der Faustina and der Francesca Cuzzoni-Sandoni, zogen auch die Maestri di Capeila in die politische Spaltung. Händel war für Faustina, und Buonconcini für die Cuz- zoni; um den öffentlichen Frieden herzustellen, musste man endlich, bei der Heftigkeit der Nebenbuhlerinnen, sich entschließen, beide fortzuschicken. 4 * 1 )

Der hohe englische Adel zog mit Vorliebe die italienischen Sänger zu Konzerten in seinen Palästen heran. Wagen schildert ein solches Konzert am 17. Juli 1835 bei dem Marquis von Lansdowne in Lansdownehouse, bei welchem die beiden ersten Bassisten Europas, Lablache und Tamburini, das berühmte Duett „Se fiato" aus dem „Matrimonio secreto" von Gimarosa unvergleichlich herrlich vortrugen, und bei dem das Trio „Vadasi via di qua" aus der „Cosa rara" von Martini von der Malibran, Rubini und La- blache meisterlich gesungen wurde. 3 ).

Bedenklich war nur, dass auch das Unwesen der italienischen Kastraten in EnglandEingangfand, deren Bolle als Vermittler der geschlechtlichen Korruption Bart- hold schildert. 8 ) Speziell mit Beziehung auf England geisselt der Verfasser der „Müssiggänger und Taugenichtse in London" diese Auswüchse der italienischen Oper:


  • ) P. W. Barthold a. a. 0. Bd. I, S. 45-46.
  • ) Wagen, „Kunstwerke und Künstler in England Bd. II, S. 72.

») Barthold a. a. 0. I, S. 38; S. 40.

D Uhren. Bas Geschlechtsleben in England ***. 10


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„Um sich aufs vollkommenste zu überzeugen, wie sehr der herrschende Geschmack itzt herab gesunken ist, darf man nur das prächtige Theater, das wahre Monument britischer Verschwendung, ansehen , das blos der italienischen Oper gewidmet ist Die Lieb- haber dieser Gattung öffentlicher Lustbarkeiten finden in den leeren Tönen so ausserordentlich viel Beizendes, dass sogar dem musikalischen Gott zu Ehren die Mann- heit aufgeopfert wird. Die Sprache der Natur und der Ausdruck der Leidenschaften ertönt hier in burlesken Trillern und Wirbeln, die man ein Recitativ nennt und welches im Grunde so wenig Gesang als Deklamation ist In der That, nur für die Art elender Idioten, die aus Mangel des Gefühls für das wirklich Schöne in dem blossen Geklimpere und Getrillere etwas Reizendes finden, kann dies ausländische Gequike eine Unterhaltung seyn.

Aber noch mehrl Dadurch, dass wir diese ent- mannten Söldner hervorziehen, befördern wir zugleich das allgemeine Sittenverderben, und Weichlichkeit, an- steckend wie die Pest, erstickt in unsern jungen Edel- leuten den Keim der edleren Gefühle. Statt ihnen die vortrefflichen Charaktere solcher Patrioten, Helden und Senatoren zum Muster vorzustellen, die sich zum Besten ihres Vaterlandes auf eine rühmliche Art hervorgethan haben, sehen sie hier blos eine Gruppe armseliger Ge- schöpfe, Mitteldinge zwischen Mann und Weib, welchen, so sehr sie auch immer von vielen gelobpriesen werden, alles männliche, wahre und charakteristische der Handlung fehlt, wodurch eigentlich nur das dramatische Verdienst bestimmt wird." 1 )

  • ) „ Offenherzige Schilderung der Müssiggänger und Tauge-

nichts in London". London 1787, Teil I, S. 98—99.


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Neben den Italienern nahmen die deutschen Musiker und Komponisten schon mit dem Ende des 17. Jahrhunderts eine sehr hervorragende Stellung in England ein. Zacharias Conrad von Uffenbach, der 1710 die Oper in London besuchte, bemerkt: „Das Orchester ist auch so wohl besetzt, dass es nicht besser seyn kann. Es sind aber lauter Fremde, meist Teutsche, und dann Franzosen; denn die Engländer sind in der Musick nicht viel besser als die Holländer, das ist ziemlich schlecht" 1 )

Am meisten gefeiert wurden Händel und Weber. Ersterer hat bekanntlich 49 Jahre, von 1710—1769, in England gelebt und gewirkt und ist in der Westminster- abtei beigesetzt worden.

Ueber die ihm zu Ehren veranstaltete grossartige Gedächtnisfeier an letzterem Orte am 26. Mai 1784 berichtet Malcolm. 9 )

Carl Maria v. Weber, der im Februar 1826 zur ersten Aufführung des „Oberem" (12. April 1826) nach London gereist war, starb dort am 5. Juni desselben Jahres. Er hatte einen ungeheuren Enthusiasmus er- regt, und sein Tod rief die rührendste Teilnahme von Seiten der englischen Bevölkerung hervor, v. Rosen- berg weilte gerade zu dieser Zeit in London und er- zählt Näheres darüber:

„Weber kann ohne Uebertreibung der musikalische Abgott des englischen Volkes genannt werden. Wie


') „Herrn Zacharias Conrad von Uffenbach merk- TOirdige Reisen durch Niedersachsen, Holland und Engelland" Ulm 1758, Teil II, S. 441.

  • ) J. P. Malcolm, „Londinium rediyivum". London 1802.

Bd. I, S. 254—255.

10*


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sehr seine Produkte die im allgemeinen unmusikalischen Ohren der Engländer gekitzelt haben, beweist auch hier der Jungfernkranz etc., die man auf jeder Drehorgel, aus jeder Gurgel von Alt und Jung mit Begeisterung erschallen hört Ich fand in der literary gazette eine httbsche Hymne auf Weber. Einige Tage nach seinem Tode ging ich in das italienische Opernhaus, wo ein Konzert für Waisenkinder gegeben und unter mehreren Symphonien von Weber, dessen Ouvertüre aus dem Freischützen und seine Hymne auf den verstorbenen König von Baiern aufgeführt wurde. Ganz besonders schien die letztere, welche trefflich ausgeführt wurde, eine allgemeine Wehmut unter dem Publikum zu ver- breiten, und war es blosse Wirkung der Töne, war es ein besonderes Interesse an Webers Person, mehrere Damen wurden ohnmächtig, und ich muss frei gestehen, ein gelindes geistiges Beben ergriff auch mich. Nach Beendigung desselben rauschte kein Applaudissement wie bei den anderen Pifecen durch das Haus, still und stiller ward es im hell erleuchteten Saale, kein Wort ent- schlüpfte der bewegten Brust, jedes schien den ver- ewigten Künstler aufrichtig, ohne hörbare Ehrenbezeigung zu betrauern." 1 )

Neben den grossen Opernhäusern kommen in London hauptsächlich die grösseren und kleineren Musik - hallen für die Darbietung musikalischer Produktionen in Betracht.

Ein eigentümlicher Vorläufer der Musikhallen war das im 17. und 18. Jahrhundert sehr beliebte Musikschiff auf der Themse.


  • ) 0. y. Rosenberg a. a. 0. S. 125—126.


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Nahe dem Eingang zu Cuper's Garten, einem be- kannten Londoner Vergnfigungsgarten des 18. Jahr- hunderts, lag anf der Themse zwischen Somersethonse und dem Savoy eine in Form eines Hauses gebaute grosse Barke, deren Entwickelung sich ungefähr mit derjenigen der chinesischen „Blumenschiffe" ver- gleichen lässt.

Die „Folly" — so hiess dieser eigenartige Bau — enthielt im Innern verschiedene Salons und kleinere Zimmer, das Dach war zu einer Promenade eingerichtet und wurde an den vier Ecken von Thürmchen gekrönt Dieses „komische Stück Architektur", wie Thomas Brown es nennt, wurde kurz nach der Restauration erbaut und am 13. April 1668 von Pepys besucht, der unter diesem Datum in seinem Tagebuch einen Schilling, ausgegeben in der Folly, vermerkt hat Brown bemerkt, dass das Boot als ein sommerliches Musikhaus erbaut worden sei, wo Personen von Stand sich treffen und beäugeln konnten. Bald erkannten aber die „ladies of the town" (Demimonde), dass dies ein für ihre Zwecke sehr ge- eigneter Ort sei und vertrieben die ehrbaren Frauen, welche hier ebenfalls ihre „amorous intrigues" gesucht hatten. Die Königin Mary (Gemahlin Wilhelms IQ.) stattete der Folly einst einen Besuch ab, worauf der Besitzer den Namen des Schiffes in „The Royal Diversion" umtaufte. Im Volke hiess es jedoch weiter „The Folly 44 . Thomas Brown beschreibt einen Besuch, den er im Jahre 1700 diesem merkwürdigen Bau ab- stattete. Nachdem er in einem Boote an die Seite der „Folly" herangerudert worden war, fand er sich sogleich von einem Haufen von jungen und alten Weibern „von jeder Art und Grösse" umgeben. Einige dieser Damen tanzten


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und trippelten lustig auf dem Decke umher, andere plauderten mit ihren Verehrern. Sehr viele aber, dar- unter auch einige mit langen Schwertern bewaffnete Zuhälter, drängten sich im Innern, in den Zimmern und dem Salon, wo sie rauchend und Branntwein trinkend sassen. „Kurz, es war solch eine konfuse Scene von Narrheit, Ausgelassenheit und Unzucht'*, dass Thomas Brown, der sonst wirklich nicht prüde war, ohne etwas genossen zu haben, wieder in sein Boot stieg. In späterer Zeit wurde die Folly gelegentlich von ehr- samen Handwerksleuten und Handlungsgehfilfen nach Ladenschluss besucht, meist in Begleitung ihrer „sweethearts" , um dort einen vergnügten Abend zu verleben.

Die eigentümliche Einrichtung existierte bis etwa 1750, anter häufigem Wechsel des Charakters der Besucher; zuletzt war sie als „Golden Gaming Table", als Spielhölle verrufen. Später lag an der Stelle die berühmte Chinesische Dschunke, die 1848 von Tausenden besucht wurde. 1 )

Unser Landsmann, der berühmte Büchersammler Zacharias Conrad von Uffenbach besuchte die „Folly" am Sonnabend, den 19. Juli 1710:

„Nachmittags, weil es schön Wetter, nahmen wir ein Boot und fuhren auf der Themse, London Diversion, oder wie mit grossen goldenen Buchstaben an diesem Schiff geschrieben war: Royal Diversion, so ge- meiniglich im Englischen und Französischen Folie


' ') Vergl. das Kapitel, „The FoUy on the Thameß" bei W. and A. E. Wroth, „The London Plearare Gardens of the eighteenth eentury" London 1896, S. 258—260 (mit Abbildung der Follj S. 259 and Litteratai); Timbs „Curiosities of London" S. 775.


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genannt wird, zu besehen. Es ist aber diese Folie eigentlich ein grosses Schiff, viereckigt, wie eine grosse und tiefte Nähe oder Fähre, die bey nahe mitten in der Temse am Anker vest lieget, das zu einem Wirtshans und Huren-Haus zugleich dienet Oben darauf ist eine Altane, und wenn es schön Wetter ist, so ist wegen des schönen Aussehens auf London und der vielen vor- bey fahrenden Schiffgen, gar angenehm auf derselben zu seyn. Unten aber und inwendig in dem Schiff ist ein klein Cabinetgen an dem andern, da man mit Vorhängen verschlossen innen sitzen kann. Man trinket allerhand Wein und Bier darinnen, das man wohl bezahlen muss. Man höret auch eine Orgel und Violin darinnen, wie in den Spiel-Häusern in Amsterdam. So findet man auch darinnen Huren ohne Zahl, zu denen man sich machen und sie gegenüber in Cupid's Garden oder, wo man hin will, mit sich nehmen kann.

Wir sahen auch allhicr ein Weibs-Bild, das vor ein Trinkgeld allerhand Exercitia im Tanzen mit blossem Degen machte, welches bekandt ist. Ich muss aber ge- stehen, dass ich noch keine gesehen, die es mit solcher Geschwindigkeit verrichtet Sie drehete sich wohl eine halbe Stunde in der grössten Geschwindigkeit auf einem Fuss herum. Das schwerste, so sie machte, war, dass sie zwey scharfe Degen zwischen die Brüste, zwey auf die Augen, und drey, alle mit der Spitze in den Mund nahm, und sich also herum drehte ; die sie in den Mund hatte, hielte sie damit, die andern vier aber mit der Hand. Es ist solches ein wilde, gefährliche Englische Invention von Exercitien." *)


') Z. C. v. Uffenbach a. a. 0. Bd. II, S. 587—588.


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Die eigentlichen Musikhäuser (music halls), die eine Spezialität des englischen Musiklebens bilden, datieren in ihren Anfängen ans der letzten Zeit des Commonwealth. Das erste „Musikhaus" in grossem Stile errichtete ein gewisser Sadler in Islington. Ned Ward, der Ver- fasser des „London Spy" giebt in seinem poetischen „Spaziergang nach Islington" (Walk to Islington) uns eine sehr lebhafte und ergötzliche Schilderung des Treibens und des Publikums in dieser Musikhalle ans dem Jahre 1699:

We enter'd the houses, were conducted upstairs,

There lovers o'er cheesecakes were seated by pairs.

The Organs and fiddles were scraping and humming,

The guests for more ale on the tables were drumming;

Whilat others, ül-bred, lolling over their mugs,

Were laughing and toying with their fans and their jugs,

Disdain'd to be slaves to perfections, or graces,

Sat puffing tobacco in their mistress'B faces.

Some 'prentices too, who made a bold venture

And trespass'd a little beyond their indenture

Were each of them treating his mistress'B maid,

For letting him in when his master's abed.

Nachdem sie ebenfalls einige Erfrischung zu sich genommen haben, sahen sie

„over the gallery like the rest of the folk, Without aide of which, the spectators to please, Were nymphs painted rooing in clouds and in seas. Onr eyes being glutted with this pretty aight, We began to look down and examine the pit, Where butchers and bailiffs and such sort of fellows Were mix'd with a vermin traln 'd up to the gallows, As buttocks and files, housebreakers and padders, With prizefighters, sweet'ners and such sort of traders, Inlormers, thief-takers, deer-stealers, and buUies;


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Some dancing, tome skipping, some ranting and tearing, Some drinking and smoking, some lying and swearing, And some with the tapsten were got in a fray, Who without paying reck'ning were staying away.

Dann trägt „Lady Squab", die zur Seite der Orgel steht, der Gesellschaft ein Lied vor, bei welchem

The guests were all hush, and attention was given, The listening mob thonght themselves in a Heaven.

Unter ungeheurem Beifall der Schlachtergesellen nnd ähnlicher Barschen zieht sich die Sängerin zurück und es erscheint

a fiddler in scarlet, so fierce, So nnlike an Orpheus, he looks like a Mars, He runs up in Alt with a hey — diddle — diddle, To showwhat a fool he conld make of a fiddle.

Hiernach tritt ein 11 jähriges Mädchen auf und führt einen Schwerttanz aus:

„Arm'd Amazon-like, with abundance of rapiers, Which she pnt to her throat as she dancea and capers, And fnrther, the mob's admiration to kindle, She turn* on her heel like a wheel on her spindle.

Darauf zeigt sich:

A yonng babe of grace, With Merc' ry 's limbs, and a gaUows in his face, In dancing a jig lies the chief of his graces, And making stränge Musick House monkey-like faces.

Dann erscheint der Kellner Thomas, der als Clown gekleidet, einen Tanz aufführt u. s. w. *)

Aus dieser lebensvollen Schilderung ersehen wir, dass die englische „Music hall" schon im 17. Jahrhundert

  • ) Vergl. H. B. Baker „The London Stage" S. 189-191.


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im wesentlichen eine Art von Variete, von Tingel- Tangel war, welches als ständige Einrichtung zuerst in England nachweisbar ist. Im englischen Tingel-Tangel wurde das dionysische Element der mittelalterlichen Mysterien, der „Miracles" und „Morals", welches Arthur Möller-Bruck in seinem interessanten Werke über das Vari6t6 als die eigentliche Grundlage dieser Schauspiele — wie überhaupt aller auch im modernen Vari6t6 gebotenen Darstellungen — nachgewiesen hat (s* oben S. 118) gewissem assen lokalisiert und sein dauernder Einfluss auf das Volk gesichert. Je mehr die früheren öffentlichen Schau- und Fastnachtsspiele, die Jahrmarktslustbarkeiten u. dergl. zurücktraten, um so grösser wurde die Bedeutung dieser „music halls" für das Unterhaltungsbedürfnis der mittleren und unteren Volksklassen, welche in den geräuschvollen Darbietungen der Tingel-Tangel alle jene mannichfaltigen Elemente der Aeusserungen altenglischer Lebenslust wiederfanden: Musik, Gesang, Tanz, Clown, - Jongleur, - Seiltänzer - und Akrobatenkünste in bunter Mischung. „Hier habt Ihr," sagt der Verfasser des „Foreigner Guide" von dem Variete Sadler's Wells in Clerkenwell um 1730, „den ganzen Sommer hindurch Seiltanzen, Voltigeurkünste, Gesang, Musik u. s. w., und jeden Abend wird eine Posse gespielt, welche Jedermann sehen kann, falls er eine Flasche Wein trinkt" 1 )

Berühmte Musikhallen waren im 16. Jahrhundert das „neue Pantheon", ein Tummelplatz der Demimonde *) f der „Dog and Duck", der „Apollogarten" 8 ), im 19. Jahr-


") „Tbc Foreigner's Guide" S. 144.

  • ) Archenholtz „Britische Annalen" Bd. XIII, S. 458.

•) Malcolm „Anecdotes", Bd. I, S. 881—833.


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hundert Evans's Musikhalle in Covent Garden, die „Alhambra", Highbury Barn in Jslington, die Griechische Mnsikhaüe am City Road 1 ), die von Thackeray in den „Newcomes" erwähnte „Cave of Harmony", deren Direktor der berühmte Hoskins war*) die Canterbury-Halle in Lambeth nnd Weston's Musikhalle in High Holborn 8 ), die Cyder Cellars 4 ) n. a. Eine besondere Spezialität der Londoner Musik- hallen bildeten bis in die Mitte der siebziger Jahre solche mit z. T. obscönen Darstellungen und Nachäff- ungen heiliger Einrichtungen oder aktueller Ereignisse. In der berüchtigten Rotundain Blackfriars Hill, London wurden z. B. die kirchlichen Riten in schamlosester Weise parodiert 6 ), in der „ Judge and Jury Society" kamen — Scheidungsprozesse mit den skandalösesten Einzelheiten zur Aufführung 6 ) am schlimmsteu aber war die „CoalHoleTavern 14 am Strand, wo „Baron" Nichol- son alle Skandalaffären der fünfziger und sechziger Jahre nebst „poses plastiques" auf die Bühne brachte. 7 )

Eine weitere eigentümliche Erscheinung sind die künstlichen und echten schwarzen Sänger in den Londoner Varietes.

Um 1830 kamen zuerst wirkliche Neger aus Ame- rika nach London, um hier als Konzertsänger aufzu- treten. Roden berg erzählt: „Das Lied von „Nelly


  • ) Timbs „Curiosities of London" S. 608—609.

^ „The Works of William Thackeray" Vol. III „The Newcomes" London 1876 Cap. I p. 6. «) P. Praxi „Index" S. 186.

4 ) E. G. Ravenstein „London" Hildbutghausen 1871 S. 77.

  • ) Ryan a. a. 0. S. 114.
  • ) Ravenstein a. a. 0. S. 77.
  • ) W. Thornbury a. a. 0. S. 85.


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Gray," ist von Amerika gekommen, mit einer Schau* schwarzer Sänger, „Christ ie's Minstrels" genannt, welche zuerst in St James's Hall auftraten und grossen Erfolg hatten mit ihren Negerliedern. Seitdem ist ein schwarzes Gesicht, hohe Vatermörder von Papier, blau- und weissgestreifte Hosen, Guitarre und Schellentam- bourin Mode geworden, und schwarze „Serenaders", hinter deren Gesichtern aber regelmässig gute Londoner Jungen stecken, zuweilen auch Deutsche durchwandern jetzt die Strassen von London mit fremdartigen Gesängen." 1 )

Wie Thackeray im ersten Kapitel der „Newcomes" berichtet, war es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den Männern der besseren Stände üblich, nach der Oper noch eine Musikhalle aufzusuchen, wo man gleichzeitig ein „supper and a song" genoss.*)

Wie es in den gewöhnlichen Musichalls niedersten Genres zuging, wird sehr anschaulich in einer auf ge- nauen Studien des Londoner Lebens beruhenden halb- erotischen Schrift „Schön Betty's Abenteuer in London" geschildert. *)

„Man begab sich in eine, nicht weit von den Matrosenkasernen entfernte Musikhalle, wo eine Abend- unterhaltung mit reichem Programm eben begonnen hatte. Mit der kleinen Summe von 4 Pence (3 l / 9 Silber- groschen) erkauften sich Zuckerle und seine Genossen je einen Platz, und Herr Mix hatte Gelegenheit zu


  • ) J. Bodenberg „Tag und Nacht in London" S. 40—41;

vergl. auch G. Rasch „Dunkle Häuser und Strassen Londons.*' Bd. I, S. 108.

f ) Thackeray a. a. 0. S. 6.

•) „Schön Betty's Abenteuer in London. Ein Sittengemälde aus der britischen Weltstadt" von A. P. Luciani, Leipzig, Verlagsanstalt (o. J. ca. 1872). S. 46—48.


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seinen Berichten über die Verderbnis in London die Illustration zn geben, indem er in den verschiedenen Teilen des theaterartig gebauten Baumes, niedliche Backfische, zum Teil auch hübsche Lockenköpfchen in zierlicher Kleidung zeigte, welche nach seiner Be- hauptung der Prostitution ergeben waren, und zwar die Eleganteste darunter am längsten.

„Dieses Matrosenviertel hier, bemerkte Mix, ist ein wahres Paphos; neben Neptun dem Meeresregenten wird nur Frau Venus die Meerschaumgeborene hier als Herrin verehrt Aber aufgepasst, jetzt beginnt die Vor- stellung."

Von dem Text der aufgeführten Stücke verstand Zuckerle sehr wenig, es war aber auch kaum nötig, weil das Geberdenspiel sehr ausdrucksvoll war. Zunächst kamen die unvermeidlichen „Neger 4 ' daran, schlechte englische Spassmacher mit geschwärzten Gesichtern und hellen buntgestreiften Kleidern. Sie sangen in dem ameri- kanischen „Neger - Englisch" und klimperten auf der Guitarre dazu. Darauf folgte eine Szene aus dem eng- lischen Volksleben. Ein junger ländlicher Arbeiter er- giebt sich dem Umgang mit leichten Mädchen und spricht der Flasche über die Gebühr zu. Als er be- trunken ist, erscheint der Werbesergeant, ein flotter Rot- rock mit langem Bart und farbigen Bändern; derselbe fordert den jungen Landmann auf, noch mehr zu trinken! Kaum aber ist das Geldstück verjubelt, so tritt der furchtbare Ernst der Situation zu Tage. Der junge Bruder Liederlich hat das Handgeld des Werbers an- genommen, wird am Kragen gepackt, und muss exerzieren, während das untreue Mädchen, mit dem er sein Geld verthan hat, mit dem Sergeanten liebäugelt — Ein


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weiteres Stückchen führt ein Einderspiel vor. Ein recht üppiges Mädchen von mindesten 18 Jahren in der Klei- dung eines Kindes von drei Jahren spielt mit einem, als Knabe gekleideten Jüngling höchst naive, ans Indezente grenzende Szenen ab. Ihr Kostüm lässt die runden Waden unbedeckt, und beim Bücken lässt sie zwei elfenbeinweisse Halbkugeln unter dem Brustteile des Kinderkleidchens sehen. Gern hätte Zuckerle noch die folgenden Szenen gesehen, aber seine Begleiter drängten ihn weiter zu gehen."

Eine noch schlimmere Musikhalle, die berüchtigte „LitÜe Tom's Tavern" in Whitechapel schildert Hector France in den „Va-Nu-Pieds de Londres" (S. 290—302).

Alle Musikhallen, die höheren wie die niedrigen, waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ver- rufen wegen der in ihnen zum Vortrage gebrachten obscönen Lieder.

Pisanus Fraxi giebt eine höchst interessante Zu- sammenstellung dieser einst so populären schmutzigen Musikhallenlieder. William West, ein Londoner Künstler und Verleger, dessen hauptsächliche Thätigkeit in die Zeit zwischen 1816 und 1835 fällt, hat die grösste Mehrzahl derselben verfasst und verlegt. Er war zu- gleich ein vortrefflicher Zeichner, dessen Porträts der damaligen Schauspieler und Schauspielerinnen sehr grossen Ruf erlangten.

Sein Laden befand sich in No. 13, Exeter Street, von wo er später nach No. 57, Wych Street, gegenüber dem Olympic Theater, Strand, verzog. 1 ) Im Jahre 1870 schrieb John Oxenford (der bekannte Apostel

  • ~ l ) Vergl. den Artikel „West'« Toy-Theatre Printe" in : Notes

and Queries, 4th. Series, Vol. XIII p. 468.


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Schopenhauers) über ihn: „Armer Willy West! er ist schon lange zu seinen Vätern versammelt worden und seine Platten sind längst untergegangen. Eine voll- ständige Sammlung seiner Kupferstiche würde eine wertvolle Bereicherung unserer Kenntnis der Bühne gegen den Anfang des Jahrhunderts bilden, und vor allem der Pantomime in ihren glorreichsten Tagen." 1 )

West kann wegen der vielen von ihm verfassten obscönen Lieder nicht zu streng verurteilt werden, da zu seiner Zeit ähnliche Lieder öffentlich gesungen wurden, an Orten, wo die Jugend und Erwachsene Zutritt hatten. Er kam nur dem Bedurfnisse seiner Zeit entgegen. Er besass nach P. Fraxi trotzdem viel künstlerisches Gefühl.

Das berühmteste Liederbuch von William West hat den Titel „The Blowen's Cabinet of Choice Songs; a beautiful, bothering, laughter provoking, collec- tion of spiflicating, flabber gasting smutty ditties, now first printed etc." (kl. 8°, 48 S., auf der Rückseite des Titels W. West, Printer, 67, Wych Street, Strand). In dieser Sammlung waren u. a. folgende Lieder enthalten: „Great Plenipotentiary ! A most outrageously good amatory stave"; „Oh, Miss Tabitha Ticklecock" (Eine stark gewürzte schmutzige Ballade); „The Magical Carrot or the Parsley Bed"; „Katty O'More, or the Root!"; „My Mot's in the Lock!" (Zwei scharfe Paro- dien); „Roger in all its Glory!"; „The Smutty Billy Black"; „The Lost Cow, or the bulling Match under the Tree"; „The Soft Fart" (Ein „capitales Lied"); »Peggy and the Ball Cock"; „My Woman is a Rummy Whore"; „The Essence of Lanky Doodle"; The Pego

  • ) The Era Almanack for 1870 S. 67.


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Club"; „The Height of Impudence, or the T — d and the Muffln An out-and-out ditty"; „The invisible Tool 4 '; „The Eandy Dinner"; „The Tremendous Tail"; „The Butcher's Boy with a Mot is gone" n. a. m.

Die Titel dieser Lieder reden bereits eine so deut- liche Sprache, die sich der Uebersetzung entzieht, dass der Inhalt ohne Weiteres daraus erschlossen werden kann.

Andere, ähnlich wie „The Blowen's Cabinet" aus- gestattete Liedersammlungen von West sind: „The Cockchafer"; „The Comic Songster"; The Cuckold's Nest"; „The Delicious Chanter" ; „The Flash Chaunter" ; „The GenÜeman's Spicey Songster"; „The Libertine's Songster"; „The Nobby Songster"; „The Eambler's Flash Songster"; „The Cockolorum Songster"; „The Secret Songster".

Diese Liederbücher kosteten 6 Pence. Andere in grösserem Formate und mit kolorierten Kupfern (ge- wöhnlich nur Frontispiz) kosteten 1 Schilling. Zu letzteren gehören: „The Gentlemans Spicey Reciter"; „The Cockatoo's Note Book"; „The GenÜeman's Sanctum Sanctorum"; „The Curious Songster and Funny Cabinet"; „The Maiden Lane Companion"; „The Maiden Lane Songster"; „The GenÜeman's Steeple Chaser"; „The GenÜeman's Sparkling Songster"; „The Frisky Vocalist"; „Nancy Dawson's Cabinet"; „The Enowing Chaunter and Kiddy's Cabinet"; „The Icky Wicky Songster"; „The Luscious Songster"; „The Eandy Songster"; „The Ei- tum Fi-tum Songster"; „The Ticklish Minstrel"; „The Regulär Bang-up Beciter"; „The GenÜeman's Curious Eeciter"; „The Sparkling Eeciter".

Ein anderer Herausgeber solcher obscöner Lieder war John Duncombe, geboren in Nr. 10 Middle Bow,


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Holborn, London und daselbst 1852 gestorben. Er trieb sein fragwürdiges Geschäft als „M. Metford" in ge- nanntem Hause und um 1830 in Nr. 19, Little Queen Street, Holborn, als „J. Turner" in Nr. 50 Holywell Street und als „John Duncombe u. Co." in Nr. 17, Hol- born Hill. Er hatte einen Bruder Edward, der unter dem Namen „John Wilson" in 28, Little St. Andrew Street, Upper St. Martins Lane und in Nr. 78, Long Acre, obscöne Bücher verkaufte.

John Duncombe gab zu 6 Pence das Stück fol- gende mit Frontispiz versehene Liederbücher heraus: „Duncombe's Drolleries"; „Labern's Original Comic Song Book" (verfasst von John Labern); „Labern's New Punny Song Book, Populär Comie Song Book, New Comic Song Book, Own Comic Song Book."

Ein dritter Verleger, William Dugdale, den wir später noch genauer als Herausgeber erotischer Schriften kennen lernen werden, gab unter dem Pseudonym „H. Smith" folgende Liederkollektionen in seinem Laden 37 Holywell Street, Strand, heraus: „The Coal Hole Companion" (verschiedene Serien); „The Cider Cellar


Songster" Songster" Songster"


„The Frisky Songster"; „The Waterford „The Black Joke" (2 Serien); „Captain Morris's „Wilson's Rum Codger's Collection"; „Wilsons New Flash Songs"; „The Jolly Companion"; „The Wanton Warbier" ; „The Tuzzymuzzy Songster". Diese Bücher haben z. Teil sehr schöne Titelbilder, sie kosteten bis zu 2 Schillinge und 6 Pence das Stück.

Aus noch früherer Zeit stammt die folgende Lieder- sammlung, deren Titel wegen der kulturgeschichtlichen Bedeutung unverkürzt angeführt werden möge:

D Uhren. Das Geschlechtsleben in England ***. H


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„The Buck's Delight being a Collection of Hu- moroos Songs, Sung at the several Societies of Choice Spirits, Bucks, Free-Masons, Albions, and Antigallicans, tvith universal Applause. Among which are A great Variety of Choice Originals, that never Appeared in Print before. Containing also The new Songs, sung this last Season at the Publick Gardens and Theatres, and all other polite Places of Resorts. To which is added A Collection of the most celebrated Toasts now in Taste. The Second Edition with great Additions. London: Printed for T. Knowles, behind the Chapter-House, in St. PauTs-Church-Yard. (Price 1 s. 6 d., neatly bound in Bei)" 12*.

Diese Sammlung enthält einige sehr gute Lieder, denen häufig die Namen der Komponisten und Sänger beigefügt sind, wie Mr. Moor, Mr. Jagger, Mr. Heems- kirk, Mr. Dunstall, G. Rollos, Lowe, Beard, Mr. Vincent u. A.

Die Titel dieser jetzt sehr seltenen Liederkollektionen aus der Zeit von 1790 bis 1850 sind mit Absicht hier angeführt worden, weil sie auch einen kulturgeschicht- lichen Beitrag zu dem damals üblichen Slang liefern.

Alle diese Lieder wurden um 1840 öffentlich von J. H. Munyard, H. Hall, Ross, Sharp u. A. in den verschiedenen Musikhallen Londons gesungen. Es war aber mit diesen obseönen, jedoch lustigen Liedern vorbei, als die Thore der Canterbury-Halle und der Weston- sehen Musikhalle den Frauen geöffnet wurden. Ob- gleich äusserlich die musikalischen und gesanglichen Darbietungen einen etwas dezenteren Charakter an- nahmen, verwandelten sich jetzt die Musikhallen aus Stätten, wo Männer sich an derben, aber humorvollen


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Liedern erfreuen konnten, in Rendezvous - Orte fflr Prostituierte. 1 )

Die später als 1850 erschienenen Sammlungen von Erotischen Liedern, wie z. B die 1870 in London ver- öffentlichte „Cytheras Hymnal; or Flakes from the

Foreskin", wurden niemals zum öffentlichen Vortrage gebracht. *)

Eine noch bedeutendere Rolle als die Darbietungen der Musikhallen haben seit alter Zeit die Strassen- musik und der Str assenges ang in England bezw. London gespielt „Es wird in keiner anderen Stadt der Welt auf den Strassen so viel musiciert als in London", sagt Rodenberg 8 ) und Jedermann wird bei einem Aufenthalt im heutigen London bestätigen, dass dieses vor 50 Jahren gefällte Urteil noch jetzt zu Recht be- steht In gewissen Stadtteilen vergeht kaum eine Viertel- stunde ohne Orgelspiel oder die Töne anderer Musik- instrumente, die sich oft in unmittelbarer Reihenfolge einander ablösen. Dabei ist es erstaunlich, welche un- glaublichen Leistungen sich der Engländer gefallen lässt, ja die lärmendsten Dissonanzen mit dem grössten Wohl- gefallen anhört. Schon Hentzner, ein Deutscher, der in England am Ende des 16. Jahrhunderts reiste, sagt: „Sie lieben ausnehmend jedes Geräusch, das sehr ins Ohr fällt; zum Exempel: das Abfeuern einer Kanone, Trommelschlag und Glockengeläut, so dass sehr oft eine Anzahl von ihnen, wenn sie ein Glas getrunken


  • ) Vergl. P. Fraxi „Index" S. 138—137; S. 147.
  • ) Vergl. über den Inhalt der letzteren Kollektion, zu der

-auch Edward Sellon Beiträge lieferte, P. Fraxi a. a. 0. S. 135—187.

  • ) J. Bodenberg „Tag und Nacht in London". S. 38.

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haben, auf einen Torrn steigt, und zur Bewegung* stundenlang läutet." 1 )

Grösseres Interesse bietet der Londoner Strassen- gesang dar, der auf eine sehr alte Geschichte zurückblickt

Das Strassenlied geht zurück auf die altenglische Ballade, auf deren tiefinnige Poesie zuerst Thomas. Percy, Bischof von Dromore durch seine berühmte Sammlung 2 ) aufmerksam gemacht hat, die auch bekannt- lich für unsere Herder und Goethe von unendlicher Bedeutung geworden ist. Später haben Evans f Pinkerton, Ritson, J. Johnson, Dalzell, R. Jamie- son, Sir Walter Scott, Finlay, Gilchrist, Laing> Utterson, Buchan, A. und P. Cunningham, R. Chambers, Chappell, Rimbault, Ogle u. A. neue Sammlungen der altenglischen Balladen und Lieder herausgegeben. 8 )

Die hauptsächlichen Pfleger des Volksliedes waren in der angelsächsischen Zeit die Barden („bards'V „bardis")» auch „Sceopas", „Leodhyrta", „Glee- men" genannt, die oft Dichter, Sänger und Musiker (Harfner) in einer Person waren. In Wales Wessen sie „waits". 4 ) Jedoch war die Ausübung der Kunst


  • ) J. C. Hüttner „Englische Miscellen". Bd. V, S. 118.

2 ) „Reliques of Ancient English Poetry, consistingf of old heroic ballads, songs, and other pieces of our earlier poets^ together with some few of later date, By Thomas Percy,. D. D., Biachop of Dromore, edited, with a general introduction, additional prefaces, notes etc. by Henry B. Wheatley, F. S. A. London 1876, 3 Bände, gr. 8°. (Beste neuere Ausgabe.)

  • ) Vergleiche Percy „Reliques" ed. Wheatley. Bd. I, S.

XCI— XCVII.

4 ) Vergl. über die walisischen Barden, die waisische Poesie: und Musik die wertvolle Abhandlung von J. Bodenberg in: „Ein Herbst in Wales. Land und Leute, Märchen und Lieder ^ Hannover 1858. S. 206—213.


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keineswegs ausschliesslich an Leute von Gewerbe ge- knüpft. In Beowalf spielt ein König die Harfe. Auch Alfred der Grosse ist ein Barde. Mit Vorliebe wandten sich später die Mönche dem Gewerbe der „Glee-men" zu. Als König Kanut der Grosse einst vor der Abtei von Ely vorbeisegelte, hörte er die Mönche drinnen lieblich singen, worauf er im besten Angelsächsisch, dessen er fähig war, selbst folgendes Liedchen sang:

Munter sangen die Mönch 1 in Ely Als Knut, der König, fuhr vorbei. Rudert Ritter, nah zum Land, Lasst uns hören der Mönche Sang. 1 )

Mit der normannischen Invasion kam der Name der „Minstrels" (vom französischen „menestrier", „mene- strel") auf, als Bezeichnung für den wandernden Spiel- mann und Sänger, der fast immer die Melodien und Verse zu seinen Liedern selbst machte. 2 ) An Sonn- und Feiertagen versammelten sich die Männer, Frauen und Kinder des Dorfes an einem sonnigen Platze, oder auf einem Hügel, wo die Harfner sie durch Lieder er- götzten, die die Thaten ihrer Vorfahren feierten, aber auch oft die Romantik und Poesie treuer Liebe in er- greifenden Tönen besangen.

In den alten englischen und schottischen Balladen und Liedern finden wir nach Talvj eine „rührende Ein- fachheit, ein tiefes und zartes Gefühl für Liebe und


  • ) Talvj, „Verauch einer geschichtlichen Charakteristik der

Volkslieder germanischer Nationen". Leipzig 1840. S. 474 — 475.

  • ) Vergl. Wheatley's Abhandlung über die Minstrels in

seiner Ausgabe von Percy's „Reliques", Bd. I S. XIII— XXTV; ferner den „Essay on the ancient minstrels in England" von Percy, ibidem Bd. I S. 845—480.


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Treue, eine eigentümliche Empfänglichkeit für die Schön- heiten und überhaupt die Einflüsse der Natur". 1 ) Die alten Romanzen sind voller lieblicher Naturgemälde. In den Wäldern mit ihrem grünenden Laub und blühenden Blumen weilt Robin Ho od, der Lieblingsheld der alt- englischen Ballade, am liebsten. Aber vor allem ergreift uns die süsse Schwermut, die elegische Romantik dieser alten Lieder. Das scheint mir der hauptsächliche Cha- rakterzug der altenglischen Ballade zu sein. Die tiefsten und innigsten dieser Lieder verdanken ihre Tiefe und Innigkeit diesem leisen Hauche von Melancholie, die sie durchzieht. Freilich kommt auch die derbe und frohe Laune zu ihrem Recht, besonders in den Balladen von dem kecken Räuber Robin Hood; und die alten histo- rischen Volkslieder von Eduard IV. und dem Gerber, dem König und dem Müller, Jakob I. und dem Kessel- flicker schlagen sogar rohe und zotenhafte Töne an.

Eine charakteristische alteuglische Ballade ist z. B. die Geschichte von dem Goldschmied Shore in London und seiner untreuen Gattin Jane, der Geliebten König Eduards IV:

To Matthew Shore 1 was a wife Till lust brought ruine to my life; And then my life I lewdlye spent, Which makes my soul for to lament.

In Lombard-street I once did dweUe, As London yet can witness welle; Where many gallants did beholde My beautye in a shop of golde.


  • ) Talvj a. a. 0. S. 508.


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I spred my plumes, as wantons doe, Some sweet and secret friende to wooe, Because chaste love I did not finde Agreeing to my wanton minde.

At last my name in court did ring Into the eares of Englandes king, Who came and like'd, and love requir'd, But I made coye what he desir'd.

Tet Mistress Blague, a neighbour neaie Whose friendship I esteemed deare, Did saye, It was a gallant thing To be beloved of a king.

So bricht Jane Shore, verlockt durch eigne Lust und die gleissnerische Zurede der kupplerischen Freundin, ihrem Gatten die Treue und wird König Eduards Geliebte:

From city then to court I went, To reape the pleasures of content; There had the joyes that love could bring, And knew the secrets of a king,

worauf ihr trostloser Gatte England verlässt, um nicht Zeuge seiner Schande zu sein, während Jane am Hofe bald einen sehr grossen Einfluss erlangt:

Long time I lived in the courte, With lords and ladies of great sorte; And when I snil'd all men were glad, But when I frown'd my prince grewe sad.

Dabei übt sie eine ausgebreitete Wohlthätigkeit aus und wird von den Witwen und Waisen Londons ver- göttert. Aber diese Herrlichkeit dauert nur wenige Jahre. Der Tod des Königs stürzt sie in das tiefste


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Unglück, da sein Nachfolger Richard III. schwere Leiden und Verfolgungen über sie verhängt:

I then was punisht for my sin, That I so long had lived in; Tea every one that was his friend, This tyrant brought to shamefull end.

Then for my lewd and wanton life That made a strumpet of a wife, I penance did in Lombard-street, In shamefull manner in a sheet.

•Where many thousands did me viewe, Who late in conrt my credit knewe; Which made the teares run down my face, To thinke upon my foul disgrace.

All ihr Besitz wird ihr genommen; ihre Freunde wenden sich von ihr ab. Selbst ihre alte falsche Freun- din, Mrs. Blague, weist ihr die Thüre. Nur ein Mann, den sie einst vom Tode gerettet, steht ihr bei, wird aber dafür gehängt. So muss sie als armselige Bettlerin die Strassen Londons durchirren, bis sie an jener Stelle stirbt, die nach ihr „Shoreditch" genannt wurde. Dieses traurige Ende giebt dem Dichter der Ballade Ver- anlassung zu der Schlussmoral:

You wanton wives, that faU to lust, Be you assur'd that god ist just, Whoredome shall not escape his hand, Nor pride unpunish'd in this land. 1 )

Eine der schönsten altenglischen Balladen, in der treue liebe auf eine wundersam rührende Weise ver- herrlicht wird, ist die ebenfalls in Per cy's „Reliques"*)

l ) „Reliques of Ancient English Poetry" Bd. II, S. 264—273.

  • ) ibidem Bd. HI, S. 135- 137.


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abgedruckte „Tochter des Voigtes von Islington" (The Bailiffs Daughter of Islington):

There was a youthe, and a well beloved youthe,

And he was a squires son :

He loved the bayliffes daughter deare,

That lived in Islington.

Yet ehe was coye and would not believe

That he did love her soe,

Noe nor at any time would she

Any countenance to him showe.

Der Jüngling geht nach London, wo er sieben volle Jahre bleibt, ohne die Geliebte wieder zu sehen. Alle ihre Freundinnen verheiraten sich, nur sie bleibt un- vermählt, da sie immer noch an ihn denkt, den sie einst im Zweifel an die Treue seiner Liebe hat fortgehen lassen. Ihre Sehnsucht nach ihm wird immer grösser, und so macht sie sich eines Tages nach London auf, um ihn zu suchen. Der Tag ist heiss und trocken, und wie sie ermüdet am Wege ausruht, reitet ihr Liebster vorbei.

She started up, with a colour soe redd, Catching hold of bis bridle- reine; One penny, one penny, kind sir, she sayd, Will ease me of much paine.

Before I give you one penny, sweet-heart, Praye teil me where you were borne. At Islington, kind sir, sayd shee, Where I have had many a score.

I prythee, sweet-heart, then teil to mee, teil me, whether you knowe The bayliffes daughter of Islington, She is dead, sir, long agoe.


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If she be dead, then take my horse, My saddle and bridle also; For I will into some farr countrye, Where noe man shall me knowe.

staye, o staye, thou goodlye youthe, She standeth by thy aide; She is here alive, she is not dead, And readye to be thy bride.

farewell griefe, and welcome joye,

Ten thousand times therefore;

For nowe I have founde mine Owne true love,

Whom I thought I should never see more.

Die Blütezeit der Minstrels dauerte bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. „Von dieser Zeit an, wo die Buchdruckerkunst anfing, Bächer zum Gemeingut zu machen, begann das Gewerbe des Minstrels rasch zu sinken, und mit seinen kunstlosen, aber kräftigen Er- zeugnissen fing an, wie Percy sich ausdrückt, ein: neues Geschlecht von Balladenschreibern zu wetteifern, eine inferiore Art von kleinen Poeten, die erzählende Lieder eigens für die Presse schrieben. Gegen das Ende desselben Jahrhunderts hatten die Letzteren die alten Minstrels in England vollkommen verdrängt 1 ). Die Minstrels, welche die Perioden überlebten, sanken zu gemeinen Bänkelsängern und Bierfiedlem herab; und nicht länger geschickt zur Ergötzung des Adels und


1 ) Berühmte Minstrels des 16. Jahrhundert waren noch Outroaringe Dick und Wat Wimbas, der täglich 20 Schillinge damit verdiente. Vergl. J. Strutt „The Sports and Pastimes of the People of England" ed. Hone, London 1830, S. 287. — Doch noch 1770 sang ein schottischer Minstrel in Edinburgh die Romanze „Roswal and Lillian" und 1844 starb Francis King, der „Skipton Minstrel" von Yorkshire. Vgl. Wheatley in Percy '& „Reliques". Bd. I, S. XXII u. S. XXIII.


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Mittelstandes, waren sie gezwungen, das Bierhaus zum Theater für ihre Vorträge zu wählen. Die puritanischen Schriftsteller dieser Zeit eifern beständig gegen ihre „schmutzigen, verderbten und zotenhaften" Lieder; allein obwohl schon aus den Orten, auf die sie beschränkt waren, genugsam hervorgeht, dass die meisten ihrer Lieder weder zart noch würdevoll sein konnten, so ist doch gewiss, dass ihre Zuhörer noch gern sich die alten echten Minstrelballaden vorsingen Hessen, für die die gute Gesellschaft den Sinn verloren hatte.

Sir Philip Sidney hörte die alte Ballade von der Jagd zu Cheviot von einem blinden Bänkelsänger singen, von „some blind crowder. tf

Putenham, ein Höfling Elisabeths, indem er von dem „Cantabanqui" spricht, die auf Bänken und Tonnen sitzend , vor keinem anderen Auditorium als Jungen und Landleuten, die zufällig durch die Strassen gehen, singen, und von den „blinden Harfnern oder der- gleichen Wirtshaus-Minstrels, die einen Absatz Vergnügen für einen Groschen geben (who give a fit of mirth for a groat)" — bemerkt ausdrücklich, dass sie meist „Ge- schichten der alten Zeit" sängen, wie „das Märchen von Sir Topas, den Bericht von Bevis von Southampton, Guy von Warwick, Adam Bell und Clymme von der Klippe und andere alte Romanzen und historische Reime, die eigen gemacht sind, das gemeine Volk bei Weihnachte- mahlzeiten und Hochzeiten, oder in Gast- und Bier- häusem und ähnlichen Orten niederen Vergnügens zu ergötzen." *)


  • ) Talvj a. a. 0. S. 499—501.


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In London hatten die Balladensänger im 16. Jahr- hundert bei Temple Bar ihren Stand, wo sie stets eine zahlreiche Zuhörerschar bei dem Vortrage ihre vulgären Lieder und „alehouse stories" um sich versammelten. Sir John Davies schidert uns dieses Auditorium:

First Stands a porter, then an oyster-wife

Doth stint her cry and stays her Steps to hear him;

Then comes a cut-purse, ready with a knife,

um derweilen die Taschen aufzuschneiden und zu plündern, daneben steht ein Constabler u. s. w. 1 )

Doch auch die höheren Balladen und Lieder ver- schwanden nicht gänzlich. So war das folgende erotische Lied, welches Sir Walter Baleigh zugeschrieben wird, im 16. Jahrhundert sehr populär:

D u 1 c i n a.

As at noone Dulcina rested Jn her sweete and shady bower; Came a shepherd, and requested In her läpp to sleep an hour.

But from her looke

A wounde he tooke Soe deepe, that for a further boone

The nymph he prayes.

Wherto she sayes Forgoe me now, come to me soone.

Sie will erst in der Nacht ihn erhören, er aber am Tage schon beglückt werden:

How, at last, agreed these lovers? Shee was fayre, and he was young: The tongne may teil what the eye discovers; Joyes unseene are never sang.


l ) H. D. Traill „Social England" Bd. IV, S. 576.


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Solche Lieder finden sich zahlreich in den Werken Shakespeare's (wie sie z. B. Herder in den „Stimmen der Völker in Liedern" ans „Cymbeline", „Mass für Mass", „Hamlet" n. a. fibersetzt hat), Ben Jonson's nnd ihrer Zeitgenossen.

Die eigentliche Volkpoesie war aber jetzt aus- schliesslich in den Händen der Balladenmacher, die znerst ihre Produkte auf einzelne Blätter drucken Hessen und einzeln verkauften. Man sammelte diese bald zu kleinen Büchlein, den sogenannten „Kränzen" („garlands"), z. B. dem „Kranz der Freude" „Kranz, der Liebe" „Robin Hoods Kranz" u. s w.

Auch enthalten diese Lieder des 16. und 17. Jahr- hunderts Gemälde neuerer Sitten, Erzählungen wunder- barer Vorfälle, Ergüsse zärtlicher Liebe, Schilderungen derbkomischer, ja obscöner Natur.

Eine berühmte, grösstenteils in Musik gesetzte Liedersammlung verfasste an der Wende des 17. und 18. Jahrhunderts Thomas D'ürfey 1 ). Wir erkennen in derselben sofort den frohen, heiteren ausgelassenen r lasciven Ton der Restaurationsepoche, der in frivolen Wortspielen, in höchst realistischer Schilderung nacht- licher Liebesscenen u. dgl. sich äussert. Einige typische Beispiele mögen dies illustrieren.


  • ) „Songs Compleat, Pleasant und Divertive; set to-

Musick By Dr. John Blow, Mr. Henry Purcell, and other Excellent Masters of the Town etc. Written by M. D'ürfey, London 1719 und 1720, kl. 8°, 6 Bände (Band II und VI führen den Titel : Wit und Mirth: or Pills to Purge Melancholy; being a Collection of the best Merry Ballade and Songs, Old and New etc.)


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The Cumberland Lass. 1 )

Up to my Chamber I her got, There I did treat her courteously I told her, I thought it was her Lot To stay all Night and Lig with me, Oh! to Bed to me, to Bed to me, The Lass that comes to Bed to me: Blith and bonny may she be, The Lass that comes to Bed to me.

She, pretty Rogue, could not say nay,

Bat by consent we did agree, That she for a fancy, there shoud stay, And come at night to Bed to me:

Oh! to Bed to me etc.

She made the Bed both broad and wide, And with her hand she smooth'd it down; She kissed me thrice, and smiling said, My Love, I fear thou wilt sleep too soon! Oh! to Bed to me etc.

Into my Bed I hasted strait And presently she follow'd me, It was in vain to make her wait For a Bargain must a Bargain be Oh! to Bed to me etc.

Then I embrac'd this lovely Lass, And strok'd her Wem so bonnily But for the rest we'll let it pass, For she afterward sung Lulaby; Oh! to Bed to me, to Bed to me, The Lass that came to Bed to me, Blith and Bonny sure was she The Lass that came to Bed to me.


  • ) D'ürfey's „Songs Compleat" Bd. IV S. 188-135.


