Formenschönheit und dekorative Kunst  

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"We stand at the threshold of an altogether new art - an art with forms which mean or represent nothing, recall nothing, yet which can stimulate our souls as deeply as only the tones of music have been able to." --August Endell on abstract art The Beauty of Form and Decorative Art, 1898.


Denn er sieht klar, dass wir nicht nur im Anfang einer neuen Stilperiode, sondern zugleich im Beginn der Entwicklung einer ganz neuen Kunst stehen, der Kunst, mit Formen, die nichts bedeuten and nichts darstellen und an nichts erinnern, unsere Seele so tief, so stark zu erregen, wie es nur immer die Musik mit Tönen vermag.

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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.
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Train wreck at Montparnasse (October 22, 1895) by Studio Lévy and Sons.

Formenschönheit und decorative Kunst (1898, English: The Beauty of Form and Decorative Art) is a text by German architect August Endell, first published in Dekorative Kunst 1 (1898).

Full text

FORMENSCHÖNHEIT UND DEKORATIVE KUNST, i. DIE FREUDE AN DER FORM.

In das- immer ungestümer werdende Verlangen nach einem neuen Stile in Architektur und Kunst- gewerbe, nach einer neuen eigenartigen und selbständigen Dekorationsweise klingen miss- tönig warnende Stimmen bedächtiger Leute, die von der steilen Höhe ihrer gereiften Er- fahrung und ihrer durch umfassende histori- sche Studien geklärten und vertieften Auf- fassung das thörichte Thun der Jüngeren mitleidig belächeln und noch immer bereit sind, dem Publikum den einzig wahren Weg zu zeigen. Sie lehren uns, dass es keine neuen Formen mehr geben könne, alle Möglichkeilen seien in den Stilen der Vergangenheit er- schöpft, alle Kunst bestehe in einer individuell getönten Verwendung aller Formen. Ja man geht so weit, uns den jammervollen Eklek- licismus der letzten Jahrzehnte für den neuen Stil zu verkaufen.

Dem Wissenden kann diese Mutlosigkeit nur lächerlich scheinen. Denn er sieht klar, dass wir nicht nur im Anfang einer neuen Stilperiode, sondern zugleich im Beginn der Entwicklung einer ganz neuen Kunst stehen, der Kunst, mit Formen, die nichts bedeuten and nichts darstellen und an nichts erinnern, unsere Seele so tief, so stark zu erregen, wie es nur immer die Musik mit Tönen vermag.

Dem Barbaren ist unsere Musik zuwider; es gehört Kultur und Erziehung dazu, sich ihrer zu freuen. Auch die Freude an der Form will errungen sein ■ man muss es lernen zu sehen und sich in die Form zu vertiefen. Wir müssen unsere Augen entdecken. Wohl giebt es schon lange unbewusst in den Menschen das Freuen an der Form, in der Geschichte der bildenden Künste lässt sich deutlich seine Entwicklung verfolgen, aber noch ist es nicht zu einem festen, unverlierbaren Besitze ge- worden. Die Mater haben uns viel gelehrt; aber ihr Ziel war zuerst immer die Farbe, und wo sie die Form suchten, suchten sie meist das intellektuell-charakteristische durch exakte Wiedergabe ihres Gegenstandes, nicht das ästhetisch-charakteristische, das die Notar nur selten und zufällig in solchen Dimensionen bietet, wie sie der Maler braucht.