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A Song. 1 )

Phillifl at first seem'd much afraid, Mach afraid, mach afraid,

Yet when I kiss'd, she won repay'd;

Could you but see, could you but see, What I did more, you'd envy me, What I did more, you'd envy me, You'd envy me.

We then so sweeüy were employ'd The height of Pleasure we enjoy'd; Could you but see, could you but see, Yon'd say so too, if you saw me etc.

Ladies, if how to Love you'd know She can inform what we did do, But cou'd you see, but cou'd you see, You'd cry aloud, the next is me, You'd cry aloud, the next is me, The next is me.

A. Song. 2 )

What is a Maidenhead? ah what? Of which weak Fools so often prate? 'Tis the young Virgin's Pride and Boast Yet never was found but when 'twas lost!

Auch die echte Londoner Ballade des ausgehenden Jahrhunderts ist in D'Urfey's Sammlung durch mehr : fache interessante Specimina vertreten, z. B. durch die berühmte Ballade „The Hopeful Bargain" 8 ), die den


l ) ibidem Bd. HI S. 70-71.

■) ibidem Bd. I S. 323.

•) ibidem Bd. V, S. 258—260. Der sehr charakteristische Titel lautet: „The Hopeful Bargain! OraFarefor aHackney- -Coachman, giving a Comical relation, how an Ale-draper at the Sign of the Double-tooth 'd Bake in or near the new Palace-yard,


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englischen Frauenverkauf behandelt, und „The London Prentice". 1 ) Der Anfang der letzteren lautet:

A Worthy London Prentice Came to his Love by Night; The CandJes were lighted, The Moon did shine so bright; He knocked at the Door, To ease him of his Pain; She rose and let him in Love, And went to Bed again.

Sie blasen dann das verräterische Licht ans, damit die Leute von der Strasse nicht hereinsehen können und sprechen nur sehr leise miteinander.

As this young Couple ßported The Maiden she did blow. But how the Candle went out, Alas I do not know. Said she I fear not now, Sir. My Masters nor my Dame; And what this Couple, did, Sir, Alas I dare not Name.

Die Entwickelnng des allerniedrigsten Bänkelsänger* tums erreichte ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 18. und am Anfange des 19. Jahrhunderts. Und zwar traten als neue eigentümliche Erscheinungen neben den Balladensängern 2 ) die Balladenweiber anf r

Westminster, Sold his Wife a Shilling, and how she was sold a- Second time foT five Shillings to ludge; My Lord Coachman, and how her Husband receiv 'd her again after she had lain with other Folks three Days and Nights etc. — The Tune Lilly BuUero."

l ) ibidem Bd. VI, S. 342.

e ) Ueber diese bemerkt Lichtenberg in einem Briefe an Baidinger vom 10. Januar 1775: „Unter andren habe ich nichts von den umzirkelten Balladen-Sängern gesagt, die in allen Winkeln einen Teil des Stromes von Volk stagnieren machen, zum horchen und zum stehlen." Lichtenbergs Briefe herausg. v. A. Leitzmann undSchüddekopf, Leipzig 1901. Bd. I, S. 205—206.


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welche in grosser Zahl die Strassen Londons unsicher machten.

„Es giebt auch eine Klasse der allerabscheolichsten Bettlerweiber, die in ihren alten Tagen einen Kramhandel mit Gassenhauern treiben, von Hans zu Hans durch die Strassen der Hauptstadt ziehen und dabei nicht unter- lassen, ihre beliebtesten Poesieen mit voller Kehle aus- zuschreien. Wenn eine solche Hexengestalt auftritt und ein Solo intoniert, so öffnen sich in wenigen Augenblicken alle Küchenthären der Nachbarschaft Mägde und Bediente eilen herbei, eines der köstlichen Lieder zu erbeuten, und die Betteljungen in der Gegend bilden um die Virtuosin einen Kreis von Zuhörern, in deren Mienen sich Wohlgefallen und Bewunderung auf das lebhafteste malen." a )

Ueberden obseönen Charakter dieser von Frauen gesungenen Bänkelsängerlieder macht Archenholtz nähere Mitteilungen. 2 )

„Man findet in volkreichen Städten noch andere weit öffentlichere, unverschämtere und schändlichere Mittel, die Sitten des Volkes zu vergiften. Unter mehreren sind es in London die Balladen, die Pamphlets mit schändlichen Kupfern, die gedruckten Verhöre von Ehescheidungsprozessen und die Karikaturläden. Gesinde und Lehrbursche werden dadurch gegen das Laster gleichgültig gemacht. An drei bis vier Orten in London, z. B. in Oxfordstreet und bei Privygardens findet man lange Wände mit diesen Produkten besetzt. Die Balladen sind ganz in der Volkssprache abgefasst, und die Reime


  • ) C. A. G. Goede a. a. 0. Bd. III, S. 156.

e ) J. W. v. Archenholtz, „Britische Annalen". Bd. VIII, S. 242 - 248.

D (ihren. Das Geschlechtsleben in England ***. 12


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merken sich leicht. Eine Menge Balladenweiber singt sonderlich des Abends die anstössigsten : jedes Weib hat viele Exemplare der Lieder, die sie singt, bei sich und verkauft sie um das kleinste Kupfergeld, das man ihr geben will. Der leichtfertige Vortrag der schamlosen Sängerin, und die anlockende Melodie empfehlen den schmutzigen Text noch mehr; solchem nach rottet ein halb Dutzend dergleichen Gassenlieder vielleicht die guten Grundsätze der ganzen Erziehung des Dienst- mädchens aus." *)

Der Vertrieb dieser Gassenlieder niedrigster Art bildete im 18. Jahrhundert einen sehr einträglichen Geschäftszweig des Londoner Buchhandels und ihre Ab- fassung — leider! — eine sehr oft in Anspruch ge- nommene Hfilfsquelle für arme Dichter, auch höheren Sanges. So schrieb Oliver Goldsmith eine Zeit lang solche Balladen für die Strassensänger, die ihm eine Krone für das Gedicht zahlten, und er stahl sich oft des Nachts heraus, um seine Lieder singen zu hören *). Einen sehr interessanten kulturgeschichtlichen Beitrag zum englischen Bänkelliederwesen im 18. Jahrhundert liefert Smollett im „Roderick Random". Er schildert da, wie ein Schriftsteller vergeblich auf alle möglichen Weisen seine Talente zu verwerten sucht, um sein tägliches Brot zu verdienen, bis er schliesslich auf den Gedanken kommt, mit den Verlegern von Gassenliedern einen letzten Versuch zu machen.

„In dieser Absicht begab ich mich zu einem der berühmtesten und marktschreierischsten dieser Klasse


  • ) Vergl. auch v. Archenholtz, „England". Bd. III,

S. 125—126.

  • ) Thackeray, „Englands Humoristen". S. 298.


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und wurde von ihm an einem Mann gewiesen, der mich in ein hübsch eingerichtetes Hinterstübchen führte, wo ich ityn den Wunsch eröffnete, unter die Zahl seiner Schriftsteller aufgenommen zu werden; worauf er mich fragte, worin meine Leistungen beständen. Er war mit meiner Erklärung, dass meine Lieblingsbeschäftigung die Dichtkunst wäre, wohl zufrieden und erzählte mir, dass einer seiner Dichter den Verstand verloren hätte und sich jetzt im Irrenhause befände, und der andere durch Branntweintrinken abgestumpft wäre, so dass er seit vielen Wochen nichts Gescheites geliefert hätte. Als ich mich mit ihm über die Bedingungen verständigen wollte, sagte er mir, dass das Honorar stets von den Umständen abhinge und seine Schriftsteller nach Mass- gabe des Absatzes ihrer Werke bezahlt würden.

Nachdem ich in diese Bedingungen, die nichts weniger als vorteilhaft für mich waren, gewilligt hatte, gab er mir das Thema zu einer Ballade, die in zwei Stunden fertig sein musste; und ich kehrte in mein Dachstübchen zurück, um seinen Auftrag auszuführen. Da mir das Thema zusagte, so verfasste ich innerhalb der vor- geschriebenen Zeit eine hübsche Ode, die ich ihm in der festen Hoffnung auf Gewinn und Beifall überbrachte. In einem Nu hatte er sie durchgelesen und sagte mir zu meinem grössten Erstaunen, das wäre nichts; doch gab er zu, dass ich eine gute Hand und richtig ortho- graphisch schrieb, allein die Sprache wäre zu geschraubt und der Capacität und dem Geschmacke seiner Kunden nicht angemessen. Ich versprach diesen Fehler zu ver- bessern und stimmte in einer halben Stunde meinen Styl zu den Begriffen gemeiner Leser herab. Er billigte

die Veränderung und gab mir die Hoffnung, es werde

12 *


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mit der Zeit schon gehen, obschon er bemerkte, dass es meinem Gedichte noch an der Zärtlichkeit des Ausdrucks fehlte, woran die Menge Gefallen fände. Um mich indessen zu ermutigen, wagte er den Aufwand von Druck und Papier, und mein Anteil am Gewinn belief sich, wenn ich mich recht erinnere, auf etwa vier Groschen.

Von diesem Tage an studierte ich den Bänkelsänger- geschmack mit grossem Fleisse und brachte es endlich so weit darin, dass meine Werke von den feinsten unter den Chaisenträgern, Aufladern, Lohnkutschern, Bedienten und Dienstmägden sehr gesucht waren : ja ich hatte das Vergnügen, meine Lieder, mit Holzschnitten geschmückt, als Zierden in Bierkellern und Schuhflickerläden an die Wände angeklebt zu sehen; und was noch mehr ist, in Klubs von wohlhabenden Krämern singen zu hören/ 4 *)

Sammlungen solcher sehr freien Lieder und Balladen sind z. B. „The Lovers" am Ende der „London Bawd" (Exemplar im Britischen Museum), ferner „Lovc's vocal Grove, or the Bucks in high humour, being a choice collection of the most f avourite songs of the town" (ca. 17 10).

Aber auch an Bestrebungen, das höhere Volkslied zu pflegen, fehlte es nicht, Bischof Perey verfasste 1758 das berühmte Lied „0 Nancy", an seine Braut Anna Gutteridge 2 ), das von Thomas Carter in Musik gesetzt und von Vernon im Jahre 1773 in Vauxhall gesungen wurde:


] ) „Abenteuer Roderick Randoms" von Tobias Smollet, Braunschweig 1839, Teil IV, S. 57—59.

  • ) Ein Bild von Mre. Percy, wie sie eine Rolle mit der

Aufschrift „0 Nancy" in der Hand hält, befindet sich in Ecton House, bei Northampton.


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Nancy, wilt thou go with me, Nor sigh to leave the flamling town? Can silent glens have charms for theo, The lowly cot and russet gown? No longer drest in silken skeen No longer deck'd with jewels rare, Say, canst thou qnit each courtly scene, Where thou wert fairest of the fair?

Nancy, when thou 'rt far away Wilt thou not cast a wish behind? Say, canst thou face the parching ray, Nor shrink before the wintry wind? 0, can that soft and gentle mien Extremes of hardship learn to bear, Nor, sad, regret each courtly scene, Where thou wert fairest of the fair?

Nancy, canst thou love so true, Throogh perils keenwith me to go? Or, when thy swain mishap shall nie, To share with him the pang of woe? Say, should disease or pain befall, Wilt thou assume the nurse's care? Nor wistful, those gay scenes recall, Where thou wert fairest of the fair?

And when at last thy love shall die, Wilt thou receive his parting breath? Wilt thou repress each struggling sigh, And cheer with smiles the bead of death? And wilt thou o'er his breathless clay Strew flowers, and drop the tender tear? Nor then regret those scenes so gay, Where thou wert fairest of the fair? 1 )


  • *) Percy's „Reliques" ed. Wheatley Bd. I, S. LXXir

bis LXXHI.


Andere beliebte und vielgesungene englische Volks- lieder ans dem Ende des 18. Jahrhunderts waren: „Sweetest of prettyroaids"; „Sally our Alley"; „0 tbe Roast Beef of Old England"; „Come haste to the Wedding. "

Wer sich noch an den alten guten Liedern erfreuen wollte, der ging zu dem berühmten Musikalienhändler Thomson am Strand, welcher die Melodien der meisten englischen Volkslieder kannte und sie seinen Gästen, unter denen sich der Schauspieler Garrick, die Musik- schriftsteller Burney and Hawkins, Dr. Arne n. A. befanden, häufig vorsang. ')

Im ganzen aber arbeitete das achtzehnte Jahrhundert anf dem Gebiete des Volksliedes rasch und unabwendbar auf die ganzliche Zerstörung aller poetischen Tendenzen des englischen Volkes hin, was wohl wesentlich mit dem Aufkommen der moralisierenden, utilitaristischen Richtung in der Literatur und Kunst zusammenhängt (Richardson, Addison, Hogarth u. A.). Auch hat die Entwickelung des Fabrikwesens gewiss einen be- trächtlichen Anteil an dieser Entwickelung, die immer mehr die Richtung auf das Sensationelle nimmt. Im allgemeinen dürfte also für das 19. Jahrhundert das Urteil zu treffen, welches Talvj über die englische Volkspoesie um 1840 fällt.')

„Die Balladen und Lieder, die in unseren Tagen die englischen Bücherbuden füllen und von Hausierern im Lande umhergetragen, oder von den gemeinen Strassensängern einem Haufen Jungen und gaffenden Landleuten zum Besten gegeben werden, sind meisten-




') Thotnbnrv „Haunted London" S. 177. «) Talvj a. a.'O. S. 518-619.


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teils von der allerniedrigsten Art und verdienen nicht den Namen der Poesie. Manchmal trifft es sich wohl, dass irgend ein gutes neueres Lied aus einem ge- druckten populären Liederbuche, oder irgend eine alte einst berühmte Ballade sich mitten unter solche Sudeleien verirren. So hörte Ritson (freilich vor vierzig Jahren) von einem blinden Geiger in einer der Londoner Strassen die alte Minstrelballade von Lord Thomas und schön Elinor singen. Auch eine von den echten Balladen auf Robin Hood findet sich wohl noch hier und dort unter einem Haufen abgeschmackter oder schmutziger Blätter. Doch dies wäre blosser Zufall; weder Leser noch Hörer hat den mindesten Begriff, dass zwischen diesen Er- eignissen irgend eiu Unterschied sei. Je entsetzlicher ein Ereignis, je abscheulicher eine Handlung, je pass- licher wird sie für ein neues englisches Volkslied ge- halten, und der Verbrecher, der sein Leben voller gemeinen Schandthaten am Galgen endet, wird, wie wir es irgendwo ausgedrückt gelesen, durch seinen Tod der Bürger einer poetischen Welt.')

Mehr echtes Gefühl für Natur und mehr poetischer Sinn hat auf dem Lande sich erhalten; hier und in den abgelegeneren Fabrikstädten hört man wohl noch ge- legentlich eine alte Ballade singen. Besonders sind Yorkshire und Lincolnshire noch reich an Lokalsagen und Liedern, und auch manche alte schottische Ballade ist dort hinübergedrungen."

') Die Hinrichtungen waren Gegenstand einer besonderen Gattung von Balladen, der .sogenannten „Newgate Ballade", die besonders von den St. (üIl'.-VI'ocuh fabriziert wurden. Vergl. Thornbury a. a. Ü. S. 463. Besonder» Catoac war berüchtigt all Verleger solcher Hinrirutungs) jeder. Vergl. Charles Dickens ..Londoner Skizzen" Leipzig (Reelam), S. 417.


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Im Westen von England worden bis in die neueste Zeit die alten schönen Weihnachtsgesänge, die „Christ- mas-Carols" viel gesungen, und auch in London hat die victorianische Aera ganz entschieden einen edleren Ton in des Volkslied wieder eingeführt und den poetischen Sinn des Volkes wieder belebt Rodenberg 1 ) bemerkt aus dem Anfang der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhundert über die Londoner Strassenlieder:

„Es lässt sich viel über diese „Songs of Bohemia" in London sagen. Sie fesselten mich am ersten Tage, wo ich nach London kam, und ich habe ihre Verände- rungen seitdem mit unverändertem Interesse beobachtet. Ich könnte sie Euch alle auf dem Klaviere vorspielen, so haben sie sich meinem Gedächtnisse eingeprägt In den höheren Sphären der Musik wird der Engländer ein armes Volk, aber der Londoner Strassengesang ist von einem überraschenden Reichtum. Woher kommen nun all 9 diese Lieder? Jedes Jahr hat sein neues Lied, nichts ist launischer in seinem Geschmack als das Lon- doner Volk. Das Lied des vorhergehenden Jahres ist im folgenden vergessen. — Wer singt heute noch „Rat- catcher's Daughter"? oder „Sweet Minnie"? Und ein hübsches Lied war es doch, mit seiner süssen Melodie und seinem klagenden Refrain. Kaum dass man noch das Lied von der armen „Nelly Gray" kennt, dem lieb- lichen Mädchen, an dem alten Kentuckystrand, welches in einem roten Canoe den Strom entlang fuhr, singend, während ihr Geliebter mit dem Banjo dazu spielte."

Der Bezirk „Seven Dials" in London war noch um 1860 der Sitz der Balladensänger, die hier in elenden Dach-


  • ) J. Rodenberg „Tag und Nacht in London." S. 40.


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stnben hausten und für noch elendere Entlohnung, nach dem Längenmass berechnet und in Kupferstücken aus- bezahlt, an die Drucker und Verleger ihre Lieder ver- kauften, die sie dann, auf Bretter gespannt, an den Strassen- ecken feilboten. Nur wenige dieser Produkte wurden zu wirklichen Volksliedern und als solche an allen Orten gesungen, erst im niederen Volke, später im Holborn Casino, in den Argyll Booms, in Evans's Supper Booms und selbst in den Kreisen der fashionablen Ge- sellschaft, in den Klubs und in den vornehmen Theatern von Adelphi bis zu Drurylane. Bodenberg teilt einige dieser „new and favourite songs" in Uebersetzungen mit.

Sehr beliebt war zu seiner Zeit „Sweet Minnie", in welchem Liede die „herzliche, zur Sentimentalität ge- neigte, sächsisch-deutsche Seite der englischen Volks- natur, freilich ohne die deutsche Tiefe und Innigkeit zum Ausdruck kommt" Es geht ein süsser und zärt- licher Ton durch die Melodie:

Wenn die Sonne lacht in der Mittagspracht Und die Luft sanft weht durch den Hain; Durch den Bltttenduft über Wald und Kluft Klingt ein süsser Ton mir herein. n O Minnie! Schön Minnie! komm über den Rain, Denn die Sonne lacht in der Mittagspracht Und ein treues Herz wartet Dein/ 1

In der stillen Nacht, wenn der Mond nur wacht

Und die Sterne mit sanftem Schein —

Klingt es leis, kaum gehört, dass es Mutter nicht stört —

Durch das Fenster ins Kämmerlein,

„0 Minnie! Schön Minnie! komm über den Rain!"

Dann flieg' ich vom Haus wie ein Vöglein heraus

An das Herz, das da wartet mein.


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Ein charakteristisches Specimen des obscönen und rohen Tones im Londoner Volkslied bietet „The Rat- catcher's Daughter" (Des Rattenfängers Tochter) dar. Mit Weglassung der schmutzigen Verse giebt Roden- berg folgende Uebersetzung des auch in der rohen Handhabung des Verses charakteristischen Liedes:

In WeBtminster lebte vor kurzer Zeit Eines Rattenfängers Tochter. Geboren war sie auf der anderen Seit' Des Wassers und kam auch von dorther. Ihr Vater fing Ratten und Bie rief Sprott Anf den Strassen aus und wer macht' ihr Vorübergeben'i' Alle kauften Sprott Von der schönen Bat Ten fange rs-To cht er.

Sie trug keinen Hut auf ihrem Kopf,

Noch Muts' und madischen Schwindel.

Die Haare flog privaten Tanz- unterrichts geschlechtliche Orgien schlimmster Art, welche Verhältnisse zuerst der Richter Sir John Fielding auf- deckte. *)

Bereits zu Shakespeares Zeit waren in England alle Tänze des Kontinents bekannt. Besonders beliebt war von diesem fremden Tänzen die Moriske, der von Spanien aus herübergebrachte maurische Tanz, bei welchem die Tänzer ihr Gesicht schwarz färbten, orien- talisches Kostüm trugen, sich Glöckchen an die Beine banden und so toll umher sprangen, dass man Podagra und Gicht von dem häufigen Tanzen der Moriske herleitete. 8 )

Unter den englischen Nationaltänzen nennt Storck den „Kissentanz" (Cnshion-dance), der eine Verbindung von Pfänderspiel und Tanz darstellt, wobei ein Kissen und das Küssen eine Rolle spielen. Einer der Tänzer legt ein rotsammetnes Kissen vor sich hin und wählt


  • ) J. P. Malcolm „Anecdotes of the Manners and Custonm

of London" London 1810 Bd. I, S. 832.

  • ) Karl Storck „Der Tanz" Bielefeld und Leipzig 190*

S. 48-44.


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sich mit bestimmten Versren eine Tänzerin, die auf dem Kissen niederkniet und einen Euss empfängt. Die Dame wiederholt dieselbe Prozedur mit einem Herrn, ins schliesslich alle Jünglinge und Mädchen aufs Kissen und zum Küssen kommen. 1 )

Diese Kusstänze, auf die ja auch Addison an der oben erwähnten Stelle anspielt, scheinen in England von jeher sehr beliebt gewesen zu sein. In Shake- speare's „Heinrich VIII." (Akt I, Szene *4) sagt der König zu Anna Bullen: „Unziemlich wär's, zum Tanz Euch aufzufordern und nicht zu küssen."

Ein anderer englischer Nationaltanz ist der „Schiffs- jungentanz" (Hornpipe), bei welchem, während der Oberkörper mit über die Brust gekreuzten Armen in steifer, gerader Haltung verharrt, die Beine in eine schlenkernde Bewegung versetzt werden. 2 )

Der im „Spectator" geschilderte Tanz (s. oben), bei welchem erst der Mann das Weib, dann das Weib den Mann verfolgt, ist ebenfalls ein spezifisch englischer Tanz : genannt „Hunt the Squirrel". 8 )

Der als „Anglaise" bezeichnete Tanz ist nicht eng- lischen Ursprungs, sondern ein böhmischer Tanz. Nur in Frankreich hat man in sie einige Teile aus englischen Nationaltänzen eingefügt.

Echt englisch ist dagegen der Kontretanz, wie ja schon Addison an der mitgeteilten Stelle des „Spec- tator" mit Stolz hervorhebt. Er hiess ursprünglich


  • ) Storck a. a. 0. S. 44. — Nach Heywood stammt de

„Cushion-dance" aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Vergl Strutt a. a. 0. S. 297.

') ibidem S. 46.

  • ) Strutt a. a. 0. S. 297.


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„Country-dance" d. h. ländlicher Tanz und wurde um 1710 durch einen englischen Tanzmeister in Frankreich eingeführt, wo der Name um so eher in „Contre-danse" corrumpirt wurde, als ja wirklich die Paare bei demselben einander gegenüber stehen. 1 )

Der erste deutsche Walzer wurde im Jahre 1813 in Almack's Ballhause getanzt und erregte, ähnlich wie bei vielen hypermoralischen deutschen Tanzlehrern, allgemeine Entrüstung, nicht nur bei den Spiessbürgern, sondern auch bei solchen sittlichen Censoren wie George Gordon Byron, der in dem Gedicht „The Waltz" die Walzer tanzenden Frauen fürchterlich herunter- macht:

If such thou lovest — love her then no more, Or give, like her, caresses to a score, Her mind with these iß gone, and with it go The little left behind it to bestow.

Die Tanzlehrer standen auch im 19. Jahrhundert häufig nicht im besten Rufe. Das in den sogenannten „Tanzakademieen" sich nicht selten breit machende Hoch- staplertum hat Charles Dickens in dem Kapitel „Die Tanzakademie" seiner „Londoner Skizzen" in höchst ergötzlicher Weise geschildert. 2 )

Die Tanzkunst als Schauspiel, das Ballett wurde in England zuerst im 18. Jahrhundert eingeführt und fand auch hier wie überall enthusiastischen Beifall. Noverre, einer der berühmten Schöpfer des modernen Balletts sagt über diesen Enthusiasmus: „Tanz und Ballett sind heut zu Tage eine Modeseuche. Man läuft mit


l ) Storck a. a. 0. S. 118.

a ) „Londoner Skizzen. Von Charles Dickens". Deutsch von J. Seybt, Leipzig (Reclam) S. 260—267.


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einer Art von Raserei danach, und nie ist eine Kunst durch den Beifall mehr aufgenommen worden, als unsere. Der Geschmack an Balletten ist allgemein, und geht sehr weit; alle Regenten ziererj ihre Schauspiele damit aus, nicht so wohl um sich nach unseren Gebräuchen zu richten, als vielmehr um sich das Vergnügen zu ver- schaffen, welches diese Kunst gewähret. Der kleinste herumziehende Trupp schleppt einen Schwann Tänzer und Tänzerinnen mit sich; ja die Possenreisser und Marktschreier rechnen mehr auf die Tugend ihrer Ballette als ihrer Tropfen und Pulver; sie blenden die Augen des Pöbels mit Entrechats, und der Absatz ihrer Arzneyen ist stärker oder geringer, so wie ihre Lustbarkeiten mehr oder weniger zahlreich sind. 1 )

Es war Mlle Salle, die berühmte auch von Voltaire gefeierte französische Balletttänzerin, die im Jahre 1734 am Covent Garden -Theater zuerst das Opernballett in England einführte und glänzende Erfolge als Galathea in dem Ballet „Pygmalion und Galathea" hatte 2 ). „Der Enthusiasmus, den sie in London erregte, war von einer Art, die für unsern Geschmack etwas Pathologisches hat. Mit dem Degen in der Hand mussten die Glücklichen, denen es gelungen war, für unsinnige Preise Eintritts- karten zu ihrer Abschiedsvorstellung zu gewinnen, sich zu den Plätzen durchschlagen. Die Geschenke in Schmuck- stücken und vor allem in jenen inhaltreichen Bonbons, deren Zuckerguss um ein Goldstück gelegt war, er-


] ) r Briefe über die Tanzkunst und über die Ballette von Herrn Noverre". Aus dem Französischen. Hamburg u. Bremen 1769 S. H8; S. 39.

•) H. B. Baker „The London Stage" Bd. I, S. 257.


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reichten an diesem einzigen Abend den Wert von 200000 Franks." l )

Später kam der Ballettmeister Noverre nach London und setzte im Drury Lane-Theater grosse Ballette von einer unerhörten Pracht in Szene, bei denen auch Miss Lydia Thompson im Hochländerkostiim mitwirkte. 2 ) 1789 feierte Mlle Guimard am Kings Theatre als Balletttänzerin grosse Triumphe 8 ), und am Ende dieses Jahrhunderts glänzten in Drury Lane die Parisot, Madame del Caro und Miss de Camp als vielbewunderte Sterne des Balletts.

Der Verfasser von „London und Paris" giebt uns folgende Schilderung der drei berühmten Balleriuen:

„Diese drei Grazien, alle drei Favoriten des Publikums, und alle vorzüglich in ihrer Kunst, konnten kaum einen Schritt thun, ohne den ausgelassensten Beifall hervor- zurufen. An Wuchs, Jugendfülle, Frischheit, Schönheit, Augenfeuer und jenem unaussprechlichen Liebreiz, den die Natur ihren Brittinnen so freigebig verleiht, steht wohl die de Camp, eine Engländerin, jenen beiden zuvor. Wer dieses liebe Geschöpf ohne Bewegung, ohne grosse Bewegung sehen kann, der mag wohlgemut ins Feuer springen. Die Bewunderung des Publikums ist um so verdienter, da de Camp mit so viel natürlichen Vorzügen einen schuldlosen Ruf, unaffektierte Leutseligkeit und solide weibliche Kenntnisse verbindet (sie schrieb selbst Theaterstücke). Sie tanzt wie ihre Landsmänninnen, d. h. mit einer Kunst, die man mehr errät, als sieht;


  • ) Storck a. a. 0. 82.
  • ) ibidem S. 85; S. 79 (mit Bild der Thompson).

») Baker a. a. 0. I, 257.


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absichtlich, wie es scheint, um den Schranken der Decenz nicht nahe zu treten.

Die zweite, del Caro, eine Italienerin, die niedlichste und vollendetste Figur, die man sehen kann, hat alles hinreissende Feuer ihrer Nation. Sie tanzt mit ganzer Seele ; alles tanzt au ihr. Der niedliche Fuss küsst den Boden, und nimmt Federkraft zu Entrechats, die schneller sind, als das Auge sie auffasst. An Gefügigkeit über* traf sie die beiden andern, und alle Anpassung und Anstrengung waren so versteckt, oder wirklich abwesend, dass man ein kleines, unschuldiges Mädchen, das aus ganzem Herzen tanzt, die gelernten Schwenkungen wiederholen zu sehen glaubte. Aber obgleich die reizende de Camp und die fröhliche del Caro die Augen zu Minuten anzogen, so nahm doch die Künstlerin die meiste Aufmerksamkeit für sich.

Man weiss, dass den Franzosen im Tanzen der Preis gebührt. Auch.MUe Parisot verläugnet ihre Nation nicht. Eine schlanke, zartgebaute Figur, Füsse, Hände und Arme von dem Ebenmasse einer Marmor- statue; schmachtende Augen und jene sanften Ueber- gänge aus einer reizenden Stellung in die andere, die in Frankreich zu Hause sind, giebt den Bewegungen dieser grossen Tänzerin eine Gewalt über die Sinne der Zuschauer, welche selbst den hartnervigen Hans Bull in der oberen Gallerie erschüttert Beschreiber kommt sich hier sehr lächerlich vor, da er mit Worten schildern will, was höchstens der Maler darstellen könnte. Wenn die Parisot aus den Händen ihrer beiden Ge- fährtinnen hervorkam, um allein zu figurieren, so war es, als ob sie sich in die Arme der entzückten Zuschauer werfen wollte. Schwebend, verlangend, mit grazienhafter,


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streng berechneter Krümmung der Arme, bewegte sie den Körper in Attitüden, die die kälteste Einbildung er- wärmen mnssten. Und wenn sie nun die beiden andern umschlang, was für Zauber, Schmachten, Seele war in der Umarmung I Die Schlingungen der Arme, die Neckereien, die überraschenden Verschränkungen, die schnellen Wechsel der Stellung, alles das muss man sehen, um es gehörig zu schätzen. Nun überlege man den Genuss, welchen dieser Pas de trois von drei so auserlesenen Tänzerinnen gewährte!" 1 ).

Goede, der die Londoner Italienische Oper im Jahre 1802 besuchte, macht weitere Mitteilungen über das Ballett derselben, welches Dank der Freigebigkeit der Engländer über eine grosse Zahl ausgezeichneter Tänzerinnen verfüge und auch in Beziehung auf die Dekorationen beinahe die Pariser Ballette erreiche.

„Die Londoner Oper kann sich einer Tänzerin rühmen, der in dem, worin sie glänzet, keine Pariser gleich kommt Es ist dies M ade moi seil Paris ot, die geschaffen zu seyn scheint, jene zarte weibliche Grazie zu malen, die der Schönheit der Frauen ihre Allmacht verleiht. Ihr Spiel ist ein Beweis, wie viel die Kunst durch schöne Einfalt auszurichten vermag. Nie sieht man von ihr einen von jenen tours de force, mit denen noch immer die besten Pariser Tänzerinnen zu glänzen suchen. Die höchste Wahrheit, die edelste Natur be- zeichnet jeden Schritt der Parisot. Auch nicht ein Schatten von Coquetterie verfärbt die reinen Darstellungen dieser herrlichen Künstlerin. Sie schwebt über die Bühne wie eine Göttin, die sich nicht um den Beifall


J ) Boettiger „London und Paris" Weimar 1799 Bd. III T S. 292-294.


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der Menschen bekümmert, obgleich ihr Aller Herzen huldigen. Keine ihrer Bewegungen ist ohne Bedeutung; jede ist seelenvoll, jede ist harmonisch mit allen übrigen verschmolzen. Es ist zn beklagen, dass sich diese vortreffliche Künstlerin jetzt nur selten anf der Bühne zeigt Mir erscheinen ihre Darstellungen angleich edler, als die der Hilligsberg, welche den ersten Rang unter den Londoner Tänzerinnen einnimmt. Unstreitig besitzt] auch diese Künstlerin sehr ausgezeichnete Verdienste. Der tändelnde und scherzhafte Ausdruck vgelingt ihr ausnehmend wohl. Wenn sie als ein munteres Welsches oder Schottisches Landmädchen auftritt, ist sie zum Bezaubern graziös. Ihre Gestalt ist sehr hübsch, nur ihre Arme sind etwas zu lang und dünn. Die dritte Tänzerin dem Range nach ist Madame Laborie, eine anmutsvolle Figur, voller Feuer und Leben und nicht ohne naive Grazie. Sie könnte vielleicht in den ersten Rang der Tänzerinnen treten, wenn sie ihrer glücklichen Natur nicht allzu viel vertraute, und der Kunst eine grössere Aufmerksamkeit schenkte. D'Egvill e, Laborie und St. Pierre sind sehr vorzügliche Tänzer und schöne männliche Gestalten. Laborie besitzt mehr Zierlichkeit als St. Pierre, dieser aber mehr Feuer als- jener. D'Egville verrät in der Erfindung der Ballette viel Geschmack und poetischen Geist Ich zweifle zwar nicht, dass in den Pariser Balletten die Gruppen künstlerischer angeordnet werden, als es von demEnglischenBallettmeistergeschieht;allein die Londoner Ballette zeichnen sich ganz unstreitig durch einen weit grössern Reichtum naiver Situationen und einen freieren,, poetischen Geist aus, als die Pariser. Von allen Pariser Balletten, die ich gesehen, wüsste ich keines zu nennen,.


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das dem Paul and Virginia, dem coquetten Landmädchen, dem von den Scythen belagerten Paphos, und einigen anderen Londoner Balleten in witziger und wohlgefälliger Erfindung gleich käme. Die Pariser Ballette, z. B. das iochberühmte Ballett Telemach, sind in den einzelnen Scenen reicher an malerischen Schönheiten, aber diese bilden zusammen kein so unterhaltendes Ganze als die Londoner Ballette. In jenen ist das Interesse der Handlung, welche die einzelnen Situationen verknüpft, schwach, oder fehlt bisweilen ganz; in diesen wird es lebhaft unterhalten; jene sind oft mit Tanzmeisterkünsten überladen ; diese sind einfacher und geschmackvoller." ')

Neben dem Ballett der italienischen Oper kam im 18. Jahrhunderte noch dasjenige des nahe bei London Bridge gelegenen „Königlichen Cirkus" (Royal Circus) in Betracht. 2 )

Wie in Paris so bildeten auch in London die Balletttänzerinnen früh eine Attraktion für die Lebewelt, ein vielbegehrtes Objekt für Liaisons aller Art. Der €oulissenraum der Londoner italienischen Opern wurde stets von einer grossen Schar der Rou6s belagert „In der grossen Italienischen Oper ist es unter den Elegants hergebracht, sich auf dem Theater einzustellen, wo sie zu Hunderten in den Coulissen zusammengedrängt stehen, um die Tänzerinnen und Sängerinnen bequemer zu lorgnettieren. Der Raum der Bühne ist in diesem Hause nicht sehr gross, und bei den Balletten ist dieses Zu- gängen der Elegants den Tänzerinnen und Statisten «ehr lästig, die kaum ein Plätzchen übrig behalten,


') C. A. G. Goede „England, Wales, Irland und Schottland" Dresden 1806 Teil III, S. 281—281.

  • ) „London und Paris" Weimar 1808 Bd. XII, S. 233.


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wohin sie sich zurückziehen können. Bisweilen ist die Zahl der Elegante so gross, dass sie sich selbst auf die Buhne hervordrängen und mitten in der Scene zu Dutzenden über das Theater laufen. Bei solchen Ge- legenheiten unterlässt die Gallerie nie, ihren lauten Unwillen zu äussern." *)

Im 19. Jahrhundert brachten besonders zwei aus- ländische Balletttänzerinnen ihre Kunst in England zu Ehren: Fanny Elssler und Maria Taglioni, die in den vierziger und fünfziger Jahren ihre Triumphe in London feierten, wo sie wiederholt auftraten. Ein englischer Kritiker definierte sehr glücklich den Unterschied im Tanze dieser beiden, indem er die Taglioni als die „Poesie" und die Elssler als den „Witz" der Be- wegung bezeichnete. 2 )

Der deutsche Arzt C. G. Carus sah die Elssler im Jahre 1 844 in einem Ballett tanzen, welches seitdem öfter von berühmten Tänzerinnen benutzt worden ist. 8 ) Das Sujet desselben war folgendes: Ein junger Maler schwänzte für eine ihm einst erschienene Schönheit. Er hat sie gemalt und tröstet sich oft an ihrem Bilde. Die Mutter treibt endlich die verlorene Schöne wieder auf, um den an tiefer Melancholie krankenden zu heilen. An einem schönen Tage, während er abwesend ist, schlüpft die Wiedergefundene in sein Zimmer und stellt sich statt des Bildes in den Rahmen. Er kommt trüb- bestimmt, zieht den Vorhang weg vor dem vermeintlichen Bilde, — da steht sie selbst, blickt ihn liebevoll an


') Goede a. a. 0. Bd. III S. 262. 2 ) Baker a. a. 0. Bd. II S. 262—268.

  • 3 ) So hat C16o de Merode im Juli 1902 im Berliner Winter-

garten sich als Hauptdarstellerin in diesem alten Ballett gezeigt.


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-and steigt aus dem Rahmen, am ihn fürs Leben zu beglücken.

Mancherlei Verwickelungen folgen noch nach. 1 )

Der Aufenthalt der El ssler in London und ihr Auf- treten am Drury Lane Theater wird auch im siebenten Kapitel einer erotischen Schrift behandelt, welche die angeblichen Liebesabenteuer der Elssler in Wien, Paris und London schildert und den Titel führt; „Liebschaften •einer Balletttänzerin. Pikantissima. Cincinnati, George Brown 1874" (8°, 79 Seiten).

Neben der Taglioni und Elssler fanden Carlotta Grisi, Adöle Dumiliätre und Fanny Cerito den gTössten Beifall als Tanzkünstlerinnen.

Besonders entzückte der „Mondscheintanz" der Cerito das Londoner Publikum.

„Dieser Mondschein wird nämlich durch Siderallicht bewirkt, welches durch Milchglas fällt und allerdings •eine Stelle des Theater hell wie der hellste Mondschein erleuchtet. In diesem Licht nun tanzte die Cerito, gleichsam mit ihrem Schatten wie ein hübsches Mäd- chen mit ihrem Spiegelbilde coquettierend, schwang «ich oft nieder, als wollte sie den Schatten fassen, floh ihn dann scheinbar nieder, und trieb hundert solche Thorheiten, die aber graziös aufgeführt, lebhaften Bei- fall erregten und wirklich zierlich genug aussahen." 9 )

In der Gegenwart zeichnet sich London vor allem anderen Weltstädten durch die Aufführung grossartiger


  • ) C. G. Carus „England und Schottland im Jahre 1844"

Berlin 1845 Bd. I S. 284.

•) C. G. Carus a. a. 0. Bd. I. 8. 184; S. 217—218. — Abbildungen, die die Taglioni, Elssler, Grisi und Cerito in Ausführung ihrer Kunst zeigen, bei Storck a. a. 0. S. 79, 80, 81, 82, 83, 84.


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Ballette ans, welche zwar die einzelne Tänzerin nur noch wenig zur Geltung kommen lassen, dagegen ein unbestreitbare Massenwirkung auf den Schönheitssinn der Zuschauer erreichen. Die Ausstattung dieser Ballette übertrifft alles, was man in irgend einer andern Weltstadt zu sehen bekommt. Das bisher gebräuchliche italienische Kostüm einer Tänzerin, das kurze, steife Tüllröckchen, ist in England allgemein durch halblange faltenreiche Böcke aus feinstem indischen Seidenstoff oder Musselin ersetzt worden, wodurch die Anmut der Körperbewegungen viel besser hervortritt, da sie wie feine, flüssige Draperien wirken. Diese Beform hat aber nach Steffen mit „Anstandsrücksichten" nichts zu thun, steht viel- mehr mit der Einführung der halborientalischen „Step- dances" in Verbindung. Es giebt immer noch eine ganze Zahl moderner englischer Ballettkostüme, die indecenter sind, als der altmodische Tüllballon. 1 )

Der Verfasser von „Schön Bett/s Abenteuer in London" beschreibt schon aus dem Anfang der siebziger Jahre ein derartiges Prachtballett in der Alhambra, bei welchem 99 wunderschöne Ballettmädchen mitwirkten. -„Prächtige tropische Landschaften mit Wasserfällen, die im Mondschein wie Diamantencascaden glänzten, wurden in voller Naturwahrheit vorgeführt Dann erschienen ■alle Mädchen, jedes mit einem ungeheueren smaragd- artig schimmernden Blatte. Sie gruppierten sich so in kreisförmigen Klumpen, dass, indem die Vordersten knieten und die dahinter stehenden die Blätter zwischen ihnen hervorstreckten, die mittelsten aber aufrecht standen, sie alle zusammen mit ihren weissen Böckchen eine


  • ) Vergl. Steffen „Aus dem modernen England" S. 398— 899.


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ungeheure Lotosblume, aus blühenden Mädchenleibern gebildet, darstellten, ein Götterschauspiel, das mit fana- tischem Jubel aufgenommen wurde. Zahlreiche Szenen heiteren und die Augen resp. überhaupt die Sinne reizen- den Inhalts folgten." 1 )

Ein ähnliches Ballett sah ich vor einigen Jahren im Empire Theater, bei welchem nur an die Stelle der Lotosblume der Schmetterling trat. Es war das von der Ballettmeisterin Katti Lanner mit ungeheurer Pracht arrangierte Ballett „Les Papillons", in welchem besonders Mlle Adelina Gen6e und Mr. Will Bishop als Tänzer glänzten und in dem nicht blos die herrlichsten Schmetter- linge, sondern auch Glühwürmer, Bienen, Fliegen, Motten u. s. w. auf die Bühne kamen, so dass das Auge durch die herrlichsten Farbeneffekte geblendet wurde.

Die Beziehungen der Prostitution zum Tanze sind zum Teil bereits im ersten Bande dieses Werkes bei der Schilderung der zahlreichen Tanzlokale, welche den Zwecken der Prostitution dienen, erwähnt worden. 8 )

Eine eigentümliche Erscheinung waren im 18. Jahr- hundert und im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die auf den Strassen tanzenden Prostituierten, die von Schütz bei der Aufzählung der verschiedenen Klassen der Londoner Freudenmädchen als die „Tanzenden" anführt, indem sie wirklich vor den Vorübergehenden umher- tanzten und durch Singen und Springen ihre Reize geltend zu machen suchten. 8 )

Adrian erzählt: „Als ich durch den Bird Cage


') Schön Betty's Abenteuer in London S. 53—54.

  • ) Vergl. Bd. I dieses Werkes S. 324 ff.— 834.

3 ) „Die Geschlechtsausschweif ungeu unter den Völkern der alten und neuen Welt". Neue Aufl. S. 138.


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Walk herunterging, sah ich auf der Strasse einen Knaul Menschen, der sich zu einem Kreis auseinander that, in dessen Mitte jemand tanzte. Ich eilte zur Stelle. Ein Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren, schön gebaut, nicht ärmlich gekleidet, tanzte wie eine Bacchantin, im Kreise umher; ihr Strohhut lag am Boden; das braune Haar flog wild um die glühenden Augen und den nackten Hals. Als sie des Tanzens müde war, setzte sie sich bei ihrem Hut nieder und begann ein eben nicht sittsames Lied. Plötzlich sprang sie auf und flog einer der Wachen bei den Horse Guards nm den Hals: mit Hülfe seiner Kameraden machte er sich los, während die versammelte Menge jubelte und das Mädchen, auf die Soldaten schimpfend und tanzend, den Mall hinauf sprang. „Ich kenne die schöne Fanny ganz gut, u sagte ein Unteroffizier von der Garde zu Pferd zu seinen Kameraden: „im vorigen Sommer war sie eine der ge- suchtesten Schönheiten, die nach Vauxhall kommt; damals trank sie Champagner; dann war sie einige Monate im Hospital und, jetzt geht ihr Gewerbe schlecht, und wenn sie einige Pence hat, so trinkt sie Branntwein. Schade für das husche, junge Blut!" *)

In „Betty's Abenteuer in London" finden sich ein- eingehende Schilderungen des Treibens der Prostituierten in den Tanzlokalen niederen Banges im East End. Deutsche und englische Mädchen sangen dort mit ihren Tänzern die grässlichsten Zoten als Text zur Tanzmusik. In einem Matrosentanzlokal in der Nähe der Sailors homes tanzten etwa 60 Freudenmädchen, durchgehends in schwere buntfarbige seidene Roben gekleidet 9 ).

s ) Adrian „Skizzen aus England" Bd. I, S. 84—36. 2 ) Bctty's Abenteuer in London S. 48—49.

Dübren, Das Geschlechtsleben in England.*** 14


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Neuerdings sind besonders die östlichen Vororte Londons, Maidstone, Greenwich, Gravesend u. a. verrufen wegen der Tanzlokale mit „promiscuous dancing" d. h. der Verbindung der Prostitntion mit dem Tanze, *) und der Aufführung höchst unzüchtiger Balletts wie z. B. des von Hector France geschilderten „Drawers Ballet". 4 )

Ueber die in Londoner Bordellen veranstalteten erotischen Tänze wurde ebenfalls bereits in Bd. I be- richtet. Casanova schildert einen „Satyrtanz" in dem Londoner Bordell „Die Kanone". *)

R6mo berichtet Aber solche erotischen Bälle in fashio- nablen Londoner Bordellen der Gegenwart Nellie Cawsten, Besitzerin eines solchen vornehmen Freuden- hauses in der Londoner Vorstadt Brompton, gab Bälle, bei welchen sie bis zu 150 hübsche Mädchen bei sich ver- sammelte unter lebhafter Teilnahme der Londoner Lebe- welt Gewöhnlich schlössen sich in der oberen Etage des Hauses die schlimmsten Orgien an diese Tanzlust- barkeiten an. 4 )


Wie schon oben erwähnt wurde, bildeten Musik und Tanz als Volkslustbarkeiten in England fast immer nur einen Teil eines sehr viel reichhaltigeren Programms


») R6mo „La vie galante en Angleterre" S. 242-248.

  • ) H. France „Les Va-Nu-Pieds de Londres" S. 296—302.
  • ) Jacob Casanova von Seingalt's Memoiren. Nach

L. von Alvensleben bearbeitet von C. F. Schmidt Bd. XV, S. 205.

  • ) R6mo a. a. 0. S. 257. — Noch sei an dieser Stelle

erwähnt, dass in neuester Zeit Tänzerinnen angelsächsischer Basse wie die Saharet und Miss Isadora Duncan den Tanz in einer sehr bemerkenswerten Weise als Ausdrucksmittel menschlicher Gefühle und als Darstellungsmittel anderer künstlerischer Gebilde benutzt haben.


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öffentlicher Vergnügungen, welches in seiner Gesamtheit den Typus des modernen „Spezialitätentheaters", des „Tingel-Tangel" oder „Vari6t6 u erzeugt hat.

Unter den einzelnen Darbietungen dieser Spezialitäten- theater, von denen im London der Gegenwart die Alhambra, das Empire-Theater, das Hippodrom, das Oxford-Theater u. A. den ersten Platz einnehmen, seien zunächst die Pantomimen erwähnt

Drei kleinere Londoner Theater pflegten im acht- zehnten Jahrhundert mit Vorliebe die Pantomime: der königliche Circus, das Theater von Astley und das Sadler's Wells-Theater. Es ist aber bezeichnend, dass auch die grossen Theater von Drury Lane und Covent Garden sich genötigt sahen, fast allabendlich an die Auf- führung der grossen und ernsten Theaterstücke diejenige von Pantomimen anzuschliessen, um auch — bei halbem Eintrittspreise — die ärmeren Klassen herbeizuziehen und — die „Mädchen, die während der Pantomimen auf dem Theater ein ähnliches Spiel mit den Zuschauern in den Logen beginnen." 1 )

Goede schildert die englischen Pantomimen um 1800 als auf der denkbar niedrigsten Stufe befindlich, noch unter dem Range ähnlicher Vorstellungen auf deutschen Jahrmärkten und Messen, bei denen wenigstens eine einfache und verständliche Handlung dargestellt werde. „Allein bei den jetzigen englischen Pantomimen, wo es blos darauf ankommt, vierzig bis fünfzig, ja wohl noch mehrere Decorationen hinter einander aufzuziehen, ist die Sinnlosigkeit ein Fehler, der am wenigsten be- achtet wird. Dabei äussert sich in diesen Darstellungen


l ) Goede a. a. 0. Bd. in, S. 276.

14*


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eine so gemeine Roheit, dass man glauben sollte, sie wären ganz allein für die niedrigste Klasse des Pöbels berechnet. Ich erinnere mich im königlichen Circo* und zu Sadler's Wells die schmutzigsten Auftritte in diesen Pantomimen gesehen zu haben, mit deren Detail ich die Delikatesse meiner Leser verschonen will. Eine der gewöhnlichsten und keine der unanständigsten Be- wegungen ihrer Harlekine und Pantalone war die, dass- sie sich den Hintern zukehrten und mit sehr verstand* liehen Zeichen eine kräftige Phrase des Götz von Ber- lichingen versinnlichten." *)

Lichtenberg sah im Sadler's Wells-Theater eine Pantomime „Harlequin restored", musste aber, um noch bei der Überfüllung einen Platz zu bekommen, ein „artiges Mädchen vod sechs Jahren" auf den Schoss nehmen. 2 )

Neben den Pantomimen bilden Seiltänzer, Clowns, Akrobaten einen unentbehrlichen Bestandteil des eng- lischen Variete; das gesamte Zirkuswesen übt auf den Engländer eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Die hier gebotene Entfaltung von Kraft und Witz; behagt dem ja im „Sport" eine ähnliche Kombination an- strebenden englischen Nationalcharakter ausserordentlich.

In ihren Anfängen konnte sogar die Oper einer solchen zweifelhaften Beihülfe nicht entbehren, v.üff en- bach wohnte im Jahre 1710 der Oper „Hidaspis" bei und erzählt: „Insonderheit war die Vorstellung des Löwens^ mit welchem Hidaspis ringen musste, ganz unvergleich- lich. Der Kerl, so ihn agierte, war nicht allein ganz in eine Löwenhaut eingewickelt, sondern man sah auch


») ibidem S. 277..

  • ) Lichtenberg'8 Briefe herausg. von Leitzmann und

Schttddekopf Bd. I, S. 196.


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nicht das geringste von den Füssen, oder dass ein Mensch darinnen verborgen wäre, indem es sonst die Fasse gemeiniglich verraten. Wir konnten uns nicht genug verwundern, wie der Kerl auf dem Theater so wohl auf der Erde mit allen Vieren, wie man sagt, als auch auf den Hinter-Pfoten so geschwind herumspringen konnte." *)

Früh entstanden eigene theatralische Stätten, die vorzugsweise diese Art von Schauspielen pflegten. Eins der ältesten war Figg's Amphitheater, wo in den zwanziger und dreissiger Jahren des 18. Jahrhunderts Amazonenkämpfe stets ein grosses Publikum an- lockten. Weiber erschienen wie Männer bewaffnet auf der Bühne und fochten mit einander. 9 )

In einem alten Gasthause in der Londoner Vorstadt Islington, „Die drei Hüte" (The Three Hats) genannt, müssen die ersten Anfänge des Londoner Zirkus- wesens, der equestrischen Künste gesucht werden. Thomas Johnson, der „irische Tartar" machte hier als Reitkünstler im Jahre 1758 sein Dfebut Er galoppierte um einen grossen freien Platz herum, indem er zuerst auf einem, dann auf zwei, dann auf drei Pferden stand 8 ). Einmal ritt er auch auf einem Pferde, während er selbst auf dem Kopfe stand. Am 17. Juli 1766 wohnten der Herzog von York und etwa 500 Zuschauer einer Vor- stellung von Johnson in den „Drei Hüten" bei.

Im Frühjahr 1767 folgte dem Johnson der Zirkus- reiter Sampson, der sein Erscheinen um 5 Uhr an einem geräumigen Platze, der in der Nähe der „Drei


>) v. Uffenbach a. a. 0. Bd. II, S. 441.

  • ) „The Foreigner's Guide" S. 120.
  • ) Vergl. die interessante Abbildung dieser Szene bei Wroth

„The London Pleasure Gardens" S. 149.


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Hüte" abgegrenzt war, ankündigte. Eine eigene Musik- bande war für den Zweck engagiert.

Im Sommer desselben Jahres fährte Sampson seine Frau als Rcitkünstlerin ein und erliess in dem „Public Advertiser" vom 23. Juli 1767 folgende Anzeige: „Reitkunst auf Dinkley's Besitztum zu den drei Hüten in Islington. Herr Sampson benachrichtigt das Publikum, dass neben dem gewöhnlichen Programm, welches er bietet, Frau Sampson, um eine Abwechselung in dasselbe hinein- zubringen und zu beweisen, dass das schöne Geschlecht dem männlichen keineswegs an Mut oder Geschicklich- keit unterlegen ist, an diesem und allen anderen Abenden während der Sommersaison verschiedene Übungen in derselben Kunst vorführen wird, in welcher sie sich den allgemeinen Beifall der Herren und Damen zu er- werben hofft, die diese Vorstellung mit ihrem Besuche beehren." Sampson's Vorstellungen dauerten bis 1770. l )

Er hatte aber schon 1767 einen sehr ernsten Rivalen in der Person des Price bekommen, der in „Dobney's Bowling Green" oder dem „Prospekthause" (in der Nähe des jetzigen Pentonville Road) im Frühling und Sommer abends 6 Uhr seine Reitkünste zeigte. 8 )

1772 traten zwei andere merkwürdige Reitkünstler an die Stelle von Sampson und Price, nämlich Coningham in den „Drei Hüten" und Daniel Wild- man im Prospekthause.

Coningham sprang von einem galoppierenden Pferde auf das andere und spielte dabei die Flöte,


  • ) Wroth a. a. 0. S. 148—150.
  • ) Vergl. die Darstellung der verschiedenen Kunststücke von

Price auf einem Bilde bei Wroth a. a. 0. S. 142.


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Daniel Wild man war ein — Bienenzüchter, der sich quer auf ein Pferd stellte, den einen Fnss auf den Sattel and den andern auf dem Halse des Pferdes mit einem Bienenkorbe vor dem Gesicht, den Zügel im Munde und eine Pistole in der Hand. Dann schoss er die Pistole ab, so dass ein Teil der Bienen Aber einen Tisch lief, ein anderer in die Luft schwärmte und dann wieder zu ihrem Korbe zurückkehrte, während das Pferd im Laufen war. 1 )

Im 19. Jahrhundert erfreute sich wegen der dort zu sehenden equestrischen Künste entschieden Astley's Zirkus des grössten Rufes. Obgleich Reitkünste die „Basis dieser Bühne" waren, wie Bornemann sich ausdrückt, war es doch unmöglich, die fünf Stunden der Vorstellung, von 7 bis 12 Uhr, nur mit diesen aus- zufüllen, weshalb Seiltänze, Possen, Musikstücke, Wett- rennen und Tierhetzen eingestreut wurden. 2 )

Eine höchst ergötzliche Schilderung, wie es in einem solchen Spezialitätentheater wie Astley's Zirkus um 1840 zuging, findet sich in A. von Treskow's an Ge- mälden von wahrhaft kulturgeschichtlicher Bedeutung reichem Buche „Leiden zweier Chinesen in London" und sei an dieser Stelle als eine den Londoner Volks- charakter treu wiederspiegelnde Schilderung mitgeteilt.

„Als wir vor Astley's Zirkus anlangten, fanden wir bereits an der Kasse Tafeln mit den Worten „Half Price" (Halber Preis) ausgehängt, welches ankündigte, dass die Hälfte der Vorstellung bereits vorüber war, und man die andere Hälfte für den halben Preis mit an- sehen konnte. Seit acht Uhr — also seit drei Stunden —


  • ) Wroth a. a. Ö. S. 150; S. 153.
  • ) Bornemann a. a. 0. S. 119—124.


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wurde bereits gespielt, vor zwei Uhr ging die Vor- stellung nicht zu Ende; wir hatten demnach an dem Rest noch mehr als zu viel, und vielleicht war die Hälfte mehr wert als das Ganze.

Wir traten in den elegant dekorierten und äusserst brillant erleuchteten Cirkus, der hinreichend mit Zu- schauern aller Art angefüllt war, als eben eine der Kunst- reiterinnen vermittelst einer Leiter zu Pferde stieg. Es war uns, als würden wir mit kaltem Wasser be- gossen, aber das Publikum Hess sich diese Ungeschick- lichkeit ruhig gefallen; vielleicht war die Pferdekünst- lerin ein grosser Liebling; wir betrachteten sie daher näher, und fanden eine echt englische Schönheit. Ein Gesicht so lang und düster wie ein Kirchenfenster, Augen, die in allen Winkeln etwas suchten, Zähne so weiss aber auch so gross wie die des Elephanten, ein glatt pomadierter Scheitel, der, bis ans Sann reichend, das Ge- sicht in der Presse hatte, — ihm schlössen sich lange wallende Hängelocken an ; dabei rief sie dem Pferde ein „Allez" mit einer Stimme zu, die für Caliban nicht zu rauh und misstönend gewesen wäre. Als wir sie noch verwundert betrachteten, bot uns eine Frau „die neueste Hymne" auf die Künstlerin an. Natürlich kauften wir sie, doch enthielt sie leider nur ganz allgemeine Redensarten, die auf jede Kunstreiterin gepasst hätten.

So wie der Cirkus nur auf eine Minute von Pferden frei war, sprangen von allen Seiten Männer, Weiber und Kinder mit Körben voller Flaschen, Gläser, Kuchen und Obst aller Art hinein, und erhoben ein Geschrei, dass die Wände erbebten. „Ginger-Bier, Ginger-Bier! — Limonade, Limonade! — Schöne Kirschen! — Frische Waffeln! — Feine Bonbons!" schrie, kreischte, tobte und


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raste es durch einander von allen Seiten nach allen Seiten, ans allen Logen in alle Logen, von allen Bänken zu allen Bänken, so dass man plötzlich auf einer pol- nischen Messe zu sein glaubte, und fast ausser sich geriet über das ewige Anerbieten. Dem Publikum war dies jedoch gerade recht; die Leute schienen nicht nur hergekommem zu sein, um die Kunstreiter zu sehen, sondern auch alles Ess- und Trinkbare zu vertilgen, was ihnen nahe kommen würde. Die Stöpsel der Flaschen knallten, das Bier floss in Strömen, die Waffeln flogen hin und her, und man nährte sich mit vielem Schmacken und grossen Kinn backen gerassei. So wie jedoch die Schranken geöffnet wurden, und ein Pferdekopf sich blicken liess, war auch der Cirkns eben so schnell wieder geräumt, als man ihn vorher in Beschlag genommen hatte.

Nachdem verschiedene Mitglieder der Bande ihre wider Erwarten sehr gewöhnlichen Reiterkfinste gezeigt hatten, die Bajazzo mit denjenigen Witzen begleitete, welche sich immer gleich bleiben, kam endlich eine dramatische Szene, nämlich „Shooters Hill im 17. Jahrhundert" In dieser spielte ein Tier mit, aber was es für ein Tier war, wird so leicht Niemand raten. Wir hatten wohl bisher Elephanten, Löwen, Bären, Affen, Pferde, Hunde, Elstern und andere Vögel auf den Brettern angetroffen, es war uns jedoch vorbehalten, in London ein, — die Feder sträubt sich, das Wort zu schreiben, aber es hilft nichts — ja ein Schwein auf dem Theater zu sehen. Ich sah, wie die Grazien mit abgewandtem Gesicht entflohen, und wie Melpomene, die nicht fliehen durfte, mit der einen Hand Räucherpulver in die Gasflamme streute, während .sie sich mit der andern die Nase zuhielt."

Es folgt nun eine Schilderung dieses sogenannten


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Dramas, bei welchem das Schwein thatsächlich auf der Bühne erschien nnd ein entsetzliches Tohuwabohu dort und einen Höllenlärm im Publikum anrichtete, während gleichzeitig eine Bande von Taschendieben auf der Bühne und wohl auch im Zuschauerraum thätig war. Das Publikum war begeistert, hingerissen und spendete tosenden Beifall, brüllend: „The pig, the pig for ever! Das Schwein, das Schwein für immer!" Dann hielt der Direktor eine Ansprache, und kaum hatte er seine Bede geendet, so „hörte man hinter den Coulissen ein furcht- bares Gequietsch, und gleich darauf trat die Kunst- reiterin mit dem Schwein im Arme herein. Dies schrie und sträubte sich aus Leibeskräften, — es war mit Gewalt von seinem wohlverdienten Eichelnschmaus fort- gerissen worden, und wollte mit Gewalt wieder zu ihm zurück; aber die Künstlerin hielt ihren Kollegen so fest, dass er nicht imstande war, sich loszumachen. Das Publikum tobte und raste vor Entzücken; Madame Malibran war niemals imstande gewesen, einen halb so grossen Effekt hervorzubringen. Durch das Geschrei von allen Seiten geängstigt und durch die starken Arme der Kunstreiterin gepresst, also vor Agitation und Ver- druss bekam das arme Schwein endlich einen starken Cholera-Anfall, der einen schleunigen Rückzug nötig machte." x )

Die erste weibliche Trapezkünstlerin, die den „nom d'aräna" Azella führte, erschien 1869 im Hol- born Amphitheater und fand bald zahlreiche Nach- folgerinnen wie z. B. Mlle. Pereira, die in Cremorne


] ) A. von Treskow „Leiden zweier Chinesen in London* Quedlinburg und Leipzig 1888 Bd. I, S. 165—174.


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Gardens ihre Künste zeigte. Bald versorgten sich dann die meisten Londoner Musikhallen mit Trapezkünst- lerinnen. *)


Kein Volk hat eine so reiche Geschichte der öffent- lichen Lustbarkeiten, merkwürdigen Gebräuche und Zeitverkürzangen wie das englische. Es ist unmöglich, an dieser Stelle auf dieselbe im einzelnen einzugehen. Nur allgemeine Züge können skizziert werden und nur die wichtigsten und bekanntesten Arten der Lustbarkeiten und Volksbräuche können erwähnt werden.

Burton sagt in der 1660 erschienenen „Anatomie der Melancholie" : „Lasst das Volk ungehindert schmausen,, singen, tanzen, Puppenspiele sehen, allerlei Musik,. Comödien, Masken, Spässe, Lustigmacher, Taschen- spieler u. s. w. haben, damit es nicht etwas schlimmeres thun möge."

Den Höhepunkt erreichte die allgemeine Volkslust im Zeitalter der Elisabeth. Keine Periode der englischen Geschichte ist reicher an den mannichfaltigsten öffent- lichen Lustbarkeiten Festspielen, Prozessionen, Jagden,. Tierkämpfen, Jahrmärkten, u. s. w. gewesen als die elisabetbanische Epoche. Eines der herrlichsten Erzeug- nisse der englischen Buchdruckerkunst, das 1788 zuerst erschienene Prachtwerk von Nichols über die zu Ehren der Königin bei ihren vielen Reisen durch England ver- anstalteten Festlichkeiten, bildet eine unerschöpfliche


  • ) Vergl. Thomas Frost „Circus Life and Circus Cetebrities'

London 1875 S. 179.


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Fundgrube für die Geschichte der Volksbelustigungen in England. *)

Hüttner 2 ) charakterisiert das frohe Treiben dieser Zeit folgendennassen:

„Im 16. und 17. Jahrhundert sahen die Engländer besondes auf Prunk und Geräusch in ihren öffentlichen Vergnügungen. Den Mangel an Geschmack und Schick- lichkeit, welcher darin so sehr in die Augen fällt, suchte man dnrch Flitterglanz zu ersetzen. Die Vorderteile der Häuser, an welchen die öffentlichen Prozessionen vorüber gingen, waren mit Tapeten und reichen Gold- stoffen behangen; die Magistr&tspersonen und die wohl- habendsten Bürger von London kamen gewöhnlich in köstlichen Kleidern zu Pferde und schlössen sich an die Prozessionen an, während das Läuten der Thurmglocken, die Musik von verschiedenen Orten her, und das Oeschrey des Volks die Ohren der Zuschauer beynahe betäubte. In gewissen Entfernungen waren Schaugerüste ^errichtet, welche Schlösser, Paläste, Gärten, Felsen oder Wälder vorstellten, worin Nymphen, Rehe, Satyren, Götter, Göttinnen, Engel und Teufel in Gesellschaft mit Kiesen, Wilden, Drachen, Heiligen, Rittern und Hof- narren, Zwergen und Sängern erschienen; die alte Fabel- lchre, die Legenden der Ritterzeit und die christliche Theologie waren lächerlich und ohne Sinn unter einander


1 ) „The ProgTesses and Public Processi ons of Queen Elizabeth. Among which are interspersed other solcmnities, public expenditures and remarkable events, during the reign of that illustrious princess. Collected from original inanuscripts, scarce Pamphlets, Corporation Records, Parochial Registers etc. etc. lllustrated with historical notes by John Nichols etc. A New Edition, in ThTee Volumes." London 1823, 4° 8 Bände (mit Porträts und Tafeln); erste Auflage in 2 Bänden 1788, Bd. III, 1817).

2 ) Hüttner „Englische Miscellen" Bd. V, S. 109.


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vermengt; und diese Schaustellungen endigten sich ge- meiniglich mit geschmacklosen pedantischen Reden, die überaus langweilig und voll der gröbsten Schmeicheleien


waren."


Ausführlichere Angaben Aber die grotesken Lustbar- keiten der elisabethanischen Zeit finden sich in dem er- wähnten Werke von Nichols, ferner bei Taine 1 ), der bemerkt, dass in den Gehirnen der Menschen in jener Zeit sich ein unglaublicher Reichtum an lebenden Formen getummelt habe. Recht gut charakterisiert auch M o e 1 1 e r - Brück den „Ueberschuss an Thatenlust und Abenteuer- drang des Zeitalters der Elisabeth", der in der allgemeinen Lust sich auszugeben suchte. 2 )

Unter diesen öffentlichen Lustbarkeiten nehmen dio erste Stelle die grossen Jahrmärkte oder „Fairs" ein.

In London wurden seit alter Zeit drei grosse Jahr- märkte abgehalten. Der Westminster- oder St. Edwards- Jahrmarkt, von Eduard III im Jahre 1248 eingeführt, wurde zuerst auf dem Margarethenkirchhofe gefeiert und von dort nach Tothill-fields verlegt, wo er bis 1823 ab- gehalten wurde.

Der berühmteste Jahrmarkt war aber die Bartho- lomäus-Messe in Smithfleld, die bis 1855 bestehen blieb. Sie wurde mehrere Male im Jahre abgehalten; die eigentliche Bartholomäusmesse par exellence fiel in den September.

Einen Tag nach der Bartholomäus-Messe wurde ein Jahrmarkt in South wark abgehalten, der 14 Tage dauerte,, und namentlich von der Schifferbevölkerung frequentiert


') Taine a. a. 0. Bd. 1 S. 285—236.

  • ) A. Moeller-Bruck „Das Vari6te u S. 119ff.


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wurde. Evelyn (Mitte des 17. Jahrhunderts) zählt unter den Wundern der Southwark-Messe Affen und auf •einem Seile tanzende Esel auf und die Tricks einer italienischen Dirne, die Jedermann sehen wollte, Pepys -erzählt von Puppenspielen, und von dem Seiltänzer Jakob Hall. Die Messe wurde 1762 aufgehoben, ist aber durch den bekannten Kupferstich von Hogarth ver- ewigt worden. 1 )

Im Monat Mai wurde bis 1709 im Brook-Feld nördlich vom Hyde Park die St. Jakobs-Messe (St. James's Fair) abgehalten, auch Maimesse (May-Fair) genannt, wonach später der Stadtteil seinen Namen erhielt. 2 )

Wie es noch um 1800 auf der weitaus berühmtesten Londoner Messe, der Bartholomäus-Messe, zuging, hat am besten Goede erzählt, dessen höchst anschauliche Schilderung als ein Dokument von wahrhaft kulturge- schichtlicher Bedeutung an dieser Stelle mitgeteilt werde:

„Es giebt drei Tage im Jahre, die dem Vergnügen des Londoner Pöbels besonders gewidmet sind, drei frohe Jubeltage, wo er seine Bacchanalien feiert, welche man in London unter •dem Namen der Bartholomäusmesse kennt und die wohl als die •einzigen ihrer Art in Europa betrachtet werden können. Denn liier tritt der Pöbel in un vermischt reiner Masse auf, keine andere Klasse der Gesellschaft nimmt den entferntesten Anteil •an diesem Feste, kein Zwang stört seine Ausgelassenheit; er herrscht allein als unumschränkter König des Festes. Der Schau- platz dieser interessanten Szene ist der grosse Londoner Viehmarkt {West Smith fields), der einen Ungeheuern Baum einschließet und von den ihn teils umgebenden, teils auf ihn sich öffnenden Strassen unregelmässig gebildet wird. Von seiner Grösse wird man sich -eine Vorstellung machen können, wenn man sich gedenkt, dass

  • ) Vergl. Timbs „Curiosities of London" S. 18 und G. C. Lich-

tenbergs „Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche" Göttingen 1808, zehnte Lieferung S. 7—46.

9 ) Timbs a. a. 0. S. 14.


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an Markttagen wohl über 4000 Stück Mastvieh hierher zum Ver- kauf getrieben werden. Mehrere Tage vor dem Feste sieht man auf allen Seiten des Marktes Arbeitsleute beschäftigt, den Platz gehörig einzurichten, wobei sich der Pöbel als Zuschauer einzufinden nicht unterlägst Dort wird ein hohes Gerüste aufgeführt, hier steht schon eine Reihe Buden in mannichfaltigen Formen fertig erbaut, Uebermalung fehlt noch; dort wird eine hohe Stange tief in die Erde gerammelt, weiter hin wird ein grosses Segel aus- gespannt; überall umgeben Gruppen aus dem Pöbel die entstehenden Werke und suchen neugierig ihre Bestimmung zu erraten. Endlich erscheint der sehnlich erwartete Tag; alles ist zum Empfange der ehrwürdigen Versammlung bereit, und das Volk strömt mit lautem Jubelgeschrei zum Platze. Ich wählte mit einem Freunde den Abend, als den glänzendsten Augenblick, das bunte Schauspiel zu besuchen. —

Von welcher Seite man sich auch dem Platze naht, tönt einem von weitem der fröhliche Tumult des Volkes entgegen; die ab- und zuströmende Menge füllt die nahe gelegenen Strassen, und man hat Mühe, sich bis zum Platze selbst hindurchzudrängen. Ist man dahin gelangt, so lässt man sich vom Strome forttreiben, denn hier, wie überall, wo der Pöbel die Richtung giebt, würde es ebenso vergeblich als gefährlich seyn, einen eignen Weg ein- zuschlagen. So wird man nun zuerst mit dem Haufen durch «ine lange Reihe Pfefferkuchenbuden fortgeführt, die mit kleinen Lämpchen erleuchtet sind, und an die sich, in einer anderen Reihe, die Obst- und Austernweiber mit ihrem aufgeputzten Kram anschliessen. Alle Häuser am Wege sind erleuchtet, und aus allen erschallt eine rauschende Tanzmusik. Denkt man sich dazu die vielen Chöre von Janitscharenmusik, die in allen grösseren Buden verteilt sind, und die Trommeln, welche das Volk zu den kleinen Theatern rufen; denkt man sich, dass jetzt alle in London herumziehenden Leiermänner zu dem Feste hier versammelt sind, dass jeder Betteljunge auf einer Pfeife oder Trompete ein Solo bläst und mit einer Schnurre sich selbst accompagniert, und dass, wer weder blasen noch schnurren kann, durch Geschrei und Jubel •den Lärm zu vergrössern bemüht ist; so wird man sich doch noch immer eine nur unvollkommene Vorstellung von dem betäubenden Oetöse machen können, welches den Ungeheuern Platz erfüllt. —


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Da, wo sich jene Reihe Buden endigt, beginnen die Karussels. Vier grosse Ringelrennen sind in unaufhörlicher Bewegung. Pfeil- schnell, daes der blosse Beschauer sich kaum des Schwindels erwehren kann, drehen sich die Maschinen mit der jubelnden Ge- sellschaft im Kreise herum und immer schreit diese den Drehenden zu, den Umschwung noch mehr zu verstärken. Aber was sollen denn dort jene Luftballons bedeuten? Es ist eine neue Art von Karugsel; statt auf hölzernen Pferden die Tour zu machen, lassen sich jene in grossen an Luftballons befestigten Körben im Kreise herumschwenken und mögen sich wohl einbilden, wie kühne Luft- schiffer die Wolken zu durchfahren. Aber sehe ich nicht wirklich einige dort hoch in der Luft schweben? Jetzt senken sie sich, es folgen andere und wieder andere, da erscheinen die ersten wieder, und der Kreislauf beginnt von neuem. Dies ist eine ungeheuer grosse, wohl über fünfzig Fuss hohe perpendikuläre Drehmaschine, an welcher vier Körbe in Stricken hängen, die beim Umschwünge immer in horizontaler Lage bleiben, und bei deren Steigen und Sinken die Gesellschaft in einem angenehmen Wechsel bald drohender und bald wiederum verschwindender Gefahr herumschwebt. In der That ist es ein recht angenehmes Schau- spiel. In jedem Korb sitzen vier bis sechs Personen. Sie verfolgen sich im Fluge und erreichen einander nie, jetzt schwebt die eine über der andern und jubelt triumphierend in der Höhe, bald aber senkt sie sich wieder in die Tiefe und nun erhebt sich über ihr jene in die Lüfte, auf die sie vor einem Augenblicke herabsah. Welch ein treffendes Bild des ewigen Wechsels, Jagens und Treibens im bürgerlichen Leben, wo alle nach dem Ziele laufen, einer sich über den andern erhebt und keiner es erreicht! — Dem Volke scheint jenes eine vor allen andern reizende Ergötzlichkeit zu scyn. Viele warten stundenlang auf den süssen Augenblick, wo sie einen Korb besteigen und in die Höhe sich aufschwingen können. Verlässt man diesen Teil des Schauplatzes, um sich nach der vordem Seite hinzuwenden: so kommt man durch eine Reihe Fleischerbuden, wo in Tiegeln und Bratpfannen Puddings, Roast- beef und Bratwürste dem hungrigen John Bull einladend entgegen- dampfen. Nun wird das Getümmel weit stärker, und es erfordert grosse Anstrengung sich noch weiter vorzudrängen. Endlich hat man die glänzendste Stelle, die breite Reihe der grössern Buden erreicht, wo die grössten Herrlichkeiten des Festes vereinigt sind.


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Hier ist das Gedränge so stark, dass man immer in Gefahr schwebt, erdrückt zu werden; und wer in der lütte eingedrängt ist, kann sich weder vor- noch rückwärts bewegen, nnd mnss in Geduld den Augenblick erwarten, wo eine neue herbeiströmende Pöbelmasse, durch einen stärkeren Andrang, die alten Zuschauer vom Platze treibt Nur gigantischen Kräften gelingt es, sich einzeln herauszuarbeiten. Die Musik, der Jubel und das Getöse sind hier am Täuschendsten.

An der Spitze der Buden steht eine der grössten, ganz mit Gemälden behangen, Löwen, Tiger, Hyänen, Leoparden, Bären, Elephanten, Affen und andre Tiere vorstellend, die dem Pöbel zur Schau vorgeführt werden. Es i:t Herrn Pitcoeks grosse Menagerie, die er bei diesem Volksfeste vom Strand hierher ver- legt hat. Neben ihr steht eine kleinere Bude mit plattem Dache. Ein Seil ist darüber ausgespannt. Zwei artig geputzte Kinder schwingen sich behend um das Seil herum. Bajazzo erscheint, er will tanzen und tritt fehl, doch erhält er sich noch künstlich im Falle; da machen sich die Kinder über ihn lustig und lehren ihn pantomimisch den Tanz. Nun tritt Harlekin hervor. Er und Bajazzo geraten in Streit, beide treiben einander mit komischen Sprüngen auf dem Dache herum, aber bald verschwindet die lustige Gruppe in die Bade, und läset bei den neugierigen Zuschauern nach diesem Vorspiele den Wunsch zurück, ihnen in das Innere des Theaters zu folgen. Doch was veranlasst wohl dort das unbändige laut aus dem Tumulte hervorschallende Gelächter der Menge? Es ist eine Szene zwischen John Bull und seinem ehe- lichen Gemahl, die auf jenem kleinen Theater als öffentliches Vorspiel aufgeführt wirjj. John Bull ist mit seiner Liebsten über den Besitz der Branntweinflasche in Streit geraten; sie hat den Besen ergriffen und schlägt wacker auf ihn los, aber auch ihn hat das gewohnte Phlegma verlassen, er reisst ihr wütend die Haube vom Kopfe, doch bald folgt seine Perrücke nach. Das Publikum kann sich nicht satt an dieser Szene sehen, und so oft die Haube herabfällt und die Perrücke nachstürzt, droht ein kon- vulsivisches Gelächter die Menge zu ersticken. — Wir müssen uns nun rechts durch diesen Haufen Matrosen hindurch drängen, wenn wir jenes grosse Theater sehen wollen, das vor allen schön erleuchtet hervorglänzt ....

D Uhren, Dos Geschlechtsleben in England ***. 15


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Diese Theater auf dem Platze selbst sind nicht die einzigen, die an diesen Tagen für den Pöbel eröffnet werden. In vielen der umliegenden Häuser sind grosse Zimmer in Pappentheater verwandelt, in einigen werden chinesische Schattenspiele und Feuerwerke angestellt, in den meisten aber sind öffentliche Bälle eröffnet. An einem Hause, bei welchem ich vorbei kam, stand ein schwarzgekleideter Kerl mit einer brennenden Fackel und neben ihm ein hochfrisiertes, geschmücktes Bettlerweib, die mir freund- lich ein Billet anbot, indem sie sagte: Das Schauspiel beginne eben. Als ich mich nach dem Gegenstande desselben erkundigte, wurde mir gesagt, man lasse Geister erscheinen und es werde der General Ab er crom bie und mehrere andere englische Offiziers auftreten . . .

So wie hier alles die Sinne des Pöbels zu reizen bemüht ist, so flberlässt sich auch dieser ganz einem ausschweifenden Genüsse des Vergnügens. Lust und Freude glänzt auf allen Gesichtern und einstimmig ist der allgemeine Jubel. Dass man sich hier nichts versagen zu dürfen glaubt, und dass man sich dabei nicht sonderlich am die Decenz bekümmert, wird wohl ein jeder von selbst voraussetzen. Eine gewisse Klasse der öffentlichen Mädchen wird diese drei Tage über auf dem Tummelplatze des Pöbels ein- heimisch; doch auch manches junge unerfahrene Mädchen wird im Strom des verdorbenen Gesindels mit fortgerissen, und viele von denen, die gegenwärtig in London unter den Priesterinnen der Venus den ersten Bang behaupten, debütierten auf dieser Bühne zuerst und kamen aus den Händen trunkener Matrosen in die Arme eines Lords. Doch eine solche Gewalt äussert oft die Erinnerung an den ersten Bausch des Vergnügens, dass nicht selten einige von jenen Nymphen, die jetzt in höhern Zirkeln glänzen, unwiderstehlich zu diesem Fest wieder fortgerissen werden, um sich, ihre vornehmen Anbeter vergessend, an diesen Tagen von neuem in den Haufen des taumelnden Pöbels zu stürzen. Dies wurde an der letzten Bartholomäusmesse in London von zwei berühmten Schönheiten, der Miss P. und Madame S. in den Öffentlichen Blättern berichtet, und man darf sich nicht wundern, dass die Zeitungsschreiber einem solchen Umstand der Erwähnung nicht unwert hielten, da sie die Schritte der ausgezeichneten Weltdamen sorgfältig bewachen, und mit den Anekdoten, die sie


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von ihnen erhaschen, ihre piquantesten Artikel ausfüllen. Dieses Faktum kann auch als ein verstärkender Beweis alles dessen gelten, was bei einer andern Gelegenheit über den beweglichen, reizbar sinnlichen, exzentrischen Charakter der Engländerinnen Überhaupt und der englischen Weltdamen insbesondere bemerkt worden ist; es zeigt in einem auffallenden Beispiele jenes hinreissende, sich selbst verzehrende Feuer, welches man eher an den Ufern des Tajo, als unter diesem Himmel und unter diesem Volke zu finden erwarten dürfte." 1 )

Eine ähnliche Schilderang einer anderen Londoner Messe, wo es zngeht „wie in Sodom und Gomorrhä", findet sich in Santo Domingo' s „London wie es ist"*)

Eine hervorstechende Figur der Londoner Jahr- märkte war „Punch", die komische Figur des eng- lischen Puppenspieles. Der Name „Punch" ist vom italienischen „Punchinello" abgeleitet. Es war in der That ein Italiener, der in den Jahren 1666 und 1667 in Charing Cross eine Bude mit einem Puppenspiele errichtete und „Punch and Judy" in England einführte. Er musste dafür den Vorstehern des St Martin's-Kirch- spieles eine kleine Miete zahlen. Im Jahre 1668 er- richtete ein Mr. Devone an derselben Stelle ein kleines Spielhaus. In einem Liede jener Zeit, welches über die lange Verzögerung in der Errichtung des Denkmales Karls L in Charing Cross spottet, wird auch auf „Punch" angespielt:

What can the mistry be, why Charing Cross These five months continues still blinded with board? Dear Wheeler, inspart — we are all at a loss, Unless Punchinello is to be restored.*)


') C. A. G. Goede a. a. 0. Bd. II S. 883-395. ■) »London wie es ist oder Gemälde der Sitten, Gebräuche und Charakterzüge der Engländer" Leipzig 1826 S. 79-84. 8 ) Thornbury „Haunted London" S. 208.

15»


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Ein anderer frühzeitiger Schauplatz von Punch'st Thätigkeit war Covent Garden, wo Powell's Vor- stellungen sogar der St. Pauls-Kathedrale Andächtige entzogen, wie in No. 14 des „Spectator" zu lesen ist, und anno 1711 und 1712 beeinträchtigte die immer mehr sich verbreitende Vorliebe für die humoristischen und derb-obscönen Darbietungen des Punch sogar den Besuch des Theaters und der Oper. Spätere berühmte Punch -Spezialisten waren Porsini und Pike. Um 1870 gab es in London acht grosse Punch-Vorstellungen auf der Strasse. Die besten waren die am Leicester Square, in der Regent Street (Ecke von New Burlington Street), am Oxford Market und Belgrave Square. Die Hauptsaison ist der Frühling, auch Weihnachten und der Hochsommer sind gute Zeiten für Punch. 1 )

Das Publikum dieser Vorstellungen wird sehr gut in den „Doings in London" geschildert Mentor und seine Freunde finden sich auf der Strasse plötzlich in einem Gedränge von Schlachtern, Schornsteinfegern, Taschendieben, Milchmädchen, alten und jungen Narren, die das „ausgelassen fröhliche Auditorium der Helden- thaten jenes grossen Schauspielers und Helden der Tragödie Mister Punch bildeten und sich die Seiten vor Lachen hielten und bei jedem Schlage auf den Kopf der Mrs. Punch vor Vergnügen brüllten."*)

Aber auch vornehme Männer haben oft mit Ver- gnügen den in ihrer Derbheit echt englischen Vor- stellungen von Punch beigewohnt. Der Staatssekretär Windham versäumte niemals bei seinem Wege von


l ) J. Timbs a. a. 0. S. 16.

») Doings in London S. 385 (mit Bild).


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der Downing Street zum Unterhause vor einer Puncto Bude stehen zu bleiben und sich an einer gerade vor- gestellten Szene zu ergötzen. „Wir schämen uns nie- mals, vor einer Punch-Bude betroffen zu werden," schrieb Albert Smith.

Auch Kunst und Litteratur bemächtigten sich des „Punch 1 ', dieses originellen Repräsentanten der mensch- lichen Schwächen und Tollheiten. 1828 zeichnete George Cruikshank seine grotesken Punchbilder für Mr. Payne Collier' 8 interessantes Buch „Punch and Judy" 1 ) Haydon malte den Punch mit Hogarthischem Witze im Jahre 1829, und Webster malte 1840 in ähnlicher Weise sein Bild „Punch auf dem Lande".

Abgesehen von einer Posse „Punch als Schulmeister- 4 ist diese Figur besonders durch das 1841 begründete Londoner Witzblatt „Punch; or, the London Charivari" litterarisch verewigt worden. 9 )

„Punch" mit seiner langen Nase und seinem Höcker — einem Familienerbstück aus Italien — ist eine Ver- körperung der englischen Brutalität, ein schlechter Gatte, ein herzloser Vater, ein ruchloser Staatsbürger, der in der Politik seiner bösen Zunge freien Lauf lässt, auf sexuellem Gebiete überaus freie Ansichten entwickelt Bitter Blaubart und Polygamist in einer Person ist, mit seiner Gattin in einer überaus „schlagfertigen" Ehe lebt, Frau und Kind schliesslich totschlägt und sich dann der „schönen Polly" zuwendet und endlich nach ver- schiedenen anderen Heldenthaten am Galgen endet. Die


  • ) P. Collier „Punch and Iudy u ; with Illustrations drawn

and engraved by G. Cruikshank" London 1828, 8°.

  • ) Timbs a. a. 0. S. 16.


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ganze Vorstellung wird aber beherrscht von der im Prolog angekündigten Stimmung:

Ihr Damen und Herrn, sagt, wie genta euch all?

Seid ihr glücklich, bin ich glücklich zumal.

Kommt, hört mein hübsch' Spielchen ; mach' ich euch lachen,

Brauch' ich euch nicht erat zahlen zu machen. 1 )

Unter den englischen Festen verdienen ausser der allbekannten Weihnachtsfeier vor allem die Feier des 1. Mai und der Valentinstag eine Erwähnung, beide schon im frühen Mittelalter gefeiert.

Stubbes*) erzahlt in seiner „Anatomie der Miss- bräuche" über das Maifest: „Am ersten Mai versammeln sich in jedem Sprengel, jeder Stadt, jedem Dorfe die Männer, Frauen und Kinder, alt und jung und gehen in den Wald, wo sie die ganze Nacht mit angenehmem Zeitvertreib verbringen. Des Morgens kehren sie zurück und bringen mit sich Zweige von Birken und andern Bäumen, besonders aber ihr grösstes Juwel, den Mai- baum, den sie mit grosser Verehrung nach Hause be- fördern, indem sie den Wagen, auf welchen sich dieser stinkende Götze befindet, zwanzig bis vierzig Paar Ochsen vorspannen. Jeder Ochse trägt auf den Spitzen seiner Hörner süsse Blumenbouquetts. . . Dann pflanzen sie den Maibaum ein, bestreuen den Rasen ringsumher mit Blumen, errichten daneben Lauben und Sommersäle, und dann springen, tanzen, bankettieren und schmausen sie wie die Heiden bei ihren Götzenfesten... Von hundert Mädchen, die diese Nacht im Wald zubringen, kommt kaum der dritte Teil unversehrt zurück."

  • > Vergleiche das Kapitel .Punch and Judith* bei Adrian

»Sktuea aus England- Bd. II S. 210—224.

  • Zitiert nach Taiae a. a. 0. Bd. I S. 240.


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In London fand am Ende des 18. Jahrhunderte eine sehr aasgelassene Maifeier in dem am Marylebone Eoad gelegenen Wirtshause „The Yorkshire Stingo" statt, bei der so viele anrüchige Dinge vorkamen, dass sie am Beginne des 19. Jahrhunderts unterdrückt wurde. *)

Am Valentinstage, dem 14. Februar, bekommen alle hübschen Mädchen zahlreiche Briefe, mit goldnem Schnitt, gemalt, gepresstund mannicb faltig ausgeschmückt, deren Inhalt von Schmeicheleien, Liebeserklärungen und Heiratsanträgen überfliesst. Nur schade, dass die Schreiber stets die Unterschrift vergessen und auch ihre Schrift- züge sehr entstellen. Aber manchmal heiratet Jemand das junge Mädchen, das ihm am Valentinstage zuerst begegnet, und das wird denn nach englischem Glauben eine besonders glückliche Ehe, weil sich an diesem Tage die Vögel fürs ganze Jahr zu paaren pflegen. 2 )

In Wales soll sich bis zur Gegenwart die Sitte der Probenächte erhalten haben, was R6mo aus der überaus leidenschaftlich- sinnlichen Natur der Waliser ableitet. „Le pays de Galles au contraire a les pro- pensions les plus infernalement lubriques. Ge sont cer- tainement les naturels les plus ardents des trois royaumes. u Daher gehen die Männer mit äusserster Kühnheit bei ihren Liebesabenteuern vor, und in gewissen Distrikten wird den Verlobten unbedenklich eine „Probenacht" gestattet. Dies Recht heisst „the right of latch-key." Der junge Mann schläft bei seiner Braut, und wenn dieser Versuch nicht befriedigt, können sie sich sofort


J ) Wi-oth „The London Pleasure Gardens" S. 115. — Vergl. die sehr interessanten geschichtlichen Notizen über die Londoner Maifeste bei J. Timbs „Cnriosities of London" S. 15.

2 ) VeTgl. Santo Domingo „London wie es ist" S. 188— 139»


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den Abschied geben. Im anderen Falle findet nach einigen Tagen die Hochzeit statt. 1 )

Ebenderselbe Autor berichtet von der eigentüm- lichen Mode der sogenannten „Exkursions-Annoncen", die in den letzten Dezennien aufgetaucht sind. In diesen Annoncen suchen junge Männer für ihre Sonntagsausflüge junge Mädchen als Begleiterinnen, und diese Art der „Sonntagsliebe" soll ausserordentlichen Anklang finden. 9 )

In Hertfordshire herrschte nach Archenholtz 8 ) noch am Ende des 18. Jahrhunderts ein sonderbarer Brauch, der alle sieben Jahre am 10. Oktober als am Michaelistage alten Stils begangen wurde. „Eine Menge junger Kerle, grösstenteils Landleute, versammeln sich an diesem Tage des Morgens auf dem Felde, und wählen einen Anführer, dem sie verbunden sind, überall nach- zufolgen. Dieser setzt sich nun mit seinem Trupp in Marsch, und zwar geht der Zug durch die beschwer- lichsten Wege, durch Sümpfe und Moräste, über Zäune, Graben und Hecken. Wen sie auf ihrem Zuge antreffen, ohne Bücksicht auf Stand, Alter und Geschlecht, muss die Zeremonie des Schwingens aushalten. Die Weiber und Mädchen kommen daher diesen Tag nicht aus ihren Häusern. Nur allein liederliche Weibspersonen lassen sich gerne schwingen, und bleiben bei dem jovialen Trupp bis spät in die Nacht, wo, wenn das Wetter günstig ist, Banquet und Bacchanal im Felde unter freiem Himmel gehalten wird."


  • ) R6mo „La vie galante en Angleterre" S. 273.

») R6mo a. a. 0. S. 216.

  • ) J. W. y. Archenholtz „Britische Annalen" Bd. I S. 406

bis 407.


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Übrigens fand man im 1 8. Jahrhundert nichts darin, wenn ein Jüngling sein Mädchen auf einem Seile schwingen Hess. Gay singt:

On two neaT elms the slacken'd cord I hung, Now high, now low, my Blouzalinda swung 1 ) '

Für böse und keifende Weiber erhielt sich in ge- wissen Gegenden Englands bis znm Anfange des 19. Jahr- hunderts die Strafe des Untertanchens derselben im Flusse. In Butler's „Hudibras" (17. Jahrhundert) heisst es:

„Wenn sie mit Schelten um sich schmeisst Die pflegt man in sella curule, Das heisst, auf einem Gaukelst ulde, Zur Schau an einen Fluss zu führen Und in dem Strom zu promenieren!"

Man Hess nämlich die zänkischen Weiber auf einem in Stricken hängenden Stuhle sitzend ins Wasser tauchen. Dieser Stuhl hiess „Cucking Stool." Es findet sich vom Jahre 1572 eine Kostenrechnung für einen solchen Stuhl vor, desgleichen für verschiedene an ihm vorgenommene Reparaturen, woraus der Schluss gerechtfertigt ist, das3 er häufig benutzt wurde. B. West hat in seinen „Mis- cellaneous Poems" (London 1780, 8°) diesen Akt poetisch verherrlicht 2 )

Zum Schlüsse sei eines merkwürdigen, indezenten Spieles zwischen jungen Mädchen gedacht „The Shape Test" (die Gestalt-Probe) genannt, welches von einem neueren Autor folgendermaßen beschrieben wird:

The way iß this, you stand erect,

Tour lege together, rayther I expect;

Your shape is perfect if a sixpence lies

Between your ankles, calves, your knees and thighs.


  • ) Strutt a. a. 0. S. 802.
  • ) Vergl. Eiselein in seiner Uebersetzung des „Hudibras"

B. 122 und Hüttner „Englische MisceUen" Bd. V S. 122—128.


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Here are four sixpences and 111 begin Little Red Ridinghood shall put them in! Not that way, stupid, stand to one side there That everyone may see you do it fair. Observe, I keep them nrmly one and all; I bet that you and othen let them fall. ')

Die „Narrenfeste" des Mittelalters mit ihren ge- schlechtlichen Ausschweifungen knüpften sich in Eng- land im wesentlichen an die Persönlichkeit des „Lord of Disrule" (Herr der Unordnung), der diese ausgelassenen Mysterien leitete, die sich wesentlich in und um die Kirche abspielten. 8 )


') Pisanus Fraxi „Index Librorum Prohibitorum" S. 368 bis 869.

  • ) VergL die Schilderung in Stubbes' „Anatomy of Abuaes*

bei Taine a. a. 0. Bd. I S. 289—240.


Neuntes Kapitel.


Die Kunst 1 )


Die Kunst, deren Hauptaufgabe immer die Dar» Stellung des Menschen, menschlicher Thätigkeit und: menschlicher Empfindungen und Leidenschaften sein wird,, hat schon früh die menschliche Liebe nach ihrer idealen und rein körperlichen Seite in den Bereich ihrer Objekte gezogen.

Die Frage, ob auch die rein geschlechtlichen* Beziehungen Gegenstand künstlerischer Darstellung sein dürfen, darf man unbedingt bejahen, wenn man eben eine rein künstlerische Darstellung erotischer Objekte voraussetzt d. h. es muss in dem Kunstwerk das rem Sexuelle völlig hinter der höheren künstlerischen Auf- fassung verschwinden. Diese letztere wiederum ist nur dann möglich, wenn der dargestellte Gegenstand gänzlich der Aktualität entkleidet und unter völliger Ver- nachlässigung von Zeit und Ort mehr nach seiner all- gemein menschlichen Seite betrachtet wird, wenn femer


') Die folgende Darstellung beschränkt sich auf die Be- ziehungen der englischen Kunst zur Erotik und zum Sexualleben. Eine eingehende Geschichte der englischen Malerei in ihren Be- ziehungen zu der allgemeinen Kultur liegt in dem vortrefflichen, wenn auch nicht lückenlosen Werke von Richard Muther r „Geschichte der englischen Malerei" Berlin 1903, vor.


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in der Wiedergabe des rein Geschlechtlichen zugleich eine das rein Physische verklärende, ge Wissermassen überwindende Auffassung des Künstlers zum Ausdrucke kommt.

Welch dankbaren Stoff bietet z. B. alles Geschlecht- liche nicht der humoristischen Auffassung dar! Wie kurz ist hier der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen! Dass die GescMechtsverhältnisse den „leichtesten, jeder- zeit bereitliegenden Stoff zum Lachen" abgeben, könnte noch Schopenhauer nicht sein, wenn nicht der tiefste Ernst gerade ihnen zu Grunde läge. „Daher kann der Dichter (und natürlich auch der Künstler) so gut die Wollust wie die Mystik besingen, Anakreon oder Angelus Silesius seyn, Tragödien, oder Komödien schreiben, die erhabene oder die gemeine Gesinnung darstellen, — nach Laune und Beruf. 4 ' Der Künstler ist der „Spiegel der Menschheit, und bringt ihr was sie fühlt und treibt zum Bewusstseyn." J )

Der glänzendste Vertreter dieser humoristischen Auffassung in der künstlerischen Darstellung des Geschlechtlichen ist Thomas Bowlandson.

Die schon erwähnte häufige Verbindung der Wollust mit der Mystik, wie sie besonders in manchen perversen Erscheinungen des Geschlechtslebens zu Tage tritt, ermöglicht jene mystisch-satanistische Auffassung des Erotischen, deren unbestrittener Meister Fälicien Rops ist.

Endlich kann auch in Werken dieser Art der rein moralisierende Standpunkt vertreten sein, wie wir ihn z. B. bei Hogarth antreffen.


') Arthur Schopenhauer „Die Welt als Wille und Vor- stellung" ed. E. Grisebach, Leipzig (Beclam) Bd. I, S. 380.


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Bei allen künstlerischen Darstellungen des Geschlecht- lichen, welche sich meist in die drei eben gekennzeichneten Kategorien einreihen lassen, aber selbst ausserhalb dieser wie z. B. die obscönen Zeichnungen der Carracci. als rein künstlerische Produkte wirken, tritt beim reifen und mit nur etwas künstlerischem Verständnis begabten Beschauer das rein Sexuelle vollkommen zurück hinter der höheren Idee und dem Werte des Kunst- werks als solchen.

Die Geschichte der obscönen und erotischen Dar- stellungen in der Kunst ist eine sehr alte. Schon bei primitiven Völkern finden sich solche. Bloch vermutet, dass der Ursprung erotischer Bildwerke bei den primitiven Völkern aus den Sexualkulten abzuleiten sei, indem man von den Nachbildungen der hierbei als Fetische benutzten Zeugungsteile zur Darstellung des Zeugungs- aktes f ortschritt Aus West- Afrika, von der Insel Bali, Neu-Guinea, Japan, den Philippinen, Tibet, China', Indien, Aegypten, Peru sind solche erotischen Bilder bekannt. 1 )

Das klassische Altertum hat eine Fülle zum Teil künstlerisch sehr hervorragender obscöner Wand- und Vasengemälde und Bildwerke aufzuweisen. Es sei nur an das „Mus6e secret" in Neapel erinnert.

Eine Blütezeit der erotischen Darstellungen war das Zeitalter der Renaissance. Damals zeichnete Giulio Romano die obscönen Bilder zu den „Sonetti Lussuriosi"- des Pietro Aretino, stellten Augusto und Annibale Carracci in einer Reihe von erotischen Zeichnungen


') J. Bloch „Beiträge zur Aetiologie dea Psychopathie sexual iß u . Dresden 1902 Bd. I, S. 200.


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-die sogenannten „Posituren" beim Beischlafe dar, über deren Erhaltung noch unser Goethe sich freute 1 ). Die -Schlösser und Paläste der Könige, die petites maisons der Prinzen und Prinzessinnen, die Häuser des Adels in Italien und Frankreich wurden damals mit erotischen Fresken und Bildern geschmückt „Pour crayonner en petit une partie de ces peintures, dit Sauval, qui avait j>u les voir encore, ici des hommes et des dieux, tous nus, dansent et fönt quelque chose de pis avec des femmes et des deesses toutes nues; 14, les nues exposent -aux yeux de leurs galants ce que la nature a pris tant de peine ä cacher; les autres s'abrutissent avec des aigles, des cygnes, des autruches, des taureaux; en plusieurs endroits, on yoit des Ganymödes, des Saphos •et des belettes (cic); des dieux et des hommes, des femmes et des deesses, qui outragent la nature et se plongent dans des dissolutions les plus monstrueuses" *). Im Schlosse von Fontainebleau waren alle Zimmer, Säle und Gallerien voll von solchen obscönen Gemälden, und die Königin Anna Hess beim Antritte ihrer Regentschaft im Jahre 1643 eine grosse Zahl derselben im Werte von .mehr als lOOOOO Thalern verbrennen 8 ). Sogar in den Gärten und auf den Möbeln fanden sich solche lascive Darstellungen. Berühmt war z. B. der von Brantöme in den „Dames galantes" beschriebene erotische Becher, der mit obscönen Bildern geschmückt war und aus welchem der Besitzer, ein Prinz, mit Vorliebe die jungen


  • ) Goethes Tagebücher, Weimar 1896 Bd. VIII, 8. 174 (vom

9. März 1822).

•) P. Dufour, „Histoire de la Prostitution'*, Brüssel 1861 Bd. V, S. 252.

  • ) Ibidem S. 252.


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Hofdamen trinken liess. „C'etoit", sagt Brantöme, „(Tailleurs nn chef d'oeuvre d'art et grand spteiautö, la mieux eslabouröe, gravee et sigillöe qu'il estoit possible de voir; oü estoient taillöes bien gentiment et subtille- ment au barin plnsieurs Figures de l'Aretin, de l'homme et de la femme, et ce au bas estage de la coupe, et au-dessus et en haut plusieurs aussy de diverses maniäres de cohabitations de bestes". Von grossem psychologischem Interesse sind die von Bran- töme mitgeteilten Bemerkungen der jungen Mädchen über ihre Empfindungen beim Trinken aus diesem Becher 1 ). Besonderen Rufes erfreute sich auch die Qemäldegallerie des Grafen von Chateauvillain wegen der Unzahl der darin enthaltenenen obscönen Gemälde.*)

Die Geschichte der erotischen Bilder in Frankreich und England während des 16., 17. und 18. Jahr- hunderts knüpft sich fast ausschliesslich an die Ver- breitung der sogenannten „Figuren" des Aretino, der obscönen Zeichnungen des Giulio Romano und nach diesen hergestellten erotischen Kupfer des Marc' Antonio Raimondi zu den „Sonetti Lussuriosi" und des Pietro Aretino 8 ). Es waren dies 16 Darstellungen der verschiedenen „Figurae Veneris" oder Stellungen beim Beischlafe, welche die 16 hierauf sich beziehenden „Sonette" des Aretino illustrierten. Nach der Ver- nichtung der meisten Abdrücke durch Papst Clemens VII.


  • ) Ibidem S. 253.

•) Ibidem S. 259—260.

8 ) Enthalten in der folgenden Ausgabe: „Dubbii amorosi, altri dubbii (nicht von Aretino) e Sonetti lussuriosi di Pietro Aretino. Nella Stamperia del Forno, alla Corona de' Cazzi" (Paris, Orange um 1757, kl. 8°, 82 S.)


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gelangten die Originalkupferplatten nach Frankreich r wo von ihnen im 16. Jahrhundert zahlreiche neue Abdrücke verbreitet wnrden. Brantöme erzählt: „Ich kannte einen guten venetianischen Buchhändler in Paris,, der sich Messer Bernardo nannte und ein Verwandter des Aldus Manutius in Venedig war. Er hatte einen Laden in der Rue St. Jacques und erzählte mir einmal, dass er in weniger als einem Jahre mehr als 500 Bächer des Aretino an Verheiratete und Unverheirate ver- kauft habe und an Frauen, von denen er mir drei sehr vornehme nannte" l )- Es ist sehr wahrscheinlich, dasa dieser Messer Bernardo Torresano um 1580 die wirklichen Kupfer des Marc' Antonio besass, die er von Aldus Manutius und dessen Söhnen, den Ver- legern des Aretino bekommen hatte.