Wollen wir formale Schönheil verstehen and gemessen, so müssen wir lernen, isoliert zu sehen. Auf die Einzelnheilen müssen wir unsern Blick lenken, auf die Form einer Baum- wurzel, auf den Ansatz eines Bialtes am Stengel, auf die Struktur einer Baumrinde, auf die Linien, die der trübe Schaum an den Ufern eines Sees bildet. Wir dürfen auch nicht achtlos über die Formen dahingleiten, sondern müssen sie genau mit den Augen verfolgen, jede Biegung, jede Krümmung, jede Erweiterung, jede Zusammenziehung, kurz jede Änderung der Form miterleben. Denn genau sehen wir nur einen Punkt in unserm Sehfeld, und wirksam für unser Gefühl kann nur werden, wai wir deutlich gesehen. Sehen wir aber in dieser Weise, so ersteht vor uns eine neue, nie gekannte Welt von ungeheurem Heichlum. Tausend Stimmungen werden in uns wach. Immer neue Gefühle mit neuen Nuancen und ungeahnten Obergängen. Die Natur scheint za leben und wir hegreifen jetzt, dass es wirk- lich trauernde Bäume und boshafte heim- tückische Äste, keusche Gräser und furchtbare grausenerregende Blumen giebt. Freilich nicht alles übt solchen Eindruck aus, es fehlt nicht am Langweiligen, Unbedeutenden und Un- wirksamen, aber das wachsame Auge wird überall, in jeder Gegend, Formen von wunder- barem, die ganze Seele erschütterndem Reize gewahren.

Das ist die Macht der Form über unser Gemüt, ein direkter unmittelbarer Einfluss ohne alle Zwischenglieder, durchaus nicht etwa die Folge eines Anlltropomorphismus, einer Vermenschlichang. Wenn wir von einem trauernden Baume sprechen, denken wir den Baum durchaus nicht als lebendes Wesen, das trauert, sondern meinen nur, dass er in uns das Gefühl des Trauerns erwecke. Oder wenn wir sagen, die Tanne strebe empor, so beseelen wir die Tanne nicht, der Ausdruck des Gescheliens "strebew erzeugt nur leichter in der Seele des Zuhörers das successiv ent- stehende Bild des Aufrechten. Dergleichen ist nur ein sprachlicher Notbehelf, die mangelnden Worte zu ersetzen und rascher lebendige An- schauung zu erzeugen.

Auch ist es nicht Erinnerung, die den Formen ihre Bedeutung für das Gefühl leiht. Ein Kreis mag an den Ring erinnern und damit an Treue und Ewigkeil, aber ebenso gut auch an Gebundensein, Knechtschaft und Sklaverei, und so würde der Kreis bald dieses bald jenes


Gefühl in uns erwecken. Aber derlei Gefühle kommen bei der Formkanst so wenig in Betracht, wie etwa in der Musik die Er- innerungen, die sich für den einzelnen an Flötentöne knüpfen.

Auch muss man nicht meinen, dass die un- hewusste Vorstellung des Wesens eines Gegen- standes erst sei'ie Form uns bedeutungsvoll erscheinen lässl. Allerdings besteht ein ge- wisser Parallelismus zwischen Wesen and Schein. Ein dicker Baum erscheint uns stark und ist es auch. Aber er ersciteint uns lange so, ehe wir um seine wirkliche Stärke wissen. Auch deckt sich nicht immer Form und inneres Sein. Ein Zorniger sieht oft komisch genug aus and ein hohler Baum genau so stark wie ein gesunder, ja vielleicht gerade um seiner zerrissenen Rinde willen stärker und kolossaler. Nicht vom Wesen zum Schein geht der Weg, nein umgekehrt, das Aussehn giebl uns den ersten Aufschluss über das Wesen. Wir übertragen den durch die Form erregten Eindruck auf das innere Sein des Gegenstandes und treffen eben durch den ge- nannten Parallelismus meist das richtige. Man denke z. B. an die instinktive Angst der Tiere und Kinder. Die Form weckt unmittel- bar das Gefühl, wir wissen von keinem dazwischenliegendem, psychischem Ereignis. Und unbewusste Ereignisse erklären alles und eben darum nichts.

X Worin aber liegt dann die Erklärung des Formgefühls9 fragen die am lautesten, die es nie gekostet. Ich könnte antworten, das gehört nicht hierher, man geniesst Musik auch ohne zu wissen, warum Accorde und Accord- folgen im stände sind, uns so gewaltig zu er- regen. Ich will aber doch, um die Zweifler zu beruhigen und ihnen den Zugang zu der Welt der Formen zu erleichtern, den Ver- such machen, die Gefühlswirkung der Form-elemente und ihrer Zusammensetzungen zu beschreiben und auch die psycho- logische Erklärung wenigstens andeuten, soweit es sich ohne langwierigere Er- örterungen ermöglichen lässt.




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