Aretino hatte später den 16 „Sonetti lussuriosi" noch 4 neue hinzugefugt. Um eben so viel wurde die Zahl der Zeichnungen vermehrt 2 ). Später hatte man sogar 36 solcher „Schemata Veneris u zusammengebracht Brantöme erzählt aus dem Ende des 16. Jahrhunderts» von einem Edelmanne, der seiner Maitresse ein obsoöne» Bilder- Album schenkte, in welchem 32 Damen mehr als- 27 Figuren des Aretino darstellten, und die meisten hatten mehr als einen Mann zu ihrer Verfügung 8 );

Im 17. Jahrhundert wurden alle obscönen Gemälde,. Bilder und Zeichnungen confisciert und vernichtet. So» verschwanden fast alle Kupfer des Marc' Antonio zu den Figuren des Aretino. Der Abb6 de Marolles


  • ) Dufour a. a. 0. Bd. V, S. 255.

■) Vasari spricht in seiner Biographie der italienischen. Haler bereits von 20 Figuren.

  • ) Dufour a. a. 0. Bd. V, S. 259.


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besass noch ein Exemplar derselben. Heute ist auch dieses nicht mehr vorhanden. Einige Copien fand man noch in der Bastille im Jahre 1789 bei der Erstürmung derselben. J )

Nach England sind die Bilder zum Aretino wahr- scheinlich ebenfalls schon im 16. Jahrhundert gekommen. Jedenfalls lässt sich für das Jahr 1674 eine Verviel- fältigung derselben in Oxford nachweisen. In einem Briefe von Humphrey Prideaux an John Ellis, datiert Oxford, den 24. Januar 1674 heisst es: „Die Presse giebt mir oft etwas zu erzählen. — Ihr ahnt wohl kaum, dass sie dazu benutzt worden ist, umAretino's Figuren zu drucken. Ich versichere Euch, wir hätten beinahe eine Ausgabe derselben bekommen, wenn nicht in der letzten Nacht das ganze Werk vernichtet worden wäre. Die Herren vom Allerseelen-College hatten Kupferplatten davon hergestellt und unsere Presse benutzt, um Abzüge davon herzustellen. Die für die Arbeit gewählte Zeit war am Abend nach 4 Uhr, da der Dechant nach dieser Zeit niemals mehr kam. Aber am gestrigen Abend kam er wegen zu grosser Beschäftigung erst nach Beginn der Arbeit. Wie er es aufnahm, seine Presse für solch einen Gegenstand missbraucht zu sehen, überlasse ich Euch, Euch vorzustellen. Er hat die Abzüge und Platten confisciert und droht, die Eigentümer derselben fortzu- jagen, und ich denke, sie würden es verdienen, wenn sie von einem anderen College als Allerseelen wären, aber da will ich ihnen erlauben tugendhaft zu sein, da


J ) Dufour a. a. 0. Bd. VIII, S. 269. Nach Ebert („All- gemeines bibliographisches Lexikon" Leipzig 1821 Bd. I, No. 954) hatte die Dresdener Bibliothek bis zum Jahre 1781 das vielleicht einzige Exemplar, welches noch existierte.

D Uhren. Das Geschlechtsleben in England *+*. 16


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feie nur schmutzig in Bildern sind (bat there will alloW them to be vertuons that are bawdy only in pictures)." Und am 31. Januar ergänzt er diesen Bericht: „Es war nicht der ganze Aretino, den unsere Herren hier druckten, sondern nur seine berühmtesten Bilder für ihren und ihrer Freunde Privatgebrauch. Jedoch waren 60 Exemplare nach auswärts gekommen, bevor die Sache entdeckt wurde; aber der Dechant (John Fell, Dechant von Christ Church) hat sie wieder herein- bringen und verbrennen lassen." l )

Eine weitere interessante Notiz über die Verbreitung der Figurae Veneris, die sich ohne Zweifel auf Aretino bezieht, findet sich in Mrs. Manley's „ Atalantis". Charlotte Howard liest in der Bibliothek des Herzogs, der sie mit Absicht allein lässt. „In währender solcher Abwesenheit brachte sie ihre Stunden bloss in seiner Bibliothek zu und las nicht allein solche Bücher von der Liebe, welche nur zu einer honetten Gemüts- Ergötzung geschrieben waren, sondern auch sogar die allergarstigsten Schand-Schrifftcn, welche die ver- schiedene Arten entdeckten, die geile Brunst zu sättigen, und die man ohne Abscheu nicht einmal nennen kann. Der Hertzog hatte dieses wol vorausgesehen, und diess war eben sein Absehen, als er ihr seyne Bücher zu freyem Gebrauch übergab, und die Auffseherin von ihr wegschaffte. tt *)

Wahrscheinlich bezieht sich diese Nachricht auf die


  • ) „Letters of Humphrey Prideaux sometime Dean of

Norwich to John Ellis sometime Under - Secretary of State. 1674—1722. Edited by Edward Maunde Thompson barrister-at- law and assistant-keeper of M. S. S. in the British Museum. Printed for the Camden Society." London 1875. S. 30 u. S. 32.

  • ) Mrs. Manley's „Atalantis" S. 265.


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erste' ehgllßcfie Uebersefeangäer dem Ar et ino fälsch- lich zugeschriebenen Schrift „La pnttana errante", die bekanntlich am Schlnss ebenfalls eine Aufzählung der Verschiedenen Stellungen beim Beischlafe enthält. Der Titel der Uebersetzung lautet: „The Wandering Whore u (London um 1660, kl. 4 ) 1 )

Vielleicht betrifft auch die Erwähnung von obscönen Zeichnungen in einem Gedichte des Earl of Rochester 9 ) die Figuren des Aretino.

In den „Serails de Londres" (der französischen Übersetzung eines englischen Werkes aus dem 18. Jahr- hundert) wird geschildert, wie die Freudenmädchen in einem fashionablen Bordelle nach Anleitung der vor ihnen liegenden Bilder des Aretino alle darauf darge- stellten Figurae Venens einüben. Hier wird dieses „grand chef-d'oeuvre des voluptös" hoch gepriesen. 8 )

Endlich werden diese Darstellungen in einer Er- zählung „The force of instinet" der um 1820 erschienenen erotischen Sammlung „The Bagnio Miscellany" erwähnt. Hier fragt Clara die Betty: „Was verstehst Du unter den „Stellungen des Aretino?" Betty erwidert: Es ist ein Buch, das die Cambridger Studenten mir zu zeigen pflegten und in welchem alle beim Liebesakt möglichen Stellungen abgebildet sind." 4 ) Diese werden dann in dem „Book of Exposition" erklärt


s ) Vergl. Gay „Bibliographie des ouvrages relatifs ä l'amour" Bd. VI S. 445 — Eine neuere Uebersetzung gab der Verleger Cannon heraus: „The Accomplished Whore, Translated from the Puttana Errante of Pietro Aretino, By Mary Wilson, spinster, London: Printed for the Translator. 1827" 12<>, 108 S.

■) „The Works of the Earl of Rochester etc. London 1714, Bd. I, 8. 169.

  • ) v Les Serails de Londres" S. 167.

4 ) „The Bagnifr Miscellany" London 1896, S. 160.

16*


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Wohl die ersten originalen englischen obscönen Bilder wurden von einem Londoner Künstler 1755 zu der erotischen Schrift „The Pleasures of Love: Containing a Variety of entertaining particulars and Curiosities in the Cabinet of Venus" (London 1755, 16°) gezeichnet y. Murr sagt darüber: „Es hat dieses höchst unzüchtige, und selbst in London überaus seltene, niedlichst ge- druckte Büchelchen sechzehn (denn so viel müssen seyn, wenn das Exemplar ganz ist) niedliche Kupfer- stiche. Sie sind in der Manier des Herrn Chodowiecki. In meinem Exemplar, welches jetzt in einer riesigen grossen Büchersammlung ist (D. Joh. Conr. Feuerlini Accessiones ad Supellectilem suam librariam, s Biblioth. Feuerlin. Vol. II p. 1085) waren nur 15 Kupfer- blättchen." »)

Derselbe Autor erwähnt ferner schon im 18. Jahr- hundert angefertigte erotische Zeichnungen zu John Cleland's berühmtem obszönen Roman „Memoire of a woman of pleasure" (vergl. über diesen Kap. 10):

„In dem sehr freyen Buche „Memoire of a Woman of pleasnre" (London 1749, 12°, 2 Bände; der Auszug „La Fille de joye. Ouvrage quintessenciö de TAnglois, & Lampsaque" 1751, 12° ist elend) hat man niedlich ge- stochene Kupfer nach Zeichnungen eines grossen fran- zösischen Malers, nach dem Leben." 9 )

Als der grösste Künstler des 18. Jahrhunderts, der auch die Darstellung erotischer Gegenstände in den Bereich seiner moralisierenden Kunst gezogen hat, muss William Hogarth (1697—1764) genannt werden.


') Chr. G. v. Murr ,. Journal für Kunstgeschichte und zur allgemeinen Litteratur." Nürnberg 1787, Theil XIV, S. 49-50.

  • ) ibidem S. 48.


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Hogarth geht auch bei der Darstellung des Ge- ßchlechtlichen wesentlich darauf aus, das Tier im Menschen zu zeigen und die bösen Folgen der Sinnlichkeit und Ausschweifung auf das allerschwärzeste zu schildern. Er muss durchaus als Moralist betrachtet werden. „Ce grand peintre," sagt Jouy, „a fait pour les Anglais ce qu'Aristophane fit k Äthanes pour corriger les moeurs de son siecle. II imagina la comödie satirique, et peignit les ridicules et les suites d6plorables du vice." 1 )

Hogarth hat mit unnachahmlicher Kunst die Liebe und das rein Sexuelle in ihren persönlichen und sozialen Beziehungen dargestellt, in derber, naturalistischer, selbst vor einer unanständigen Zote nicht zurückschreckender Weise. Seine Bilder verbreiten m Wahrheit mehr Licht über die Sittengeschichte seiner Zeit als viele Bücher aus derselben. „Hogarth", sagt Eduard Fuchs in seinem Werk über die „Karikatur der europäischen Völker", „holte die Sittenverderbnis aus allen ihren Schlupfwinkeln heraus und rückte sie durch seine Bilder mitten in die Sonne, sodass sie jeder sehen musste, der vorüberging. Aber er kennt nicht nur die Unmoral der leeren Schüssel, des Elends, er kennt auch die Über* Sättigung vor der vollen Schüssel, das Laster, das sich erbricht Und er zeichnete alle ihre Gestalten: den faul herumlungernden Vagabunden, der zum Dieb wird, den herabgekommenen Adligen, der sein Wappenschild mit der Mitgift einer reichen Bürgerstochter vergoldet, und den scheinheiligen Heuchler, der den puritanischen schwarzen Tuchrock anzieht, um seine geheimen Sünden dahinter zu verbergen. So führt er uns in den Ver-


  • ) Jouy „L'Hcrmite de Londres 1 ' Bd. I, S. 18.


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brecherkeller, in die Spielhölle, in das Boudoir der Ehe- brecherin, zu Trinkgelagen n. s. w. Das ist Hogarths Welt, die Pfützen der nenen Gesellschaft. Aber er geht dorthin nicht mit hinaufgezogenen Hosen, auf den Zehen und mit Handschuhen an den Händen, sondern er tritt überall herzhaft hinein ; denn an seinem Wesen ist nichts Feines, keine Spur von Delikatesse, und das macht ihn so interessant Hogarth ist nicht geistreich, das heisst nicht in dem Sinne, was wir darunter verstehen, und er will es auch nicht sein, er ist auch nicht pikant, das Lüstern-frivole des Franzosen z. B. ist ihm vollkommen fremd, aber er sagt das Pikanteste und behandelt das Pikanteste, aber er gehandelt es in der Weise des Menschen, der selbst nach einem Schmetterling mit der Faust greift. Hogarth geht immer ins Grobe, ins Hand: greifliche." *)

Hogarth 's im ganzen sehr verwickelte Bilder haben in unserem grossen Satiriker Georg Christian Lichtenberg einen so überaus congenialen Erklärer gefunden, dass Niemand beim Studium der Hogarth'schen Kupferstiche dieses vortrefflichen Führers entbehren kann. Lichtenberg^ Commentare bilden in ihrer Gesamtheit eine Art von Compendium der englischen Sittengeschichte im 18. Jahrhundert

Wir wollen an dieser Stelle nur die wichtigsten Kupferstiche von Hogarth, soweit auf ihnen sexuelle Beziehungen dargestellt sind, hervorheben und beginn cn mit der allerberühmtesten Serie derselben, dem „Weg einer Buhlerin." (The Harlot's Progress).


') Eduard Fuchs „Die Karikatur der europäischen Völker vom Altertum bis zur Neuzeit" 2. Auflage, Berlin 1902 S. 96.


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Mit Recht bezeichnet Traill 1 ) es als einen charakteristischen Zug der Eohheit des Zeitalters, dass Hogarth überhaupt einen solchen Gegenstand wie den Lebenslauf einer Hure für die künstlerische Darstellung wählen konnte. In der heutigen englischen Knust, deren Scheu vor dem Nackten und der Andeutung des rein Geschlechtlichen Muther sehr richtig hervorhebt, wäre ein solches Thema völlig unmöglich. Hogarth fand mit dem dargestellten Gegenstande ungeheuren Beifall. Lichtenberg bemerkt: „Er erhielt 12000 Sub- scribenten dazu; man hat sie (die sechs Blätter) zur Beherzigung auf Kaffee-Tassen gebracht und auf Sonnen- fächern dargestellt, zur Beschauung bey der Hitze und zum Darunterwegschielen in der Not. Die witzigsten Köpfe der damaligen Zeit haben die handelnden Personen dieser Sprüche zur Unterstützung ihrer unsterblichen Einfälle zitiert; Theophilus Cibber hat sie als Pantomime auf die Bühne gebracht, und andere haben selbst einzelne Begebenheiten in denselben zu Operetten ausgesponnen. 1 ' *)

Auf dem ersten Blatte hat Hogarth die Ankunft der Heldin der ganzen Serie, der Mary Hackabout, dar- gestellt, die von ihrem Vater, einem armen Landprediger, nach London gebracht wird. Hogarth lässt in be- deutungsvoller Weise das Mädchen aus Torkshire kommen, welche Provinz im Rufe stand, die schönsten Mädchen nach London zu liefern. Es wird der Moment dar- gestellt, wo Vater und Tochter im Wirtshause zur Glocke in London absteigen. Hier wartet ihrer der


') H. D. Traill „Social England" Bd. V, S. 218.

  • ) G. C. Lichtenbergs ausführliche Erklärung der Ho-

garth is che n Kupferstiche. Zweyte Lieferung, Göttingen 1796 S. 4.


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berüchtigte „Oberst Charters", einer der verrufensten Wucherer, Kuppler und Bordellbesitzer aus dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts, der von Swift, Pope, Arbuthnot 1 ) u. A. als ein Genosse des Teufels charakterisiert wird. Er geht stets in dieses Wirtshaus, um den Wagen mit Yorkshire'sehen Mädchen abzuwarten und diese für seine Bordelle einzufangen. Neben ihm steht ein sauberer Helfershelfer, John Gourlay, eine „Art von Spürhund" und eine vornehm gekleidete Kupplerin, in welcher Hogarth die berüchtigte „Mutter Needham", Besitzerin eines Bordells in Park place, porträtiert hat. Mit Hülfe dieses Weibes gelingt es, die arme Mary Hackabout in Charters' Haus zu locken.

Auf dem zweiten Blatte erscheint sie bereits als Maitresse eines reichen jüdischen Bankiers, der ihr ein Zimmer gemietet hat, in welchem er ihr zu jeder Tages- stunde einen Besuch abstatten kann. Auf dem Bilde wird ein solcher Morgenbesuch dargestellt. Ein Lieb- haber, den Molly die Nacht bei sich hatte, ist aber noch da und schleicht „nur kaum nicht hosenlos nach der Thüre, die sich noch dazu gerade nach der bösen Seite öffnet", unter dem Schutze eines Kammermädchens und während Mary den Tisch mit den Frühstücksservice zum Umfallen bringt, um die Aufmerksamkeit des Bankiers von der Thüre abzulenken. Unnachahmlich ist dabei die bereits in allen Künsten der Buhlerin erfahrene Mary porträtiert Mit wenigen Strichen hat der Künstler die Verschmitzheit, Treulosigkeit und Gewinnsucht des


  • ) Die die Laster dieses Scheusals geisselnde, von Arbuth-

not verfaßte Grabschrift teilt Lichtenberg a. a. 0. S. 39—43 in Uebersetiung mit


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Freudenmädchens in dem Mienenspiel von Mary zum Ausdrucke gebracht.

Das dritte Blatt führt uns die Heldin in der Dach- stube eines niedrigen Bordells in Drury Lane vor. Die elende Ausstattung des Zimmers beleuchtet in drastischer Weise, wie tief seine Bewohnerin bereits gesunken und noch mehr wird dies durch den Eintritt des Richter Gonson bezeugt, der sie wegen eines Uhrendiebstahls verhaftet Unter den im Zimmer zerstreuten Gegen- ständen befindet sich die ominöse Rute, ferner die Perrückenschachtel eines berüchtigten Gassendiebes, den unsere Mary als Zuhälter bei sich beherbergt, Arznei- gläser und Salben, die eine recht deutliche Sprache reden.

Mary im Zuchthause: ist das Thema des vierten Blattes des „Weges einer Buhlerin". Sie ist vom Ge- richt verurteilt worden, nicht bloss privatim gepeitscht zu werden (privately whipped), sondern auch harte Arbeit (hard labour) zu leisten und Hanf zu klopfen (to beat hemp). Neben ihr steht der sie mit einem Ochsenziemer antreibende rohe Aufseher und hinter ihr dessen sie frech verspottende Frau. „Wie trabe ist nicht ihr (Mary's) Auge geworden! Die blauen Ringe wird nie- mand, selbst im Kupferstich, verkennen. Der Mund, wie hülflos offen und das ganze Gesicht, wie aufgedunsen! Was ein Paar Fehltritte in der Welt nicht thun können, wenn es bis zum Arzney- Gläschen damit kommt! Das arme Herz, wie schwer! Und der Hammer, wie sie ihn anfasst ! mit der Linken hoch oben und mit der Rechten tief unten. So klopft man nicht, wenigstens Hanf nicht — und Zucker auch nicht. Ach! es ist ihr unmöglich, sie mag nicht hinsehen, sie kann und kann nicht klopfen. 41


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Ausser ihr müssen noch sieben andere Personen die erwähnte Arbeit thun, darunter ein zehnjähriges Freuden- mädchen 1 ), eine andere Prostituierte, eine schwangere Negerin u. s. w.

Auf dem fünften Blatte hat Hogarth in der aller- deutlichsten Weise die Krankheit aller Lustmädchen, die Syphilis, in ihren verheerenden Wirkungen veranschau- licht Mary Hackabout ist soeben an derselben gestorben, und die Natur ihres Leidens erkennen wir nicht nur an den Attributen der beiden sie umgebenden Quacksalber, sondern auch an dem ganzen daneben stehenden Apparat zu einer Quecksilber-Kur.

Das sechste und letzte Blatt stellt Mary im Sarge dar, umgeben von zahlreichen Freudenmädchen und einigen zweifelhaften Kerlen, die ihr das letzte Geleit geben.

Ebenso findet Hogarth in seinem zweiten berühmten Werke, den acht Blättern des „Weges der Liederlichen" (The Rake's Progress) reichliche Gelegenheit, die corrupten Zustände in gewissen Londoner Kreisen zu schildern, den rohen Parvenü und gewissenlosen Verführer, die widerliche Kastratenschwärmerei, die scheusslichen Orgien


  • ) Ueber dieses sagt Lichtenberg: „Wer aus den kleinen

Städten Deutschlands nach London kommt, dem muss das Hera bluten, wenn er an einem Abend sich von solchen Geschöpfen von zwölf, dreyzehn Jahren, herausgekleidet wie Balletschäferinnen, an- gefasst und mit theatralisch-zärtlichen Umarmungen aufgehalten sieht Es geht über alle Vorstellung. Sie sprechen mit kindlich- liebreichen Stimmchen und einer Volubilität, die offenbar von Aus- wendiglernen zeugt, über Dinge, wovon sie sicherlich kein Wort verstehen. Man würde sie fast daher für Konfirmanden halten, wenn alles dieses nicht aus einem Katechismus hergesagt würde, dergleichen nur Charters oder der Teufel verfassen kann. Es ist himmelschreiend. Das arme Mädchen hat etwas Gutes in seiner Physiognomie, und der Eifer, womit es seinen Hanf klopft, zeugt Bereitwilligkeit jeder Instruktion zu folgen."


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W den Bordellen, *) den Alkoholismus und die Spielsuch t r die Geldheiraten, das Schuldgefängnis und das Innere des Irrenhauses Bedlam. 2 )

Die „Heirat nach der Mode" („Mariage k la Mode") führt in die vornehmen Kreise, deren sittliche Fäulnis nicht weniger gross war als die der bürgerlichen Gesellschaft „Ein tief verschuldeter Lord verheiratet seinen von Ausschweifungen schon ziemlich erschöpften. Sohn mit den Hinweis auf seinen weit zurückreichenden Stammbaum an die hübsche und gesunde Tochter eines Alderman aus der City. Wie zwei nicht zusammen- passende Hunde werden beide an einander gekoppelt Das Verhältnis hat keinen langen Bestand. Nachdem ein Mädchen geboren ist, geht jeder Teil seine eigenen Wege. Die Frau nimmt sich einen jungen robusten


') Auf dem berühmten dritten Blatte. Lichtenberg sagt „Ob es ein natürliches Bordell ist, oder ein ex tempore selbst ge- machtes, weiss ich nicht. Es ist auch gleichviel; wahrscheinlich ist es aber das letztere. Mit Geld lässt sich in London aus jedem. Zimmer alles machen, Bibliothek, Bildergallerie, Museum oder Harem, und das in kurzer Zeit Bake well hat hier füT sich und einen Freund das letzte gewählt. Die Besatzung ist, wie man sieht, "von fast orientalischer Stärke, nämlich die kleine Kröte mit der Ballade an der Thür, die offenbar nicht herein gehört, abgerechnet, zehn Mädchen gegen zwey Männer, eigentlich jetzt bloss noch zwey Mann. Es ist fürchterlich hergegangen, und das etwas lange, denn das Licht das uns hier leuchtet, kann nicht von den vier Flämmchcn im Hintergrunde herstammen. Der Tag ist an- gebrochen und spiegelt sich in den Bouteülen." G. C. Lichten- berg a. a. 0. Göttingen 1796. Bd. DI, S. 127—128. Vergl. die Reproduktion dieses Blattes bei E. Tuchs a. a. 0. zwischen Seite 96 und S. 97.

9 ) Zwei Jahre nach Erscheinen des „Weges des Liederlichen" erschien eine poetische Erklärung desselben, namentlich mit Be- giehung auf die Londoner Bordellverhältnisse. Der Titel dieser seltenen Schrift lautet: „The Bake 's progress, or the Humours, bf Drury Lane, a poem in 8 cantos, which is a compleat key to- the 8 prints late ly published by the celebrated M. Hogarth." London 1735, 8°, 54 S.


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Advokaten zum Liebhaber, und der Lord vergnügt sieb mit anreifen Mädchen. Aber das Verhängnis bleibt für beide nicht aus. Bei einer Untreue wird die Frau von ihrem Gatten überrascht Es kommt zwischen dem Advokaten und dem jungen Lord zum Handgemenge, bei dem der letztere erstochen wird. Während der Mörder durch das Fenster entflieht, bittet die Ungetreue <len sterbenden Gatten kniefällig um Verzeihung. Die Flucht des Advokaten missglückt, er wird vor Gericht gestellt und wegen Mordes zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Ehre beraubt, kehrt die ehebrecherische Gattin in die philiströse Langeweile des väterlichen Hauses zurück. Als ihr das Todesurteil gegen ihren -Geliebten keinen Zweifel mehr lässt, nimmt sie Gift und stirbt am selben Tag, an dem ihr Galan zum Galgen geführt wird. Der einzige, welcher Herr der Situation bleibt, ist ihr Vater. In der tragischen Sekunde, als sie eben verscheidet, zieht er ihr noch den Ehering vom Finger, um ihn vor den diebischen Händen der Leichenbesorger zu sichern." 1 )

Anderektes. Hierdurch unter- scheidet er sich von manchen modernen Künstlern, die sich auf dem Gebiete der erotischen Zeichnung versucht haben und die Figurae Veneris durch die unnatürlichsten und unwahrscheinlichsten Handlungen zu vermehren suchen.

Zwar vermisst man in Rowlandson's Zeichnungen die Sorgfalt in der Ausführung und in den Details, wie sie z. B. die gleichzeitigen französischen Künstler er- kennen lassen. Er warf die Gebilde seiner fruchtbaren Phantasie in Eile hin und legte wenig Gewicht auf die


r Zeich-

astische


feinere Ausführung und peinliche Genauigkeit der nung. Er sah mehr auf eine plötzliche, drastische Wirkung- des Ganzen.

Von Interesse ist Rowlandson's Auffassung des weiblichen Körpers. Anfangs den Uebcrliefemngen der klassischen Kunst in der Darstellung desselben huldigend, kombinierte er später in einer durchaus originellen Weise die vlämische und englische Kunstauffassung in seineu Zeichnungen weiblicher Körper. Einen kleinen Fuss, einen eleganten Wuchs , Köpfe von wahrhaft eng- lischer Schönheit auf der einen — Körper von echt Rüben s' scher Fülle und Ueppigkeit auf der anderen Seite. Aus dieser eigenartigen Verschmelzung ver- schiedener Schönheitstypen gehen die Rowlandson'scheo Frauengestalten hervor.

Thomas Eowlandson wurde ein Jahr vor Ja nies Gillray, im Juli 1756 in der Old Jewry zu London geboren und starb in seiner Wohnung in den Adelpbi ebendaselbst am 22. April 1827-

In früher Kindheit bezog er die Akademie in Lon- don, nachdem er kurze Zeit lang die Schule von Dr. Barvis in Soho Square besucht hatte, wo Richard Burke, der Sohn des grossen Edmund Burke, der Dramatiker nnd Schauspieler J. G. Holman, der Schau- spieler John Bannistcr und vor allem sein späterer intimster Freund Henry Angelo seine Schulkameraden waren.') Im Alter von 16 Jahren wurde er nach Paris geschickt, wo er zwei Jahre blieb und von einer reichen französischen Tante freigebig unterstützt wurde, welche ihm auch "OOO Pfund Sterling und andere Besitztumer bei ihrem Tode binterliess.

i tne taiicaturist" London 1880.


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In Paris studierte Rowlandson eifrig die französische Kunst und erlangte auch dank seinem ausgezeichneten Französisch bald eine sehr genaue Kenntnis der franzö- sischen Zustände.

Nach London zurückgekehrt stürzte er sich mit eben so viel Eifer in das tolle Treiben der Lebemänner jener Zeit, spielte ! ), trank, und verbrachte seine Abende an den berühmten Vergnügungsorten Londons, besonders in Vauxhall, überall Motive für seine Bilder und Zeichnungen suchend. „Rowlandson und ich/' erzählt Henry Angelo in seinen Memoiren, „sind oft dort (in Vauxhall) gewesen und er hat sehr viel Beschäftigung für seinen Stift dort gefunden. Sein Hauptwerk ist die Zeichnung von Vauxhall, auf welcher er eine Menge von bekannten Personen jener Zeit, besonders meinen alten Schulfreund von Eton, Major Topham, den Macaroni des Tages, dargestellt hat." Auf einer seiner nächtlichen Streifereien wurde er von Dieben angefallen, welche Szene er in einer überaus humoristischen Zeichnung veranschaulicht hat. 1 )

Diese unruhige Lebensweise drängte Rowlandson immer mehr auf das Gebiet, auf dem er es zu einer glänzenden Meisterschaft brachte, auf das Gebiet der Karikatur. Denn hier konnte die Ausführung bei- nahe ebenso schnell erfolgen wie die Conception der Idee, und die langen vorbereitenden Studien fielen fort. So entstanden seine zahlreichen hauptsächlich mit der Rohrfeder gezeichneten, leicht kolorierten Karikaturen, die nur selten politische, meist sittengeschichtliche Gegen-


  • ) Er soll einmal 36 Stunden ununterbrochen am Spieltische

gesessen haben.

2 ) Vergl. die Reproduktion bei Grego a. a. 0. Bd. I, S. 65.


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«tände betrafen und in denen er vor der Darstellung der obscönsten Dinge nicht zurückschreckte. Der be- rühmte Kunsthändler Rudolf Ackermann 1 ) vom Strand gab ihm viele Aufträge, u. a. lieferte er für denselben die Illustrationen zu „Dr. Syntax auf der Suche nach dem Malerischen" (Dr. Syntax in Search of the Picturesque) nnd zu „Der Totentanz" und „Der Tanz des Lebens." Von seinen Gefährten wurde er „Master Rowley" ge- nannt, und alle, die mit ihm verkehrten, schätzten trotz mancher Schwächen seine Aufrichtigkeit und Treue. Es steht jedenfalls fest, dass wohl selten ein Künstler mit so wenig Mitteln so sehr viel ausgedrückt hat, und wirklich berufene Kenner wie Sir Joshua Reynolds und Sir Benjamin West erklärten, dass einige seiner Zeichnungen einem Rubens oder irgend einem der grössten Meister der alten Schulen Ehre gemacht haben würden. Von der unglaublichen und genialen Leichtig- keit, mit welcher Rowlandson seine herrlichsten Karikaturen hinwarf, giebt ein ihm 40 Jahre lang be- freundeter Schriftsteller kurz nach Rowlandson's Tode eine interessante Schilderung. 2 )

Dasselbe günstige Urteil über die Originalität Rowlandson's in Beziehung auf Humor und Kraft in der Darstellung, auf die koloristische Ausführung, die Zeichnung und Composition, fällt Mr. William Bates in späterer Zeit. 8 )

  • ) Vergl. über ihn die ausführlichen Nachrichten bei Orego

a. a. 0. Bd. I, S. 89—98.

•) „Gentleman's Magazine 41 Juni 1827 Bd. 97, S. 564.

■) „In original ity of humour, vigour, colour, drawing, and composition, he exhibits talents which might, but for the recklessness and dissipation of bis character, his want of moral purpose, and his unrestrained tandonoy to exaggerate and caricature, have enabled


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Das schönste Denkmal hat Rowlandson's unzer- trennlicher Gefährte Henry Angelo, der auch mit John Bannister und Rudolph Ackermann ihm das letzte Geleit gab, dem Leben und Wirken des grossen Künstlers in seinen hochinteressanten „Reminis- cences" gesetzt, der wichtigsten biographischen Quelle für das Studium Rowlandson's. 1 )

Zunächst sei von den erotischen Bildern Rowland- son's derjenigen gedacht, die 1872 in der Reproduktion von J. C. Hotten in der Oeffentlichkeit erschienen sind. Es ist dies eine Kollektion von zehn Kupfern unter dem Titel:

„Pretty Little Games for Young Ladies and GenÜemen. With Pictures of Good Old English Sports and Pastimes. By T. Rowlandson. 1845. A few copies only printed for the Artist's Friends."

Kl. 4°; 62 S. Das wirkliche Datum der Heraus- gabe durch den bekannten Verleger Hotten (vergl. über diesen Kapitel 11) ist 1872. Es wurden 100 Exemplare zum Preise von 3 Pfund und 10 Shillingen abgezogen.

In dieser Kollektion sind zehn erotische Kupfer Rowlandson's, die um 1810 einzeln erschienen waren,


him to rank with the highest names in the annals of art. In his tinted drawings with the reed-pen, as in the productions of his inimi table and too facile needle, his subjects seem to extend over the whole domain of art, and remind one in turn of the free and luxuriant outlines of Rubens, the daring anatomy of Mortimer, the rustic truth and simplicity of Morland, the satiric humour of Hogarth, and perhaps, even, the purity and tender grace of Stothard. I have seen Ärtists stand astounded before the talent of his works, and marvel at their own utter ignorance of one whose genius and powere were so consummately great. u Notes and Queries ± th Series Bd. IV, S. 89, 224, 278, 490.

  • ) „Reminiscences of Henry Angelo, with Mcmoirs of his

late Father and Friends, etc. London. Henry Colburn etc. 1830. 8°. 2 Bände.


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vereinigt. Jedes Blatt hat als Unterschrift einige ge- stochene obscöne Knüttelverse, wahrscheinlich von Row- landson selbst verfasst, der beigedrnckte Text enthält die Erklärungen Hottens. Die zehn Blätter, seien, soweit dies statthaft ist, kurz beschrieben:

No. 1. The Willing Fair, or any Way to Please. Ein Interieur mit Aussicht auf einen Garten durch ein offenes Fenster. Ein junger Mann sitzt mit einem sehr plumpen und fast nackten Mädchen auf einem Stuhle. Auf dem Boden zur Rechten wird ein Waschbecken und eine Giesskanne sichtbar, und im Hintergrunde links stiehlt ein Hund etwas von einer auf einem Tische stehenden Schüssel. Darunter stehen die Verse:


The happy captain füll of wine Forma with the fair a new design:


She ever ready in her way


— tries her best his mind to please. Ahl happy captain, cbarming sport! Who would not storm so kind a fort?


No. 2. The Country Squire new Mounted. Interieur, zwei Tische und zwei Stähle, darüber an der hintern Wand ein erotisches Bild. Zwei Personen, Mann und Frau. Die Dame, fast ganz in adamitischem Kostüm r hat eine Feder im Haar. Der Squire ist nur mit einem. Gehrock bekleidet. Darunter die Erklärung:


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The Country Squire to London came, And left behind his dogs and game, Tet finer sport he has in view,

The lovely lass her charms displays,


No. 3. The Hairy Prospect or the Devil in? a Fright. Interieur, ein Bett zur Linken, eine offene Thür «or Rechten. Ein junges Mädchen hebt ihr Hemd in die Höhe. Satan starrt sie erstaunt und erschreckt an. Beide stehen. Der Teufel hat Hörner und FlügeL

Once on a time the Sire of evil In plainer English call'd the devil, Some new experiment to toy Af Chloe cast a roguish eye; But Bhe who all his arts defied, PulTd up and shew'd her sexes pride:


So much it made old Satan stare, Who frightened at the grim display Takes to his heels and runs away.

No. 4. The Larking Cull. Schlafzimmer, link» ein Toilettentisch, rechts ein Spiegel an der Wand, im Hintergrund ein Blumentopf auf einem kleinen Tische, alles sehr schön gezeichnet. Ein Jüngling cum membro elephantiastico ') opus inter mammas peragit

No. 5. The Toss off. Darstellung des Verkehrs eines alten Juden mit einem jungen, derben Mädchen,


') Das ist eine Spezialität ganz a la Rowlandson,. wie Pisanus Fraxi bemerkt. „Centuria librorum absconditorum"- 8. 851.


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wobei er sehr ernsthaft in einen zu seiner Linken be- findlichen Spiegel blickt. An der hinteren Wand hängt ein Gemälde, welches die Stadt Jerusalem and den Tempel Salomonis darstellt.

No. 6. New Feats of Horsemanship. Dar- stellung des Verkehrs von Mann und Frau auf einem galoppierende Pferde, neben dem ein Hund läuft.

No. 7. Rural Felicity, or Love in a Chaise. .Derselbe Akt in einem fahrenden Wagen.

The Winds were hush'd, the evening clear, The Prospect fair, no creature near, When the fond couple in the chaise Besolocd each mutual wish to please.

No. 8. The Sanctified Sinner. Durch ein Fenster an der hinteren Wand eines hübsch ausgestatteten Zimmers beobachtet ein hässlicher alter Mann eine Flagellationsszene zwischen einem andern Alten als passiven und einem Mädchen als aktiven Teilnehmer. Links im Vordergrunde eine abgebrochene Kerze in einem Leuchter und ein aufgeschlagenes Buch mit dem Titel „Der entlarvte Heuchler" und „Verrückte Er- zählungen." Vortreffliche Zeichnung.

For aU this canting fellow's teaching He loves a girl as well as preaching. With holy love he roUs his eyes,


When flcsh and spirit both combine His raptures sure must be divine.


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No. 9. The Wanton Frolic. Bin hübsch möb- liertes Zimmer. Ein Mädchen wird von einem Jüngling in sehr indecenter Weise betrachtet

No. 10. The C nrions Wanton. Ein Schlafzimmer. Ein Mädchen beugt sich über ein Bett, während eine andere ihr knieend einen Spiegel vorhält, in welchem sie ihre Beize betrachtet Ein Hand springt an ihr empor. Darunter folgende Verse:

Miss Chloe in a wanton way Her durling (sie) would needs survey. Before the glass displays her thighs, And at the sightwith wonder cries: 18 this the thing that day and night Make (sie) men fall out and madly fight, The sonree of sorrow and of Joy Which king and beggar both employ, How grim it looks! Tet enter in You'U find a fand of sweets begin.

Diese Verse sind eine sehr schlechte Paraphrase von Hildebrand Jacobs originellem Gedichte „The Curious Maid" (Das neugierige Mädchen):

And is this all, is this (She cry'd) Man'g great Desire, and Woman's Pride; The Spring whence flows the Lover's Pain, The Ocean where 'tis lost again, By Fate for ever doom'd to prove The Nursery and grave of Love? Thou of dire and horrid Mien, And always better feit than seen! Fit Bapture of the gloomy Night, 0, never more approach the Light! Like other Myst'ries Men adore, Be hid, to be rever'd the more. 1 )


  • ) The Works of Hilde brand Jacob, Esq., London, Lewis

1786, 8°.


LANE L! r, "?^Y. STANFORD UNIVERSITY


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Dieses Gedicht stellt gewissermassen ein poetisches Extrakt des glänzenden Kapitels bei Schopenhancr über die Illusionen und Vorspiegelungen des Ge- schlechtstriebes dar.

Hotten rühmt diese letzte Zeichnung in ent- husiastischer Weise, besonders wegen des Gesichts- ausdruckes und der Figuren der beiden dargestellten Mädchen.»)

In sehr dankenswerter Weise hat Pisanns Fraxi 107 erotische und obseöne Kupfer von Thomas Rowlandson zusammengestellt."} Vierzig davon waren in Photographien verbreitet worden, zwanzig vorher incorrect in der „Jconographie des Estampes ä Sujets Galants" beschrieben worden. Die Originalzeichnungcn zu 30 dieser Kupferstiche besass der berühmte englische Bibliophile Frederick Hankey in Paris (vergl. über ihn Kapitel 11). Viele Specimina von indecenten Kupfern Rowlandson's befinden sich jetzt in der Bibliothek oder im Kupferstiebzimmer des Britischen Museums.

Die am meisten für den Humor Rowlandson's charakteristischen und ein erheblicheres kulturgeschicht- liches Interesse darbietenden Specimina dieser Kupfer sollen im Folgenden kurz beschrieben werden.

No. 3. The Star Gazer (Der Sternengucker). Motte. „Ich habe manchen Mann gekannt, der beim Glanz eines Sternes zum Hahnrei gemacht wurde."


') Eine Besclireiljung dieser zehn Kupfer findet sich in: Bibliophile Fantaisiste ou choix de pieces Desopilantei» et Rares Teimprimees en 1869, Turin 1«69, S. 47 und (incorrect) in: Icono- gTaphie des Estampea a Sujets (lalnnts et des Portraits de Femme«  celebrea par leur beaute etc. Par. M. le Ce d'J***, Geneve, J. Gaj et nJa 1B66, S. 658.

a ) P. Fraii „Centuria" S. 855—393.


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Interieur. Ein gewölbtes Zimmer. Auf dem Boden Bücher nnd zwei Globen. Ein Hund im Vordergründe. Ein alter Mann, in Schlafrock und Pantoffeln, schaut mit offenem Munde durch ein Fernrohr, während in einem anstossenden Zimmer, dessen Thüren halboffen sind, ein Paar auf einem Bette sich vergnügt. Das durch das Fenster, an dem der alte Mann sitzt, herein- strömende Mondlicht ist ganz vorzüglich wiedergegeben.

No. 4. Carnival atVenice. Eine Strasse. Zahl- reiche Personen, in deren Mitte ein nacktes Mädchen auf Händen und Füssen in einem Reifen steht Ein anderes nacktes Mädchen sammelt Geld von den Zu- schauern ein, und ein Mann spielt eine Orgel. Die Zu- schauer sind stark karikiert nnd in obscöner Stellung dargestellt. In drei Fenstern, die nach der Strasse gehen, spielen sich libidinöse Scenen ab. An dem Ende der Strasse appliciert ein Quacksalber einer auf einer Plattform knieenden Frau ein Klystier. Die Komposition ist sehr witzig und satirisch und ein vortreffliches Specimen von Rowlandsons Talent (Original war im Besitze von Hankey).

No. 6. Lady Hamiltons Stellungen (vergl. darüber Bd. II dieses Werkes S. 207 -208).

No. 7. FrenchDancers ataMorningRehearsal. (Französische Tänzer bei einem Morgenvergnügen). Inneres eine Art von Scheune. Sieben Personen; ein ziemlich stark dekolletiertes Mädchen mit zwei Federn im Haare, 1 ) tanzt mit einem ebensolchen Manne, der die Geige spielt; zur linken macht sich ein anderer die


') Diesen Schmuck giebt Rowlandson mit Vorliebe seinen sonst nur sehr dürftig bekleideten weiblichen Figuren, vielleicht in ähnlicher Absicht wie Rops seine Frauen nur mit einem Korsett bekleidet.


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Violine spielender Mann mit einem vor ihm knieenden Mädchen zu schaffen. Rechts steht ein nacktes Mädchen vor einem Waschkübel. In der Mitte des Hintergrundes* sitzt ein Mann auf einem Nachttopf und neben ihm schlägt ein Mädchen das Tamburin. Das tanzende Mädchen ist sehr schön gezeichnet, die anderen Personen sind nur mitttelmässig ausgeführt. (Original war im Besitz von Hankey.)

No. 13. Inquest of Matrons or Trial for a Rape~ (Untersuchung durch Matronen oder der Notzuchtprozess). Interieur. Die Zeichnung ist geteilt. Hechts wird ein nacktes Weib von einer alten Matrone untersucht» Links ist der Gerichtshof mit dem Gefangenen auf der Anklagebank und den Advokaten auf ihren Plätzen dar- gestellt. Ein alter Mann von abschreckender Hässlich- keit beobachtet durch die Thür die Untersuchung der Frau. Die Zeichnung ist nicht gut und der Kupferstich sehr rauh, aber die Komposition ist höchst originell und verblüffend. *)

No. 17. Meditation among the tombs. (Be- trachtung zwischen Gräbern). Ein Kirchhof. Eine fette Person liest Begräbnisgebete über einem von mehreren Trauernden umgebenen Grabe, während zur Linken vor einem Fenster der Kirche ein Bauer und ein Mädchen sich der Liebe hingeben. Die Grabsteine- tragen Phallus-Ornament und folgende Inschrift.:

Life is a jest and all things shew it I thought so once but now I know it. 9 )

Vortreffliche Zeichnung. (Original im Besitze von Hankey).

  • ) Die rechte Hälfte dieses Kupfers ist in Reproduktionen ver-

öffentlicht worden. Verg). P. Fraxi „Catena" 8. 455.

■) Jedem Besucher der Westminster-Abtei bekannte Grab~ inschrift des Dichters John Gay.


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No. 18. Les Lunettes from les Contes de La Fontaine. Inneres eines Klosters. Eine alte Nonne in einem Armstuhl, umgeben von zehn stark dekolletierten Nonnen in verschiedenen Stellungen. Vor ihnen ein junger Mann in Nonnentracht, der auf eine höchst eigen- tümlich-obscöne Weise das Auge der alten Nonne bedroht. Höchst originelle Komposition. (Original im Besitze von Hankey).

No. 19. Such Things are or a peep inta Kensington Gardens. (Solche Dinge giebt es, oder ein Blick in den Kensington-Garten). Eine höchst merk- würdige und bizarre Komposition. Verschiedene Figuren von groteskem Aussehen, einige davon enorme Phalli vorstellend, umarmen sich in sehr lasciver Weise. Ein junges Weib läuft voll Schrecken fort. Auf einer Bank links zwei Phalli. Im Hintergrund Bäume. Die ganze Idee zeugt von originellstem Humor.

No. 20. Lord Barr>res Great Bottle Club. (Lord Barrymore's grosser Flaschenklub) 1 ) Mit dem folgenden Couplet:

With Women and Wine I defy evajy care Fot Life without these is a volume ot care.

Interieur. Sechs Paare an einem Tisch sitzend, in verschiedenen Stellungen. Ein nacktes Mädchen tanzt mit einer Punschbowle in der Hand auf dem Tische.


  • ) Die Familie der Barrymores bestand ans drei Brüdern

und einer Schwester, die wegen ihrer Eigentümlichkeiten die Spottnamen „HeJl-gate". „Cripple-gate, „New-gate u und „Billins- gate" führten. Vergl. J. Richard so n „RecoUections, Political, Literary, Dramatic and Misceüaneous, of the Last Half- Century" London 1856 Bd. II, S. 127; Henry Angelo „Reminiscences" London 1830 Bd. I, S. 287; Bd. II, S. 78,94,185,411; Angelo' s Pic-Nic; or Table Talk including numerous RecoUections of Public Characters, London 1884, S. 182.

Dühren, das Geschlechtsleben in England. *** 18


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Trunkenheit und Debauche erfüllen die ganze Szene, die sehr lebhaft ist (Original im Besitze von Hankey).

No. 21. Vor einer Hatte. Stellt zwei menschliche Paare rechts nnd links dar. Ein altes Weib treibt mit einem Besen zwei Hunde auseinander, • während ein anderes Weib vom Fenster aus zwei auf dem Dache sich vergnügende Katzen zu vertreiben "bemüht ist.

Die Tiere sind sehr schlecht gezeichnet. (Original im Besitze von Hankey).

No. 23. Harlekin und Colombine von einem Pierrot beim vertraulichen Tete-ä-tete überrascht. (Original im Besitze von Hankey).

No. 24. In einer offenen Strasse balanciert ein starker Mann, umgeben von zahlreichen Personen, eine Vase auf merkwürdige Weise und ein dekolletiertes Mädchen fängt mit ihrem Unterrocke das aus den Fenstern zugeworfene Geld auf. Ein kleiner Teufel schlägt das Tamburin und tanzt mit einer Trompete, die hinten auf sehr indecente Weise befestigt ist, hinter dem Mann und dem Mädchen. Eine sehr extra- vagante Conception.

No. 25. Ein auf einem Teppich sitzender Türke, mit der Pfeife in der linken Hand, beschaut eine grosse Zahl Frauen, die in zwei Reihen, eine über der andern, vor ihm stehen. Schlecht ausgeführt. (Original im Besitze von Hankey).

No. 28. Klosterinterieur. Ein Mönch mit zwei Nonnen. Im Hintergrunde Altar und Kruzifix. Sehr kühne Komposition, schöner Kupferstich. Es existiert eine andere Ausführung dieser Zeichnung in Aquatinta.

No. 29. Rural Sports or Coney Hunting. Auf einem von Bäumen umgebenen Platze lassen drei Mäd-


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•chen sich von einem auf einem Zaune sitzenden alten Manne mit Perrücke und Dreispitz bewundern. Hinter ihm steht ein jüngerer Mann und schaut auf die Mäd- chen. Links erhebt sich ein grosser Baum, dessen Zweige drei Viertel des Bildes überschatten. Eine vorzüglich gezeichnete und gestochene Komposition.

No. 30. Ein auf einem Lager ruhendes Liebespaar wird vpn einem mit einer Rüstung bekleideten Gespenst überrascht, welches drohend ein Beil über ihnen schwingt

Grosser Schrecken malt sich auf den Gesichtern des

^^ •

schuldigen Paares. Das Zimmer ist das eines alten Schlosses. Links die Statue eines gewappneten Ritters. Die Zeichnung ist nicht ganz korrekt, aber das Liebes- paar ist höchst ausdrucksvoll wiedergegeben. (Original im Besitze von Hankey).

No. 31. Ein Weib wird von einem alten Manne in grosser Perrücke und Hut durch die Brille examiniert. {Original im Besitze von Hankey).

Die Komposition ist in einem Kupfer mit dem Titel ^The Connoisseur u nachgeahmt worden.

No. 33. Interieur. Eine hübsche Frau hält in ihrer rechten Hand diejenige eines kleinen hinter ihr stehenden Knaben. Links ein Mädchen und eine Pri- apusstatue, rechts eine Silenstatue.

No. 34. Ein hübsches, derbes Mädchen sitzt in einem altertümlichen Lehnstuhl. Im Vordergrunde eine •auf einem Piedestal sitzende Person, eine Frauenbüste nid ein Dildo. Im Hintergrunde rechts Statuen. Gute Zeichnung (Original im Besitze von Hankey).

No. 35. Fantocinni. Interieur. Ein Mann lehnt ■sich gegen eine Drehorgel, vor ihm eine Frau, die

18*


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einem Puppenspiel zuschaut Er hält eine Trompete ad sna posteriore. Dahinter schlügt ein anderes Mädchen Tamburin. Rechts ein Affe. Sehr seltsame, originelle Komposition. (Original im Besitze von Hankey).

No. 36. Ein Mädchen von zehn Männern in grossen Perrücken beschaut (Original im Besitze von Hankey).

No. 37. Ein lachendes Mädchen von zwei alten Männern beäugelt (Original im Besitze von Hankey).

No. 38, Ein Mädchen lässt sich in einer Schaukel schwingen. Vier sonderbar kostümierte Musiker stehen darunter und spielen verschiedene Instrumente. Höchst originelle, bizarre Komposition.

No. 39. Ein alter Mann und ein Mädchen schwingen sich in verschiedenen Schaukeln. Das Mädchen trägt zwei grosse Federn auf dem Kopfe. Der alte Mann ist sehr hässlich, trägt eine Brille und Stiefel mit Sporen. In einiger Entfernung ein Fluss mit zwei Segelbooten- (Original im Besitze von Hankey).

No. 40. Klosterinterieur. Nonne mit Dildo. Ein alter Mann betritt die Zelle. (Original im Besitze von Hankey).

No. 41. Interieur. Ein junges Mädchen von sechs alten Männern betrachtet Rechts auf dem Boden eine mit Dildoes gefüllte Vase. Neben dem Bett ein offenes Buch. (Original im Besitze von Hankey).

No. 42. Ein hässlicher alter Mann, eine lange Pfeife rauchend, in der Linken eine Flasche, in der Rechten ein Glas, vor ihm ein junges hübsches Mädchen mit einem breitrandigen Hute auf den Locken. Im Vordergründe eine Kaffeekanne und eine Fruchtschale (Original im Besitze von Hankey).


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No. 43. Inneres eines Stalles. Liebesszene zwischen einem Jäger und einer schönen Frau. Daneben Pferd und zwei Hunde.

No. 44. Sehr elegantes Zimmer mit Statuen und einer grossen antiken Vase. Liebesszene zwischen Jüngling und Mädchen. Geistreiche Zeichnung im Stile der italienischen Meister.

»

No. 45. Empress of Russia reviewing her Body Guar d s (Die Kaiserin von Russland besichtigt ihre Leibgarde). (Original im Besitze von Hankey.)

No. 46. Interieur. Ein alter Mann mit Perrücke und Brille, appliciert einer Frau ein Klysma. Links sitzen drei Frauen an einem Tische. Rechts ein Nachtstuhl. Hinter dem Doktor ein Kasten mit der Inschrift „Medizin- kasten" (Original im Besitze von Hankey).

No. 47. Am Ufer des Meeres. Zwei Paare in einem Boote, das teils auf dem Strand, teils im Wasser ist. Links schreit ein korpulentes Weib um Hülfe: Höchst originelle Komposition. (Original im Besitze von Hankey).

No. 48. Inneres eines Weinkellers. Alter Mann und Mädchen. Ein Krug, aus dem der Wein überläuft, steht unter dem ersten Fasse. Links eine Treppe.

No. 49. Essay on Quakerism. Titel in der Zeichnung auf einem alten Buche. Inneres eines schön möblierten Schlafzimmers. Quäker vor einem Mädchen, das eine grosse Feder im Haar trägt. Sehr humoristische Komposition. (Original im Besitze von Hankey.)

No. 50. Ein gichtischer alter Mann mit der Brille auf der Nase, sitzt in einem niedrigen Armstuhl und spielt Violine nach dem Notenbuch; das auf dem Rücken


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eines vor ihm stehenden Mädchens liegt Ein anderes- Madchen spielt Violoncello, ein drittes Mädchen schlägt, ein Tamburin. Alle vier singen. Rechts an der Wand ein Violincello-Kasten, links auf dem Boden eine Frucht- schale, ein Weinglas nnd eine Flasche mit der Auf- schrift „Rnmbo". Korrekte Zeichnung, originelle Kom- position.

No. 51. The Merry Traveller and kind Cham- ber maid (Der fröhliche Reisende und das freundliche Kammermädchen). Schlafzimmer. Junger Offizier nnd hübsches Dienstmädchen, das eine Wärmepfanne in ein Bett schiebt Auf dem Boden steht eine brennende Kerze. Sehr schöner vorzüglich ausgeführter Kupfer- stich. Der libidinöse Gesichtsausdruck des Mädchen» ist in höchst meisterhafter Weise wiedergegeben.

No. 52. Cunnyseurs. Inneres einer Hütte. Mädchen und drei alte Männer. Die Gesichter von zweien drücken Vergnügen, das des Dritten Ekel ans. Ein vierter alter Mann guckt durch die halb geöffnete Thtuv Das Gesicht des Mädchens ist hübsch, und sie lächelt. Sehr originelle Komposition.

No. 54. Interieur. Ein Jüngling und ein Mädchen? schlafen auf einem Sopha. Ein alter Mann, dessen Ge- sicht höchste Wut ausdrückt, ist im Begriff den Jüng- ling mit einem Dolche zu erstechen, den er in der Rechten schwingt, während er in der Linken eine brennende Kerze hält. Eine Frau tritt durch die Thür,. die er offen gelassen hat, herein.

No. 55. Ein Garten. Ein Mann auf einer Leiter bringt einen Baum, der die Form eines Phallus hat, in Ordnung. Zwei Frauen beobachten ihn. Die eine steht


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und hält einen Sonnenschirm Ober ihre Schultern. Die andere sitzt auf der Erde. Weiter unten im Garten ein Paar auf einer Bank. Zwei Kübel stehen daneben, ans deren jedem ein Phallus herauswächst Rechts eine männliche Statue. Sehr merkwürdige Komposition von guter Zeichnung.

No. 56. Soldat und Bauerndirne auf freiem Felde hinter einem Heuschober , um welchen ein Landmann mit einer Heugabel in der Hand herumkommt und sie überrascht. Ein sehr schönes kleines Kupfer mit guter Perspektive und amüsanter Komposition.

No. 58. Mann und Frau auf einem Stuhle sitzend, spielen zusammen dieselbe Harfe, sie trägt zwei Federn auf ihrem Kopfe. Links hinter einem Schirm sitzt ein schlafendes altes Weib vor dem Feuer. Unter ihrem Stuhle stehen eine Flasche und ein Glas. Rechts ist ein Fenster mit einem kleinen Tische und einem Stuhle davor. Auf dem Boden ein offenes Notenbuch. Hübsch ausge- führte Zeichnung.

No. 59. Ein junger Mann und ein Mädchen in einem Boot auf einem Flusse; das junge Mädchen handhabt die Ruder, indem sie von einem alten Manne fortrudert, der mit einem Stocke in der Hand am linken Ufer steht und wütende Gesten macht. Am rechten Ufer ein von Bäumen umgebener italienischer Tempel; auf dem Flusse im Hintergrunde zwei Schwäne. Gute, sehr delikate Zeichnung.

No. 60. Interieur. Ein Mann und drei Mädchen, von denen eines sich in einer Schaukel schwingt Nach ihr bellt ein kleiner Hund. Im Vordergrunde rechts ein antiker Krug.


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No. 61. Interieur. Zwei Mädchen bieten ein drittes Weib einem Manne dar, hinter dem eine vierte Frau steht. Im Vordergründe auf dem Boden ein Schwert, Schild und eine antike Schale. Sehr charakteristische Zeichnung.

No. 62. The Dairy Maids Delight (Das Ver- gnügen der Milchmagd). Landmädchen und Neger. Rechts schlürft eine Katze Milch aus einer Schüssel auf dem Tische. Darüber ein kleines Fenster. An der Wand im Hintergrund ein Sims mit zwei Schüsseln. Darunter hängt ein Krug. Im Vordergrunde ein Eimer und eine tiefe Schüssel.

No. 64. Ein auf einer Ottomane sitzender Türke und fünf Mädchen. (Original im Besitze von Hankey.)

No. 66. Vier Matrosen und drei Seejungfern in einer Höhle am Meeresnfer. Ein anderer Mann be- schäftigt sich mit dem Boote, das ans Land gezogen wird, während ein zweiter mit dem Ruder in der Hand bereit ist, mit einem Meergreise zu kämpfen, der, seine Fäuste zum Zeichen seiner grossen Wut in der Luft schüttelnd, gegen sie heranschwimmt.

No. 68. Ein Mädchen bewundert sich vor dem Spiegel, unter dem Toilettentische ein alter Mann.

No. 69. Ein Jüngling und zwei Mädchen. Eines hält ein Glas in der rechten und einen Fächer in der linken Hand. Auf dem Tische rechts eine Fruchtschale.

No. 70. Prediger und Mädchen unter einem Baume. Im Hintergrunde eine Kirche, im Vordergrunde links Bibel und Dreimaster. Die Komposition ist voll Leben und Humor.


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No. 72. Zwei Liebespaare, vor ihnen auf dem Fuss- boden eine Frau, die sich erbricht. Sehr kühne Zeich- nung.

No. 73. Bacchus und Mädchen unter einem Baume. Beide sind ganz nackt und mit Trauben und Weinblättern bekränzt. Im Hintergrunde sieht man fünf Satyre und Nymphen tanzen und Possen treiben. Im Vordergründe rechts eine Vase und ein Krug. Halbklassische Be- handlung. (Original im Besitze von Hankey.)

No. 74. Schlafzimmer. Sehr korpulenter Mann und Kammermädchen, das mit der Kerze in der rechten Hand sein Haar versengt Eine Wärmepfanne, deren Griff die Form eines Phallus hat, ist auf dem Bette, aus welchem Dampf aufsteigt. Links ein Stuhl mit einer Katze darauf. Sehr humoristisch -burleske Komposition.

No. 76. Zwei Frauen, offenbar von der Jagd er- müdet, ruhen am Fusse eines Baumes. Ein Köcher und Speer liegen neben ihnen. Sie sind von Wild um- geben. Zwei Satyre entdecken sie. Hinter dem Baum links werden Kopf und Schultern einer dritten Frau sichtbar. Ein Paar Hunde liegen im Vordergrunde. Signatur: Rubens pinxit Rowlandson sculp.

No. 76. Ein junges, schönes Weib weist die Be- werbungen eines nackten Cupido zurück, der sie an der rechten Hand zieht. Drei obscöne Satyrgestalten um sie. Im Vordergrunde rechts eine Vase.

No. 77. Leda und der Schwan. Leda sitzt in einer Art von Höhle und trägt einen Kranz auf ihrem Kopfe. Sie presst den Schwan an sich, sein Schnabel und ihr Mund berühren sich Im Hintergrunde zwei nackte Kinder, ein



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No. 89. Who's Mistress now (Wer ist jetzt die Herrin?) Ein Dienstmädchen, angethan mit dem Patz ihrer Herrin, bewundert sich vor einem Spiegel in der Küche, während durch die halboffene Thflr drei andere- Mädchen sie beobachten und über sie lachen. Links im Vordergründe verzehrt eine Katze einen Fisch. Sig- natar: „Rowlandson del. u

No. 91. NewShoes (Nene Schabe). Inneres einer Molkerei. Eine Milchmagd zeigt Füsse und Knöchel einem Studenten, der sich bückt, am sie zu betrachten und sehr eifrig dieser Untersuchung obzuliegen scheint. Ein alter Mann beobachtet sie durch ein Gitterfenster. Signatur: „Rowlandson 1793."

No. 93. A Dutch Academy (Eine holländische Akademie). Interieur. Ein sehr fettes und hässliches Weib sitzt hoch oben auf einer Art von Bank, von zwölf Männern umgeben, die teils zeichnen, teils rauchen. Signatur: „Pub d by T. Rowlandson. No. 62 Strand. March 1792."

Dieses Werk wird ausführlich von Henry Angelo in seinen „Erinnerungen" besprochen. 1 )

No. 93. Intrusion on Study or the Painter disturbed (Eindringlinge oder der gestörte Maler). Inneres eines Ateliers. Zwei Herren kommen plötzlich herein, während ein Künstler ein Mädchen, das auf einem Sopha vor ihm sitzt, malt. Er hält die Hände


  • ) „It ig a Dutch Life Academy, which represents tb*

interior of a school of artiBts, studying from a living model, all with their portfolios and crayons, drawing a Dutch Venus (a vrow) of the make, though not of the coiour, of that choice specimen of female proportion, the Hottentot Venus, so celebrated as a public sight in London few years since.



empor, wie um sie za bitten, sich zurückzuziehen. Mädchen weint. ')

No. 94. Oonnoisseurs (Kunstkenner!. Inneres einer Geniäldcgallerie. Vier alte Männer glotzen ein Bild von Venus und Cupido auf einer Staffelei an. Die Komposition ist nicht indezent, aber der Gesicht saus- dmck der alten Herren ist in höchstem Grade laseiv. Signatur; „Rowlandson. 1799. Pubd June, 20. 1799, by S. W. Fores No. 50 Piccadilly".

No. 95. Symptoms of Sanctity (Symptome der Heiligkeit). Inneres eines Klosters. Ein kahler und sehr hässlieher Mönch betrachtet lüstern ein hübsches Mädchen, das neben ihm steht und die Hände im Gebete gefaltet hat. Des heiligen Maunes rechte Hand ruht auf der Brust seines Beichtkindes und seine Linke auf ihrer linken Schulter. Signatur: „Rowlandson fec. 1800" und: „Pub. Jany. 20. 1801. by S. W. Fores, No. 50 Piccadilly."*)

No. 96. Touch for Touch, or a Female Physician in Füll Practice (Probe gegen Probe, oder ein weib- licher Arzt in voller Thätigkeit). Interieur. Ein schönes

Tbis vcr.v whimsical compositum, however, cannot fairly be clnssed witb caricatnre, for we tnaj' refer to the senree print, scraped, or seratched, ou copper, bj Hynheer Bern braut, now in the custod.v of Mr. John TLotnaa Smith, at the British Museum, as a grave refutation of such an aspereion of the verit)' of an English artist. In this favourite print of the peering oid noonois^eiirs, Madame Potipbar ig represented arcording to the gusto of Dutch epir design , twiec as volumiuous nf flesh as even the beauties of Rubens. Rowlandson, then, is ralhor within, than without the preseribed liuc of Dutch and Flanderkin heaut\ iHenry Angel o „Remiaiseeuces etc." Bd. I, 8. 233; Bd. O, S. 324.

■) Reproduktion bei Grego a. a. 0. Bd. I, tS. 169.

  • ) Die Reproduktion dieses Kupfers findet sieb bei ürei

a. a. 0. Bd. II, S. 27.


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Mädchen mit frechem Gesichtsausdruck und zwei Federn, auf dem Kopfe empfängt Geld von einem alten Manne, der ihr folgt, als sie mit ihrer Linken die Thflr öffnet, um fortzugehen; das Gesicht des Alten drückt wollüstige Begierde im höchsten Grade aus. An der Wand hängt ein Bild einer Frau. Eine sehr originelle Komposition. Sign.: Rowlandson Del.

No. 97. The Ghost of my Departed Husband, or Whither my Love ah! wither art thou gonc. (Der Geist meines verstorbenen Gatten, oder wohin mein Lieb, wohin bist Du gegangen?) Ein Kirchhof. Ein hässliches altes Weib ist, offenbar sich vor dem Wächter, der ihr seine Laterne vors Gesicht hält, fürchtend, auf den Rücken gefallen. Unter ihrem Leibe liegt ein nacktes Gespenst flach auf dem Boden. Signatur: Rowlandson scul.

No. 98. The Discovery. (Die Entdeckung). Ein fetter Alter mit einem Schüreisen in der Hand hat ein junges Paar in flagranti delicto entdeckt Der Jüngling kniet vor ihm, während das Mädchen weint. Eine sehr gute Zeichnung. Signatur: „Published Jan. 1800. Rowlandson 1798."

No. 99. Washing Trotters. Inneres eines ärmlich ausgestatteten Zimmers. Ein hässlicher Mann und ein hübsches junges Mädchen sitzen einander gegenüber, und halten ihre Füsse in dasselbe Waschfass. Ein Lied „The Black Joke" hängt an der Wand. Sehy schöne Zeichnung. Signatur: „Rowlandson del" und ausser- halb der Zeichnung: „Published by Hixon 355, near Exeter change Strand. Jan. 20. 1800."

No. 100. Work for Doctors-Commons (Arbeit für die Advokaten). Interieur. Zwei Männer, davon


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einer offenbar der Gatte, beobachten hinter einem Schranke stehend, ein Liebespaar, das sich auf dem Sopha kflsst Ein Fener brennt, nnd eine Guitarre und Noten liegen auf dem Boden. Dieser Kupferstich stellt General Upton nnd Mrs. Walsh vor, deren Skandal- affäre nm jene Zeit grosses Aufsehen erregte. Signatur: „Pubd. by T. Rowlandson. Strand Feby. 1792." *)

No. 101. Opening the Sluces or Hollands last Shift. (Oeffnung der Schleusen oder Hollands letztes Auskunftsmittel). Einige Dutzend fette Weiber locken am 'Ufer, während ein grosser Mann sie aus einer Flasche mit Branntwein versorgt. Einige Sol- daten stehen bis zur Mitte des Körpers im Wasser. Sehr flüchtig ausgeführte Skizze. Signatur: Pubd. Oct 24., 1794 by J. Adken. No. 14 Castle St. Lei- dester Sqr."

No. 102. Rural Sports. Or a pleasant way of making hay. (Ländlicher Sport oder eine ange- nehme Art, Heu aufzuladen). Auf einem Heufelde tollen sich zwei Jünglinge und drei Mädchen umher, während ein viertes Mädchen dabei ist, Heu auf sie zu werfen. Im Hintergrunde beladen drei Frauen und ein Mann einen Wagen.

No. 103. AViewon the Banks of the Thames. (Ein Blick von den Ufern der Themse). Zwei Frauen, eine alte und eine hübsche und junge entfernen sich vom Flusse, in welchem mehrere Männer baden; sie blicken jedoch über ihre Schultern nach der offen-


  • ) Vergl. auch Grego a. a. 0. Bd. I, S. 806. Derselbe ver-

mutet, dass vielleicht Morland der eigentliche Zeichner des Bildes sei.


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bar für sie sehr anziehenden Szene zurück und die Aeltere ruft aus: „0 Schande über diese unflätigen Kerle, 'bfttfe Sophie, erzähle mir, wenn wir weit genug fort sind."' Signatur: „Rowlandson inv."

.Diese und die vier folgenden Nummern wurden von Thomas Tegg, 111 Cheapside veröffentlicht und zu einem Schilling für das kolorierte Exemplar verkauft.

No. 104. Off Stie Qoes (Sie läuft davon). Eine sehr korpulente Frau ist bei der Entführung durch einen Offizier von der gegen das Fenster gestellten Leiter auf die Erde gefallen. Ein alter Mann in der Nacht- mütze steckt seinen Eopf und eine brennende Kerze aus dem Fenster. Der Postjunge, der bei dem Post- wagen steht, lacht über die Katastrophe. Ein Hund bellt. Signatur: Thos. Tegg. Rowlandson scul."

No. 105. Neighbourly Refreshment (Nachbar- liche Erfrischung). Ein junger Mann und ein junges Mädchen lehnen sich aus zwei halb geöffneten Thüren und küssen sich einander. Der Jüngling hängt mit der Rechten einen Vogelkäfig auf, während seine Linke nach dem Busen des Mädchens fasst, hinter ihm steht eine alte Frau, hinter dem Mädchen ein alter Mann. Ein Hund springt nach einem sich mit einer Henne beschäf- tigenden Hahn. Eine Katze klettert erschreckt an einer der halbgeöffneten Thüren empor. Sehr originelle Com- positum. Signatur: „Rowlandson 1815."

No. 106. A Spanish Cloak (Ein spanischer Mantel). Schildwache und junge Frau. Ein alter Offizier kommt um die Ecke und üb ar ras cht sie. Geistreiche Karikatur. Signatur: „Rowlandson Del."


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Xo. 107. Puss in Boots- Or General Junot taken by surprise. (Das Mädchen in Stiefeln, oder General Junot durch Ueberraschnng gefangen ß<y nommen). In einem Zelte schwingt ein kräftiges, tauge» Mädchen in einem Federhute nnd hohen Stiefqja ein Schwert mit der Rechten. Ein Mann im Bette scheint um Hülfe zu rufen. Links im Vordergründe ein schlecht gezeichneter Hund oder Katze. Signatur: „Row- landson DeL"

Ausser den bisher aufgezahlten Blättern, die als Kupferstiche erschienen sind, hat Thomas Rowlandson noch eine zahllose Menge erotischer und obseöner Zeichnungen und Skizzen hinterlassen, die fast alle mit demselben graziösen Talent ausgeführt sind. Die meisten dieser Zeichnungen befinden sich in den Händen englischer Sammler, im British Museum, im South Kensington Museum und an anderen Orten. Die folgenden acht sehr charakteristischen hat Pisanus Fraxi ge- nauer beschrieben 1 ).

No. l. Ein nacktes Mädchen liegt auf einem Teppich unter einem Baume; unter ihrem Kopf ein Tamburin. Zwei nackte Kinder. Das eine kniet und bläst die Flöte, das andere, geflügelt, tanzt, ebenfalls die Flöte blasend und das Tamburin schlagend. Klassische Manier.

No. 2. Interieur. Vierzehn Personen iu Paaren um einen Tisch. Rechts der Präsident mit einem Glas in der Linken und einer Flasche in der Rechten. Links erbricht sich ein Mann, neben ihm ein betrunkenes Weib. Die anderen Paare in verschiedenen Stellungen. Aehn-

l ) P. Fraxi „Ceoturia librorum ateconditorum" S. 893— 895 \ 8. 43t».


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lieber Gegenstand wie der des Kupfers: „Lord Barr** res Great Bottle Club" (s. oben No. 20).

No. 3. The Boad to Euin. (Der Weg zum Vei> derben). Titel in Bowlandson's Handschrift. Interieur. Ein junger Squire sitzt mit seiner Maitresse, deren Busen entblösst ist, an einem runden Tische. Beide haben Gläser in der Hand. Gegenüber verteilt ein Kapitän ein Spiel Karten. Zwischen diesen ist ein fetter, alter Kaplan mit sinnlichem Gesichtsausdrucke beschäftigt, zwei Flaschen Wein zugleich in eine geräumige Punsch- bowle zu entleeren. Diese Scene veranschaulicht Spiel, Wein und Weib.

Der Besitzer dieser Zeichnung, einer der besten englischen Kunstkenner, versichert, dass sie über alle Massen „wirksam und originell sei, schöner als ein Hogarth."

No. 4. Eine alte Kupplerin demonstriert die Beize eines jungen, unschuldig aussehenden Mädchens einem alten Wüstling, der dasselbe durch ein Augenglas be- trachtet.

(Ein ähnliches Motiv stellt John Collet's gesell- schaftliche Karikatur „Das Opfer (um 1780) dar, von dem Eduard Fuchs a. a. 0. S. 277 eine gute Repro- duktion giebt, nebst folgender Erklärung (S. 288—289): „Mit seinem Gelde erwirbt sich der alte und erschöpfte, nur durch die raffinierten Mittel geschickter Aerzte sinnlich noch reagierende Lebemann den Besitz der noch herben, erst halb erblähten Reize des jungen Mädchens. Ein alter wüster Affe, der ein unschuldiges Kätzchen in seine Arme zwingt.")

No. 5. Fünf Feuerwehrmänner bemühen sich die Flammen zu löschen, die aus einem Hause herausschlagen,

D tthreii, Das Geschlechtsleben in England.*** 19


aus welchem ein sehr fettes altes Weib sich flüchtet. Sie trägt einige Haushaltungsgegenstände in ihrem Unter- rock. Die Feuerwehrleute beobachten sie mit sehr Jüsternen Mienen. Die ganze Komposition ist voll Kraft und Geist.

No. 6. Leda und der Schwan. Im Hintergrunde verfolgt ein anderer Schwan ein nacktes Weib. Sehr feine Zeichnung.

No. 7. Ein Jüngling und ein Mädchen sitzen auf einer Bank. Er hat seine rechte Hand auf ihren Kleidern.

No. 8. Gricket Matchs at the 3 Hats, Is- lington (dicket Spiel bei den „drei Hüten" in Islington). Diese Zeichnung, voll Leben und Humor, ist ganz im Stile des grossen Künstlers. Die Partie wird von Weibern in allen Gestalten und Grössen gespielt, die ihre Energie in der kräftigsten und komischsten Weise entfalten.

Ausser den erotischen und obscönen Karikaturen ist Rowlandson für das Ende des 18. und das erste Drittel des 19. Jahrhunderts, was Hogarth für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts gewesen ist, nämlich der grösste Sittenschilderer seiner Zeit. Er hat alle Verhältnisse des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens seinerzeit, die markantesten Erscheinungen der englischen Volksseele in den Bereich seiner künstlerischen Dar- stellungen gezogen.

An dieser Stelle wollen wir nur die allerwichtigsten der ein sittengeschichtliches Interesse darbietenden Zeichnungen und Kupfer Rowlandson's erwähnen, in- dem wir für ein genaueres Studium auf die wertvolle Monographie von Joseph Grego verweisen.


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Ein Bordell in Cleveland Row, London, aus dessen Fenster zwei Nymphen auf einen gerade die'Thür öffnen* den jungen Offizier herabschauen, veranschaulicht das Kupfer „Charity covereth a mnltitude of sins tt (178 1) 1 ).

Das Treiben der Herzogin von Devonshire, die zu Gunsten ihres Lieblings Charles Fox bei den Wahlen von 1784 im wahren Sinne des Wortes zum Volke herabstieg, geissein verschiedene höchst witzige Karika- turen z. B. „The Devonshire, or most approved manner of securing votes", wo sie auf offener Strasse einen dicken Schlachter küsst, dessen Stimme sie für Fox ergattern möchte *), oder „ Wit's Last Stake, or the cobbling voter and abject canvassers" (die Herzogin sitzt inmitten des Pöbels auf dem Schosse von Fox). 8 )

Die Galanterien in den Opernlogen erblicken wir auf den verschiedenen Skizzen r Opera Boxes" (1785) 4 ), die wollüstige Ueppigkeit des Orients in „The Polish Dwarf (Count Boruwloski performing before the Grand Seigneur" (1786) 6 ) und „Love in the East" (1787)«) den Schmutz in den englischen Gasthäusern veranschaulicht das Bild „Damp Sheets" (Feuchte Wäsche) (1781) 7 ), die Mode der engen Schnürbrüste „A LitÜe Tighter" (1791) 8 ); die Ergötzlichkeiten und modischen Narreteien in den englischen Bädern werden uns in den Illustrationen zu Christopher Aust]ey's poetischer


') Reproduktion bei Grego I, 104.


  • )

4 )

3


bidem I, 126. bidem I } 131. bidem I, 177—178. bidem I, 187. bidem I, 218. bidem 293. bidem I, 292.

19*


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Schilderung „The New Bath Guide" (London 1798) vor- geführt 1 ) und dem berüchtigen Skandal zwischen Mrsk Mary Anne Clarke und dem Herzog von York hat Rowlandson zahlreiche Karikaturen aus dem Jahre 1809 gewidmet. 9 )

Die Verschleppung und den Verkauf englischer Mädchen nach Ostindien führt uns „A Säle of English Beauties in the East Indies" (1810) vor, die bis auf den heutigen Tag berüchtigten englischen Ehebruchs- prozesse werden auf den zwei Kupfern „The Secret History of Crim Con" (1812) karikiert.

Endlich seien noch erwähnt die „Matrosenhochzeit" (1814) 8 ), der „Fortschritt der Galanterie" 4 ), ein englische* „Speisehaus" 6 ), „Lady Hamilton zu Hause" (1816) 6 ) ein „Wochenbettbesuch" (1816) ^

Fast alle Nebenbuhler Rowlandson' s auf dem Gebiete der Karikatur haben sich ebenfalls auf dem Gebiete der erotischen und obscönen Zeichnung versucht

Zunächst muss da der berühmten Familie der Cruikshanks gedacht werden. Der Vater Isaac Cruik- shank hat u. a. ein Titelbild zu der erotischen Schrift „The Cherub: or Guardian of Female Innocence" (London: Printed for W. Locke, No. 12, Red Lion Street, Hol- born, 1792. Gr. 8°. 57 S.). Es stellt ein junges Mäd- chen dar, welches vor einer alten Wahrsagerin steht,, die mit einem Stock auf ein Zeichen an ihrem Körper


>) Gedicht und Bilder bei Grego a. a. 0. Bd. I, S. 884—349.

f ) ibidem Bd. II, S. 135—162.

>) ibidem II, 276.

  • ) ibidem II, 275.

») ibidem II, 296.

•) ibidem II, 310—811.

7 ) ibidem II, 818.


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weist Eine dritte Frau steht im Hintergrunde, während das Gesicht eines durch ein Fenster lugenden Mannes im oberen Teile des Bildes sichtbar wird. Ovale, von einem Cherub gekrönte Zeichnung mit der Unterschrift: „Die verderbte Wahrsagerin und die listige Verfflhrerin f mit dem kleinen Cherub darüber. Veröffentlicht von W. Locke, 15. März 1792."

Ein anderes Titelbild von Isaac Cruikshank, ge- nannt „The Invitation" (Die Einladung) ziert die Anekdotensammlung „Useful Hints to Single Gentlemen respecting Marriage, Concubinage and Adultery etc. By Little Isaac. London: Printed for D. Brewman No. 18, Little New Street, Shoe Lane; and sold by H. D. Symonds, No. 20, Paternoster Kow. 1792" (gr. 8°, 52 S.). Es stellt ein auf einem Sopha sitzendes Mädchen dar, welches durch das Fenster mit einem Manne spricht, den sie auffordert, neben ihr Platz zu nehmen. In ihrer rechten Hand hält sie einen Fächer. Der Mann scheint ihre Einladung abzuschlagen. Es handelt sich offenbar um ein Freudenmädchen. Im „Bon Ton Magazine" Mai 1795 ist dasselbe Kupfer reproduziert, mit der Unterschrift „Fallen für Männer" und dazu wird folgende Anekdote erzählt: „Ich machte Halt und flüsterte Mrs. Primstaff etwas ins Ohr, indem ich auf eine schöne junge Dame zeigte, die das Gesicht dem Fenster zuwendend auf dem Sopha sass. Die Roll- gardine war emporgezogen, um den Zuschauern einen •besseren Anblick ihrer Reize zu gewähren. Die Nymphe war nur sehr leicht bekleidet Ihr lieblicher Busen war völlig den Blicken preisgegeben und wogte weisser als Schnee in einer anmutigen Hin- und Herbewegung (pitty-pat motion), während ihre schönen, ausdrucks-


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rollen, leuchtenden Augen genug Feuer ausströmten, um auch das kalte Herz eines Einsiedlers zu schmelzen."

Isaac's Sohn, der grosse George Cruikshank (1792 — 1878) hat eine Serie von Bildern zu John Cleland's berühmtem obscönen Romane „Fanny Hill, or the Memoire of a Woman of Pleasure" gezeichnet und in Kupfer gestochen. Die genaue Zahl derselben Usst »ich wegen ihrer grossen Seltenheit nicht fest- stellen. Jedoch ist es nach Pisanus Fraxi über jeden Zweifel erhaben, dass diese obscönen Bilder wirklich von dem grossen Künstler stammen. 1 )

Bein, sittengeschichtliche, nicht obscöne Bilder hat George Cruikshank bekanntlich zu Pierce Egan's „Life in London' 4 (1821) gezeichnet, die den Ruf des Künstlere als eines der grössten Karikaturisten be- gründeten.

Einer Ähnlichen Auffassung des Geschlechtlichen wie bei Rowlandson begegnen wir bei dessen Freunde George Morland (1763 — 1804). Besonders die Dar- stellung des weiblichen Körpers ist bei Beiden von auffallender Aehnlichkeit 8 ) Morland ist aber noch gleich Gainsborough ein „Rokokomeister", der uns eine kleine „aparte, ästhetische Welt" vorzaubert, die sich aus „hellblauen Bändern und riesigen gelben Strohhüten, aus weissen Häubchen und weissen Schürzen, rosa Seiden- kleidern und dekolletierten Schultern" zusammensetzt 8 ).

George Morland hat, meist in Verbindung mit seinem Schwager William Ward und dem Kupferstecher


l ) P. Fraxi „Catena librorum tacendorum" S. 83. «) Vergl. darüber auch Grego a. a. 0. Bd. I, S. 86.

  • ) Richard Huther „Geschichte der englischen Malerei"

Berlin 1903, S. 62.


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John Raphael Smith, eine grosse Zahl von höchst obscönen Bildern gezeichnet und in Mezzotintomanier gestochen. Der grösste Teil dieser künstlerisch voll- endeten Bilder war für die Illustration verschiedener berühmter Romane des 18. Jahrhunderts bestimmt

Als Illustrationen zu Fielding's „Tom Jones" er- wähnt Pisanus Fraxi 1 ) die folgenden Mezzotintos voit George Morland und John Raphael Smith:

No. 1. Tom Jones and Molly Seagrim in the Grove (Tom Jones und Molly Seagrim im Gehölze). Molly und Tom unter einem Baume. Thwackum und Square betrachten sie aus der Ferne erstaunt. Sophia Weston klettert, unterstützt von dem Squire, über eine Hecke.

No. 2. Tom Jones, -Molly Seagrim und Square- Tom und Molly von Square überrascht. Im Vordergrunde ein Hund.

No. 3. Tom Jones and Mrs. Waters in the Jnn at Upton after the Battle — Tom Jones Book IX, Chap. V. (Tom Jones und Mrs. Waters im Wirtshause zu Upton nach der Schlacht).

No. 4. Lady ßellaston and Tom Jones after their return from the Masquerade, Tom Jones book 13 Chapt 7.

Eine Scene aus Sterne's „Sentimentaler Reise" karikiert die folgende Zeichnung in obscöner Weise:

No 5. La Fleur taking leave of his Sweet- hearts. (La Fleur nimmt Abschied von seinen Ge*


') P. Fraxi „Catona" S. 408-409.


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liebten). La Fleur und zwei Mädchen. Yorick lugt zum Fenster herein.

Die beiden folgenden Zeichnungen geben nach gleicher Manier Episoden aus Rousseau's „Confessions" und „Nouvelle H6Mse" wieder.

No. 6. Rousseau and Madam de Warens, Rousseau's Confessions. Liebesszene zwischen Rousseau und Mme. de Warens. Ein runder Spiegel an der hinteren Wand giebt das Bild der Dame wieder.

No. 7. St. Preux und Eloisa. I feel you are a thousand times more dear to me than ever — my charming Mistressl my Wife! my Sister! my friend! By what name shall I express what I feel. Eloisa Vol. I, Page 186. (Ich fühle, ich fühle, dass du mir tausend Mal teurer bist als je. meine reizende Geliebte, mein Weib, meine Schwester, meine Freundini Mit welchem Namen soll ich meine Gefühle ausdrücken!) St. Preux und Eloisa.

Auch Zeichnungen zu eigentlichen obscönen und erotischen Schriften hat George Morland in Ver- bindung mit Ward und J. R Smith geliefert, vor allem die fünf folgenden vortreffllichen Mezzotintos zu John Cleland's „Memoire of a woman of pleasure" 1 ):

No. 1. Fanny Hill and Phoebe. Phoebe be- rührt Fanny in indecenter Weise. Rechts ein Tisch mit einer brennenden Kerze.

No. 2. Mrs. Brown, the Horse Grenadier, and Fanny Hill. Fanny beobachtet durch eine Glasthür die fette Mrs. Brown in einer Liebesszene mit einem Soldaten.


  • ) „Le Bibliophile Fantaisiste« S. 48; Pisanus Fraxi

„Catena 11 S. 83-85.


— 297 —

No. 3. Fanny Hill, Louisa, and the Nosegay Boy. Der Junge und die zwei Freudenmädchen. Im Vordergründe ein Korb mit Blumen. Rechte auf dem Stuhl eine Rate.

No. 4. Harriet ravish'd in the Summer House (Harriet wird in dem Sommerhäuschen genotzüchtigt).

No. 4 a. Dieselbe Szene ohne Titel, mit leichten Differenzen in Haartracht und Kleidung der Frau, der Ausstattung des Raumes u. s. w. Ist wohl die ältere -Zeichnung, und No. 4 eine spätere Kopie.

No. 5. Harriet and the Barronet (sie). Ein Paar auf einer Ottomane, während zwei andere Paare hinter demselben stehen und sie beobachten.

No. 5 a. Dieselbe Scene mit leichten Aenderungen. Sopha, Haarfarbe und Haartrachten sind verschieden, «rechts ist ein Lehnstuhl, links im Vordergründe Männer- lut und Stiefel.

Ein anderes obseönes Mezzotinto, von G. Morland gezeichnet, von W. Ward in Kupfer gestochen, illustriert eine Scene aus Courtney Melmoth's d. i. Samuel . Johnson Pratt's erotischer Schrift w The Pupilof Pleasure" -(vergl. darüber Kap. # 10). Er hat die Unterschrift: „Mrs. Homespun and Sedley. Pupil of Pleasure" und stellt Harriet, mit der Rechten die Wange Sedley's streichelnd, während sie mit der Linken ihn in indezenter Weise zu sich heranzieht.

Wahrscheinlich stammt das obseöne Mezzotinto „Emily Palmer afterwards Countess de Barre and Mr. de C — u ebenfalls von George Morland. Dasselbe veranschaulicht eine Szene aus einer sehr interessanten englischen Schrift, die im Jahre 1771 in London erschien:



„The Authentic Memoirs of the Conntess de Barre, the French King's Mistress, Carefully collated from a Manuscript in the Possession of the Datchess of of Villeroy, by Sir Frances N — .

Si Ton se plait a l'image du vray, Combien doit od rerhercber le vrav meine?

The Second Edition. London: Printcd for the Edi- tors, and Sold by J. Rosou, No. 64, St. Martins ] Grand; and G. Reily, Queenstreet, May Fair, 1771. Price Bound Tbree Shillings." ')■ 8 °> 216 S.

Diese „Memoirs" bestehen aus 21 Briefen, alle mit dem Datum 1770, angeblich von einem Pariser Herrn an einen englischen Freund geschrieben. In ihnen werden die Liebesabenteuer einer gewissen Emily Pal mer erzählt, die während der Regentschaft des Herzogs von Richelieu die Maitresse Ludwigs XV. wird. Auf dem Titel steht der Name ohne Accent, im Texte heisst


') Andere Angaben: London 1772; Bern 1775; London l Rason (Roson) 1777. Neudruck von William Dugdale untei dem Titel „The Lovcr's Festival, or Molting Moments 4 ' um' in der erotisi'hcn Zeilschrift ,,The K^uisite" ivergl. über die«  Kapitel Hi) als „Memoire of the Cfluntess de Biirre" (mit det dritten Briefe beginnend). Eine französische l'ebersetzung erschien 1772 bei den ursprünglichen Londoner Verlegern unter dem Tito' „Memoire» Authentiques de la Comtesse tresse de Louis XV etc.", Londres i"-> ;*.", vm Seiten), Deutsch: „Glaubwürdige Nachrichten von der Gräfin von Barr* in Briefen; Aus dem Enclipiiiim übersetzt. Colin am Rhein, t Peter Marteau, dem Jüngern. 1772." (&', 176 Seiten, Leipi Hertel). Andere Ausgabe 1778, 8°. — Vergl. Robert Wi „Bibliotbcca Britanuica; or a General Index to Hrirish and Fore Literaturc" Edinburgh 1824 Bd. III, Artikel „Rason."


tinger „Bi 1 Col. 4.19;


Bd. I Col. 4a{>; Fernand Drujon „Catalogtte des Ouvrages e Condamnes etc." Paris 1878 S, 246: Havn „Bibliotheea Germanoru erotica" 2. Auflage, Leipzig 1885 S. 8.


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es überall „De Barr6". Im ersten Briefe sagt der Ver- fasser: „Das Leben der Gräfin de Barr6, bevor der König von Frankreich sich in sie verliebte, ist mir ins Ohr geflüstert worden. Aber es unterscheidet sich so sehr von dem Bericht, den die Heraasgeber einiger Zeitschriften Ihnen von dieser Dame gegeben haben,, dass es eher als Roman denn als Wirklichkeit erscheint.. Es ist in jeder Beziehung das Gegenteil von dem,, was Sie von ihr wissen." Das Buch hat natürlich mit der wirklichen Madame Du Barry nicht das Geringste zu thun 1 ) und ist nur die interessante Geschichte einer gewöhnlichen galanten Abenteurerin. 9 )

Die oben erwähnte Zeichnung von G. Morland veranschaulicht den auf S. 128 dieser Schrift erzählten Vorfall, aus dem auch drei Zeilen auf dem Kupfer ver- merkt sind. Emilie liegt auf einer Ottomane, mit einem» Fusse den Boden berührend. Mit ihrer rechten Hand


  • ) „C'est un petit roman qui n'a pas le moindre rapport avec-

Fhistoire de Madame du Barry" La Du Barry par Edmond et Jules de Goncourt Nouvelle Edition. Paris 1872 S. 2 Anmerkung,.

9 ) P. Fraxi verzeichnet folgende Urteile über dasselbe (Catena 101—102): „Another heap of rabbish, swept out of Mons. Vergy's- garret. This foreigner, who has so impudently thrust himself into the English Grubean society, appears determined to fill all our booksellers shops, stalle, and circulating libraries with lies and. obscenity; the only studies in which he seems ambitious of excelling. In truth, we are sorry to see the Chevalier so grossly misapplying hiß talents; for he certainly is capable of better things." So scharf urteilte ein Zeitgenosse in der „Monthly Review" 1771 Bd. 44 S. 92 über das Buch. — Der Bibliograph Arthur Din au x schrieb 1857 in sein Exemplar: „Ouvrage singulier, dont l'auteur ou Tediteur a la singuliere Prätention de donner, en le publiant, les veritables memoires de la Comtesse Dubarry. Et rien, positivement rien de ce qui est dans ce livre, n'a le moindre rapport avec la ventabie- histoire de la demiere maitresse de Louis XV. L'imagination. d'un ecrivain anglais a tout fait; il ne faut donc pas chercher en. cet ouvrage la moindre parceüe de veritö historique."


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  • emüht sie sich, die Annäherung des Herrn de C— von

sich abzuwehren.

Pisanus Fraxi hält noch die folgenden drei Kupfer für das gemeinsame Werk von G. Morland und John Raphael Smith:

No. 1. Mock Husband (Der falsche Gatte). Lesbische Szene zwischen zwei Mädchen. Ein drittes angekleidetes Mädchen steht hinter dem Sopha und appliciert dem einen Mädchen die Rute ad posteriora. Signatur: „J. R Smith, Fecit."

No. 2. The Nobleman's Wife and the Taylor Crazy Tale. Ein sehr fetter Mann bemüht sich an- scheinend vergeblich den Liebhaber einer Frau zu spielen.

No. 3. The Female Contest; or, my C.'s larger than thine! Fünf junge Frauen werden von einer sechsten untersucht. Sie steht hinter einem langen, schmalen Tisch, der mit einem weissen Tuch, welches quer über das Bild geht, bedeckt ist. 1 )

John ßaphael Smith allein 9 ) ist der Schöpfer der folgenden in Mezzotintomanier ausgeführten Kupfer:

No. 1. Interieur. Liebesszene zwischen Jüngling und Mädchen auf einem Sopha.

No. 2. Interieur. Ein starker Jüngling und ein derbes Mädchen. Der obere Teil ihres Körpers ist verhüllt Ihr linker Fuss ruht auf dem Boden. In der rechten Ecke ein Nachttopf.

No. 3. Interieur. Puella cum Phallo. Cupido baculum -ano inserit et muliebria titillat.


J ) P. Fraxi „Catena" S. 409-410.

  • ) ibidem S. 410-412.


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No. 4. Eine Frau, mit langem auf den Rücken* wallenden Haar, sitzt auf einem Bette und stützt mit der Linken ihren Kopf. Gesichtsausdruck und Haltung zeigen grossen Kummer an. Klassische Manier.

No. 5. Interieur. Ein Mönch und ein hübsches junges Mädchen.

No. 6. Holländisches Interieur. Ein Mann im hohen? Hute, eine lange Pfeife rauchend, die er in der rechten Hand hält, berührt mit der Linken eine Frau, die anscheinend schlafend auf einem Stuhle sitzt.

No. 7. Interieur. Eine Frau sitzt auf einem Stuhl mit einem Traghimmel und hält ihre linke Brust in. ihrer rechten Hand, während sie mit der Linken auf einen angekleideten Mann hinweist. Links gewährt ein Fenster die Aussicht in einen Garten mit Cypressen.

No. 8. Interieur. Ein junger Mann mit blossem Kopfe, sonst aber angekleidet, berührt mit einem Bogen in seiner Rechten ein zu seiner Linken sitzendes Mädchen, Auf ihrem rechten Oberschenkel liegt ein Notenblatt Sie hat eine hohe Haartracht Davor ein Tisch mit Flasche, Weinglas und einem Violoncell. Rechts ein* kleines Mädchen und des Mannes Hut.

No. 9. In einem Parke schläft unter einem Baume ein Mädchen mit hoher Haarfrisur. Sie hat ein Schön- heitspflästerchen auf der rechten Wange und trägt Schuhe mit grossen Schleifen.

No. 10. Interieur. Ein Mann sitzt auf einem- Stuhle und entkleidet sich. Eine Katze daneben. Links ein Bett und rechts ein Fenster. Ein Schwert und eine* Perrücke hängen an der Wand.



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John Grand-Carteret nennt in einer interessanten Parallele zwischen der englischen and französischen Erotik in der Kunst am Ausgange des 18. Jahrhunderts i) neben Rowlandson Richard Newton als einen Meister des Naturalismus auf diesem Gebiete.

Er giebt die Reprod uktion von drei sehr cha- rakteristischen Karikaturen Newton's; nämlich: „Which ■way shall I turn nie?" (Wohin soll ich mich wenden). London 1791 Pub. by W. Holland, Oxfordstreet. Ein Genussmensch hat die schwere Wahl zwischen den Freuden der Tafel auf der einen Seite und den Freuden der Liebe (in Gestalt eines auf dem Divan ruhenden schönen Weibes) auf der anderen Seite. — „Old Goals at the Säle of a French Kid (Alte Böcke bei dem Ver- kaufe einer französischen Ziege) London, W. Holland


') „On a d£iä pu voir par 1'pslBmpc dp Hogartb que lös Anglaia no reculaicnt point devant im wrttia realisme qui, de tont teiups, plus du iiii.iius, eonstitua um; de» partirularites <Ie leiur caractere artig tique. Avec Rowlandson, avec RichardNewton, avec Gillray, avec tous les dessinatuurs des durniereg mmüea du dii-bttitieme gieclo, le leger devait atteindre des proportiona d£paesant de beaticoup tont ce qu'on l'avait pu voir jitBqu'alora. Singulier melauge de decollote et du Uuuffotinerie, de libert* complete du crayon et de satire outrec et dune im ceprit ei diff&rent du untre ijii'il fallut un eertain temps pour quo MtM faoon de voir put entrer dans la eonccplion frnm;aisc. Certes, sous la Revolution, avec Debucourt et Boilly, le luger s'etait porte jusqu" aux extremes limites de la bienscance, mais untre lc Honny »oit qui mal y peuee de Boilly et les croquia gros de Iraits et d'audace de Rowlandson ou de Riebard Newton, il j a un monde. Ce qui predomine en France c'est la grivoigerie, c'est l'allusion legere, l'allusion a une chose qui ne Bera comprise qua de quelques pereonnes. En Anglctcrre, il est imposeiblc que toua le monde nevoit-pas; car les dessinafeurs currieaturistes eiicutent des image» d'uno clarte teile qn'il faudrait etre aveugle pour ne point, du premier regard, tout snisir et tont eomprendre." John Grand-Carteret „Le Decollete et le Retrousse" Pari» 1902, fi" Fascicule.




_ 803 —

1796. Amor verkauft öffentlich meistbietend eine auf -dem Auktionstische ihre Grazie in kokettester Weise zur Schau stellende Pariser Schönheit, die von den zahlreich erschienenen Liebhabern angestaunt wird. Amor ruft: „Zweiundfünfzig Pfund das Jahr, ein Cabriolet und ein Pony war das letzte Gebot. Kommen Sie, Gentlemen, bieten Sie mit Verstand auf diese Pariser Schönheit Sehen Sie diese Stellung! Welch eine Grazie, welche Eleganz! Sie sind alle erstaunt. (Dieses Erstaunen bat der Künstler auf den verschiedenen Physiognomieen der anwesenden Männer in köstlicher Weise wiedergegeben). Fünfhundert Pfund das Jahr. Danke Euer Gnaden. Also für fünfhundert!" — Die dritte Zeichnung ver- anschaulicht uns in sehr drastisch-realistischer Weise die körperliche Ermüdung nach dem Genüsse der phys- ischen Liebe, nach dem „Kampfe", in der Gestalt eines tippigen, träge in einen Lebnsessel gesunkenen Weibes.

Vielleicht ist Newton auch der Urheber der acht obseönen Mezzotintos, die Pisanus. Fraxi in die Zeit von Newton und Rowlandson verlegt und als ganz vortrefflich bezeichnet. 1 ) Es sind die folgenden:

No. 1. Interieur. Liebesszene zwischen Mann und Frau. Sie küssen einander. Ein Knabe kniet] mit einem Beine und beobachtet den Vorgang. Er hält seinen Hut in der linken Hand, während seine rechte Hand eine erstaunte Geste macht.

No. 2. Unter einem Baume in einem Parke ein junger Mann und ein Mädchen. Sie ruht auf einem grossen Buche.


') P. Fraxi „Catena" S. 413—415.


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No. 3. Cottns a posteriori

No. 4. Interieur. Ein auf einer Ottomane sitzender Alter liebkost ein sich rückwärts gegen ihn lehnendes Mädchen. Er stützt sie mit seiner linken Hand, wahrem seine Rechte auf ihrer Brust ruht

So. b. Interieur. Mann und Frau im Znstandi sexueller Erregung dargestellt

No. 6. Liebesszene zwischen einem Jüngling und Mädchen im Walde.

No. 7. Interienr. Liebesszene zwischen Mann und Frau auf einer Ottomane.

No. 8. Interieur. Ein Mann zeigt mit der linkei Hand auf die stark entwickelten kalüpygischen Reize eines Mädchens und macht mit der rechten Hand eine bewundernde Geste.

No. 9. Darstellung eines Coitus a posteriori. Gardine fällt anf den Rücken des Mädchens, und rechts an der Wand hängt ein Gemälde „Leda und der Schwan". Der junge Mann soll Georg IV. als Prinzen von Wal«  darstellen.

No. 10. Schlafzimmer. Liebesszene zwischen einem auf einem Stuhle sitzenden jungen Manne und einem jungen Mädchen. Der Künstler hat die höchste Ekstase durch Darstellung eines „Seraphinenkusses", den sich diu llcidi'u geben, zum Ausdruck gebracht. Im Hinter- gründe ein Bett und eine Thür, vor letzterer ein Tisct mit einer Karaffe und zwei Weingläsern. Schlechte Zeich u u u g.

Von einem unbekannten Künstler existiert fernei i'inr Bsrtl von vierzehn obseönen Mezzotintos zuSterne'a „l-ife und Opinions of Tristram Shandy", nämlich ein


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Porträt und dreizehn Zeichnungen, offenbar für eine spezielle Ausgabe des Werkes hergestellt, da Band und Seitenzahlen auf zwei derselben angegeben sind. Das Porträt, mit der Unterschrift „Tristram Shandy" ist der Kopf eines Pfarrers, dessen Nase und Oberlippe einen Phallus darstellen. Auf den einzelnen Bildern stehen folgende Unterschriften: „Such a silly question" — „Par le moyen d'une petite Canulle" — „Right end of a Woman" — „A Limb is soon broke in such Encounters" — „Vol. IV p. II J will touch it" — „Vol. IV p. 76. The Intricacies of Diego and Julia" — „Whiskers" — „Take hold of my Whiskers" — „Widow Wadman" — „Yes, Yes, Isu the duce (sie) take that slit" — „I seiz'd her hand" — Tom's had more gristle in it". x )

Aus der Zeit nach 1830 giebt es nur wenige erotische Zeichnungen von wirklich künstlerischem Werte, dagegen eine Unzahl schlechter kolorierter Lithographien, die teils separat erschienen, meist aber den zahlreichen erotischen Schriften beigegeben wurden. Eine Ausnahme macht ein Album mit zwölf kolorierten Lithographien, die H. K. Browne, einem Künstler von Bedeutung, zu- geschrieben werden. Der Titel dieses Albums lautet:

„The Pretty Girls of London; Their littleLove Affairs, Playful Doings, etc. By J. R. Adam, Esq., Depicted in Twelve Spirited Lithographie Drawings, By Quiz, from Designs by One of Themselves. Wm. Edwards, Importer of Parisian Novelties, 183, Fleet Street, London; and Paris. Price Twelve Shillings." Gross 8°. Ohne Jahr. In Tuchenveloppe.


») P. Praxi „Catena" S. 415— 4L6.

D Uhren. Das Geschlechtsleben in England ***. 20


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Diese kolorierten Lithographien sind sehr schön gezeichnet und fein aasgeführt. Ohne ganz obscön zu sein, sind sie doch überaus frei und wirken sehr drastisch. Unter jeder stehen ein paar humoristische oder erläu- ternde Worte. Es sind folgende Darstellungen: 1. Das Ballettmädchen (auf der Bühne), 2. Das Ballettmädchen (im Zwischenakt), 3. Das Austernmädchen, 4. Die Theaterdame (in der Loge), 5. Die Kellnerin, 6. Das Obstmädchen, 7. Die Cigarrenverkäuferin, 8. Die Kammer- jungfer, 9. Das Dienstmädchen, 10. Die Konditorei- mamsell, 11. Das Bar-Fräulein, 12. Das Kindermädchen. Jedes Blatt wird von einer einseitig mit einigen be- schreibenden Knüttelversen bedruckten Seite begleitet.

Einige dieser Lithographien wurden später in einer periodischen Zeitschrift „Gems for Gentlemen" wieder reproduziert *)

Aus neuester Zeit erwähnt Pisanus Fraxi in seinem „Index librorum prohibitorum" eine Serie von obscönen Illustrationen zu Cleland's „Fanny Hill" von einem damals (1877) noch lebenden grossen Künstler, den er Hogarth völlig an die Seite stellt 8 )

Auch George Augustus Sala, der bekannte Schriftsteller und Journalist, Verfasser des 1882 er- schienen flagellantistischen Bomanes „The Mysteriös of Verbena House", hat sich in kolorierten Darstellungen flagellantistischer Szenen versucht Pisanus Fraxi erwähnt 37 solcher Flagellationsskizzen Sala's von sehr guter Ausführung. 8 )


  • ) P. Fraxi „Centuria", 8. 899.

") P. Fraxi „Index", 8. XVIII. ') Derselbe „Catena", S. 261.


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Die Renaissance dßs Ptrritanismns in der Victorianischen Aera, die sich auf allen Gebieten nachweisen l&sst, rief auch in der englischen Ennst eine Reaktion gegen den derben Naturalismus: der früheren Zeit hervor. Alles „Nackte" in der Kunst wurde verpönt, die geringste körperliche Berührung zwischen Mann und Weib galt für unanständig. „In der Darstellung des Nackten", sagt Muther, „zeigt sich, welche engen Grenzen heute dem englischen Kunstschaffen gesteckt sind. Man denke nur einen Augenblick an Frankreich; denke an die Publikationen „Le nu au Salon", die dort alljährlich gemacht werden; denke an Degas, Carriöre, Besnard, für die das Spiel des Lichtes auf nackten Frauenkörpern ein so unermesslich reiches Studienfeld ist. Ja, man denke an das England von früher. Hogarth konnte wagen, in seiner Mariage a la mode den Hausfreund zu malen, wie er halbnackt zum Fenster hinaussteigt Noch um 1860 siedelten Etty, Eastlake und Hilton in der Welt des Tizian und Rubens sich an. Heute hat die Feigenblattmoral dieses ganze Gebiet ver- femt Der Geist der Lex Heinze scheint über dem Lande zu schweben. Watts sogar, der grosse vergötterte Meister, erregte Anstoss^ war gezwungen, den Leuten schriftlich zu explizieren, weshalb er seine Psyche und das junge Mädchen des Mammonbildes nur nackt, nicht bekleidet hätte geben können. Kommt bei den letzten Klassizisten — bei Poynter, Tadema und Crane — zu- weilen noch Nacktes vor, so sind die Gestalten ihrer Weiber alles Fleischlichen entkleidet, ins Marmorne, Statuenhafte übersetzt und obendrein an den chokierend- sten Partien noch von jenen Florgewändern umhüllt,

die schon bei Leighton eine so mildernde Rolle spielten.

20*


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Im übrigen naditas vacat Babies,. die in die Badewanne steigen; Buben, die im Nachen ins Meer segeln imd steh dort des Hemdes entledigen — in Gottes Namen, das geht noch an. Doch soll ein nackter Franenleib gemalt werden, so ist wenigstens eins zn fordern: dass die Nudität kirchlich motiviert sei Ein solches Motiv fand Philipp Calderon in der Saints Tragedy von Kingsley. Er malte die Szene, wie ein junges Mädchen, vor dem Kruzifix knieend, gelobt, auf alle Eitelkeit der Welt zn verzichten, „nackt ihrem nackten Lord zn folgen". Das ist die einzige Nudität, die es ausser Watts und Leigh- tons Werken in der Täte Gallery giebt Dass einer der Priester, die der Szene beiwohnen, gleich der Ver- gognosa di Pisa, die Hand vor die Augen hält, um den grazilen Mädchenleib nicht zu sehen, ist ebenfalls eine recht englische Nuance. Und welches unendliche Reich von Schönheit den Künstlern durch diese zimperliche Prüderie verschlossen wird, braucht man kaum zu be- tonen." *)

Die Bewegung gegen alles Nackte in der Kunst, die bei uns zu dem berüchtigten Vorschlage der „Lex Heinze" geführt hat, ist in England noch viel nach- haltiger als bei uns. Die Führer derselben waren in den 80er Jahren Mrs. Grundy und der alte Maler Horsley. Sie denunzierten den unbekleideten mensch- lichen Körper als schamlos, indecent und unmoralisch und beschuldigten so, wie Hector France sich geist- reich ausdrückt, den Schöpfer indirekt des „schlechten Geschmackes". Ein Ueberpietist wollte gar auf einer Ausstellung der Royal Academy einige Gemälde mit

S )R. Muther, „Geschichte der englischen Malerei", S. 33& bis S31.


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dem Regenschirm dnrchstossen, weil er den Anblick un- schuldiger Nuditäten auf ihnen nicht ertragen konnte. 1 )

Trotz und vielleicht wegen dieser Perhorreszierung der Darstellung des nackten menschlichen Körpers in der englischen Kunst der zweiten Hälfte des 19. Jahr- hunderts erfuhr die künstlerische Auffassung des rein Erotischen eine neue Steigerung, die das Geschlechtliche in einer ganz neuen Nuance zum Ausdruck brachte. Da die Liebe nicht mehr in ihren einfachen natürlichen Erscheinungen wiedergegeben werden konnte, wie sie der im Grunde naive Naturalismus eines Hogarth, Eowlandson, George Morland u. A. konzipiert hatte, so entstand jene künstliche Erotik, die, absehend vom rein Körperlichen, rein seelische, innerliche Aus- drucksmittel sucht, hierbei aber notwendigerweise eine viel raffiniertere Sinnlichkeit entwickelt, als sie selbst in der blossen obscönen, aber immer noch natürlichen Darstellung wirklicher Geschlechtsakte zu Tage tritt.

Diese Bewegung ging von der Schule der sogenannten Praeraphaeliten aus, als deren berühmteste Vertreter Holman Hunt, Dante Gabriel ßossetti, Edward Burne-Jones genannt seien. Seelenzust&nde, Empfin- dungen, Gefühle, das psychologische Erlebnis wurden der Hauptgegenstand der von den Praeraphaeliten ver- tretenen Kunstrichtung, die sich in dieser Beziehung völlig an die Frühitaliener und an die Gothik anlehnte.

Dante Gabriel Eossetti (1828—1882), die „Seele 44 der Praeraphaelitenbrüderschaft, ist auch der Begründer einer ganz neuen Auffassung des Erotischen in der eng- lischen Kunst In den von ihm gemalten Liebesszenen


  • ) Hector France, „En Police-Court" ,Paris 1891, S. 246.



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aus der Bibel, ans der Arthursage, ans dem Decamerone, der göttlichen Komödie, dem Roman de la Kose wird eine ganz neue Art der „bebenden Sinnlichkeit" sicht- bar, die den früheren englischen Künstlern vollkommen fremd war.

„Nie handelt es sich um Sinnlichkeit in antikem Sinne, sondern am jene schwüle, sich als sündhaft empfindende Leidenschaft, die erst das Christentum in die Welt gebracht. Hingebung, Schmachten und Sehu- sucht, Liebe, über der ein dunkles Verhängnis schwebt, Blutschande, Liebe auf Gräbern — das ist das Thema der Werke. Unendlich oft wird geküsst. Doch diese Küsse sind nicht die tändelnden, wie sie Fragonard malte. In schmerzvollem, seelenaussaugendem Kusa pressen sich die Lippen aufeinander. „Ich trinke dir

die Seele aus, die Toten sind unersättlich." Alle

Begehrlichkeit seiner Sinne giesst Rossetti in die Formen hinein. Er malt „la bella mano" — da ist der ganze Inhalt des Bildes die Empfindung einer weichen, weissen langen Hand, deren Berührung erschauern macht, malt Venus Astarte, da ist der ganze Inhalt die Empfinduni eines schlanken Halses, der unter wahnsinnigen Küssei sich zurückbiegt; malt die Fran mit dem Spiegel, denkt man an einen Menschen, der seinen Kopf in diese Haare presst, und bebend die berauschenden Düfte ein- saugt Stets ist die Liebesgöttin Rossettis ein gewaltiges Wesen von grausamer, beunruhigender Schönheit. Mächtig; ist der Leib. Wogendes, dickes, kastanienbraunes Hai flutet tief in Stirn und Nacken hernieder. In verzehren- dem Feuer, in dunklem, nervösem Verlangen lechzen die Augen. Zu dämonischen Küssen bäumen sich die


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schwellenden Lippen. . . Nie vorher wurden in England Bilder von so vibrierender Sinnlichkeit gemalt." l )

Erotische Feinheiten wie den Zauber der Frauen- hand, den Duft des Haares, den „grausam roten Mund, der einer Giftblume gleicht, schlürfend mit weissem Zahn der Adern Saft", den grausam-wollüstig-rätselhaften Ausdruck des Anges schöner Frauen hat Rossetti wie keiner vor ihm und nach ihm in seinen Bildern wieder- gegeben. Er ist ein neuer Psychologe der Liebe, der in ihr das „inbrünstige Verlangen der Seele aus dem Grau des Alltags nach nenen Schönheiten, verkörpert in der Figur des Weibes als Priesterin dieser Seelen- wünsche" sieht 9 )

Die natürliche Entwickelung dieser Richtung musste zur Mystik und Askese führen, wie wir sie in den Bildern des Burne- Jones (1833—1898) finden. Seine äthe- rischen Frauengestalten wenden sich von den irdischen Wonnen den himmlischen zu. Sie schwelgen in mystischen Genüssen. Die doch bei Bossetti noch gewaltig zum Ausdruck kommende körperliche Sinnlichkeit wird durch die rein geistige ersetzt, die üppigen Formen des weib- lichen Körpers verschwinden, um einer übermässigen ätherischen Schlankheit Platz zn machen. So wurde Burne-Jones der „Abgott der Aestheten, die einen pikanten Beiz darin sahen, für das Schlanke, Dünne zu schwärmen, nachdem sie am Breiten, Bunden sich satt gesehen .... Ja, das ganze Leben stilisierte sich auf Burne-Jones. Die Natur gab — wie Oskar Wilde sagt — wie ein geschickter Verleger in Tausenden von Exemplaren


') B. Mut her a. a. 0. S. 216; S. 219; S. 222.

t) Rudolf Klein „Aubrey Beardsley" Berlin 1902 S. 9.


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heraus, was ein Maler ersonnen hatte. Auf die Bilder des Borne-Jones geht der Typus der modernen Eng- länderin zurück." *)

Gewissermassen eine Synthese der malerischen Auffassung des Erotischen yon.Sossetti und Burne- Jones hat der geniale, schon mit 26 Jahren verstorbene Aubrey Beardsley (1872 — 1898), der englische Rops, in seinen Werken vollbracht Er hat das ganze Raffine- ment der modernen Liebe dargestellt und den Spuren von Sops nachfolgend das satanistische Element der- selben vor allem zum Ausdrucke gebracht, hat das „Lied vom Geschlecht als satanische, kosmische, schaffende, zerstörende Macht" gesungen*). Vom „Schönheitspriester der Sünde" wurde er der „Geschlechtsphilosoph".

Die Werke Beardsley's sind die „betäubendsten Blüten", die dieser wunderbare Frühling englischer Buchkunst trieb. „Am Ende der alten Jahrhunderte, wenn die edlen Doktrinen im Absterben begriffen sind, erscheinen die freien, reizenden und wunderbaren Ver- fallzeitler, die Abenteurer der Linie, die alles wagen und in ihrer Phantasie eine sanfte Korruption mit einer köstlichen Verwegenheit vereinen." Diese Worte, die Edmond de Goncourt in seinem Tagebuch über Fra- gonard sagt, gelten in noch höherem Grade von Beardsley. Von Burne- Jones, seinem Lehrer, nahm er den Aus- gang, und seine ersten Werke zeigen das Praeraphaeliten- tum in seiner keuschesten, duftigsten Zartheit Es ist etwas Unschuldiges, Thränenschimmerndes, etwas wie Vogelgezwitscher in seiner reizenden Kunst Engelrein


>) B. Mather a. a. 0. S. 239.

  • ) R. Klein „Aubrey Beardsley" S. 11.


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sind seine Frauen mit ihren sanften Augen, ihren rosigen Lippen, ihren leisen Bewegungen. Von einem mystischen Hauch zitternder Wehmut ist alles verklärt. Da trat Rops in den Gesichtskreis des jungen Meisters ein, Rops, der Sataniker, dem das Weib die Inkarnation der Wollust, die Tochter der Finsternis, die Dienerin des Teufels bedeutete. Und auch in Beardsley 's Werke kam nun die „note macabre", die Linie der Perversität. Himmel und Hölle, Askese und Wollust, altenglische Bigotterie und modernste Fäulnis verbinden sich zu einem dämonischen Potpourri. Was vorher heilig war, wird gemein. Aus Rosen werden Sumpfblumen. Die entsagungsvollen Weiber des Burne Jones verwandeln sich in Dirnen: mit gammhaften, stengeldünnen Gliedern; totem, absinthgetrübtem Auge, gefärbtem, kupferrotem Haar, obscönen, welken, in allen Künsten geübten Lippen. Es ist, als ob ein Engel plötzlich Zoten sagte und sich in hysterischen Krämpfen wände. Gerade das giebt Beardsleys Blättern ihre unheimliche, infernale Wirkung. Während alle anderen Künstler die Delikatesse und Sanftmut der englischen Seele feiern, zeigt Beards- ley den Schlamm, der auf dem Grunde dieses stillen, scheinbar so reinen Sees lagert Doch es genügt nicht, auf die Praeraphaeliten und auf Rops zu weisen. Denn Beardsley liebt alles, worin verderbte Säfte, seltene, aussergewöhnliche Düfte sich mischen." *)

In der ersten Periode, unter dem Einflüsse von Burne- Jones hat Beardsley das Weib wesentlich als Priesterin der Askese gezeichnet, wie in „Adoramus te", in „A Christmas Carol", „A Head u und anderen, ganz


l ) R. Muther, a. a. 0. S. 260—262.


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im Stile der florentinischen Frührenaissance gehaltenen Werken. In der zweiten Periode, von Bops beeinflusse entwickelte er den ihm eigentümlichen Linienstil zu einer wunderbaren Meisterschaft. Erst hierdurch wirken die Frauengestalten dieser zweiten Phase so überaus suggestiv. Die liebe als Sünde, als Laster wird uns hierdurch noch deutlicher, noch schmerzhafter offenbart als durch die mehr plastisch wirkenden Werke von Bops.

Wohl niemals ist das Tier im Weibe, die wilde Obscönität des rein Geschlechtlichen künstlerisch so zum Ausdruck gebracht worden wie in „Incipit vita nova", „Messaüna" und „The Wagnerites" von Aubrey Beardsley.

„Nacht ist es; dem fieberglühenden Weib erscheint der Embryo seines in Greuel empfangenden Leibes: „incipit vita nova."

Nacht ist es; wie eine hollisch gleissende Eiesen- Furie, geschwollen an tausend saugenden Lüsten, zieht die Baalspriesterin auf Baub aus: „Messalina".

Nacht ist es ; ein Heer furchtbarer, halb entblösster Vampyr- Weiber lauscht mit wiehernden Leichenschändcr- lippen in satyriasischen Krämpfen halb irrsinnig ver- zückt der Tristan-Musik: „The Wagnerites." *)

In der letzten Periode seiner kurzen Schaffenszeit ist Beardsley von der Darstellung des Sündigen, des Lasterhaften in der Liebe zu einer weniger raffinierten Auffassung des Erotischen fortgeschritten. „Das Weib ist üppig, doch ohne Sünde. Die Lüste seines Körpers scheinen nicht mehr Selbstzweck, sondern Mittel. Seine


') R. Klein a. a. 0. S. 47—48.


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Brüste milchen wieder, sind nicht mehr ein Gegenstand steriler Lust. Ein Symbol segenbringender Fruchtbar- keit ist dies Weib, eine gesunde Kybele. Voll indischer Feierlichkeit Und erreicht seinen Höhepunkt in einem Volpone-Initial Links und rechts eine indische Herme. Unter dem Kopfe sechs fettstrotzende Brüste. Im Buch- staben-Ornament ein Weib, halb Michel- Angelo f halb- Indien. Keine Spur von Sünde, von Laster. Der Leib- hochschwanger, und ein Kind streckt verlangend die Hände nach der alma mater aus." 1 )

Als höchst eigenartigen Karikaturisten und Sitten- schilderer lernen wir Beardsley ans den Illustrationen zu drei Bänden der von Walter Jerrold heraus- gegebenen „Bon Mots" kennen. 8 )


Die Darstellung rein sexueller Gegenstände durch die Kunst kann, wie schon erwähnt, nur dann als be- rechtigt anerkannt werden, wenn sie von wirklichen Künstlern ausgeht und für einer künstlerischen Be- trachtungsweise fähige Personen bestimmt bleibt. Sobald aber die erotische „Kunst'* znm gewöhnlichen pornographischen Bilde niedrigster Sorte herabgewürdigt wird, welches für eine wahllose Massenverbreitung bestimmt ist, handelt es sich nicht mehr um eine künst- lerische Wirkung, sondern um eine Spekulation auf eben


a ) B, Klein a. a. Q. S. 49—50.

  • ) Die wertvollsten Zeichnungen Beardsley 1 8 sind ge-

sammelt in „The Early Work of Aubrey Beardsley"; „The later Work"; „A Book of fifty Drawings", „A second Book pf fifty^ Drawings."


316 —


>rade künst-


■4en Trieb, der bei jener ersten Gattung gerade lerisch überwunden werden soll.')

In England kamen für diese Massenverbreitung ausser den bereits erwähnten obscönen Lithograpbieen in früherer Zeit besonders obseöne Spielkarten und Tabaksdosen, in den letzten Dezennien die obscönen Photographieen in Betracht.

Die Spielbarten, die am Ende des 15. Jahrhunderts in England eingeführt wurden 5 ), wurden seit 1700 häufig mit sittengeschichtlichen Zeichnungen ä la Hogarth versehen, die sich auch auf erotische Sujets bezogen. Thomas Heywood in Pendieton bei Manchester besass ein solches Spiel erotischer Karten. Eine der Karten stellte einen Cupido dar, der eine Rose pflückt, mit der Unterschrift: „In der Liebe giebt es kein Vergnügen ohne Schmerz" und den folgenden Versen:

As when we reacu to crop y blooming rose From off ite bj'r yp thorns will ititerposei So when we slrive the beauteous nymph to gain, Ye pleasures we pursue are miied with pain.*)

Aus späterer Zeit berichtet Ryan über die ausser- ordentlich grosse Verbreitung Ton Spielkarten mit schmutzigen Darstellungen.*) Meist handelt es sich um transparente Karten, auf denen erst beim Durchfallen des Lichtes die obscönen Bilder sichtbar werden.

') Vgl. darüber die näheren Ausführungen bei .1. Bloch „Bei- träge zur Aetiologie der Paychopathia sexualis" Teil I, 8. 204—210.

-') Chatto, „Facta and speculations on the origin and hiatory of playing carils", London 1848, 3. 97.

] ) ibidem, S. 157-


  • ) Ryan a. a. 0., S. 112




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Seit Anfang des 19. Jahrhunderts war eine beliebte- Verbreitungsweise obscöner Bilder die durch Tabaks- dosen (snuff-boxes) mit lasciven Darstellungen auf der Innenseite des Deckels vermittelte. Der Verfasser des- „Tableau descriptif de Londres" berichtet, dass anno 1816- der Gerichtshof einen Kaufmann zn einer hohen Geld- strafe verurteilte, weil er Tabatteren, auf denen man- obscöne Bilder sah, verkaufte x ), und im September des- selben Jahres passierte in Union Hall der folgende an- rüchige Fall. Ein gewisser James Price wurde von dem die Aufsicht über die Hausierer führenden Beamten, verhaftet, da er keinen Erlaubnisschein hatte. Der Inspektor hatte ihn in Richmond von Haus zu Haus* gehen und Zwirn und Schnupftabaksdosen verkaufen sehen. Bei genauerer Untersuchung der letzteren stellte- sich heraus, dass viele derselben höchst obscöne Bilder und Kupfer hatten, von welchen einige wirklichen künstlerischen Wert besassen. Diese pflegte Price besonders in Mädchenschulen zum Verkaufe vor- zulegen, und fand damit grossen Absatz bei den Backfischen. Er wurde zu 10 Pfund Geldstrafe verurteilt, die bei der Zahlungsunfähigkeit des An- geklagten in 3 Monate Korrektionshaus umgewandelt, wurden. 2 )

Ryan berichtet noch aus dem Ende der 30er Jahre,, dass man indecente Tabaksdosen überall in den Fenstern der Tabaksläden ausgestellt sähe. 8 )

Nach Pisanus Fraxi 4 ) wird England durch keia


  • ) „Tableau descriptif de Londres", S. 195.
  • ) Ryan, a. a. 0., S. 106—107.
  • ) ibidem, S. 98.
  • ) P. Fraxi, „Index", S. XIX.


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«einziges Land der Welt in der Quantität der Produktion von obscönen Photographien, der sogenannten „smutty photos" fibertroffen. Man bekommt dieselben meist in gewissen Buch- und Papierhandlungen in der Umgebung des Leicestersquare. Anfangs der 70 er Jahre genoss Mr. Henry Hayler wegen solcher photographischer Studien „nach dem Leben" einen europäischen Ruf. Der -Chef der Sittenpolizei, Mr. Collette machte am 31. März 1874 dem Treiben desselben ein plötzliches Ende. An -diesem Tage wurden in seinen Ateliers, Bloomfield Terrace No. 20 und Pimlico Road No. 61 nicht weniger als 130248 obscöne Photographien und 5000 Platten beschlagnahmt Hayler selbst flüchtete und mitging so der Bestrafung; er wandte sich nach Berlin und blieb seitdem verschollen. Auf den schlimmsten Photographien waren diePorträtsvonHayler, seiner Frau und zwei Söhnen erkennbar! Man fand ausserdem eine grosse Zahl von Briefen, aus denen her- vorging! dass der Vertrieb der obscönen Photographieen sich über ganz Europa und Amerika erstreckte. 1 )

Ueber eine höchst eigenartige Verwendung der Photographie in einem fashionablen Londoner Bordelle berichtet R6mo. Beim Betreten des Salons glaubt man sich im Vorzimmer eines photographischen Ateliers zu befinden. Ueberall Photographieen an den Wänden, freilich nicht solche von alten Herren und alten Jung- fern, sondern von hübschen jungen Damen, darunter Ton vielen, die man gelegentlich in der besten Gesell- schaft antrifft. Kein Name, jedes Bild hat eine Nummer.


') Vergl. „The Morning Advertiser" vom 1. April 1874; „The Daily Telegraph" vom 4. April; „The Times" vom 20. ApriL


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Der Besucher wählt sich dasjenige, von dessen Gegen- stand er sich am meisten verspricht, and znr festge- setzten Stande liefert ihm die Kupplerin das betreffende junge Mädchen. 1 )

Das erinnert an ähnliche Einrichtungen, die ans holländischen Bordellen beschrieben worden sind.


  • ) R6mo, „La vie galante en Angleterre", S. 258.


Zehntes Kapitel.


Die Litteratur.


Mehr noch als in der Kunst hat die Auffassung- des Erotischen in der Litteratur eine ausserordentliche Bedeutung für die Erkenntnis des Charakters eines Volkes und einer bestimmten Kulturepoche desselben. „Von allen Gefühlen," sagt Georg Brandes, „welche die Dichtkunst behandelt, spielt das erotische die grösste Rolle. Wie es aufgefasst und dargestellt wird, ist ein Moment von der höchsten Bedeutung zum Verständnisse des Zeitgeistes. An der Auffassung des Erotischen kann man, wie an dem feinsten Messinstrumente, die Stärke, die Art und den Wärmegrad des Gefühlslebens einer ganzen Zeit erkennen." 1 )

Dieses allgemeine Urteil über die Bedeutung des Erotischen in der Poesie und Prosa der Völker lässt sich auf seine Richtigkeit am besten prüfen, wenn man den krassesten Ausdruck des Erotischen, wie er in der sogenannten „erotischen* Litteratur im engeren Sinne sichtbar wird, ins Auge fasst In der That spiegelt


») Georg Brandes JDit Hauptströmimgeii der Litteratur des 19. Jahrfauadexts" 6. Auflage, Leipsig 1S99 Bd. ED. S. 230.


— 321 —

sich der Charakter eines Volkes in der erotischen Litte- ratur desselben sehr deutlich wieder. Jene eitremen Auswüchse des englischen Nationalcharakters, die in der Einleitung zum ersten Bande des vorliegenden Werkes geschildert wurden, die Brutalität, Roheit, Exzentrizität, sie stossen uns in der eigentlichen erotischen Litteratur noch mehr auf als in den der gewöhnlichen Belletristik und Dichtkunst angehörigen Schriften, die daneben doch auch die ganze Gediegenheit, Tiefe, Sentimentalität und Schwermut der englischen Volksseele uns offenbaren. Das Wort Boileau's:

Les Anglais dans les mots bravent l'honn6tet6,

gilt also uneingeschränkt nur von der erotisch-obscö- nen Litteratur. Von dieser urteilt der weitaus gründ- lichste und berufenste Kenner, Pisanus Fraxi: „Die englischen erotischen Erzählungen sind traurige Produkte vom litterarischen Standpunkte, der allein sie in den Augen eines gebildeten Menschen entschuldigen könnte. Es scheint in der That, dass die englische Sprache sich nicht für die Darstellung erotischer Gegenstände eignet und dass uns eine delikate Behandlung derselben unmög- lich ist. Jene raffinierte und verfeinerte Sinnlichkeit, welche Eugöne Sue, selbst ein grosser Held in der Debauche, die „religion des sens — non la sensualitö vnlgaire, ignare, inintelligente, mais cette sensualit6 exquise qui est aux sens ce que l'atticisme est k Vesprit - nennt, findet sich selten, ich kann wohl sagen, niemals bei uns. Im Gegenteil bestreben sich unsere Schrift- steller auf diesem Gebiete das dem Buffon zugeschrie- bene Wort „qu'il n'y avait de bon en amour que le physique" breit auszuführen und das mit den rohesten Worten und brutalsten, gemeinsten Ausdrücken,

Dtthren, Dm Geschlechtsleben in England.»** 21


— 322 —

so dass ihre Erzählungen unglücklicher- oder vielmehr glücklicherweise eher abstossen als anziehen und nur durch nnser sehr vielsagendes Wort „bawdy" qualifiziert werden können." 1 )

Er führt diesen abstossenden Charakter der eng- lischen Erotik zu einem grossen Teil auch auf den Um- stand zurück, dass, während in Frankreich, Italien und selbst in Deutschland hervorragende Denker und Schrift- steller es nicht verschmäht haben, das Gebiet des eigent- lich Erotischen zu betreten, in England nur die „veriest grubbians", meist Leute ohne jede litterarische und künstlerische Bildung ihre Federn in den Dienst von Venus und Priapus gestellt haben. Der grösste Name, dessen England sich rühmen kann, ist John Cleland, und auch er ist nur ein Stern niederer Grösse in Ver- gleichung mit zahlreichen französischen Pornographen seiner Zeit.*)

Noch schlimmer wurde die Sache als der Einfluss der fremden, namentlich französischen Erotik sich be- sonders im Laufe des 19. Jahrhunderts bemerkbar machte. Man übernahm alle Unnatürlichkeiten, alles Raffinement von den Franzosen, aber ohne ihre Delikatesse im Aus- druck und in der Form. Und so bietet die neuere englische Erotik ein widerliches Gemisch von ge- meinster Roheit und gröbster Widernatürlichkeit dar. „Wenn wir", sagt Fraxi, „Erzählungen wie die „Me- moire of a Woman of Pleasure", die „Memoire of a Cox- comb" mit der „Romance of Lust", der „Experimental Lecture" oder den „Lascivious Gems" vergleichen, so bemerken wir, dass in den erstgenannten Büchern die

») P. Fraxi „Catena" S. XL-XLII.

  • ) Vergl. P. Fraxi „Index" S. XVIII.


— 323 —

Charaktere, Szenen und Zufälle natürlich sind, die Sprache nicht übermässig roh ist, dass dagegen in den letzteren die Charaktere nnd Ereignisse unmöglich, die Worte und Ausdrücke höchst schmutzig und gemein sind. Clelands Charaktere — Fanny Hill, der Geck, die Kupplerinnen und Wüstlinge, unter die sie geraten, sind nach der Natur geschildert und thun nur, was sie unter den sehr natürlichen Umständen, in die sie versetzt worden sind, gethan haben könnten und wollten, während die Personen der letztgenannten Werke ganz unwirk- liche Erzeugnisse verrückter Phantasie sind, deren Hand- lungen ganz unwahrscheinlich oder unmöglich sind." 1 )

Im Ganzen ist der erotische Wortschatz der Engländer ein ziemlich grosser, jedenfalls ein grösserer als der deutsche, wenn auch lange nicht so mannich- faltig und fein nuanciert wie das obscöne Argot der Franzosen. John Bee in seinem „Sportman's Slang" (London 1825) hat zahlreiche solche Worte verzeichnet Ausführlicher ist das englische Wörterbuch des Kapitän Grose:

„A Classical Dictionary of the vulgär tongue (by Captain F. Grose F. S. A.), London 1785, 8°." Zweite Auflage, bedeutend vermehrt, von Pierce Egan, London 1823, 8°.

Die erotischen Ausdrücke dieses Wörterbuchs sind unter dem Titel „An Erotic English Dictionary" aus- gezogen und zusammengestellt im zweiten Bande der Sammlung „ffjpwmto«" (Heilbronn 1884 Bd. Ü,S. 271-276). Da sie für Linguisten, Kultur- und Literarhistoriker ein grosses Interesse darbieten, auch manche derselben


  • ) P. Fraxi „Catcna" S. XLII.

21*


— 324 —

bei den besten Prosaschriftstellern des 18. und 19. Jahr- hunderts aD getroffen werden (namentlich bei den Hu- moristen), so teile ich dieselben an dieser Stelle *) gleich- falls mit:

Abb ess, or Lady Abbess = eine BordeUbesitzerin, Kupplerin.

Acadexny, or pushing school = ein Bordell.

Ankle = man sagt von einem geschwängerten Hädchen, dass e»

seinen Knöchel (ankle) verstaucht hat. Armour, to fight in = ein Condom benutzen. Aunt = Kupplerin (eigentlich „Tante").


Back gammon player = ein Fäderast.

Usher or gentleman of the bag door = ein Päderast.

To Bagpipe = irrumare.

Basketmaking = Kopulation (eigentlich „Korbmachen").

Bawbles = Testiculi. *

Beard Splitter = ein Wüstling.

Beast with two backs = Mann und Weib in coitu (das „Tier

mit zwei Rücken" nach der bekannten Stelle in Shake-

speare's „Othello"). Bio wer = eine Hure. Bobtail = Hure, Eunuch, Brim = Prostituierte. Brother Starling = einer, der bei derselben Frau schläft

(eigentlich „Bruder Staar"). Brush, to have a, with a woman = Coitus. Buck-fitch = ein lüsterner Alter. Bumbo = Negerwort für pudendum muliebre. Butte red bun = von jemandem, der mit einem eben von einem

Anderen benutzten Mädchen verkehrt, sagt man, dass er

einen „buttered bun u hat. Buttock = Hure. Buttock bell --— Coitus.


  • ) Es ist dies zugleich eine Ergänzung zu den früher,,

namentlich im 7. Kapitel mitgeteilten erotischen Termini technicL


-^- 325 -^- •

Cat = Dirne.

Cauliflower = pudendum mulicbre.

Clicket = Coitug.

Cockalley or Cocklane = pudendum muliebre.

Coffeehouse = Coitus prolongatus oder interruptus.

Cooler = Frau.

Commodity = pudendum muliebre.

Corporal: to mount a corporal and 4 = Onanie (corporal

Daumen; 4 (flngers) = Genitalien). Crack = Hure. Crinkums = Syphilis. Cun dum = Condom.


Dock = futuere.

Do o die = membrum pueri.

Dripper = Gonorrhoe.

Dry bob = Coitus sine emissione.

Dumb glutton = Pudendum muliebre.

Dumb watch = Bubo.


Facemaking — Coitus.

Fen = Kupplerin oder Lustmadehen.

Fireship — . syphilitische Frau.

Flyer = Coitus extra lectum.

Fr ig, to = masturbare.

Fuck = futuere.


Games = Hure.

Gap-stopper = Bordellwirt.

Gigg = pudendum muliebre.

Giblets, to join = futuere.

Gingambobs = testiculi.

Goats giggs = Coitus.

Gobble prick = ein wollüstiges Weib.


Old Hat = pudendum muliebre. Hooks, eunt = Finger. Hörn colick = Priapismus.


— 326 —


Huffle -= Bestialität. Hnmp, to =- futuere.


Indorser = Päderast.

Jock or Jockun cloy = futuere.


Kettle drum s = Mammae. Knock — futuere.


Ladybirds — Huren.


Ladybirds — Huren.

Larking = a lascivious practice tbat will not bear explanation.

Lobcock = membrum magnum relazatum.


Machine — : Condom.

Madge — Pudendum muliebre.

Madge Culls =~. Fäderasten.

Mantrap == Pudendum muliebre.

Mettle ■= Sperma.

to fetch mettle = onanieren.

Molly -.^ Päderast

Mow = futuere (schottisch).

Muff = Pudendum muliebre.

Nigling = futuere. Notch — Pudendum muliebre. Nub — Coitus. Nutmegs == Testiculi.


Peppered ~ syphilitisch. Plug tail = Membrum virile. Prick = Membrum virile. Prigging = Coitus.


Riding St. George = Coitus invereus.

Roger — Membrum virile.

to roger = futuere.

Running horse or nag = Syphilis.


Screw = futuere. S t rappin g =- Coitus.


— 327 — -

Stroke, to take a — futuere.

St renn = futuere.

Sunburnt — mit Gonorrhoe inficirt.

Swive = futuere.


Tally wags oder tarrywags -= Testiculi. Thomas, Man = Membrum virile. Tiffing = Coitus. Token = Syphilis. Tom hup = futuere.


Wap =-- futuere.

Wh if fies = scrotum relaxatum.

Whirligigs = Testiculi.

Windwind passage, one who uses or navigates the = Päderast

Es lässt sich nicht leugnen, dass sich .in diesen Paraphrasen geschlechtlicher Dinge mitunter ein sehr drastischer und origineller Humor ausspricht, der, grob und ungeschlacht wie er ist, doch recht treffende Ver- gleichungen zu wählen versteht Diese zahlreichen Vergleichnngen und Benennungen obscöner Dinge mit anderen Namen haben der englischen Sprache einen grossen Schatz von zweideutigen Worten hinzugefügt, die der Fremde kennen mnss, um nicht — was sehr oft passiert — einen argen gesellschaftlichen Verstoss gegen die gute Sitte zu begehen. Der gelehrte Kenner des Londoner Jargon, Heinrich Baumann, hat in seinen „Londinismen" diese equivoken Wörter in folgenden Versen zusammengestellt:

Sprich niemals backside anstatt back, Mit Wörtchen bottom nicht erschreck'. VerwechsF pot ja nicht mit po; Hut' dich zu sagen: I' sh'd tbink so! In farther sprich das te-age aus. In sting ist k dem Ohr ein Graus.




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Zu englischen Ohres Schreck' und Weh'

Sprich niemals hart das b und g:

In cog, frog und big,

In fog, brig und brick.

Euf immer psh! und niemals pißt!

Hut' dich vor grind, spent, clap und kissed!

Nie Damen nach ihrem kitten frag',

Nie von ihren flowers zu sprechen wag 1 .

Wort purse mit grosser Vorsicht brauch',

„My precious s ton es" zweideutig auch!

Cock-chafer bedeutet ein Insekt,

Doch darin noch was andres steckt.

Übersetze stets das deutsche Büttel

Mit beadle, aber nie mit piddle.

Verwechsle nimmer chair mit stool

Hab' acht auf die Wörtchen yard und tool! *

Das Wörtchen foot sprich rasch, nicht food,

Doch mit Wort sheet dich ja nicht sput'.

Bomb, bum man verschieden prononciert:

Bomb nach oben, bum nach unten explodiert.

Wenn eine Dam' von Hitz ist rot,

So frage niemals: „Are you hot?"

Frag' nie, ob sie „with balls" gern spiel',

Noch gar, ob foot- balls ihr gefiel'.

Ob nuts sie lieb', sie auch nicht frag',

Anstatt des „mit" stets „walnut" sag'.

Ihr „leg" bezeichne stets mit „foot".

Den Bauch der „stomach" vertreten thut.

Verwechsle breast, ehest, bosom nie,

Sag' nie, du wohnest in W. C.! 1 )

Eine letzte Eigentümlichkeit der englischen Erotica, die denjenigen anderer Völker abgeht, ist der viel- versprechende, ausserordentlich lange, meist stark ge- würzte (highly spiced) Titel der meisten von ihnen.


  • ) H. Baumann „Londinismen, Slang und Gant." Berlin

1887. S. LXXXIX-XC.


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Man kann wohl sagen, dass je länger der Titel ist, desto wertloser der Inhalt Besonders zahlreiche kleine Broschüren von ein paar Seiten Umfang, meist ans den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, suchten durch derartige raffinierte Inhaltsangaben von bedeutender Länge auf dem Titel Käufer anzulocken. Als Spezimen sei an dieser Stelle ein sehr charakteristisches Beispiel eines solchen Titels angeführt:

„Yokel's Preceptor: or, More Sprees in London! being a regulär and Curious Show-Up of all the Bigs and Doings of the Flash Cribs in this Great Metropolis; Particularly Goodered's Famous Saloon — Gambling Houses — Female Heils and Introducing Houses! The Most Famous, Flash, and Cock — and— Hen Clubs, etc. — A füll Description of the Most Famous Stone. — Thumpers, particularly Elephant Bet, Finnikin Fan, the Yarmouth Bloater, Flabby Poll, Fair Eliza, the Black Mott, etc. : And it may be f airly styled Every Swankey's Book, or The Greenhorn's Guide Thro' Little Lunnon. Intonded as a Warning to the Inexperienced — Teaching them how to Secure their Lives aud Property during An Excursion through London, and calculated to put the G alpin always upon his guard. — Here will be found A Capital Show — Up of the Most Infamous Pegging Kens. Bellowsing Rooms. Dossing Hotels Sharking Fakes. Fencing Cribs. Fleecing Holes. Gulping Holes. Molly Clubs, etc. etc. etc. To which is added A Joskin's Vocabulary Of the various Slang Words now in constant use; the whole being a Moving Picture of all the New Moves and Artful Dodges practised at the present day, in all the most notorious Flymy Kens and Flash Cribs of London ! By which the Fiat is put Awake to all the


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Plans adopted to Feather a Green Bird, and let him into the Most Important Secrets. With a Characteristic Engraving. Price One Shilling. London: Printed and Published by H. Smith, 37, Holywell street, Strand. Where may be had a Catalogue of a Most Extensive Variety of every choice and Gurions Facetioos Work. u

Diesem ersichtlich sehr viel versprechende Titel folgt eine Broschüre von 31 Seiten in Duodezformat!


Die Geschichte der eigentlichen „erotischen" Litteratur in England d. h. jener Schriften, die das Geschlechtliche um seiner selbst willen zum Gegenstande der Behandlung' machen, beginnt erst mit der Restanration. Da erst wird die Erotik zn einem Raffinement, das als Würze, Abwechselung und Steigerang der Alltagsliebe be- trachtet wird. Schriften werden nur zu diesem Zwecke verfasst.

Dem derben Naturalismus der mittelalterlichen englischen Litteratur bis auf Shakespeare und seine Zeitgenossen war diese künstliche, absichtliche Betonung des Geschlechtlichen ebenso fremd wie die spätere Prüderie, deren Anfänge im Puritanismus der Protektorats- epoche zu suchen sind. Von Chaucer bis auf Marlowe und Shakespeare wurde viel gezotet, aber die Obscönität war eine naive. „Prüderie war damals und noch lange nachher ein unbekanntes Ding. Frisch von der Leber weg zu sprechen, auch da, wo es geschlechtliche Ver- hältnisse und andere Natürlichkeiten galt, lag im Charakter einer Zeit, deren Menschen laut auflachen müssten, er- führen sie, zu welchen minniglichen, sianiglichen, innig-


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liehen, ftthlsamlichen Traganthpuppen läppische Roman- tiker unserer Tage sie gemacht haben. 1 )

Wharton weist darauf hin, dass im ganzen Mittel- alter nicht nur die schlimmsten Verletzungen der Keusch- heit erlaubt und gang und gäbe waren, sondern auch die schändlichsten Laster als harmlos galten. Erst die bewusste Verfeinerung des Lebens ergrübelt neue laster- hafte Genüsse, verhindert aber auch zu gleicher Zeit so kolossale Ungeheuerlichkeiten auf geschlechtlichem Gebiete, wie sie im Mittelalter vorkamen und verlegt vor allem die Ausschweifungen von der Oeffentlichkeit in geheime und verborgene Schlupfwinkel. 2 )

Bei Geoffrey Chaucer, dem ersten englischen Dichter, finden wir daher obseöne, sehr obseöne Stellen. Besonders in den „Canterbury Tales" ist die verblümte und unverblümte Zote oft sehr stark vertreten. Einige Stellen aus dem „Prologe des Weibes von Bath M dürftea genügen, um eine Vorstellung von der natürlichen Derbheit jener Zeiten zu geben. So wird lang und breit die Thatsache erörtert, dass die Geschlechtsteile gleichzeitig auch für das Urinieren eingerichtet sind:

Teil me also, to what conclusion

Were membres made of generation,

And of so parfit wise a wight ywrought?

Trusteth mc wel, they were nat made for nought.

Qlose who so wol, and say bothe up and doun,

That they were made for purgatioun

Of urine, and of other thinges smale,

And eke to know a female from a male:


x ) Johannes Scherr, „Geschichte der Englischen Literatur".. 2. Anfl. Leipzig 1874. S. 88—89.

■) Vergl. Thomas Wharton, „History of English Poetry"^ London 1775. Bd. II, S. 266.


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And for non other cause? say ye no? The experience wot wel it is not so. So that the Clerkes be not with me wroth, I say this, that they maked ben for both, This is to sayn, for office, and for ese Of engendrure, ther we not God displese. Why shuld men elles in hir bookes sette, That man shal yelden to his wif hire dette? Now wherwith shuld he make his payement, If he ne used his sely instrument? Than were they made upon a creature To purge urine and eke for engendrure. 1 )

In höchst naiver Weise schildert uns die gute Frau von Bath, die fünf Männer begraben hat, ihre stark entwickelten Neigungen für die Freuden der Venus und

•des Bacchus:

As helpe me God, I was a lusty on

And faire, and riebe, and yonge, and wel begon:

And trewely, as min husbondes tolden me,

I had the beste queint that mighte be.

For certes I am all venerian

In feling, and my herte is marcian:

Venus me yave my lust and likerousnesse,

And Mars yave me my sturdy hardinesse.

I folwed ay min inclination

By vertue of my consteüation:

That made me that I coude nat withdraw

My chambre of Venus from a good felaw.

Yet have I Martes merke upon my face,

And also in another privee place.

For God so wisly be my salvation,

I loved never by no discretion,

But ever folwed min appetit,


l ) „The Canterbury Tales. By Geoffrey Chaucer. From 4heText and with the Notes and Glossary of Thomas Tyrwhitt. Xondon (Routledge) o. J. S. 160.


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All were he shorte, longe, blake, or white,

I toke no kepe, so that he Uked me,

How poure he was, ne eke of what degree ....

And I was yonge and ful of ragerie, Stibborne and strong, and joly as a pie. Tho coude I dancen to an harpe smalc, And sing ywis as any nightingale, Whan I had dronke a draught of swete wine. Ne shuld he nat have daunted me fro drinke: And after wine of Venus most I thinke. For al so siker as cold engendreth hayl, A likerous mouth most han a likerous tayl. In woman vinolent is no defence, This knowen lechours by experience, *)

und noch naiver, ohne ein Blatt vor den Mund zir. nehmen, erzählt sie uns ihre Erlebnisse im Ehebette:

But in our bed he was so fresh and gay, And therwithal he coude so well me glose, Whan that he wolde han my belle chose, That, though he had me bet on every bon, He coude win agen my love anon. 2 )

Das Masslose, Barocke, Bizarre in der Liebe,, das Ungeheure einer wahnsinnigen Leidenschaft r . gigantische kolossale Ausschweifungen der Wollust — alle diese satanischen Elemente der Liebe findet mau in den Dramen und poetischen Träumen einiger Vor- gänger und Zeitgenossen des Shakespeare, bei Marlowe, Greene, Ford, Webster, Massinger u. A. Die „Einbildungskraft unterdrückte in ihnen die* Vernunft." Die Liebe wird zu einem Delirium, das mit.


  • ) ibidem S. 172; S. 168-169.

«) ibidem S. 170.


rasender Gewalt alles um sich her und zuletzt sich selbst vernichtet. Alle diese Dichter, die Friedrich Bodensted t in seinem geschätzten Werke „Shakespeare 's Zeit- genossen und ihre Werke" (Berlin 1868, 3 Bände) aus- führlich behandelt hat, kennen nur die Schrecken und Leiden der Liebe, nicht ihre Freuden. Das Weib wird zu einem Teufel, wie in Webster's „Yittoria Aecoramboni", welches Drama auch den Untertitel „Der weisse Teufel" (The white devil) fährt

Doch auch weibliche Anmut, der alte „echt germa- nische" Instinkt weiblicher Treue und ehelicher Liebe wird uns von diesen Dichtern in einzelnen Typen vor- geführt, wie Beaumout und Fletcher's Bianca, Ordella, Arethusa, Juliane, Webster's Herzogin von Amalfi und Isabella, Ford's und Greenc's Peuthea und Dorothei solche darstellen.') Die verlassene Aspasia in Beaumont und Fletcher's „Die Braut" ist dieselbe zarte, rührend«  Gestalt wie Hhakespeare's Ophelia. Sie

Ist ganz, untröstlich, ihre nassen Äugen Zur Erd' gekehrt. Die unbeliebten Wälder Sind ihr Vergnügen. Wenn sie einen Hagel Voll Blumen eieht, mit Seufzern sagt sie dann Den Dienerinnen, wie er schiin sich schicke Zum Grab für Liebende und lässt von ihnen Sich denn damit bestreu'n gleich einer Leiche.

(„Die Braut" Akt 1, Szene 1).

Solche rührenden poetischen Gestalten treten ii krasser Weise oft unmittelbar neben Morden, Erdrossel- ungen, Schlachtgeheul und den rohesten Ausschweifungen auf und wirken dadurch um so stärker.


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Als der Moralist dieser Zeit muss Ben Jonson betrachtet werden. Sprach aus den Schilderungen der vorgenannten Dichter lebendiger Wirklichkeitssinn, der in der Beschaffenheit dieses rohen, aasschweifenden Zeitalters wurzelte, so ist Ben Jonson mehr Theoretiker, er zeigt das Laster — freilich in seiner ganzen Ueppigkeit und Masslosigkeit — nur, um es zu bekämpfen. So entfaltet sich in seiner berühmten „Volpone" die „volle Schönheit der bösen Gelüste". Die „Ausschweifung, Grausamkeit, Liebe zum Golde und Schamlosigkeit des Lasters schwelgen in einer glänzenden und unheimlichen Poesie, die einer tizianischen Bacchanalie würdig ist." 1 ) Ein Zwerg, ein Eunuch und ein Mannweib treten in diesem Stücke auf, als Typen der Stadt sinnlicher Lüste und der Königin der Laster: Venedigs.

Alle Erscheinungen und , Aeusserungsweisen der Liebe, das Gemeine und Ideale in ihr, das Tragische und Komische, ihre Narretei und Weisheit, Ausschweifung und Treue, ihre guten und bösen Folgen hat Shakespeare mit unnachahmlicher Meisterschaft dargestellt. Finck nennt ihn daher den ersten Dichter der modernen Liebe.

„Es sind die Werke Shakespeares, in denen die verschiedenen Gefühle, Antriebe und Stimmungen, welche die Liebe ausmachen — die sinnliche, die ästhetische und die geistige — zum ersten Mal im richtigen Ver- hältnis mit einander gemischt erscheinen. Shakespeares Liebe ist moderne Liebe, in ihrem vollsten Wachstum, und darum erfordert sie zu ihrem Verständnis keine besondere Analyse. Es ist eine ursprüngliche Leiden-


  • ) Taine a. a. 0. Bd. I, S. 442.


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schaft, gereinigt und veredelt durch geistige, sittliche und Ästhetische Kultur." 1 )

Im allgemeinen ist die Liebe bei Shakespeare eine „fibermenschliche 11 Leidenschaft, etwas mit irdischer Vernunft nicht zu Begreifendes, jenseits von Gut und Böse Liegendes, das den Menschen wider seinen Willen ergreift und zu allem Erhabenen oder Schändlichen mit sich reisst Die Liebe ist eine Ekstase, eine Verzückung, daher auch die hauptsächliche Triebfeder des poetischen Schaffens.

Sehr schöne Ausfuhrungen über diese Auffassung- und Bedeutung der Liebe in Shakespeare's Werken finden sich in einer Schrift von Ludwig Büchner.*)

„Der grosste aller Dichter und Menschen, Shake- speare, nimmt keinen Anstand, die Liebe vom Himmel abzuleiten und ihr Gesetz als ein allen menschlichen Satzungen, aller menschlichen Ordnung weit fiberge- ordnetes darzustellen:

Es sprach der Himmel selbst aus Deinem Aus/ (Ihm kann die Welt nicht bündig widersprechen) Und liess mein Hers sein falsch Gelübde brechen; Drnm bin ich frei von der Vergeltung Brauch.

Die Fran'n verschwor ich, doch ich kann beweisen, Da Göttin Da, es galt nicht Deiner Hold! Mein Eid war irdisch, doch aas Himmelskreisen Stammst Do, and sannst durch Liebe jede Schuld!

Mein Schwor war Hauch, and blosser Dunst ist Hauch. Den sauge auf, du schönes Sonnenlicht, Dann ist er dein, und wenn gebrochen auch,


s ) H. F. Finck „Romantische Liebe und persönliche Schön- heit" Breslau 18S4 Bd. I, S. 223.

  • i L. Büchner „Liebe und Liebesleben in der Tierwelt*

Berlin 1879 S. 6—8.


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So brach ich selber mein Gelübde nicht.

Und brach' ich's, welcher Thor war' nicht so klug,

Zu tauschen Himmelsglück für solchen Bruch!

So entschuldigt sich Longaville, einer der vier gegen die Liebe Verschworenen in „Liebes Leid nnd Lust", wegen des schnellen Braches seines voreilig ab- gelegten Gelübdes; nnd als nun endlich alle vier gleich- massig den Pfeilen des Liebesgottes erlegen und ihren feierlichsten Schwüren untren geworden sind, da suchen sie bei Biron, dem scharfsinnigsten und wortgewandte- sten der vier Gesellen, Trost und Hülfe gegen sich selbst Diese Hülfe wird ihnen denn auch mit leichter Mühe gewährt in einer Ansprache, welche als ein wahrer Dithyrambus der Liebe und des Frauenlobs angesehen werden kann, und welcher gewissermassen als die Krö- nung des ganzen, der Verherrlichung der Liebe gewid- meten Gedichts erscheint:

Die niedren Künste halten ganz das Hirn Gefangen; trockne Geister finden kaum Für schweres Mühen einen magren Lohn. Doch Liebe, die aus Frauenaugen leuchtet, Lebt nicht allein vermauert im Gehirn: Nein, mit Bewegung aller Elemente Strömt sie gedankenschnell durch jede Kraft, Verleihend jeder Kraft zweifache Stärke Weit über Pflicht und Wirkungskreis hinaus. Sie leiht dem Aug* ein wunderbares Licht, Und schärfer ist ihr Blick, als der des Adlers. Ihr Ohr vernimmt das leiseste Geräusch, Wo selbst der Dieb argwöhnisch nichts entdeckt. Der Liebe Fühlen ist so fein und leis, Dass sie besiegt der Schnecke zartes Hörn Und an Geschmack selbst Bacchus übertrifft. Ist sie an Stärke nicht ein Herkules

Dtthren, Daa Geschlechtsleben in England.*** 22


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Und raubt gleich ihm der Hesperiden Fracht?

An Schlauheit gleich der Sphinx? An Harmonie

Apollo's haarbespannter Leier gleich?

Wenn Liebe spricht, macht aller Götter Mund

Den Himmel trunken von harmonischer Lust.

Nie rührt' ein Dichter eine Feder an,

Eh* er die Tinte mischt' mit Liebesseufzern.

Dann erst entzückt sein Lied der Wilden Ohr

Und wecket Müde in Tjrannenbrust.

Daher aus Frauen- Augen folgt der Schluss:

Sie sprühen noch jetzt Prometheus' echtes Feuer,

Sie sind die Bücher, Künste, hohe Schulen,

Umfassend und ernährend alle Welt,

Und ausser ihnen giebt es nichts Vollkommnes.

Und der grosse Dichter selbst, der alle Höhen und Tiefen des Lebens und der Menschenbrust aasgemessen und von allem, was Dichtkunst bis jetzt liefern konnte, das Vollkommenste geliefert hat, erklärt offen die Liebe für die eigentliche Triebfeder seines gesamten geistigen Schaffens und giebt uns darüber Rechenschaft und Auf- schluss in jenem berühmten Sonett, in welchem er uns mit einfachen Worten das letzte und einfachste Ge- heimnis seiner Kunst enthüllt, und uns in die ver- borgensten Falten seines grossen Dichterherzens sehen lässt:

wisse, BÜSBe Liebe, immer sing' ich Nur Dich allein, Du meines Lieben Leben! Hein Bestes nur in alte Worte bring* ich, Stets wiedergebend, was schon längst gegeben. Denn wie der Sonne Auf- und Untergang, Alt und doch täglich neu ist mein Gesang!

Kein Dichter, selbst Goethe nicht, hat so viele und mannigfaltige Frauengestalten geschaffen, wie


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Shakespeare, deren eigenartiger Reiz unsere Heine 1 ) und Bodenstedt*) zu einer monographischen Behand- lang begeistert hat. Ophelia, Miranda, Julia, 8 ) Desde- mona, Virginia, Imogen, Cordelia, sind Verkörperungen zarter Lieblichkeit, echt weiblicher Sanftheit und An- mut. Es sind „reizende Kinder, die masslos fühlen und wahnsinnig lieben. Sie haben Anwandlungen von Un- gezwungenheit, kleine Zornesausbrüche, hübsche Freund- schaftsworte, kokette Widerspenstigkeiten, eine anmutige Beweglichkeit und erinnern an das Gezwitscher und die Niedlichkeit der Vögel. Während die Heldinnen der französischen Bühne fast Männer sind, sind die Shakes- peare's Weiber im vollsten Sinne des Wortes." 4 )

Kommt in diesen Frauen die romantisch-ideale Liebe zu einem herrlichen Ausdrucke, so hat Shakespeare auch die dämonisch-bacchantischen Züge in der Frauen- liebe in der Gestalt der Kleopatra geschildert. Kleo- patra „repräsentiert die Liebe einer schon erkrankten Zivilisation, einer Zeit, deren Schönheit schon abwelkt, deren Locken zwar mit allen Künsten gekräuselt, mit allen Wohldüften gesalbt, aber auch mit manchem grauen Haar durchflochten sind, einer Zeit, die den


') Heinrich Heine „Shakespeare's Mädchen und Frauen" (1838) in: Sämtliche Werke herausgegeben von Otto F. Lach- mann, Leipzig (Reclam) Bd. II, S. 890-486.

  • ) FriedrichBodenstedt „Shakespeare's Frauencharaktere"

4. Aufl. Berlin 1887.

  • ) „Womit aber soll ich euch vergleichen, Julia und Miranda?

Ich schaue wieder nach dem Himmel und suche dort euer Eben- bild. Es befindet sich vielleicht hinter den Sternen, wo mein Blick nicht hindringt. Vielleicht, wenn die glühende Sonne auch die Milde des Mondes besässe, ich könnte dich mit ihr vergleichen, Julia! Wäre der milde Mond zugleich begabt mit der Glut der Sonne, ich würde dich damit vergleichen, Miranda!" Heinrich Heine a. a. 0. S. 486.

4 ) Taine a. a. 0. Bd. I, 8. 508.

22*


340


Kelch, der zur Neige gebt, am so- hastiger leeren will. Diese Liebe ist ohne Glauben tmd ohne Treue, aber darum nicht minder wild und glühend. Inj ärgerlichen Bewusstsein , dass diese Glut nicht zn dämpfen ist, giesst das ungeduldige Weib noch Oel hinein, und stürzt sich bacchantisch in die lodernden Flammen." 1 )

Shakespeare hat nicht bloss das Wesen der mensch- lichen Liebe und ihre verschiedenen Aeusserungsweisen auf eine geniale Weise erschaut. Er ist auch ein höchst realistischer Beobachter aller rein körperlichen Er- scheinungen derselben. Freilich ist das berühmte ,.Tier mit zwei Rücken" im Munde Jago's (the beast with two backs) nur eine Uebersetzung eines alten franzö- sischen Sprichworts, das schon von Rabelais gebraucht wird, wie Le Roux in seinem „Dictionnaire Comique" nachgewiesen hat 8 ), aber sonst finden sich mancherlei feine Beobachtungen über die physische Liebe bei Shakespeare.

Hierher gehört z. B. die Aeusserung über den Ge- schlechtstrieb der Kastraten in „Antonius und Kleopatra": K ] cop a t •;.!. Du Hämmüng, Mardia


Mardii Kleopa


Mardian. Klcopatra.

Mardian.


Was gefallt Euer Hoheit?

Nicht jetzt Dich singen hören. Nichts gefällt mir

An einem Kämmling. Es ist gut für Dich,

Haas, ohne Saft und Hark, Dein freier Sinn

Nicht Siehn mag aus Ägypten. — Kannst Du lieben?

Ja, gnäd'ge Fürstin.

In der That?

Nicht in der That! Ihr wisst, ich kann nichts thm


') H. Heine a. a. 0. S. -185— 4S<5. "1 Vergl. John Davenport „Curiositates Eroticae Physio- logiae" London 1875 8. 18.


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Was in der That nicht ehrsam wird gethan. Doch fühl' ich heft'ge Trieb', und ^Lenke mir, Was Venus that mit Mars.

(Antonius und Kleopatra, Akt I, Szene 5).

Wohl kein Dichter hat ferner so häufig auf die bösen Folgen unreiner Liebe hingewiesen wie Shake-r speare. Namentlich die Syphilis wird ausserordentlich oft erwähnt und an einigen Stellen sehr naturwahr und drastisch geschildert. So sagt Timon zu den Courti- sanen Phrynia und Timandra:

Buhlt fort!

Schminkt, bis ein Pferd euch im Gesicht bleibt stecken:

Ruuzeln, was Runzeln!

Auszehrung sä't ins hoble

Gebein des Mannes, lähmt ihm der Schenkel Knochen;

Des Reiters Kraft zerbrecht; des Anwalts Stimme,

Dass er nie mehr den falschen Spruch vertrete,

Und Unrecht kreische laut. Umschuppt mit Aussatz

Den Priester, der, auf Sinnenschwachheit lästernd

Sich selbst nicht glaubt: fort mit der Nase, fort,

Glatt weg damit! nehmt alle Spürkraft dem,

Der, fern der Fährte des gemeinen Wohles,

Für sich nur schnüffelt; macht krausköpfige Raufer kahl;

Dem unbenarbten Kriegesprahler gebt

Doch cin'ge Qual von euch; verpestet Alles

Und eure Thätigkeit erstick' und dörre

Die QueUe aller Zeugung. — Nehmt mehr Gold! —

Verderbt die Andern, und verderb* euch dies

Und Schlamm begrab 1 euch Alle!

(Timon von Athen, Akt IV, Szene 3).

Proksch, der die Stellen über Syphilis bei Sha- kespeare zusammengestellt hat, 1 ) urteilt von dieser


  • ) J. K. Proksch „Einige Dichter der Neuzeit über Syphilis.

Bin Beitrag zur Geschichte und Litteratur dieser Krankheit" Wien 1881 S. 4—6.


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Schilderung: „Trotzdem hier Shakespeare den Namen der Krankheit gar nicht nennt, so wird es doch keinen einzigen gebildeten Arzt gegeben haben, noch je geben, welcher ans diesem, vor nahezu 300 Jahren geschriebenen Fluche des Timon von Athen nicht augenblicklich und klar das getreue Bild der Syphilis erkannt hat und ffirder erkennen wird. Exanthem (und, wie das Wort Aussatz sagt, kein leichtes), Alopecie, Kehlkopf affectionen, Knochenleiden und „fort mit der Nase, fort, glatt weg damit" — so malt nur ein Meister von so unerreich- barer Grösse wie Shakespeare."

Andere, mehr humoristische Erwähnungen der Lust- seuche finden sich im „König. Heinrich der Vierte, Zweiter Teil" (Akt I, Szene 2), in „König Heinrich der Fftnfte" (Akt V, Szene 1), in „Hamlet" (Akt V, Szene 1), in „Maass für Maass" (Akt I, Szene 2).


Die Geschichte der eigentlichen grob -erotischen und obscönen Litteratur in England beginnt mit dem Zeitalter der Restauration, wo der Kultus des Geschlecht- lichen um seiner selbst willen die Sitten, das Theater und die Litteratur beherrscht. Nach den titanenhaften Gestalten eines Marlowe und Shakespeare und ihren ebenfalls von einem genialen Schwünge und von Grösse erfüllten Zeitgenossen kam unter den Königen Karl IL und Jakob IL ein jüngeres Geschlecht von Schön- geistern auf, das von Dryden bis auf Durfey das Obscöne und Zweideutige vor allem pflegte und eine „hartherzige, schamlose und polternde Zögellosigkeit" zur Schau trug.

„Der Einfluss dieser Schriftsteller," sagt Macau- lay, „war ohne Zweifel schädlich, aber weniger schäd-


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lieh, als er gewesen sein würde, wenn sie weniger verworfen gewesen wären; das Gift, welches sie ver- breiteten, war so stark, das3 es nach nicht langer Zeit durch Erbrechen wiederum beseitigt ward. Keiner von ihnen verstand die gefährliche Kunst, die Bilder un- erlaubter Freuden mit dem zu schmücken, was sie hebt und reizend macht; keiner von ihnen gewahrte, dass ein gewisser Anstand selbst für die Wollust unentbehr- lich ist, dass Verhüllung mehr fesselt als Biossstellung, und dass die Einbildungskraft viel mächtiger erregt wird durch feine Winke, welche sie selbst zur Thätig- keit auffordern, als durch grobe Enthüllungen, welche sie im Zustande der Unthätigkeit lassen." 1 )

Der krasseste Vertreter der Restaurationserotik ist ohne Zweifel John Wilmot, Earl of Rochester, 8 ) von dem der allerdings etwas mehr als prüde Hume sagte, dass schon sein Name ein schamhaftes Ohr be- leidige. 8 ) In der That ist Rochester in seinen Ge- dichten und Dramen der Begründer einer neuen Art der Erotik: der obseönen Satire, in welcher er, was frechen Witz, drastisches Aussprechen der gemeinsten Zoten, aber auch Eleganz des Verses betrifft, wohl un- erreicht ist.

„Nie hat jemand," heisst es schon in Grammont's Memoiren, „anmutiger, feiner und gewandter geschrieben, als dieser Lord; doch in der Satire war dafür seine Feder auch von unerbittlicher Schärfe."*)


  • ) Thomas Babington Macaulay's „Geschichte von

England seit dem Regierungsantritte Jacob's II." Deutsch von Wilhelm He sei er, Braunschweig 1852 Bd. II, S. 133.

9 ) Vergl. über sein Leben Bd. II dieses Werkes S. 68—72.

») J. Scherr a. a. 0. S. 119.

  • ) „Memoiren des Grafen Grammont" Leipzig 1853 S. 187.


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Ein anderer Zeitgenosse, Bischof Burnet, rahmte yor allem den Witz Rochester's, der hierin Cowley und Boilean zu Vorbildern genommen, aber doch seinem Witze noch eine ihm eigentümliche boshafte Nuance ge- geben habe. 1 )

Selbst die obscönen Lieder und Stücke Rochester's haben, wie ein dritter zeitgenössischer Biograph urteilt, noch ihre „eigentümlichen Schönheiten", deren ähnliche man nur im Petronins and in den „Elegantiae latini sermonis" des Meursius finde. 2 )

Am besten von den modernen Literarhistorikern hat Taine den Charakter der Dichtungen Rochester's geschildert 8 )

„Rochester beraubt die Liebe zunächst allen Schmuckes, und um sie desto sicherer fassen zu können, verwandelt er sie in einen Stock. All die edlen Em- pfindungen, all die süssen Träumereien, all der holde Zauber, jener lichte, goldne Strahl von oben, der in einem Nu unser elendes Dasein erhellt und erheitert, jene Illusion, die in der Zusammenfassung aller Kräfte unsres Seins uns Vollendung vorspiegelt in einem end- lichen Wesen und ewige Wonne und Glückseligkeit finden lässt in einer flüchtigen Wallung — alles ist dahingeschwunden, zurück bleibt nur übersättigte Gier, abgestumpfte Sinnlichkeit Das Schlimmste dabei ist, er schreibt zu korrekt, ohne geistvollen Schwung, ohne natürliches Feuer, ohne pittoreske Sinnlichkeit; seine Satiren zeigen ihn als Schüler Boileau's. Nichts ist


'*) The Works of the Earls of Rochester, Roscommon, Dorset etc. London 1714 Bd. I, S. XXXVII. •) ibidem Bd. I, S. XX -XXI.

  • ) Taine a. a. 0. Bd. II S. 20.


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widriger als eine frostige Obscönität. Man erträgt die obscönen * Werke eines Giulio Romano und seine wollüstige venetianische Ueppigkeit, weil hier der Genius den sinnlichen Trieb adelt und die glänzende Farben- pracht seiner Draperien die Orgie zum Kunstwerk macht Wir verzeihen Babelais, wenn wir den tiefen Strom jugendlich frischer Lust und markiger Kraft er- kannt haben, der seine Schmausereien durchzieht: wir brauchen uns blos die Nase zuzuhalten und folgen dann mitten durch Kot und Schlamm mit Bewunderung, ja mit Sympathie dem klaren Strome seiner geist- und phantasievollen Gedanken. Aber ein Mensch, der ele- gant zu sein versucht und doch gemein und schmutzig bleibt, der die Gefühle eines Lastträgers in der feinen Sprache der gebildeten Welt zu schildern unternimmt, der angelegentlichst für jede Obscönität eine passende Metapher sucht, der geflissentlich, mit Vorbedacht seine Zoten reisst, der den feinen Stil zu solchem Dienst herab- würdigt, ohne zu seiner Entschuldigung Natürlichkeit, Schwung, Genialität, Wissen anführen zu können, der gleicht einem schmutzigen Schuft, der einen köstlichen Schmuck in den Rinnstein taucht. Zuletzt stellt sich Ekel und Krankheit ein."

Trotz alledem hat Rochester als Satiriker eine unbestreitbare litterarische Bedeutung, und man kann unbedenklich der Ansicht Grässe's 1 ) beistimmen, dass er bei längerem Leben Englands grösster Satiriker geworden wäre. Auch ist er durchaus nicht immer obseön, wie z. B. das folgende schöne Liebeslied 2 ) beweist :


') J. G. Th. Grässe „Handbuch der allgemeinen Literatur- geschichte" Leipzig 1850 Bd. III, S. 875. f ) The Works of Rochester I, 105.


Song. M\ dear Mistresa had a Heart Soft as thosc kiod Looks ahe gavc rac, When with Love's reaistlesB Art, And her Eyea, she did enslave mo.

But her Cotistancy'6 so weak, She'B bo wild, and apt to wander, That my jenlous Heart would break, Should wc live one Day asunder.

Melting Joys about her tnove, Killing Pleasures, wounding Busses; She can dreas her Eyes in Love, And her Lipa can arm witb Kisses.

Angela listen when she speaka, She's my Delight, all Mankinds Wonder; But my jealous Heart would break, Should we live one Day aBnnder.

Ebenso zart empfunden sind die folgenden Verse i die Geliebte '):


Why dost thou skade tby lovely Face? why Does th.it eclipsiug Hand of thine deny The Sun— Bbinc of the Sun'a enlivening Eye?

Without thy Light, what Light remaina in nie? Thou art my Life, my Way, my Light'? in thee? I live, I move, and by thy Beams I see.

Freilieb ist die Zahl dieser poetischen Ergüsse einer reinen Liebeslyrik nur gering in Vergleichung mit der- jenigen der obseönen Lieder, die oft trotz aller Zierlichkeit und Leichtigkeit des Verses im Zustande des Priapismus oder auch des physischen und moralischen Katzenjammers nacl


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einer durchschwärmten Nacht gedichtet zu sein scheinen. Bald dentet er das Obscöne durch eine Umschreibung an, bald schwelgt er im möglichst drastischen Aussprechen schmutziger Worte. Von der ersteren Methode giebt ein sehr gutes Beispiel das Lied „Et Caetera" l ):

Et Caetera. A Song.

In a dark, silent, shady Grove,

Fit for the Delights of Love,

As on Corinna's Breast I panting lay,

My right Hand playing with Et Caetera.

A thousand words and am'rous Eisses Prepar'd üb both for more snbstantial Blisses; And thas the hasty Moments slipt away, Lost in the Transport of Et Caetera.

She blush'd to see her Innocence betray'd, And the small Opposition she had made; Tet hugg'd me close, and witb a Sigh did say, Once more, my Dear, once more, Et Caetera.

But oh! the Power to please this Nymph was past, Too violent a Flame can never last; So we remitted to another Day The Prosecu tion of Et Caetera.

Ein Anfall von Satyriasis scheint dem Dichter den folgenden „Wunsch" 2 ) eingegeben zu haben:

The Wish. Oh! that J could by some new Chymick Art Convert to Sperm my Vital and my Heart; And, at one Thrust, my very Soul translate Into her — , and be degenerate. There steep'd in Lust nine Months I would remain, Then boldly f . . . my Passage back again.


  • ) ibidem Bd. I, S. 113.
  • ) ibidem S. 112.


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Diese grandiose satanische Obscönität, wie sie ans in diesem letzten Gedichte entgegentritt, hat nur ein neuerer Poet wieder erreicht, der offenbar Rochester gelesen haben niuss: Edmond Haraucourt in seiner „Legende des Sexea", in der wir ähnliche tolle Aus- geburten einer ausschweifenden Phantasie antreffen.

Weitere Erwähnung verdienen die höchst lasi Vergleichung einer Jungfernschaft mit einem Schoi steine in „A Description of a Maidenhead" '), die drasti- sche Schilderung seiner eigenen Impotenz bei einem Liebesabenteuer in „Die Enttäuschung" (The Disappoint- ment)-), seinen eigenen täglichen ausschweifenden Lebens- wandel in „The Debauchee" *). Er glaubt, um so eher sich obseöner Ausdrücke in seinen Gedichten bedient zu dürfen, als dieselben nach seiner Meinung die s: liehe Leidenschaft eher dämpfen als steigern.

But obscene Words too grosse t.o move Desire, Like heaps of Fuul do but choak the Fire. Tbat Aulhor'ä Name ha? imdeserved Praise, Who pal'd the Appetite he uieant to raise.

Stärker noch als in der Lyrik ist Rocbester ■der Satire, wofür ihn ein stark entwickelter kausti Witz in hohem Grade befähigte. Er hat selbst eine „Va teidigung der Satire" (In Defence of Satire)') verf in der er über die moralische Bedeutung der Satin folgendermassen urteilt:


cive orn-


') ibidem, S. 148.

>> ibidem. S. 1U-116 (mit Bild).

') ibidem, S. 147.

  • ) ibidem, S. 75-78.


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And (without Doubt) though some it may offend, Nothing helps more than Satire to amend 111 Manners, or is trulier Vertue's Friend. Princes may Laws ordain, Priests gravely preach, But Poets most Buccessfully will teach.

Die berühmtesten Satiren Rocheste r's sind die- jenigen gegen die Heirat (Satire against Marriage) % deren Inhalt durch die charakteristischen Schlussverse :

With Whores thou can'st but venture; wbat thou'st lost, May be redeem'd again with Oare and Cost; But a damn'd Wife, by inevitable Fäte, Destroys Soul, Body, Credit and Estate.

deutlich bezeichnet wird, wie denn eine bekannte Stelle- daraus das Weib folgendermassen charakterisiert (nach der Uebersetzung bei Taine a. a. 0. II S. 21):

Wenn sie noch jung, buhlt sie aus Lust, wenn alt, Verkuppelt sie zu ihrem Unterhalt .... Gibt schamlos preis den Leib im Hurenhaus, Wählt Speis und Trank zum Beiz der Wollust aus Sie gibt sich um so mehr der Trägheit hin, Weil so Bie reizt den buhlerischen Sinn. Undankbar, falsch, die Bestie wird gezähmt, Die Wasserflut viel leichter eingedämmt,

Als ihr rebellischer Geist

Sie kann nicht zähmen ihre wilden Triebe, Masslos im Hass, frech masslos in der Liebe. Sieht wie der Teufel aus, will ernst sie sein, Wie eine tolle Dirn', ist höflich sie und fein. Boshaft hegt sie nur Arg in ihrer Brust, Der Feilheit Lohn vergeudet sie in Lust,

und die Satire gegen Karl IL (Satire on the King)\ wegen derer er vom Hofe verbannt wurde. In dieser


  • ) ibidem, S. 42-44.

•) ibidem, S. 24-25.


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geisselt er auf die frechste Weise des Königs außer- gewöhnliche Leistungen auf geschlechtlichem Gebiete and seine consecutive Impotenz:

His Scepter and hiß — are of a Length;

And ehe that plays with one, may sway the other.

Restless he roils about from Whore to Whore; A merry Monarch, scandalous and poor. To Carewell, the most dear of all thy Dears, The sure Belief of thy decb'ning Years; Oft he bewails his Fortune, and her Fate To love so well, and to be lov'd so late. For when in her he settles well his Tarse, Tet his dull graceless Buttocks hang an Arse. This you'd believe, had J but Time to teil ye, The Pain it costs the poor laborious Nelly, While she employs Hands, Fingers, Lips andThighs, E'er she can raise the Member she enyoys.

Die obscönen Lieder und Satiren Rochester's werden aber noch an schamlosem Cynismus, ätzender Schärfe und obscönster Eleinmalerei geschlechtlicher Details bei weitem fiberboten durch sein berüchtigtes Drama „So dorn", in welchem wir eine auf wirkliche Verhältnisse sich beziehende Schilderung der Päderastie 4m Hofe Karls IL erblicken dürfen. Es ist jedenfalls ein Stück, welches ganz einzig in seiner Art dasteht Die erste Erwähnung von „Sodom", welche dem besten Bibliographen dieses Dramas, Pisanus Fraxi, unbe- kannt geblieben zu sein scheint, finde ich in dem schon -öfter erwähnten Reisewerke von Uffenbach, der uns weiter unten als einer der wenigen Besitzer eines Originalmanuskriptes von „Sodom" begegnen wird. An


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der genannten Stelle 1 ) sagt er unter dem 21. Oktober 1710: „Von dem Grafen von Roch est er hören wir, dass seine hessliche Satyre gegen den König Carl II. nnd seine schändliche Comödie Sodom nicht bey seinen anderen Werken gedruckt, ja jene seye gar nicht ge- druckt worden, diese aber gar schwer zu haben. Man mass aber erstaunen, dass ein solch gottlos und ent- setzliches Thema nicht nur von einem Menschen ausge- arbeitet, sondern auch vor einem Könige auf die hess- lichste Manier auf dem Theater gespielet worden, wiewohl sonst die übrigen und sonderlich venerischen Ausschweifungen dieses Königs, dabey der Graf Eochester jederzeit seinen Antheil gehabt, in Engel- land noch allzu bekannt sind, auch davon in des Earl von Rochester Schrifften wie auch in Burnets Be- schreibung seiner Bekehrung viel zu lesen."

Alle weiteren Nachrichten über „Sodom" finden sich in der eingehenden kritischen Untersuchung von Pisanus Fraxi*), auf die wir uns im Folgenden beziehen.

Derselbe verzeichnet den folgenden frühen Druck des Stückes:

„Sodom. A Play, By the E. of R.

Mentula cum Vulva saepissime jungitur una Dulcius est Melle, Vulvam tractare Puellae

Antwerp: Printed in the Year 1684."

Dieses Exemplar ist ohne Zweifel in dem angegebenen


') „Herrn Zacharias Conrad von Uffenbach merk- würdige Reisen durch Ni eder Sachsen , Holland und Engelland" Ulm 1754 Bd. III, S. 200-201.

  • ) Pisanus Fraxi „Centuria librorum absconditorum", S.

826—845 .


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Jahre gedruckt 1 ); es ist in Oktavformat 2 ), scheint aber in dieser Form ganz verschwunden zu sein, da Fraxi es niemals zu Gesicht bekommen hat. Er glaubt, dass ein Exemplar dieser Ausgabe in der Heber-Sammlung existierte, aber mit anderen obscönen Büchern ver- nichtet wurde. Er kennt kein weiteres gedrucktes Exemplar, sah aber drei Manuskripte von „Sodom."

Das erste Manuscript befindet sich in der Stadt- bibliothek zu Hamburg, es ist in kleinem Quart- format und enthält 39 auf beiden Seiten beschriebene Blätter. Die Schrift ist schlecht, nachlässig, und das Manuscript wimmelt von Fehlern. Es ist offenbar eine von einem nicht mit der englischen Sprache Vertrauten, wohl einem Deutschen, hergestellte Abschrift, die mit einem anderen Manuscript: Beverlandi „Otia Oxoni- ensia" zusammengebunden ist Dieser Band gehörte früher dem Bibliographen Zacharias Conrad Uffen- bach 8 ) in Frankfurt a. M., nach dessen Tode er in den Besitz des Professor Wolff und von diesem in den der Stadtbibliothek zu Hamburg überging, an der Wolff Bibliothekar war. Uffenbach selbst hat den Titel „E of R" in der Handschrift in „Eari of Rochestei" umge- ändert. Das Exemplar enthält 5 Akte und einen Pro- log von 100 Zeilen, die „Dramatis Personae", und


  • ) Vergl. „Memoriae librorum Ilariorum", S. 150.
  • ) Fraxi sah ein Exemplar von Rochester's „Poems", auf

deren Titel Name und Druck genau so angegeben sind, wie bei „Sodom": „Poems on several Occasions : By the Right Honourable

the E. of R. Printed at Antwerpen." Kl. 8°, 186 S. Kein

Datum. Aber aus jener Zeit.

3 ) In dem Exemplare der „Bibliothecae Uffenbachianae" der Hamburger Bibliothek befindet sich «auf der S. 750 des dritten Bandes eine Bemerkung über „Sodom" in der Handschrift Uffen- bach 's, dessen Ex-libris auch das Buch schmückt.



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schliesst mit zwei Epilogen, deren einer von „Cunti- cula", der andere von „Fuckadilla" gesprochen wird, und mit 10 Zeilen, betitelt „Madame Swivia in Praise of her C . . .".

Das zweite Mannscript befindet sich in einem Bande, der verschiedene Dichtungen enthält. Es ist ebenfalls auf beiden Seiten in einer guten Kalligraphie geschrieben. Obgleich der Text korrekter ist, als der des Hamburger Exemplares, fehlen doch Titelblatt, Prolog, Epiloge und „dramatis personae", und das Spiel selbst endet mit dem 4. Akte, wo „Bolloxinion" die Prügel von „Tarse-hole" empfängt

Ein drittes Manuscript, betitelt: „Sodom or The Quintessence of Debauchery. By E of R Written for the Royall Company of Whoremasters", befindet sich in Band 7312 der Harleian Manuscripts des British Museum. Ohne Jahreszahl, Motto und Anzeige, dass es- gedruckt sei. In 5 Akten und 2 Prologen (einer von 72, der andere von 29 Zeilen) und 2 Epilogen (der eine von „Cuntigratia" gesprochene enthält 29 Zeilen, der andere von „Fuckadilla" rezitierte 51 Zeilen, ausserdem noch 10 Zeilen von „Madame Swivia in praise of her C . . .")• Der Text ist besser und vollständiger als der der beiden ersten Manuscripte.

Es ist behauptet worden, dass „Sodom" vor dem Könige (Karl IL) und dem Hofe aufgeführt worden sei, 1 ) und dass Frauen bei dieser Vorstellung zugegen waren. Diese Vermutung beruht wahrscheinlich auf den folgenden Versen des Prologs:


') Prosper Marchand „Dictionnaire Historique", Bd. I, S. 164, Anmerkung.

D Uhren, Das Geschlechtsleben in England ***. 23


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I do presume there are no women here, 'T is too debauch'd for their fair sex I fear, Sure they will not in petticoats appear, And yet I am informed here's many a lass Come for to ease the itching of her a . . ., Damn'd pocky jades, whose c . . . s are hot as fire, Yet they must see this play t'increase desire, Before three acta are done of this our farce, They'll scrape acquaintance with a Standing tarse, And impudently move it to their a . . . etc.

Der wahre Verfasser des Gedichtes ist ohne Zweifel der Graf von Rochester. Eine Zeit lang herrschten darüber Zweifel. Denn in ähnlicher Weise, wie am Ende des 18. Jahrhunderts der Königsberger Kriegsrat Scheffner seine obscönen „Gedichte im Geschmacke des Gräcourt" beharrlich verleugnete, hat Rochester die Verfasserschaft des „Sodom" bestritten, ja er hat sogar an den vermeintlichen Verfasser ein Schmähgedicht gerichtet, in welchem er denselben fürchterlich herunter- macht 1 ) und in dem er denselben (also sich selbst) fol- gendennassen apostrophiert:

Teil me, abandon'd Miscreant, prithee teil

What damned Power, invok'd and sent from Hell,

(If Hell were bad enough) did thee inspire?

To write what Fiends asham'd won'd blushing hear?

Disgrace to Libels! Foil to very Shamel Whom 'tis a Scandal to vouchsafe to name. What foul Description's foul en ough for Thee, Sunk quite below the Reach of Infamy? Thon covet'st to be lewd, but want'st the Might, And art all over Devil, but in Wit. Weak feeble Strainer at mere Ribaldry, Whose Muse is impotent to that Degree,


l ) The Works of the Earls of Rochester, Roscommon etc. Bd. I, S. 98—99 (To the Author of a Play call'd Sodom).


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That 't needs, like Age, be whipt to Lechery, Vile sot, who clapt with Poetry art sick, And void 'st Gorruption like a shanker'd pr . . ., Like Ulcers thy imposthum'd addle Brains Drop out in Matter, which thy Paper stains.

Nachdem er noch die Zunge dieses „Moor-Fields Author" und seinen Mund mit Teilen der Genitalien verglichen hat, schliesst er mit folgendem obscönen Wunsche für das Schicksal dieses infamen Buches:

Or (if I may ordain a Fate more fit

For thy soul nasty Excrements of Wit)

May they condemn'd to th'publick Jakes be lent,

(For me, l'd fear the Piles in Vengeance sent

Shoo'd I with them profane my Fundament).

There bugger wiping Porters when they shite,

And so thy Book itself turn Södomite.

Obgleich auch andere hieraus die Veranlassung nahmen, das Werk einem anderen, unbekannten Schrift- steller, Fishbourne, zuzuschreiben, ergiebt schon eine oberflächliche Prüfung die Autorschaft Kochesters. Denn Stil, Witz, Pointen, die ihm und nur ihm eigen- tümlichen Worte und Ausdrücke sind dieselben wie in seinen übrigen Schriften. Die Päderastie, die Rochester in dem eben erwähnten Gedichte so perhorresciert, hat er selbst im „Valentinian", 1 ) einer Tragödie, die er für die Bühne vorbereitete und die auf dem „Theatre- Royal tf gespielt wurde, verherrlicht:


  • ) „Valentini an: A Tragedy. As 'tis Alter'd by the late

Earl of Rochester, And Acted at the Theatre-Royal. Together with a Preface concerning the Author and his Writings. By One of his Friends. London: Printed for Timothy Goodwin at the Maidenhead against St. Dunstans-Church in Fleetstreet. 1685." 4°, 82 S. und 88 unnummer. S. Titel, Vorrede und Epilog. Die vortreffliche Vorrede ist von Robert Wolseley, einem Genossen Rochesters.

28*


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'Tis a soft Bogue, this Lycias

And rightly understood,

He's worth a thousand Womens Nicenesses! The Love of Women moves even with theix Lust, Who therefore still are fond, bat seldom just: Their love is Usury, while they pretend, To gain the Pleasure double which they lend. But a dear Boy's disinteTested Flame Gives Pleasure, and for meer Love gathers pain; In him alone Fondness sincere does prove, And the kind tender Naked Boy is Love.

(Valentinian, Akt II, Szene 1).

Ich erblicke einen weiteren Beweis dafür, dass Rochester der Verfasser von „Sodom" ist, in dem Umstände, dass sich in seinen Werken das kurze Frag- ment eines ähnlichen obscönen Dramas wie „Sodom" findet, betitelt „An Interlude", wovon „Actus primus, Scena Prima" mitgeteilt wird, in der „Tarsander" und „Svivanthe" (Namen, die an ähnliche in „Sodom" an- klingen) auftreten. 1 )

Gehen wir jetzt in Kürze auf den Inhalt des berüch- tigten „Sodom" ein. Es treten darin folgende Personen auf:

Dramatis Personac.


Bolloxinion — König von Sodom Cuntigratia — Königin Picket — Prinzessin Swivia — Prinzessin Buggeranthos — General der

Armee Pocke nello — Prinz, Oberst,

Günstling des Königs Boras tus — Das Haupt der


> — Zwei Ehrenkuppler


Pine TwelyJ Fuckadilla Officina Cunticula Clitoris _ Flui — Leibarzt des Königs Virtuoso — Hoflieferant von. Dildoes


— Ehrenjung- frauen


Päderasten

Knaben, Schurken, Zuhälter und anderes Gesindel.


  • ) „The Works of the Earls of Rochester, Boscommon etc.^

Bd. I, S. 155 - 156.


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Nach Aufgehen des Vorhangs erblickt man ein Vorzimmer, in dem rings an den Wänden Bilder mit Aretino's Fignrae Veneris hängen. Der König tritt auf, umgeben von Borastns, Pockenello, Pine und Twely. Bolloxinion beginnt:

Thus, in the zenith of my lust, I reign; I eat to ßwive, and swive to eat again; Let other monarchs who their scepter bear To keep their subjects less in love than fear Be slaves to crowns, my nation shall be free; My p . . . . only shall my sceptre be, My laws shall act more pleasure than cotnmand, And with my pr . . . 1*11 govern all the land.

Diese liberalen Aeusserungen, welche die völlige, dnrch keinerlei Gesetze beschränkte Geschlechtsfreiheit proklamieren, werden von den Höflingen mit gebührendem, ja begeistertem Danke aufgenommen. Jeder bemüht sich, dem Könige etwas Schmeichelhaftes zu sagen. Hierauf fährt Bolloxinion in seiner Erklärung fort:

I do no longer old ßtale c . . . 6 admire, The drudgery has worn out my desire.

My pr . . . no more shall to bald c . . . s resort, Merkins rub off, and sometimes spoil the sport.

As for the Queen, her c . . . no more invites, Clad with the filth of all her nasty whites. Boras tue, you spend your time I know not how, The choice of bnggery is wanting now.

Der erfahrene Päderast Borastus erteilt hierauf dem nach diesen Genüssen begierigen König den Rat:

I woiild advise you, Sire, to make a pass,

Once more at Pockenello's royal a . . .;

Besides, Sir, Pine has ruch a gentle skin,

9 T would tempt a Saint to thrust his p in.


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Der König erwählt Pockenello und Twely zu seinen Liebhabern und erlässt die folgende Proklamation, die allen Homosexuellen und Päderasten völlige Freiheit in der Bethätigung ihrer Neigungen zusichert:

Henceforth, Borastus, set the nation free, Let conscience have its right and liberty: I do proclaim that bugg'ry may T>e ns'd Through all the land T so c . . . be not abus'd That's the proviso.

To Buggeranthos let thk Charge be given, And let them bugger all things ander heaven.

Borastus und Pine gehen ab. Pockenello enthüllt nun dem Könige, dass Pine mit der Königin verkehrt hat, und Twely fügt hinzu, dass „he swiv'd her in the time of term." Bolloxinion weitherzig wie er ist, nimmt aber keinen Anstoss daran und schliesst Szene und Akt mit den Worten:

With crime« of this sort I shall now dispense, Hiß a . . . shall soff er for bis pr . . /s offence; In roopy seed my spirit shall be sent,

With joyfol tidings to his f

Come, Pockenello, o're my p bums,

In, and untmss, Fll bugger yoa by turns.

Die erste und zweite Szene des zweiten Aktes spielen in einem „schönen Garten, der mit vielen Statuen nachher Männer und Frauen in verschiedenen Stellungen ge- schmückt ist In der Mitte des Gartens stellt eine Frau eine Fontäne dar, indem sie auf dem Kopfe steht und „pissing bold upright". Diese Beschreibung scheint aus Rabelais 9 „Gargantua", Buch I, Kapitel 55 entlehnt zu sein: „Au milien de la basse estoit une fontaine magnifique, de bei alabastre : au dessus les trois Gräces, avecques corncs d'abondance; et jettoient Teau par les


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mammelles, bouche, aureilles, yeux et aultres ouvertures du corps." Man hört sanfte Musik und Gesang, worauf die Königin eintritt, begleitet von Officina, Clitoris und Cunticula. Sie beklagen sich sehr über die Vernach- lässigung durch den König, erinnern sich aber daran, dass es noch bessere Männer giebt als ihn. Die Königin Cuntigratia erklärt, dass sie nicht eifersüchtig sei und lässt sich gern die Männlichkeit des Buggeranthos von ihren Hofdamen in verlockenden Farben schildern:

He hos such charms, You'd Bwear you had a stallion in your arms, He swives with so mach vigour, in a word, His pr . . . 18 as good metal as his sword.

In der dritten Szene werden von den Hofdamen die Dildoes in Thätigkeit gesetzt, wobei sich ein Ge- spräch über die verschiedenen Qualitäten derselben entspinnt. Die Königin erwartet ungeduldig die Ankunft von Buggeranthos und befiehlt Fuckadilla, ihr die Zeit mit einem obscönen Liede zu vertreiben. Der Akt scbliesst mit einem Tanze nackter Männer und Frauen und mit einer geschlechtlichen Orgie derselben.

Der dritte Akt hat mit dem eigentlichen Thema wenig zu thun, indem in demselben fast nur die Ver- führung des jungen Prinzen Pricket durch seine Schwester Swivia geschildert wird. Bei einem zweiten Verführungs- versuche der unersättlichen Swivia werden sie von der betrunkenen Cunticula überrascht, die sich dann eifrig an dem Liebeswerke beteiligt, welches damit endet, dass das junge Prinzlein erschöpft zu Bett gebracht werden muss.

In der ersten Szene des vierten Aktes finden wir die Königin und den General im zärtlichen TSte-&-Töte.


Sie ist begeistert von den Proben der Kraft ihres neuen Geliebten und bedrängt ihn immer wieder, bis er zuletzt ihren Wünschen nicht mehr zu entsprechen vermag, denn:

love, like war, muat bave ita interval; Natiiro rencwg thnt strength by kind repose, Which an untiinely drudgerj wuuld lose.

Und er verlässt sie, die „lassata, sed uon satiata" zurückbleibt und in einem Monolog sich über die Ver- spottung durch diesen „satten Wüstling" beklagt.

Die zweite Szene führt uns zum Könige, zn Borastus und Pockenello zurück, die sich weitläufig über die Freuden der Päderastie und ihre Superiorität gegenüber dem normalenGeschlechtsverkehr verbreiten. Buggeranth os tritt ein und wird vom König gefragt, wie die Soldaten seine Proklamation aufgenommen haben.

Bolloxinion. How are thej* pleased with what J did procldim?

Biiggerantbos. They practise it in honour of your name; If Inst present, tbey watit no womnn's aid, Euch buggers witb content his next comrade.

Buggeranthos berichtet dann über den Zeitvertreib

der Weiber des Reiches:

Dildocs and dogs with women do prevail, J caught one frigging with a cur's bob tail.

Er erzählt dann dem Könige ausführlich von einer Frau, die faute de mienx ihre Gelüste mit einem Hengste befriedigte, worauf Bolloxinion sehr befriedigt erklärt, ihr zu gleichem Zwecke einen — Elephanten zur Ver- fügung stellen zn wollen.

Jetzt tritt Twely auf und überbringt die Nachricht vou der Ankunft eines Fremden, den Tarse-hole, König von Gomorrah, mit 40 Knaben geschickt habe. Bolloxinion


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ist darüber sehr entzückt und zieht sich sogleich mit einem der Knaben, den er sich aussucht, zurück.

Die erste Szene des fünften Aktes ist die humor- vollste des ganzen Stückes. Die jungen Hofdamen be- klagen sich gegenüber dem Dildoe-Lieferanten Virtuoso über die schlechte Qualität und Dürftigkeit seiner Fabrikate und veranlassen ihn schliesslich, seine eigenen „natürlichen" Fähigkeiten anstatt der künstlichen zu produzieren.

Die letzte Szene ist im Gegensatze zu der vorigen die tragischste. Man erblickt einen „Hain von Cypressen und Bäumen in Gestalt eines Phallus mit einem Bankett- hause." Nach einem Liede eines unter einer Palme sitzenden Jünglings treten Bolloxinion, Borastus und Pockenello auf, kurz nach ihnen Flux, der Leibarzt, der die schrecklichen Folgen der herrschenden Anarchie auf geschlechtlichem Gebiete in den schwärzesten Farben schildert. Schanker, Gonorrhoe, Satyriasis u. s. w. gras- sieren in einer schrecklichen Weise. Die Königin ist bereits ihren Liebhabern erlegen. Der Prinz hat Gonorrhoe u. s w. Erschreckt fragt der König den Arzt, ob es kein Mittel gebe, um diesem Verderben Einhalt zu thun, worauf Flux erwidert:

To Love and Nature all their rights restore, F . . . women, and let bugg'ry be no more, It doth the proereative end destroy, Wich Nature gave with pleasure to enjoy, Please her, and she'll be kind, — if you displease, She tnrns into corruption and disease.

Doch Bolloxinion schaudert vor dem Gedanken an ein Weib zurück. Er weigert sich, die Proklamation aufzuheben. Da bersten die Wolken auseinander, feurige


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Dämonen erscheinen und verschwinden wieder. Der Geist Cnnticnlas zeigt sich. Schauerliches Gestöhn nnd Geseufze dringt aus der Tiefe hervor nnd man sieht gespenstische Gestalten auftauchen.

Pockenello — Pox on these rights, I'd rather have a whore.

Bolloxinion. — Or c . . .'s rival.

Flui. — For heaven's sake no more;

Nature puts on me a prophetic fear, Behold, the heavens all in flame appear.

Bolloxinion. — Let heav'n descend and set the world on fire>

We to some darker cavern will retire. Feuer, Schwefel und Rauchwolken.

Der Vorhang fällt.

„Sodom" scheint mehrere Male ins Französische übersetzt worden zu sein. Soleinne hatte drei Manu- skripte in seiner grossen Sammlung von Theaterstücken, von denen zwei Uebersetzungen des englischen Originals gewesen zu sein schienen Sie wurden jedoch vernichtet. Ebenso giebt es einige Dramen, die ebenfalls den Titel „Sodom" führen und die geschlechtliche Corruption zum Gegenstande haben. l )


  • ) Philomneste Junior (Gustave Brunet) „Les Priapeia"

Brüssel 1866, S. 80. — Es sind folgende Uebersetzungen: Le Roi de Sodönie, trag&lie en prose, en 5 actes, par le comte de Ro- chester, en 165S, traduite de l'anglais, par M****, 1744. 4°. Hand- schrift der Zeit. — So dorne, comedie en 5 actes et en prose, par le Comte de Rochester, traduite de l'anglais, 1682, in 8°, sur pap. y fecrit. in commencement in 18e b. Meme piece que la präcedente, avec des changements. — L'Embrasement de So dorne, co- m6die (5 a pr.). traduite de l'anglais sur manuscrit du seizieme siecle, 1740. In 8°. Joli manuscrit imitant l'impression. — Lö sujet de cette piece en annonce assez l'obscenitä; cependant eile est ecrite fac6tieusement, dans le goüt du Sattl de Voltaire, et Ton voit que l'auteur a songe moins ä faire une comedie impure qu'une critique divertissante de la Bible. — In einem anderen Katalog fand PisanusFraxi ein möglicherweise mit dem letzt-


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Eine offenbare Nachahmung von Röchest er'» „Sodom" ist ein 1879 von vier Gentlemen verfasstea Stück:

„Theatre Royal, Olimprick. New and Gorgeous Pantomime, entitled: Harlequin Prince Cherrytop,. and the Good Fairy Fairfuck; or, The Frig — Tho Fuck — And the Fairy. Oxford: Printed at the Uni- versity Press, 1879."

8°, 31 Seiten, blaner Umschlag (gedruckt in London,. Juli 1879 in 160 Exemplaren, Preis 1 Pfund ll 1 /* Schillinge; drei obscone, kolorierte Lithographien, die etwas später erschienen, gehören dazu).

Das Werk ist ganz nach Art des „Sodom" angelegt. In beiden Stücken finden wir dieselbe „Clitoris a waiting roaid, or maid of honour."

„Harlequin Prince Cherrytop" ist als eine Art Weihnachtspantomime aufgefasst Das erste Tableau zeigt uns die Höhle des Dämons „Masturbation", der den Prinzen Cherrytop durch Zauber unterjocht und zu einem Märtyrer der Onanie gemacht hat Die folgenden Szenen führen uns den Kampf zwischen der Selbst- befleckung und der guten Fee vor, die den Prinzen zur Liebe mit der Prinzessin Shovituppa verlockt. Ein Zwischenspiel bezieht sich auf die dagegen gerichteten Bemühungen von „Bubo", König von Kaperia, dessen Diener die venerische Krankheit in allen ihren Ge-


genannten Manuskript identisches: L'Embrasement de Sodome, tragicomedie en prose et en cinq actes, 1767. — Ich glaube, dass» letztere Uebersetzungen des von Andreas Saurius verfassten Dramas „Conflagratio Sodomae", Strassb. 1607 (Kl. 8°, 64 S.) oder des „Bustuni Sodomae, Tragoedia sacra" von Cornelius a Marca r 1615, sind. Vergl. auch wegen des Titels Hermann Sud er- mann 's „Sodoms Ende".


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stalten und Formen personifizieren. — Diese drollige Idee ist sehr gut ausgeführt und mit einem Libretto versehen, welches Parodieen auf populäre Melodien ent- hält Auch dieses Stück schliesst mit der Moral, dass das grösste Glück auf der reinen Liebe beruht, die allen unnatürlichen Genüssen bei weitem vorzuziehen sei.

Neben Rochester treten die gleichzeiten Vertreter der obsconen und galanten Lyrik, ein Dorset, Ros- common, Edmund Waller, Buckingham, Otway u. A. völlig in den Hintergrund. Erwähnung verdient nur die bezeichnende Thatsache, das auch die Frauen jener Periode sich in obsconen Dichtungen versuchten. Man kann in dieser Beziehung von einem erotischen Drei- gestirn reden: Aphra Behn 1 ), Susanna Centlivre, von der Graesse sagt, dass sie ebenso gut Susanne von ihrer Unzüchtigkeit als lucus a non lucendo heissen könne*) und Mary Manley, deren „Atalantis", ein satirisch indecenter Roman, eine getreue Sitten- schilderung aus dem England um 1700 darstellt 1 ). Im Vorbeigehen mag auch auf die zahlreichen Cynismen in Butlers berühmtem „Hudibras" hingewiesen werden.

Von dem durchaus erotisch-frivolen Charakter der dramatischen Litteratur der Restauration ist schon früher die Rede gewesen. Selbst ein Dichter wie Dryden hielt sich nicht frei davon. Den Höhepunkt in dieser


l t „Poems", London 1684—1688, 3 Bände; „Plays" (London 170*2 - T „Historie« and noTels", (London 1696), besonders den be- rühmten Roman „Oronooko", Vorläufer von „Onkel Toms Hütte* 4 .

  • ) „The old batchelor', London 1693; „The double dealer",

London 1694; „Works", London 1752. - VergL Thornbury „Haunted London", S. 230.

  • ) VergL 0. L. B. Wolf f. „Allgemeine Geschichte des

Romans", 2. Aufl. Jena 1850, S. 227.


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Beziehung bezeichnen die Stacke von Wycherley, Congreve, Vanbrngh und Farqnhar, deren Lektüre; wie Thackeray sagt, 1 ) Empfindungen weckt, als ob man in Sallnst's Hanse in Pompeji die Ueberbleibsel einer Orgie anschaut, nnd deren Autoren nach Taine 2 ) alle Laster besassen, die sie schilderten. Ich verweise auf die glänzende Analyse dieser von Obscönitäten wimmelnden Komödien bei Taine 8 ).

Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die Zeit der moralisierenden und satirischen Schriften, jener Litteratur, die durch die Namen De Foe, Swift, Richardson, Sterne, Smollett, Fielding reprä- sentiert wird.

Der erstere verdient an dieser Stelle eine Erwähnung wegen seiner beiden Prostituiertenromane „MollFlanders"*) nnd „Mother Ross k ; wo Swift das Sexuelle berührt, thut er es nur, um dessen widrige Seiten zu zeigen. Er zieht im wahren Sinne des Wortes die Liebe in den Kot, schändet sie durch ein „Gemisch von Pharmacie und Medizin" (vergl. „A Love-poem from a Physician"). Sterne hat, besonders in dem so viele anstossige Stellen enthaltenden „Tristram Shandy", ähnliche seltsame Ge-


') Thackeray, „Englands Humoristen". S. 65.

  • ) Taine II, 86.

a ) ibidem 8. 90 ff.

4 ) Daniel De Foe „The Fortunes and Misfortunes of the Famo us Moll Flanders etc. who was Born in Newgate, and during a Life of continu'd Variety for Threescore Years, besides her Childhood, was Twelve Year a Whore, five times a Wife (where- of once to her own Brother) Twelve Yeaf a Thief, Eight Year a Transported Felon in Virginia, at last grew Rieh, liv'd Honest and died aPenitent. The Third Edition Corrected." London 1722, 8°. — Französische Ueberset Zungen, London 1761. 8° und Paris 1895 (von Marcel Schwöb).


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lüste. „Er liebt die Nullitäten, nicht etwa ans Schönheits- gefühl, wie die Maler, nicht ans Sinnlichkeit und Frei- mütigkeit, wie Fielding, nicht ans Sucht nach Ver- gnügen und Lust, wie Dorat, Bouffiers und alle die feinen Lüstlinge, die zu derselben Zeit jenseits des Kanals reimen und sich belustigen. Wenn er an schmutzige Orte geht, so geschieht es, weil sie verboten und nicht besucht sind. Was er dort sucht, ist nur Sonderbarkeit und Skandal. Was ihn anlockt in der verbotenen Frucht, ist nicht die Frucht, sondern das Verbot Denn diejenige in die er mit Vorliebe beisst, ist ganz verwelkt oder wurmstichig. Dass ein Epikuräer Vergnügen darin findet, «die hübschen Sünden einer hübschen Frau ausführlich zu erzählen, ist nicht zu verwundern; dass aber ein Romanschriftsteller sich darin gefällt, das Schlafzimmer eines alten ranzigen Paares zu überwachen, die Folgen einer heissen, in eine Hose gefallenen Kastanie zu be- obachten, die Fragen der Witwe Wadman über die Bedeutung von Wunden in der Schamleiste zu detaillieren, das kann nur durch die Verirrung einer verdorbenen Phantasie erklärt werden, die ihr Vergnügen in wider- lichen Ideen findet, 4 ' 1 )

Die gleichen Cynismen und schmutzigen Anspielungen finden sich in Smollett's und Fielding's allbekannten Romanen. -)

Wir wenden uns nunmehr zur Betrachtung der eigentlichen „erotischen" litteratur im 18. Jahrhundert und erwähnen zunächst die beiden berühmtesten Schriften dieser Art aus der ersten Hälfte desselben, nämlich

  • ) Taine a. a. O. Bd. IL S. 433—434.
  • ) VergL darüber die Werke von O. L. ß. Wolff, Taine,

Scherr, Thackeray u. A.


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Dr. William King's „The Toast" und John Cleland's „Fanny Hill or Memoire of a Woman of Pleasure."

Die erste Ausgabe des „Toast" stammt aus dem Jahre 1732 und hat folgenden Titel:

„The Toast, an Epic Poem In FourBooks. Written in Latin, by Frederick Scheffer, Done into English by Peregrine 0. Donald, Esq.; Vol. I.

Siquis erat dignus describi, quod Malus, aut Für, Qaod Moechus foret, aut Sicarius, aut alioqui Famosus; multä cum libertate notabant. Hot.

Dubün: Printed in the Year MDCCXXXII." 8°, 96 S. — Die Ausgabe enthält zwei Bücher in einem Bande, die auf dem Titel erwähnten beiden übrigen Bücher wurden in dieser Form nie veröffentlicht (S. 1 — 6 „TheTranslator'sPreface' 1 ; S. 7 - 9 „The Author's Preface"; S. 21 — 96 Drei Widmungen in Versen, lateinisch und englisch und Buch I und II des „Toast" mit „Notes and Observations")

Die zweite Ausgabe ist folgende:

„The Toast. An Heroick Poem In four Books, Written originally in Latin, by Frederick Scheffer: Now done into English, and illustrated with Notes and Observations, by Peregrine Odonald Esq; Dublin: Printed. London: Reprinted in the Year MDCCXXXVL"

4°, 309 S. Mit schönem Frontispiz. von Gravelot, auf dem Lord George Granville dem Apollo ein ovales Bild, das Porträt der Lady Frances Brüden el, der „Myra" des „Toast", hinhält, welches sie in der Blüte der Jugend darstellt, während ein Satyr auf sie zeigt, wie sie in Wirklichkeit ist: alt, hässlich, kokett, mit einem Fächer in der Hand, das Gesicht voller Runzeln und Schönheitspflästerchen.


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Diese Ausgabe ist gegenüber der ersten bedeutend vermehrt (Inhalt: S. IH — XI „Frederici Schefferi Epistola ad Cadenum". S. XÜ-XXVI „Notae"; Seite XXVII— XLVm „The Translators Preface"; S. XLIX — LI „The Author's Preface"; S. LH-LIX Drei poetische Widmungen; S. LX-LXVÜ „The Arguments to the Four Books of The Toast"; S. 1—196 „The Toast"; S. 197 — 232 „The Appendi" und ein unpaginiertes Blatt „ Advertisement" *) nebst „Errata" auf dem Verso.)

Sowohl die Verse als anch die Anmerkungen sind in dieser Quartausgabe bedeutend vermehrt 9 ).


  • ) Diese „Anzeige" ist für die Geschichte der Schrift von

Interesse. Sie lautet: „Anzeige des Londoner Buchhändlers. Das Gedicht wurde von einem Ausländer verfasst, der zwei oder drei Jahre in Irland lebte. Er war an einige Personen von Bang empfohlen worden, die ihn unter der Maske der Freundschaft um eine grosse Summe Geldes betrogen und nachher versuchten, ihn nächtlicher Weile in den Strassen Dublins zu ermorden. Diese Thatsache ist von dem Uebersetzer an zwei oder drei Stellen erwähnt worden und kann in derThat nicht oft genug wiederholt werden, weil sie genügend alle Freiheiten der Satire rechtfertigt. Ich nehme die Gelegenheit wahr, um einen Irrtum zu berichtigen, den der Verfasser der Vorrede infolge eines Missverständnisses aufgenommen hat. Er sagt, dass der Verfasser den Prozess durch gerichtlichen Vergleich beendet habe. Ich habe aber von einigen irischen Herren die Versicherung erhalten, dass er weder durch einen Vergleich noch durch andere Mittel einen Teil des Geldes, um das man ihn betrogen hatte, wiedererlangen konnte. Ich erwarte nicht, dass man die nachfolgende Darstellung in London ebenso gut aufnimmt wie in Dublin, wo die Handlung spielt, wo die Personen bekannt sind und jede Anspielung auf private Verhältnisse wohl verstanden wird. Da jedoch einiger Humor in dem Werke ist, hoffe ich, dass es dem englischen Leser nicht unwillkommen sein wird und dass ich bei dem Neudrucke meine Rechnung finden werde. London, den 1. Dezember 1736."

  • ) Buch I enthält in der Oktavausgabe 276 Zeilen, in der

Quart 292 Zeilen, Buch II in 8° 840, in 4° 392 Zeilen. Die „Epistola ad Cadenum", „Notae" „Arguments" und „Appendix" sind ganz neu.


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Die nächste Quartausgabe yon 1747 gleicht äuseerlich der yon 1736, weist aber beträchtliche Veränderungen auf, da sie 118 neue Verse and Anmerkungen enthält und im ganzen 323 Seiten nmfasst. Um das Werk aber wirklich vollständig zu haben, mnss man beide Quart- ausgaben besitzen.

Fernere Ausgaben des „Toast" sind die in den „Opera" des Will. King (Oxford 1764) abgedruckte, eine in demselben Jahre erschienene neue Separatausgabe und ein späterer Abdruck in „Almon's New Foundling Hospital of Wit"

Obgleich die Verbreitung durch den Buchhandel nur eine beschränkte war, sind die ersten Ausgaben des „Toast" nicht so selten. Das Britische Museum besitzt drei Exemplare der Quartausgaben und diejenige in den „Opera".

Der Verfasser von „The Toast" ist Dr. William King, Sohn des Pfarrers Peregrine King und Vor- steher von St. Mary Hall, Oxford (geboren zu Stepney in Middlesex 1685, gestorben den 30. Dezember 1763), wo er auch seine Studien gemacht hatte. Er ging 1727 nach Irland, wo er das erwähnte Gedicht schrieb. Er wurde von den ersten Männern seiner Zeit, besonders von seinem Freunde Swift, wegen seines Witzes und seiner Gelehrsamkeit geschätzt, war ein vortrefflicher Redner, ein eleganter Schriftsteller, der die lateinische Sprache ebenso gut beherrschte wie die englische. 1 )

Dr. Johnson sagte: „Ich habe bei Dr. King's Rede so lange mit den Händen geklatscht, bis sie wund


') John Nichols „Literary Anecdotes of the EighTeenth Century" London 1812 Bd. II, S. 608.

Dtthren, Das Geschlechtsleben in England.*** 24


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waren," l ) und der Dichter Thomas Warton schildert King's glÄnzendes Rednertalent in folgenden Versen seines „Triumph of Isis":

See, on you Sage how all attentive stand,

To catch bis darting eye and waving band.

Hark! he beging, with all a Tully's art,

To pouT the dictates of a Cato's heart.

SkilTd to prononnce what noblest thoughts inspire,.

He blends the Speakers with the patriot's fire;

Bold to conceive, nor timorous to oonceal,

What Britons dare to think, he, dares to teil, etc.

Andererseits fehlte es auch nicht an Gegnern, die ihn beschuldigten, revolutionäre Lehren vorzutragen und die Ausschweifung zu predigen, und die die Reinheit seines Lateins bezweifelten. Churchill sagt im „Candidate" :

King shall arise, and, bursting from the dead, Shall hurl his piebald Latin at thy head,

und in einem Gedichte „A Satire upon Physicians, or an English Paraphrase, with Notes and References, of Dr. Eing's most memorable Oration, Delivered at the Dedication of the Radclivian Library in Oxford. To which is added, A curious Petition to an Hon. House, in Favour of Dr. King. London: Printed for R.6rif fiths, in Pater-Noster-Row. 1758," (8°, 63 S.) lässt der Verfasser King sich selbst folgendermassen schildern:

In me, ah! pity to behold!

A Wretch quite wither'd, weak and old;

Who now has pass'd by heaven's decree,

The dangerous year of Sixty-three;

On asses milk, and caudle fed,

I doddle on my cane to bed,

Of eveiy step I take, afraid;


  • ) ibidem Bd. IX, S. 778.


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My coat unbuttpn'd by my maid. My memory^oft mistaking namee, For G-rge I often think of I-mes; Am grown so feeble frail a Thing, I scarce remember who is King! Th' imperial purple which does wear, A lawful or 8 lawless Heir!

Ein schönes in Mezzotinto ausgeführtes Portrait von King stellt den berühmten Mann in seinem 75. Lebens- jahre dar („Gulielmus KingLLD Aetat 75, T. Hndson Pinxt, Is. Mc. Ardeil fecit") 1 )

Die Schrift „The Toast" ist eines der merkwürdigsten Erzengnisse der englischen satirisch-erotischen Litteratnr. Schon allein der Umstand überrascht darin, dass ein unge- heurer Aufwand von Mühe und Gelehrsamkeit auf den An- griff auf eine einzige Frau, die noch dazu keineswegs her- vorragend war, verwendet worden ist Noch sonderbarer ist es, dass eine so hässliche Satire aus der Feder eines Theologen hervorgegangen ist. Es handelt .sich bei dem „Toast" um das Werk eines wirklich genialen, tief- gelehrten Mannes, der die Welt und ihre Laster gründlich kennt und sowohl die englische als auch die lateinische Sprache in geradezu meisterhafter Weise beherrscht Ob die englischen Verse oder die gereimten Verse des angeblichen lateinischen Originals oder die curiosen Anmerkungen in Prosa merkwürdiger sind, lässt sich schwer entscheiden. Das Ganze ist erstaunlich und voll Witz, Humor, Gelehrsamkeit und Satire, es ist ein „poöme extraordinaire" wie Sylvain van de Weyer, einer der besten Kenner der englischen Curiosa es nennt,


  • ) P. Fraxi „Catena 4 * S. 456.

24*


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und Octave Delepierre pflichtet Sign in seiner in den „Macaroneana" gegebenen Analyse des „Toast" bei.

Ueber die Veranlassung der Niederschrift des „Toast" und die darin vorkommenden Persönlichkeiten belehrt der Artikel „By-Ways of History. History of an Un- readable Book" in „Bentiey's Miscellany (Juni 1857, S. 616—626).

Die Vorgeschichte des Gedichtes dreht sich um die Person Ider Lady Frances Brudenell, verwitweten Gräfin von Newburgh, die 1699 in zweiter Ehe sich mit Richard Lord Beilew, einem irischen Edelmanne vermählte, dem sie einen Sohn John, späteren Lord Bellew gebar. Ihr zweiter Gatte starb 1714 und Hess die „himmlische Myra" des späteren Gedichtes in einer sehr prekären Lage zurück, da die Schulden ihres Gemahles sehr beträchtliche waren. Sie entlieh von allen Seiten Geld, u. a. von Sir Thomas Smith, dem Inspektor des Phoenix Parkes in Dublin und Onkel unseres William King, da seine Halbschwester Peregrine Eing ge- heiratet hatte.

Nachdem Dr. Thomas Smith der Lady Bellew bereits sehr grosse Summen vorgestreckt hatte, veranlasste er seinen reichen Neffen William Eing diese Ansprüche zu fibernehmen, wobei dieser von der raffinierten Lady um viele Tausende Wund Sterling betrogen wurde, die er auch durch langwierige Prozesse nicht wieder erlangen konnte.

Die einzige Rache, die der grundgelehrte Eing nehmen konnte, war die Abfassung des „Toast", einer der sonderbarsten Schmähschriften, die es giebt, in welcher die tiefste Gelehrsamkeit darauf verwendet wird, um den Gegenständen des Hasses die ungeheuerlichsten


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und unnatürlichsten Eigenschaften, Laster and Verbrechen anzudichten.

Die Personen des „Toast* 4 werden in einer selt- samen Mischung antiker Mythologie und moderner Phantastik als „dramatis personae" eines Gedichtes an- geführt, das angeblich die englische üebersetzung lateinischer Fescenninischer Verse ist, die wiederum durch einen grundgelehrten Kommentar erläutert werden! Der Verfasser verbirgt sich hinter dem Namen Schaeff er; Die Helden und Heldinnen treten in mythologischem Gewände auf. Lady Newburgh ist „Myra", eine un- natürliche, unzüchtige alte Hexe, Sir Thomas Smith, der Onkel des Verfassers, figuriert als ein alter, widriger, wollüstiger „Mars", den der Verfasser als dritten Gatten der Lady hinstellt, der nach langer Liebelei zu dieser Heirat verführt und zuletzt zur Enterbung seines von ihm betrogenen Neffen verleitet wird. „Myracides" ist Lord John Beilew, während Lady Allen als „Ali" eine Helfershelferin der Myra darstellt. „Pam" ist Bischof Hort, der auch mit Anspielung auf seinen Namen „Hort-ator Scelerum" genannt wird. Mehrere andere Personen der Zeit treten ebenfalls unter fingiertem Namen auf. Davis und Martin haben einen eigenen „Schlüssel" zum „Toast" geschrieben; der beste aber befindet sich in den Randbemerkungen eines Exemplares, das der Autor 1747 dem John Gascoigne schenkte. Er ist von Pisanus Fraxi mitgeteilt worden. 1 )

King hat offenbar in dem „Toast", von dem er selbst sagte, dass er ihn im Aerger begonnen, aber in froher Laune beendigt habe, neben der obscönen und


  • ) P. Fraxi, „Centuria" S. 820—822.


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scharfen Satire auf seine Gegner, die er später selbst verurteilte, auch seine gelehrten Kenntnisse glänzen lassen wollen und so eins der eigenartigsten Produkte klassischer Studien 1 ) geschaffen.

Um einen Begriff von der Art und dem Inhalte des „Toast" zu geben, teilen wir die für denselben am meisten charakteristische Stelle mit, nämlich die Be- schreibung der Person Myra's, die King selbst 1 ) in späterer Zeit missbilligt hat:

There he saw the huge Mass tumblc out of her Bed;

Like BeUona's her Stature, the Gorgon's her Head;

Hollow Eyes with a Glare, like the Eyn of an Ox;

And a Forehead deep fnrrow'd and, matted grey Lock«;

With a toothless wide Mouth, and a Beard ou her Chin,

And a yeUow rough Hide in the Place of a Skin;

Brawny Shoulders uprrais'd; Cow-Udders; Imp's Teat;

And a Pair of bow'd Legs, which were set on Splay Feet,

With the Figure the God was surpriz'd and offended,

When he mark'd how these various Defects were amended;

How her Back was laid flet with an Iron Machine,

And her Breast« were lac'd down, with a sweet Bag between:

How she shaded her Eyes, and the squalid black Beard

Was so smoothly shav'd off, scarce a Bristle appearM;

How she clear'd the old Ruins, new plaister'd her Face,

And apply'd Bed or White, as it suited the Place:

With a Set of Wall's Teeth, and a Cap of Deard's Ha»r,

Like a Virgin she bloom'd, and at sixty seem'd Fair.

Thus you see an old Hulk, many Tears Weather— beaten,

AU the Timbers grown rotten, the Plank all Worm — eaten,


') Er sagt von diesen letzteren: „I have a veneration for Yirgil: I admire Horace: but I love OviöV Political and literary anecdotes of bis own Times" By Dr. William King. Second Edition London 1819 S. 29—80.

  • ) „Particularly the description of Mira 1 « person in the third

book is fulsome, and unsuitable to the polite manners of the present age u a. a. 0. S. 98.


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Which the Owners, who doom her to make one more Trip, Scrape and calk, tar and paint, tili she seems a new Ship. But alas! for the Wretches, whose (Jods have forgot' em, That are bound to adventure in such a foul Bottom. Here his Godship (inclin'd to examine the whole, Which compos'd this odd Creature) look'd into her Soul. He cpnceiy'd a faint Hope, that within he should find Hidden Beauties, good Sense, and a virtuous fair Mind: Which, he knew, for Exteriors would make füll Aniends, And enrol her a Toast among Piatonic Friend*. But again he was baulk'd: — For a Soul he espy'd Füll of Envy, black Malice, base Leasing, and Pride; Hypocritical, sordid, vain-glorious, ingrate; In her Friendships most false, and relentless in Hate. He beheld, at one View, all the Acts of her Life; How experienc'd a Miss; how abandon'd a Wife! Then advancing in Tears, all her Wants she supply'd, By an Art, which the fam'd Messalina ne'er try'd. Tho' her Gallants were few, or not made to her Mind; Yet her Joyance was füll, if the Jewess was kind. While the God, that no Boom might be left for a Doubt, Turn'd her upside and down, and then inside and out; And survey'd all her Parts; many more, than is fit For the Bard to deBcribe; — but still found himself bit etc.

Diese liebliche Schilderung der Myra geht noch

t weiter in demselben Tone fort Endlich ist sie bereit,

ihre Liebhaber zu empfangen, die nacheinander erscheinen:

Hi". First approaches majestic the tall Grenadier,

AU her Fury the Sight of such Manhood suppress'd; And a train of soft Passions re-enter her Breast. She embrac'd the great Soldier; she measur'd his Length; Into Action she warm'd, and experienc'd his Strength: Nor so much had false Dalilah's Spouse in his Locke: Nor the Witch was more pleas'd, when she strove in the Box. k- IntroducM in good Order, succeed to the Fight

A Mechanic, a Courtier, a Collier, and Knight: As he finish'd to each she*assign'd a new Day, And, extolling his Labours, advanc'd a Week's Pay.


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Aber sie hat an diesen Männern noch nicht genug, sondern huldigt ausserdem dem Amor lesbicns, wobei sie auch die Rute zu Hälfe nimmt.

ma Vie, ma Femme! What a Shape, and a Face! Then impatient she rush'd to a closer Embrace. Let the rest be untold! — And thus ever forbear, Lest thy Numbers, Scheffer, offend the chaste Fair.

Als Probe des lateinischen Originals mögen die folgenden zn der obigen „Uebersetznng" gehörigen Verse dienen, die die wollüstige Natur Myra's schildern:

Quos puellulae calores, Naptae vidit quos furores! Quae libido, cum vetu-la, Inflat tetra et Mascu— la! Messalina si certaret, Messalinam superaret, Mira, Priapeium decus, Moechi, moechae, moecha, moechus. Quid, quod juvenes protervi? Quod suorum rigent nervi? Tribadum dam Shylockissa, Venere non intennissa, Miram patitur, amorum Haud indocilis novorum.

Das berühmteste Werk der erotischen Litteratur Englands und eines der hervorragendsten Spezimina der ganzen erotischen Belletristik überhaupt ist John Cle- land's berühmter Roman „Fanny Hill, oder Denk- würdigkeiten eines Freudenmädchens" (Fanny Hill, or Memoirs of a Woman of Pleasure), welchem deshalb eine ausführliche Betrachtung an dieser Stelle gewidmet werden muss. 1 )

  • ) Sie schliesst sich im wesentlichen an die ausführliche

Abhandlang von P. Fraxi „Catena" S. 60—91 an, bringt aber nicht unwichtige bibliographische und 1 literarhistorische Ergänzungen, so dass die folgende Darstellung die bisher erschöpfendste genannt werden kann.


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Ueber den Verfasser dieses kulturgeschichtlich höchst wertvollen Baches, John Cleland (1707—1789), findet sich in Bd. 59 des „Gentleman's Magazine" eine längere biographische Notiz, die zwar nach einem Korrespondenten der „Notes and Queries" 1 ) in einigen Punkten ungenau, dennoch aber die beste bisher be- kannte ist Es wird darin mitgeteilt, dass John Cleland der Sohn des Obersten Cleland war, jenes berühmten fictiven Mitgliedes des Spectator's Club, den Steele unter dem bekannten Namen „Will Honeycombe" Schildert

In Swift's Tagebuch steht unter dem 30. März 1713: „Ich ass in der City bei Pontac mit Lord Dupplin und einigen Anderen. Wir wurden von einem Oberst Cleland bewirtet, der gern Gouverneur von Barbadoes werden möchte, und nun diese groben Schlingen für mich und die Anderen auslegt, um uns für sein Interesse einzufangen. Er ist ein echter Schotte."' 2 ) Dieser Oberst Cleland war einer der bekanntesten Lebe- männer Londons am Anfange des 18. Jahrhunderts. Sein Porträt hing in des Sohnes Bibliothek bis zu des letzteren Tode.

John Cleland erhielt im Westminster College, wo er 1722 aufgenommen wurde, zusammen mit Lord Mansfield eine gute Erziehung und ging nach dem Tode seines Vaters, dem er in Hinsicht des lockeren Lebenswandels ähnlich war, mit den Ueberresten des väterlichen Vermögens als englischer Konsul nach


') „Notes and Queries" 2. Series Bd. II, S. 351, 876, 418.

  • ) „Swifts Tagebuch in Briefen an Stella". Deutsch von

Ciaire von Gl um er. Berlin 1866. S, 523.


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Smyrna, wo er vielleicht die frivolen Grundsätze und Anschauungen einsog, die er später als Autor eines der berüchtigten Bücher entwickelte. Nach der Rückkehr von Smyrna ging er nach Ostindien, von wo er aber bald in Folge von Streitigkeiten mit den Mitgliedern der Präsidentschaft von Bombay fast mittellos nach England zurückkehrte, um hier in grosse pekuniäre Schwierig- keiten zu geraten, die Gefängnis und andere Leiden zur Folge hatten. In dieser Lage erhielt er den Antrag eines Verlegers, eine erotische Schrift zu ver- fassen, dem er durch die Herausgabe der „Fanny Hill" entsprach, wegen deren er sich vor dem „Privy Council" verantworten musste. Der Präsident desselben John, Earl Granville, unterstützte ihn aber nachher in der edelsten Weise durch eine jährliche Pension von 100 Pfund Sterling, um ihn von weiterer ähnlicher litterarischer Bethätigung abzuhalten, mit dem Erfolge, dass ausser den „Memoirs of a Coxcomb", die noch der frivolen Litteraturgattung angehören, und dem „Man of Honour", einer Art von litterarischer Busse für die „Memoirs of a Woman of Pleasure" Cleland seine Zeit nur noch politischen und philologischen Publikationen widmete, welche letzteren besonders die keltische Sprache betrafen. Er lebte von seiner Pension viele Jahre in einem abgelegenen Heim in Petty France, umgeben von einer guten Bibliothek und erheitert durch die ge- legentlichen Besuche einiger litterarischen Freunde, denen er ein sehr angenehmer Gesellschafter war. Er starb im vorgerückten Alter von 82 Jahren. Er besass eine sehr lebhafte Unterhaltungsgabe, verstand sehr viele lebende Sprachen, die er alle geläufig sprach. Als Schriftsteller bekundete er sein Talent am meisten durch


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Novellen, Lieder und leichtere Belletristik. Seine politischen Schriften sind langweilig.

Nichols urteilt über ihn: „In these publications Mr. Cleland has displayed a large fand of ingenuity and erudition not unworthy the education he received at Westminster l ).

Was speziell die litterarische Bedeutung seiner berühmtesten Schrift, der „Fanny Hill" betrifft, so* mögen hier nur die Urteile zweier in Sachen der litterarischen Kritik gewiss kompetenter deutscher Schrift- steller mitgeteilt werden.

J. J. Winkel mann sagt von diesem Werk John Cleland's, dass es von einem „Meister in der Kunst, von einem Kopfe von zärtlicher Empfindung und von hohen Ideen, ja, in einem erhabenen pindarischen Stil e" geschrieben sei. *) v. Murr, der diese Stelle zitiert, bemerkt dazu: „Und das ist Wahrheit." 8 )

Lichtenberg schreibt unter dem 23. Januar 1785 an Wolff: „Diesen Schwein-Peltz von Buch (nämlich: Lindamine oder Lindamire, histoire indienne, tiröe de l'Espagnol" Paris 1638) kenne ich schon, ich hatte nur den Titel vergessen. Dieterich hat es mir einmal herauf- gebracht Ich sende es also sogleich, da sich die Gelegenheit trifft, in dem viertel Tag zurück, an dem ich es empfangen habe. Es ist schlecht geschrieben. „Dom Bougre" und „The History of a Woman of pleasure" ist viel besser, die Kupferstiche im letztern


>) John Nichols „Literary Anecdotes" Bd. II S. 458. Bd. Vin S. 98, 412.

  • ) „Winkelmann's Briefe an Beine Freunde" Dresden 1777.

Bd. I S. 91.

a ) Chr. G. t. Muri a. a. 0. Bd. XIV S. 48.


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<schwarze Kunst) sind wttrcklich schön, das Büchelchen ist aber teuer." 1 )

Die Bibliographie und buchhändlerische Ge- schichte der „Memoirs of a Woman of Pleasnre" ist eine ziemlich verwickelte und bedarf einer ausführlichen Besprechung, die nicht in den engen Rahmen rein bibliographischer Aufzählung zusammengedrängt werden kann. Schon Ferdinand Drujon nennt die Biblio- graphie dieses bestbekannten englischen Eroticums „la plus obscure"*) Pisanus Fraxi konnte trotz -eifrigster Bemühungen kein Exemplar der Editio princeps auffinden. Man erzählte ihm zwar von der Existenz «ines solchen Exemplares im Britischen Museum, wo er es aber nicht nachweisen konnte. James Campbell, einer der gelehrtesten Kenner der erotischen Litteratur, versicherte ihn, dass auch er niemals ein Exemplar der -Originalausgabe gesehen habe, welche demgemäss von grösster Seltenheit sein muss.

Die Urteile der Bibliographen über das Jahr der ersten Ausgabe haben sehr geschwankt Die englischen Bibliographen 8 ) entschieden sich für 1750; Gay giebt die Zeit zwischen 1747 und 1750 an. 4 ) Hiermit stimmt tiberein, dass die 1750 erschienene gemilderte Ausgabe der Schrift, die der Londoner Buchhändler Griffiths in einem Bande veranstaltete in dessen „Monthly Re-


1 ) „Lichtenberg' s Briefe' 1 ed. Leitzmann und Schüdde- kopf. Leipzig 1902, Bd. II, S. 187.

2 ) F. Drujon, „Catalogue des Ouvrages oondamnes" S. 163. 8 ) „The Bibliographer's Manual of Englißh Literature" by

William Thomas Lowndes. Revised by Henry G. Bonn. London 1860 Bd. I, S. 477.

  • ) Gay, „Bibliographie des ouyrages relatifs a l'amour."

Bd. V, S. 50.


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view" als Auszug aus einem sehr freien Werke, das- „etwa zwei Jahre vorher in zwei Bänden" gedruckt worden sei, angekündigt wird. Weiteren Auf- schluss bringen die im Jahre 1763 veröffentlichten „Ent- scheidungen des Gerichtshofes King's Bench" gegen die Autoren und Verleger verderblicher Schriften. Hier wird unsere Schrift zweimal erwähnt:

„Memoirs of Fanny Hill. Warrant dated Maren 15* 1749—60. Holles Newcastle. And another for

The Memoirs of a Woman of Pleasnre. „To make strict and diligent Search for the Author, Printer and Puhlishers of a most obscene and infamouB Book, entitled, the Memoirs of a Woman of Pleasnre, of whom you shall have Notice, and him, them, or any of them, having found, you are to seize and apprehend, for writing, printing, and Publishing the said most obscene and infamous Book, and to bring him or them, together with such of the said Books as you shall find in bis or tbeir Cu- stody, safe before me, to be examined concerning the Premises r and further dealt with aecording to Law. Nov. 8, 1749. Holle* Newcastle." 1 )

Endlich löst der schon erwähnte Artikel in Grif- fith's „Monthly Review" vom April 1750 jeden Zweifel,' wenn man ihn mit den eben mitgeteilten Daten in Ver^ bindung bringt Dieser Artikel lautet:

„Denkwürdigkeiten von Fanny Hill Ein Band in 12°. Preis in Kalbsleder gebunden 3 Sh. Dies ist eine Novelle in Form von Briefen von einer reuigen Prostituierten an ihre Freundin. Sie enthält die Denk- würdigkeiten ihres Lebens und schildert die Wege, auf denen sie zum Laster und zur Schande geführt wurde. — Obgleich dieses Buch auf einem vor ungefähr zwei


') P. Fraxi, „Catena" S. 508.


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Jahren erschienenen freien Werke in zwei Bänden bed- rohen soll und daher ein starkes Vorurteil wider sich hat, glauben wir doch nicht, dass die vorliegende Dar- stellung, was auch jene beiden Bände sein mögen (denn wir haben sie nicht gesehen) irgendwie mehr die Scham- haftigkeit oder das Zartgefühl verletzt als unsere No- vellen und Unterhaltungsbücher im allgemeinen thun. Denn in Wirklichkeit sind die meisten von ihnen, be- sonders unsere Komödien und nicht wenige unserer Tragödien in dieser Beziehung zu tadeln.

Der Verfasser von Fanny Hill scheint nicht ge- schrieben zu haben, um die praktische Ausübung der Immoralität zu ermuntern, sondern um die Wahrheit und Wirklichkeit zu schildern und jene Mysterien des Lasters an den Tag zu bringen, deren Offenbarung Viele vor dem Hineingeraten in dieselben schützt. Der Stil hat -eine besondere Reinheit und die Charaktere sind na- türlich gezeichnet . . ." *)

Hieraus ergiebt sich, dass die erste Ausgabe unter dem Titel „Memoirs of a Woman of Pleasure" wahr- scheinlich in das Jahr 1749 fällt, während die kastrierte Ausgabe von Griffiths unter dem Titel -„Memoire of Fanny Hill" dem Jahre 1750 angehört

Diese erste Ausgabe von 1749, die Pisanus Praxi völlig unbekannt geblieben war, ist neuerdings entdeckt und nach ihr von Isidore Lisenx in Paris ein Neudruck veranstaltet worden. Sie führt •den Titel:

1. Memoirs of a Woman of Pleasure. London.


  • ) ibidem S. 63—64.


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Printed for G. Fenton in the Strand 1749. — 12°, 2 B&nde, 172 u. 187 S. Mit Kupfern. 1 )

In demselben Jahre (1749) erschien eine zweite Ausgabe, die Pisanus Fraxi bekannt ist:

2. Memoirs of a Woman of Pleasure. London. Printed for G. Fenton in the Strand 1749. — Gr. 12°, 2 Bände, 228 und 250 S. Grosser Druck. 12 Mezzo- tinto-Kupfer.

3. Memoirs of Fanny Hill London, Griff iths, 1750. — 12°, ein Band.

4. Memoirs of a Woman of Pleasnre. London. Printed in the Year 1777. — 12°. 2 Bände mit fort- laufender Paginierung von 307 S. Bd. I endigt mit S. 146.

5. Memoirs of a Woman of Pleasure. London. Printed for G. Fenton in the Strand 1781. — 12°, 2 Bände, 172 u. 187 S.*)

6. Memoirs of a Woman of Pleasure. London Printed for G. Fenton in the Strand 1784. — 12° 2 Bände, 154 und 168 Seiten. 12 (?) Kupfer.


') Folgende Neudrucke dieser Erstausgabe sind mir bekannt : a) „Memoirs of Fanny Hill by John Cleland. A new and genuine edition from the original text (London) 1749)'*, Paris, Isidore Liseux, 19, Passage Choiseul 1888; 8°, XI, 825 8. b) Das- selbe unter dem Titel „Memoire of a Woman of Pleasure (Fanny Hill) etc." Paris, Liseux 1890, 12°. c) Dasselbe: Amsterdam, Au- guste Brancart 1893, 12°, VIII, 307 8. (in Paris gedruckt), d) Das- selbe, Paris, chez tous les libraires, 1894, 12°, VIII, 374 S.

  • ) Die autfällige Uebereinstimmung der Paginierung dieser

Ausgabe mit der von Liseux als „Editio princeps" herausgegebenen Ausgabe von 1749 erweckt mir den Verdacht, dass es sich dabei um unsere No. 5 handle. Dann würde allerdings die wirkliche Erst- ausgabe noch immer unbekannt sein.


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A. S. L. Berard besass ein Exemplar dieser Ans- gäbe, die er für die originale hielt Er bemerkt in seinem Manuskript-Kataloge: „Les nombrenees fignrcs qui accompagnent ce livre sont aussi mauvaises sons le rapport du dessin que sous celui de la gravure. Cette Edition est d'une extreme raretö, meme eo Angleterre."

7. Memoirs of F****** H***. VoL L London: Printed for G. Fenton, in the Strand 1784. — 12°, 2 Bände, 132 und 144 & —

Pisanus Fraxi erwähnt dieselbe Ausgabe mit den Zahlen 1779 auf dem Titel, die vielleicht die ursprüng- liche ist.

8 Memoirs of ********** ** ************ Vol. I: London: Printed for G. Fenton in the Strand. — 12°, 2 Bände, 228 und 262 Seiten; 11 Mezzotinto- Kupfer, koloriert (davon 6 im ersten, 5 im zweiten Bande). Ausgabe des 18. Jahrhunderts.

Frederick Hankey in Paris besass ein schönes Exemplar dieser Ausgabe.

9. Memoirs of a Woman of Pleasure from the Original Corrected Edition with a Set of Elegant En- gravings. — 8°, 2 Bände, 152 und 167 Seiten.

Pisanus Fraxi erwähnt diese Ausgabe an erster Stelle, da er sie für eine sehr alte, jedoch nicht für die Editio Princeps hält, und da sie seiner Ansicht nach vollständiger ist als alle übrigen. Sie enthält nämlich im letzten Teile die genaue Schilderung einer päder- astischen Szene, die Fanny bei einem Ausflug nach Hampton Court zu beobachten Gelegenheit hat und die in den anderen Ausgaben nur eben angedeutet wird.


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Sie ist bei Fraxi a. a. 0. S. 60—61 und in der Liseux- schen Ausgabe wieder mit abgedrückt worden.

10. Es existiert eine Ausgabe yon 1829 in 2 Bän- den, 159 und 176 S. mit 18 Kupfern.

11. Memoire of a Woman of Pleasure: Written by Herself Embellished with Numerous Copper Plate Engravings Vol. I. London; Printed for the Proprietors. 1831. — 12°, 2 Bände, 131 und 144 S. Zahl der Kupfer unbestimmt. Ausserdem zwei obscöne gestochene Titel. Kleiner, undeutlicher Druck. Der zweite Band schliesst mit: „Madam Yours etc. . . Finis."

12. Eine andere Ausgabe aus demselben Jahre (1831), mit der Variation, dass am Ende des zweiten Bandes: „Yours etc." ausgelassen ist und umgekehrte Initialen hinzugefügt sind, so dass der Schluss lautet: „Madam, ** — H. — £ Finis."

13. Memoirs of a Woman of Pleasure or the Life of Miss Fanny Hill. In two Volumes From the Original Quarte Edition of the Author John Cleland. Esq. Hlustrated with Twenty-five Original Engravings. London Printed by John Jones, Whitefriars 1832. Price Three Guineas. — Gr. 12°, 120 und 135 S. Ver- leger W. Dugdale. 25 kolorierte schöne Kupfer, davon 12 kleine im Text und 13 grosse, inklusive eines ge- stochenen Titels mit der üeberschrift: „Memoirs of Miss Fanny Hill a Woman of Pleasure."

14. Neudruck dieser Ausgabe, ohne Jahreszahl, mit denselben Kupfern, zum Preise von drei Guineen.

15. The Life and Adventures of Fanny Hill, A Fair Cyprian, By John Cleland, Esq. — 8°, 2 Bände in einem, mit fortlaufender, aber unregelmässiger Pagi-

D obren, Das Geschlechtsleben in England.*** 25


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nierung, die im ersten Bande mit S. 80 endet, im zweiten mit S. 97 beginnt und mit S. 173 schliesst. — Eine obscöne kolorierte Lithographie auf dem Titel, der weder Ort noch Jahreszahl hat (Heraasgeber W. Dngdale ca. 1850). 20 schlechte, kolorierte, obscöne Lithographien.

16. Zwei verschiedene Neudrucke von No. 15. Auf dem Titel ist „Esq." fortgelassen. In den neueren der beiden Drucke ist das „I" in „John" umgedreht, ebenso die Lithographieen. Dieselbe unregelmässige Paginierung in beiden Ausgaben wie in 15.

17. Memoirs of a Woman of Pleasure written by herseif London. — 12°, 2 Bände mit fortlaufender Paginierung. 284 S. Lithographisches Frontispiz mit: „The Life and Adventures of Fanny Hill, a Fair Cyprian by John Cleland" und andere Lithographieen (Erschien in New-York ca. 1845).

18. The Memoirs of a Woman of Pleasure, or The Life of Fanny Hill. By John Cleland Profuselv Hlustrated. Bond Street, London: Printed for tho Bookseilers. — 8°, 159 S. Fünf schlechte Litho- graphieen nach Illustrationen zu froheren Ausgaben wurden für diese Ausgabe hergestellt, obgleich man in einigen Exemplaren die Kupfer der früheren Ausgaben findet, besonders der von Dugdale veranstalteten. Erschien 188 3 in 500 Exemplaren. Preis £ 4; 4 s. Einige Exemplare ohne Bilder wurden zu £ 2; 2 s. verkauft

Es ist ein Nachdruck einer der Dugdale'schen Ausgaben.

19. Die Liseux'schen Ausgaben und ihre Nach- drucke (VergL die Anmerkung zu No. 1 S. 383.


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Sehr wichtig ist für den Bibliographen die Kenntnis einiger castrierter englischer Ausgaben der „Memoire of Fanny Hill 11 , die noch häufig in den Handel gelangen und dann dem Käufer eine unangenehme Ueberraschnng bereiten können. Die wichtigsten verstümmelten Aus- gaben sind die folgenden:

1. The Singular Life and Adventures of Miss Fanny Hill, A Fair Cyprian, Many Years Eesident in Russell Street, Covent Garden, Originally Written by John Cleland Esquire. First Published by B. Grif- fith, at the Dunciad, in St Paul's Church Yard. London, Re-Printed by Turner, 23 Russell Court, Drury Lane.

Gestochener Titel mit schöner Vignette, die in freier, aber nicht obscöner Weise Mr. H. darstellt, wie er Fanny mit Will überrascht. — 12°, ca. 1830 bei W. Dugdale. Wahrscheinlich mit freien Bildern. Oeff entlich verkaufte, castrierte Ausgabe.

2. Memoirs of the Life of the Celebrated Miss Fanny Hill, Detailing, in glowing language, her Adventures as a Courtezan and Kept-Mistress; her stränge vicissitudes and happy end. Hlustrated by numerous elegant amorous engravings. Reprinted from the original Quarto Edition of John Cleland. „If I have painted vice in its gayest colours, if I hafe decked it with flowers, it has been solely in order to make the worth- ier, the solemner sacrifice of it, to virtue." London: Printed by H. Smith, 37, Holywell Street, Strand. 1841.

12°, 207 S., 8 colorierte, freie Kupfer. Castrierte Ausgabe von W. Dugdale, wahrscheinlich Neudruck der in der „Monthly Review" angezeigten Ausgabe von 1750.

25*


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8. Memoire of the Life of Fanny Hill, or the career of a Woman of Pleasuie. ülustrated with Colonred Plates. London: — Prinfced for the Bookseilers.

8°, 2 Bände in einem, 120 8. fortlaufender Pagi- niernng. Ein Porträt yon Fanny Hill als Frontispiz und 7 schlechte colorierte, decente Lithographieen. Wert- lose castrierte Ausgabe.

4. Dieselbe Ausgabe ohne Porträt und mit 8 neuen freien Holzschnitten von schlechter Ausführung.

5. Original Edition. Memoirs of the lif e of Miss Fanny Hill, ülustrated with beautifully Coloured Plates. Price One Guinea.

8°, 2 Bände in einem, 144 S. 8 schlechte kolo- rierte, decente Holzschnitte. Derselbe Text wie in No. 3. Ohne Wert

Es giebt wohl kein Eroticum, welches so zahlreiche Uebersetzungen , in die verschiedensten europäischen Sprachen aufweisen kann, wie Cleland's „Fanny Hill". Der Roman erschien in den meisten Haupt- sprachen Europas. Nur eine spanische Uebersetznng konnte Pisanus Fraxi nicht nachweisen. Trotzdem dürfte eine solche existieren. Freilich bieten viele dieser fremden Versionen starke Veränderungen, Verkürzungen und Verstümmelungen dar.

Vor allem lässt sich von den älteren französischen Uebersetzungen, deren Zahl die bei weitem grösste ist, ohne Weiteres feststellen, dass nicht eine einzige von ihnen den vollständigen Text des englischen Originals wiedergiebt, auch nicht eine einzige die erwähnte päd- erastische Szene enthält, die, wie wir sehen werden, in einer der deutschen Uebersetzungen enthalten ist


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Die erste französische Uebersetzung ist die folgende:

1. La Fille de Joye. Onvrage quintessencte de l'Anglois. A Lampsaque, 1751.

8°, 172 S. Monogramm in rot und schwarz auf dem Titel. Keine Bilder. Diese Uebersetzung ist stark ver- kürzt. Sie beginnt mit: „Tu veux ma chere Amie, que je retrace k tes Yeux les egaremens de ma premtere jeunesse" und schliesst: „Adieu, ma chöre, ce qui (sie) j'exige de ton amitie, c'est de ne point divulguer mes 6garemens et de me croire, etc. Fin. u — Der Ueber- setzer dieser ohne Zweifel ersten französischen Aus- gabe hiess Lambert und war der Sohn eines fran- zösischen Bankiers. 1 )

2. Neudruck dieser Uebersetzung um 1860 von Fischaber in Stuttgart, ohne Datum. Nur auf dem Titel: „Cologne Chez Pierre Marteau".

12°, 108 S. Ohne Bilder. 2 Theile oder Bände.

3. Nouvelle Traduction de Woman of Pleasur (sie), ou Fille de joie. Par M. Cleland, Contenant les Memoires de Mademoiselle Fanny, Berits par elle-meme. Avec Figures. Premiere Partie. A Lon- dres, Chez 6. Fenton, dans le Strand, 1776.

12°, 119 und 132 S. 15 Kupfer, von denen nur das Titelbild eine Unterschrift hat, die sich auf Teil I, S. 56 bezieht. Diese beste aller französischen Ausgaben erschien bei Cazin in Paris. H. Cohen sagt über die Bilder derselben: „Les figures de cette Edition tres-rare comptent an nombre des plus belies de Borel el d'Eluin." 2 )

') Gay, „Bibliographie", Bd. V, S. 50. ■) H. Cohen, „Guide de P Amateur des liyres ä figures du 18mo siecle", Paris 1876, col. 78.



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4. LaFille de Joie, Par M. Cleland, Contenant les Memoires de Mademoiselle Fanny, Berits par elle- lneme. Avec Figures. Tome Premier. A Londres, 1776.

12°, 2 Bände, III, 128 S. 15 Kupfer, ähnlich denen der Cazin-Ausgabe. Sie entsprechen dem französischen Texte.

6. Titel und Grösse wie No. 4. 107 und 116 Seiten. 8 aus No. 4 übernommene Kupfer.

6. Wie No. 5. Auf dem Titel steht statt moiB.": „Mlle".

7. Titel wie No. 4. 107 und 115 Seiten. Zwei | Kupfer (eins in jedem Bande), die ganz verschieden voi den obigen Bildern sind.

8. Nouvelle Traduction de la Fille de Joye. Par Mr. Cleland, Contenant Lcs Memoires de Mlle Fanny, terite (sie) par elle-meme. Avec Fignres. Pre- miere Partie. Londres 1776.

12", 101 und 116 S. Schlechtes Titelbild und 13 kuriose, von den früheren verschiedene Kupfer, die alle zum ersten Teil gehören. (Ihre Stelle ist im „Avis t Relieur" anf der letzten Seite angegeben.)

9. La Fille de Joie, on Memoires de Mademoiselle Fanny, ecrits par elle-mfeme. Nouvelle Edition. Ave* Figures. Tome Premier. A Londres 1790.

12°, 143 und 142 S. Kupfer wie in No. 4, aber nur 15 an der Zahl, obgleich das letzte die Zahl 16 trägt. Der zweite Band beginnt mit: „Avant deji passe" anstatt mit: „Tandis que j'etois", wie in dei No. 4 bis 8.

10. Nouvelle Traduction de Woraan Pleasur (sie) ou Fille de Joye de M. Cleland Contt


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nant des Memoires de MUe Fanny 6crits par EUe-meme. Avec XV Planches en taille douce partie I. Londrea Chez 6. Fenton dans le Strand 1770,

8°, 2 Teile, 170 S. (fortlaufende Paginierung). Ge- stochener Titel mit Einrahmung, an deren unterem Bande eine „2" steht. Zu jedem Teile das gleiche Titelbild: eine nackte Frau steht in der Mitte eines Zimmers vor einem Piedestal, aus dem ein Phallus hervorlugt. Dar- unter steht: „Voeux de Chastete k la Moderne." In Wirklichkeit nur 13 schlechte Kupfer. Anfang des ersten Teiles: „Je vais te donner, ma chere Amie, une preuve indubitable etc." und Schluss: „qui tenoit une bonne hotellerie, l'äpousa", Anfang des zweiten Teiles: „Tandis que j'etois embarassäe de ce que je deviendrois etc.", Schluss: „c'est de ne point divulguer mes ggare- ments, et de me croire etc."

11. La Fille de Joie, ou M6moires de Miss Fanny, Berits par EUe-M6me. A Paris, Chez Madame Gourdan. 1786.

Gr. 8°, 2 Teile, 235 S. (fortlaufende Paginierung). Auf dem Titel eine Vignette mit zwei Cupidos, die um ein Blumenbeet sitzen. Zwei gestochene Titelblätter in jedem Teile mit: Nouvelle Traduction de Woman of Pleasur (sie) ou Fille de Joye de M. Cleland Con- tenant Les Memoires de MUe. Fanny terits par EUe- meme. Avec des Planches en taiUe douce Pre. Partie. A Londres. 1777, mit einer Vignette, die einen Cupido cum membro erecto darstellt, wie er ein Messer auf einem Schleifstein schärft, während ein weibUcher Cupido mingens dargestellt ist. Die Vignette des Titelblattes zum zweiten Bande steUt mehrere um einen Altar mit einem Phallus tanzende nackte Kinder dar. Ferner


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enthält der erste Teil ein Frontispiz mit einem nackten sich selbst in einem Spiegel bewundernden und von einem Cupido beobachteten Weib, welch letzterer eine Thflr öffnet, durch welche geflügelte Herzen fliegen. In einer Nische steht eine Statue mit der Unterschrift „Priappe". Ueber der Thür steht „Fanny" und aber dem ganzen Bilde „Frontispice". Ein Schlussstück zum ersten Teile stellt Merkur und Venus, umgeben von Blumen und Wolken dar, darüber die Worte: „Les Joies Celestes" und darunter: „Fin de la Premiere Partie." Am Ende des zweiten Bandes das Porträt eines anderen nackten Paares, wahrscheinlich Jupiter und Juno, auf Wolkeu, darüber: „Charme des Yeux" und darunter: „Fin de la Deuxieme et Derniere Partie". Ausserdem 31 obscöne (mit Ausnahme der No. 1 und 2, 10, 14 — 16, 21, 31 — 32) Kupfer, also im ganzen mit Titelbildern und Schlussstücken 36 Kupfer. Diese sind sicher nicht von Borel und Eluin, wie Gay behauptet, sondern wahrscheinlich von demselben Künstler, von dem die Kupfer in der grossen Octavausgabe der „Theröse Phi- losophe", in der „L\Acad6mie des Dames" (Venise chez Pierre Aretin, ohne Datum), und in „Le Portier" (Grenoble de rimprimerie de la Grande Chartreuse) stammen. Es ist die vorliegende Ausgabe die bei weitem luxuriöseste der „Fille de Joye". Der Text ist derselbe wie in No. 10.

12. Neudruck von No. 11 von Gay und Douce in Brüssel 1881. Auf dem Titel steht nur noch: Boston, Chez William Morning.

8°, VI, 157 S. Die Bilder von No. 11 sind repro- duziert und ein „Avaut-Propos" von 2 Seiten ist hinzu- gefügt.


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13. La Fille de Joie ou M6moires de Miss Fanny 6crits par elle-m§me. Tome I. A Londres, Chez Les Marchands de Nouveautßs. *1736.

Gr. 12°, 2 Bände, 92 and 84 S. Es ist eine Brüsseler Ausgabe von 1860. 15 Kupfer, identisch mit denen der Ausgabe von 1776 (No. 4).

14. La Fille de Joie ou Memoires de Miss Fanny Berits par elle-meme. Tome Premier. Amsterdam et Paris 1788.

Kl. 8°, 98 und 100 S. Brüsseler Neudruck von 1872 oder 1873 nach No. 13. Photographische Wieder- gabe der 15 Bilder. Preis 20 Frcs.

15. Eine vollständige französische Uebersetzung •der „Memoirs of a Woman of Pleasure" von Joseph •de Chaignolles wurde Anfang der achtziger Jahre •des 19. Jahrhunderts angekündigt und soll nach Fraxi 1885 bereits im Manuscript vorhanden gewesen sein. 1 )

16. M6moires de Fanny Hill, par John Cle- land (XVIIIe Si&cle) entierement traduits de l'Anglais pour la premiöre fois par Isidore Liseux. Imprime 3. 165 exemplaires pour Isidore Liseux et ses amis. Paris 1887." Kl. 8°.

Einzige vollständige und wörtliche neuere franzö- sische Uebersetzung.

Einzelne Teile und stark verkürzte Auszüge aus -Cleland's Roman findet man in anderen französischen Schriften, so in „La Brünette, ou Aventures d'une Demoiselle. A Amsterdam 1761" (8°, 96 S.), wo die zweite Erzählung „La Fille sans Feintise" (S. 25


  • ) Vergl. auch Le Biographe 1878—74 S. 191.


bis 96) auf der „Fanny Hill" beruht. Ferner ist in den „Memoires d'une eelebre conrtisane des environs du Palais Royal, ou vie et aventures de Mlle. Pauline, surnommee la veuve de la Grande Armee. Paris, Terry, 1833, 8 W " auf S. 178—189 der letzte Teil des Cleland'schen Bomanes von der Badeszene bis zum Schlüsse, aber verkürzt und anderweitig verändert reproduziert. In dem „La Lettre" betitelten Abschnitt von „Cherubin, on l'Heureux libertin , suivi d'une lettre de Julie a Panlinc sur quelques gouts bizarres de certains homnies avec lesquels eile s'est trouvee, illustre de 4 gravures sur acier. Amsterdam, 1796" S. 67 ist die Barville- Flagellationsszene aus „Fanny Hill" wiede

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